RELIC

„Who are you?“

Relic ~ AUS/USA 2020
Directed By: Natalie Erika James

Edna (Robyn Nevin), die Mutter von Kay (Emily Mortimer) und die Großmutter von Sam (Bella Heathcote), verschwindet urplötzlich aus ihrem geräumigen Haus in der Naähe von Melbourne. Auch als Kay und Sam vor Ort erscheinen und nach der alten Dame, die schon seit einiger Zeit Anzeichen von Demenz zeigt, suchen, taucht sie zunächst nicht auf. Man rechnet bereits mit dem Schlimmsten, als Edna eines Morgens in der Küche steht als sei nichts gewesen. Ihre schmutzigen, baren Füße deuten darauf hin, dass sie im Freien umhergeirrt sein muss, obwohl sie jedem Gesprächsansatz über ihren zwischenzeitlichen Verbleib ausweicht. Die kommenden Tage sind geprägt von Zweifeln und Ängsten. Was soll mit Edna geschehen? Allein beiben kann sie offenkundig nicht; Kay ist hin- und hergerissen zwischen einer geriatrischen Unterbringung und der Option, ihre Mutter bei sich aufzunehmen. Sam erwägt, bei ihrer Großmutter einzuziehen und sie zu pflegen, was durch das zusehends irrationale Verhalten der Seniorin jedoch bald unvernünftig erscheint. Erst eine unheimliche Zuspitzung der Ereignisse hilft den jüngeren Generationen zu verstehen.

Dass nunmehr zwei der klügsten und schönsten Horrorfilme der letzten Jahre jungen australischen Regisseurinnen zu verdanken sind – neben „Relic“ spreche ich natürlich von Jennifer Kents „The Babadook“ empfinde ich als höchst erfrischend und fände es höchst erfreulich, wenn ihre Beispiele noch weiter Schule machten. Überhaupt treten Filmemacherinnen auf dem Genresektor ja auch auf globaler Ebene – man denke an Katrin Ebbe oder Veronika Franz – just aus dem Schattensektor ans finstere Licht, wo man sie früher mit der Lupe suchen musste – Kathryn Bigelows oder Jackie Kongs entsprechende Arbeiten liegen ja nunmehr bereits Dekaden zurück. Bitte noch viel mehr davon.
„Relic“ bietet sich als generationsverschobenes companion piece zu „The Babadook“ an: Im vorliegenden Fall obliegt es zwei Frauen jüngeren Jahrgangs, mit einer sich radikal verändernden, familiären Beziehungssituation auseinandersetzen und zurechtkommen zu müssen, die sich diesmal nicht auf den Nachwuchs, sondern auf das Alter fokussiert.
Dem Zuschauer machen sowohl Kent als auch James es da deutlich leichter als ihren Protagonistinnen – wir finden jeweils sogleich die aktuelle Lage vor, und damit den auf sinistre Weise prekarisierten, sich sogar noch stetig verschlimmernden Ist-Zustand. Für den Kreuzweg, der den allermeisten erwachsenen Kindern im Laufe ihrer späteren Biographie irgendwann bevorsteht, nämlich jenen, sich um die in buchstäblicher Auflösung befindlichen Eltern kümmern zu müssen, wählt Natalie Erika James eine besonders zum Ende des Films hin vortreffliche Bildsprache nebst einer durchaus streitbaren conclusio, die im innerdiegetischen Kontext allerdings absolut sinnstiftend daherkommt. Gewiss ist „Relic“ in der Ausprägung seiner verwandten Stilmittel fraglos ein lupenreiner Gattungsfilm; sein besonderes Verdienst – und damit wären wir auch gleich wieder bei Jennifer Kent – liegt jedoch darin, den Horror als humanistischen Stolperstein zu gebrauchen, den Horror von unüberwindbarem Miss- bzw. Unverständnis, den Horror unmöglicher Empathie, eine Form des intimen Grauens, die sich umso schrecklicher ausnimmt, wenn es um geliebte Menschen geht-, die eigene Familie zudem.
„Relic“ wählt keinesfalls einfache oder offensichtliche Wege betreffs seiner Agenda, die die rigorose Veranschaulichung dieser Art Lebenszäsur umrahmt. Seine Mittel sind vielmehr paraphrasiert, hochkomplex, klug und, am wichtigsten, sensibel, und somit auf berückende Weise vereinnahmend.

9/10

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