THE FAVOURITE

„I will not lie! That is love!“

The Favourite ~ IE/UK/USA
Directed By: Yorgos Lanthimos

England, im frühen 18. Jahrhundert. Während die Armee sich auf dem Kontinent im Zuge des teuren Spanischen Erbfolgekriegs gegen die Franzosen aufreibt, lenkt die von schwerer Gicht und zeitweiser geistiger Umnachtung geplagte Königin Anne (Olivia Colman) die staatlichen Geschicke mehr schlecht als recht von zu Hause aus. Dabei kämpfen vor allem Annes intimste Vertraute Sarah of Marlborough (Rachel Weisz), Annes Jugendfreundin und Gattin des Feldoffiziers John Churchill (Mark Gatiss), sowie deren Oppositioneller Robert Harley (Nicholas Hoult) um die primäre Beratungsgunst der Königin: Während Lady Sarah um Steuererhöhungen buhlt, um das Militär zu unterstützen, schlägt sich der Parlamentarier Harley auf die völkische Seite. Als Dritte im Bunde schaltet sich noch die geschickte Emporkömmlingin Abigail Masham (Emma Stone) in den intriganten Reigen ein, eine junge, verarmte Adlige, die nach Einstellung bei Hofe binnen kurzer Zeit ebenfalls zur Intima der Königin aufsteigt und Lady Sarah mit allerlei unfeinen Methoden zu schassen versucht.

Stringente, thematische Homogenität kann man bei Yorgos Lanthimos, der hier erstmals, jedoch wiederum mit der ihm eigenen Brillanz ein Fremdscript verfilmte, nicht eben ausmachen. Was seine bisherige Arbeit dennoch motivisch eint, ist jene sonderbare Gratwanderung zwischen tiefer Misanthropie auf er einen und aufrichtiger Empathie für seine Figuren auf der anderen Seite, die sämtliche seiner Filme ihre würdevolle Gravitas verleihen. In „The Favourite“ lässt er uns seine sich wechselseitig zerfleischen Charaktere unter Befleißigung einer geradezu aufreizenden Impulsivität hassen: Olivia Colman als gebrechliche, zeternde und doch dauergeile Königin, ewig kotzend und mit offenen Wunden an den Beinen, gibt das monströse Porträt einer welken Patriarchin, das mich (gewiss nicht von ungefähr) in nicht wenigen Momenten an Kathy Bates‘ Annie Wilkes in Rob Reiners wunderbarem „Misery“ erinnerte; Rachel Weisz oszilliert mittels des ihr eigenen, wie immer ungemein kraftvollen Spiels geheimnisvoll zwischen aufrichtig scheinender Zuneigung zu Anne und ihrer ganz privaten Agenda; derweil in Abigail Masham ein sich zunehmend zerstörerisch ausnehmender Machthunger aufwallt, der sich mutmaßlich an einer in ihrer früheren Biographie datierenden, standesbedingten Demütigung entzündet. Nicholas Hoult schließlich als parfürmierter, tuckiger Dandy-Albtraum bietet das skurill verzerrte Bild eines opportunistischen Volksvertreters auf historischer Hoheitsebene. Garantiert keine/r dieser vorangestellten ProtagonistInnen ist dazu angetan, zur Identifikationsfigur des hilflos ins Ränketreiben geschubsten Publikums zu avancieren; allzu distanziert lokalisiert sich ihr politgeschichtlicher Hintergrund und allzu unverständlich erscheinen ihre missratenen Wertmaßstäbe. Dass Lanthimos dennoch Spannung und Interesse an ihrem Wirken schürt, möchte ich rundheraus seiner großen Kunst zuzuschreiben.
Vergleiche mit Stanley Kubricks Übermeisterwerk „Barry Lyndon“ wurden jawohl bereits zigfach angestellt und das mit Gewissheit nicht von ungefähr. Die ruchlose Dekadenz, die frostige Gefühlskälte und den allgegenwärtigen Narzissmus der barocken Ära hatte Kubrick darin mit der ihm eigenen, perfektionistischen Besessenheit auf unnachahmliche Weise inszeniert und bereits dort lernte man hinreichend, dass auf niemanden in wallendem Gewand, Puderperrücke und Dreispitz vertrauensvoller Verlass sein mag. Sowohl die von Kubrick entwickelte, innere Dialektik als auch die formale Geschlossenheit mit seinem minimalistischen Score, seinen fisheyes und bizarren slomos, allesamt klügstens zum Einsatz gebracht, verbucht mit „The Favourite“ nunmehr auch Yorgos Lanthimos endgültig für sich – ohne allerdings das Genie bloß einfallslos zu repetieren geschweige denn zu kopieren. Vielmehr scheint mir hier ein junger Filmemacher in beträchtlich gleichrangige Nähe zu rücken – ob Lanthimos sich diese Lorbeeren tatsächlich verdient, wird allerdings und freilich erst die Zeit zeigen müssen und können. Momentan halte ich ihn für einen der größten und wichtigsten aktiven Regisseure.

9/10

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