DAS URTEIL

„Was haben Sie wirklich gesehen und gehört?“

Das Urteil ~ D 1997
Directed By: Oliver Hirschbiegel

Siegfried Rabinowicz (Klaus Löwitsch), ein jüdischstämmiger New Yorker Buchantiquar, soll als Hauptbelastungszeuge in einem Mordprozess in Hamburg aussagen. Während eines spätabendlichen Zwischenstopps in München überrumpelt ihn eine ominöse Service-Mitarbeiterin (Anya Hoffmann) Rabinowicz mit einem höchst unerwarteten Angebot: Wenn er bereit ist, nicht die Anschlussmaschine, sondern erst die übernächste zu nehmen, erhält er nicht nur ein Erste-Klasse-Ticket und einen Aufenthalt in der VIP-Lounge, sondern zudem eine aus dem Vorkriegsdeutschland stammende Haggada, ein hebräisches Gebetbüchlein, eine für den Holocaust-Überlebenden unsagbar kostbare Reliquie. Rabinowicz akzeptiert spontan und beginnt erst danach über den Grund für das doch sehr seltsame Ereignis nachzugrübeln, als ein Zeitung lesender Fremder (Matthias Habich) ihn anspricht. Aus der zögerlichen Bekanntschaft entwickelt sich eine angeregte Diskussion den Rabinowicz zum Gericht nötigenden Mordfall betreffend…

Ich hatte Glück und durfte Oliver Hirschbiegels vom Bezahlsender Premiere und dem NDR coproduziertes TV-Kammerspiel bei der Free-TV-Erstausstrahlung im Oktober 1998 sehen. „Das Urteil“ hatte mich schon damals mittelschwer begeistert und daran hat sich bis heute nichts geändert. Hirschbiegels auf reinen Dialog rekurrierendes Echtzeit-Drama ist ein kleines Meisterstück extrem verdichteter Kriminalfiktion, das seine Inspirationswurzeln ebenso bei Hitchcock findet wie bei Lumets Klassiker „12 Angry Men“.
Hirschbiegel demonstriert darin noch vor seiner ersten Kinoarbeit, was Filmkunst von einer in diesem Falle durchaus naheliegenden Theaterinszenierung abhebt: Seine suggestive Regie, getragen von von einem sanften, von ihm selbst stammenden Klarinetten-Score, vollzieht er beinahe unmerklich und gerade dadurch geriert sie sich so exzellent. Natürlich tragen dabei die beiden Schauspiel-Giganten Löwitsch und Habich in ihren jeweils meisterhaften Auftritten die Hauptverantwortung für das durchgängige Gelingen des Stoffs.
Moral, Schuld, Sühne wirft das blendende Buch von Paul Hengge in die Waagschale und über die Erfahrungen Rabinowiczs, der in Auschwitz war und dort alles bis auf sein nacktes Leben verloren hat, darunter auch die Bereitschaft, jemals wieder lieben zu können, entwickeln sich all diese Facetten zu einem hochkomplexen und dabei um keine überflüssige Zeile überreicherten Reflexion über objektive und subjektive Wahrheit und letzten Endes auch um aufrichtige Vergebung und wie wichtig sie sein kann, um das eigene Leben lebenswert zu gestalten. Dass „Das Urteil“ es in diesem Zusammenhang selbst noch bis zum Schluss immer wieder schafft, gemeinsam mit seinen beiden Protagonisten auch den sich längst in Sicherheit wiegenden Betrachter in kognitiver Hinsicht zu überrumpeln und auch dessen zuverlässig gewähnte Wahrnehmung auf den Kopf zu stellen, ist dabei nur ein Nebenverdienst dieses brillanten Stücks Fernsehgeschichte.

9/10

THE KING OF STATEN ISLAND

„I’m on drugs.“

The King Of Staten Island ~ USA 2020
Directed By: Judd Apatow

Erwachsenwerden mit 24 – geht das überhaupt? Schwerlich, wie sich anhand des bei seiner verwitweten Mutter Margie (Marisa Tomei) eingenisteten Spätadoleszenten Scott Carlin (Pete Davidson) erweist. Als Existenzversager – zumindest im neoliberalen Sinne – kann Scott wenig und hat gar nichts. Auch wenn er davon träumt, auf Staten Island als renommierter Tattoo-Künstler zu reüssieren, halten ihn allerlei psychosomatische Wehwehchen, darunter ADHS, Morbus Crohn und konstanter Marihuana-Konsum, davon ab, sich auf eigene Füße zu stellen. Stattdessen gammelt er mit seinen nicht minder verpeilten Kumpels (Ricky Velez, Lou Wilson, Moises Arias) herum und fällt Margie und seiner jüngeren Schwester Claire (Maude Apatow) auf den Wecker. Als sich Margie infolge eines ausgerechnet durch Scott selbst herbeigeführten Zufalls in den geschiedenen Feuerwehrmann Ray (Bill Burr) verliebt und zum ersten Mal überhaupt seit dem Tod von Scotts Dad (der ebenfalls Feuerwehrmann war und im Einsatz gestorben ist) wieder ein wenig persönliches Glück findet, investiert der eifersüchtige Filius fortan sämtliche Energie darin, Ray zu torpedieren, mit dem Erfolg, dass nicht nur dieser, sondern auch Scott selbst bei seiner Mom rausfliegt. Der vorübergehend Obdachlose findet ein Heimdach bei der Feuerwehr, die ihn als Faktotum akzeptiert und Scott zumindest die Gelegenheit bietet, ein wenig Selbstreflexion zu üben.

Judd Apatow hatte ich lange nicht mehr auf dem Schirm – der letzte Film vor „The King Of Staten Island“, den ich von ihm gesehen hatte, war der nunmehr rund elf Jahre alte „Funny People“. Seine aktuelle Regiearbeit zeigt, dass ihn noch dieselben Topoi umtreiben wie eh und je – spätes Erwachsenwerden es sich in ihren gepflegten Neurosen bequem machender Kindmänner und natürlich der Mut zur aufrichtigen Liebe als Lebensretter in allen Lagen sind davon die vordringlichsten. Auch in der Tradition des Frühwerks von Kevin Smith, der eben Brooklyn statt Staten Island zum Mikorokosmos seiner damaligen Generation Slack kürte, kann man „The King Of Staten Island“ zumindest in Teilen verhaftet sehen; kiffende Hänger, deren mittelfristige Lebensziele sich im Stopfen des nächsten Pfeifchens erschöpfen, kennt man daher noch recht gut. Der mit einem feisten Überbiss gesegnete SNL-Komiker Pete Davidson re-erfindet seine Figur in ebenjust dieser Tradition, wobei zumindest die psychologische Skizzierung, Apatows eigenem Alter geschuldet, doch ein wenig nuancierter ausfällt. Ein Held, geschweige denn ein König, ist Scott Carlin weder innerhalb der Realität des Films, noch wird das Publikum genötigt, ihn als solchen in Empfang zu nehmen. Gleich seine Einführung macht deutlich, dass man es in den kommenden zwei Stunden mit einem jungen Mann zu tun bekommen wird, der es weder sich selbst noch seinem Interaktionsradius leicht macht. Und tatsächlich entwickelt sich die Beziehung zwischen Scott und uns zu einer veritablen Hassliebe. Einerseits hat der Typ ja durchaus witzige bis geisteshelle Momente und Qualitäten [die nebenbei immer dann hervortreten, wenn man es am wenigsten erwartet – etwa im ihm aufgenötigten Umgang mit Rays kleinen Kindern (Luke David Blumm, Alexis Rae Forlenza)], andererseits fühlt man sich allenthalben genötigt, ihm eine autoritäre Tracht Prügel zu verabreichen. Und natürlich ist Apatow gut genug zu uns und vor allem zu Scott, ihn am Ende existenzielle Teilsiege erringen zu lassen. Ein durchaus liebenswertes Feel-Good-Movie ist das erfreuliche Resultat, eine Hommage an die Freundschaft wider alle Barrieren sowie die überschaubare Heimeligkeit von Suburbia im Schatten des Molochs Großstadt zudem und – natürlich – an die Romantik.

8/10

AFTER DARK, MY SWEET

„You see, I’m not at all stupid. I may sound like I am, but I’m really not.“

After Dark, My Sweet ~ USA 1990
Directed By: James Foley

Der von einer trüben Vergangenheit gezeichnete Drifter Kevin Collins (Jason Patric) zieht ziel- und obdachlos durch das kalifornische Hinterland. Zufällig begegnet er der zynischen Witwe Fay Anderson (Rachel Ward), die wiederum in engem Kontakt mit dem alternden Kleingauner Uncle Bud (Bruce Dern) steht. Fay und Bud planen schon seit längerem einen Kidnapping-Coup – sie wollen Jack (Corey Carrier), den kleinen Filius einer Millionärsfamilie entführen und dafür im großen Stil abkassieren. Obwohl sich Kevin, den alle „Collie“ nennen, zwischenzeitlich die wohlmeinende Unterstützung des einsamen Hausarztes Doc Goldman (George Dickerson) sichern kann, kehrt er zu Fay zurück und unterstützt sie und Uncle Bud schließlich bei der Umsetzung ihrer Aktion. Der Junge erweist sich als Diabetiker und stirbt beinahe, wiewohl noch weitere Unwägbarkeiten den reibungslosen Ablauf des Plans stören. Schließlich bleibt Kevin nurmehr ein letzter Ausweg, um Jack und Fay zu retten…

James Foleys vierte Regiearbeit verzeichnet ihn ausnahmsweise zugleich als Autor – bei „After Dark, My Sweet“ handelt es sich um die Adaption eines gleichnamigen Romans des mehrfach verfilmten Hardboiled-Schriftstellers Jim Thompson und somit folgerichtig um ein Neo-Noir-Stück. Inhaltlich, formal, psychologisch und bezüglich der Figurenanordnung findet man sich gleich mit Beginn in ebenjener filmliterarischen Gattung wieder – von dem instabilen, per kargem Voiceover durch die Geschicke führenden Protagonisten über die lose femme fatale und das entlegene Wüstensetting bis hin zum scheiternden Kriminalakt findet sich kein Element ausgelassen. In den Frühneunzigern und bis in die Mitte des Jahrzehnts hinein erlebte der neo noir nicht nur im amerikanischen Kino ja ohnehin nochmal eine schöne, diverse sehenswerte Exempel beinhaltende Renaissance, im Zuge derer Foleys Film sich durchaus auf die Fahne schreiben kann, jene Phase entscheidend miteingeläutet zu haben.
In „After Dark, My Sweet“ gibt es keinen wirklich sympathischen oder zur Rezipienten-Identifikation taugenden (oder gar vorgesehenen) Charakter. Collins, der einst als Boxer „Kid“ die Kontrolle über sein Gewaltpotenzial verlor, einen Gegner im Ring totschlug, dann in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen wurde und aus dieser floh, wird als etwas geistesträger Typ eingeführt, der irgendwo zwischen leichter Beeinflussbarkeit, tiefschlummernder Aggression und ethischen Grundprinzipien oszilliert und somit jederzeit völlig unberechenbar bleibt; Fay wirkt wie eine von Wüstensonne und Rotwein ausgedorrte, bereits in frühem Welken begriffene Schönheit, der die Einsamkeit der Szenerie längst sämtlicher hormoneller Begehrlichkeiten entledigt hat; Uncle Bud ist der Prototyp des erfolglosen, leicht schmierigen Kleinganoven, den jeder kennt und schon lange keiner mehr ernst nimmt und Doc Goldman schließlich gelingt es auch mit Befleißigung allerlei behelfender Druckmittel nicht, seine latente Homosexualität ausleben zu können. Am Ende wird nurmehr ein Viertel jenes losen Ensemble-Quartetts am Leben bleiben, nämlich das, dem noch eine letzte (diesseitige) Erlösungsoption angedeihen kann.
„After Dark, My Sweet“ ist damit buchstäblich so schwarz wie die Nacht von Palm Springs und, wenngleich nicht sein Hauptwerk (diese Ehre gebührt dem exorbitanten „At Close Range“ ebenso wie der brillanten Mamet-Adaption „Glengarry Glen Ross“), so doch einer von Foleys schönsten und interessantesten Filmen.
In den letzten Jahren legte der Regisseur die letzten beiden Teile der „Fifty Shades“-Trilogie vor und inszenierte diverse Serien-Episoden. No need to say more (or less).

9/10

RECKLESS

„I don’t want to calm down. I’m sick of calming down. I’m sick of everything being okay!“

Reckless (Jung und rücksichtslos) ~ USA 1984
Directed By: James Foley

Eine stinkende, grau in graue Schwerindustriestadt in Ohio: Zwei High-School-Teenager, der aus einer Arbeiterfamilie stammende Johnny Rourke (Aidan Quinn) und die Upper-Class-Schönheit Tracey Prescott (Daryl Hannah), verlieben sich heftig ineinander. Obwohl der allzeit omnipräsente Standesdünkel ihnen alle möglichen Steine in den Weg legt, gelingt ihnen nach allerlei Irrungen und Wirrungen doch noch die gemeinsame Flucht aus dem miefigen Kleinstadtmilieu.

Love conquers all: James Foleys Regiedebüt lädt dazu ein, die vielversprechend anmutenden ersten Schritte eines jungen Filmemachers zu beobachten, der, ähnlich wie seine Protagonisten, einst eine Menge romantischer Wut im Bauch trägt. Im (amerikanischen) Teenager-Film des Jahrzehnts nimmt „Reckless“ dann auch eine vergleichsweise (obschon nicht solitäre) gesonderte Position ein: Nicht nur, dass komödiantische Elemente darin keinerlei Rolle spielen, geht es zwar auch hier um eine bestimmte Form des Sieges; diese formuliert sich allerdings nicht wie üblich in Form karrieristischer Bestrebungen und Gewinne oder gar einer Eingliederung in Establishment-Strukturen. Wo üblicherweise Sportevents, Schulabschlüsse oder Prüfungen, die Manifestierung von Individualität innerhalb einer bourgeois-gleichgeschalteten Jugend oder die umwegsgesäumte Erkenntnis der wahren Liebe im Vordergrund standen, sieht sich „Reckless“ eher als rückwärtsgewandte Hommage an die Juvenile-Delinquent-Dramen der fünfziger Jahre. So steht Aidan Quinns Figur nicht nur als Motorradliebhaber eindeutig in der Tradition der grenzverzweifelten angry young men, die Brando und Dean in jener Ära gaben, als Aufbegehrer gegen einen dem Suff und der Desillusionierung verfallenen Vater (Kenneth McMillan), dessen Malochertod schließlich die letzte noch existente Vernabelung zwischen Johnny und seiner Heimstatt kappt. Obwohl einem gänzlich diametralen Haushalt entstammend, erkennt durch seinen mittelbaren Einfluss auch Tracey, dass ihr ausschließlich aus zu befriedigenden Erwartungshaltungen bestehendes Erwachsenwerden sie alles andere als glücklich macht. Gegen alle Widerstände schafft das Paar es schließlich, sich nicht nur zusammenzuraufen, sondern auch den gemeinsamen Schritt in die Unabhängigkeit und weg von den Wurzeln zu meistern, ein verdientes, auch den Zuschauer glücklich stimmendes happy end inbegriffen.
Wie im Falle des Regisseurs bildet „Reckless“ zugleich ebenso die Leinwandpremiere Quinns wie auch das Scriptdebüt des späteren Spielberg-Adlatus und Familien-Mainstream-Regisseurs Chris Columbus, der nachträglich gegen den Foley wetterte, meinte, dieser habe sein Drehbuch massakriert und er selbst fände sich im fertigen Werk nicht mehr wieder. Über die Ausprägung Columbus‘ ursprünglicher Zeilen muss zumindest in der oberflächlichen Frage nach Gelungenheit allerdings kaum weiter nachgedacht werden, denn „Reckless“ ist auch ohnedies ein beachtliches, mitreißendes Coming-of-Age-Drama, dessen diverse Qualitätsfacetten – darunter Michael Ballhaus‘ exzellente Photographie, die hübsche Song-Zusammenstellung oder, ganz profan, Daryl Hannahs atemberaubende Sexyness zu einem durchaus geschlossenen Ganzen finden.

8/10

THE NEW MUTANTS

„All of you are dangerous. That’s why you’re here.“

The New Mutants ~ USA 2020
Directed By: Josh Boone

Nachdem das Reservatsdorf der jungen native Danielle Moonstar (Blu Hunt) von einer unerklärlichen, monströsen Katastrophe heimgesucht und alle Einwohner außer ihr selbst getötet werden, erwacht Dani in einer von der Außenwelt abgeschirmten Anstalt mitten im Nirgendwo. Ihre für eine mysteriöse Organisation tätige Therapeutin Dr. Reyes (Alice Braga) eröffnet Dani, dass sie eine Mutantin ist. Mit ihren vier MitinsassInnen Rahne Sinclair (Maisie Williams), Illyana Rasputin (Anna Taylor-Joy), Charlie Heaton (Sam Guthrie) und Roberto da Costa (Henry Zaga) ebenfalls MutantInnen in ihrem Alter, knüpft Dani nur zögerlichen Kontakt. Auch um deren Fähigkeiten und persönliche Traumata erfährt sie erst nach und nach. Die Jugendlichen raufen sich aber dennoch zusammen, um jener gewaltigen Bedrohung, die von niemand Geringerem ausgeht als Dani Moonstar selbst, gemeinsam entgenzutreten.

Mit der originalen 1982er Graphic Novel „The New Mutants“ von Chris Claremont, die die NachwuchsmutantInnen Psyche, Wolfsbane, Cannonball und Sunspot als X-Men-Youngsters als Nachfolger der mittlerweile selbst erwachsen gewordenen Originale einführte, sowie deren nachfolgender Serie, hat Josh Boones produktionsgebeutelte Adaption nicht mehr allzu viel zu tun. Die Anbindung an den X-Men-Kosmos ermangelt etwa den obligatorischen Mentor Charles Xavier und noch weitere handlungstragende Details, ebenso wie sie aus mir etwas unerfindlichen Gründen die eigentlich erst später hinzustoßende Colossus-Schwester Magik hinzusetzt, die in den Comics eigentlich etwas anders verangelt ist. Dennoch werden Geist und Atmosphäre der frühen „New Mutants“-Ausgaben recht adäquat eingefangen und wiedergegeben. Die zeitweilig von dem avantgardistischen Genie Bill Sinkiewicz gezeichnete Reihe verstand sich rasch als noir-affine teenage-angst-variation der klassischen Superheldentypologien wesentlich zugetaneren X-Men mit modernen Coming-of-Age- und Horror-Elementen sowie deutlich intimeren storylines. Auch der Film grenzt sich insoweit stark von den bisherigen „X-Men“-Kinoabenteuern ab, indem er sich auf ein überschaubares Figurenensemble von sechs annähernd gleichrangigen ProtagonistInnen stützt, entwicklungspsychologische Ansätze in den Vordergrund rückt und einen hermetisch begrenzten Schauplatz an die Stelle von gewaltigen Schlachten gegen Superschurkenarmeen setzt. Davon fühlte sich das von rauschenden CGI-Orgien verwöhnte, ordinäre Superheldenfilm-Krawall-Publikum erwartungsgemäß vergrätzt. „The New Mutants“ bietet dann auch tatsächlich recht verschrobenen, eigenwilligen Fantasy-Horror fürs Pubertier, mit einem aufgrund des limitierten Budgets in punkto Effektarbeit eher mäßig bebilderten Showdown und firmiert zum gegenwärtigen Zeitpunkt, nach zigmal verschobenen Starts, wohl als das, was man gemeinhin als „Flop“ bezeichnet. Dass er nichtsdestotrotz um einiges beseelter, schöner und interesanter ausfällt als der zwar deutlich teurere, zugleich aber wesentlich flachere „Dark Phoenix“ spricht wiederum für ihn. Ob aus diesem stiefmütterlich behandelten „Corona-Opfer“ noch die ursprünglich geplante Trilogie wird, darf bezweifelt werden. Ich wäre jedoch an Bord.

7/10

WONDER WOMAN 1984

„It’s all art.“

Wonder Woman 1984 ~ USA/UK/CA/MEX/E 2020
Directed By: Patty Jenkins

Die von der göttlichen Pardiesinsel Themyscira stammende Amazone Diana (Gal Gadot) lebt und arbeitet im Jahre 1984 unter dem „irdischen“ Namen Diana Prince in Washington D.C.. Wenn nötig, schmeißt sie sich auch kurzerhand in ihre goldene Rüstung und wird als „Wonder Woman“ aktiv; ihre Rettungsaktionen bleiben jedoch stets inoffiziell und werden nie wirklich publik. In dem unmittelbar vor dem wirtschaftlichen Aus stehenden Borrkonzessions-Makler Maxwell Lord (Pedro Pascal) und der sympathischen, aber schüchternen Barbara Minerva (Kristen Wiig) erwachsen ihr jedoch bald zwei ernstzunehmende Gegner: Über Umwege bringt sich Lord in den Besitz eines uralten, mystischen Artefakts, den einst der böse Gott Dolos erschuf. Dabei handelt es sich um einen Stein der jedem seiner wechselnden Besitzer einen innigen Wunsch erfüllt, jedoch stets um einen unwägbaren persönlichen Preis. Als Lord sich wünscht, mit dem Stein eins zu werden, setzt er eine Ereigniskette in Gang, die die im Kalten Krieg befindliche Welt endgültig an den Abgrund führt. Nur Diana und der durch ihren persönlichen Wunsch wieder ins Leben zurückgefundene Pilot Steve Trevor (Chris Pine) können Lord und die sich langsam in ein Monster verwandelnde Barbara Minerva aufgehalten und der Dritte Weltkrieg abgewendet werden.

Groß angekündigt und dann irgendwie doch relativ sang- und klanglos in den Streaming-Weiten von HBOMAX verkluckt, muss „Wonder Woman 1984“ derzeit recht viel Schelte einkassieren. Zugegeben – das wiederum von Patty Jenkins inszenierte Sequel zum deutlich positiver aufgenommenen Original von vor drei Jahren macht es potenziellen Kritikern recht leicht, es zu zerrupfen. Der Film ist, ausgehend von einer halbwegs kommerziell tragfähigen Gestaltung eines potenziellen „Blockbusters“, für das, was er zu erzählen und zu bieten hat, vermutlich deutlich zu lang geraten, leistet sich allerlei kleine bis mittelschwer wiegende Unebenheiten [katastrophal schiefliegend und fremdschamgesäumt z.B. die Szenen mit Lords Sohn Alistair (Lucian Perez)] und pfeift das von Gald Gadot bis dato kultivierte Imaginat einer feministisch tragfähigen Vorzeigeprotagonistin im genderbezogen nach wie vor höchst ungleich gewichteten Superhelden-Makrokosmos zugunsten konservativer Geschlechterbilder zurück. Irgendwo habe ich etwa neulich gelesen, dass Dianas Wunsch, ihre große Lebensliebe Steve Trevor im Angesicht der angespannten globalen Lage anno 84 doch wohl ein völliger Schuss in den ideologischen Ofen sei und dass ihre Antagonistin Barbara Minerva alias „Cheetah“ sich insgeheim mittels hoffnungslos überkommener Geschlechterbilder definiere. Nun; das kann man dem von Jenkins und DC-Mastermind Geoff Johns ersonnenen Script gewiss zum Vorwurf machen – muss man aber nicht. Gald Gadots WW-Nimbus wird nach meinem Dafürhalten hier keinesfalls geschmälert, sondern vielmehr auf eine wohltuend romantische Weise durchaus humanisiert. Auch stahlharte Amazonen haben ein Recht auf Liebe, Privatheit und Träume, selbst, wenn Pentagon und Kreml der nukleare Finger bereits beträchtlich zuckt. So betrachtet es zumindest meine möglicherweise etwas tradierte Comicfantasie. Und dass die gute Barbara Minerva vor und nach ihrer Metamorphose von mancherlei Neurosen gepiesackt wird, ist nicht minder literary fact. Gal Gadot jedenfalls ist abermals über jeden Zweifel erhaben und erweist sich abermals als die wahrscheinlich bestmögliche Wonder Woman zur Zeit. Durch Johns‘ Scriptbeteiligung erwachen zudem einige Persönlichkeiten und kleine Facetten der 80er-Jahre-DC-Publikationen zum Leben – so der von seinem Erfinder Keith Giffen ursprünglich durchaus komisch angelegte Maxwell Lord, der übereifrige Magnat Simon Stagg, der fiktive Nahost-Terrorstaat Bialya oder WWs unsichtbarer Jet. Viel spaßiges Geek- und Fanfutter also, insbesondere das mit dem Midpost-Credit-Gastauftritt der sich als Amazonenkriegerin Asteria offenbarenden TV-Original-Wonder-Woman Lynda Carter. Alles soweit prima. Nun lehnt sich der reichlich comiceske Hauptplot um die große, alte Weise „be careful what you wish for“ neben Jacobs‘ berühmter Kurzgeschichte „The Monkey’s Paw“ natürlich auch – ob zufällig oder nicht – recht deutlich an die kleine, aber feine Horrorsause „Wishmaster“ von 1997 an und zumindest meiner Wenigkeit rückte in Anbetracht des von seiner Macht zunehmend korrumpierten Max Lord respektive seinem Interpreten Pedro Pascal allenthalben Andrew Divoffs Djinn ins Gedächtnis. Eine recht kulturaffine Story ergo mit all ihren kleinen Fallschlingen. Dennoch hat mir „Wonder Woman 1984“ recht gut gemundet und ich fand ihn nur unwesentlich schwächer als den Erstling. Andersgläubige mögen mir das nachsehen oder auch nicht.

7/10

WAVES

„All we have is now.“

Waves ~ USA 2019
Directed By: Trey Edward Shults

Die in Florida lebende, wohlhabende Familie Williams besteht aus Vater Ronald (Sterling K. Brown), einem unbeugsamen Ehrgeizling, seinen beiden Kindern Tyler (Kelvin Harrison Jr.) und Emily (Taylor Russell) sowie Ronalds zweiter Frau Catherine (Renée Elise Goldsberry), die die beiden Kids liebt als wären es ihre eigenen. Erfolg und gesellschaftliches Renommee sind besonders für Ronald von unschätzbarem Lebensrang und so erzieht er vor allem Tyler, der als Ringer in der High-School-Mannschaft Erfolge feiert, ganz nach diesem Gusto. Der Junge, der eine glückliche Beziehung mit seiner Freundin Alexis (Alexa Demie) führt, verschweigt seinem Vater deshalb, dass er eine schwere Schulterläsion hat, die ihn eigentlich dazu zwingt, sofort mit dem Sport aufzuhören. Stattdessen entwickelt er allmählich eine Sucht nach starken Schmerzhemmern und zeigt sich auch anderen Rauschmitteln nicht abgeneigt. Als Alexis Tyler die Nachricht überbringt, dass sie von ihm schwanger ist, bedeutet dies den Beginn einer furchtbaren Verkettung von Tragödien, die die Williams‘ in den Abgrund zu reißen droht…

Mein persönliches Filmjahr 2021 hat mit Trey Edwards Shults‘ dritter Regiearbeit „Waves“ sein erstes veritables Meisterwerk zu verbuchen – und wie schön, dass es sich dabei sogar um ein aktuelles Werk handelt! Unweigerlich drängte sich mir der eigentlich gar nicht mal so evidente Vergleich zu Nolans „Tenet“ auf: hier hätten wir zwei (rein zufällig) pandemieflankierende Filme im finalen Jahr der Ära Trump mit afroamerikanischen Protagonisten von jeweils weißen Filmemachern. Wo ersterer ein sich sukzessiv selbst vergrabendes, kryptovulgäres Genremedley ohne wirkliche Nachhaltigkeit darstellt, bietet „Waves“ formal durchdachtes, ebenso aufregendes wie bittersüßes Erzählkino von selbst hohem literarischen Rang, das den Spagat zwischen modellhaft-klassisch konnotiertem Dreiakter-Drama und innovativer Frische scheinbar mühelos vollzieht. Mit der Verdichtung des Inhalts vollzieht sich bei Shults zugleich kaum merklich eine Verengung des Bildkaders – wo Nolan seine Formate und Maskierungen zunehmend willkürlich wechselt, hat hier all dies Hand, Fuß und vor allem Geist und Herz. Auf die unweigerliche, erschütternd zäsurische Klimax hinaus- und hernach in die dringend nötige, kathartische Heilung zurücklaufend berichtet „Waves“ nicht nur von zwei miteinander verknüpften Geschwisterschicksalen vor maroder Familienkulisse, sondern auch von etlichen, zeitgenössischen Problemen der amerikanischen Bevölkerung. Auf den tiefen, berdrückenden Fall Tylers folgt das geradezu phoenixhafte Aufblühen seiner jüngeren Schwester Emily, die im universalen Gefüge gewissermaßen all das wieder richtet, was ihr Bruder (und mittelbar auch ihr Vater) zuvor zerstört haben. In Emily, von der wunderbaren Taylor Russell gespielt und eine der größten Lichtbringergestalten im jüngeren US-Film, liegt, das darf man nach der leuchtend bunten, warmen Post-Credit-Melange von „Waves“ wohl mit Fug und Recht behaupten, alle nur denkbare Hoffnung für eine rosigere Zukunft der Menschheit. Emily überwindet. Sie überwindet Rassenschranken, Hass, Angst, Trauer, Entfremdung und Entzweiung, wie es sonst nur die Zeit selbst vermag. Sie zeigt, wie es richtig geht, zeigt es Alt und Jung. Sie salbt, verbindet und pflegt, einer sakrosankten Krankenschwester gleich. Wo „Tenet“ permanent nach wokeness strebt und viel behauptet, veräußert „Waves“ sie ganz einfach so – unaufdringlich, authentisch und gewissermaßen gefühlsecht.
Eine junge, farbige Frau wächst in jedweder Hinsicht über sich selbst und ihre ganze, von tiefen Gräben durchzogene Nation hinaus und benötigt dazu lediglich eins: ihr goldenes, leuchtendes Herz.
Nur Liebe; für Emily, für Taylor Russell und am allermeisten für diesen beinahe beängstigend perfekten Film.

10/10

J’ACCUSE

Zitat entfällt.

J’Accuse (Intrige) ~ F/I 2019
Directed By: Roman Polanski

Frankreich, 1894. Der jüdischstämmige Hauptmann Albert Dreyfus (Louis Garrel) wird unehrenhaft aus der Armee entlassen und zu einer lebenslangen Exilstrafe auf der Teufelsinsel verurteilt, weil er für die Deutschen spioniert haben soll. Fast zeitgleich findet sich der Offizier Picquart (Jean Dujardin) zum Leiter der militärischen Spionageabwehr befördert. Nach und nach wird der durchaus systemtreue Picquart sich nicht nur der extrem dünkelhaften Arbeitsmethoden des „deuxième bureau“ und seiner Mitarbeiter bewusst, sondern auch der Tatsache, dass Dreyfus zum unschuldigen Opfer eines Komplotts geworden ist. Als Picquart beginnt, in der Sache Nachforschungen anzustellen und den Fall wieder aufrollen zu wollen, schmiedet man auf höchster Ebene und trotz prominenter liberaler Unterstützung auch gegen ihn finstere Ränke.

Mit der Lässigkeit des Altmeisters, der weder sich noch der Welt irgendetwas zu beweisen hat, adaptiert Polanski in seinem 22. Spielfilm den sich mit der authentischen Dreyfus-Affäre befassenden Historienroman von Robert Harris. „J’Accuse“, der ein ebenso eminentes wie bewegendes Thema aufgreift, nämlich den bereits zum fin de siècle eklatant überbordernden Antisemitismus in Europa, scheint Polanski so leicht und behende von der Hand gegangen zu sein wie eine Fingerübung. Nach seinen drei letzten, weniger allgemeintaugliche Sujets verhandelnden Arbeiten, wirkt sein jüngstes Werk so straight, geradeheraus und luzid wie zuletzt vielleicht noch die brillante Dickens-Verfilmung „Oliver Twist“ – für die beiden sich unweigerlich ergänzenden Geschichten um den entehrten Mustersoldaten Dreyfus und seinen „Erlöser“ Picquart wählt Polanski weder Schnörkel noch formale Spielereien, sondern berichtet stattdessen mit der Engelsgeduld des engagierten Chronisten. Gewiss interessiert ihn nicht zuletzt die Ursachenforschung nach der brutalen Schassung Dreyfus‘, die eben zu gewichtigen Anteilen auch auf antisemitische Motive zurückzuführen ist, er hebt sie jedoch nie in den Vordergrund. Vielmehr verweigert sich Polanski der Verlockung zur Spekulation, nimmt eher die Warte des sich zur nüchterner Sachlichkeit verpflichtenden Gerichtsprotokollanten ein und liefert einen wohltemperierten, nichtsdestotrotz von gebührlicher Spannung getragenen Abriss der historischen Tatsachen.
Dass Polanski dabei abermals großes Erzählkino und noch dazu seinen besten Film seit vierzehn Jahren abliefert, ist erfreulich. Dass weiterhin mit ihm, zeitlebens einer meiner Lieblingsregisseure, zu rechnen ist, finde ich aber noch sehr viel erfreulicher.

9/10

ROSEWOOD

„Gonna catch that train.“

Rosewood ~ USA 1997
Directed By: John Singleton

Florida, 1923: Der Weltkriegsveteran Mann (Vingh Rhames) kommt in das abgelegene, mitten in den Sümpfen liegende Hüttenörtchen Rosewood, um hier möglicherweise ein paar Morgen Land zu erwerben und sich anzusiedeln. Rosewood wird – im Gegensatz zum angrenzenden Sumner – vornehmlich von Farbigen bewohnt, darunter der Familie Carrier, deren Backfischtochter Scrappie (Elise Neal) rasch ein Auge auf den stattlichen Mann wirft. Als eines Tages die promiske weiße Fannie Taylor (Catherine Kellner) von einem Gelegenheitsliebhaber (Robert Patrick) grün und blau geprügelt wird, behauptet sie, ein fremder Schwarzer habe sie so zu zugerichtet. Es dauert nicht lange, bis sich ein immer mehr anschwellender rassistischer Mob bildet und die „Herausgabe“ eines Flüchtigen fordert, der gar nicht existiert. Bald gibt es die ersten Akte von Lynchjustiz, doch der Blutdurst der blindwütigen Selbstjustizler ist damit noch lange nicht gestillt.

Das Rosewood-Massaker hat vor exakt 98 Jahren tatsächlich stattgefunden, wenngleich John Singleton und der Scriptautor Gregory Poirier sich eingestandenerweise einiger erzählerischer Freiheiten bedienten, um dieses eine von vielen unsäglichen US-Kapiteln um Rassismus, Hetze und Unterdrückung dramaturgisch tragfähig respektive leinwandtauglich aufzubereiten. Wer sich ein wenig mit dem leider viel zu früh verstorbenen Singleton und seinem Werk befasst, wird rasch registrieren, dass er weder je ein Filmemacher der leisen Töne, noch dass er gezielt eingesetzten Genremechanismen abhold gewesen wäre. Tatsächlich verließ er das Terrain politischer Relevanz jedoch spätestens mit dem Serienbeitrag „2 Fast 2 Furious“ und fertigte danach mit der „Katie-Elder“-Variation „Four Brothers“ und „Abduction“ nurmehr zwei reine Actionfilme.
„Rosewood“ ist – dem absolut wunderbaren „Boyz N The Hood“ zum Trotze – möglicherweise Singletons aggressivstes, berückendstes Werk, in dem er völlig zu Recht auch tendenziöse Mittel nicht ausspart. Singleton ist nicht etwa an einer sozialpsychologischen Analyse der Umstände interessiert. Er zeigt, so emotional und subjektiv, wie es dem Sujet eben gebührt, eine südstaatliche Explosion des Rassenhasses rund sechzig Jahre nach dem Ende des Sezessionskrieges, zu der eine im Grunde alltägliche, um nicht zu sagen beliebige Ausgangsituation führt. Selbige kennt man als Connaisseur großen Kinos im Prinzip bereits aus Robert Mulligans „To Kill A Mockingbird“: Ein hinterwäldlerisch gepflanztes, mageres Sumpfdotterblümchen mag die schamhafte Schmach, von einem unflätigen (und zudem arg „unpassenden“) white trasher vermöbelt worden zu sein, nicht öffentlich eingestehen und wählt den für sie einfachsten Weg, fälschlich einen rundheraus unschuldigen Schwarzen zu denunzieren. Daraus erwachsen binnen kürzester Zeit ein Pulverfass ungefilterter Wut und Mord. In Rosewood bedeutete dies 1923, dass am Ende eine komplett verlassene, niedergebrannte Kleinstadt nebst durchweg vertriebenen Überlebenden sowie eine inoffizielle Zahl von bis zu 150 Toten, deren Leichname möglicherweise kurzerhand in einem Massengrab beseitigt wurden. Rasch nach den Ereignissen wurde das Ganze über fast sechzig Jahre hinweg totgeschwiegen, bis ein Enthüllungsjournalist eher durch Zufall die Wahrheit ans Tageslicht beförderte.
Singleton/Poirier dichten einen fiktiven, von dem bulligen Rhames gespielten Blaxploitation-Helden hinzu, der auf etwas naive, aber doch wirkungsvolle Weise als wesentlicher, weil selbstbestimmter Frontcharakter im Stile der Eastwood-Western eingesetzt wird. Der Rest ist wohl so faktenbasiert wie möglich, muss sich zwangsläufig jedoch auf mitunter Folkloristisches berufen, was letzten Endes aber keine Rolle spielt. Der Horror darf und kann nur dargestellt werden als das, was er war, ist und bleiben wird.
Dass „Rosewood“, obwohl er sich sowohl als Film wie auch als unerlässliche Geschichtslektion doch so prominent besetzt, so packend, schlimm und enorm wichtig ausnimmt, schon nach 23 Jahren annähernd vergessen scheint beziehungsweise nie zu seinem ihm zustehenden Recht als flammendes Kinofanal wider südstaatlichen Rassismus kommen konnte, ist nur ein weiterer, trauriger Skandal in einer niemals abreißen wollenden Kette von Skandalen.

9/10

TENET

„Lying is the Standard Operational Procedure.“

Tenet ~ USA/UK 2020
Directed By: Christopher Nolan

Nach einem vermeintlich gescheiterten Einsatz in Kiew erwacht ein CIA-Agent (John David Washington) auf einem Schiff vor der dänischen Küste, wo er für eine mysteriöse Geheimoperation namens „Tenet“ eingeschworen wird. Der Agent erfährt kurz darauf, dass eine brandgefährliche Technologie aus der Zukunft es ermöglicht, physikalische Kausalitäten zeitlich umzukehren, also zu invertieren. Dies funktioniert sowohl mit Gegenständen als auch mit lebenden Objekten. Einige vom Geheimdienst aufgefundene Pistolenkugeln etwa weisen eine invertierte Charakteristik auf; sie werden nicht abgefeuert, sondern fliegen, nachdem sie ihre tödliche Wirkung hinterlassen habe, zurück in die Waffe. Man befürchtet, dass die invertierten Funde auf nichts Geringeres denn die bald zu erwatende Vernichtung der Welt hindeuten. Die erste Spur führt den Agenten über Mumbai, von wo aus die mächtige Waffenhändlerin Priya (Dimple Kapadia) operiert, und dann zu dem russischen Oligarchen Sator (Kenneth Brannagh) respektive dessen unglücklicher Gattin, der Kunsthändlerin Kat (Elizabeth Debicki). Wie sich bald herausstellt, hat Sator das Geheimnis um die Invertierungen bereits gelöst und er führt nicht Gutes damit im Schilde. Der Agent erhält indes wertvolle Hilfe von dem Physiker Neil (Robert Pattinson)…

Mit jedem neuen Film empfinde ich das Phänomen Christopher Nolan als immer sonderbarer. Vermutlich kann Nolan sich als jener Filmemacher erachten, der von seinem Hausstudio Warner die größtmöglichen Budgets in Kombination mit absoluter kreativer Narrenfreiheit erhält, weil sich etliche Kinoliebhaber auf ihn einigen können. Einzig das Warum ist mir bislang schleierhaft geblieben. Was die Inhalte der meisten seiner Filme anbelangt, so fällt zunächst einmal überdeutlich ins Auge, wie sehr sie sich in ihrer umständlich ausgewalzten Narration und vermeintlichen Plot-Cleverness suhlen. Das macht sie mir nicht eben sympathisch und „Tenet“ bildet diesbezüglich alles andere als eine Ausnahme. Nolan sucht geradezu krampfhaft nach innovativen Konzepten und biedert sich zugleich in eklatanter Weise dem Zeitgeist an, indem er reaktionäre und somit bornierte wokeness platziert. Der Held ist a person of colour, seine love interest (die stets freilich bloße interest bleibt) nicht, dafür aber zwei Köpfe größer als er. Potenziellen Beschwerden aus diesen Ecken hat man also wohlweislich vorgebeugt. Und erneut wechselt Nolan auf ebenso willkürliche wie fragwürdige Art und Weise zwischen den Bildformaten und müht sich, neben Spannung auch Kinetik und Publikumsinvolvierung zu erzeugen – doch nichts davon gelingt ihm zur Gänze. Mit der sich gewiss brillant wähnenden Idee, Entropien umzukehren, erreicht die verwendete Bildsprache zugleich auf paradoxe Weise das Gegenteil ihrer eigenen Intention: Aktion, die umgekehrt abgespult wird, sich also der kausalitätsgeschulten Wahrnehmung des Rezipienten diametral zuwider entblättert, wirkt in der schlussendlichen Realisierung schlicht unbeholfen, stumpf, befremdlich, kaltlassend. Besonders der Showdown des Films, ein wildes Gepöhle aus invertierten und nichtinvertierten Schießereien und Explosionen, verliert sich hoffnungslos in der Unübersichtlichkeit und wirkt flugs nur noch drög und langweilig.
Der Film ist Ganzes bietet indes nicht mehr als eine aufgemotzte Bond-Variation mit SciFi-Content als eher mäßig positioniertem MacGuffin. Der namenlose, als „Protagonist“ seiner eigenen Geschichte (der „Clou“: er selbst wird die Rettung der Welt dereinst als künftiger Invertierungskünstler arrangieren) verkaufte Agentenheld jettet rund um die Welt und durch alle möglichen Gelegenheiten exotischen und luxuriösen Ambientes und schaukelt das Kind mithilfe seiner teilweise bereits in wohlfeiler Kenntnis befindlichen Partner. „Memento“ lässt grüßen, nur dass der wirklich noch interessant war.
„Tenet“ hat bereits jetzt den hochexklusiven Status inne als jener Film, der sich den Status als erster wider die Pandemie lancierter Blockbuster ans Revers heften kann. Der große Blender Nolan hat’s also – zumindest in dieser Hinsicht – mal wieder geschafft. Ich hätte eine solche Ehre zig anderen Werken gegönnt – diesem hier nicht.

5/10