ROSEWOOD

„Gonna catch that train.“

Rosewood ~ USA 1997
Directed By: John Singleton

Florida, 1923: Der Weltkriegsveteran Mann (Vingh Rhames) kommt in das abgelegene, mitten in den Sümpfen liegende Hüttenörtchen Rosewood, um hier möglicherweise ein paar Morgen Land zu erwerben und sich anzusiedeln. Rosewood wird – im Gegensatz zum angrenzenden Sumner – vornehmlich von Farbigen bewohnt, darunter der Familie Carrier, deren Backfischtochter Scrappie (Elise Neal) rasch ein Auge auf den stattlichen Mann wirft. Als eines Tages die promiske weiße Fannie Taylor (Catherine Kellner) von einem Gelegenheitsliebhaber (Robert Patrick) grün und blau geprügelt wird, behauptet sie, ein fremder Schwarzer habe sie so zu zugerichtet. Es dauert nicht lange, bis sich ein immer mehr anschwellender rassistischer Mob bildet und die „Herausgabe“ eines Flüchtigen fordert, der gar nicht existiert. Bald gibt es die ersten Akte von Lynchjustiz, doch der Blutdurst der blindwütigen Selbstjustizler ist damit noch lange nicht gestillt.

Das Rosewood-Massaker hat vor exakt 98 Jahren tatsächlich stattgefunden, wenngleich John Singleton und der Scriptautor Gregory Poirier sich eingestandenerweise einiger erzählerischer Freiheiten bedienten, um dieses eine von vielen unsäglichen US-Kapiteln um Rassismus, Hetze und Unterdrückung dramaturgisch tragfähig respektive leinwandtauglich aufzubereiten. Wer sich ein wenig mit dem leider viel zu früh verstorbenen Singleton und seinem Werk befasst, wird rasch registrieren, dass er weder je ein Filmemacher der leisen Töne, noch dass er gezielt eingesetzten Genremechanismen abhold gewesen wäre. Tatsächlich verließ er das Terrain politischer Relevanz jedoch spätestens mit dem Serienbeitrag „2 Fast 2 Furious“ und fertigte danach mit der „Katie-Elder“-Variation „Four Brothers“ und „Abduction“ nurmehr zwei reine Actionfilme.
„Rosewood“ ist – dem absolut wunderbaren „Boyz N The Hood“ zum Trotze – möglicherweise Singletons aggressivstes, berückendstes Werk, in dem er völlig zu Recht auch tendenziöse Mittel nicht ausspart. Singleton ist nicht etwa an einer sozialpsychologischen Analyse der Umstände interessiert. Er zeigt, so emotional und subjektiv, wie es dem Sujet eben gebührt, eine südstaatliche Explosion des Rassenhasses rund sechzig Jahre nach dem Ende des Sezessionskrieges, zu der eine im Grunde alltägliche, um nicht zu sagen beliebige Ausgangsituation führt. Selbige kennt man als Connaisseur großen Kinos im Prinzip bereits aus Robert Mulligans „To Kill A Mockingbird“: Ein hinterwäldlerisch gepflanztes, mageres Sumpfdotterblümchen mag die schamhafte Schmach, von einem unflätigen (und zudem arg „unpassenden“) white trasher vermöbelt worden zu sein, nicht öffentlich eingestehen und wählt den für sie einfachsten Weg, fälschlich einen rundheraus unschuldigen Schwarzen zu denunzieren. Daraus erwachsen binnen kürzester Zeit ein Pulverfass ungefilterter Wut und Mord. In Rosewood bedeutete dies 1923, dass am Ende eine komplett verlassene, niedergebrannte Kleinstadt nebst durchweg vertriebenen Überlebenden sowie eine inoffizielle Zahl von bis zu 150 Toten, deren Leichname möglicherweise kurzerhand in einem Massengrab beseitigt wurden. Rasch nach den Ereignissen wurde das Ganze über fast sechzig Jahre hinweg totgeschwiegen, bis ein Enthüllungsjournalist eher durch Zufall die Wahrheit ans Tageslicht beförderte.
Singleton/Poirier dichten einen fiktiven, von dem bulligen Rhames gespielten Blaxploitation-Helden hinzu, der auf etwas naive, aber doch wirkungsvolle Weise als wesentlicher, weil selbstbestimmter Frontcharakter im Stile der Eastwood-Western eingesetzt wird. Der Rest ist wohl so faktenbasiert wie möglich, muss sich zwangsläufig jedoch auf mitunter Folkloristisches berufen, was letzten Endes aber keine Rolle spielt. Der Horror darf und kann nur dargestellt werden als das, was er war, ist und bleiben wird.
Dass „Rosewood“, obwohl er sich sowohl als Film wie auch als unerlässliche Geschichtslektion doch so prominent besetzt, so packend, schlimm und enorm wichtig ausnimmt, schon nach 23 Jahren annähernd vergessen scheint beziehungsweise nie zu seinem ihm zustehenden Recht als flammendes Kinofanal wider südstaatlichen Rassismus kommen konnte, ist nur ein weiterer, trauriger Skandal in einer niemals abreißen wollenden Kette von Skandalen.

9/10

TENET

„Lying is the Standard Operational Procedure.“

Tenet ~ USA/UK 2020
Directed By: Christopher Nolan

Nach einem vermeintlich gescheiterten Einsatz in Kiew erwacht ein CIA-Agent (John David Washington) auf einem Schiff vor der dänischen Küste, wo er für eine mysteriöse Geheimoperation namens „Tenet“ eingeschworen wird. Der Agent erfährt kurz darauf, dass eine brandgefährliche Technologie aus der Zukunft es ermöglicht, physikalische Kausalitäten zeitlich umzukehren, also zu invertieren. Dies funktioniert sowohl mit Gegenständen als auch mit lebenden Objekten. Einige vom Geheimdienst aufgefundene Pistolenkugeln etwa weisen eine invertierte Charakteristik auf; sie werden nicht abgefeuert, sondern fliegen, nachdem sie ihre tödliche Wirkung hinterlassen habe, zurück in die Waffe. Man befürchtet, dass die invertierten Funde auf nichts Geringeres denn die bald zu erwatende Vernichtung der Welt hindeuten. Die erste Spur führt den Agenten über Mumbai, von wo aus die mächtige Waffenhändlerin Priya (Dimple Kapadia) operiert, und dann zu dem russischen Oligarchen Sator (Kenneth Brannagh) respektive dessen unglücklicher Gattin, der Kunsthändlerin Kat (Elizabeth Debicki). Wie sich bald herausstellt, hat Sator das Geheimnis um die Invertierungen bereits gelöst und er führt nicht Gutes damit im Schilde. Der Agent erhält indes wertvolle Hilfe von dem Physiker Neil (Robert Pattinson)…

Mit jedem neuen Film empfinde ich das Phänomen Christopher Nolan als immer sonderbarer. Vermutlich kann Nolan sich als jener Filmemacher erachten, der von seinem Hausstudio Warner die größtmöglichen Budgets in Kombination mit absoluter kreativer Narrenfreiheit erhält, weil sich etliche Kinoliebhaber auf ihn einigen können. Einzig das Warum ist mir bislang schleierhaft geblieben. Was die Inhalte der meisten seiner Filme anbelangt, so fällt zunächst einmal überdeutlich ins Auge, wie sehr sie sich in ihrer umständlich ausgewalzten Narration und vermeintlichen Plot-Cleverness suhlen. Das macht sie mir nicht eben sympathisch und „Tenet“ bildet diesbezüglich alles andere als eine Ausnahme. Nolan sucht geradezu krampfhaft nach innovativen Konzepten und biedert sich zugleich in eklatanter Weise dem Zeitgeist an, indem er reaktionäre und somit bornierte wokeness platziert. Der Held ist a person of colour, seine love interest (die stets freilich bloße interest bleibt) nicht, dafür aber zwei Köpfe größer als er. Potenziellen Beschwerden aus diesen Ecken hat man also wohlweislich vorgebeugt. Und erneut wechselt Nolan auf ebenso willkürliche wie fragwürdige Art und Weise zwischen den Bildformaten und müht sich, neben Spannung auch Kinetik und Publikumsinvolvierung zu erzeugen – doch nichts davon gelingt ihm zur Gänze. Mit der sich gewiss brillant wähnenden Idee, Entropien umzukehren, erreicht die verwendete Bildsprache zugleich auf paradoxe Weise das Gegenteil ihrer eigenen Intention: Aktion, die umgekehrt abgespult wird, sich also der kausalitätsgeschulten Wahrnehmung des Rezipienten diametral zuwider entblättert, wirkt in der schlussendlichen Realisierung schlicht unbeholfen, stumpf, befremdlich, kaltlassend. Besonders der Showdown des Films, ein wildes Gepöhle aus invertierten und nichtinvertierten Schießereien und Explosionen, verliert sich hoffnungslos in der Unübersichtlichkeit und wirkt flugs nur noch drög und langweilig.
Der Film ist Ganzes bietet indes nicht mehr als eine aufgemotzte Bond-Variation mit SciFi-Content als eher mäßig positioniertem MacGuffin. Der namenlose, als „Protagonist“ seiner eigenen Geschichte (der „Clou“: er selbst wird die Rettung der Welt dereinst als künftiger Invertierungskünstler arrangieren) verkaufte Agentenheld jettet rund um die Welt und durch alle möglichen Gelegenheiten exotischen und luxuriösen Ambientes und schaukelt das Kind mithilfe seiner teilweise bereits in wohlfeiler Kenntnis befindlichen Partner. „Memento“ lässt grüßen, nur dass der wirklich noch interessant war.
„Tenet“ hat bereits jetzt den hochexklusiven Status inne als jener Film, der sich den Status als erster wider die Pandemie lancierter Blockbuster ans Revers heften kann. Der große Blender Nolan hat’s also – zumindest in dieser Hinsicht – mal wieder geschafft. Ich hätte eine solche Ehre zig anderen Werken gegönnt – diesem hier nicht.

5/10