THE MORTUARY COLLECTION

„Your story is just beginning.“

The Mortuary Collection (Mortuary – Jeder Tod hat eine Geschichte) ~ USA 2019
Directed By: Ryan Spindell

Kurz nach der Messelesung für den kleinen, verblichenen Logan (Bradley Bundlie) stellt sich die junge, kecke Sam (Caitlin Custer) bei Montgomery Dark (Clancy Brown) vor, dem verknitterten Leichenbestatter der Kleinstadt Raven’s End, der just eine Aushilfe sucht. Während Brown Sam durch sein verwinkeltes Haus nebst Bibliothek und Krematorium führt, lässt sie sich von dem Alten zunehmend morbide Geschichten über vergangene Todesfälle berichten, wobei sie in der letzten davon selbst eine zentrale Rolle einnimmt: 1.) Während einer Party macht die allzu gierige Taschendiebin Emma (Christine Kilmer) nachhaltige Bekanntschaft mit einem hinter einem Badezimmerspiegel hausenden Monster. 2.) Der Student und Mädchenabschlepper Jake (Jacob Elordi) lernt auf denkbar unangenehme Weise, was es bedeuten kann, bewusst auf Verhütungsmittel zu verzichten. 3.) Dem seine katatonische Frau Carol (Sarah Hay) pflegenden Wendell (Barak Hardley) wird es eines Tages zuviel und er beschließt, sich der Gattin zu entledigen – kein einfaches Unterfangen… 4.) Ein entflohener Geisteskranker treibt sein Unwesen in Raven’s End und scheint ausgerechnet ins Haus der Kublers eingedrungen zu sein, in dem der kleine Logan (Bradley Bundlie) allein mit seinem Babysitter ist…

Horror-Anthologien sind mir grundsätzlich stets willkommen, vor allem, wenn sie den Mut besitzen, unzweideutig zu sich und ihren Wurzeln zu stehen und, wie im vorliegenden Falle, das Auspendeln zwischen Pulpkultur, Ironie und schmallippiger Boshaftigkeit gelungen zu tarieren wissen. Gewiss ist auch der Inspirationspool des Langfilm-Debütanten Ryan Spindell ziemlich gewaltig und vereint das Allermeiste, das der beflissenere Genre-Millenial so im Hinterkopf haben wird, als da natürlich die alten EC-Comics wären und ihre ersten Kinoepigonen, die Amicus-Omnibusse, mit dem Abjekt-Skurrilen liebäugelnde Filmemacher von Raimi über die Coens, Gordon, Henenlotter und Gilliam bis hin zu mannigfaltigen, kaum minder offensichtlichen literarischen Einflüssen wie den Grimms, Lovecraft, King und Gaiman. All diese omnipotent-einflussreichen Köpfe und ihre Kreativwelten ragen irgendwo mal mehr, mal weniger deutlich aus den diversen Fugen des knarzigen Stilgemäuers, das „The Mortuary Collection“ errichtet, ehrerboten hervor, ohne, dass man gleich die böse Plagiats-Arschkarte ziehen müsste. Spindell arbeitet seinen eigenen 2015er-Short „The Babysitter Murders“, seinerseits bereits eine unschwer identifizierbare „Halloween“-Hommage, mit ein und spinnt hernach sozusagen die Geschichte von dessen Protagonistin fort, die am Ende eine „The Sentinel“-mäßige Wachablösung auferlegt bekommt. Seine sich zunehmend länger und komplexer in den Rahmenplot verwebenden Segmente finden sich dabei sowohl von kräftig ironisierten Moralweisen des reaktionären Horrorfilms des letzten Jahrhunderts getragen als auch von dem surrealen Setting jener Kleinstadt „Raven’s End“. Diese ist bereits für sich genommen weder regional noch zeitlich eindeutig einzuordnen; weder anhand der Figuren, noch der ins Bild gerückten Sozial- und Kulturartefakte lässt sich eine derartige Verankerung vornehmen. Raven’s End erweist sich als ein manifestiertes Konglomerat der Genregeschichte, in dem bizarre Tentakelwesen aus den Tiefen des angrenzenden Ozeans ebenso einen festen Platz bekleiden wie allzu neugierige Kinder, inkompetente Ärzte, wahnsinnige Serienmörder, monströse Zwitterwesen und baufällige Mietshäuser; eine hermetische Stadt, die ihre eigene Chronologie aus abertausenden von Geschichten in der Bibliothek des das Städtchen gewissermaßen auch architektonisch „krönenden“ Bestattungsinstituts verwahrt.
„The Mortuary Collection“ präserviert zugleich also auch einen hübsch arrangierten Gothic-Fantasy-Stoff, ohne, dass er sich Nachwuchszauberern oder Einhornzüchtern anbiedern würde. Dafür malt er seine bitterböse Paralleldimension dann doch in allzu galligem Rot.

8/10

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s