SONNY BOY

„You’re truly a man of vision, Slue.“

Sonny Boy (Satanic – Ausgeburt des Wahnsinns) ~ USA/I 1989
Directed By: Robert Martin Carroll

Der Psychopath Slue (Paul L. Smith) hat die gesamte Wüsten-Gemeinde Harmony unter seiner Fuchtel. Zusammen mit seinen beiden Liebhabern Pearl (David Carradine) und Weasel (Brad Dourif) bewohnt er eine kleine Farm unweit des Ortskerns, von der aus das Trio seine miesen Hehlereigeschäfte organisiert. Stets behilflich dabei ist ihnen der nicht minder abgründige Charlie P. (Sydney Lassick). Als Weasel eines Tages ein junges Ehepaar ermordet und unwissentlich dessen Baby mitnimmt, kann Pearl Slue nur mit Mühe überreden, den Kleinen nicht gleich zu entsorgen. Stattdessen komplettiert „Sonny Boy“, wie der Junge getauft wird, bald das dysfunktionale Familienleben. Zu einer Art Kampfhund-Ersatz trainiert und seiner Zunge entledigt, haust Sonny Boy fortan zeitlebens in einem Getreidesilo und wird, zum jungen Mann (Michael Boston) herangewachsen, nur herausgelassen, wenn Slue ihn für spezielle Killerjobs benötigt. Als Sonny Boy eines Tages entwischt und mit einem ungehalten reagierenden Rockerpärchen (Christopher Bradley, Samantha Phillips) konfrontiert wird, wollen die Leute von Harmony Slues Treiben nicht länger zusehen und bilden, unter der Führung der resoluten Sandy (Savina Gersak), einen Lynchmob um der Clique ein für allemal den Garaus zu machen. Einzig der versoffene Doc Bender (Conrad Janis) und die junge Rose (Alexandra Powers) haben ein Herz für Sonny Boy.

Ein hübsch verrücktes, dabei sehr poetisches Stück Film, so abseitig und zielgenau am Massengeschmack vorbei, dass es ihm nie leicht fiel, sich irgendwo dauerhaft setzen zu können. Herstellungsgeleitet von Ovidio G. Assonitis, bevor dieser kurz darauf CEO bei Cannon wurde und versuchte, sich mit oftmals etwas seltsamen, italienisch-amerikanischen Co-Produktionen für den US-Markt zu empfehlen, ist „Sonny Boy“ ein Film, der mit breit ausgestelltem Selbstbewusstsein zwischen allen Stühlen Platz nimmt und sich folglich auch einer eindeutigen Genre-Kategorisierung verweigert. Western, Horror, Terror- Gangsterfilm gar? Spielt keine Rolle. Ein bisschen was von allem findet man ohne es zu suchen in dieser bizarren Kaspar-Hauser-Paraphrase, wobei man sie wohl noch am ehesten als Groteske oder auch als schwarze Komödie bezeichnen könnte. New Hollywood blitzt hier und da auf; Dennis Hopper oder Carl Reiner, derwel Philip Ridley und Rob Zombie antizipiert zu werden scheinen. Carrolls Werk spielt in einer Art gegenwärtigem, nichtsdestotrotz aber postapokalyptischem Metaamerika, in dem der dicke, schwitzende Protagonist Paul Smith, den man als Second-Hand-Bud-Spencer aus den Siebzigern kennt, als widerwärtigen Gefängnisboss in „Midnight Express“ und aus zig anderen, sonderbaren Nebenrollen, wiederum wirkt wie ein aus seiner Zeit gerissener Al Swearengen, ein frontier badman, der sich bequem in seinem kleinen, vom Rest der Welt losgelösten Mikrokosmos eingerichtet hat. So, wie sie es sich machen, gestaltet sich das Leben durchaus idyllisch für Slue und seine Transgender-Frau Pearl, die David Carradine mit ganz viel abgründiger Hingabe interpretiert. Mit Pearl, dem vom wie immer zuverlässigen Brad Dourif gespielten, tatsächlich wieselhaften Wüstenpunk Weasel und ergänzt um den nicht minder unverkennbaren Sydney Lassick als verschlagenem Gernegroß Charlie P. ergibt sich ein anarchisches quartet infernal, das keinerlei gesellschaftliche Normen und Dogmen für sich gelten lässt. Slue betätigt sich nebenbei als Maler interessanter Gemälde wie überhaupt das Meiste auf der Farm, die Türme alter Schwarzweiß-Fernseher oder eine Plastikpyramide, in der die Männer ihr Zeug horten, etwas von Installationskunst besitzt. Die den Plot begründende Tatsache, dass die kleine Gang mal ebenso nebenbei den Lebensweg eines Babys umleitet, den Jungen hernach einer lebenslangen psychischen und physischen Tortur aussetzen und ihn zum Killer machen, hindert den Film allerdings nicht, ihnen verquere Sympathien zu lassen, was es ihm zusätzlich schwer gemacht haben wird. Auf die Titelfigur fokussiert „Sonny Boy“ sich dann erst mit zunehmender Erzählzeit, wobei auch das im Prinzip völlig nebensächlich, weil nicht minder entrückt ist als andere in Carrolls Film. Am Ende, wenn der trotz seines Martyriums stets hübsch gebliebene Sonny Boy eine neue Zunge erhält und die verbale Kommunikation zurückgewinnt, erhält das Ganze sogar noch märchenhaftere Züge als ohnehin schon. Nicht das Ziel zählt hier, sondern der behaglich-wahnsinnige Weg dorthin. Der wunderbare, von David Carradine geschriebene und gesungene Titelsong beschreibt das eigentlich schon ganz passend.

7/10

C.H.U.D.

„They have the power to shut the sky…“

C.H.U.D. ~ USA 1984
Directed By: Douglas Cheek

Auf den Straßen von Manhattan beginnen Menschen zu verschwinden, vornehmlich aus dem Obdachlosenmilieu. Für drei Männer gestaltet sich die ganz unterschiedlich motivierte Suche nach der Ursache dieser Ereignisse zusehends schwierig: Der gerade umgezogene Fotograf George Cooper (John Heard) plant eine Serie über das urbane Prekariat, AJ Shepherd (Daniel Stern), genannt „The Reverend“, leitet eine Suppenküche für die Ärmsten der Armen und Police Captain Bosch (Christopher Curry) vermisst seine Frau (Laure Mattos), die nach einem späten Hundespaziergang nicht zurückgekehrt ist. Ihre Rechecherchen führen das Trio zu einem hochbrisanten Umweltskandal: Der gewissenlose Unternehmer Wilson (George Martin) entsorgt schon seit Jahren nuklearen Müll unter den Straßen der Stadt, wo die dort hausenden Stadtstreicher zu verstrahlten Monstern mutieren. Jene so genannten C.H.U.Ds (Cannibalistic Humanoid Underground Dwellers) machen Jagd auf Menschen und sind für Wilson und seine Leute offenbar ein hinlänglich bekanntes Problem, dessen man mittlerweile jedoch nicht mehr Herr werden kann…

Douglas Cheeks einzige Filmregiearbeit „C.H.U.D.“ lässt sich als legitimes Bindeglied zwischen dem New Yorker 42nd-Street-/Underground-Kino der späten siebziger und frühen achtziger Jahre, das durch Namen wie Ferrara, Henenlotter, Glickenhaus oder Lustig repräsentiert wird und dessen späteren Nachzüglern wie Jim Muros „Street Trash“ bezeichnen. Dabei ist Cheek ein sehr charmanter, spitzfindiger und durchaus gescheiter Indie-Monsterfilm geglückt, der sich im Laufe der Jahrzehnte ein verdientes Renommee erarbeiten konnte. Dem Werk zur Seite steht eine vor allem rückblickend ansehnliche Besetzung (neben den erwähnten Hauptdarstellern finden sich im Cast Namen wie Kim Greist, J.C. Quinn oder Eddie Jones und in kleineren Auftritten Graham Beckel, Frankie Faison und John Goodman) deren jeweils gut aufgelegtes Spiel die sorgfältigen Charakterzeichnung des Scripts nochmals bonifiziert. Ganz weit im atmosphärischen Vordergrund von „C.H.U.D.“ steht allerdings die von der vermüllten Asphaltrealität ihrer Zeit strotzende Photographie, die nur ausgesucht schäbige Facetten der Großstadt herzeigt; dampfende Gullys, bewölkte Dunkelheit, beengte Appartements, verfallende Innenräume und natürlich die subterranen Heimstätten der angsterfüllten Obdachlosen, die sich mitunter verwandeln und dann selbst zu dezimieren beginnen. Als galliger Kommentar zur New Yorker Prä-Gentrifizierungs-Ära lässt sich das mit ein wenig Phantasie ebenso trefflich lesen wie als Hommage an das wahre humane Fundament der Metropole, das eben nicht aus Yuppies und Brokern besteht, sondern aus Polizisten, Künstlern, Sozialarbeitern, Pennern und, ja – vielleicht auch monströsen Kannibalen.

8/10

CON LA RABBIA AGLI OCCHI

Zitat entfällt.

Con La Rabbia Agli Occhi (Höllenhunde bellen zum Gebet) ~ I 1976
Directed By: Antonio Margheriti

Der in seinen Berufskreisen längst legendäre Profikiller Peter Marciani (Yul Brynner) erhält den Auftrag, den für die New Yorker Mafia zum Problem gewordenen Neapeler Paten Gennaro Gallo (Giancarlo Sbraglia) zu beseitigen. Mit dem Hinweis, Gallo habe vor einiger Zeit seinerseits den Mord an Marciani und dessen erschossenem, jüngeren Bruder befohlen, nimmt der zunächst ablehnende Marciani den Job schließlich doch an. In Neapel angekommen, lernt er den jungen Nachwuchsganoven Angelo (Massimo Ranieri) kennen, der sich dem alten professional andient, verliebt sich in die Striptänzerin Anny (Barbara Bouchet) und gerät mit dem hiesigen Commissario (Martin Balsam) aneinander. Sein eigentliches Ziel jedoch verliert Marciani nie aus den wütenden Augen…

Der Multigenre-Arbeiter Antonio Margheriti hat sein Näschen ähnlich vielen seiner Kollegen irgendwann einmal in nahezu jede von den Italienern vereinnahmte Filmgattung mit Exploitation-Charakter gesteckt. Das von zeitgenössischen Mitstreitern wie Umberto Lenzi, Stelvio Massi oder Sergio Martino (um nur einige wenige wesentliche zu nennen) reichhaltig beackerte Terrain des Poliziottesco bzw. Gangsterfilms jedoch sparte der ja auch gern unter seinem knackigen Pseudonym Anthony M. Dawson firmierende Margheriti auf seiner knapp 60 Werke umfassenden Reise durch die Leinwandgestade weitgehend aus. Eine recht hübsche Ausnahme von jener Regel bildet „Con La Rabbia Agli Occhi“, zugleich der letzte Leinwandauftritt des Hauptdarstellers Yul Brynner, bevor er sich mit vergleichsweise jungen 56 Jahren vom Kino verabschiedete. Die Rolle des abgeklärten, stets schwarz gekleideten Hitman, der unter der Brooklyn Bridge zum Angeln geht, eigentlich doch ein verschmitztes Wesen sein Eigen nennt und nur allzu gern häufiger von den angenehmeren Dingen des Lebens gekostet hätte, bildete aber auch ein schönes Geschenk für Brynner, der den Part dann auch mit sehr viel guter Laune absolvierte.
Mit der wie immer überaus freizügigen, als sehr liebe Tänzerin Anny zu sehenden Barbara Bouchet verbindet ihn bald eine zarte Romanze, die das nur selten ins Deftigere abgleitende Timbre des Films immer wieder hebt. Überhaupt überlässt Margheriti düsteren Zynismus und schwarzen Fatalismus lieber anderen; wie die meisten seiner Werke findet auch „Con La Rabbia Agli Occhi“ von einer – gerade in Anbetracht des gezeichneten Milieus – sehr unbeschwerten Müßigkeit getragen, die allzu trübsinnige Emotionen lieber ausspart. Zu genießen sind derweil die Impressionen Napolis, die hier, anders als aus den Mafia- und Gangsterprügeln jener Tage gewohnt, sogar ausnahmsweise mal betont tourismusaffin daherkommen.

7/10

THE NORSEMAN

„Row!“

The Norseman ~ USA 1978
Directed By: Charles B. Pierce

Im 11. Jahrhundert segelt der Wikinger Thorvald (Lee Majors) mit einigen tapferen Mannen über den Atlantik, um die Spur seines bereits vor längerer Zeit übergesetzten Vaters, des Königs Eurich (Mel Ferrer), zu verfolgen. Die Reise wird schriftlich dokumentiert von Thorvalds jungem Bruder Erik (Chuck Pierce Jr.). An der fremden Küste angelangt, tauft Thorvald die unbekannten Gestade „Vinland“. Flugs werden die rauen Nordmänner von den feindlich gesinnten Ureinwohnern mit Pfeil und Bogen attackiert. Trotz des ungemütlichen Empfangs beschließt Thorvald, eine nahe Flussmündung hinaufzusegeln. Wie sich herausstellt, hat der fremde Stamm König Eurich und einige seiner Expeditionsteilnehmer gefangen genommen und geblendet. Winetta (Susie Coelho), ein bei dem eifersüchtigen Häuptling Kiwonga (Jerry Daniels) in Ungnade gefallenes Mädchen, hilft Thorvald, die Arretierten zu befreien.

„The Norseman“, für Sam Arkoffs A.I.P. und von Hauptdarsteller Lee Majors co-produziert, bildet gewissermaßen das bucklige Stiefkind in Charles B. Pierces Œuvre als Regisseur. Inmitten seiner ausgesprochen schönen (Indianer-)Western-Tetralogie quasi als deren verstoßener Bastardsohn entstanden, frönt Pierce darin scheinbar reuelos einer recht käsig anmutenden Camp-Attitüde, die man aus seinen sonstigen Arbeiten dieser Schaffensphase in dieser Form nicht kennt. Zwar sind auch etliche von Pierces üblichen standards enthalten – zu nennen wären da einige seiner gewohnten Ensemble-Mitglieder wie Jack Elam und Jimmy Clem, die für jene Hollywood-Phase eher den großen Studiofilmen vorbehaltene Panavision-Breitwand-Photographie, der Einsatz eines Kindes (wie gehabt gespielt von Pierces Filius Chuck Jr.) in einer elementaren Rolle und die an Peckinpah angelehnten SloMo-Montagen – was jedoch überaus unüblich daherkommt, sind oftmals unfreiwillig komisch bis albern gestaltete Scriptpassagen und insbesondere die mangelnde Sorgfalt und Oberflächlichkeit im Zuge der Figurenzeichnungen, die unwillkürlich den Eindruck hinterlassen, als habe Pierce sich das Ganze mal eben zwischen zwei Gläsern Bourbon aus den Fingern gesogen. Die natives, sonst ja durchaus Pierces Sympathieträger, fungieren in „The Norseman“ mit einer Ausnahme einzig als Stichwortlieferanten für wechselseitig aufgebauschte Aggressionen und sehen alle erschreckend uniform aus mit ihren gelben Lendenschürzchen. Ähnliches gilt für die Wikinger; insbesondere über Majors mit feinrasierten Schnurbärtchen in der Titelrolle wurde sich zurecht schon mannigfaltig mockiert. Einen weiteren Gipfel der fimemacherischen Letharfgie erreicht Pierce schließlich, indem er seinem Publikum das sonnenverwöhnte Florida als raues Neufundland anzudrehen trachtet.
Es empfiehlt sich in Anbetracht all dessen, „The Norseman“ (wie in meinem Falle auch) mit gebührlichem Abstand zu seinem ansonsten weitaus beseelteren Werk jener Ära, nominell des kleinen Meisterwerks „The Winds Of Autumn“, anzusehen, um nicht ziemlich rüde aus der ansonsten durchaus obligatorisch zu nennenden Qualitätsarbeit dieses Ausnahme-Auteurs herausrupfen zu lassen.

4/10

BACURAU

„This is just the beginning!“

Bacurau ~ BRA/F 2019
Directed By: Kleber Mendonça Filho/Juliano Dornelles

In nicht allzu ferner Zukunft. Teresa (Bárbara Colen) kehrt anlässlich des Todes ihrer Großmutter Carmelita in ihr Heimatdorf Bacurau zurück, das im Sertão des brasilianischen Nordostens liegt. Da Carmelita gewissermaßen die Matriarchin Bacuraus war, trauert die gesamte Gemeinde um ihren Verlust. Ansonsten liebt die Community aber ihr einfaches, lebenslustiges Dasein, das allerdings wiederum empfindlich gestört wird von dem Politikerbonzen Tony Junior (Thardelly Lima), dem Bürgermeister des benachbarten Serra Verda. Junior kontrolliert eine Talsperre, die die Wasserversorgung von Bacurau garantieren sollte und erpresst die Dorfbewohner damit, ihn bei seiner anstehenden Wiederwahl zu unterstützen. Derweil versteckt sich der aus Bacurau stammende, junge Outlaw Lunga (Silvero Pereira) vor den langen Armen des Gesetzes. Als sich merkwürdige Zeichen um das Dorf mehren, wird Teresas Liebhaber Pacote (Thomas Aquino) misstrauisch. Urplötzlich scheint das Dorf aus der Satellitenwahrnehmung verschwunden zu sein, die Pferde einer benachbarten Ranch gehen durch, zwei fremde Motorradtouristen (Karine Teles, Antonio Saboia) kreuzen auf, der Tankwagen des Wasserlieferanten wird unter Beschuss genommen. Tatsächlich scheint sich eine Gruppe mordgieriger Menschenjäger die Leute von Bacurau als Jagdbeute auserkoren zu haben, was diese bald auf brutale Weise bestätigt finden. Was die Ausländer nicht wissen: Bacurau pflegt eine lange Guerilla-Tradition…

„Bacurau“ beginnt als verschrobene Komödie, deren anfängliche Stimmung ich – zugegebenermaßen ein wenig hilflos – irgendwo zwischen Kusturica und Redfords „The Milagro Beanfield War“ verorten würde, später dann bei Alex Cox. In dem kleinen, ursozialistisch geprägten Dorf des Titels hat alles seine ganz eigene, vermutlich jahrzehnte lang geltende Ordnung; es gibt da zig Originale wie die versoffene Dorfärztin Domingas (Sônia Braga), den ständig am Mikrofon befindlichen Unterhaltungszampano DJ Urso (Black Jr.) oder mit Pacote eine Art dorfeigenen Robin Hood. Jung und Alt leben in Harmonie miteinander, die Kinder des Dorfes gehen manchmal und kommen, wie Teresa, auch häufig zurück. Alles funktioniert in sich perfekt, der äußere Störfaktor ergibt sich einzig durch den korrupten Lokalpolitiker, dem Bacurau dann auch durch die Bank feindselig gegenübersteht. Wie sich erweisen wird, kommen auch die Menschenjäger unter dem Vorsitz eines leicht betagten Deutschen (Udo Kier) nicht aus heiterem Himmel in die entlegene Gegend. Die Gewalt und das (unschuldige) Blut, das sie säen, werden sie jedoch am Ende auch ernten müssen. Bei aller Harmonie können die Menschen von Bacurau, unterstützt von einer hier eigens angebauten Droge, im Bedarfsfall nämlich auch in einen überaus kombattanten Modus hinüberwechseln. Und gerade so, wie die Dorfbewohner sich der tödlichen Herausforderung stellen, wechselt auch der Film seine Farbe.
Was Filho und Dornelles hier als dystopisch umrissene Paraphrase erzählen, wurzelt offensichtlich im politischen Geschehen des Landes. Seit dem 1. Januar 2019 regiert Jair Bolsonaro den gewaltigen südamerikanischen Staat. Für die Menschen des Sertão, zumindest die von Bacurau, dürfte dessen Agenda mindestens so fernliegend sein wie sein Amtssitz. Hier ist weder von dem urbanen Brasilien der im Süden liegenden Megacities etwas zu spüren noch von der üppigen Urwüchsigkeit der Regenwälder. Hier ist das Land trocken, karg, ausgeblichen und heiß. Die Menschen jedoch haben sich arrangiert mit dem, was sich hier vorfinden lässt und ihr privates Paradies geschaffen, das am allermeisten von ihnen selbst und ihren Persönlichkeiten zehrt. Ebenjenes gilt es zu verteidigen, gegen die Arroganz opportunistischer Politiker, gegen affige Großstädter aus dem Süden, gegen naseweise Ausländer und gehen die drohende Omnipräsenz der Überwachung, die sich in „Bacurau“ als Ufo-artige Drohne durch die Lüfte schraubt.
Der elegisch photographierte Film liebt seine Figuren ebenso wie er die antagonistischen Bedrohungen deren kleiner, selbstgeschaffener Idylle verabscheut. Als linksrevolutionäres Statement und als politische Kunstfilmgroteske mit leicht sonderbar eingepflegten Genretropen ist er einer der unikalsten, die ich zuletzt sehen durfte.

8/10

SENNENTUNTSCHI

„Das isch der Dämon!“

Sennentuntschi ~ CH 2010
Directed By: Michael Steiner

In den Schweizer Alpen. Birgit (Birgit C. Krammer) und ihre kleine Tochter Bibi (Paula Marija) finden beim Pilzesammeln eine skelettierte Leiche. Den herbeigerufenen, skeptischen Polizisten berichtet Birgit dann von einer mysteriösen Kette von Ereignissen, die sich hier vor 35 Jahren abgespielt hat: Damals tauchte eine verwahrloste und stumme junge Frau (Roxane Mesquida) im naheliegenden Dorf auf, das der hiesige Pfarrer (Ueli Jäggi) sogleich in aller Öffentlichkeit für den just zuvor stattgefundenen Suizid seines Messners verantwortlich machte – das Mädchen wäre nämlich ein vom Teufel gesandter Dämon. Die abergläubische Dorfgemeinschaft stellt sich umgehend auf die Seite des Geistlichen, wobei einzig der Ortsgendarm Reusch (Nicholas Ofczarek) sich der verstörten Frau annimmt, ihre Herkunft zu recherchieren und sie zu beschützen versucht. Im angrenzenden Gebirge taucht derweil der junge Romand Martin (Carlos Leal) bei dem Ziegenhirten Erwin (Andrea Zogg) und seinem geistig behinderten Adlatus Albert (Joel Basman) auf, vorgeblich, um sich als Senn anlernen zu lassen. In Wahrheit hat Martin jedoch aus krankhafter Eifersucht heraus seine Freundin ermordet und befindet sich nun auf der Flucht. Im abendlichen Absinthrausch besinnt sich Erwin dann der alten Sage um das „Sennentuntschi“, derzufolge ein paar einsame Sennen eine Kunstfrau aus Lumpen hergestellt haben, in die dann unheiliges Leben fuhr. Später rächte sich das Sennentuntschi grausam für die an ihm begangene Unzucht. Nachdem Erwin das entsprechende „Ritual“ durchgeführt hat, taucht tatsächlich eine junge Frau in der Hütte auf – das stumme Mädchen aus dem Dorf…

Alpenhorrorgeschichten als finstere Variante des (klassischen) Heimatkinos bilden leider noch immer eine rare Ausnahmererscheinung im deutschsprachigen Filmgeschehen. Vornehmliche Exempel wären Georg Tresslers ebenfalls auf der Sennentuntschi-Sage basierender „Sukkubus“, dem wohl dem Vernehmen nach bald endlich eine adäquate Veröffentlichung zuteil wird, Ralf Huettners berückend schönen „Der Fluch“ sowie, aus der jüngeren Geschichte, Marvin Krens „Blutgletscher“ und natürlich Lukas Feigelfelds „Hagazussa“. Die unwegsame und somit gewissermaßen auch undurchdringliche Gebirgswelt beflügelt seit eh und je die Phantasie ihrer Einwohner, wobei insbesondere die oftmals wesentlichen Elemente der Abgeschiedenheit und Einsamkeit vortreffliche Motive für Mysterie, Spuk oder Wahnsinn liefern. Geheimnisse bleiben hier zumeist Geheimnisse, Tote verschwinden in tiefen Schluchten oder tiefem Eis und tauchen nie wieder auf, es sei denn, als rächende Geister. Die Mär vom Sennentuntschi markiert in diesem folkloristischen Nährboden eine besonders berühmte Sage in der Schweizer Alpenregion.
Der unter etlichen finanziellen Querelen entstandene, schlussendlich aber glücklicherweise doch noch realisierte „Sennentuntschi“ von Michael Steiner bietet nicht nur innerhalb des eingangs erwähnten, kleinen Filmzirkels einen unbedingt sehenswerten Beitrag, bei dessen Betrachtung man alledings die (ggf. untertitelte), orginiale schwyzerische Tonspur der hochdeutschen Nachsynchronsation den Vorzug geben sollte. Steiner erzählt seine inmitten der 1970er Jahre spielende Story als Rückblick mittels zwei parallel erzählter Handlungsstränge, die, wie sich später herausstellen wird, der eigentlichen Chronolgie der Ereignisse zuwider laufen und erst am Ende zusammengeführt werden. Die daraus zunächsten resultierenden, leichten Unsicherheiten im Zuge der Erstrezeption erfordern zunächst einiges an konzentrierter Deduktion, erweisen sich dann aber im weiteren Verlauf als absolut sinnfälliges narratives Mittel und nicht etwa als naseweiser Formaffekt. Auf diese Weise spitzen sich nämlich die beiden Ungeheuerlichkeiten, in deren jeweiligem Zentrum das arme, „titelgebende“ und von der eh stets formidablen Roxane Mesquida ganz wunderbar interpretierte Mädchen steht, gleichrangig zu und ergänzen sich im Verlauf der dann umso erschüttertender wirkenden Doppel-Conclusio. Tatsächlich bleibt dieses Geheimnis noch nicht einmal das einzige – der abgelegene Mikrokosmos von „Sennentuntschi“ steckt voller ungesühnter Schuld. Dass diesbezüglich und wie nebenbei noch abgergläubisches Hinterwäldlertum, kleinprovinzielle Unreflektiertheit und klerikale Bigotterie aufs Korn genommen werden, zeichnet Steiners absolut sehenswerten Film nur umso mehr aus.

8/10

THE HUNT

„The jackrabbit always wins.“

The Hunt ~ USA/J 2020
Directed By: Craig Zobel

Eine Gruppe bunt zusammengewürfelter US-Bürger erwacht mitsamt versiegelten Mundknebeln irgendwo mitten in der Provinz, ohne zu wissen, wie sie überhaupt dorthin gelangt sein könnten. Nachdem man eine Kiste mit allerlei Waffen gefunden hat und die ersten Mitglieder der Gruppe von Heckenschützen abgeschossen wurden, kommt man auf die Idee, dass es sich hier um nichts Geringeres als die reale Umsetzung von „Manorgate“ handeln muss. Dieser rechtskonservativen Netz-Verschwörungstheorie zufolge verschleppen elitäre, reiche Deep-State-Repräsentanten „wohlinformierte“ Kleinbürger auf ein abgelegenes Terrain irgendwo in Arkansas und machen sie zur sportlichen Beute sadistischer Menschenjagden. Es dauert nicht lange, bis die meisten der Entführten auf oftmals blutige Weise das Zeitliche gesegnet haben. Nur die schweigsame Crystal (Betty Gilpin) nimmt sich deutlich wehrhafter aus, als ihre JägerInnen vermutet haben…

Die öffentlich diskutierte politische Kontroverse, die Craig Zobels (respektive Damon Lindelofs) „The Hunt“ im letzten Jahr ausgelöst hat, gibt bereits implizit eine Menge an Auskünften über die USA der Gegenwart und dürfte seiner vom Film so rundheraus wie selbstbewusst ausgestrahlten trickiness eine dufte PR beschert haben. Dabei entbietet „The Hunt“ kaum mehr denn ziemlich billig konstruierte Holzhammer-Satire, wie man sie von Blumhouse, die auch die ähnlich semigescheite, dystopische „Purge“-Reihe verantworteten, ohnehin erwarten kann. Jason Blum setzt ja gern auf modische Sozialkritik in Genregewändern, haut damit aber, von wenigen Ausnahmen wie Jordan Peeles „Get Out“ abgesehen, in der Regel ziemlich zielsicher daneben. „The Hunt“ nimmt sich nun immerhin naseweis genug aus, keine eindeutige Position zu beziehen; die QAnon-Fraktion bekommt ebenso ihr breites Scriptfett weg wie die reichen Salonlinken und Post-Preppies; red states vs. blue states etc. pp.chen. Im Prinzip eigentlich nicht der schlechteste Ansatz, um eine Wahljahr-Groteske vom Stapel zu lassen, mit dem leidlich kalkulierebaren Element des Humors, einer diesbezüglich jedoch verpflichtend tragfähigen Ingredienz, haut’s dann aber doch nicht so ganz hin. Dieser kapriziert sich nämlich auf vermeintliche Kabinettstückchen wie jenes, die zu Beginn zentrierten Figuren schnellst- und derbstmöglich wieder aus dem Plot zu reißen, indem sie explodieren oder ihnen die Köpfe weggeballert werden, was dann vor allem den eher juvenilen bis unbedarften gorelover zu Begeisterungsstürmen hinreißen wird. Auch dass die Lektüre von Orwell – obligatorischer Schulliteratur – als intellektuelles Maß aller Dinge herhalten muss, zeugt von einer gewissen zerebralen Bescheidenheit, die wahlweise den Autoren zuzuschreiben wäre oder auch ihrer Wahrnehmung des Zielpublikums. Beide Optionen nähmen sich letzten Endes wenig schmeichelhaft aus, wie ich meine. Auch die sich wiederum superschlau wähnende Auflösung, dass erst die Existenz des Mythos dessen anschließende Realisation bedingt, schafft da keine wirkliche Abhilfe. Dass sich im Finale nicht etwa reiche Demokratin und misstrauische Republikanerin gegenüberstehen, sondern irgendwie doch bloß wieder Lance Henriksen und Jean-Claude Van Damme in jeweils weiblicher Gestalt, zeugt abschließend abermals von der intellektuellen Inkonsequenz des ganzen Unterfangens.
Subtilität und wirkliche Cleverness bleiben demzufolge Mangelware in „The Hunt“, der sich zumindest als temporeicher Actionfilm in der langen und ungebrochenen Genealogielinie von „The Most Dangerous Game“ einigermaßen sehen lassen kann. Für seine eigentliche Agenda ist das allerdings deutlich zu wenig.

5/10

BEFORE I WAKE

„I don’t like to sleep.“

Before I Wake ~ USA 2016
Directed By: Mike Flanagan

Nachdem es seinen kleinen Sohn Sean (Antonio Romero) durch einen tragischen Unfall verloren hat, entschließt sich das Ehepaar Jessie (Kate Bosworth) und Mark Hobson (Thomas Jane), ein Pflegekind zu adoptieren. Der acht Jahre junge Cody (Jacob Tremblay) erweckt dann auch, trotz seiner bis dato dramatisch verlaufenen Biographie, zunächst den Eindruck eines lieben, unkomplizierten Kindes – das sich allerdings mit allen möglichen Mitteln dem Einschlafen verweigert. Bald erfahren die Hobsons auch, wieso: Wenn Cody schläft, werden seine Träume Realität – und somit auch seine Albträume. In diesen phantasiert der Junge sich neben diversem anderen vor allem eine dämonische Gestalt, den „Canker Man“ (Topher Bousquet) herbei, der jeden, dessen er habhaft werden kann, einfach spurlos absorbiert. Jessie nutzt dessen ungeachtet Codys Schlafphasen, um ihren über alles geliebten Sean wiedersehen zu können, den sie durch gezielte Suggestion in Codys Gedankenwelt „einpflanzt“. Doch das Spiel mit den Träumen wird zunehmend gefährlich – und Mark alsbald zum Opfer des Canker Man. Nicht das erste, wie Jessie bald herausfindet…

Alles, was ich bis dato von dem überaus umtriebigen Mike Flanagan gesehen habe, fand ich weitgehend mundend bis hübsch. Als hätte ich es geahnt, nahm sich der um „Before I Wake“ gezogene Bogen allerdings stets großzügig aus, bis zu einem schicksalhaften Tag in der letzten Woche, an dem ich mich dann doch eines Schlechteren besann.
Hier griff nämlich nicht nur yours truly, sondern auch Flanagan himself einmal ganz gehörig in die Jauche. Eine grauenhaft rührselig-weinerliche Fantasy-/Grusel-Mär kam dabei heraus, die von einer ohnehin bereits unangenehm belastetet wirkenden ersten Hälfte zu einem an schlockiger Einfalt kaum mehr überbieten zu lassenden Finale mäandert, angesichts dessen ich nurmehr die Hände überm Kopf zusammenschlagen konnte. Ich weiß nicht, was Flanagan, der auch noch das Script zu diesem Krampf (mit-)verbrochen hat, hier geritten haben mag, aber es war garantiert nichts Gutes. Gegen Horrorfilme mit und um Kinder(n) ist ja grundsätzlich nichts zu haben, „Before I Wake“ jedoch „errettet“ seinen ganz speziellen Wechselbalg durch einen ganz einfachen, verblüffend komplexitätsreduzierten Kniff: Böse Träume weg, Canker Man weg, ein paar Tote zwar, aber egal: Wird alles wieder gut, weil die neue Mama Cody lieb hat. So einfach ist das in der Zwei-Groschen-Welt von „Before I Wake“: Der einzige durch die Geschichte irrlichternde Mensch bei klarem Verstand, der von Thomas Jane gespielte Mark Hobson, wird relativ zügig aus dem Spiel genommen, was dann den nunmehr einzuschlagenden Trampelpfad für eine tränendurchflutete Mutter-/Kind-(Selbst-)Findungsgeschichte anlegt. Was uns Flanagan dann in den bereits beschworenen letzten Minuten um die Ohren haut, in denen Kate Bosworth im Zuge eines foltergleichen Aufzugs dem Publikum (bzw. stellvertretend für uns dem kleinen Cody) in betont kindgerechter Sprache erläutert – nämlich, was mit ihm los ist und wo die verschwundenen Leute hin sind, das schießt dann wirklich jeden Vogel ab. New-Mutant-X-Man oder Damien Thorn – entscheiden Sie selbst.
Einmal im Jahr ein fehlgeleitetes Produkt wie dieses kann ich bei konstanter Gesundheit überstehen oder sogar gutheißen, denn damit veranschaulicht sich, was einen wirklich schlechten Film eigentlich ausmacht und wie viele positive Aspekte sich im Gegenzug selbst noch jedem Mediokren abringen lassen, wenn man sich nur etwas Mühe macht, einmal genauer hinzuschauen.
„Before I Wake“ aber, der frontal alles vor die Wand fährt, was an Rettbarem noch in ihm stecken mochte, offeriert diesbezüglich nur leere, karge Ödnis.

2/10

UNDER SUSPICION

„Start recording.“

Under Suspicion ~ USA/F 2000
Directed By: Stephen Hopkins

San Juan, Puerto Rico, am Abend des San Sebastián Festivals. Während der reiche Inselprominente und Philanthrop Henry Hearst (Gene Hackman) auf eine Rede bei einer Benefizveranstaltung für Hurricane-Opfer vorbereitet, bittet ihn ein alter Bekannter, Police Captain Victor Benezet (Morgan Freeman), zu einer angeblichen Kurzbefragung aufs hiesige Polizeirevier. Hearst hat tags zuvor in einer Parkanlage die Leiche eines zwölfjährigen Mädchens (Vanessa Shenk) entdeckt – bereits das zweite Mordopfer dieses Alters binnen weniger Tage. Was Hearst nicht ahnen kann: sowohl Benezet als auch sein Adlatus Detective Owens (Thomas Jane) sind aufgrund auffallender Widersprüche in Hearsts Erstaussage der Ansicht, er selbst sei der Hauptverdächtige in beiden Fällen. Und tatsächlich bringt das Verhör Diverses zu Tage, das Hearst immer tiefer in die Angelegenheit verstrickt, ein Eindruck, den ein zusätzliches Interview mit Hearsts Gattin Chantal (Monica Bellucci) nochmals deutlich verschärft….

Wie Claude Millers bereits 1981 entstandener „Garde À Vue“ adaptiert Hopkins‘ Film den Kriminalroman „Brainwash“ des britischen Autors John Wainwright – die Bezeichnung „Remake“ wäre in diesem Fall also strenggenommen unztreffend. Da mir die Vorlage unbekannt ist, vermag ich zur reinen Verfilmungsqualität in beiden Fällen nichts zu äußern – was den Direktvergleich zwischen Millers und Hopkins‘ Variationen anbetrifft indes doch. Der in Paris in der Silversternacht spielende „Garde À Vue“ lebt von einer immensen formalen und psychologischen Strenge, die sowohl sein Regisseur als auch seine formidable Besetzung in konzentrierten Darstellungen widerspiegeln. „Under Suspicion“ begibt sich ganz diametral dazu in das karibische Flair der US-Dependance Puerto Rico, wahrt jedoch eine ähnliche Dichte in Bezug auf Handlungsort und -Zeit. Wie Millers Film kann sich „Under Suspicion“ primär auf seine beiden Antagonisten stützen, namentlich Morgan Freeman und Gene Hackman, die sich hier acht Jahre nach Eastwoods „Unforgiven“ abermals gegenüberstehen, diesmal jedoch unter umgekehrten Voraussetzungen. Als Mann, der Macht, Einfluss und ein gewisses autobiographisches Laisser-faire gewohnt ist, hält Henry Hearst dem durch die Exekutive ausgeübten Druck nicht in der Form stand, wie man es von ihm gewohnt sein könnte. Tatsächlich treffen die Suggestivfragen Benezets ihn völlig unbereitet und positionieren ihn bald in der Sackgasse der Ausweglosigkeit. Eine langwierige Ehekrise, die sich durch fehlende Kommunikation, Verdachtsmomente und Unterstellungen verhärtet hat, tut ihr Übriges. Am Ende stehen drei Individuen, die sich durch ihr stoisches, unreflektiertes Verhalten allesamt selbst in ihr persönliches und soziales Aus manövriert haben; eine Entwicklung, die bei Miller (wiederum fehlt mir der Romaninhalt zur besseren Einordnung) mit dem Verzweiflungssuizid der von Romy Schneider gespielten Ehefrau eine noch weitaus tragischere conclusio einfordert. Ganz so dramatisch mochte man in der US-Version dann doch nicht schließen, wie auch sonst einige Regieentschlüsse fragwürdig erscheinen. So wirkt insbesondere die Marotte, die Polizeiermittler als unmittelbare und aktive Teilnehmer der subjektiven Rückblicke zu inszenieren, eher platt und manieristisch denn funktional und nimmt sich somit eher als defizitäres Merkmal aus. Die Bellucci passt zwar in ihre Rolle, kann einer Romy Schneider aber fraglos nicht das Wasser reichen und auch Thomas Janes Rolle wirkt ungeachtet der eigentlichen Qualitäten des mir stets sympathischen Akteurs merkwürdig vor die Wand gefahren. Grundsätzlich sehenswert bleibt „Under Suspicion“ als Kriminalfilm jedoch allemal, insbesondere durch den ungewöhnlichen Handlungsschauplatz und eben die treffliche Edelpaarung Hackman/Freeman.

7/10

SYNCHRONIC

„Synchronic is the needle.“

Synchronic ~ USA 2019
Directed By: Justin Benson/Aaron Moorhead

In New Orleans geht eine neuartige Designerdroge namens „Synchronic“ um, mit deren Konsumentenauswirkungen die beiden Feuerwehrsanitäter und besten Freunde Steve Denube (Anthony Mackie) und Dennis Dannelly (Jamie Dornan) konfrontiert werden. Synchronic stimuliert die Zirbeldrüse, beeinflusst die Linearität des Zeitgefüges und versetzt seine User mit Haut und Haaren für ein kurzes, oft aber verhängnisvolles Fenster in irgendeine vergangene Epoche. Dass die Konsumenten sich damit zugleich unwägbaren, oft tödlichen Gefahren aussetzen, nehmen sie bereitwillig in Kauf. Als Brianna (Ally Ionnades), Dennis‘ Tochter, im Zuge eines selbstverabreichten Synchronic-Trips komplett in der Vergangenheit verschwindet, beschließt Steve, sie zurückholen. Steve selbst leidet unter einem fatalen Hirntumor, was seine persönliche Risikobereitschaft entsprechend erhöht. Also verschafft er sich sämtliche noch existenten Synchronic-Dosen und beginnt, mittels Selbstexperimenten dem Wirkungsschema der Droge auf die Spur zu kommen…

Mit wirklich großen Budgets kann das junge Filmemacher-Duo Moorhead/Benson auch im Zuge seines vierten gemeisamen Projekts (noch) nicht arbeiten; dafür wuchs und wächst die ihm zuteil werdende, internationale Aufmerksamkeit. So konnten sie sich immerhin des Hauptrollen-Engagements eines Hollywoodstars wie Anthony Mackie versichern und mit Universal einen big player mit entsprechender PR-Maschine als Verleih für „Synchronic“ gewinnen. Moorheads/Bensons jüngster Film bedient im Wesentlichen weiterhin jene Topoi, die schon „Resolution“ und „The Endless“ beseelten, ohne diesen allerdings bahnbrechend Neues hinzusetzen zu vermögen, von der psychologischen Tiefenschärfe des Protagonisten vielleicht abgesehen. Wieder geht es im Vordergrund um das physikalische Reizthema des Raum-Zeit-Durchbruchs sowie eine enge (hier: freundschaftliche) Männerbeziehung, die Diverses auszuhalten und sich somit gewaltigen Herausforderungen zu stellen hat. Dabei bleibt die Narration sehr eng an dem psychisch gebeutelten Steve, einem ausgiebigen Alkoholgenuss zugetanen Womanizer, der seinen besten Freund Dennis insgeheim zutiefst um dessen familiäre Stabilität, die Frau (Katie Aselton) und zwei Kinder beinhaltet, beneidet. Die niederschmetternde Diagnose „Hirntumor im unumkehrbaren Stadium“ führt Steve analog dazu noch weiter in die tiefe Frustration, da sich ihm somit selbst eine kurzfristige Änderung seines oberflächlichen Lebensentwurfs definitiv verbaut. Das Verschwinden Briannas, die für ihn selbst wie eine Tochter ist und im erweiterten Sinne die Konfrontation mit Synchronic verehrt ihm schließlich die Chance, seinem dämmernden Leben doch noch einen letzten, große Meilenstein zu verehren. Soweit die Motivation der Hauptfigur, die Mackie ansonsten mit einer ähnlichen unnahbaren Coolness versetzt wie seinen Cap-Kumpel Falcon im MCU. Das Spannungszentrum des Films nehmen schließlich seine minutiös angeordneten und durchgeführten Synchronic-Experimente ein, die gleichfalls klassischen SciFi-Inhalten entlehnt sind. In welche Zeit bzw. Ära Synchronic seinen Probanden versetzt, so findet Steve heraus, hängt etwa kausal damit zusammen, an welchem Ort man es zu sich nimmt. Diese kleine Finte gestattet den Agierenden Reisen in ganz unterschiedliche Erdzeitalter (deren Gestaltung sich vermutlich infolge der Budget-Limitierungen erschöpft). Dabei gilt es vor allem zu lernen und zu erkennen, dass die Vergangenheit zumeist mörderisch war; ob Vor- oder Eiszeit, ob Conquista oder Sezessionskrieg. Welches Statement mit dieser „Feststellung“ erfolgen soll, bleibt, wie mancherlei andere Aspekte des Films, erratisch und Mutmaßungen überlassen – möglicherweise wird hier auch bereits wieder im Geiste an einem optionalen Sequel geschraubt. Das muss dann ausnahmsweise die Zukunft erweisen.

7/10