BACURAU

„This is just the beginning!“

Bacurau ~ BRA/F 2019
Directed By: Kleber Mendonça Filho/Juliano Dornelles

In nicht allzu ferner Zukunft. Teresa (Bárbara Colen) kehrt anlässlich des Todes ihrer Großmutter Carmelita in ihr Heimatdorf Bacurau zurück, das im Sertão des brasilianischen Nordostens liegt. Da Carmelita gewissermaßen die Matriarchin Bacuraus war, trauert die gesamte Gemeinde um ihren Verlust. Ansonsten liebt die Community aber ihr einfaches, lebenslustiges Dasein, das allerdings wiederum empfindlich gestört wird von dem Politikerbonzen Tony Junior (Thardelly Lima), dem Bürgermeister des benachbarten Serra Verda. Junior kontrolliert eine Talsperre, die die Wasserversorgung von Bacurau garantieren sollte und erpresst die Dorfbewohner damit, ihn bei seiner anstehenden Wiederwahl zu unterstützen. Derweil versteckt sich der aus Bacurau stammende, junge Outlaw Lunga (Silvero Pereira) vor den langen Armen des Gesetzes. Als sich merkwürdige Zeichen um das Dorf mehren, wird Teresas Liebhaber Pacote (Thomas Aquino) misstrauisch. Urplötzlich scheint das Dorf aus der Satellitenwahrnehmung verschwunden zu sein, die Pferde einer benachbarten Ranch gehen durch, zwei fremde Motorradtouristen (Karine Teles, Antonio Saboia) kreuzen auf, der Tankwagen des Wasserlieferanten wird unter Beschuss genommen. Tatsächlich scheint sich eine Gruppe mordgieriger Menschenjäger die Leute von Bacurau als Jagdbeute auserkoren zu haben, was diese bald auf brutale Weise bestätigt finden. Was die Ausländer nicht wissen: Bacurau pflegt eine lange Guerilla-Tradition…

„Bacurau“ beginnt als verschrobene Komödie, deren anfängliche Stimmung ich – zugegebenermaßen ein wenig hilflos – irgendwo zwischen Kusturica und Redfords „The Milagro Beanfield War“ verorten würde, später dann bei Alex Cox. In dem kleinen, ursozialistisch geprägten Dorf des Titels hat alles seine ganz eigene, vermutlich jahrzehnte lang geltende Ordnung; es gibt da zig Originale wie die versoffene Dorfärztin Domingas (Sônia Braga), den ständig am Mikrofon befindlichen Unterhaltungszampano DJ Urso (Black Jr.) oder mit Pacote eine Art dorfeigenen Robin Hood. Jung und Alt leben in Harmonie miteinander, die Kinder des Dorfes gehen manchmal und kommen, wie Teresa, auch häufig zurück. Alles funktioniert in sich perfekt, der äußere Störfaktor ergibt sich einzig durch den korrupten Lokalpolitiker, dem Bacurau dann auch durch die Bank feindselig gegenübersteht. Wie sich erweisen wird, kommen auch die Menschenjäger unter dem Vorsitz eines leicht betagten Deutschen (Udo Kier) nicht aus heiterem Himmel in die entlegene Gegend. Die Gewalt und das (unschuldige) Blut, das sie säen, werden sie jedoch am Ende auch ernten müssen. Bei aller Harmonie können die Menschen von Bacurau, unterstützt von einer hier eigens angebauten Droge, im Bedarfsfall nämlich auch in einen überaus kombattanten Modus hinüberwechseln. Und gerade so, wie die Dorfbewohner sich der tödlichen Herausforderung stellen, wechselt auch der Film seine Farbe.
Was Filho und Dornelles hier als dystopisch umrissene Paraphrase erzählen, wurzelt offensichtlich im politischen Geschehen des Landes. Seit dem 1. Januar 2019 regiert Jair Bolsonaro den gewaltigen südamerikanischen Staat. Für die Menschen des Sertão, zumindest die von Bacurau, dürfte dessen Agenda mindestens so fernliegend sein wie sein Amtssitz. Hier ist weder von dem urbanen Brasilien der im Süden liegenden Megacities etwas zu spüren noch von der üppigen Urwüchsigkeit der Regenwälder. Hier ist das Land trocken, karg, ausgeblichen und heiß. Die Menschen jedoch haben sich arrangiert mit dem, was sich hier vorfinden lässt und ihr privates Paradies geschaffen, das am allermeisten von ihnen selbst und ihren Persönlichkeiten zehrt. Ebenjenes gilt es zu verteidigen, gegen die Arroganz opportunistischer Politiker, gegen affige Großstädter aus dem Süden, gegen naseweise Ausländer und gehen die drohende Omnipräsenz der Überwachung, die sich in „Bacurau“ als Ufo-artige Drohne durch die Lüfte schraubt.
Der elegisch photographierte Film liebt seine Figuren ebenso wie er die antagonistischen Bedrohungen deren kleiner, selbstgeschaffener Idylle verabscheut. Als linksrevolutionäres Statement und als politische Kunstfilmgroteske mit leicht sonderbar eingepflegten Genretropen ist er einer der unikalsten, die ich zuletzt sehen durfte.

8/10

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