CRISIS

„I thought you were my friend.“ – „So did I.“

Crisis ~ CAN/B 2021
Directed By: Nicholas Jarecki

Die USA werden von einer Opioid-Krise gebeutelt. Relativ unumständlich zu verschaffende, starke Schmerzhemmer wie Oxycodon machen in höchstem Maße abhängig und haben durch ihre Verfügbarkeit längst mit dem Konsum illegaler Drogen gleichgezogen. Unkontrollierte, schwer dosierbare Einnahmeformen als Injektion oder Pille gehen häufig mit Atemdepressionen nebst Todesfolge einher. Als neuestes, besonders süchtig machendes Mittel überschwemmt Fentanyl das Land, das den hundertfachen Suchtfaktor von Heroin entwickelt.
Die vormals selbst opioidsüchtige, alleinerziehende Architektin Claire Reimann (Evangeline Lilly) verliert ihren Sohn David (Billy Bryk) infolge einer Überdosis Oxycodon, mag aber nicht glauben, dass der sportbegeisterte Teenager abhängig gewesen sein soll und beginnt, private Ermittlungen in dem Fall anzustellen, die sie nach Montreal führen. Dort leitet der verdeckt arbeitende DEA-Ermittler Jake Kelly (Armie Hammer) just einen großangelegten Schlag gegen den Unterweltboss Mother (Guy Nadon) und die armenische Drogenmafia ein. Derweil gerät der Universitätsbiologe Tyrone Bower (Gary Oldman) in einen schweren Interessenskonflikt: Die im Auftrag eines Pharmamultis durchgeführte Laborversuchsreihe an einem neuem Painkiller, dessen Suchtpotenzial angeblich stark verringert sein soll, zeigt völlig diametrale Resultate; das Medikament wäre im Zulassungsfall möglicherweise hochgefährlich. Gegen den nun folgenden Druck des Großunternehmens hat Bower jedoch keine Chance.

Gute zwanzig Jahre nach Steven Soderberghs nach wie vor bestechendem „Traffic“, dessen erzählerischer Ansatz darin bestand, die Auswirkungen des Heroinschmuggels über die mexikanische Grenze in möglichst vielen sozialrelevanten Facetten widerzuspiegeln, schickt sich Nicholas Jarecki mit dem ähnlich pointiert betitelten „Crisis“ eine aktualisierte Revision des US-Drogenproblems zu schildern. Amerikas neue alternative „Tasse Kaffee“ besteht in painkillers, teilsynthetisch produzierten Opioiden, die nicht in schummrigen Drogenküchen zusammengepanscht, sondern von der globalen Pharmaindustrie in großindustrillem Maßstab produziert werden. Zwar sieht die Gebrauchsspanne jener starken Schmerzmittel vor allem Krebspatienten und ähnlich gelagerte Fälle vor, Oxycodon und das sogar noch brisantere Fentanyl sind aber längst auch auf Straßenlevel erhältlich. Wie stets passen sich die international operierenden Syndikate der veränderten Nachfrage an und finden Mittel und Wege, auch jene Süchtigmacher der geneigten Junkieklientel zugänglich zu machen.
Jene Problematik verhandelt also Jareckis Film, wiederum in drei sich teilweise tangierenden, wesentlichen Narrationssträngen, in deren Zenrtrum jeweils eine ins Sperrfeuer des drug traffic geratende Hauptfigur steht.
Anders als Soderbergh verzichtet Jarecki auf inszenatorische Spezialitäten wie Farbfilter, Wackelkamera und jump cuts, sondern verbleibt in behäbigem, auktorialem Fahrwasser. Abgesehen von wenigen Actionsequenzen, für die freilich Armie Hammer als [auch privat involvierter – seine jüngere Schwester (Lily-Rose Depp) ist selbst schwerstabhängig] engagierter Drogenbulle sorgt, bevorzugt Jarecki gepflegte, umstandslos zu konsumierende Krimi-Flächigkeit. Auch diese Tatsache dürfte dafür mitverantwortlich sein, dass „Crisis“, obwohl er um ein grundsätzlich hochspannendes Sujet kreist, eine wenig mehr denn überdurchschnittliche Gebrauchsqualität an den Tag legt. Die durchweg stereotypisch gezeichneten Charaktere bewegen sich genauso durch ihre Sub-Segmente, wie man es erwarten kann; vom unbestechlichen Ehrenmann, über dessen deutlich ambivalenter agierenden Kollegen und Freund, die skrupellosen Kaptitalismusrepräsentanten (Luke Evans & Veronica Ferres) über die tapfere Selbstjustizlerin bis hin zum von der Resignation überschatteten, aufrechten Cop hält das gebotene Inventar einen gut ausgestatteten, positiv konnotierten Identifikationspool bereit, in dem es sich garantiert jede/r RezipientIn bequem machen kann. Alle drei Stränge schließen zudem mit braven Teil-Happy-Ends, niemand muss hier langfristig in die Röhre (oder ins Röhrchen) blicken. Für einen Film dieses Diskurskalibers empfinde ich soviel euphemistische Einmütigkeit als nicht eben zufriedenstellend.

6/10

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