FLIGHT

„I know how to lie about my drinking. I’ve been lying about my drinking my whole life.“

Flight ~ USA 2012
Directed By: Robert Zemeckis

Nach einer durchzechten, durchvögelten Nacht und ein paar Lines Koks zum Runterkommen geht Flugkapitän Whip Whitaker (Denzel Washington) wie gewohnt zur Arbeit, um ein Passagierflugzeug von Orlando nach Atlanta zu fliegen. Ein Schlechtwettertief zu Beginn des Fluges meistert der erfahrene Pilot noch behende, kurz vor der Landung versagt dann das Höhenleitwerk und die Maschine gerät in den Sturzflug. Mittels eines waghalsigen Manövers, bei dem Whitaker den Flieger kurzerhand auf den Kopf und dann wieder zurück dreht, gelingt ihm eine leichte Stabilisierung und es können trotz des nachfolgenden Crashs bis auf sechs Menschen alle Passagiere gerettet werden. Der nur leicht verletzte Whitaker wird zunächst als Held des Tages gefeiert, dann kommt heraus, dass seine Blutwerte stark belastet waren und er noch selbst während des Fluges am Wodka genippt hat. Die öffentliche Meinung macht eine Kehrtwende und Whitaker muss sich schließlich wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht verantworten. Die Bekanntschaft mit der vormals drogensüchtigen Nicole (Kelly Reilly) gibt ihm vorübergehenden Halt, sein pathologisches und selbstzerstörerisches Suchtverhalten jedoch mag er sich nicht eingestehen, was wiederum zum Bruch mit Nicole führt. Schließlich steht die maßgebliche Anhörung bevor, die Whitaker dank seines pfiffigen Anwalts Hugh Lang (Don Cheadle) die Chance gibt, alles zum Positiven zu wenden…

Anders als in Clint Eastwoods vier Jahre später entstandenem „Sully“ geht es dem eine ganz ähnlichen Storyprämisse verhandelnden „Flight“ nicht um die Klarstellung von prekären Luftfahrt-Ereignissen oder die Ehrenrettung eines in akuter Stresssituation korrekt handelnden Piloten. Zemeckis‘ Film ist trotz jener spektakulären Ausgangslage das nüchtern erzählte Porträt eines multitoxikomanen Süchtigen und eine Erzählung darüber, wie Abhängigkeit als allmächtiger Existenzfaktor das Lebens eines Individuums beeinflusst und prägt. Die klug gewählte conclusio besteht darin, dass Whip Whitaker die meisten Menschen im beschädigten Flugzeug weder wegen noch trotz seines inflationären Alkohol- und Drogenkonsums retten konnte, sondern ganz schlicht mit ihm.
Jahrelang süchtige Personen, denen es gelingt, ihr öffentliches Image auf akzeptablem Niveau zu halten, entwickeln sowohl im Bezug auf ihre Abhängigkeit als eben auch mit ihr hochkomplexe Persönlichkeitsstrukturen. Diese beinhalten vor allem die wohlfeil erlernte Fertigkeit professioneller Selbsttäuschung, die von der Leugnung der Sucht bis hin zu der nicht minder irrigen Autosuggestion reicht, sie wahlweise kontrollieren oder behende mit ihr umgehen zu können. Abhängige durchlaufen je nach der Intensität ihres individuellen Suchtstadiums und dessen Wechselwirkung mit ihrem sozialen Umfeld sämtliche jener Stadien in sich unwillkürlich repetierender Reihenfolge, wobei sich die Abwärtsspirale ungeachtet aller Anstrengungen sukzessive fortsetzt. Ein endgültiges Entkommen daraus ist mäßig wahrscheinlich und im Falle des Erfolges letztlich ausschließlich einer glücklichen Kombination begünstigender Faktoren zuzuschreiben. Ohne ausnahmslose Abstinenz ist ein langfristiger Weg aus dem Teufelskreis faktisch unmöglich.
Die Geschichte von Whip Whitaker greift auf dem Weg zu seinem forcierten Suchtausstieg diverse Stationen einer Abhängigkeit auf, freilich nicht, ohne am Ende eine sehr kinogemäße Selbstrettung hintenanzustellen, die wohl vor allem dazu taugt, das Publikum zu beschwichtigen und mit einem positiven Gefühl zu entlassen. Ganz so konsequent wie er es im Verlauf seiner Erzählung verspricht, nimmt sich „Flight“ dann schlussendlich doch nicht aus. Als es in der finalen Befragung darum geht, die Integrität der beim Absturz heldenhaft verstorbenen Stewardess Katerina (Nadine Velazquez), die mit Whitaker die letzte, verhängnisvolle Nacht verbracht hat, in eigener Rettung zu vernichten oder wahlweise zu retten, entscheidet sich der wiederum im Vollrausch befindliche Held für letzteres; um den Preis der eigenen öffentlichen Ehre zwar, aber im Gegenzug zur persönlichen Rettung der Seele. Mit der schonungslosen Ehrlichkeit gehen Gefängnis, aber auch Abstinenz einher; verloren geglaubte Beziehungen können gekittet werden, Whitaker nimmt die gesetzlich oktroyierte Strafe gewissermaßen als unverhofftes Geschenk entgegen. Damit pflegt der als Beschreibung einer Suchtcharakteristik wie eingangs erwähnt ansonsten annähernd brillante „Flight“ mit seinem on top befindlichen Hauptdarsteller einen ähnlichen magischen Realismus wie etwa Mike Figgis‘ „Leaving Las Vegas“: Der ganz ordinäre Alkoholiker zelebriert weder seinen Todessuff in Vegas, noch entwickelt er sich in einer kurzen, starken Minute zum altruistischen Heiligen. Einen gänzlich ungeschönten, unromantischen Realismus in dieser Angelegenheit bleibt Hollywood mit seinen vielen Trinkergeschichten uns bis heute schuldig.

8/10

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