PROMISING YOUNG WOMAN

„I forgive you.“

Promising Young Woman ~ USA/UK 2020
Directed By: Emerald Fennell

Cassandra „Cassie“ Thomas (Carey Mulligan) ist dreißig, wohnt bei ihren Eltern (Jennifer Coolidge, Clancy Brown) und arbeitet als Thekenkraft in einem kleinen Coffee Shop. An Wochenenden lebt sie jedoch eine alternative Identität: Dann geht sie in Clubs und Bars, spielt die Volltrunkene und wartet darauf, von einem ihre vermeintlich untervorteilte Situation ausnutzenden Typen „abgeschleppt“ zu werden. Es genügt dann in der Regel, dem betreffenden Mann im entscheidenden Augenblick die tatsächliche Nüchternheit und das Kalkül der Situation vor Augen zu führen, um ihn künftig von seinen lüsternen Umtrieben abzubringen. Doch warum stellt sich Cassie immer wieder dieser Situation? Den Auslöser dafür markiert eine entscheidende Sollbruchstelle in ihrer eigenen Biographie: Vor Jahren wurde Cassies schwesterliche, beste Freundin Nina während des gemeinsamen Medizinstudiums von einem Kommilitonen im betrunkenen Zustand vergewaltigt. Das Ganze wurde gefilmt und machte die Runde, bis hin zu einer Anzeige seitens Nina, die jedoch erfolglos abgeschmettert wurde. Während Nina in der tragischen Folge Suizid beging, muss Cassie mit ihren Dämonen fertigwerden, schwört jedweder Beziehungsanbahnung bereits im Vorhinein ab und demonstriert potenziellen Triebtätern stattdessen die Folgen ihrer Misogynie. Als sie eines Tages während der Arbeit ihren früheren Mitstudierenden Ryan (Bo Burnham) wiedertrifft und sich mit diesem in der Folge sogar zarte romantische Bande entwickeln, flammt die Vergangenheit wieder akut auf: Ryan kennt Ninas Vergewaltiger von einst, einen gewissen Al Monroe (Chris Lowell), der just zu heiraten plant…

Die #MeToo-Bewegung in Kombination mit ihren ungewohnt offensiven feministischen Bestrebungen hinterlässt zusehends tiefe Furchen, die sich längst auch ihren Weg in Mainstream-Unterhaltungssphären bahnen. „Promising Young Woman“, die erste Langfilm-Regiearbeit der Britin Emerald Fennell, wurden sogar Oscar-Ehren zuteil in Form von Nominierungen unter anderem für Carey Mulligan, die Regie und den besten Film sowie einer Auszeichnung für Fennells Script. Einen treffenderen Indikator für internationale Aufmerksamkeit, Akzeptanz und Wertschätzung gibt es in der Branche nicht, weshalb das Werk zugleich einen kleinen sozialpolitischen Triumph darstellt.
Feministische Gedanken, Gefühle und Bestrebungen zeichnen das jüngere Genrekino bereits seit einigen Jahren aus. Zu nennen wäre da, als radikaleres Exempel, die Remake-Reihe der „I Spit On Your Grave“-Filme seit 2010, aber auch deutlich nuanciertere, weniger exploitativ ausgeformte Stoffe wie Julia Ducournaus „Raw“, Carlo Mirabella-Davis‘ „Swallow“, Romola Garais „Amulet“ oder die Frauen-Western „Sweetwater“ von Logan Miller, Martin Koolhovens „Brimstone“ und Emma Tammis „The Wind“ stehen dafür neben einigen weiteren. „Promising Young Woman“ überführt das mit dem „Rape & Revenge“-Stempel bestenfalls sehr grob gekennzeichnete Sujet [es geht ja mindestens ebenso um den (historizierten) Status der Frau im Zuge ihrer fortlaufenden Reduktion auf das Objekt männlicher Sexualbegierden, ihr Selbstbewusstsein im Angesicht des gesellschaftlichen Patriarchats und ihre Reaktions- bzw. Abwehroptionen] nun also aus dem schummrigen Zwielicht oftmals transgressiver Indie-Produktionen in das grelle Spotlight filmischen Alltagskonsums und das ist gut so. Mit Ausnahme des so konsequent wie quälend umgesetzten Finales, in dem, man möge mir mein Gespoiler verzeihen, Cassies latente Todessehnsucht sich brutal erfüllen wird, erspart „Promising Young Woman“ seinem Publikum visuelle Grobheiten und belässt sie, so es denn überhaupt welche gibt (zu nennen wäre da im Prinzip ohnehin lediglich das spät auftauchende Handyvideo von Ninas Missbrauch), der Imagination. Somit entfällt jeder potenzielle Grund, den Blick und somit die Aufmerksamkeit abzuwenden. Allerdings ist Cassie Thomas auch keine Jennifer Hills oder sonst eine Dame aus deren direkter filmischer Genealogie: Sie entwickelt zwar einen (durchaus perfid angelegten) Racheplan gegen alle, die mit dem traumatischen Ereignis in verantwortlicher Verbindung stehen; bleibt dabei jedoch stets auf dem Bodengesellschaftlich akzeptabler Norm und entwickelt „lediglich“ ebenso kleine wie prägnante psychologische Reminder. Als sie dann am Ende sowohl ihr eigentliches Ziel als auch ihre vormalige Methodik aus den Augen verliert, kommt es zur (allerdings durchaus fest einkalkulierten) Katastrophe. Dass sie ihr Vorhaben dann noch posthum zum Finalclou führt, mag man zwiespältig betrachten. Als Vergeltungsmanifest, das ohne explizite Hinrichtungsarten auskommt, gelingt Cassie einerseits Bahnbrechendes; dass sie sich selbst dafür opfert kann und darf jedoch nicht der richtige Weg sein. Als (zumindest was meine blutigen Voyeursgelüste anbelangt) funktionalere Katharsis ziehe ich da glaube ich doch die eine oder andere Zwangskastration vor. Nein, das war ein dummer Scherz. „Promising Young Woman“ ist ein toller, bestens ausbalancierter, wichtiger und gebührend schmerzlicher Film.

8/10