HEARTS IN ATLANTIS

„Just passing through, that’s all.“

Hearts In Atlantis ~ USA 2001
Directed By: Scott Hicks

Im Anschluss an die Beerdigung seines Kindheitsfreundes Sully erfährt der gesetzt lebende Familienvater Bobby Garfield (David Morse) zugleich vom Tode seiner ersten großen Liebe Carol. Wehmütig reist Bobby hernach in jene einstmals beschauliche Kleinstadt in Connecticut, in der er (Anton Yelchin), Carol (Mika Boorem) und Sully (Will Rothhaar) 1960 einen ganz besonderen Sommer erlebten und erinnert sich:
Der alternde, geheimnisvolle Ted Brautigan (Anthony Hopkins) zieht als Untermieter bei Bobbys verwitweter Mutter Liz (Hope Davis) ein und nimmt den Jungen unter seine ersatz(groß)väterlichen Fittiche. Bobby findet schon bald heraus, dass Ted nicht nur auf der Fluch vor „mysteriösen Männern in dunklen Autos und Anzügen“ ist, sondern auch über telepathische Fähigkeiten verfügt. Die tiefe Freundschaft zu Ted hilft Bobby, wesentliche Dinge über das spätere Erwachsenendasein zumindest ansatzweise zu begreifen, eröffnet ihm aber zugleich auch viele Schattenseiten des Ältwerwerdens. Am Ende dieses Sommers wird Bobby traurig, sehr viel weniger naiv, aber auch innerlich gestählt daraus hervorgehen.

Scott Hicks‘ Filmadaption der 1999 veröffentlichten Kurzgeschichte „Low Men In Yellow Coats“ von Stephen King, die aus naheliegenden Gründen den Titel der Gesamtanthologie verpasst bekam, erweist sich in Inhalt und Form gleichermaßen als prototypischer, king’scher Coming-of-Age-Stoff. Die für ein entsprechendes mediales Konglomerat wesentlichen Aspekte, wie man sie etwa aus Rob Reiners „Stand By Me“ und auch aus den beiden „It“-Adaptionen kennt, sind durchweg vorhanden; Kindheitserinnerungen an die Schwelle zum Erwachsenwerden; voll von nostalgischen Ingridienzien wie zeitgenössischer Musik, Autos, der ersten Romanze, älteren Bullys, Foot- und Baseball-Memorabilia, frühen Erfahrungen mit Literatur und natürlich der unbedingt zu misstrauenden Elterngeneration, deren einstige, eigene Unschuld längst durch reaktionäre Politik und private Traumata unwiederbringlich korrumpiert wurde. Nicht zu vergessen natürlich der neuenglische, kalendarische Sommer, der allmählich in die herbstlich-bunten, stets aber auch den Tod ankündigenden Wochen des indian summer überwechselt.
Dreh- und Angelpunkt für Bobby Garfields letzten Kindheitssommer ist die Ankunft jenes beeindruckenden Ted Brautigan, eines ebenso belesen wie müde wirkenden älteren Herrn, der allerdings ein aufrichtiges Herz für Kinder und im Speziellen Bobby besitzt (ganz zum unwirschen Misstrauen von dessen Mutter). Ted liebt Root Beer und seine Chesterfields und lenkt Bobbys künftige Biographie an ein paar entscheidende Abzweigungen. Dazu gehört gezwungenermaßen auch, dass Bobby bittere Erfahrungen mit den jedweder Unschuld entledigten Resultaten des Älterwerdens sammeln muss: Die beginnenden 1960er, nach wie vor eine Phase mannigfaltiger gesellschaftlicher Repression, stehen noch immer im Schatten des bereits versandet geglaubten McCarthyismus; offenbar befleißigt sich Hoover mittlerweile einer geheimen Sonderabteilung (jene titelgebenden „low men“), die „psychische Talente“ wie Ted Brautigan nötigt, für sie subversive Elemente ausfindig zu machen und auch ihm unerbittlich nachstellen. Verdachtsmomente und Denunziation bestimmen auch das Leben von Bobbys seit dem Tod ihres Mannes orientierungslos vor sich hin lebender Mutter, die am Ende ihre persönliche, tiefe Schmach gegen Brautigan umlenkt und damit beinahe auch die letzten Vertrauensfäden zu ihrem Sohn kappt. Ältere Jungen wie der (unschuldig?) bösartige Harry Doolin sehen sich indes vor der Welt und vor allem sich selbst gezwungen, ihre individuelle Sexualität zu unterdrücken und kanalisieren ihren Frust, indem sie kleine Mädchen mit Baseballschlägern verprügeln. Dennoch liebt King diese Zeit seiner eigenen Kinder- und Jugendtage ungebrochen; das wird allein darin deutlich, wie Hicks diese Ära mit der Gegenwart konterkariert. Von 1960 ist in der Gegend um Bobbys Elternhaus vierzig Jahre später nichts mehr übrig. Alles vor Ort ist nurmehr schmutzig, kalt, farblos und verfallen und nur ein altes, rostiges Windspiel erinnert noch an den unumstößlichen sense of woner glorreicher Kindertage. Carols zufällig vorbeischlendernde Tochter (Mika Boorem) ist ihrer Mutter zwar wie aus dem Gesicht geschnitten, wirkt mit ihrer Emo-Schminke aber glatte fünf Jahre älter.
Gewiss, „Hearts Of Atlantis“ ist alles andere als frei von Kitsch und Klischees; ganz im Gegenteil befleißigt er sich eben aller Elemente, die für sein Vorhaben naheliegend sind. Zugleich bereitet er damit jedoch auch einen bequemeren Zugang zu den tiefliegenderen Schichten seines Wesens, die Abgründigkeit und den sublimen Horror, die stets vor allem hinter der am weißesten getünchten Fassade zu finden sind. Ob man das so akzeptiert, steht ja glücklicherweise frei. Ich finde auch diese King-Adaption trotz manch offenkundiger Schwäche sehr schön.

8/10

A CLASSIC HORROR STORY

„Stronzo.“

A Classic Horror Story ~ I 2021
Directed By: Roberto De Feo/Paolo Strippoli

Die ungewollt schwangere, kurz vor einer Abtreibung stehende Studentin Elisa (Matilda Lutz) nutzt eine von Filmbuff und Camperbesitzer Fabrizio (Francesco Russo) organisierte Fahrgemeinschaft nach Kalabrien. Mit an Bord sind noch der Arzt Riccardo (Peppino Mazzota) und das junge Traveler-Pärchen Mark (Will Merrick) und Sofia (Yuliia Sobol). In der Nacht setzt der angetrunkene Mark den Wagen mitten in den Wäldern vor einen Baum, nachdem Fabrizio ihm ins Steuer gegriffen hat um einem auf der Straße liegenden Reh auszuweichen. Als das verunfallte Quintett am nächsten Morgen erwacht, ist die Straße verschwunden, stattdessen befindet sich der Camper auf einer Lichtung, auf der auch ein mysteriöses, kleines Holzhaus steht. Bei diesem handelt es sich scheinbar um eine Art Kultstätte heidnischer Sektierer, die drei unheiligen, mittelalterlichen Heilsbringern Menschenopfer kredenzen. Gemeinsam mit einem gewaltsam seiner Zunge entledigten Mädchen (Alida Baldari Calabria), das sie im Haus entdecken, flieht die mittlerweile um Mark dezimierte Gruppe querfeldein, doch alle Entkommensversuche erweisen sich als sinnlos. Die besonders mitgenommene Elisa entdeckt schließlich, das nicht alles ist, wie es scheint…

Wenn zwei junge, von Netflix finanzierte, offenkundig genreaffine Nachwuchsfilmer ihr erstes gemeinsames Werk „A Classic Horror Story“ titulieren, dann zeugt dies wahlweise von besonderem Geisteswitz, mäßigem Humor oder egomanischem Größenwahn. Was davon am Ehesten auf De Feo und Strippoli zutrifft, vermag ich nicht recht zu konstatieren, aber zu ersterem tendiere ich am wenigsten. Der Name des Films ist insofern zutreffend, als dass das Duo sichtlich bemüht ist, möglichst viele der es umtreibenden Genremotive der letzten beiden Jahrzehnte in sein Script zu pfropfen und damit eine wie auch immer geartete Form von „Versiertheit“ zu demonstrieren. „How To Replicate A Dozen Or More Horror Clichés“ wäre insofern zumindest ein ehrlicherer Titel gewesen. Daraus, dass den Autoren im Besonderen daran gelegen ist, den Horrorfilm (zurück) nach Italien zu holen, machen sie im letzten Fünftel, dass natürlich der final girl revenge vorbehalten ist, keinen Hehl und das ist auch grundsätzlich absolut in Ordnung. Schade um die den Film in diesem Zusammenhang zumindest noch ein klein wenig ehrenrettende Matilda Lutz, der nach Coralie Forgeats „Revenge“ doch deutlich Ansprechenders gebührt hätte. Man sollte man doch bitte ein wenig Innovation wagen, denn so wird auch aus den hehrsten Zielen nichts, amici.
Als unausgegorenes Abfallprodukt zu (im Wesentlichen) Ari Asters „Midsommar“ lässt „A Classic Horror Story“ zumindest Erinnerungen an die frühere, kommerzielle Tradition des italienischen Kommerzplagiatismus aufkeimen – ich bezweifle aber, dass solcherlei wirklich im Sinne der Erfinder lag. Paganistische Hinterwäldlerkultisten in hirschartigen Holzmasken kann man nunmehr, zumal in derlei hilflos-unatmosphärische Korsettierungen gezwängt, jedenfalls kaum noch als erschröcklich bezeichnen – auch, wenn die „Auflösung“ sich dann in eine geflissentlich andere Richtung bewegt, Stichwort „’Ndrangheta“, nebst arrivierter Matriarchin (Cristina Donadio), die das professionell gefertigte Snuff Movie als neues, monetäres Mafia-Standbein etabliert. Das alles kommt im dazugehörigen Film mindestens so unausgegoren und dümmlich daher, wie es sich hier liest und ringt einem selbst als zumindest etwas begüterterem Genrefreund bereits ab einem frühen Zeitpunkt bloß noch permanentes Augenrollen ab. Ob der sich so selbstbewusst-breitärschig zwischen alle angebrachten Stühle setzende „A Classic Horror Story“ demzuzfolge überhaupt (s)ein Publikum finden wird, geschweige denn hat, würde mich da in letzter Instanz auch kaum mehr interessieren. Kann weg.

3/10