SNOW FALLING ON CEDARS

„Stay away from white boys. Marry one of your own kind, whose heart is strong and gentle.“

Snow Falling On Cedars (Schnee, der auf Zedern fällt) ~ USA 1999
Directed By: Scott Hicks

San Piedro, eine der Küste von Washington State vorgelagerte Insel, im Jahre 1950. Der allseits beliebte Jungfamilienvater und Fischer Carl Heine (Eric Thal) wird zum allgemeinen Entsetzen der Bewohner des kleinen Eilands tot aus dem eiskalten Pazifikwasser geborgen. Eine Kopfwunde lässt den Schluss zu, dass Heine möglicherweise einem Gewaltakt zum Opfer gefallen ist, wofür dann auch der potenzielle Täter und sein Motiv rasch bei der Hand sind: Der japanischstämmige Kazuo Miyamoto (Rick Yune) ist der letzte, der Heine lebend an Bord seines Schiffes gesehen hat; zudem hat Heine Miyamoto ein Stück Ackerland vorenthalten, das von Rechts wegen längst seiner Familie gehörte. Natürlich erweist sich der gesamte nachfolgende Gerichtsprozess als heimlicher Symbolakt des seit 1941 grassierenden Rassismus gegen alle in den USA lebenden Japaner, deren Leidesweg bereits mit der Einpferchung in die Internierungslager begann und weiterhin unterschwellig grassiert. Den jungen, liberale Lokaljournalist Ishmael Chambers (Ethan Hawke), dessen verstorbener Vater (Sam Shepard) sich zeitlebens leidenschaftlich gegen Vorurteile und Hass eingesetzt hatte, hat ferner eine ganz persönliche Beziehung zu der Verhandlung: Miyamotos Frau Hatsue (Yûki Kudô) ist die große Liebe seines Lebens…

Diese Bestseller-Verfilmung von Scott Hicks nach David Gutersons fünf Jahre zuvor erschienenem Bestseller befasst sich mit einem der vielen unschönen Historienaspekte, die die USA unauslöschlich am dreckigen Stecken kleben haben, nämlich die Behandlung der im Lande lebenden japanischen Migranten und ihrer Nachfolgegenerationen nach dem Angriff auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941. Bekanntermaßen markierte dieses Ereignis zugleich den Kriegseintritt Amerikas und ihre anschließende Truppenkonzentration auf Europa und den Westpazifikraum. Doch fand der Krieg auch innerstaatlich seinen Niederschlag: Um die 120.000 japanischstämmige US-Amerikaner wurden unter konspirativen Generalverdacht gestellt, teilenteignet und ein Großteil von ihnen in Internierungslager verbracht; die öffentliche Stimmung gegen sie, die von Politik und Medien gezielt lanciert wurde, ähnelte bald frappierend dem offen gelebten Antisemitismus in Europa.
Im Kino erfuhr das unrühmliche Thema ein bis dato nur sehr verhaltenes Echo, anders als diverse andere außen- und innenpolitischen Schweinereien der US-Regierung seit ihrem Bestehen. Tatsächlich sind mir lediglich drei Exempel bekannt: Das erste, John Sturges‘ meisterlicher „Bad Day At Black Rock“ von 1955, befasst sich mit einem Fall japanophob motivierter Lynchjustiz und wirkt vielleicht gerade deshalb so nach, weil es strikt darauf verzichtet, Opfer, Tathergang oder überhaupt nur einen Japaner zu zeigen. In der Wüstenei von Black Rock ist mit dem einsam Farmer Komoko auch der letzte Japaner einer Art idealisiertem Genozid zum Opfer gefallen. Dann gibt es noch Alan Parkers „Come See The Paradise“, den ich mir Kürze nochmal anschauen werde und eben „Snow Falling On Cedars“.
Das offenkundig schwierige Thema wird in Hicks‘ formidabel besetztem Film aufrüttelnd, umfassend und integer verhandelt. Er zeigt diverse Aspekte der schwierigen, durchaus von reziproken Ressentiments geprägte Koexistenz zweier grundverschiedener Kulturen auf einer in der Juan-de-Fuca-Straße liegenden (fiktiven) Insel auf. Im Nukleus findet sich die an „Romeo und Julia“ gemahnende Geschichte einer unmöglichen, weil verbotenen Romanze zwischen dem jungen Zeitungsmacherfilius Ishmael (Reeve Carney) und der Farmerstochter Hatsue Imada (Anne Suzuki), die sich bis ins junge Erwachsenenälter der beiden hält, dann jedoch von Hatsue abgebrochen wird, weil sie dem innerfamiliären, vor allem von ihrer Mutter (Ako) ausgeübten Druck nicht länger standzuhalten vermag. Parallel dazu wird in Rückblenden die Geschichte der heraufziehenden antijapanischen Aggressionen geschildert: Das ohnehin auf sehr fragilen Beinen stehende Zusammenleben kippt nach Pearl Harbor endgültig und wird sich bis in die Gegenwart der filmischen Erzählzeit auch alles andere als wieder erholen. Stattdessen muss ausgerechnet der nach seinem Kriegseinatz in Europa hochdekorierte Veteran Kazuo Miyamoto, dem sich während der Internierungszeit ausgerechnet Hatsue zugewandt und ihn geheiratet hat, als Sündenbock für eine recht diffuse Anklage herhalten. Dass dieser wiederum keine konkreten Beweise zugrunde liegen, spielt eine untergeordnete Rolle; einmal mehr ist es blanker Rassismus, der allem und allen als Motivationsmotor dient. Hicks erzählt die Geschichte ein einem umfangreichen, schön arrangierten Mosaik aus Rückblenden, das insbesondere von der ausnehmend prächtigen Scope-Photographie (Robert Richardson) des Nordwest-Pazifik-Territoriums zehrt und die visuelle Entsprechung seiner melancholischen Grundstimmung in der von Nebelschwaden gesäumten und schließlich tiefverschneiten, winterlichen Inselwelt findet. Traditionesbewusste courtroom clichés scheut Hicks zudem keineswegs. Max von Sydow als liebenswerter, betagter Anwalt des angeklagten Miyamoto erinnert unumwunden an Spencer Tracy in Stanley Kramers Filmen, derweil die japanische Community am Ende so vor Ethan Hawke aufsteht und ihm ihre Ehrerbietung erweist, wie es einst die Afroamerikaner für Gregory Peck in „To Kill A Mockingbird“ taten.
Natürlich geht am Ende alles gut aus; Ishmael kann berechtigte Zweifel an der staatsanwaltlichen Mordthese säen, was dazu führt, dass der (glücklicherweise objektive) Richter (James Cromwell) dafür sorgt, dass die Anklage fallengelassen wird. Zudem kann der unglückliche, seit dem Krieg einarmige Liebesgeprellte endlich mit der persönlichen Vergangenheit abschließen, denn eines, das lehrt uns hollywood’sches Qualitätskino seit eh und je, ist doch sonnenklar: Wenn es keine Hoffnung für Amerika gibt, dann gibt es auch keine für die Menschheit.

7/10

APT PUPIL

„Oh, my dear boy, don’t you see? We’re fucking each other.“

Apt Pupil (Der Musterschüler) ~ USA/CAN/F 1998
Directed By: Bryan Singer

Kalifornien, 1984. Der mit hervorragenden Noten gesegnete Kleinstadt-Schüler Todd Bowden (Brad Renfro) ist fasziniert vom Holocaust, mit dem er sich auch in seiner Privatzeit ausgiebig beschäftigt. Eines Abends sieht er bei einer Busfahrt einen alten Herrn (Ian McKellen), in dem Todd den Nazi-Verbrecher Kurt Dussander zu entdecken glaubt. Seine eingehenden Recherchen beweisen Todd schließlich, dass er mit seiner Vermutung Recht hat. Er konfrontiert den einsam als „Arthur Denker“ lebenden Senioren mit der Wahrheit und erpresst ihn: Dussander soll Todd ausnahmslos alles über seine aktive Zeit als SS-Scherge und KZ-Kommandant berichten, jedes noch so unappetitliche Detail inbegriffen. Während sich in den folgenden Wochen Todds Obsession immer weiter intensiviert, hinterlassen Dussanders Schilderungen tiefe psychische Wunden bei ihm; seine schulischen Leistungen verschlechtern sich dramatisch und vormals unterdrückte, aggressive Wesenszüge brechen sich Bahn. Doch auch in Dussander keimt noch immer der Samen des Bösen. Als der Alte den aufrdinglichen Penner Archie (Elias Koteas), der ihn zu erpressen versucht, unter Todds aktiver Mithilfe ermordet, kulminiert die brisante Situation.

Die nach mehreren erfolglosen Ansätzen 1998 schließlich doch noch erfolgte Adaption der bereits 1982 in Stephen Kings Anthologie „Different Seasons“ veröffentlichten Geschichte „Apt Pupil“ weist interessante Analogien zum jüngst gesehenen „Hearts In Atlantis“ auf, was auch der vordringliche Grund für mich war, ihn einer Revision zu unterziehen. Beiden Storys zugrunde liegt die Prämisse, einen orientierungsbedürftigen Halbwüchsigen in eine intensive Beziehung zu einem mysteriösen Senioren zu setzen, dessen geheimnisvolle Innenwelten den jungen Mann auf die eine oder andere Weise nachhaltig prägen. In beiden Fällen wird jenes etwas bizarre Verhältnis von besorgten Eltern(-Teilen) misstrauisch beäugt, wobei der weitere Verlauf dieses untergeordneten Erzählstranges in „Apt Pupil“ relativ rasch entkräftet wird – fußt die „Freundschaft“ von Herrn und Meister hier doch ohnehin ausschließlich auf wechselseitiger Boshaftigkeit, Erpressung, psychischer Gewaltausübung und Angst. Dennoch vermag auch Kurt Dussander, seinen titelgebenden „Schüler“ zwischenzeitlich wieder auf geradere Bahnen zurückzuführen, wobei das von vornherein auf Lügen aufgebaute Beziehungskonstrukt sich für Todd am Ende als umso fataler erweist. Im Nachhinein erhält „Apt Pupil“ ferner eine zusätzlich bittere Note: Der mehrfach wegen sexueller Missbrauchsdelikte (ein Fall davon geht direkt auf die Dreharbeiten einer Duschszene zu „Apt Pupil“ zurück) angeklagte Singer verhandelt hier mehr oder minder offenkundig sein ambivalentes Verhältnis zur eigenen, möglicherweise aus Karrieregründen verhaltenen Homosexualität, was diesen, seinen zweiten Film, möglicherweise zugleich zu seinem persönlichsten macht: Als Todd einer ihn zu verführen versuchenden Mitschülerin (Heather McComb) mit mehr oder weniger achselzuckendem Desinteresse begegnet, konfrontiert sie ihn mit der ihn überraschenden Vermutung, dass er möglicherweise ja schwul sei; später schürt die Annahme des von Dussander mit nach Hause genommenen, obdachlosen Archie, dass er ihm sexuell gefällig sein solle und das für ihn auch nichts Neues darstelle, offensichtlich noch die Mordlust des Alten, der seinem Opfer unmittelbar daraufhin ein Messer in den Rücken rammt. Dass die Rolle des Altnazis mit dem phantastischen Schauspieler und ehernen Schwulenaktivisten McKellen besetzt wurde (der ja später noch für Singer den Erik „Magneto“ Lehnsherr spielen sollte), scheint in diesem Zusammhang nur konsequent. Ich würde sogar soweit gehen, die von einer so subtilen wie prägnanten sadomasochistischen Ebene (die besonders deutlich wird in einer einprägsamen Szene, in der Todd Dussander nötigt, in einer SS-Uniform für ihn zu marschieren und zu salutieren) geprägte, pathologische Symbiose der beiden Protagonisten auch als kleine Hommage an die entsprechende, psychologisch abründige Konstellation in Liliana Cavanis meisterlichen „The Night Porter“ zu erachten, natürlich so weit zurückgestutzt, wie es sich für eine Hollywood-Mainstream-Produktion geziemt.
Wie dem auch sei, bei „Apt Pupil“ handelt es sich trotz diverser Abweichungen zur Vorlage abermals um eine sehenswerte King-Verfilmung, zumal sie sich in die Phalanx jener darunter einreiht, die auf mehr oder minder nachdrückliche Weise auch die Obsessionen ihre Regisseure reflektieren.

7/10