THIRTEEN DAYS

„They fire their missiles… and we fire ours.“

Thirteen Days ~ USA 2000
Directed By: Roger Donaldson

Am 16. Oktober 1962 erhält Präsident Kennedy (Bruce Greenwood) die Nachricht, dass ein U-2-Aufklärer zwei Tage zuvor Fotos von einem trapezförmigen Areal auf Kuba geschossen hat, auf dem die Sowjets eindeutig beim Bau von Abschussrampen für Mittelstreckenraketen zu sehen sind. Der eilends einberufene Beratungsstab ExComm wägt zwischen mehreren probaten Gegenmaßnahmen ab, darunter eine Seeblockade und die – sehr viel brisantere – Invasion auf der Karbikinsel. Einig ist man sich darüber, dass die (wenngleich heimlich stattfindende) Installierung von Nuklearwaffen so unmittelbar vor der „Haustür“ eine nicht hinnehmbare Provokation darstelle. Während Militär-Hardliner wie der Air-Force-General LeMay (Kevin Conway) einen kombattanten Konflikt für unausweichlich halten, ist Kennedy, unter permanentem Dialog mit seinen beiden gleichgesonnenen Intimi – Bruder Robert (Steven Culp) und seinem persönlichen Berater Kenny O’Donnell (Kevin Costner) -, fest davon überzeugt, dass jeder diplomatisch unsensibel getätigte Schritt direkt in den Dritten Weltkrieg münden könne und schöpft sämtliche Mittel aus, Chruschtschow zum Abbau und Abtransport der Missiles zu nötigen. Nichtsdestotrotz demonstrieren die Streitkräfte ohne Genehmigung Kennedys während der nächsten Tage immer wieder ihre Muskelkraft in Form von Raketentests. Am 27. Oktober stellt die US-Regierung Präsident Chruschtschow schließlich ein letztes Ultimatum zum Abzug aus Kuba – mit inoffiziellen Zugeständnissen an die Sowjets. Andernfalls würde binnen 24 Stunden mit der Invasion begonnen.

…that shook the world.
Mit „Thirteen Days“, seiner nervenzerrenden Chronik der Kuba-Krise im Oktober 1962, hat Roger Donaldson möglicherweise seine reifste und beste Arbeit vorgelegt. Wie die allermeisten fiktionalisierten Abrisse historischer Begebenheiten verzichtet gewiss auch dieser Film nicht auf Akzentuierungen, Dreingaben und Spannungsdramaturgie, wahrt jedoch im Großen und Ganzen eine erschütternde Authentizität. Jene dreizehn Herbsttage zwischen dem 14. und 28. Oktober 1962 positionierten die Welt im Verlauf des Kalten Krieges so dicht vor einer nuklearen Auseinandersetzung der Supermächte wie kein anderes Ereignis zwischen der Einrichtung des Viermächtestatus in Berlin und der Entspannungsphase zu Beginn der neunziger Jahre, zumindest im Hinblick auf die öffentliche Wahrnehmung. Noch am Abend des 27.10. musste die Welt wörtlich darum bangen, dass nicht wenige Wochen, Tage oder nur Stunden später der Großteil des Globus mit Atompilzen bedeckt sein würde.
Um der naturgemäß relativ komplexen Chronologie der auch den innerpolitischen Konflikt schürenden Ereignisse zwischen Diplomatie und militärischer Kriegstreiberei eine emotionale greifbare Infusion zu legen, wählt der Film Kennedys engsten Berater Kenny O’Donnell – nicht von ungefähr gespielt von Kevin Costner (der mit dem realen Vorbild anders als die meisten anderen Darsteller keinerlei physiognomische Ähnlichkeit besitzt) in dessen zweiter Kollaboration mit Donaldson nach dem zwölf Jahre zuvor entstandenen „No Way Out“ – als zuverlässiges Rezipientenmedium. Dadurch, dass O’Donnell, selbst treusorgender Ehemann und Vater mehrerer Kinder, sich einerseits praktisch rund um die Uhr an der Seite des Präsidenten aufhält, andererseits aber weder ein repräsentatives politisches oder militärisches Amt innehat, noch zu irgendwelchen Befugnissen berechtigt ist, vertritt er die Perspektive des außenstehenden Beobachters überaus publikumsgerecht. O’Donnell ist, anders als etwa der kritisch beäugte Diplomat Adlai Stevenson (Michael Fairman), nicht das, was man einen „appeaser“ nennen würde (selbst die Kennedys John und Robert gebrauchten diesen Terminus seit der krassen politischen Fehleinschätzung ihres Vaters Joseph von Hitlers Vorkriegspolitik nurmehr recht verächtlich), dennoch teilt er die ganz alltäglichen Besorgnisse der allermeisten Menschen und würde seine Kinder gern aufwachsen sehen. So orientiert sich die Schilderung der sich zuspitzenden Ereignisse direkt an O’Donnells Wahrnehmung. Als intimer Adlatus und Freund der Kennedys setzt er zunächst ganz auf die liberal-demokratische Gesinnung der Staatsspitze und bleibt vergleichsweise gelassen; die immer wieder gen Kuba startenden U-2-Piloten bittet er telefonisch stets um Zurückhaltung betreffs ihrer nachfolgenden Rapporte und zieht auch sonst, wie JFK selbst, mancherlei hochfragile Strippe im Hintergrund, die den Hardlinern um LeMay durchaus eine unverzügliche Apologie zum Losschlagen lieferten. Als sich die diplomatischen Mittel zu jedoch erschöpfen beginnen und das politstrategische Spiel wirklich ernst zu werden droht, verliert auch dieser besonnene Mann die Fassung und steht kurz vor der völligen Verzweiflung: Wenn am kommenden Morgen des 28. die Sonne aufginge, so versichert er seiner Frau Helen (Lucinda Jenney) vorm Zubettgehen, habe die Welt es erstmal geschafft. Beim nächsten Frühstück erkennen seine Kinder ihren Vater kaum wieder – die Demut nach dem buchstäblichen Tanz auf der Rasierklinge steht ihm noch tief ins erblichene Gesicht geschrieben. Insbesondere diese dichotomischen Momente sind es, die „Thirteen Days“ neben seiner minutiösen Wiedergabe des politischen Geschehens Empathie und Annäherung gewährleisten.
Trotz lediglich zweier „Action-„Sequenzen, die jeweils um Aufklärungsflüge kreisen und deren letzterer katastrophal endet, zählt „Thirteen Days“ für mich zum spannendsten, was ich an diesbezüglicher Filmkunst kenne; Donaldson bewerkstelligt es, dass man trotz des bewussten Ausgangs der rund zweiwöchigen Geschehnisse unentwegt mitfiebert und sich selbst am Rande des Untergangs wähnt. Ein viel größeres Kompliment kann man einem historisch weitestgehend akkuraten Film wie diesem, seiner kleinen Lässlichkeiten zum Trotz, vermutlich kaum machen.

9/10

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s