MOBSTERS

„This ain’t money, Tommy. This is friendship.“

Mobsters (Die wahren Bosse) ~ USA 1991
Directed By: Michael Karbelnikoff

New York in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts: Ihrer unterschiedlichen ethnischen Abstammung zum Trotz werden die vier Nachwuchsgangster Charlie Luciano (Christian Slater), Meyer Lansky (Patrick Dempsey), Benny Siegel (Richard Grieco) und Frank Costello (Costas Mandylor) eingeschworene Freunde und Partner. Protegiert von dem Alkoholschmuggler Arnold Rothstein (F. Murray Abraham) gelingt ihnen der Aufstieg zu ernstzunehmenden Konkurrenten der beiden alteingesessenen Mafiabosse Don Faranzano (Michael Gambon) und Don Masseria (Anthony Quinn), die sich zuvor stets bloß gegenseitig bekriegt haben und nun versuchen, Luciano jeweils für ihre Familie zu instrumentalisieren. Dass sie dabei jedoch alles andere als zimperlich vorgehen, wird den beiden Altpatriarchen bald zum blutigen Verhängnis.

Amerika und damit auch Hollywood lieben ihren historischen Gangster und mit ihm seinen ihn reichhaltig umspannenden Nimbus. Die entsprechende Figur bildet infolge dessen zugleich einen Archetypus des Films und avancierte seit dessen Anfängen zum steten Dauergast und damit elementarem Baustein des Kinos. Insbesondere die Ära der Prohibition und daran anschließend die der Großen Depression haben dabei die größten und dankbarsten Milieugrößen hervorgebracht, darunter die in „Mobsters“ ziemlich semiauthentisch porträtierten New Yorker Tommy-Gun-Legenden. Die erste von nur zwei Regiearbeiten von Michael Karbelnikoff bildet dabei einen eher halbherzigen Versuch der produzierenden Universal, sich ein Stückchen vom Kuchen der großen Doppel-Gangsterfilm-Saison 90/91 zu sichern. Allein 1991 wurden nebenbei gleich drei Filme produziert, in denen Benjamin „Bugsy“ Siegel eine mehr oder weniger elementare Rolle zukam, darunter der vorliegende.
Im Gegensatz zu den meisten überaus gelungenen und teilweise längst zu Klassikern avancierten Unterweltepen seiner Ära muss man „Mobsters“ allerdings bescheinigen, ziemlich krachend in die Binsen gegangen zu sein, wenn auch in nicht uninteressanter Weise. Das rund vierzehn Jahre (von 1917 bis 1931, dem Gründungsjahr der „Commission“, des Dachverbands der Cosa Nostra) währende, ebenso komplexe wie ereignisreiche golden age des Aufstiegs von Luciano, Costello, Lansky und Siegel quetscht der Film in ein hundertminütiges Erzählkorsett und kann damit freilich nur scheitern. Für die Interpretationen der vier tatsächlichen, mit Ausnahme vielleicht von Siegel physiognomisch tatsächlich allen Klischees entsprechenden Protagonisten, zog man ausgerechnet die bildhübschen Sonnyboys Slater, Dempsey, Grieco und Mandylor heran, damals alle Anfang bis Mitte 20 und gewiss bestens dazu angetan, als Brecher flatternder Mädchenherzen anzutreten, nicht aber unbedingt als verschlagene Könige dercorganisierten Kriminalität. Damit nicht genug, vergaloppiert sich der Film permanent in seinem unbeholfenen Bemühen, sich strukturell konsumierbar zu machen. Wichtige Momente finden sich als hilfloser Kurzabriss, redundanten Liebessequenzen wird im Gegenzug mindestens soviel Platz eingeräumt wie unabdingbaren Actionszenen. Im Grunde wirkt „Mobsters“ trotz keinesfalls weniger schöner Momente meist rein fragmentarisch, ein wenig, wie ein Trailer für einen wesentlich ausufernderen Film, den es am Ende nie gab, da das vorliegende Material nie zum einem konzisen Ganzen finden mag. Dennoch lässt sich sein so häufig im Verborgenen verharrendes Potenzial immer wieder erahnen, so etwa in Aspekten des sorgfältigen Produktionsdesigns und der fraglos vorhandenen Ambition, Zeitkolorit spürbar werden zu lassen. Selbst die Chemie zwischen den ihre Rollen sichtlich ernst nehmenden Slater und Dempsey stimmt soweit. Die erfahrenen Recken Abraham, Gambon und vor allem Quinn (der mit dem echten Frank Costello gut befreundet war) machen sich im Gegenzug jedoch einen Spaß daraus, ihre teils vor einfältigen Klischees nur so strotzenden Dialogzeilen durch vorsätzliches overacting noch mehr hochzujizzen, was dann wiederum alle Versuche in Richtung Ernsthaftigkeit gehörigst unterminiert.
Trotz alldem nehme ich „Mobsters“ nicht als Ärgernis war, sondern als durchaus spaßigen, wohlmeinenden, obschon rasant vor die Wand gesteuerten Versuch, dem arrivierten Genrefilm durch gezielte Modernisierung in Form und Dramaturgie etwas Juvenilität hinzuzusetzen. Dass die Kids dann allerdings eher zu Flottem wie „New Jack City“ oder „Bound By Honor“ tendierten, überrascht allerdings kaum.

6/10

THE ACCUSED

„Tell me – was that nothing?“

The Accused (Angeklagt) ~ USA 1988
Directed By: Jonathan Kaplan

Sarah Tobias (Jodie Foster), eine junge Frau aus dem Arbeitermilieu, wird von drei Männern in einer Hafenkneipe vergewaltigt. Die just im Karriereaufstieg begriffene, stellvertretende Staatsanwältin Kathryn Murphy (Kelly McGillis) erhebt Anklage, weiß aber aus Erfahrung, dass eine dem Delikt tatsächlich entsprechende Verurteilung sehr unrealistisch ist, zumal einer der Täter, ein College-Student (Steve Antin) aus wohlhabendem Hause, einen teueren Spitzenanwalt mit seiner Verteidigung beauftragt hat. Ein auf den Tatbestand „schwere Körperverletzung“ hin ausgerichteter Deal erspart den Männern zwar nicht das Gefängnis, aber doch eine allzu hohe Freiheitsstrafe. Für Sarah, die noch nichtmal die Gelegenheit bekommt, gerichtlich auszusagen, kommt das Urteil einem weiteren Tiefschlag gleich. Als sie Wochen später Cliff Albrect (Leo Rossi), einer jener Männer, die die Vergewaltiger während ihrer Tat angefeuert haben, wiedertrifft und dieser sie abermals unflätig beschimpft, rastet Sarah aus und verletzt sich dabei selbst schwer. Erst jetzt beginnt Kathryn Murphy, das ganze ungeheuerliche Ausmaß von Sarahs Schicksal zu begreifen und erhebt wider alle guten Ratschläge abermals Anklage – diesmal gegen die damals passiv Beteiligten, wegen Anstiftung zu einer Straftat.

„The Accused“, ein Frauenfilm von Männern, machte damals vor allem reichlich Furore wegen Jodie Fosters mit Preisen und Lob überhäufter, tatsächlich bemerkenswerter Interpretation des Vergewaltigungsopfers Sarah Tobias. Für die damals Vierundzwanzigjährige bedeutete jene Rolle zugleich die endgültige Emanzipierung von ihrem vormaligen Status als ewiger Kinder- und Jugendstar und prominentes Stalking-Opfer und läutete gewissermaßen ihre zweite Karriere ein. Fosters Partnerin und damalige Freundin Kelly McGillis wiederum war sechs Jahre zuvor selbst Opfer einer Vergewaltigung, was letztlich dazu führte, dass für sie nur der Part der Staatsanwältin in Frage kam. Doch auch das Sujet, das sich mit Kaplans zehnter Regiearbeit faktisch erstmals zur Gänze aus den vom saturierten Mainstreampublikum gemiedenen Niederungen des Exploitation- und Vigilantenfilms erhob, sorgte für nachhaltiges Aufsehen. Jonathan Kaplan, als ehemaliges Corman-Protegé selbst aus der Grindhouse-Ecke kommend, entwickelte dabei das wohlaustarierte Gespür für eine gleichfalls mitreißende wie akzeptable Inszenierung des involvierenden Dramas. Während „The Accused“ mit der verzweifelt und um Hilfe rufend in die Nacht laufenden Sarah Tobias beginnt, um dann zunächst vor allem die psychosozialen Folgen ihrer Vergewaltigung zu veranschaulichen, spart man – ein ebenso ungewöhnlicher wie geschickter diegetischer Schachzug – das unvermeidliche Zeigen des eigentlichen Vergewaltigungsakts in seiner ganzen, unnachgiebigen Schilderung dabei gezielt bis zum Ende aus, um es dann während des Gerichtsprozesses als rückblickende Aussage des Hauptbelastungszeugen (Bernie Coulson) parallel vor den Geschworenen und vor dem Filmpublikum zu entrollen. Damit wird die Ursache für Sarahs zuvor bezeugten Leidensweg quasi umgekehrt kausal der Nachvollziehbarkeit preisgegeben und gestaltet sich umso intensiver. Ansonsten bietet „The Accused“ vergleichsweise typisches Betroffenheits- und Courtroom-Kino seiner Ära, wie es dann nochmals besonders in den kommenden Neunzigern florieren sollte – konventionell gefertigt und nebst allem dazugehörigen Bühnenpersonal, von dem sozial niedriggestellten und damit konsequent überhörten Opfer über die zunächst angepasst agierende, arrogante Karrieristin im Justizgewerbe und den wankelmütigen Kronzeugen bis hin zu einem bereits die Grundproblematik völlig verkennenden, verfilzten Patriarchat.
Als medienhistorisch relativ bedeutsam empfand ich noch, dass Sarah Tobias vermutlich ein wesentlich realistischeres Vergewaltigungsopfer ist als man es bis dato üblicherweise im Film vorgeführt bekam (und wohl auch noch immer bekommt); handelt sich bei ihr doch um eine völlig ordinäre Frau der Masse, weithin ungewappnet und mit wenig prägnanter Außenwirkung behaftet. Von geringem Bildungsstand, als Kellnerin und Hobbyastrologin arbeitend, trinkt und kifft Sarah zudem gern über Gebühr, gibt sich offenherzig und wird am Ende der Hauptverantwortung für das ihr Widerfahrene anheim gestellt. Nicht allein die anschließenden, sich „eingeladen“ wähnenden Aktivtäter verweigern sich indes jedwedem Schuldeingeständnis wie auch der Anerkennung der simplen Tatsache, dass „Nein“ spätestens im entscheidenden Moment „Nein“ bedeutet – und nichts anderes.

7/10