MODERN VAMPIRES

„With a good commercial lubricant we could go for hours…“

Modern Vampires (Revenant – Sie kommen in der Nacht) ~ USA 1998
Directed By: Richard Elfman

Im Hollywood der Gegenwart kreuzen sich die Wege von Graf Dracula (Robert Pastorelli), der hier mit seiner Vampir-Community dekadente Clubpartys feiert, dem letzten Van-Helsing-Spross Frederick (Rod Steiger), dem eigensinnigen Nachwuchsvampir Dallas (Casper Van Dien), mit dem Van Helsing eine private Rechnung offen hat, und Dallas‘ amnesischen Opfer Nico (Natasha Gregson Wagner), die seit einiger Zeit auf der Straße lebt und einsame Freier aussaugt. Da der Graf das entfesselte Treiben im Sinne einer geordneten Vampir-Subkultur nicht gut heißt, will er die mittlerweile zu Dallas‘ Schützling gewordene Nico aus dem Weg haben, was wiederum Dallas, Van Helsing und vier Crips-Mitglieder (Gabriel Casseus, Victor Togunde, Cedrick Terrell, Flex Alexander) zur Zweckallianz gegen den Obervampir zusammenführt.

Leider musste Richard Elfmans verrückte kleine Horrorkomödie im Status eines TV-Films produziert werden, dabei wäre ihr ein Kinoeinsatz so sehr vergönnt gewesen. Wobei sich die berechtigte Frage stellt, ob überhaupt – und wenn ja, wie – ein von lahmen Blockbustern eingenordetes Endneunziger-Mainstream-Publikum „Modern Vampires“ wohl rezepiert hätte. Auf Anbiederungen jedweder Art verzichtet das gute Stück nämlich überaus vorsätzlich. Danny Elfmans Bruder Richard, vornehmlich als exaltierter Musiker (Oingo Boingo), Journalist und im Bühnenfach tätig, hatte sich nach seinem bizarren Musical und Midnight Movie „Forbidden Zone“ erstmal lange Jahre aus dem Filmgeschäft ferngehalten und kam erst in den Neunzigern wieder dazu, einige Off-Studio-Projekte zu inszenieren, zuletzt das vorliegende.
Für den sich als ebenso eigensinnige wie geschmacklose Satire begreifenden „Modern Vampires“ konnte er eine überaus stattliche Besetzung vor der Kamera versammeln, die durchweg mit einigem Einsatz ans Werk geht und somit ihr Herz und Engagement für Elfman und sein Werk transparent werden lässt. Im zunehmenden Verlauf seiner Spielzeit spitzt sich die Absurdität des Geschehens immer weiter zu und spätestens, wenn der altehrwürdige Van Helsing mit den vier zugedopten Crips im Fond seines Vans über den Sunset Boulevard tuckert und von der Polizei angehalten wird, weiß man endgültig, in welchem Hause man hier zu Gast ist. Zudem erfährt der Zuschauer mancherlei Dinge betreffs des altehrwürdigen Vampirmythos, die er sich vorher nie zu erfragen wagte (oder wollte), so etwa, dass man sich durch koitalen Verkehr mit einer Vampirin selbst zum Blutsauger wird. Eine freidrehende Vergewaltigungsszene, in der sich das Gangmitgliederquartett über die hässlich mutierte Kim Cattrall hermacht und im Nachhinein erstmal das große Kotzen kriegt, dient zur diesbezüglichen Illustration. Überhaupt hat „Modern Vampires“ nicht nur ein großes Herz fürs erlesen Abjekte, sondern auch für seine zähnebleckenden GesellInnen, zumindest für jene, die auf verkrustete aristokratische Strukturen zu verzichten und sich stattdessen als lebensbejahende Libertins einzurichten pflegen.

7/10

THE WILBY CONSPIRACY

„In a police state, the police are always busy.“

The Wilby Conspiracy (Die Wilby Verschwörung) ~ UK 1975
Directed By: Ralph
Nelson

Eine Flasche Champagner steht bereits kühl- der südafrikanischen Anwältin Rina van Niekirk (Prunella Gee) ist es gelungen, den Bantu-Freiheitsaktivisten Shack Twala (Sidney Poitier) aus der politischen Haft auf Robben Island herauszuboxen. Gemeinsam mit Rinas englischem Galan Jim Keough (Michael Caine) macht man sich schon zum Feiern bereit, als die Drei in eine Polizei-Straßensperre geraten. Die rassistischen Beamten verwickeln das Trio in einen Konflikt, so dass Keough und Twala zur Flucht gezwungen sind. Twala überredet den Briten, mit ihm nach Johannesburg zu fahren, wo Anil Mukerjee (Saeed Jaffrey), ein Sympathisant der Anti-Apartheids-Bewegung, im indischen Viertel lebt. Mukerjee wiederum weiß um das Versteck einiger Diamanten, die Twala dem Untergrundführer Wilby Xaba (Joe de Graft) zukommen lassen will. Was keiner der Beteiligten ahnt: Der ketterauchende Major Horn (Nicol Williamson) verfolgt sie auf Schritt und Tritt und ist über sämtliche ihrer Vorhaben bestens informiert.

Eine Art durch den Wolf gedrehte Variante von Kramers „The Defiant Ones“, in der abermals Sidney Poitier, diesmal in Handschellen, dazu gezwungen ist, gemeinsam mit einem verständnislosen, ihm nur wenig wohlgesonnenen Weißen durch eine von ehernem Rassismus geprägte Welt zu fliehen. Ralph Nelson, der hier bereits zum dritten (und letzten) Mal mit Poitier zusammenarbeitete, machte das Sujet allerdings behende zu seinem eigenen: Die Transponierung des Doppel-Flucht-Plots auf das südafrikanische Apartheidsregime gerinnt hier relativ zügig zu einem frühen, schwarz-/weißen buddy movie mitsamt einigen komisch angelegten Nebenanekdötchen und beeinflusst zudem von amerikanischer Blaxploitation. Natürlich muss Caines Charakter Keogh stellvertretend für das mutmaßliche Gros des Publikums eine ideologische Wandlung durchleben – als politisch unbedarfter Ingenieur auf Montage nimmt er, typisch westeuropäisch, lediglich die exotische, äußere Schönheit der Region wahr, die so hübsch ausgestellte, wirtschaftlich florierende Fassade der weißen Minoritätenregierung. Was es indes bedeutet, hier als person of colour zu leben, lernt er in letzter Konsequenz erst ganz zum Schluss, als ihm klar wird, mit welch konsequenter Perfidie das Regime seinen Status quo präserviert. Keoghs Wandlung zum Aktivisten vollendet sich mit der eiskalt vorgenommenen Exekution des den Polizeistaat repräsentierenden Offiziers Horn – ein beeindruckendes und nachhallendes Finale dieses zwischenzeitlich immer wieder so merkwürdig unangebracht leichtherzig wirkenden Films. Blitzlichtartige Assoziationen zu „Soldier Blue“ brechen sich da kurz Bahn, in dem Nelson ja bereits zeigte, dass bestimmte Topoi ihre genuin notwendige Wirkmacht ausschließlich unter Befleißigung einer ausgesuchten Gnadenlosigkeit entfalten können.
Kleine filmhistorische Randnotiz: Sieben Jahre vor Bruce Malmuths „Nighthawks“ waren hier erstmals Rutger Hauer und die schöne indische Aktrice Persis Khambatta gemeinsam in einem Film zu sehen, jedoch ohne gemeinsame Szene und beide in seltsamen supporting parts als jeweils abtrünnige EhepartnerInnen.

7/10