THE WHOLE NINE YARDS

„Everyone dies. Sooner or later.“

The Whole Nine Yards (Keine halben Sachen) ~ USA 2000
Directed By: Jonathan Lynn

Nicholas „Oz“ Oseransky (Matthew Perry) lebt mit seiner Gattin Sophie (Rosanna Arquette) in einem gepflegten Vorort Montreals, wo er eine Zahnarztpraxis betreibt. Sophie und Oz hassen sich leidenschaftlich und sie will nurmehr möglichst viel bei ihm abstauben, wozu ihr scheinbar jedes Mittel recht ist. Als eines Tages neben den Oseranskys der bekannte Profikiller Jimmy „The Tulip“ Tudeski (Bruce Willis) einzieht, verschärft sich die Situation noch: Sophie überredet Oz, nach Chicago zu fliegen, um dort Tudeskis Erzfeind, den ungarischstämmigen Gangsterboss Janni Gogolak (Kevin Pollak), über dessen Aufenthaltsort zu informieren, versucht im Gegenzug jedoch, Tudeski anzuheuern, um Oz umzulegen. In Chicago lernt Oz nicht nur Gogolak und Tudeskis Berufsgenossen Frankie Figs (Michael Clarke Duncan) kennen, sondern auch Jimmys Noch-Gattin Cynthia (Natasha Henstridge), in die er sich Hals über Kopf verliebt. Zurück in Kanada gibt es noch einige weitere Überraschungen und manch bleihaltige Auseinandersetzung.

Der Einfluss von Tarantinos zynischem Killergestus, in dessen Gefolge sehr rasch alles salonfähig wurde, was schießwütige Gesellen mit flotten Sprüchen anbetraf, die ihre Gegner und/ oder Konkurrenz mit kaum mehr emotionaler Regung denn der eines müden Lächelns von der Platte putzten, war durch die gesamten neunziger Jahre hindurch omnipräsent und ließ auch darüber hinaus noch manchen Trieb sprießen. Jonathan Lynns „The Whole Nine Yards“ zählt zu jenem losen Dunstkreis und nimmt in mit Bruce Willis und Rosanna Arquette gleich noch zwei Ensemble-Mitglieder aus „Pulp Fiction“ zu sich hinüber, deren Figuren mit ein wenig Phantasie sogar leicht verzerrte Weiterführungen ihrer dort gespielten Charaktere abgeben könnten. Vor allem stellt Lynn aber seine Affinität für die Photographie schöner Frauen unter Beweis: neben der erwähnten Natasha Henstridge, deren Zeit im ganz großen Scheinwerferlicht ja nicht eben lange währte, kommt noch die wirklich bezaubernde Amanda Peet als Nachwuchskillerin Jill hinzu, die sich ganz besonderer Verwirrungstaktiken befleißigt. Die Besetzung spielt denn auch durchweg so charmant wie gut aufgelegt und bekommt einige wirklich komische Szenen zustande. Die Qualität der Inszenierung ist indes allerdings kaum der Rede wert und verharrt in etwa auf dem Niveau gängiger TV-Produktionen dieser Zeit. Alles daran wirkt routiniert, schematisch und überraschungsarm. Selbst die Farbdramaturgie präsentiert sich unattraktiv bis fade, fahl und seltsam verwachsen, was dem Gesamtresultat mit seinem oftmals knalligem Humor alles andere als in die Karten spielt. Eigentlich schade, dass man diese Grätsche zwischen unbeteiligter Gestaltungsform und witzigem Script hinzunehmen gezwungen ist – „The Whole Nine Yards“ hätte rückblickend einen noch sehr viel sehenswerteren Film abgeben können.

6/10

THE GREEN KNIGHT

„I fear I am not meant for greatness.“

The Green Knight ~ IE/UK/CA/USA 2021
Directed By: David Lowery

Gawain (Dev Patel), Neffe von König Artus (Sean Harris), mag sich den Gepflogenheiten eines standesgemäßen Ritterdaseins noch nicht stellen. Lieber verbringt er seine Zeit in Bordellen und Tavernen oder mit seiner Lieblingsmetze Essel (Alicia Vikander). Um Gawains Würde für einen Platz in der Tafelrunde des Königs auf die Probe zu stellen, beschwört seine Mutter (Sarita Choudhury) ein übernatürliches Wesen, den Grünen Ritter (Ralph Ineson), herauf. Dieser erscheint am Weihnachtsabend in Artus‘ Thronsaal und bietet den Anwesenden an, einen Streich an ihm auszuführen. Der Herausgeforderte müsse jedoch genau ein Jahr später die Grüne Kapelle aufsuchen und dort exakt denselben Hieb durch den Grünen Ritter entgegennehmen. Gawain enthauptet den Ritter daraufhin mit dem Schwert Excalibur und wird als Held gefeiert. Seine eigentliche Prüfung steht ihm jedoch noch bevor, in Form der elf Monate später beginnenden Queste, allerdings nicht, ohne sich eines Schutzzaubers in Form eines von seiner Mutter hergestellten, magischen Gürtels zu bedienen…

David Lowerys jüngste Regiearbeit ist eine sehr besonders gestaltete Adaption des mittelenglischen Textes „Sir Gawain And The Green Knight“, der als eine der Weiterführungen der traditionellen Artus-Geschichten fungierte. Darin findet sich neben einer Vielzahl mythologischer Aspekte im Wesentlichen die Kernweise um die Stabilität ritterlicher Ideale im Angesicht vielgestaltiger Versuchung. Auf seiner Queste nach der Grünen Kapelle und damit der Erfüllung seines eigenen Schicksals muss sich Gawain hinterlistiger Wegelagerer erwehren, die ihn um fast all sein mitgeführtes Hab und Gut erleichtern, er begegnet der kopflosen Geisterfrau Winifred (Erin Kellyman), die ihn um ihre Erlösung ersucht, schließt Bekanntschaft mit einem zutraulichen Fuchs und landet in der Burg eines gastfreundlichen adligen Ehepaars, von dem der Mann (Joel Edgerton) die meiste Zeit mit der Jagd verbringt, während die Frau (Alicia Vikander) Gawain offene Avancen macht. Schließlich steht dieser, am Ende seines spirituellen Weges angelangt, vor dem Grünen Ritter, der von Gawain seine Revanche fordert. Eine letzte Vision trägt ihn, nachdem er dem Todeshieb des Ritters mithilfe seines Zaubergürtels entgehen kann, in eine oberflächlich zwar glorreich scheinende, für ihn persönlich aber doch tiefunglückliche Zukunft voller Ausflüchte und Verlogenheit. Daraufhin entledigt sich Gawain des Gürtels und erwartet sein Schicksal.
Während sich in der originallen Moritat der Grüne Ritter als verwandelter Burgherr entpuppt und Gawain, der fortan seinen Ruhm, sich dem Unausweichbaren tapfer gestellt zu haben, lachend mit jenem Gewissen ziehen lässt, endet der Film mit einem unzweifelhaft versprechenden „Off with the head“ durch den Grünen Ritter, Gawain und mit ihm das Publikum im Ungewissen zurücklassend. So rätselhaft wie jener Abschluss gestaltet sich der gesamte Film, der, was kaum verwundert, verliehen und coproduziert wurde durch das bereits sehr für sein oftmals eigenwilliges Œuvre bekannten, noch jungen Studios A24. „The Green Knight“ spielt mit allem, was ihm unter die Finger gerät; mit der Historie, die sich selbst im Rahmen eines mittelalterlichen Fantasystücks kaum auhentisch, sondern als eklektisch-verschrobenes Realitätskonstrukt erweist; mit seinen Figuren, die einen durchweg metaphorischen bis symbolischen Charakter einnehmen und bewusst kaum mit Namen versehen sind sowie natürlich mit dem Ursprungstext, dessen latente Ironie er aufgreift und in ein vorsätzlich diffizil arrangiertes Kunstwerk der Gegenwart transponiert. Fernab jedweder leichten Konsumierbarkeit erweist sich Lowerys vordergründig lehranekdotenhaft erzählter Film als ebenso großes Paradoxon wie sein Erzählgegenstand: er ist unzugänglich, ohne sperrig und verrückt ohne wirr zu sein. Seinem Rezeptionszirkel macht es „The Green Knight“ alles andere als einfach. Er verlangt ihm im Gegenteil ein hohes Maß an Aufgeschlossenheit und Bereitschaft zur Auseinandersetzung ab, belohnt ihn im Gegenzug jedoch (nicht nur) mit ausgesuchter visueller Pracht und bildnerischer Schönheit.

8/10