ICE COLD IN ALEX

„Dames and mines. Lovely party.“

Ice Cold In Alex (Eiskalt in Alexandrien – Feuersturm über Afrika) ~ UK 1958
Directed By: J. Lee Thompson

Ägypten, 1940. Kurz vor dem Fall von Tobruk wird der versoffene RASC-Commander Captain Anson (John Mills) gemeinsam mit MSM Tom Pugh und den beiden Krankenschwestern Diana (Sylvia Sims) und Denise (Diane Clare) nach Alexandrien geschickt, um dort weitere Befehle abzuwarten. Die Reise durch die vom Krieg aufgeriebene Wüste in einem abgetakelten Kleinlaster erweist sich als zermürbend; ein unterwegs aufgenommener, südafrikanischer Soldat namens van der Poel (Anthony Quayle) kann zumindest immer wieder verhindern, dass es zu heftigeren Scharmützeln mit der Wehrmacht kommt. Bald jedoch wird der Verdacht immer lauter: Ist van der Poel womöglich ein deutscher Spion?

Bereits ein Jahr vor dem in Indien angesiedelteln „North West Frontier“ fertigte J. Lee Thompson diesen dem bunten, aufwändigen Abenteuer sozusagen als Ideengeber dienenden Kriegsfilm. Etwas bescheidener in der Ausführung erzählt „Ice Cold In Alex“, dessen zunächst merkwürdig anmutender Titel sich auf nichts Geringeres bezieht als eine Flasche Bier, eine in Grundzügen sehr ähnliche Geschichte: Die lebensgefährliche Fluchtfahrt auf einen maroden Vehikel durch eine von Feinden und anderen Gefahren geprägte Ödnis. Dabei werden ganz unterschiedliche Figuren zur Zusammenarbeit gezwungen; Held und Heldin werfen ein Auge aufeinander und es gibt einen gegnerischen Agenten, der sich in „North West Frontier“ jedoch anders entwickeln wird.
Beide Filme weisen hervorragende Qualitäten in jeder Beziehung auf und sind Musterbeispiele für hingebungsvolles, kompetentes Filmemachen, wie es Profis wie Thompson früher eben noch wie selbstverständlich zu eigen war. Freilich dient der historische Hintergrund des Nordafrika-Feldzugs hier abermals als nicht mehr denn als Stichwortlieferant für einen feisten Abenteuerfilm; dieser wird dafür jedoch so jovial und kernig erzählt, dass es einfach Freude macht. Es gilt immer wieder abwechselnd, der lebensfeindlichen Natur oder den Deutschen ein Schnippchen zu schlagen; man gerät in eine bleihaltige Verfolgungsjagd oder in tödliches Sumpfgelände. Auch das gute, alte Minenfeld darf nicht fehlen. Den famosen Spannungshöhepunkt bildet die buchstäblich schweißtreibende Aufgabe, den Kleinlaster einen riesigen Sandhügel emporzuschieben, dem das Getriebe des alten Schätzchens nicht gewachsen ist. Man leidet und fiebert regelrecht mit den Gebeutelten. Allein hierin verdeutlicht sich Thompsons Meisterschaft bei der Inszenierung von Spannungssequenzen bis vor den Bildschirm. Ganzt wunderbar gefallen hat mir auch das britische Ensemble: John Mills als schmächtig scheinender, aber drahtiger Gintrinker, der knautschgesichtige Harry Andrews, der bärige Anthony Quayle (den ich bislang eigentlich, warum weiß ich selbst nicht, immer für ziemlich mickrig gehalten habe( und die besonders in der Gegenwart dieses gegerbten Trios anmutige Sylvia Sims sind vortrefflich.

9/10

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WE NEED TO TALK ABOUT KEVIN

„I am the context.“

We Need To Talk About Kevin ~ Großbritannien/USA 2011
Directed By: Lynne Ramsay

Der Teenager und Schüler Kevin Khatchadourian (Ezra Miller) landet im Gefängnis, nachdem er seinen Vater Franklin (John C. Reilly), seine jüngere Schwester Celia (Ashley Gerasimovich) und im Zuge einer sorgfältig geplanten Aktion diverse Mitschüler ermordet hat. Kevins Mutter Eva (Tilda Swinton), die von den meisten ihrer Mitbürger wie eine Aussätzige behandelt, bespuckt und tyrannisiert wird, nachdem sie mithilfe eines Anwalts ein offenbar günstiges Gerichtsurteil für Kevin erstritten hat, lässt nach und nach die gesamte Biographie ihres Sohnes Revue passieren.

Die britische Autorin Lionel Shriver schreibt vornehmlich über ebenso bewegende wie unangenehme Themen, denen sie häufig mit einer Mischung aus schwarzem Humor und einer analog dazu eher finsteren sozialen Prognostitzierung begegnet. Ihr 2005 erschienener Roman „We Need To Talk About Kevin“ wurde wie im Hinblick auf ihren kreativen Ausstoß üblich recht kontrovers aufgenommen und besprochen. Das Interesse an einer Filmadaption entbrannte quasi mit dem Veröffentlichungstag, wobei das folgende, unübersichtliche Hinundher die Produktion stark verzögerte.
„We Need To Talk About Kevin“ macht es weder sich noch seinen Protagonisten leicht; weniger als die psychologische Anamnese eines jugendlichen Massenmörders handelt es sich um die Charakterisierung seiner Mutter, einer Frau, die die Diskrepanz zwischen gesellschaftlichen und persönlichen Lebenserwartungen bereits mit der Geburt ihres Sohnes auf das Bitterste zu spüren bekommt. Es ist gut, dass sich die Geschichte nicht um den analytischen Blickwinkel oder gar um Antworten schert; sie observiert lediglich, wenngleich aus sehr zuspitzter Perspektive. Eva, eine weltoffene, libertine Frau, kann keine mütterliche Liebe für ihr Kind aufbringen, vielmehr symbolisiert es für sie den Beginn einer immensen Verantwortlichkeit, die sie in Ketten zu legen droht. Plötzlich ist da Familie, da sind Verbindlichkeiten, Dinge, die so gar nicht zu dem passen wollen, was sie unter „Freiheit“ versteht. Dass Kevin sich nebenbei schon früh zu einem wahren Wechselbalg entwickelt, das tatsächlich so etwas wie einen Hang zum Bösen kultiviert, könnte eine zusätzliche Verschärfung der Situation sein oder eine emotionale Reaktion des sensiblen Kindes auf die heimliche Ablehnung der Mutter. Auch hier verzichtet der Film stolz erhobenen Hauptes auf Paraphrasierung und Formelhaftigkeit, die sich doch so sehr anböten. Wo Kevin bei seiner Mutter vornehmlich Kälte erfährt, lässt er sie seinen ewig leuchtenden Protest spüren: er ist ein Schreibaby, weigert sich später vorsätzlich, trocken zu werden, macht Dinge kaputt, die seine Mutter liebt und wickelt den naiven Vater um den kleinen Finger. Später kommt es zu offenen Aggressionen und Verletzungen; als Kevins Schwesterchen Celia, nebenbei ein bezauberndes, kleines Mädchen und von allen (außer Kevin) geherztes „Wunschkind“, ein Auge verliert, weiß Eva instinktiv, dass es sich dabei nicht, wie allgemein angenommen, um einen Unfall gehandelt haben kann. Noch mehr als die Unfähigkeit, zärtliche Nähe zu Kevin aufzubauen, zermürben Eva jedoch die eben damit einhergehenden Schuldgefühle. Umso tapferer erträgt sie die sich nach Kevins furchtbarem Mordzug einstellenden Konsequenzen, die sie wie eine natürliche Strafe für alle früheren Versäumnisse annimmt – so es sich denn überhaupt um solche handelt. Am Ende haben diese beiden, sich seit jeher hassenden Menschen nurmehr einander: der Junge, der viele Menschen umgebracht hat und seine Mutter, die sich die Schuld dafür gibt. Zum ersten Mal glimmt so etwas wie Verständnis zwischen ihnen auf. Der Weg dorthin ist gepflastert mit Blut.

8/10

FAT MAN AND LITTLE BOY

„It’s all about ass, isn’t it? Either you kick it… or you lick it.“

Fat Man And Little Boy (Die Schattenmacher) ~ USA 1989
Directed By: Roland Joffé

Ein knappes Jahr nach dem Angriff auf Pearl Harbor macht man sich in den USA zunehmend Sorgen um die einstmals als unantastbar gewähnte, nationale Sicherheit. Im Zuge des „Manhattan-Projekts“ soll daher in der Wüste von Los Alamos möglichst rasch die Atombombe entwickelt und konstruiert werden, um den in dieser Sache möglicherweise ebenfalls umtriebigen Achsenmächten zuvorzukommen. Unter der militärischen Ägide von General Leslie Groves (Paul Newman) arbeitet neben dem Physiker und Projektleiter Robert Oppenheimer (Dwight Schultz) noch eine ganze Anzahl weiterer renommierter Wissenschaftler in der öden Abgeschiedenheit an der Massenvernichtungswaffe. Das harte Reglement im Camp erlaubt den Männern faktisch kein unbeobachtetes Privatleben mehr; eine von Oppenheimer über Jahre gepflegte Affäre mit der Kommunistin Jean Tatlock (Natasha Richardson) endet tragisch. Schließlich können erste experimentelle Erfolge verzeichnet werden, die Oppenheimers Mitarbeiter Merriman (John Cusack) das Leben kosten. Obwohl Deutschland im Mai 1945 endgültig kapituliert, wird unter einigem Protest der Wissenschaftler die kurz bevorstehende, erste Erprobung der Bombe, der „Trinity-Test“, weiter forciert…

Gottgleiche Vernichtungsmacht und Schreckgespenst des Kalten Krieges: die Atombombe. Dass aus Krieg per se nichts Gutes erwachsen kann, ist eine stiefmütterliche Binsenweisheit, doch beflügelt der schlimmste aller Konflikte leider oftmals noch die allerärgste Perfidie. Mit den Abwürfen der als „Fat Man“ und „Little Boy“ titulierten Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945, drei Wochen nach der Testzündung der ersten Kernwaffe bei Alamogordo, hat die Menschheit sich ihre bis dato wohl furchtbarste Nemesis selbst entfesselt. Abgesehen von dem einzig nennenswerten Effekt, durch die erfolgte Massenvernichtung den Zweiten Weltkrieg auch im Pazifik beendet zu haben, spottet die Kreierung dieser und ähnlicher perverser Gerätschaften jedweder Menschlichkeit und tritt alle gesunde Vernunft mit Füßen.
Für seine Zusammenfassung der Geschichte um den Bau der Bombe wählte Joffé einen ebenso nüchternen wie konzentrierten, teils dokumentarisch anmutenden Erzählansatz. Da werden gebildete Männer zusammengetrieben, die in Abstraktion, Theorie und Wissenschaft zu Hause sind, denen eingeimpft wird, ihre patriotische Pflicht zu erfüllen und die es als einen gewissen Sport empfinden, ihren Geistegenossen von der gegnerischen Seite zuvorzukommen. Robert Oppenheimer steht diesem unheiligen Bund gewissermaßen als exemplarischer Charakter vor; mit der zunehmenden Zeit, die er sich dem Projekt widmet, mit den zunehmenden, vom Militär verordneten Geheimhaltungsmaßnahmen, verliert er sich mehr und mehr im Rausch des nahenden Erfolges. Wissenschaftlicher Fortschritt und gewinnorientierte Kriegsführung gehen eine höchst ungesunde Verbindung ein, an deren Ende das ultimative Mentekel wartet. Der Film endet mit dem Trinity-Test; der Einsatz der Bombe in Japan und ihre spätere Karriere als bislang nie wieder im Kriegsfalle eingesetztes Abschreckungsobjekt findet den üblichen Post-scriptum-Abriss. Den Effekt entfesselter Strahlung zeigt „Fat Man And Little Boy“ derweil nur einmal im Zuge eines fehlgeleiteten Experiments zur Bestimmung der kritischen Masse von Plutonium: Der Physiker Michael Merriman, ein sympathischer, junger Idealist, bekommt eine hohe Strahlendosis ab und stirbt binnen wenigen Tagen einen qualvollen, gar monströsen Tod. Dessen Darstellung tut ihr Dringlichstes, mehr möchte man nicht gar nicht sehen und doch soll in der Realität dasselbe noch hundertausendfach aufs Neue rekurrieren.
Möge uns Allen Vergleichbares auf ewig erspart bleiben.

8/10

NAKED

„A cliché is full of truth, otherwise it wouldn’t be a cliché….“  – „Which is in itself a cliché.“

Naked (Nackt) ~ UK 1993
Directed By: Mike Leigh

Mit einem geklauten Auto flieht Johnny (David Thewlis), nachdem er eine Frau vergewaltigt hat, Hals über Kopf von Manchester nach London, wo er die WG seiner Exfreundin Louise (Lesley Sharp) aufsucht. Louises dauerbekiffter Mitbewohnerin Sophie (Katrin Cartlidge) begegnet er als erstes, Sandra (Claire Skinner), die Dritte im Bunde, befindet sich gerade auf einer Afrika-Reise. Schon die Gegenwart der beiden anwesenden Frauen ist für Johnny zuviel des Guten. Statt in der Wohnung zu bleiben, begibt er sich auf einen ziellosen Trip durch London, wobei er diversen gescheiterten Zeitgenossen begegnet, die es nicht besser getroffen als er, der sich in einer formvollendeten Mischung aus Misanthropie und Selbstmitleid gern zum ultimativen Opfer stilisiert. Schließlich bezieht er eine gewaltige Tracht Prügel und kriecht blutend zu der Damen-WG zurück, wo ihn die Fürsorge Louises zumindest vorübergehend aufbaut. Parallel dazu stromert der reiche Yuppie Jeremy (Greg Cruttwell) durch die Stadt, der eine noch schärfere Misogynie als Johnny pflegt und im Gegensatz zu ihm vollends die Brücken zur Menschlichkeit abgebrochen zu haben scheint. Auch er landet irgendwann bei Louise und Sophie…

No future for you, no future for me. Mike Leighs empathiesperriges Porträt eines heimatlosen Arschlochs zählt zum Zwingendsten, was das britische Kino in den neunziger Jahren ausgespieen hat. „Naked“ ist ein Film der Nacht und der Kälte, er zeigt beinahe ausschließlich Menschen, die in multiplen Formen der Isolation vor sich hinexistieren, kein greifbares Ziel vor Augen. Beziehungsunfähigkeit und Sackgassen bestimmen das durch Drogen, Alkohol und paraphile Ausbuchtungen eträglicher gemachte Lebensspektrum, das Leigh uns hierin vorführt; ein verirrtes Pärchen (Ewen Bremner, Susan Vidler) läuft aneinander vorbei, ein einsamer Nachtwächter (Peter Wight) beobachtet eine alternde Säuferin (Deborah MacLaren) im Haus gegenüber, eine Serviererin (Gina McKee) ist schwer traumatisiert. Johnny, gewissermaßen ein Erbe all der zornigen, maskulinen Kitchen-Sink-Charaktere aus der dreißig Jahre zurückliegenden Hochphase jener Kinowelle, hat für sie alle garantiert ein böses Wort parat und lässt sie an seinen verqueren, selbsträsonistischen Lebensweisheiten teilhaben, die sich in einem oftmals wirren Konglomerat aus Zynismus und Endzeitphantasien äußern. Hoffnung oder gar Trost wären Termini, angesichts derer Johnny bestenfalls höhnisches Gelächter parat hätte. Dass sein von ihm so wunderbar gepflegter Sarkasmus indes nicht mehr ist denn ein ungehört verhallender Hilfeschrei nach Zwischenmenschlichkeit, macht seine ausgestellte Abgründigkeit kaum genießbarer. Der zumindest liquide Jeremy (Greg Cruttwell spielte drei Jahre später nochmal eine wunderbare Ergänzung zu diesem Part in John Herzfelds nach wie vor sträflich ignoriertem „2 Days In The Valley“) ist da nicht viel mehr als sein betuchtes Pendant und nebenbei der zwingend erbrachte Beweis dafür, dass auch Geld keine großen Männer macht; bei ihm kennzeichnen sich Egomanie und Frauenhass vielmehr durch unverhohlen ausgestellte, sadomasochistische Gelüste, die er dann mit hilflos wirkendem Gekicher kommentiert. Eine probate Identifikationsfigur in „Naked“ zu finden, wird einem nur schwerlich gelingen, selbst die noch am Ehesten als halbwegs vernunftbegabt durchgehende Louise ist nicht in der Lage, eine klare Linie zu verfolgen.
So jagt Leigh uns rundheraus durch gut sechzig erzählte Stunden menschlicher Schlingfesseln und Abgründe, die sich durch regelmäßig durchblitzende Schwarzhumorigkeit immerhin auf emotionaler Ebene etwas besser ertragen lassen. Andererseits ist „Naked“ ohnehin ein Werk, das man vielleicht am Besten im Spätherbst bei Dunkelheit und abgedrehter Heizung genießen sollte.

9/10

THE LOST CITY OF Z

„Peace means only that nothing will change.“

The Lost City Of Z (Die versunkene Stadt Z) ~ USA 2016
Directed By: James Gray

Der britische Offizier Percy Fawcett (Charlie Hunnam), ein hervorragender Reiter und Schütze, leidet unter Standesdünkeleien, die ihn die in seinem Umfeld allgegenwärtige Aristokratie spüren lässt. Im Jahre 1906 wirbt ihn die Royal Geographical Society an, um in Südamerika ein unerforschtes Teilgebiet des Amazonas zu kartographieren. Dabei stößt Fawcett auf architektonische Relikte, die auf eine untergegangene oder möglicherweise noch existente, versteckte Hochkultur mitten im Urwald hindeuten. Mit letzter Kraft schaffen es Fawcett und seine verbliebenen Männer, in die Zivilisation zurückzukehren. Unter der Schirmherrschaft des Biologen James Murray (Angus Macfadyen) macht sich Fawcett zu einer zweiten Expedition auf, diesmal, um ganz gezielt die „Stadt Z“, wie Fawcett sie nennt, ausfindig zu machen. Murrays unprofessionelles Verhalten sorgt für einen frühzeitigen Abbruch des Abenteuers, wobei der feine Herr Fawcett zurück in England zudem des Verrats denunziert. Der erboste Fawcett kündigt der RGS seine Verbundenheit und kann jahrelang nicht mehr zum Amazonas reisen, obwohl in das Entdeckerfieber gepackt hat. Nach seinem Einsatz im Ersten Weltkrieg, der eine vorübergehende Erblindung zur Folge hat, überredet ihn schließlich sein ältester Sohn Jack (Tom Holland), im Jahre 1923 eine weitere Expedition zur Suche nach der Stadt Z zu starten. Die beiden kehren nie wieder zurück.

Dass James Gray sich vorzüglich auf die Inszenierung historischer Stoffe, sprich: period pieces versteht, konnte er bereits mit seinem letzten Film „The Immigrant“ nachdrücklich unter Beweis stellen. Er entwickelte seither ein spezielles Faible für Zeitkolorit und dessen detaillierte Ausgestaltung, was „The Lost City Of Z“ zu einem aufreizend gemächlich fortschreitenden, visuellen Festmahl macht, das Herzogs nicht unähnlich konnotiertem Meisterwerk „Fitzcarraldo“ wohl die eine oder andere Inspiration verdankt.
Diesmal muss der Filmemacher (und somit auch sein willfähriges Publikum) allerdings auf die Mitwirkung des ansonsten bereits zum gray’schen Obligatorium avancierten Joaquin Phoenix verzichten; der Qualität von „The Lost City Of Z“ tut dies jedoch keinen Abbruch. Gray wirft sich diesmal also in die wirren Strudel authentischer Historie und nimmt sich den britischen Entdecker Percy Fawcett vor, eines besonders bewundernswerten Vertreters seiner Zunft. Fawcetts Reisen und deren Berichte beflügelten nicht nur die von Exotik und Xenophilie geprägten Träume des späten Empire, sondern zudem auch die zeitgenössischer Abenteuerliteraten wie Doyle und Haggard, die persönlich mit Fawcett befreundet waren. Als Soldat nahm Fawcett darüberhinaus nicht nur seine Expeditionen nach Übersee in seinen wohl beispiellosen Erfahrungsschatz auf, sondern auch mehrere Kriegseinsätze, darunter die Schlacht an der Somme. Eine Verfilmung seiner Biographie war somit gewissermaßen höchst überfällig. Gray setzt im Irland des Jahres 1905 an, als Fawcett, damals 38 Jahre alt, eigens für einen hochherrschaftlichen Besuchs des Erzherzogs Franz Ferdinand (Brian Matthews Murphy) einen kapitalen Hirsch erlegt, nur um dann von der adligen Gesellschaft geschnitten zu werden – seine uneheliche Herkunft legt ihm nahezu unüberbrückbare gesellschaftliche Steine in den Weg. Gray wähnt hierin eines der primären Motive für Fawcetts spätere Besessenheit als Entdecker – die Wiederherstellung seines guten Familiennamens. Später leidet seine Familie, insbesondere Sohn Jack, unter der fortwährenden Absenz des Vaters. Erst als Erwachsener begreift Jack die Unumstößlichkeit der väterlichen Träumereien zur Gänze und bereitet ihnen das schönste Zugeständnis, indem er den bereits resignierenden Senior zu einer gemeinsamen, finalen Südamerikareise bewegt. Ab 1925 gelten Vater und Sohn Fawcett als verschollen, diverse eilends geschaltete Rettungsexpeditionen scheitern. Und auch Grays Film, der wiederum auf einem investigativen Buch des Journalisten David Grann beruht, verweigert sich einer eindeutigen Erklärung. Er forciert jedoch Mutmaßungen, denen zufolge die beiden tatsächlich jener geheimnisvollen, versteckten Dschungelstadt zumindest ansichtig geworden sind, ja, vielleicht sogar sich dort niedergelassen haben. Fawcetts ewigem Traum von mythischer Erfüllung wäre eine solch märchenhafte Fügung mehr denn zu gönnen.

8/10

PATERSON

„Poetry in translation is like taking a shower with a raincoat on.“

Paterson ~ USA/F/D 2016
Directed By: Jim Jarmusch

Paterson (Adam Driver), der Mann, der heißt, wie die Stadt in New Jersey, in der er lebt und als Busfahrer tagtäglich seine Runden zieht. Paterson, der Mann, ist verheiratet mit Laura (Golshifteh Farahani), die nicht ganz so gut backt und kocht, wie sie glaubt, was er ihr aber nie sagen würde. Laura liebt Paterson vor allem für seine Dichtkunst, die er jedoch lieber nicht zu veröffentlichen bevorzugt. Allabendlich trinkt Paterson ein Bier in seiner Stammkneipe, während Bulldogge Marvin draußen angebunden auf ihn wartet. Paterson liebt sein Leben, auch, wenn es gleichförmig und scheinbar ereignislos verläuft. Es sind die kleinen, kurzen Begegnungen und Episoden, die ihn glücklich stimmen: Die Leute, die mit dem Bus fahren, ein kleines Mädchen (Sterling Jeris), dass sich wie er selbst der Poesie verschrieben hat. Schießlich ein japanischer Dichter (Masatoshi Nagase), der ihm ein leeres Notizbuch schenkt.

Jim Jarmusch, unangefochtener amerikanischer Meister des stillen, kontemplativen Kinos, bleibt mit „Paterson“ seiner Linie nicht nur treu, sondern verlangsamt sein Tempo sogar nochmals, analog vielleicht zum eigenen Älterwerden. „Paterson“ erzählt den Abriss einer Woche im Leben des gleichnamigen Protagonisten in seiner gleichnamigen Stadt, die für ihre vergleichsweise bescheidene Größe eine erstaunliche Anzahl Prominenter und Kulturschaffender hervorgebracht und beherberht hat. Obwohl jene sieben Tage augenscheinlich wenige Höhepunkte vorweisen, geschehen für Paterson und seinen Lebensweg gleich mehrere elementare Begebenheiten, die ihn in allem, was er ist und was er sein will, bestätigen. Paterson hat seinen festen Platz in der Welt. Er ist ein heimlicher Intellektueller, ein Dienstleister, an den sehr heterogenen Menschen, denen er allenthalben begegnet und mit denen er täglich zu tun hat; sei es, indem er einen liebeskranken Kneipengast (William Jackson Harper) besänftigt, oder seine nervösen Fahrgäste angesichts einer Buspanne beruhigt. Sein Bücherregal ist nicht besonders groß, aber fein selektiert. William Carlos Williams steht darin, wie Paterson selbst ein schreibender Observierer, der einst eine Anthologie veröffentlicht hat, die – wie könnte es anders sein – den Namen „Paterson“ trägt. Äquivalenzen und Spiegelbilder ziehen sich leitmotivisch durch Patersons Alltag: Immer wieder und überall begegnet er Zwillingspärchen. Alles hat zwei Seiten. Als er einmal mit Laura ins Kino geht, um sich Erle C. Kentons Klassiker „Island Of Lost Souls“ anzuschauen, zerfetzt der eifersüchtige, alleingelassene Marvin sein Gedichtbuch derweil zu Haus Patersons handschriftlich geführten Gedichtband. Doch auch das wirft den Helden des Alltags nicht aus der Bahn. Dass es und alles, manchmal auf geradezu magische Weise, immer weitergeht, wird sich ihm kurz darauf offenbaren.

8/10

THE DEFENDERS: SEASON 1

„Am I the only one in New York who doesn’t know Karate?“

The Defenders ~ USA 2017
Directed By: S.J. Clarkson/Phil Abraham/Farren Blackburn/Uta Briesewitz/Félix Enríquez Alcalá/Peter Hoar/Stephen Surijk

Höchst unfreiwillig schließen sich die vier New Yorker Superhelden Matt Murdock (Charlie Cox), Jessica Jones (Krysten Ritter), Luke Cage (Mike Colter) und Danny Rand (Finn Jones) zu einem Team zusammen, um die undurchsichtigen Pläne der uralten Verbrechensorganisation „Die Hand“ und ihrer geheimen Chefin Alexandra Reid (Sigourney Weaver) zu durchkreuzen, die wegen eines tief unter Manhattan verborgenen Geheimnisses die Zerstörung der gesamten Metropole in Kauf nimmt.

In direkter Folge zu der „The Defenders“ gewissermaßen vorbereitenden Reihe „Iron Fist“ habe ich mir in zwei Abschnitten das bislang jüngste Netflix-Serial angeschaut. Das beflügelnde Potenzial der besten Momente aus „Daredevil“ oder „Luke Cage“ erreichen die „Defenders“ nicht, soviel gleich einmal vorweg. Nach der bereits recht früh erfolgten Ankündigung seitens des emsigen Anbieters, die vier separat vorgestellten Superhelden nach ihren Soloeinsätzen zusammenzubringen und ihnen den Namen eines ursprünglich komplett anders besetzten Marvel-Teams aus den frühen Siebzigern (das zunächst aus den wesentlich kampfkräftigeren Doctor Strange, Hulk, Submariner und Silver Surfer bestand) zu verabreichen, durfte man sich einiger berechtigter Vorfreude unterlegen, die das finale Resultat jedoch bestenfalls im Ansatz zu erfüllen weiß. Der Höhepunkt von „The Defenders“ liegt zugleich in ihrer Prämisse, nämlich vier der besten street fighting heroes aus dem Marvel-Universum vereint im Kampf genießen zu können. Leider erweisen sie alle sich nach wie vor, mit Ausnahme des weniger abgeklärten Danny Rand, als genau die Individualisten, als die sie onscreen bereits vorgestellt wurden: Keiner will eigentlich etwas mit den forcierten Partnern zu tun haben, der Aufbau von wechselseitigem Vertrauen fällt alles andere als leicht und man macht sich den zügigen Erfolg durch überaus dysfunktionale Kratzbürstigkeiten nur sehr viel schwerer. Die Comics hatten es da stets wesentlich einfacher, oder es sich, so man will, erholsam einfach gemacht: Hier gab und gibt es über Jahre hinweg gepflegte Freundschaften (Cage und Rand), Allianzen (alle helfen sich oft – auch privat – gegenseitig aus) und Romanzen (Jones und Cage) und hier wäre ein Gegner wie Alexandra Reid für die geballte Teampower des Quartetts eher einem zweiten Frühstückshappen gleichgekommen. Darin liegt zugleich der aus meiner Sicht augenfälligste Störfaktor: in dem unbedingten Bestreben, liebgewonnene und gewiss berechtigte Traditionen bereits als obsolet abzukanzeln, ohne dass sie überhaubt die Möglichkeit bekommen, sich erstmal zu etablieren. Matt Murdock pflegt seine Geheimidentität mit Fug und Recht, dennoch kassiert er von der diesmal ohnehin allzu viele blöde Sprüche kloppenden Jessica Jones dumme Kommentare angesichts seiner Kostümierung. Derlei redundantes Beziehungsgebremse zieht sich durch geraume Phasen von „The Defenders“, während man immerhin Elodie Young, die als Elektra aus dem Grabe zurückkehrt, hinterherschmachten darf. Eigentlich gehört die Serie über nicht unwesentliche Strecken ihr, die zwischenzeitlich zur „Hand“ überläuft, bis ihr zum Ende hin ein ungewisses Schicksal bevorsteht. Dennoch wird man wohl damit rechnen dürfen, dass man sie dereinst, wie auch im Print, wiedersieht. Alles andere wäre auch viel zu schade. Die groß angekündigte Sigourney Weaver bleibt mir allzu blass und zumindest ich hätte die viel beeindruckendere Wai Ching Ho als Madame Gao völlig als Kopf der „Hand“ weiterhin bevorzugt. Der neuerlich als mysteriöser Stick auftretende Scott Glenn, der mittlerweile endgültig aussieht wie seine eigene Mumie, erhält einen wenig rühmlichen Serienausstieg und die vielen, lieb gewonnenen Nebencharaktere sind eigentlich bloß physisch präsent. Ich hätte mir den Fuß sehr viel häufiger am Gaspedal gewünscht, aber wenn man eben vornehmlich damit befasst ist, seine Hauptfiguren urplötzlich und über weite Strecken als selbsträsonistische Arschlöcher zu denunzieren, dann sind gewisse Umwege eben unumgänglich.

7/10