AFTERMATH

„I would like for someone to say that they’re sorry.“

Aftermath (Vendetta – Alles was ihm blieb war Rache) ~ USA/UK 2017
Directed By: Elliott Lester

Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände verursacht der Fluglotse Jake Bonanos (Scoot McNairy) einen Crash zweier Verkehrsmaschinen in der Luft, dem 271 Menschen zum Opfer fallen, darunter auch die Frau und die schwangere Tochter des Bauarbeiters Roman Melnyk (Arnold Schwarzenegger). Sowohl Bonanos als auch Melnyk erwartet eine Zeit tiefster Desolation: Der Eine wird nicht mit seiner drückenden Schuld fertig und entfremdet sich von seiner Familie, der andere findet weder eine befriedigende Form von Gerechtigkeit noch inneren Frieden.

Dies ist tatsächlich der erste Film, der Arnold Schwarzenegger weder als Superhelden oder Übermenschen zeigt, noch seine Filmfigur in ein realitätsfernes Szenario einbindet. Tatsächlich bekommt der Mann hier mit seinen nunmehr stolzen siebzig Lenzen, Bi- und Trizeps nach wie vor imposant, ansonsten jedoch bei altersentsprechender Form (wie Arnie sich nicht nehmen lässt, zu Beginn zu demonstrieren) die Gelegenheit zur Darstellung einer bis ins tiefste Innere gebrochenen Figur und akzeptierte ferner eine Rolle, die einen weiteren Hauptcharakter (McNairy) absolut gleichberechtigt neben ihm agieren lässt, und das in einer völlig effektbefreiten, tieftristen Kleinproduktion, deren Budget vermutlich gerade mal ein Zwanzigstel jedes neuen „Terminator“-Films ausmacht. Wenn überhaupt. Lesters an tatsächlichen Ereignissen orientierter Film geriert sich als stilles, äußerst intimes und gemächliches Drama um urplötzlichen Verlust und die entsetzliche Unmöglichkeit, sich seiner zu erwehren oder gar, seiner Herr zu werden. Von einem auf den anderen Tag wartet das Nichts auf zwei zuvor im Leben stehende Männer; dem einen wird die Familie genommen, dem anderen seine grundlegende Stabilität. Beide versuchen fortan verzeifelt, sich mit der grundlegend veränderten Situation zu arrangieren, doch nur einer wird nach langen Monaten genug Kraft aufwänden, um ganz vallmählich dem tiefen Loch zu entsagen, dass ihn zwischenzeitlich völlig aufgesogen hat. Das Schicksal – in Person des anderen Mannes – versagt ihm jedoch eine endgültige Rückkehr in die ansätzliche Normalität, indem es den Antagonisten wiederum den letzten und einzigen Weg gehen lässt, der für ihn noch eine Option darstellt. Dass am Ende auch die Hoffnungslosigkeit in eine Kausalitätskette mündet, ist die finale, ernüchternde Botschaft, die „Aftermath“, ein Film, der unvorbereitet nachdenklich und bleischwer zurücklässt, bereithält. Vor allem für seine beiden glänzenden Hauptdarsteller eine bedeutsame (und bedeutende) künstlerische Errungenschaft, die auch beim Rezipienten tiefe Narben schlägt. Den „deutschen“ Titel mag man getrost vergessen.

8/10

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SKYJACKED

„What is it?“ – „Some kind of a detonator.“

Skyjacked (Endstation Hölle) ~ USA 1972
Directed By: John Guillermin

Während eines Routine-Linienflugs nach Minneapolis muss Captain Hank O’Hara (Charlton Heston) feststellen, dass einer der Passagiere seiner Boeing 707 ein Luftpirat ist, der offenbar eine Bombe an Bord versteckt hat und seine bedrohlichen Botschaften zunächst mit Lippenstift hinterlässt. Die Maschine soll nach Anchorage umgeleitet werden. Die Identität des Hijackers ist jedoch bald herausgefunden: Es handelt sich um den hochdekorierten, aber schwersttraumatisierten Veteran Jerome K. Weber (James Brolin), der sich von seinem Land verraten fühlt und zu den Sowjets überlaufen will. Von Anchorage soll die Reise daher nach Moskau weitergehen…

Einer der weniger gut erinnerten Katastrophenfilme der Siebziger ist dieser campige Luftfahrtthriller des englischen Regisseurs John Guillermin, der mit all seinen Attributen von der prominenten Besetzung über das Thema und den unverhohlen klischeeüberladenen Aufzug auch ebensogut in die „Airport“-Serie gepasst hätte, jedoch von der Konkurrenz (hier: dem Produzenten Walter Seltzer und der MGM) in die Kinos gebracht wurde. Seltzer, der um diese Zeit häufig mit Charlton Heston zusammenarbeitete, konnte den alternden Star auch für dieses Projekt gewinnen, in dem Heston nicht allzu viel zu tun hat, außer hier und da eine Pfeife zu rauchen und sich klamme Dialogduelle mit seinem Widersacher James Brolin zu liefern. Der wiederum spielt seinen Part als zunehmend wirrer werdender Flugzeugentführer hübsch kitschig aufbrausend und mit rollenden Augen, als ganz traditionsverrückte, tickende Zeitbombe nebst Handgranaten und MP im Handgepäck. Dass Weber, wie sein Part getauft wurde, PTBS-geschädigter Vietnamveteran ist, lässt das Script zwar unerwähnt, es dürfen jedoch wenige Zweifel bestehen, woher zu damaliger Zeit ein so junger Mann dermaßen viele Orden an der Brust hat. Sein Motiv, hinter den Eisernen Vorhang abzutauchen, bleibt leider ziemlich schwammig. Offenbar leidet Weber, darauf weisen Rückblicke und Wahnvorstellungen hin, neben anderen psychischen Sollbruchstellen auch an einer tief gestörten Beziehung zu seinem Vater (Dan White).
Richtig schön albern wird’s gegen Ende, wenn der Flieger in den sowjetischen Luftraum eindringt und tatsächlich in Moskau landet, wo es zwar ungemütlich aussieht, die russischen Polizisten den verrückten Weber jedoch genau so „willkommen“ heißen, wie es zuvor das FBI in Anchorage tat.
Dass die ZAZ-Verballhornung „Airplane!“ auch „Skyjacked“ eine Menge an Inspiration verdankt, lässt sich ganz nebenbei vortrefflich nachzeichnen und lädt auch bei der Betrachtung dieses Quellmaterials das ein ums andere Mal zum Schmunzeln ein.
Hübsche Angelegenheit, durchaus.

7/10

DUEL AT DIABLO

„I was better off with the Indians!“

Duel At Diablo (Duell in Diablo) ~ USA 1966
Directed By: Ralph Nelson

Der frühere Scout Jess Remsberg (James Garner) findet in der Wüste die von kriegerischen Apachen bedrohte Krämersfrau Ellen Grange (Bibi Andersson) und nimmt sie mit zur nächsten Stadt – ganz zu ihrem eigenen Unwillen und auch dem ihres Mannes Willard (Dennis Weaver), der sie eigentlich gar nicht mehr zurückhaben will. Remsberg erhält dort außerdem Kenntnis darüber, dass seine eigene Frau, eine Komantschin, von einem Unbekannten brutal ermordet wurde. Außer sich vor Rachedurst erfährt er, dass Marshall Clay Dean (John Crawford) in Fort Concho wohl mehr über die Bluttat weiß und macht sich auf den Weg durch die Wüste. Parallel dazu bricht auch ein kleiner Kavallerie-Trek nach Concho auf, den neben dem Ex-Sergeant und Pferdeexperten Toller (Sidney Poitier) auch Willard Grange zu Handelszwecken begleitet. Die Gruppe wird von den Apachen überfallen und sitzt fest. Remsberg, der zuvor die ausgerückte Ellen, die, wie sich herausstellt, ein Baby bei den Apachen hat, zurückholt und sich daraufhin allein nach Concho durchschlägt, ist die letzte Hoffnung der Belagerten.

Ralph Nelsons erster Western ist anders als der später entstandene, wütende „Soldier Blue“, noch ein sehr traditionsverhaftetes, klassisches Genrestück, dem es vor allem um Dynamik, Spannung und Action geht. Die thematischen Zwischennuancen bleiben eher in der zweiten Reihe haften: Die Unmöglichkeit von Rot und Weiß, eine funktionale Beziehung über die Schranken hinweg aufzubauen, etwa. Während Jess Remsbergs Frau ermordet und skalpiert wird, nur, weil sie eine Indianerin ist, hat sich Ellen Grange mit ihrem Schicksal, ursprünglich gewaltsam von den Apachen entführt und von einem der ihren zu seiner „Frau“ gemacht worden zu sein, schon deshalb verzweifelt arrangiert, weil ihr seither in der feinen, weißen Zivilisations-Gesellschaft niemand mehr über den Weg traut. Dass beide Schicksale, also die von Remsberg und Ellen, miteinander verwoben sind, behält der Film bis zum letzten Fünftel für sich und lässt dann sozusagen seinen göttlichen Zorn in Form böser Apachenfolter auf den enttarnten Mörder herabregnen.
Überaus interessant ist derweil, wie Poitiers Figur ins Narrativ integriert wird. Sein Status als Afro-Amerikaner spielt nämlich überhaupt keine Rolle für die Entwicklung des Films, als sei es im Westen der Zeit nach dem Sezessionskrieg respektive 1967 eine Selbstverständlichkeit, dass ein afroamerikanischer Dandy sämtliche im Film vorkommenden Weißen einschließlich des Haupthelden an Intelligenz, Können, Chuzpe, Stil, Selbstbewusstsein und Cleverness mühelos in den Schatten stellt. So etwas ging damals wohl auch nur mit Sidney Poitier, wobei man Nelson zu seinem Ansatz, ebenjene Tatsache erst gar nicht zum Thema zu machen, sondern sie schlicht als gegeben zu formulieren und ihr damit erst gar keine unnötige Brisanz zukommen zu lassen. Tatsächlich eine unbedingt probate Methode für einen Diskurs in Richtung Rassismus – man räumt ihm erst gar keinen Raum ein und erstickt ihn somit quasi vor der Geburt.
Der Rassismus in „Duel At Diablo“ ist ausschließlich ein Thema zwischen Indianern und Weißen und seine Natur nicht auf ethnischen oder genetischen Differenzen fußend, sondern eine reine Frage von unausgeglichenen Machtverhältnissen und Territorialität. Nelson schließt seinen Film mit dem Dialog „I wonder if they’ll stay on the reservation this time.“ – „Why should they?“ und macht damit seine heimlichen Sympathien deutlich. Dass diese nicht beim Büro für Indianerangelegenheiten liegen und auch nicht bei weißen Siedlern, Offizieren und Politikern, formulierte Nelson vier Jahre danach umso eindringlicher, mit Blut und Feuer.

8/10

 

SKELETONS

„You better leave us be.“

Skeletons ~ USA 1997
Directed By: David DeCoteau

Um dem Großtstadtstress zumindest zeitweilig zu entfliehen, zieht der emsige New Yorker Journalist und Pulitzer-Preisträger Peter Crane (Ron Silver) mit Gattin Heather (Dee Wallace) und Sohnemann Zach (Kyle Howard) in das beschauliche Städtchen Saugatuck in Maine. Rasch fällt Peter auf, dass hier alles ein wenig zu glattgebügelt erscheint: Ethnischen Minderheiten zugehörige Mitbürger gibt es in Saugatuck ebensowenig wie ansonsten im geringsten Maße auffällige Personen. Heimlicher Führer der Gemeinde ist der Geistliche Carlyle, der selbst Bürgermeister (Paul Bartel) und Sheriff (D. Paul Thomas) als Stichwortgeber dient. Einzig der hiesige Redakteur Frank Jove (James Coburn), selbst ein „Zugezogener“, hat Verständnis für Peters wachsendes Unwohlsein, das sich noch verstärkt, als ein offensichtlich unschuldiger, homosexueller Gefängnisinsasse Jim Norton (Dennis Christopher) angeblich Selbstmord begeht. Peter, der offen Partei für Norton ergreift, und sein Familie werden fortan von den Ortsansässigen traktiert. Statt jedoch einfach das Weite zu suchen, bohrt Peter weiter und begibt sich damit in tödliche Gefahr…

Reaktionäre Kleinstädter und Provinzler, die sich ihre kleine, faschistischen Mikrokosmen nach Maß gestalten, sind beinahe schon ein fester Bestandteil des postmodernen amerikanischen Mythenpools. Entsprechende Literatur, deren Adaptionen und auch jüngere Kinowerke wie  „The Stepford Wives“ oder zuletzt der vielbeachtete „Get Out“ arbeiten mit diesem oftmals satirisch zugespitzten Ansatz, indem sie ihn in ein häufig phantastisch überhöhtes Szenario einbinden. Zu just dieser Genrespezies zählt auch „Skeletons“, eine TV-Produktion des einstmaligen (Schwulen-)Porno-Regisseurs und unermüdlichen Billgheimer-Fabrikanten David DeCoteau, der bis in die letzten Jahre hinein einen Durchschnittsaustoß von vier bis sechs Filmen pro Zwölfmonatsturnus vorweist – darunter das halbseidene Vampir-Franchise „Brotherhood“. Ich bin nicht sehr bewandert, was DeCoteaus Gesamtœuvre betrifft, möchte aber mutmaßen, dass „Skeletons“ darin eine spezifische Ausnahmestellung bekleidet. Das mag auch damit zusammenhängen, dass DeCoteau gewissermaßen als Notnagel für den zuvor gefeuerten Ken Russell herzuhalten hatte, der das abgründige Thema vermutlich noch um Einiges tiefschürfender angegangen wäre. Überhaupt gleicht es einem Wunder, dass man „Skeletons“ überhaupt noch zu sehen bekommt, denn der von Jordan Belfort (dem Wall-Street-Wolf) co-finanzierte und -produzierte Film wurde 2004 von der SAG als einer von ingesamt siebenen zur Auktion freigegeben, um vormals nicht ausbezahlte Darsteller-Gagen zu vergüten. Leider ist der ursprünglich trotz seiner TV-Herkunft für die 2,35:1-Kadrage ausgelegte Film für den Heimmarkt lediglich in verhunzten Pan/Scan-formatierten Fassungen erhältlich. Eine Schande schon aus Prinzip, denn obschon „Skeketons“ insbesondere für den genreerfahrenen Rezipienten keine große Offenbarung darstellen mag, macht er das, was er macht, goldrichtig und verfügt neben seinem unablässig aktuellen Sujet um pseudoelitäre Selbsteinschätzung und soziale Ausgerenzung als traditionellee, weiße amerikanische „Tugenden“ über eine großartige Besetzung bei bester Spiellaune. Von jener bleiben besonders Christopher Plummer, der den bigotten Inzucht-Pfaffen mit dem der Rolle gebührenden, latenten Wahnsinn interpretiert, hängen und auch der wie üblich grandiose James Coburn, der im Alter sowieso immer noch besser wurde, als Angepasster unter Angepassten.
Mein Wunsch, „Skeletons“ dereinst nochmal in einer ihm gebührenden Version ansichtig zu werden, dürfte sich bis auf Weiteres indes leider nicht erfüllen…

8/10

STAR WARS: THE LAST JEDI

„You are no Vader. You are just a child in a mask.“

Star Wars: The Last Jedi (Star Wars: Die letzten Jedi) ~ USA 2017
Directed By: Rian Johnson

Während die junge Rey (Daisy Ridley) und Chewbacca (Joonas Suotamo) Luke Skywalker (Mark Hamill) auf Ahch-To ausfindig gemacht haben und frustriert feststellen müssen, dass der letzte aller Jedi-Meister längst nichts mehr von den intergalaktischen Geschicken wissen, sondern eigentlich bloß noch in Ruhe sterben will, haben die Rebellenkämpfer Finn (John Boyega) und Poe Dameron (Oscar Isaac) ganz andere Probleme. Nur ein Hyperraum-Sprung rettet sie vor dem Zugriff der Neuen Ordnung, doch die Finsterlinge bleiben ihnen auch danach noch dicht auf den Fersen. Es gilt, ein Peilgerät an Bord des Sternenzerstörers von General Hux (Domhnall Gleeson) zu deaktivieren, was wiederum nur mithilfe eines speziellen Codeknackers möglich ist Finn und die tapfere Wartungsarbeiterin Rose (Kelly Marie Tran) begeben sich in die Casino-Stadt Canto Bight, um den Gesuchten anzuheuern. Sie müssen sich jedoch mit dem zwielichtigen DJ (Benicio Del Toro) begnügen, der ihnen aus vvorübergehender Gefangenschaft hilft. Unterdessen kehrt Rey allein zur Flotte zurück und stellt sich Kylo Ren (Adam Driver), in dem sie noch Reste des Guten vermutet. Doch weit gefehlt: Der machtbesessene Nachwuchs-Sith schickt sich nach seiner finalen Machtübernahme über die Neue Ordnung  an, den letzten Zufluchtsort der Rebellen auf dem Planeten Crait dem Erdboden gleichzumachen. Mit Einem rechnet er jedoch nicht…

Geschlossener und deutlich selbstvertrauter wirkend als „Episode VII“ kommt der von Rian Johnson inszenierte „The Last Jedi“ daher, der seinerseits zwar  noch immer nicht ganz ohne Recycling-Elemente der Ur-Trilogie auskommt, dessen Gesamtstruktur jedoch längst nicht mehr so an bedingungsloser Wiederverwertung interessiert ist wie der unmittelbare Vorgänger. Ingredienzien wie die an Bespin erinnernde Spielerstadt Canto Bight, das Exil des mittlerweile knarzigen, gealterten Luke Skywalker, das von der jungen Rey (girl power!) aufgesucht wird wie dereinst Dagobah und Yoda von Luke selbst und Poe Dameron als subordinationsrenitenter Han-Solo-Ersatz, das sind zwar unmisverständliche Anklänge an „The Empire Strike Back“, ein verklausuliertes Remake haben wir diesmal jedoch nicht. Die Aufsplittung der Narration zu mehreren verschiedenen Schauplätzen sorgt für gleichmäßiges Tempo und Spannung, liebenswerte neue Kreaturschöpfungen  und Schwenks zu alten Vertrauten wie etwa Yoda (Frank Oz), der in einem verblüffend gelungenen, schönen Auftritt aus dem Jenseits vorbeischaut, erzeugen die notwendigen, kleinen Gänsehautmomente. Die Raumschlachten und Duelle sind laut, dynamisch choreographiert und eine Augenweide zumindest für solchem Zugeneigte. Es gelingt „Episode VII“ sehr viel überzeugender als zuletzt, Brückenschläge zwischen der klassischen und der neuen Saga zu schaffen und den jungen Nachwuchs-Charakteren Profil zu verleihen, ohne die alten zu vernachlässigen oder gar zu denunzieren. Nach Harrison Ford darf sich nun auch Mark Hamill heldenhaft aus dem SW-Universum verabschieden, wobei ich sicher bin, dass zumindest seine jenseitige Aura sich mindestens einen Gastbesuch zu kommenden Gelegenheiten nicht wird nehmen lassen. Bleibt die berechtigte, große Frage, wie man ausgerechnet dem realen Ableben Carrie Fishers im nächsten Film Rechnung tragen wird und welche dramaturgische Bedeutung speziell der letzten Sequenz zukommt, in der ein kleiner Stalljunge aus Canto Bight binnen weniger Minuten noch flott zum Jedi-Nachfolger und damit kurzerhand zum Hoffnungsträger aufgebaut wird.
Alles in allem nach dem geflissentlich durchhängenden, etwas ideenarmen Vorgänger endlich wieder ein schönes, beseeltes SW-Abenteuer, das seinem Franchise vorbehaltlos Ehre erweist und gewiss viele alte wie neue Freunde zu begeistern wissen wird

9/10

ANIMALYMPICS

„I am in training, always. In my life, there is no time for women.“

Animalympics (Dschungel-Olympiade) ~ USA 1980
Directed By: Steven Lisberger

Die Tiere der Erde treffen sich erstmals zum friedlichen Sportwettkampf aller Arten und Kontinente. Ermöglicht wird das gigantische Spektakel vom Fernsehsender „ZOO“. Während die meisten verbissen um den Sieg kämpfen, findet Ski-Star Kurt Wuffner sein ganz persönliches „Dogri-La“ im Gebirge und bahnt sich zwischen den Marathon-Spitzenläufern Kitty Mambo und René Fromage allmählich eine unerwartete Liebelei an…

Ursprünglich als zweiteiliges Special des Senders NBC in Auftrag gegeben, erblickte infolge des von Jimmy Carter ausgerufenen US-Boykott der olympischen Sommerspiele 1980 in Moskau (die Sowjets hatten kurz zuvor ihre Afghanistan-Invasion gestartet) zunächst nur das Wintersport-Segment die Bildschirme. Regisseur Lisberger und Produzent Donald Kushner bereiteten das Gesamtwerk daraufhin für einen internationalen Kinoeinsatz vor, mitsamt 35mm-Aufblähung und Dolby-Surround-Magnetton. Während das daraus resultierende Werk „Animalympics“ dann in den USA dennoch lediglich eine TV-Premiere via HBO erlebte, waren ihm in Europa recht ordentlich dotierte Kinoeinsätze beschieden.
Besonders in Verbindung mit der damals vorherrschenden, politischen Globalsituation besitzt „Animalympics“ bis heute einen gewaltigen Charme als gleichermaßen liebenswertes wie urkomisches und intelligentes Plädoyer für friedliche Co-Existenz. Die vermenschlichten Tiere wachsen durchweg über ihre „naturgegebenen“ Eigenschaften und Stärken hinaus, wobei viele von ihnen, zumeist natürlich die sympathisch gezeichneten, besondere Nehmer- und Gewinnerqualitäten an den Tag legen. Neben einigen klassischen Stücken von Mussorgsky, Berlioz und Brahms gibt es zehn von 10cc-Sänger und -Bassist Grahan Gouldman geschriebene und interpretierte Originalsongs, die, teils in voller Länge ausgespielt, jeweils mit videoclip-artigen Sequenzen unterlegt sind, deren Gestaltung mitunter stark psychedelische Züge annimmt. Jene Momente bilden die größte Stärke von „Animalympics“. In ihnen findet der Film ganz zu sich selbst in einer berührenden und sinnesaffizierenden, teilweise brillant arrangierten Mischung aus Bildern und Musik, die zweifelsohne auch eine Hommage an die klassische Disney-Phase darstellen und entsprechende Szenen aus „Dumbo“ oder „Fantasia“ Eherbietung erweisen. Vor allem die Stücke „Love’s Not For Me“, das den zermürbenden Ehrgeiz von Spitzensportlern karikiert, „Away From It All“ mit seiner Capra-Reverenz und „Underwater Fantasy“, das den Turmsprung des Schwimmasses Dean Wilson zu einem irrsinnigen Acid-Trip überhöht, sind unvergesslich.
Nun ist „Animalympics“ nicht durchweg perfekt. Die Begrenzung seiner Mittel kommt in der nicht immer detaillierten Gestaltung der Hintergründe oder der starr bis oberflächlich gezeichneten Zuschauermassen zum Ausdruck. Über die deutsche Vertonung, die (in Berlin) einerseits sehr kindgerecht arrangiert, dafür aber auch mit unnötigen Zusatzgeräuschen „angereichert“ wurde, lässt sich gewiss streiten. Insgesamt überwiegen jedoch deutlich die animatorischen Glanzstücke und vor allem die alles überlagernde Botschaft, die zum Schluss hin nochmal überdeutlich ausformuliert wird: Love conquers all. Wenn Ziegenbock René Fromage und Löwendame Kitty Mambo händchenhaltend Richtung gemeinsamem Happy End nebst romantischem Sonnenuntergang entjoggen, dann sollte die Lektion für die ganze Welt wahrlich hinreichend prägnant präsentiert sein.

8/10

VICTOR CROWLEY

„We are so dead.“

Victor Crowley ~ USA 2017
Directed By: Adam Green

Nach Jahren der trügerischen Ruhe brodelt es wieder im Honey Island Swamp – ein dulles Trio von Amateurfilmern (Katie Booth, Chase Williamson, Laura Ortiz) sorgt durch seine Unachtsamkeit dafür, dass der mutierte Massenmörder Victor Crowley (Kane Hodder) die längste Zeit im Jenseits schlummerte. Zudem stürzt das Flugzeug eines Fernsehteams, das den damaligen Überlebenden Andrew Yong (Parry Shen) vor Ort interviewen möchte, vor Ort ab. Der alte Victor bekommt einiges zu tun…

Wie es sich für standesgemäße boogy men ziemt, war auch die Reaktivierung des Sumpfmonsters Victor Crowley, standesgemäß wieder von Kane Hodder interpretiert, bloß eine Frage der Zeit bis zur ohnehin überfälligen Rückkehr zum blutigen Aktionismus. Nachdem Kollege BJ McDonnell ihn im dritten Teil auf dem Regiestuhl ablöste, überraschte Adam Green seine Fangemeinde beim Frightfest UK im Herbst letzten Jahres mit der Eröffnung, dass ein neuer „Hatchet“ nicht nur in Planung, sondern bereits fertig sei und itzo auch gleich angeschaut werden könne. Die Reaktionen der Anwesenden sollen höchst euphorisch ausgefallen sein, was man ihnen angesichts der Überraschung kaum verdenken kann.
Nachdem bereits die Vorgänger keinen Hehl aus ihrer unbedingten Affinität zur Selbstironie und Transzendierung des gesamten Genres machten, ist „Victor Crowley“ nun endgültig reine Comedy, die sich jedoch durch dermaßen fiese (handgemachte!) Pampereien und matschiges Blutgesuhle angereichert findet, dass das Ganze natürlich trotzdem weiterhin seinem ganz exklusiven Publikum vorbehalten bleibt. Greens kernige Witze zünden zwar nicht immer, erweisen im besten Falle aber Humor-Großtätern wie Adam Sandler und Will Ferrell Reverenz, wobei die Rolle des schmierigen, am Ende aber doch aufopfernd-heldenhaften Touri-Führers Dillon (David Sheridan) besonders letzterem perfekt auf den Leib geschrieben gewesen wäre. Auch sonst ist Green ein ganzes Konglomerat aus Reminiszenzen und Hommages aus der Feder geflossen, die freilich auch wieder mit einigen netten cameos einhergeht.
Den Hut ziehen muss man diesmal ganz im Ernst vor der sich immer zeitgemäßer und liberaler gebenden FSK, die das gnadenlose Überspitzungspotenzial des Films völlig durchblickt und ihn ungeschnitten mit einer 18er-Freigabe durchgewunken hat. Vor dreißig Jahren wäre das Ding einkassiert worden, bevor der erste bundesdeutsche Filmvorführer auch nur ein Spitze von Victor Crowleys zauseligem Haupthaar zu Gesicht bekommen hätte. Humor muss man haben, dann klappt’s auch mit dieser Spaßgranate.

7/10