DOCTOR SLEEP

„We’re all dying. The world’s just one big hospice with fresh air.“

Doctor Sleep (Doctor Sleeps Erwachen) ~ USA 2019
Directed By: Mike Flanagan

Rund 30 Jahre nach den schrecklichen Erlebnissen im Overlook-Hotel ist aus dem damals noch kleinen Danny Torrance (Roger Dale Floyd) ein Erwachsener (Ewan McGregor) mit einigen Problemen geworden. Die einstigen Ereignisse hat Danny nie ganz überwinden können und ist zum Alkoholiker geworden wie einst sein Vater Jack (Henry Thomas). Noch immer erscheint ihm an kritischen Wendepunkten seines Lebens jedoch der seinerzeit ermordete Hausmeister Hallorann (Carl Lumbly) und erteilt ihm weise Ratschläge. Aus zunächst unerfindlichen Gründen zieht es Danny nach New Hampshire, wo er Freundschaft mit Billy Freeman (Cliff Curtis) schließt. Weitere acht Jahre vergehen, in denen Danny seine Sucht erfolgreich überwunden hat und immer wieder mentalen Kontakt mit einem einige Meilen entfernt lebenden Mädchen namens Abra Stone (Kyliegh Curran) pflegt, das wie er über das Shining verfügt. Eines Tages besucht Abra Danny persönlich, um ihn über einen kleinen Geheimzirkel, den „True Knot“ zu informieren. Bei diesem handelt es sich um eine Gruppe untoter Seelenvampire, die mit Campingwagen durch Amerika ziehen und sich von der Essenz von Kindern ernähren, die allesamt das Shining besitzen und auf die besonders starke Abra aufmerksam geworden sind. Nach anfänglichem Zögern verbündet sich Jack mit Abra. Gemeinsam können sie fast alle Mitglieder des True Knot ausschalten bis auf dessen Anführerin Rose The Hat (Rebecca Ferguson). Jack und Abra locken sie zum längst verlassenen Overlook Hotel, um ihr dort endgültig den Garaus zu machen.

Mike Flanagans im Director’s Cut immerhin dreistündiger Film bildet nach der Netflix-Produktion „Gerald’s Game“ die zweite King-Adaption des Regisseurs. Als Sequel zu Stanley Kubricks Meisterwerk „The Shining“ vollzieht „Doctor Sleep“ dabei immerhin das kleine Kunststück, sowohl King, der Kubricks Arbeit wie viele Fans seines Romans bekanntermaßen ablehnt, zu beschwichtigen, als auch „The Shining“, dem Film, vielfach Reverenz zu erweisen. „Immerhin“, weil „Doctor Sleep“ sich zwar im Ganzen nett ausnimmt, der monumentalen Kunst Kubricks aber in überhaupt keiner Weise das Wasser reichen kann. Dessen Film vermochte es, Wahnsinn als psychische Macht zu transzendieren und ihn auf vielen Ebenen spürbar zu machen – den Wahnsinn nicht nur seiner Hauptfigur, sondern auch den seines (filmischen) Schöpfers. Vielleicht ist genau dies einer der primären Gründe, warum King sich mit Kubricks epochalem Werk nie anfreunden mochte; weil er sich wie kein anderer Filmemacher von einer seiner Vorlagen emanzipieren konnte und etwas derart Eigenständiges schuf, dass der Roman nurmehr zum inhaltlichen Stichwortgeber anstelle einer kongenialen Inspirationsquelle degradiert wurde. Bei Flanagan, einem, soweit ich dies nach nunmehr vier gesehenen Filmen beurteilen kann, fleißigen, soliden Genreregisseur, der bis dato allerdings noch keine bedeutsame Signatur entwickeln konnte, kann von derlei Maßstabssetzendem nicht die Rede sein. Ich kenne das Buch, wie die allermeisten von King, nicht, weil ich die Prosa des Autors nie sonderlich mochte. Mit den allermeisten Adaptionen ergeht es mir da anders, diese pointieren seine ohnehin oftmals a priori kinoaffinen Ideen häufig und verdichten sie zu einer medial passgenauen Essenz. Wobei mir auch diesbezüglich auffällt, dass wirklich überragende Arbeiten, wie sie einst noch Usus waren, als Regisseure wie De Palma, Cronenberg, Carpenter oder Reiner sich Kings Literatur annahmen, de facto nicht mehr nachgereicht werden. Vielleicht liegt das ja nicht zuletzt auch an Kings höchsteigener Art der Verstofflichung seiner Imagination. Im Falle von „Doctor Sleep“ scheint mir dies durchaus signifikant: Hier haben wir keine Horrorgeschichte, die innere Welten nach außen kehrt, sondern vielmehr einen relativ ordinären Fantasyplot, der eben zufällig die Geschehnisse von „The Shining“ aufgreift und weiterspinnt. Selbiges vollzieht Flanagans Film auf eine rundum bequeme und versöhnliche Art. Die diversen Reminiszenen an das fast vier Dekaden alte, ungebrochen magische Vorbild sind ausnahmslos liebevoll gestaltet, die von neuen Darstellern besetzten Rollen finden sich so gut revisioniert, wie es eben möglich scheint. Doch dann gibt es da noch diese einfältige, narrative Kinderschreck-Ebene um die scheinbar aus Grimms Märchen entsprungenen (leider überhaupt nicht bedrohlich wirkenden) True-Knot-Gypsies, allen voran die leider nie wirklich unheimliche Rebbeca Ferguson, und die sich ihnen tapfer widersetzende, kleine Alba, in der Danny Torrance nebst seiner traumatischen Vorgeschichte zu einem relativ austauschbaren Sidekick-Element avanciert. Die Crux des Ganzen verdeutlicht sich vielleicht besonders in jener Szene, in der Danny und sein Kumpel Billy die Seelenvampire in einen Wald locken und nach und nach erledigen, wobei diese sich mittels mäßiger CGI in staubiges Wohlgefallen auflösen. Diese in dem ja doch recht ausufernden „Doctor Sleep“ einzige Sequenz, die mit ein wenig Kinetik aufwartet, liefert beinahe antiklimaktische Vampiraction, wie sie (ausgerechnet) seit „From Dusk Till Dawn“ doch längst visueller Usus ist.
„Doctor Sleep“ ist, und darin liegt vielleicht der größte Kritikpunkt, ein Film ohne echte Geheimnisse – und damit ganz gewiss denkbar weit entfernt von dem, was er, so nehme ich an, nur allzu gern wäre.

6/10

THIS EARTH IS MINE

„The grape is the living proof of the existence of God!“

This Earth Is Mine (Diese Erde ist mein) ~ USA 1959
Directed By: Henry King

Napa Valley, Kalifornien in den frühen dreißiger Jahren: Die Folgen der Prohibition machen auch vor der Winzerdynastie Rambeau unter dem alternden Patriarchen Philippe Rambeau (Claude Rains) nicht Halt. Während dessen Enkelin Elizabeth (Jean Simmons) aus Europa anreist – nicht nur, um sich mit ihrem dereinst auf sie wartenden Erbteil vertraut zu machen, sondern, wie sie etwas entsetzt, aber gefasst erfährt, auch, um mit dem etwas biederen Nachbarssohn Andre Swann (Francis Bethencourt) verheiratet zu werden, schmiedet ihr Cousin John (Rock Hudson), selbst ein illegitimer Enkel Philippes, Pläne, sich mit den großen Alkoholschmugglersyndikaten von der Ostküste einzulassen, um nicht auf Dauer bankrott zu gehen. Zudem verlieben Elizabeth und John sich einander; ein übles Missverständnis um eine weitere uneheliche Schwangerschaft sorgt jedoch für Unbill.

Henry King, eigentlich langjähriger Vertragsregisseur bei 20th Century Fox, verlegte sich in den fünfziger Jahren vornehmlich auf gepflegte Edelschmonzetten in Scope, wobei er in erster Linie seine bevorzugten Hauptdarsteller Tyrone Power und Gregory Peck zu besetzen pflegte. Immer wieder liebäugelte er zudem mit den großen amerikanischen Autoren wie Hemingway oder F. Scott Fitzgerald, dem er in seinen letzten Schaffensjahren ein Biopic widmete. Mit „This Earth Is Mine“, seiner drittletzten Arbeit, vollzog King jedoch noch einen kurzen Schlenker zu Universal, um einmalig mit Rock Hudson zu drehen.
Interessanterweise wirkt der Film nicht selten wie eine grobschlächtige, um nicht zu sagen: vulgäre Variation von George Stevens‘ formvollendetem „Giant“, nur dass dessen Hauptdarsteller Hudson hier gewissermaßen den rebellisch angelegten (freilich deutlich sympathischer gezeichneten) Part seines vormaligen Widersachers James Dean bekleidet. Die dazugehörige Story, eine hübsch dramatische Geschichte um eine kalifornische Winzerfamilie in der Spätphase der Prohibition nach dem Roman „The Cup And The Sword“ von Alice Tisdale Hobart, lag im Prinzip wiederum ganz auf der jeweiligen Linie von Regisseur und Hauptdarsteller. Fast verwundert es ein wenig, dass „This Earth Is Mine“ nicht im Œuvre von Douglas Sirk erscheint. Vielleicht registrierte dieser, wie seine um diese Zeit entstandenen Filme beweisen, grundsätzlich ein Freund knackiger, pointierter Plots, auch, dass das weit ausholende Script (Casey Robinson) sich oftmals zu verlieren droht, an anderer Stelle ungenau wirkt und im Zuge eigentlich eminenter Szenen Richtung camp abrutscht. So läuft der narrativ durchaus entscheidende Handlungsstrang um John Rambeaus vermeintliche Affäre mit einer backfischigen Kelterin (Cynthia Chenault), die dann einen italienischen Weinbauern (Ken Scott) mitsamt Mutterkomplex heiratet, mit seinem mehr oder weniger unfreiwilligen Humor dem eigentlichen Impetus der Geschichte völlig zuwider und wirkt in seiner konfliktträchtigen Auflösung eher albern denn aufwühlend. Was bleibt, ist eine wunderbare Photographie (Winton C. Hoch) und der wohltuende Beweis dafür, dass auch eine vereinte Garde absoluter first class professionals im alten Hollywood nicht automatisch stets einen veritablen Klassiker abzuliefern vermochte.

6/10

CON AIR

„There is no medicine for what I have.“

Con Air ~ USA 1997
Directed By: Simon West

Nach acht Jahren Gefängnishaft wegen Totschlags freut der Ex-Ranger Cameron Poe (Nicolas Cage) innig darauf, zu seiner Frau Tricia (Monica Potter) zurückkehren und endlich sein Töchterchen Casey (Landry Albright) kennenlernen zu dürfen. Doch der „Jailbird“-Flieger, in die man ihn neben diversen anderen schweren Jungs setzt, wird zum Terrorwerkzeug des Superkriminellen Cyrus Grissom (John Malkovich), genannt „Cyrus The Virus“. Gemeinsam mit seinen Erfüllungsgehilfen kapert er die Maschine. Seine letzte Chance, auszusteigen, bläst Poe jedoch heldenhaft in den Wind, denn sein insulinbedürftiger Zellenkumpel Baby-O (Mykelti Williamson) würde ohne ihn garantiert verrecken und die Vollzugsbeamte Bishop (Rachel Ticotin) wäre dem notorischen Vergewaltiger Johnny-23 (Danny Trejo) gnadenlos ausgeliefert. Also muss Poe gemeinsam mit seinem neuen, am Boden positionierten Verbündeten Agent Vince Larkin (John Cusack) den Tag retten…

„Con Air“, bekanntlich eine jener vorgeblich hemmungslos hochglanzgelackten, multimillionendollarteuren Bruckheimer/Touchstone-Produktionen der neunziger Jahre, die versuchten, das grundsolide Genrekino der Vorgängerdekade durch größenwahnsinnige, zirzensische F/X-Zurschaustellungen abzulösen, war wie seine ihn flankierende Gesinnungsindustrie dazu angetan, der gesamten republikanischen US-Wählerschaft die Unterbuchsen zu nässen.
Nachdem ich den Film nach der zeitgenössischen Kinobetrachtung erstmal regelrecht unerträglich fand, greifen nunmehr auch in diesem Falle Altersmilde, der Blick fürs Wesentliche und vor allem der Wundenheilungsfaktor hinreichender zeitlicher Distanz. Wie wohl die meisten seiner während jener Ära entstandenen, mit ähnlichen Mitteln ausstaffierten Kinogenossen muss man „Con Air“ retrospektiv gewissermaßen als Nienties-Pendant zu den Katastrophenfilmen der Siebziger wahrnehmen: Als kostspieligen, großen Stinkkäse, der die Einfallslosigkeit des Mainstream- und Blockbusterkinos mit oberflächlicher, aber professioneller Form und luxuriöser Besetzung zu kaschieren suchte, keine noch so banale Dialogzeile scheute und gammelige Klischees offensiv anfuhr, statt sie wohlweislich zu umschiffen. Die Bilder, gesäumt von wahlweise blauen Himmeln oder breiter Magic-hour-Photographie sowie die Scores, ob von Hans Zimmer, David Arnold oder, wie im vorliegenden Fall Trevor Rabin und Mark Mancina, ähnelten sich in ihrer pompösen, stets patriotisch-militaristisch anmutenden Orchestrierung allesamt auf frappierende Weise und waren beliebig austauschbar, die Stars kassierten legionär zufrieden ihre hohen Gagen und lieferten in den allermeisten Fällen unwesentlich mehr als das eben Notwendige. Unter ihnen genoss Nicolas Cage ein paar kurze Sternstunden, die er in seiner wechselvollen Karriere als arschcooler Actionheros befüllen durfte, nachdem er kurz zuvor bereits mit Michael Bays „The Rock“ auf den exklusiven Geschmack gekommen war und sich Disney auch in den Folgejahren immer wieder zur Verfügung stellte. Hier trug er eine ölige Langhaarfrisur und ein John-McClane-Gedächtnisunterhemd auf, derweil er seine wie so oft absurden Zeilen durch die geschlossenen Zähne herauszischen und die diversen bösen Jungs plattzumachen hatte. Zwischen den Zeilen hat es dann immer wieder gut lesbar erstaunlich subversive Comedy. So gibt es Steve Buscemi als augenscheinlich blutrünstigen, psychotischen Serienkiller Garland Greene, einen Quasi-Hannibal-Lecter, zu sehen, der sich zur allgemeinen Verwunderung als durchaus kluger, liebenswerter Zeitgenosse entpuppt, schließlich durchbrennen kann und von einem kleinen Mädchen (Lauren Pratt), das gemeinsam mit ihm „He’s Got The Whole World In His Hands“ singt, radikalgeheilt zu werden scheint. Permanente hagelnde Seitenhiebe wider den US-Strafvollzug, der Typen wie Cyrus The Virus letzten Endes erst produziert statt sie zu resozialisieren gestattet man sich ebenso wie die schleichende Sympathisierung eines sich zuvor oberarschig aufführenden FBI-Beamten (Colm Meaney).
Der wie oben erwähnt noch nichteinmal sonderlich fordernde, genauere Perspektivierung lohnt also auch bei „Con Air“. Das soll nun gewiss nicht heißen, das wir hier etwa eine Camouflage heimlichen Intellektuellenkinos im Gewand mindergescheiten Allerweltsamüsements hätten – dafür schreit Simon Wests Debütwerk seine vordergründige Sackdämlichkeit dann doch allzu oft und allzu unverhohlen laut hinaus. Er ist jedoch auch keinesfalls so mies, wie manch naserümpfender Feuilletonist ihn vielleicht dargestellt wissen möchte.

7/10

EXTRACTION

„You drown not by falling into the river, but by staying submerged in it.“

Extraction ~ USA 2020
Directed By: Sam Hargrave

Der Privatkrieg zwischen dem einsitzenden indischen Drogenbaron Ovi Mahajan (Pankaj Tripathi) und seinem in Dhaka wirkenden Intimfeind Amir Asif (Priyanshu Painyuli) erklimmt eine neue Stufe, als Asif Mahajans Sohn Ovi Jr. (Rudhraksh Jaiswal) kidnappen lässt. Da Mahajan Sr. die Verantwortung für die Geiselaffäre vornehmlich Ovis Leibwächter Saju Rav (Randepp Hooda) anlastet und nun seinerseits dessen Familie bedroht, muss sich Saju etwas einfallen lassen: Er lässt den Söldner Tyler Rake (Chris Hemsworth) rekrutieren, ohne ihn bezahlen zu können. In Dhaka angelangt, gelingt Rake zwar Ovis Befreiung, mit der massiven Gegenwehr Asifs, der den gesamten, korrupten Polizeiapparat in der Tasche hat, rechnet Rake allerdings nicht. Nachdem Rake sich mit seinem Schützling angefreundet und mit Saju verbündet hat, steht ihm ein letzter, gewaltiger Kampf bevor.

High Octane Action bietet das Regiedebüt des vormalig als stunt coordinator tätigen Sam Hargrave, der sein Können insbesondere für diverse Marvel-Produktionen unter Beweis stellen konnte. Die Hauptfigur des Films, Tyler Rake, sowie die Grundzüge der Story verdankt Hargrave der 2014 erschienenen Graphic Novel „Ciudad“, die neben Ande Parks auch die Russo-Brüder Joe und Anthony ersonnen haben. Darin muss Rake ein junges Mädchen aus der paraguayischen Ciudad del Este heraushauen. Den Reviews zum Comic lässt sich entnehmen, dass sich darin bereits diverse klare Bezüge und Avancen zu respektive für eine(r) mögliche(n) Filmadaption auftun, die ja nun tatsächlich existiert. Rake gesellt sich in typologischer Hinsicht zu den schießenden und prügelnden Kino-Killersupermännern der jüngeren Zeit, von Robert McCall über Jack Reacher und Christian Wolff bis hin zu John Wick, die die Genicke ihrer multipel einfallenden Gegnerschaften quasi im Vorbeigehen brechen und jede Feuerwaffe als naturgegebene Armprothese zu nutzen wissen. Chris Hemsworths beeindruckende Physis gemahnt wiederum stark an die körperbetonten Action-Heroen der Achtziger. Eine vielversprechende Mixtur, die sich dann auch tatsächlich als höchst funktional erweist. Anders als in der Vorlage die bezüglich der Beziehung der beiden Hauptcharaktere zueinander dem Vernehmen nach wiederum von Luc Bessons „Léon“ und insbesondere den beiden „Man On Fire“-Verfilmungen zehrt wurde nun aus dem Mädchen ein teenage boy und aus Südamerika Südasien, im Speziellen Bangladeschs Hauptstadt Dhaka. Dieser im Hinblick auf einen westlich produzierten Genrefilm doch recht ungewohnte Schauplatz erweist sich immer wieder als grandiose Kulisse für die brillant choreographierten Sequenzen in „Extraction“, in deren Zentrum neben dem bleihaltigen Finale auf einer der Brücken über den die Metropole flankierenden Dhaleshwari-Mündungsarm eine atemlos montierte Plansequenz von elfeinhalb Minuten Länge steht, die so geschickt geschnitten ist, dass selbst die wenigen cuts kaum auffallen, unter anderem eine Verfolgungsjagd im Auto und per pedes beinhaltet und die andererseits wesentlich bodenständiger inszeniert ist als die mich grundsätzlich enervierenden Zirkusnummern asiatischer Produktionen.
Man darf annehmen, dass dies trotz einiger physiologischer Entbehrungen seitens unseres neuen Helden nicht Tyler Rakes letzter Filmauftritt gewesen sein dürfte; darauf lässt einerseits die letzte, sich ein wenig eingmatisch ausnehmende aber doch erwartungsgemäße Einstellung schließen und andererseits die sich a priori seriell gestaltende Einführung und Kultivierung Rakes, der als „zeitgenössischer Rambo“ (auch dies ist hier und da immer mal wieder nachlesbar) für ein solitäres Abenteuer viel zu schade wäre. Ich bin jetzt schon bereit für alles, was da in der development pipeline liegen mag…

8/10

LEAVING LAS VEGAS

„Is drinking a way of killing yourself?“ – „Or, is killing myself a way of drinking?“

Leaving Las Vegas ~ USA 1995
Directed By: Mike Figgis

Ben Sanderson (Nicolas Cage) ist pathologischer Alkoholiker. Nach der Scheidung von seiner Frau und dem Verlust seiner Anstellung als Drehbuchautor in Hollywood fasst er einen letzten, festen Entschluss: Er will nach Las Vegas und sich dort zu Tode trinken. Vor Ort angelangt lernt er die Hure Sera (Elisabeth Shue) kennen, die sich mit vornehmlich widerlichen Freiern und ihrem gewalttätigen Zuhälter Yuri (Julian Sands) herumschlagen muss. Das ungleiche Paar verliebt sich zaghaft ineinander, doch während Sera anfänglich an eine bessere Zukunft glaubt, rückt Ben zu keinem Zeitpunkt von seinem fest ins Auge gefassten Vorhaben ab.

John O’Brien, der Autor des „Leaving Las Vegas“ zugrunde liegenden, semi-biographischen Romans desselben Titels, erlebte die Filmpremiere nicht mehr. Nachdem er die Rechte für sein Buch nach Hollywood verkauft hatte, schoss er sich eine Kugel in den Kopf. Die eiserne Willenskraft seines Antihelden Ben Sanderson, sich bis zum letzten Zucken der Leber mit Schnaps zu vergiften, besaß er zwar nicht, doch das Leben und seine Unwägbarkeiten verachtete er wohl nicht minder.
Natürlich ist „Leaving Las Vegas“ vor allem eine mit literarischem Impetus aufgefächerte Trinkergeschichte um einen Protagonisten, den seine Trunksucht zwar nicht menschlich verbessert, ihm aber doch immer wieder Phasen geistiger Öffnung, philosophischer Kraft und erbarmungslosen Zynismus‘ verschafft. Ben Sanderson ist trotz aller Selbstdestruktivität kein stilloser Trinker und keiner, der je in der Gosse landete. Er würde kaum vergessen, sich zu waschen oder zu rasieren bevor er zum nächsten 24-Stunden-Delirium aufbräche, andererseits sind Vollabstürze und Filmrisse ihm durch die immens erweiterte Toleranz des Gifts mittlerweile zur Seltenheitserscheinung geworden. Sein Plan, sich binnen eines festgesteckten Zeitrahmens (sein verbliebenes Geld reicht nur für eine relativ streng kalkulierte Anzahl von Tagen) totzusaufen, verlangt also eine recht minutiöse und ehrgeizige Umsetzung, die er trotz seiner wachsenden Zuneigung zu Sera und den sich vielfach bietenden Möglichkeiten zur Umkehr konsequent bis zum Unausweichlichen hin verfolgt.
Die Darstellung von Alkoholismus in „Leaving Las Vegas“ sollte, ähnlich wie etwa die in John Hustons beiden Meisterwerken „Night Of The Iguana“ und „Under The Volcano“ nach Tennesse Williams bzw. Malcolm Lowry, weniger als sozialmedizinisch akkurat denn symbolisch für die Zerstörungskraft der Droge begriffen werden. Seine ihm psychologisch fraglos inhärente Depressivität, die ja seinen Suizid auf Raten erst bedingt, lässt Ben Sanderson faktisch kaum mehr durchblitzen. Stattdessen gibt er sich lieber als witzelnder Bonvivant, der seine selbstauferlegten letzten Stunden mit allen Schikanen verbringen möchte; er spielt, und vor allem, er verbringt Zeit mit Sera, die freilich in jedweder einzelnen Hinsicht bezaubernd genug wäre, um einen selbstmörderischen Trinker vom Privatexitus abzuhalten. Elisabeth Shue geriert in ihrer Rolle dann auch zum eigentlichen Epizentrum des Films; ihre und Bens Geschichte hören und sehen wir als rückblendenden Bericht, den sie offenbar im Zuge von Therapiesitzungen preisgibt. Zwar beginnt „Leaving Las Vegas“ mit Ben und seinen Vorbereitungen in LA, doch er fokussiert sich spätestens ab der Hälfte auf Sera und ihre Wahrnehmung der Dinge. Sie steht als eigentlich tragische Figur da, denn nicht nur ihre traumatischen Erlebnisse als Prostituierte (so etwa die letzte Begegnung des auf der Abschussliste der Russenmafia stehenden Yuri oder die Gruppenvergewaltigung durch eine betrunkene Kohorte junger Männer), sondern vor allem die verpasste Chance privten Glücks durch den sie „im Stich lassenden“ Ben machen sie zur traurigen Protagonistin.
Die bleierne Dramatik und radikale Unausweichlichkeit seiner Chronik eines angekündigten Todes konterkariert (oder vielleicht macht er sie damit erträglicher/konsumierbarer?) Figgis bewusst mit lichtdurchfluteten, leuchtenden Einstellungen der Wüsten-/Spieler-Metropole nebst ihrer Umgebung, kurzen, komischen Blitzlichtern und Cameos sowie einem herrlich leichten Jazzscore, zu dem unter anderem Sting drei exklusive, wunderschöne Standards beiträgt – darunter das bittersüße „My One And Only Love“, das für mich, seit ich den „Leaving Las Vegas“ damals zum ersten Mal im Kino sah, zur totalen akustischen Entsprechung des Films geworden ist.

9/10

MONSTER’S BALL

„I need to be taken care of.“

Monster’s Ball ~ USA 2001
Directed by: Marc Forster

Hank Grotowski (Billy Bob Thornton), Strafvollzugsbeamter in Louisiana, bildet den mittleren Teil einer nurmehr ausschließlich aus Männern bestehenden, Drei-Generationen-Familie. Schon Hanks Vater Buck (Peter Boyle), mittlerweile zwar ein pflegebedürftiger, alter Mann, jedoch noch immer eherner Rassist und Misanthrop, sorgte dafür, dass der elektrische Stuhl summen konnte. Hanks Sohn Sonny (Heath Ledger) soll die Tradition fortführen. Dessen erste offizielle Hinrichtung, im Zuge derer der kriminelle Lawrence Musgrove (Sean Combs) exekutiert werden soll, entwickelt sich jedoch für den höchst sensiblen Sonny zu einer nicht zu bewältigenden Belastungsprobe. Die daraus resultierende Verachtung seines Vaters quittiert Sonny mit seinem spontanen Suizid.
Derweil steht Musgroves Witwe Leticia (Halle Berry) vor den Trümmern ihrer Existenz, die sich nochmals auftürmen, als ihr Sohn Tyrell (Coronji Calhoun) einem Autounfall zum Opfer fällt. Hank wird zufällig Zeuge des Ganzen und begleitet Leticia in den folgenden Stunden. Aus der tragikumwitterten Begegnung erwächst eine zarte Liebesgeschichte, die Hank dazu bewegt, seine bisherige Existenz zu überdenken und schließlich komplett umzukrempeln. Doch nach wie vor stehen ein paar unausgesprochene Wahrheiten zwischen ihm und Leticia.

Als hätte Paul Schrader sich eines typischen Sirk-Stoffes angenommen: „Monster’s Ball“ führt den sich im Hollywood-Kino der Vordekade ausbreitenden Zynismus an einen harten, vor Schicksalsschlägen pulsierenden Endpunkt und lässt am Ende Vergebung, Erneuerung und Erlösung walten.
Die Umstände, die Hank und Leticia zusammenführen, wären für die meisten Menschen Grund genug, in lebenslange, tiefe Depressionen zu verfallen. Beide sehen sich jeweils mit einer radikalen, existenziellen Zäsur konfrontiert, die sich jeweils aus ihren spezifischen Schicksalen kausal speisen. Dreh- und Angelpunkt der Ereignisse ist die Hinrichtung Lawrence Musgroves, dessen seiner Buße zugrunde liegendes Verbrechen als solches zwar evident ist, dem Zuschauer jedoch konkret verborgen bleibt. Man lernt nur den Musgrove kurz vor seinem Tode kennen (Sean „Puff Daddy“ Combs in einer bemerkenswert unglamourösen Performance), einen reumütigen Mann, reduziert auf seine letzten Bedürfnisse, der sich mit dem Bevorstehenden abgefunden hat. Musgroves Hinrichtung, die Hank als Scharfrichter aktiv verantwortet, führt letzteren schließlich zu Leticia, ebenfalls eine Frau mit Problemen. Offenbar keine sonderlich kompetente Mutter, kommt sie mit der pathologischen Adipositas ihres Sohnes nicht zurecht und neigt darüberhinaus zum Suff. Der Tod ihres Mannes potenziert diese Probleme noch. Der zwar meist stille, aber dennoch vom brodelnden Hass seiner Ahnen infizierte Hank Grotowski derweil muss auf die denkbar radikalste Weise erfahren, dass sein freudloses Leben ihn in eine Sackgasse geführt hat, aus der er sich nur mit nicht minder extremen Maßnahmen befreien kann. Sie und er sind wie zwei offene Wunden, die sich ganz zärtlich gegenseitig schließen. Zunächst heißt es noch fuck for freedom – ein explosiv-befreiender, einem Donnerschlag der stattgegebenen Sucht nach Liebe entsprechender Sexualakt, von Thornton und Berry ebenso mutig gespielt wie von Forster kongenial inszeniert, steht im Zentrum des Films und markiert für beide verlorenen Seelen den endlich durchtrennten Stacheldraht ihrer bisherigen Lebenswege. Daran schließt sich freilich nicht nur ihrer beider Liberalisierung an, sondern möglicherweise die einer kompletten, seit Jahrhunderten verfilzten Sozialstruktur.
Vieles ließe sich an und rund um „Monster’s Ball“ diskutieren, ob er es vielleicht nicht allzu einfach macht mit seinen zwei makellos schönen Protagonisten, die gemeinsam ihren Höllenlöchern entkommen und in diesem Zuge alle alten, verfilzten Zöpfe abschneiden, ob er sich möglicherweise Stereotypen befleißigt, die im realen Leben zu soviel Reflexivität und Bereitschaft zur Vergebung niemals fähig wären; schließlich auch, ob der doch recht religiös konnotierte Akt um Musgroves Exekution sich nicht allzu offensichtlich als christlicher Erlösungsakt und Sündenablöse lesen lässt. Doch wäre diese Kritik an all diesen Facetten des Films nicht auch eine Kritik am Kino per se, eine Negierung gar seiner mannigfaltigen dramatischen Klaviatur? Douglas Sirk hatte einst keinerlei Probleme mit vorgeblichem „Kitsch“, er war stets bereit, seinen Figuren nach Bewältigung ihrer steinigen Pfade romantischen Frieden zuzugestehen. „Monster’s Ball“ tut im Prinzip nichts anderes.

10/10

LAW ABIDING CITIZEN

„I need a shower, Warden.“

Law Abiding Citizen (Gesetz der Rache) ~ USA 2009
Directed By: F. Gary Gray

Die zwei Raubeinbrecher Darby (Christian Stolte) und Ames (Josh Stewart) zerstören in einer Nacht gewaltsam die Familienidylle der Sheltons, indem sie Mutter (Brooke Stacy Mills) und Kind (Ksenia Hulayev) ermorden und Vater und Ehemann Clyde (Gerard Butler) schwer verletzt zurücklassen. Doch der Albtraum ist für Clyde Shelton noch nicht vorbei: Anstatt beide Verbrecher ihrer gerechten gerichtlichen Strafe zuzuführen, lässt sich der aufstrebende Staatsanwalt Nick Rice (Jamie Foxx) in Darbys Fall auf einen Deal ein: Der passive Ames landet zwar in der Todeszelle, der tatsächliche Mörder Darby jedoch, ein widerlicher Sadist vor dem Herrn, bekommt mangels profunder Beweise lediglich ein paar Jahre Gefängnis.
Zehn Jahre vergehen, bis zum Tag, da Ames mit der Giftspritze hingerichtet wird. Die Exekution verläuft überaus unschön, da das Todesserum gegen eine andere Chemikalie ausgetauscht wurde. Damit nicht genug, wird Darby entführt und bestialisch zu Tode gefoltert. Der Verursacher beider Ereignisse ist rasch gefunden. Niemand anderes als Clyde Shelton steckt dahinter. Dieser lässt sich zwar brav festnehmen und ins Gefängnis sperren, doch sein eigentlicher Rachefeldzug fängt damit erst an…

In Erwartung eines „klassisch“ arrangierten Vigilantenthrillers widmete ich mich dem „Director’s Cut“ dieses sich selbst doch weitaus wichtiger nehmenden, mit den moralgetünchten Serienkillerfilmen der Vorjahre von „Se7en“ über die „Saw“-Reihe bis hin zu „WΔZ“ liebäugelnden Machwerks. Und ein Machwerk, das ist „Law Abiding Citizen“ im allerschlechtesten Sinne, mit allen Schikanen sozusagen. Denn die handelsübliche Rache- und Selbstjustizstory muss nichts Geringerem weichen denn einem sich höchst clever wähnenden Plot um die Ad-Absurdum-Führung des gesamten Justizsystems. Nicht von ungefähr spielt die von Kurt Wimmer erdachte Story in Philadelphia, der „City of Brotherly Love“, Nationalheiligtum als ehemalige Hauptstadt der USA und jener Ort, an dem 1787 die Unabhängigkeitserklärung verabschiedet wurde. 2009 war es dann an an Gerard Butler aka Clyde Shelton, dem maroden Jurisdiktionsapparat dessen Schwächen mit aller nach dem Dafürhalten des moralisch Gewappneten gebotenen Härte vor Augen zu führen und eine Sanierung anzustoßen. Doch ein ordinärer Bürger, wie der Originaltitel es suggeriert, ist Shelton – natürlich – mitnichten. Ein solcher könnte ja auch gar nicht solch verzwickte Ideen aushecken wie Shelton es tut. Stattdessen entpuppt er sich im weiteren Verlauf als höchst versierte und professionelle Mordmaschine der CIA und naturgemäß Bester seiner Zunft, dessen biblischen Zorn besser niemand entfesselt hätte. Denn Shelton ist auch ein brillanter Stratege und seinen Gegnern stets zehn Züge voraus. Jamie Foxx als Butlers Widersacher muss also erst lernen, im Sinne seiner Nemesis umzudenken, bevor der vielbeschäftigte Staatsdiener, nachdem er den Kontrahenten schlussendlich doch noch (mit dessen „Waffen“ freilich) besiegen kann, endlich einmal seine eigene kleine Tochter (Emerald-Angel Young) beim Cello-Auftritt besuchen darf. Der Weg dahin ist gepflastert mit allerlei Meilensteinen der Dämlichkeit.
„Law Abiding Citizen“ ist so unfassbar schlecht, löchrig und dumm geschrieben, dass die imdb-Durchschnittswertung von tagesaktuellen 7.4 Punkten anmutet wie ein schlechter Witz. Überhaupt scheint Butler, den ich mehr und mehr geringschätze, sich nur allzu gern auf dümmliche Projekte wie dieses einzulassen. Hätten Gray und Wimmer den Mut oder auch die Chuzpe besessen, die fiese Schlachtplatte der ersten halben Stunde irgendwie auf 90 Minuten auszudehnen, ohne sich in vermeintlich komplexen Narrationsvolten und, noch viel schlimmer, in abgeschmackten Ethikdiskursen zu verlieren, „Law Abiding Citizen“ hätte zumindest als halbgescheite Exploitatongranate reüssieren können. So jedoch wird aus der ganzen Chose ein reichlich reflexiver Schildbürgerstreich, der im Nachinein bestenfalls dazu taugt, die mitleiderregende Blödheit seiner Produktionsbeteiligten und die seines applaudierenden Publikums gleichermaßen zu illustrieren.
Schlimm.

3/10