RAVENOUS

„Bon appétit.“

Ravenous ~ UK/USA/CZ/MEX 1999
Directed By: Antonia Bird

Sierra Nevada, Kalifornien, 1847: Nach einer Auszeichnung, die Captain John Boyd (Guy Pearce) infolge einer eher unfällig vollzogenen Heldentat in den letzten Tagen des Amerikanisch-Mexikanischen Krieges zuteil wird, entsendet man ihn nach Fort Spencer, einen kleinen, militärischen Außenposten am Fuß des Gebirges, der von dem gesetzten, sympathischen Colonel Hart (Jeffrey Jones) kommandiert wird. Eines Abends taucht ein halberfrorener Fremder (Robert Carlyle) in Spencer auf, der sich als Siedler namens Colqhoun vorstellt und eine furchtbare Geschichte erzählt: Er sei mitsamt fünf Mitreisenden infolge eines Schneesturms wochenlang in einer Höhle in den Bergen gefangen gewesen, wo der Hunger sie schließlich in den Kannibalismus gedrängt hat. Colqhoun habe noch fliehen können, bevor der wahnsinnig gewordene Colonel Ives auch ihn hatte töten und verspeisen können. Ives und eine Witwe seien noch vor Ort. Eine kleine Abordnung macht sich auf den Weg, der Frau zur Hilfe zu eilen, doch in der Höhle finden sich nurmehr die abgenagten Gerippe von fünf Leichen. Colqhoun entpuppt sich als der Hauptübeltäter und tötet bis auf Boyd alle Soldaten. Boyd kann sich mit gebrochenem Bein verstecken und ist schließlich selbst zum Verzehr eines seiner toten Kameraden (Neal McDonough) gezwungen, um zu überleben. Wie durch ein Wunder meistert er den Weg zurück nach Fort Spencer, wo sich just ein neuer Kommandeur vorstellt: Colonel Ives alias Colqhoun…

„Ravenous“, die vierte von bislang fünf Kino-Regiearbeiten der Londoner Filmemacherin Antonia Bird, könnte man als die groteske, mit Horrorelementen hybridisierte Paraphrase eines klassischen frontier western bezeichnen. Die Storyprämisse ist dieselbe wie sieben Jahre zuvor bei Kevin Costners Meisterwerk „Dances With Wolves“ – ein dem Tode geweihter Offizier rettet sich selbst durch einen mirakulösen Akt des Heldentums doch noch selbst das Leben, wird dafür perplexerweise ausgezeichnet und in westliches Niemandsland entsandt, wo er das Grauen einer barbarisierten Zivilisation erlebt. Indianische Kultur und Mystizismen nehmen in „Ravenous“ allerdings lediglich eine periphere Rolle ein: Boyd hört die Geschichte des „Wendigo“, eines gierigen Geistes, der, einmal dem Kannibalismus verfallen, einen unstillbaren, suchtartigen Hunger auf Menschenfleisch entwickelt, sich jeweils die Kraft des verzehrten Opfers aneignet und so selbst immer stärker wird. Jene Legende erweist sich im weiteren Verlauf als nur allzu zutreffend. Ives berichtet später, selbst von ihr gehört und sich hernach gezielt der Anthropophagie zugewandt zu haben, um seine Schwindsucht und seine Depressionen zu überwinden – höchst erfolgreich, wie er hinzufügt. Auch Boyd und Hart lernen die unheimliche, heilsame (und lebensspendende) Kraft kennen, die das Verspeisen von humanen Artgenossen mit sich bringt. Beiden gelingt es, dem sicheren Tod von der Schippe zu bringen. Ives hat derweil längst den Plan entwickelt, Fort Spencer zum Zentrum einer aus auserwählten (damit sind ranghohe Offiziere des Militärs gemeint) Mitgliedern bestehenden, kannibalischen Subkultur zu machen und sich dort künftig an Richtung Westen durchreisenden Siedlern zu delektieren. Die Symbolik dahinter ist so trefflich wie evident: Der Imperialismus frisst sich selbst. Den Wendigo könnte man ebensogut auch als Rachewerkzeug der im Rückzug befindlichen, indigenen Bevölkerung am Weißen Mann erachten; wenn schon die unrechtmäßige Landnahme stattfinden muss, dann zumindest nur unter grauenvollsten Entbehrungen. Den Kannibalismus schaltet Antonia Bird infolge dessen gewissermaßen gleich mit dem Vampirismus: Wie Blutsauger durch den Lebenssaft ihrer Opfer Unsterblichkeit und Unverletzlichkeit um den Preis der Entseelung erlangen, scheint auch die Anthropophagie (zumindest in den unerschlossenen Gefilden des amerikanischen Westens) einen ganz ähnlichen Effekt auf ihre Nutznießer auszuüben. Und doch lässt sich nicht abschließend klären, wo die Grenze zwischen Wahn und Spiritualität verläuft, denn gänzlich unsterblich, mit dieser beruhigenden Erkenntnis entlassen Antonia Bird und ihr Autor Ted Griffin uns aus ihrem ebenso schönen wie gewitzten Film, sind selbst Kannibalen nicht. Dafür können vermeintliche Feiglinge immer auch Helden sein.

8/10

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LA VÉRITÉ

Zitat entfällt.

La Vérité (Die Wahrheit) ~ F/I 1960
Directed By: Henri-Georges Clouzot

Die junge Dominique Marceau (Brigitte Bardot) steht vor Gericht. Sie hat den Dirigenten Gilbert Tellier (Sami Frey), ihren früheren Liebhaber und späteren Verlobten ihrer Schwester Annie (Marie-José Nat) erschossen. Der öffentlichkeitswirksame Prozess soll klären, welche Motivation Dominique zu der Tat getrieben haben mag und ob diese möglicherweise im Affekt verübt wurde. Im Laufe der Verhandlung wird Dominiques Lebensgeschichte aufgerollt und sie selbst durch die vielfachen Denunziationen ihrer Person mehr und mehr gedemütigt.

In seinem formal strengen Gerichtsdrama (das eigentlich sehr viel mehr als Porträt der Kollateralopfer einer verlorenen Generation gelten mag) inszeniert Henri-Georges Clouzot seinen Star Brigitte Bardot gerade so, wie das Kinopublikum sie vergötterte: Als promisk-verführerischen Sex-Maniac von stellarer Schönheit und Erotik, triebgesteuerte Nymphomanin und doch bedauernswertes Opfer ihrer Umstände. Doch halt – ganz so einfach macht es sich Clouzot dann doch wieder nicht. Vielmehr transzendiert er genau dieses öffentliche Image der Hauptdarstellerin, indem er unter der allseits begehrten und bewunderten Fassade einen schwachen Charakter herausschält, der Sex (stets verfügbar) mit Zuwendung (stets versagt) verwechselt und somit zu dem wird, was im neopsychiatrischen Jargon als „Borderline-Persönlichkeit“ bezeichnet wird. Dominiques Leben ist eine Ansammlung von – zumeist eher halbherzig und als Hilferuf inszenierten – Suizidversuchen. Von Familie und Pädagogen primär als zur Subordination unfähige, renitente Göre erlebt, zieht es das schöne Mädchen noch in den Teenagerjahren vom bürgerlichen Elternhaus in Rennes geradewegs in die verruchte Pariser Bohème, wo Studenten und Nachwuchsexistenzialisten sich im Quartier Latin die Nächte mit allem um die Ohren schlagen, was dazu angetan ist, die Bourgeoisie gegen sich aufzubringen. Die mit ihrer biederen, Musik am Konservatorium studierenden Schwester geteilte Wohnung verlässt sie, nachdem sie Annies Kommulitonen Gilbert kennenlernt, der ihrer offenen Verführungskunst mit Haut und Haaren verfällt. Die sich rasch entwickelnde Liaison erweist sich jedoch als höchst toxisch; während Dominique noch nicht bereit ist, ihr vormaliges Lotterleben einfach hinter sich zu lassen und eine nach klassischem Muster modulierte Beziehung einzugehen, erwartet Gilbert von ihr bedingungslose Treue, die er auf jede denkbare einzufordern versucht. Nachdem sie ihm jedoch immer wieder die kalte Schulter zeigt, löst er sich endgültig von ihr. Es kommt zur Gewalttat, einem Akt der Hilflosigkeit, der im Grunde Dominiques ganze soziale Unangepasstheit zur Kulmination führt. Das sich durchweg aus saturiertem Bürgertum zusammensetzende Gericht, allen voran der Anwalt der Nebenklage, Éparvier (Paul Meurisse), sieht in ihr nurmehr das Sinnbild einer undisziplinierten, verachtenswert aufmüpfigen Junggeneration, die aus dem Ruder zu laufen droht. Die Rekapitulation ihres Lebens, die unentwegte Konfrontation mit all ihren Fehlern, lässt Dominique das Ende der Verhandlung nicht mehr erleben – ihr letzter Selbstmordakt ist erfolgreich. Ihr Verteidiger Guérin (Charles Vanel) ist davon überraschend wenig affiziert. „Das sind die Schattenseiten unseres Berufs“, meint er zu Éparvier, mit dem er sich in den Tagen zuvor erbitterte Wortgefechte geliefert hat, und klopft ihm freundschaftlich auf die Schulter.
Gerade diese letzte Geste zeigt unmissverständlich, dass der ewig schwelende Generationskonflikt von einer Vehemenz ist, die sich kaum jemals endgültig lösen lassen wird.

8/10

UNTAMED

„Why not Australia or America? Why South Africa?“

Untamed (Die Unzähmbaren) ~ USA 1955
Directed By: Henry King

Kapstadt, 1847: Im Zuge der großen Hungersnot in Irland migriert die Jungfamilie Kildare, Katie (Susan Hayward), Shawn (John Justin) und Söhnchen Terence, nach Südafrika, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Dabei hat Katie eine geheime, zusätzliche Motivation für die Einreise: Sie hofft, den Afrikaaner Paul Van Riebeck (Tyrone Power) wiederzusehen, mit dem sie einst bei dessen Besuch in Irland ein heftiges Techtelmechtel hatte. Die Kildares schließen sich einem Siedlertreck ins Landesinnere an und geraten mitten in einen Zulu-Aufstand. Shawn wird dabei getötet, während Paul und seine Rebellenmiliz den Eingeschlossenen zur Hilfe eilen. Die Liebe zwischen Katie und Paul entflammt aufs Neue, ganz zum Leidwesen des Treckvorreiters Kurt Hout (Richard Egan), eines Freundes von Paul, der selbst ein Auge auf Katie geworfen hat. Ein Peitschenduell entscheidet Paul für sich und gründet mit Katie eine Farm, nur um sie, in Unkenntnis ihrer zweiten Schwangerschaft, einige Wochen später wieder zu verlassen und zu seiner Truppe zurückzukehren. Auf die enttäuschte Katie warten Jahre der Entbehrung und des Glücksritterinnentums, das sie kurzweilig sogar zu einer reichen Frau werden lässt. Schließlich doch wieder verarmt, trifft Katie ein letztes Mal auf den nach wie vor gekränkten Kurt, der mittlerweile zum kriminellen Despoten geworden ist und wird von dem herbeieilenden Paul gerettet. Diesmal bleibt er bei seiner Familie.

Neben Gregory Peck war Tyrone Power der bevorzugte leading man des über 47 Jahre in Hollywood tätigen Regieprofis Henry King. Diverse Abenteuerfilme und Dramen realisierte das Duo zusammen, einer davon der eher auf dem Abstellgleis des cineastischen Kollektivgedächtnisses befindliche „Untamed“. Dieser bildete nach der Hemingway-Adaption „The Snows Of Kilimanjaro“ einen weiteren inszenatorischen Ausflug Kings auf den Schwarzen Kontinent und nach „King Of The Khyber Rifles“ seine zweite Arbeit im von seinem Hausstudio Fox frisch lancierten CinemaScope-Format. Entsprechend ausladend gestalten sich die Bildkompositionen, denen die jüngste Restauration nochmals sichtbar Ehre macht. Doch hat „Untamed“, abgesehen von seiner geringfügig betagt wirkenden Romantikerzählung, deren ausladende und überaus wendungsreiche Gestaltung ein wenig an die ebenfalls von historischen Schicksalsschlägen heimgesuchte On/Off-Beziehung von Scarlett O’Hara und Rhett Butler erinnert, seine kleinen Schwächen. Sei es der zwar aufwändig, aber wenig glaubhaft oder gar packend choreographierte Kampf gegen die Zulu (King war, das veranschaulicht er hier nur zu deutlich, alles, bloß kein Actionregisseur), sei es das zickige Kleinmädchengehabe von Haywards (an diverse Maureen O’Hara-Rollen erinnernde) Figur, die sich eine Menge Unbill durch einen kühleren Kopf ersparen könnte und daher nicht eben sympathisch anmutet oder einflach bloß das große Hauptproblem des gesamten Films: Der Schauplatz Südafrika trägt darin lediglich der Romanvorlage Rechnung, ansonsten ist „Untamed“ ein luprenreiner frontier western, der in etlichen kleinen und großen Details an diverse Beiträge zu jenem Genre gemahnt. Man könnte die meisten Einstellungen, ja, ganze Sequenzen, in denen nicht gerade typisch afrikanische Klischeerequisiten oder afrikanische Ureinwohner zu sehen sind, unverändert aus dem Kontext ziehen und sie als Fragmente eines x-beliebigen Siedlerwestern veräußern. Damit zählt „Untamed“ wohl zu den „unafrikanischsten“ Filmen aller Filme über Afrika, die ich kenne. Als etwas überteuertes, vergessenes Camp-Kleinod indes, etwas, was man mit diesem Regisseur a priori keinesfalls zu assoziieren geneigt wäre, lässt sich „Untamed“ aber noch recht unkompliziert goutieren.

6/10

THREADS

„They’ve done it… They’ve done it.“

Threads ~ UK/AU/USA 1984
Directed By: Mick Jackson

Während die ungeplant schwanger gewordene Ruth Beckett (Karen Meagher) und Jimmy Kemp (Reece Dinsdale), ein junges Paar aus Sheffield, mit ihrer – aus naheliegenden Gründen sanft erzwungenen – Familienplanung befasst sind, kommt es im Iran zu mehreren offenen Auseinandersetzungen zwischen den USA und der UdSSR. Während die Nachrichten täglich dringlicher werden und beginnen, vom Vorhalten im potenziellen „Ernstfall“ zu sprechen, richten Ruth und Jimmy ihre Wohnung an. Ein von den Amerikanern gestelltes Ultimatum an die Russen, sich aus der Risikoregion zurückzuziehen, verstreicht. Dann fallen die Atombomben. Eine erste explodiert über der Nordsee und vernichtet die gesamte örtliche Telekommunikation. Dann werden militärische und wirtschaftliche Ziele unter Beschuss genommen, unter anderem eine NATO-Basis in der Nähe Sheffields. Die Stadt ist dem Erdboden gleich. Den prompt ausgelöschten Millionen von Toten folgen kurz darauf die ersten Opfer von Verstrahlung und Fallout. Humanitäre Hilfestellung kann nicht geleistet werden, da weder Verpflegung noch Ressourcen vorhanden sind. Das für den Notfall eingerichtete Hilfsteam verendet selbst in seinem Schutzbunker. Vieh und Ernten sterben oder sind unbrauchbar, auf Jahre hinaus. Es folgt der Nukleare Winter. Die Atmosphäre verdunkelt sich durch die Legionen von Tonnen aufgewirbelten Staubs auf Jahre hinaus. Jimmy ist bereits bei der ersten Angriffswelle zu Tode gekommen. Ruth schleppt sich durch die verstrahlte Ödnis, ist jedoch noch zäh genug, ein gesundes Mädchen namens Jane zur Welt zu bringen und aller Widernisse zum Trotz die ersten Jahre lang großzuziehen, bis auch sie an den Folgen der Verseuchung stirbt. Die Welt ist zurück in die Steinzeit gefallen; es zählt nunmehr das nackte Überleben. Mit 13 wird Jane ( Victoria O’Keefe) selbst schwanger. Ihr eigenes Baby kommt als Missgeburt zur Welt.

Während die Amerikaner bereits 1983 Nicholas Meyers „The Day After“ als TV-Event lancierten (dem seinerzeit eine gewaltige globale Aufmerksamkeit zuteil und der vielerorts, so auch bei uns, im Kino gezeigt wurde), entließ die BBC ein knappes Jahr später ihren dramatisierten Beitrag zum Dritten Weltkrieg. „Threads“ von Mick Jackson kam in Deutschland leider nie zur Aufführung und dürfte auch sonst den Bekanntheitsgrad des starbesetzten „The Day After“ weit unterbieten. Dabei ist er der sehr viel nachhaltigere Film.
Ich bin einerseits froh, ihn überhaupt gesehen zu haben dürfen (auf der im letzten Jahr erschienen Blu-ray von Simple Media, leider nur als Import erhältlich), bin andererseits jedoch ebenso erleichtert, dass ich ihn nicht in zeitgenössischer Nähe zur Uraufführung habe durchleiden müssen. Als 76-er Jahrgang gehöre ich ja zu den Kindern der Friedensbewegung, mit den letzten wahrscheinlich, die den Kalten Krieg in den Achtzigern noch bewusst miterlebten. Ich erinnere mich noch daran, welche Wellen „The Day After“, der in aller Munde war und dessen Kinoplakat mit dem Atompilz am Ende eines langen Highways allgegenwärtig schien, schlug, weiß noch, dass wir als Grundschulkinder gegen „First Blood, Part II“ in seiner zersetzenden Funktion als imperialistisches, kriegstreiberisches Machwerk auf die Straße gingen und erinnere mich an meine alte Klassenlehrerin Frau Meyer, eine sehr liebenswerte Dame von altem Schrot und Korn, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt hatte, angesichts der soeben bekant gewordenen Tschernobyl-Katastrophe in Tränen ausbrach. Damals zählte Gudrun Pausewang zum verbindlichen Kanon der Kinder- und Jugendliteratur, „Die Wolke“ und vor allem „Die letzten Kinder von Schewenborn“ (dessen Ende, wohl eher zufällig, starke Parallelen zu dem von „Threads“ aufweist) wurden entweder in der Schule oder sonst bereitwillig privat gelesen. „Die letzten Kinder“ zählte bei uns zum Unterrichtsinhalt im Fach Deutsch der 7. Klasse und ich hatte noch Wochen später Albträume davon. Überhaupt war (und ist, vermutlich) eine meiner größten Existenzängste der Ausbruch und die Folgen eines Atomkriegs, weshalb ich für den emotionalen Impact einen Film wie „Threads“ auch überaus empfänglich bin. Filme über den Fall und das Zerstörungsausmaß der Atombombe gab es auch abseits der genannten damals einige, man denke an „Testament“, „Malevil“, „Pisma Myortvogo Cheloveka“ oder den ebenfalls englischen „When The Wind Blows“, allesamt, zumindest soweit bekannt, überaus respektable Schreckensvisionen vom Ende der Zivilisation. Ganz zu schweigen von den vielen Genrefilmen, von der „Mad Max“-Reihe über „The Terminator“ und all ihren mal mehr, mal weniger gelungenen Epigonen, die das nukleare Finale der Menschheit als motivarischen Hauptanlass für vortreffliche Science Fiction und Action nutzten.
Im Hinblick auf ihre zerstörerische Wirkung beim Zuschauer kommt keiner der genannten Titel „Threads“ auch nur ansatzweise gleich. Man wird, wenn man nur ein wenig sucht, beispielsweise auf Seiten wie „Taste of Cinema“, immer wieder Listen von Filmen ansichtig, die so schrecklich sind, dass man sie sich freiwillig nur einmal anschauen würde. Etliche selbsternannte Popanze lassen dort und anderswo ihren diesbezüglichen Senf ab. In der Regel sind stets dieselben fünf, sechs transgressiven Filme darunter, denen seit ihrem Erscheinen der skandalöse Ruch des „Unmöglichen“ anhaftet, des ästhetisch aufgebrachten „Pfui!“ und des skandalösen Sensationalismus. Von „Threads“ habe ich vor einigen Jahren erstmals über eine dieser Listen etwas mitbekommen, eine Schande eigentlich. Nun ist „Threads“ kein Leinwand, sondern ein Fernsehfilm und dazu ein nicht sonderlich kostspielig produzierter. Und doch stellt Mick Jacksons Film in Bezug auf seine pure Wirkmacht (die natürlich stets ein reines Subjektivum ist) das Allermeiste an filmischem Schaffen in den Schatten. Ich habe mittlerweile von Menschen gelesen, die nach seiner Betrachtung in vorübergehende Angstzustände und depressive Episoden verfallen sind und von diversen, die ihn gar nicht bis zum Ende seiner eigentlich übersichtlichen 112 Minuten Laufzeit durchhalten konnten oder mochten. Für jeden von ihnen habe ich vollstes Verständnis. Sich „Threads“ in vollem Umfang auszuliefern kommt einem Anschlag auf sein Inneres, einer kulturmedialen Mutprobe gleich.
Warum ist „Threads“ kaum auszuhalten? Er verschwendet nur die notwendigste Zeit auf die Einführung seiner Protagonistin Ruth Beckett, die für den Rezipienten zum notwendigen, identifikatorischen Dreh- und Angelpunkt und narrativen Stellvertreter wird. Nach einem bereits kaum erträglichen Druckaufbau hinsichtlich der sich verschärfenden globalen Lage folgt dann der nukleare Holocaust. Von jetzt an gibt es nur noch Zerstörung, Leid, Schmerz und Tod, allumfassend, endgültig, in all ihren zerstörerischen Ausmaßen stets mittels sachlich fundierter Textafeln und ergänzender Off-Kommentare erläutert. „Threads“ veranschaulicht in diesem Zusammenhang auch trefflich die humane (und humanitäre) Vernetzung, die notwendig ist, um unsere Wohlstandexistenzen aufrecht zu erhalten. Sämtliche dieser buchstäblichen Fäden werden mit dem Fall der Bomben gekappt. Es gibt nichts mehr, kein soziales Gefüge, keine Nahrung, keinen Trost, keine Liebe, nurmehr den unbändigen, triebhaft reduzierten Willen des Individuums, die nächsten drei Stunden hinter sich zu bringen. Am allerwenigsten jedoch, und das ist vielleicht das Niederschmetterndste am Film, gibt es Hoffnung. Die Lage verschlimmert sich Stunde um Stunde, Tag für Tag, Woche für Woche. Die Erde wird dunkel, es wird kalt, alles fault, verwest, löst sich auf, zerfällt. Seuchen, Krankheiten, Schmutz und Hunger dezimieren die Menschheit weiter und weiter, ohne Unterlass. Es gibt kein Lächeln mehr, keine (emotionale) Wärme, nurmehr kurze funktionale Hilfsbeziehungen. Man kann nirgendwohin flüchten, denn überall auf der Welt ist es gleich. Und auch nach Jahren bessert sich nichts. Die ersten, kärglichen Geteideernten nachdem sie Sonne ihre UV-Strahlen wieder ungefiltert (die Ozonschicht ist irreparabel geschädigt) durchlässt, sind kaum zu gebrauchen. Die Nachgeborenen, so sie physisch gesund sind (wie – das einzige Wunder im allseitigen Nihilismus – Ruths Tochter Jane) erfahren keine tragfähige Bildung mehr und verständigen sich untereinander nurmehr in rudimentär gebabbelten Ein- bis Dreiwortsätzen. Und es wird nicht besser. Das Bild des in den Trümmern bei einem kurzen, spielerischen Akt mit einem Gleichaltrigen gezeugten Babys der dreizehnjährigen Jane enthält der Film uns vor. Es gibt keinen Laut von sich, vielleicht, hoffentlich, hat es die Gnade des Todes bereits ereilt. Janes entsetztes, zum horrifizierten Schreien ansetzendes Gesicht, als sie ihr Neugeborenes zum ersten Mal sieht, ist die letzte von vielen unvergesslichen Einstellungen.
Ich weiß nicht, warum „Threads“ so wenig bekannt ist. Was ich weiß, ist das sich das nicht nur ändern sollte, sondern muss. Jedem Regierungsbeamten weltweit sollte mit dem Tage der Gelobung seines Amtseides die Pflicht zuteil werden, sich diesen Film mindestens einmal pro Jahr anschauen zu müssen. Auch wenn sich dies für den Moment sehr blauäugig lesen mag: es würde unsere Welt, in der präsidiale Kraftmeierei en vogue ist wie seit 35 Jahren nicht mehr, vielleicht ein klein wenig sicherer machen.

10/10

LORDS OF CHAOS

„Fuck.“

Lords Of Chaos ~ UK/SE/NO 2018
Directed By: Jonas Åkerlund

Øystein Aarseth (Rory Culkin) ist ein norwegischer Jungtwen, der der spießig-puritanischen Attitüde seines Elternhauses im Oslo der späten achtziger Jahre mit harter Metalmusik begegnet. „Black Metal“, basierend auf dem gleichnamigen Album der Band Venom, nennt er den von seiner eigenen Combo Mayhem gespielten Stil, „Euronymous“ ist sein Kampfname als Gitarrist und Kopf der Band. Aarseth liebt es, mit satanistischen Symbolen zu spielen und gibt sich gern den Anstrich als am kommerziellen Establishment desinteressierter Rebell. Mit dem emotional und psychisch hochgradig gestörten Pelle Ohlin (Jack Kilmer) alias „Dead“ aus dem benachbarten Schweden erhält Mayhem einen Sänger, der die Popularität der Combo rasch nach oben schnellen lässt. Dennoch wählt Ohlin bald den Freitod. Eines Tages taucht dann in Aarseths In-Plattenladen „Helvete“ der aus Bergen stammende Kristian „Varg“ Vikernes (Emory Cohen) auf und hinterlässt ein Demo-Tape seines Solo-Projejts Burzum. Als „Count Grishnackh“ spielt Vikernes, von dessen Talent Aarseth schwer begeistert ist, bald kurzzeitig Bass bei Mayhem. Mit Vikernes‘ Erscheinen ändert sich jedoch zugleich das gesamte Wesen der Szene. Der junge, aus wohlhabendem Hause stammende Charismatiker verehrt ein seltsames Konglomerat aus Diktaturen, Paganismus und Satanismus und sieht in der Kirche die Wurzel allen Übels. Die Helvete-Szene ist von ihm und seinen Hasstiraden begeistert. Bald brennen überall in der Region altehrwürdige Gotteshäuser nieder, ein homosexueller Mann (Jon Øigarden) wird grausam ermordet und Vikernes sucht den selbstherrlichen Kontakt zu den Medien. Ein Streit zwischen ihm und Aarseth endet schließlich in der Katastrophe.

Der Titel des Films „Lords Of Chaos“ stammt von einem gleichnamigen, 1998 veröffentlich Buch über die Black-Metal-Szene Norwegens. Deren skandalöse Kerngeschehnisse, Ohlins Selbstmord, die diversen Kirchenverbrennungen, der Mord an Magne Andreassen durch Bård Guldvik „Faust“ Eithun (Valter Skarsgård) und schließlich die Ermordung Øystein Aarseths durch Varg Vikernes wurden mittlerweile recht häufig zum Thema dokumentarischer Abhandlungen in Schrift und Bild. Erwähnenswert insbesondere der um Gylve „Fenriz“ Nagell kreisende „Until The Light Takes Us“, der einen ernüchternden Einblick in die nach und nach verwehenden Spuren des einstigen norwegischen Kulturexports Black Metal und seiner katstrophalen Auswüchse gewährt. Ein Wunder insofern, dass die Ereignisse um Øystein Aarseth bislang nie in dramaturgisierter Form aufgearbeitet wurden. Dem schafft der schwedische Filmemacher Jonas Åkerlund, in den frühen Achtzigern selbst kurzzeitig Mitglied der Band Bathory und populär vor allem als Regisseur etlicher Musikvideoclips, letztjährig Abhilfe. Erste Kreise zog „Lords Of Chaos“ durch seine betont naturalistische Gewaltdarstellung, die sich, soviel sei gleich vorweggenommen, jedoch keinesfalls als voyeuristisch, sondern als im Gegensatz dazu dem Film als eminenter auhentischer Bestandteil überaus zuträglich erweist. Weder Ohlins Selbstverstümmelungen oder sein Kopfschusssuizid noch die beiden geradezu ausgiebig zelebrierten Messermorde an Andreassen und später Aarseth hätten in beschönigter Weise dargestellt werden sollen, sondern eben gerade so ekelhaft und widerwärtig, wie sie die damalige Realität hat miterleben müssen. Es ist gut, dass Åkerlund keinerlei Scheu hatte, sie, weniger als spekulative Zäsur, sondern eben als traurige Bestandteile des Geschehens in seinen Erzählduktus unumwunden einzupflegen. Doch auch als grundsätzliches, beschämend endendes Coming-of-Age-Piece im Genre des Musikfilms überzeugt „Lords Of Chaos“ auf ganzer Linie. Euronymous wird gleich zu Beginn als launiger Off-Erzähler etabliert, der das bedauernswerte Fatum seiner letzten Lebensjahre (und somit im Prinzip als Toter) unter Verwendung eines verdient sarkastischen Untertons kommentiert. So wurde über Åkerlunds bitter-schwarzhumorigen Aufbereitungsansatz verständlicherweise ebenfalls nicht wenig diskutiert; der Film schildert seine Protagonisten als fehlgeleitete, unreife Kinder, deren zuweilen entgleisende Motivation, Gewaltverbrechen zu verüben, zumeist eher auf tragische Koinzidenzverkettungen denn auf den rückhaltlosen Willen zum Bösen zurückzuführen ist – für die einen (Aarseth) sind das Schwingen großer Reden und ihre Corpsepainting-Masche reines Mittel zum Zweck der sozialen Rebellion, für die anderen, psychisch instabileren Teilhaber desselben Schicksals, avanciert jener Gestus zum ernsten Aktionismus und somit zur (inneren) Legitimation extremer Ausbrüche von Gewalt. Am Ende, kurz bevor Øystein von Vikernes hingeschlachtet wird (er ist zu jenem Zeitpunkt 25 Jahre alt), zeigt Åkerlund ihn just auf dem Weg zum bourgeoisen Erwachsenwerden. Die Beziehung zu seiner Freundin Ann-Marit (Sky Ferreira) ist stabil und zukunftsträchtig, er lässt sich die Haare abschneiden, hat schon seit längerem eine bürgerliche Wohnung und will sich vor allem von Vikernes lösen, den er mittlerweile als negativen Einfluss auf seine eigene Existenz wertet. Doch es ist zu spät, der Dämon ist enfesselt und es verlagt ihn nach Blut.
Aarseth ist nunmehr seit knapp 26 Jahren tot. Vikernes hat eine Frau und sieben Kinder, gibt sich weiterhin öffentlich als ideologietreuer Antisemit und Rassist zu erkennen und lebt unter den Namen Louis Cachet im Limousin in Frankreich.

9/10

AQUAMAN

„Trust me, I am no king.“

Aquaman ~ USA/AU 2018
Directed By: James Wan

Ein Jahr nachdem „Aquaman“ Arthur Curry (Jason Momoa) als Teil des von Batman gegründeten Superheldenteams „Justice League“ den dunklen Gott Steppenwolf besiegen konnte, muss er sich der eigenen Vergangenheit als atlantischer Thronfolger stellen: Die standesgemäß mit Arthurs intrigantem Halbbruder Orm (Patrick Wilson), dem „Ocean Master“, verlobte Mera (Amber Heard) bittet Arthur, den Magischen Dreizack von Atlan ausfindig zu machen, die wesentliche Insignie, um die Königswürde als Herr von Atlantis zu garantieren. Jener befindet sich im schützenden Besitz der unterseeischen Entität Karathen. Aquaman und der ihm behilflichen Mera gegenüber steht in erster Instanz Orm, der plant, einen Krieg gegen das Oberflächenvolk zu führen, unerstützt von dem Piraten David Kane (Yahya Abdul-Mateen II) alias „Black Manta“, der Arthur für den Tod seines Vaters (Michael Beach) verantwortlich macht und einer Schar amphibischer Monsterwesen, den Trench.

Ein farbenfrohes, bisweilen in halluzinogene Sphären abdriftendes DCEU-Superheldenspektakel tischt James Wan dem geneigten Freund entsprechender Zerstreuung mit diesem ersten Post-„Justice League“-Werk auf. Wie schon ansätzlich jenes Teamwerk und auch Patty Jenkins‘ „Wonder Woman“ folgt der nächste Soloauftritt eines DC-Helden einem bunteren, atmosphärisch aufgelockerten Kurs, der der existenzialistisch-dramatischen Schwermut der ersten beiden Zack-Snyder-Epen weitgehend einen Riegel vorschiebt und zu den Golden-, Silver- und Bronze-Age- Wurzeln der Gattung zurückgreift: Mit einem Hochmaß an Fabulierfreude, lustvoll-campigen Ausfällen, leuchtender Neongrelle und guter Laune kredenzt „Aquaman“ ein zumindest in Bezug auf seine Narration sehr traditionelles Fantasy-Abenteuer, das mit Bruderzwist, Romantik, Rache und güldenem MacGuffin die so ziemlich obilgatorischsten Elemente klassischer Genreunterhaltung beinhaltet. Jason Momoa als moderne „King Arthur“-Variante ist dabei trotz seiner phantastischen Herkunft und Fähigkeiten ein so kerniger, bodenständiger Superheld, wie es schon lange keinen mehr gab; ein erfrischend menschlicher, beinahe proletarischer Hauch umweht ihn, die (verbotene) Liebesfrucht eines Leuchtturmwärters (Temuera Morrison) und einer atlantischen Adelsdame (Nicole Kidman). Arthur Curry säuft gern mal einen in verlotterten Hafenkneipen, liebt seine fischigen Kumpels und kommt, anders als ein gesellschaftsentfremdetes Individuum wie Bruce Wayne, auch bei lautstarken Rockergangs gut an. Es gibt tolle Monster in Legionenquantität und ein spaciges Untersee-Orakel, eine Herausforderung zum Duell, zerstörungsintensive Unter- und Oberwasserfights und, zu guter Letzt, die Wiedervereinigung eines ganz süßen Liebespaars, dargeboten von einer Spitzenbesetzung. Gewiss, „Aquaman“ darf auf keinen Originalitätspreis hoffen und er ist so ziemlich das filmgewordene Gegenteil von allem, was man landläufig als sophisticated bezeichnen möchte, aber er hat mir an Ort und Stelle ein verdammt großes Kontingent an realem, infantilen Spaß eingebracht. Mehr verlange ich nicht von ihm.

8/10

AUS DEM NICHTS

„Das waren Nazis.“

Aus dem Nichts ~ D/F/I 2017
Directed By: Fatih Akin

Für die Hamburgerin Katja Sekerci (Diane Kruger) sind ihr kurdischstämmiger Mann Nuri (Numan Acar) und ihr kleiner Sohn Rocco (Rafael Santana) die ganze Welt. Nach einer kurzen Zeit in Haft, die er wegen Marihuanadealens absitzen musste, hat Nuri sich eine ansehnliche Existenz als Steuerberater für des Deutschen weniger kundige Migranten aufbauen können. Eines nachmittags explodiert unmittelbar vor seinem Büro eine Nagelbombe. Nuri und Rocco fallen dem Anschlag zum Opfer. Die am Boden zerstörte Katja ist rasch davon überzeugt, dass die Tat nur politisch motiviert sein kann und Neonazis dahinter stecken, zumal sie kurz vor der Explosion eine junge Frau (Hanna Hilsdorf) vor Nuris Büro gesehen hat. Die Polizei glaubt indes fest an eine milieubedingte Racheaktion und wiegelt Katjas Geschichte ab. Nachdem sie nach Jahren wieder zu Drogen greift und bereits fast jeden Lebenswillen verloren hat, keimt doch noch ein Hoffnungsschimmer für Gerechtigkeit: die von Katja beobachtete Frau Edda Möller ist nebst ihrem Mann, dem Neonazi André (Ulrich Brandhoff), festgenommen worden. Beide sind des Mordes verdächtig. Als Nebenklägerin lässt sich Katja von ihrem alten Freund Danilo Fava (Denis Moschitto) vor Gericht vertreten. Der Gegenanwalt Haberbeck (Johannes Krisch) erweist sich jedoch als fintenreich genug, einen Freispruch für das Ehepaar Möller zu erwirken. Katja folgt den beiden nach Griechenland und baut dort eine Bombe, die der des Anschlags nachempfunden ist…

„Aus dem Nichts“ lässt sich durchaus als ein ergänzender Nachklapp zu Fatih Akins „Liebe, Tod und Teufel“-Trilogie betrachten, zumal alle drei genannten Motivspender sich mühelos in der Geschichte von Katja Sekerci und ihrem selbstzerstörerischen Rachefeldzug ausfindig machen lassen. Wo Akin in den Jahren seiner bisherigen Tätigkeit als türkischstämmiger, politischen Abhandlungen durchaus nicht abgeneigter Filmemacher die Topoi Rechtsextremismus und Rassismus stets ausgespart hatte, ging er vor zwei Jahren mit „Aus dem Nichts“ unmittelbar in medias res. Bewegt und beeindruckt vom langwierigen NSU-Prozess, den er teilweise selbst vor Ort mitverfolgt hatte und gewiss auch vom bedrohlichen Wiedererstarken rechtspopulistischer Kräfte im Land entwarf er gemeinsam mit NDF-Urgestein Hark Bohm diese sich zunehmend intimer gestaltende Geschichte um die Folgen eines neonazistischen Bombenanschlags mitten in Hamburg. Wie im authentischen Fall miterlebt verzichtet Akin dann auch keinesfalls auf das offenkundige Versagen des Justizapparats, der sich beharrlich weigert, deutschen Rechtsterrorismus als eine reale Bedrohung nicht nur des Individuums, sondern auch der demokratischen Grundordnung anzuerkennen, geschweige denn wahrzunehmen. Laufen bereits die ersten Ermittlungen auf einen sogenannten „milieuintern“ motivierten Anschlag hinaus, spielt später noch die im Zweifelsfall und insgeheim unakzeptable Tatsache der deutsch-kurdischen Familie in Kombination mit einem beruflich erfolgreichen, im besten Wortsinne „sauberen“ Ehemann und Vater eine tragende Rolle im gesamten Prozess. Diese Erfahrung muss Katja auch aufs Neue im Zusammenhang mit ihren Eltern (Karin Neuhäuser, Uwe Rohde) und Schwiegereltern (Asim Demirel, Aysel Iscan) machen, die sich angesichts der Tragödie wechselseitig ungebrochen voreingenommen und unversöhnlich zeigen.
Immer wieder rekurriert man auf die Dealer-Vergangenheit des Ermordeten, immer wieder auf das Faktum, dass Katja ihren akuten Verlustschmerz mit Drogen zu betäuben versuchte. Die im Prinzip unwiderlegbaren Indizien gegen die Täter, zu denen selbst eine belastungsschwere Aussage des Vaters (Ulrich Tukur) von André Möller zählt, werden schließlich ignoriert und die Schuldigen ihrer Strafe vorenthalten. Mit dem Freispruch endet auch Katjas Glauben an die Gerechtigkeit und an den Lebenswert an sich, wodurch sich ihr finaler Gegenschlag veranlasst. Diesen belässt der wiederum in drei Akte unterteilte Film wohlweislich vollkommen wertfrei; nach der zweiten Explosion, die die Leben des Ehepaars Möller und auch Katjas eigenes fordert, herrscht, wie so oft am Ende von Akins Filmen, nurmehr das erlösende Rauschen der Meeresbrandung.

8/10