PREDESTINATION

„You’re beautiful. Someone should have told you that.“ – „Well, you just did.“

Predestination ~ AUS 2014
Directed By: Michael Spierig/Peter Spierig

Das letzte große Ziel eines zeitreisenden Agenten (Ethan Hawke) besteht darin, den „Fizzle Bomber“ dingfest zu machen, einen Terroristen, der im New York des Jahres 1975 einen viele Opfer fordernden Anschlag verübt hat. Seine jüngste Spur führt den Agenten zu einem Autoren (Sarah Snook), von dem er sich, selbst als Barkeeper getarnt, nach und nach in einer Kneipe die Lebensgeschichte erzählen lässt. Jener mysteriöse Literat offenbart dem Agenten schließlich, dass er einst als Mädchen geboren wurde und später als junge Frau eine Tochter geboren hat, die dann spurlos aus dem Kinderbett verschwand und sie daraufhin eine Geschlechtsumwandlung zum Mann habe durchleiden müssen. Der Agent heuert daraufhin den Autoren an, um gemeinsam mit ihm den Fizzle Bomber, möglicherweise der Vater des verschwundenen Babys, zu verfolgen…

Das nennt man dann hilfloserweise und in Ermangelung treffenderer Attribuierungen ein „mindfuck movie“: Im Wesentlichen der Kurzgeschichte „All You Zombies“ von Robert A Heinlein folgend, berichtet „Predestination“ die hübsch komplex aufbereitete Story eines Zeitreisenden, der nicht nur irgendwann feststellen muss, dass er selbst sein eigener Widersacher ist, sondern zudem eine schweren Psychose erleidet und schließlich gewahr wird, dass er selbst zugleich seine Eltern und eines Tages sein eigener Mörder ist – ein in perfekter Autarkie beschriebener Lebenskreislauf entblättert sich. Dieses qua definitive Realitätsparadoxon, dass als Kniffe für seinen zuweilen schwindeln machenden Plot zum einen das SciFi-Motiv der Zeitreise und zum anderen das der Transsexualität inklusive sich langsam in Wohlgefallen auflösender Identitätssicherheit nutzt, wurde von den australischsstämmigen Spierig-Zwillingen in zweiter Kooperation mit Ethan Hawke (nach „Daybreakers“) inszeniert.
Die allseits berüchtigte Weise von der Problematik, die Adaption einer short story auf Spielfilmlänge zu bringen, greift auch im Falle „Predestination“ – die anfängliche Rückblendenverkettung, in der der ganz literarisch passend als „unmarried mother“ kreditierte Autor seine Biographie feilbietet, nimmt allzu viel Raum der ohnehin nicht allzu ausgedehnten Erzählzeit ein. Was man dem Film jedoch wiederum zu Gute halten kann, wäre die Tatsache, dass die Spierigs nicht versuchen, die dem der Vorlage möglicherweise unkundigen Zuschauer die finale Conclusio mit twistender Brachialgewalt um die Ohren zu hauen, sondern ihre ebenso intime wie monströse Auflösung geradezu behutsam Schicht für Schicht freilegen, bis hin zur unausweichlichen Gewissheit, dass sämtliche wesentlichen Handlungsträger (mit wenigen Ausnahmen) durchweg ein und denselben Menschen verkörpern. Ein sehenswerter, kluger Genrebeitrag somit.

8/10

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LA FIGLIA DI FRANKENSTEIN

„Here on Earth, man is God!“

La Figlia Di Frankenstein (Lady Frankenstein) ~ I 1971
Directed By: Mel Welles

Kurz bevor Baron Frankenstein (Joseph Cotten) und sein Helfer Dr. Marshall (Paul Muller) ihr glorreiches Experiment zur Erschaffung künstlichen Lebens aus rekomponierten Leichenteilen fertigstellen können, kehrt des Burgherrn schöne, frisch medizinexaminierte Tochter Tania (Rosalba Neri) nach Hause zurück, die insgeheim schon seit langem um die Bestrebungen ihres alten Herrn weiß und nun daran teilhaben möchte. Die bald darauf tatsächlich zum Leben erweckte Kreatur (Peter Whiteman) ist jedoch gar nicht mit ihrer unfreiwilligen Neugeburt einverstanden und geht sogleich auf Mordzug, dem Baron als erstes Opfer das Leben aus der Brust quetschend. Während der übereifrige Polizist Harris (Mickey Hargitay) dem Monster auf der Spur ist, gibt es für die langsam aus dem psychischen Ruder laufende Tania nur einen Weg, das Ungeheuer zu stoppen – eine zweite Kreatur muss her, mit dem Gehirn Marshalls im Körper des imbezilen Stallknechts Thomas (Joshua Sinclair)…

Prächtiger Camp aus den letzten Tagen des golden age of gothic horror, als Schnellschuss finanziert und von Regisseur Welles doch höchst ambitioniert hergestellt. Der Gute machte das Beste aus den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, hatte schöne Kulissen (ein umbrisches Schloss nebst Interieur, ein schickesa Monsterlabor mit allerlei eingelegten Leichenteilen und brodelnden, rot lumineszierenden Reagenzien) zur Verfügung und ein knackiges Ensemble, wie es für jene Ära und diese Art Produktion nebst Standort geradezu repräsentativ ist. Vor allem Rosalba Neri glänzt in der Titelrolle als selbstbestimmte Frau: In einer patriarchalisch dominierten Zeit besitzt sie die Chuzpe, nicht nur einen akademischen Abschluss vorweisen zu können, sondern dazu noch völlige sexuelle Autarkie. Weil das an sich gut gewachsene Faktotum Thomas ihr einserseits zu flachgeistig ist, der sie begehrende Dr. Marshall andererseits aber zu hässlich und altersschwasch, kommt sie kurzerhand auf die blitzgescheite Idee, ihres Vaters Errungenschaften für eine Kombination des Besten beider Welten zu missbrauchen – ein schönes Gehirn in einem leistungsstarken Körper, das wär’s doch überhaupt! Dass Tania F. nebenbei ziemlich paraphile Gelüste ihr Eigen nennt, wird in der Szene deutlich, als sie lustvoll orgasmierend den erstickenden Thomas buchstäblich ins Jenseits reitet. Dem wasserköpfigen Monster mit Triefauge wird leider etwas wenig screentime zugedacht, wie auch schade ist, dass Joseph Cotten bereits nach knapp der Hälfte aus der Geschichte scheidet. Aber sei’s drum, „La Figlia Di Frankenstein“ ist alles in allem ein schöner Film und eine Zierde seiner Gattung sowieso.
Was die Herrschaften von Buio Omega für ihre just erschienene Liebhaberedition des Films, ein absolutes Referenzobjekt für Liebhaber und Sammler psychotronischer, apokrypher Kinofrüchte, auf die Beine gestellt haben, ist nebenbei die absolute Obersahne: Der Film erstrahlt komplett restauriert und wieder vervollständigt in leuchtenden Farben und knackscharf, von den witzigen Extras einmal ganz abgesehen. So, und eigentlich nur so sollte optimalerweise das Heimstudium von schillernden Werken wie diesem erfolgen.

7/10

SANDOKAN, LA TIGRE DI MOMPRACEM

Zitat entfällt.

Sandokan, La Tigre Di Mompracem (Sandokan) ~ I/F/E 1963
Directed By: Umberto Lenzi

Malaysia im 19. Jahrhundert. Während die Briten ihre Kolonialherrschaft auf der Halbinsel mit eiserner Härte durchsetzen, schwelt unter den geknechteten Ureinwohnern das Verlangen nach Widerstand. Der ursprünglich aus adligem Hause stammende Pirat Sandokan (Steve Reeves) arbeitet mit wenigen engen Vertrauten und Guerilla-Methoden gegen die arroganten Eroberer, allen voran gegen den bösen Lord Guillonk (Leo Anchóriz), der droht, Sandokans Vater hinrichten zu lassen. Im Gegenzug entführt Sandokan Guillonks Nichte Mary Ann (Geneviève Grad), die sich bald in den stattlichen Malayen verliebt. Als Sandokan schließlich vom Tode seines Vaters erfährt, stellt er sich Guillonk.

Der Amerikaner Steve Reeves zählte zur Entstehungsperiode von „Sandokan, La Tigre Di Mompracem“, einem von mehreren Filmen, die Umbert Lenzi um diese Zeit im südostasiatischen Raum herstellte, zu den beliebtesten und kassenträchtigsten Stars in Europa. Nachdem ihm der ersehnte Erfolg in den Staaten verwehrt geblieben war, versuchte Reeves wie viele andere US-Schauspieler auch, sein Glück in Cinecittà, wo seine beeindruckende Bodybuilder-Physis und sein allgemein gutes Aussehen sich als hinlängliche Attribute erwiesen, um doch noch eine stattliche, wenn auch vergleichsweise kurzfristige Karriere hinzulegen. Während Reeves zunächst vornehmlich gewaltige Muskelhelden in Pepla spielte, also dem, was die Italiener in den fünfziger und sechziger Jahren in rauen Mengen als oftmals mit Fantasy-Elementen bestückte, vor antiker Kulisse spielende Sandalenfilme produzierten, ließ man ihn bald auch in anderen Abenteurerrollen auftreten, so eben als besonders mannhaften „Sandokan“, ursprünglich ein beliebter Romanheld aus der Feder des aus Verona stammenden Trivialliteraten Emilio Salgari. Die Abenteuer Sandokans, eines edlen, malayischen Rebellen im Widerstreit gegen die englischen Kolonialbesatzer, waren noch mehrfach Stoff für Verfilmungen, am populärsten im Rahmen einer von Sergio Sollima inszenierten TV-Mini-Serie aus den Siebzigern, die den Inder Kabir Bedi in der Titelrolle zum Star machte.
Lenzis Film, der noch eine direkte Fortsetzung nach sich zog, ist indes noch richtig pures Leinwandspektakel, breit, bunt und mit dem Anspruch, der übermächtigen Konkurrenz aus Übersee zu trotzen. Wie viel Budget der Produktion zur Verfügung stand, weiß ich nicht, aber zumindest das doch recht hohe Statistenkontingent, die hübschen Kostüme und Interieurs, bezeugen eine Zeit im italienischen Kino, in der noch Geld im Fluss war. So naiv und verspielt „Sandokan“ sich auch ausnehmen mag, es macht viel Freude, ihm beizuwohnen. Alles wirkt auf eine beinahe erhabene Weise von klassizistischem Abenteuer und veritablem Edelmut beseelt, Eindrücke also, die ein Film wie dieser ganz gezielt zu hinterlassen beabsichtigt. Insofern ist die entsprechende Mission absolut geglückt. Fein!

8/10

THE SHAPE OF WATER

„If we do nothing, neither are we.“

The Shape Of Water ~ USA 2017
Directed By: Guillermo del Toro

Baltimore, in den frühen 1960ern. Die stumme Elisa Esposito (Sally Hawkins), die in einer Laboreinrichtung der Regierung als Reinigungskraft arbeitet, pflegt einen streng durchgeplanten Tagesablauf. Dieser gerät ins Wanken, als ein am Amazonas gefangen genommener Amphibienmensch (Doug Jones) in einen der Untersuchungssäle gebracht und dort festgehalten wird. Während der finstere Agent Strickland (Michael Shannon) das angekettete Wesen mit Vorliebe quält und für seine baldige Sezierung eintritt, fühlt Elisa sich zu der Kreatur hingezogen und baut heimlich eine Beziehung zu ihm auf. Als der Amphibienmann dann tatsächlich der Forschung geopfert werden soll, befreit Elisa ihn mithilfe ihres Nachbarn Giles (Richard Jenkins) und ihrer Kollegin Zelda (Octavia Spencer). Doch Strickland ist ihnen bereits auf den Fersen.

Man befleißige sich des Mythologiepools von Arnolds „The Creature From The Black Lagoon“, und Howards „Splash“, des philanthropischen savoir-vivre und der luftigen Audiovisualität von Jeunets „Le Fabuleux Destin D’Amélie Poulain“, ergänze es um eine kleine Prise „E.T.“, verquirle das Ganze und schon hat man den selten Fall eines „Best Picture“-Gewinners aus dem umfangreichen Genresegment „Phantastischer Film“! Hätte jemand vor Guillermo del Toro geahnt, dass es so einfach sein könnte, er hätte ihm die goldene Statuette sicher längst früher weggeschnappt. Doch im Ernst – natürlich ist „The Shape Of Water“ der erwartungsgemäß liebenswerte Film, als den man ihn einschätzen kann; tatsächlich entspricht er sogar ziemlich exakt der von mir im Vorhinein antizipierten Vorstellung von ihm. Del Toro geht seinen Kurs als Regisseur, mit dem zu rechnen sein muss, unbeirrt weiter: Er steckt jede Menge aufrichtiges Herzblut in seine Filme und das merkt man ihnen an. In „The Shape Of Water“ erweist er, neben vielen anderen Vintage-Elementen (das Kino in Elisas Haus zeigt Kosters semiprächtige Scope-Fabel „The Story Of Ruth“, Musical und Tanz sind allgegenwärtig) vor allem dem legendären Kiemenmann aus Universals „Creature“-Trilogie seine Eherbietung. Dass der Filmemacher sich gern mit Wasser-/Mensch-Hybriden beschäftigt, lässt sich zudem anhand seiner beiden „Hellboy“-Filme nachvollziehen, in denen ja die Figur des dem in „The Shape Of Water“ recht anverwandt erscheinenden Abe Sapien vorkommt. Wohl nicht ganz von ungefähr steckt in beiden Verkleidungen der hagere Darsteller Doug Jones, ein ähnlich zuverlässiger Typ für die Verkörperung phantastischer Filmwesen wie sein Kollege Andy Serkis.
Selbstredend hätte die Academy nicht einfach jeden Fantasy-Film zum Jahressieger gekürt, und mag er noch so reichhaltig inszeniert sein: Zentrales (und gleichfalls wichtiges wie aktuelles) Element von del Toros Film ist die unabdingbare Notwendigkeit von Toleranz und Akzeptanz. Sämtliche Sympathieträger der Geschichte repräsentieren gesellschaftliche Minoritäten. Elisa ist ein stummes (zu Beginn noch etwas verhuscht) wirkendes) Waisenkind, ihr bester Freund Giles ein alternder Homosexueller, Octavia eine Afroamerikanerin, der Elisa überraschend zur Hilfe kommende Dr. Hoffstetler (Michael Stuhlbarg) ein sowjetischer Doppelagent, der genug hat vom Kalten Krieg. Sie alle müssen erniedrigende bis vernichtende Erfahrungen machen, hinter denen oftmals der staatstreue Strickland steckt, der sich recht bald als erbarmungswürdiger, nach oben buckelnder und nach unten tretender, sadistischer Psychopath ohne Lebensglück erweist. Inmitten dieser Ménagerie findet sich jenes übernatürliche Wasserwesen, hinter dessen nicht selten herausgekehrter Befremdlichkeit (er hat gewaltige Kräfte, macht merkwürdige Geräusche, frisst eine Katze und ist nur auf den zweiten oder dritten Blick schön) sich etwas ganz Besonderes verbirgt, ein Märchenprinz, vielleicht sogar eine elementare Gottheit. Die immergültige Lektion heißt, dass Ausgrenzung, Hass und Hetze zerstörerisch sind, Toleranz, Liebe und Courage indes das Leben erst lebenswert machen. Und weil man das nicht oft genug in die Welt hinausschreien kann, ist „The Shape Of Water“ genau das: Besonders wertvoll!

8/10

FATE IS THE HUNTER

„Some kind of… coincidence perhaps.“

Fate Is The Hunter (Bezwinger des Todes) ~ USA 1964
Directed By: Ralph Nelson

Nach dem Absturz einer Passagiermaschine an der Küste von L.A., bei dem sämtliche Insassen mit Ausnahme einer Stewardess (Suzanne Pleshette) sterben, werden rasch posthume Beschuldigungen durch Presse und FBI gegen Jack Savage (Rod Taylor), den Piloten des Fliegers, laut. Er habe getrunken, sei allgemein unzuverlässig und ein loser Typ. Für den Geschäftsführer der Airline, Sam McBane (Glenn Ford), der mit Savage in Korea gedient hat, steht derweil felsenfest, dass andere Gründe für den Crash verantwortlich waren. Um Savage nachträglich zu entlasten, entschließt sich McBane, den Flug mit allen damaligen Gegebenheiten nachzustellen…

Ralph Nelsons vierter Film, eine Adaption des gleichnamigen Romans von Ernest K. Gann, greift erneut die vom Regisseur bereits beackerten Themen Freundschaft und Ohnmacht auf. Für die Fox in Scope gedreht, stand Nelson eine deutlich umfangreichere Budgetierung zur Verfügung als bisher, was ihm teurere Stars und production values gestattete, die inszenatorischen und dramaturgischen Qualitäten, wie sich zeigen sollte, jedoch nicht nennenswert aufstockte. „Fate Is The Hunter“ ist primär die Geschichte einer ehrgeizigen Ehrenrettung, die in etwas umständlicher Metaphorik von der Allmacht von schicksalhaften Zufallsketten berichtet: Was letzten Endes zum Absturz des Flugzeugs führte, so erweist sich am Ende, lässt sich mitnichten auf die Inkompetenz oder gar das Unvermögen des Piloten Savage (der sich im Zuge von McBanes Recherchen vielmehr als absolut integrer Mensch, als rundum verlässlicher und liebenswerter Zeitgenosse, dessen enge Vertraute ihn tatsächlich durchweg über den grünen Klee loben) zurückführen, sondern ganz lapidar auf eine engmaschige Verkettung unglücklicher Umstände, zu der neben der Überlastung des Flughafens und technischem Versagen im Cockpit noch andere Faktoren beitrugen. Der tragische Unfall, so scheint es, war in seiner Gänze vom Schicksal inszeniert.
Dass der Plot, so wie er sich hier präsentiert findet, eigenartig verwässert wirkt, liegt, zumindest habe ich diesen Eindruck, an seiner grunndsätzlich unfilmischen Natur; was im gedruckten Wort für emotionalen Druck und Spannung sorgen mag, erscheint im Film beinahe unmotiviert heruntererzählt. Nelson scheint trotz der in ihr angerissenen Motive kein besonderes persönliches Interesse an der Abwicklung seiner Geschichte gehabt zu haben, anders kann ich mir die plätschernde Teilnahmslosigkeit seiner Regie nicht erklären. Immerhin macht Hauptdarsteller Ford als zweifelnder Wahrheitssuchender eine gute Figur. Das ist leidlich mehr als sich vom Rest dieses merkwürdigen Films behaupten lässt.

5/10

LA SETTA

Zitat entfällt.

La Setta (The Sect) ~ I 1991
Directed By: Michele Soavi

Auf dem Nachhauseweg fährt die junge Hessener Grundschullehrerin Miriam Kreisl (Kelly Curtis) beinahe einen alten Mann (Herbert Lom) an, der mitten auf der Straße steht. Sorgenvoll nimmt sie den mysteriösen Alten mit zu sich nach Hause, wo er augenscheinlich bald stirbt. Jedenfalls kann Miriams eilends herbeigerufener Nachbar, der junge Arzt Frank (Michel Adatte), auch nurmehr den Tod des zerzausten Herrn feststellen. Zeitgleich mehren sich seltsame Ereignisse: Miriam empfängt einen merkwürdigen Traum, enteckt im Keller ihres Hauses einen verborgenen Raum mit einem tiefen Brunnen, in dem leuchtend-blaues Wasser steht und eine Kollegin (Mariangela Giordano) Miriams stirbt auf höchst unerwartete Weise einen gewaltsamen Tod. Dass diese Begebenheiten nur Vorboten einer sehr viel schrecklicheren Wahrheit sind, wird Miriam bald schmerzlich bewusst…

Auf den vergleichsweise wilden, etwas konfus aufbereiteten Dämonen-Horror „La Chiesa“ ließ der seinerzeit vielversprechende Michele Soavi zwei Jahre später „La Setta“ folgen, eine umgearbeitete Version der aus „Rosemary’s Baby“ bekannten Geschichte um eine junge Frau, die realisieren muss, dass sie in die Fänge einer Satanssekte geraten ist, deren Pläne vorsehen, sie zur irdischen Mutter des inkarnierten Antichristen zu machen. Wie Soavi und sein Autor Gianni Romoli diese Story renovieren, das hat durchaus Hand und Fuß und ist stellenweise geschickter umgesetzt als im großen Vorbild: Miriams komplette Biographie erweist sich als von den Satansjüngern arrangiert; kein einiger Tag in ihrem bisherigen Leben war dem Zufall überlassen. Bei dem alten Mann, der offenbar die Identität des als verschollen geltenden Satanistengurus Moebius Kelly besitzt, handelt es sich ferner um Miriams leiblichen Vater, der ihree Geschicke seit jeher aus der Entfernung steuert.
Es ist Soavis Verdienst, das Naheliegendste umgangen und darauf verzichtet zu haben, eine effektvolle, grelle Geisterbahnfahrt vom Kaliber eines Lucio Fulci vom Stapel zu lassen. Der Bluteffekte hat es für ein italienisches Genrewerk tatsächlich nur höchst wenige, stattdessen setzt Soavi vornehmlich auf die Kreierung einer rätselhaft-irrealen Stimmung sowie auf die ungeheuer ausdrucksstarke Bildsprache seines vollendet arbeitenden dp Raffaele Mertes, mit dem er leider nur dieses eine Mal zusammenarbeitete. Soavi zeigt sich von einem ganzen Fundus übernatürlicher Schriften und Ereignisse beeinflusst; seine (literarische) Reise führt ihn von Poe über Gustav Meyrink und Lovecraft bis hin eben zu Ira Levin und reale Gestalten wie Crowley, LaVey und sogar Charles Manson, den er beinahe ebenbildlich von Tomas Arana spielen lässt. Aus diesem großen Inspirationspool also keltert der leider so spärlich für das Kino arbeitende Regisseur sein schönes Werk, das (trotz der Namensnennung des Meisters) nicht ganz der halluzinatorisch geprägten Transzendentallogik der übernatürlich geprägten Argento-Filme folgt, gerade darum jedoch seine Eigenständigkeit verteidigt. Der versöhnliche Abschluss, der uns mit der Gewissheit aus dem Film entlässt, dass selbst die Essenz des Bösen im Kern ein gutes Herz besitzt, rundet „La Setta“ nochmal adäquat ab. Dass Soavi mit dem bald darauf folgenden Meisterwerk „Dellamorte Dellamore“ seinen persönlichsten, endgültigen Horrorfilm inszenierte, erscheint angesichts solch seltener Geschlossenheit nurmehr konsequent. Den chronologischen Patzer betreffs des eingehenden Einsatzes von Americas „A Horse With No Name“ (das Stück wurde anno 72 veröffentlicht und konnte somit 1970 nicht gespielt werden) verzeihe man nachsichtig.

8/10

SKY RIDERS

„Freedom is expensive, Carl. You oughtta know that.“

Sky Riders (Auf der Fährte des Adlers) ~ USA 1976
Directed By: Douglas Hickox

Ellen (Susannah York), die Frau, sowie die beiden Kinder (Simon Harrison, Stephany Mathhews) des US-Magnaten Jonas Bracken (Robert Culp) werden aus dessen Villa bei Athen entführt. Die Urheber, eine antiimperialistische Terrorgruppe, fordern von Bracken ein Millionenkontigent an Waffen für ihre revolutionäre Sache. Während der ermittelnde Inspektor Nikolidis (Charles Aznavour) den Ganoven unbedingt mit großem Getöse den Garaus machen will, geht Ellens sich einschaltender Ex-Mann, der Abenteurer Jim McCabe (James Coburn), die Sache sehr viel subtiler an: da die Entführer sich in einem Bergkloster verstecken, hat McCabe die Idee, sie mithilfe von Drachengleitern zu infiltrieren…

Es erfordert schon eine verdammt hohe Menge an good will, wenn man „Sky Riders“ seine kunterbunte Kriminalgeschichte, die eigentlich nur dazu dient, Drachenflieger bei waghalsigen Manövern zun zeigen, abnehmen möchte. Im Prinzip ist der gesamte Kidnapping-Plot ein einziger, großer MacGuffin, um überhaupt ein mageres Handlungsgerüst auf die Beine stellen zu können. Vielmehr sollte man sich an dem hübschen Schauplatz Griechenlands erfreuen (Meteora, die Berglandschaft mit dem hochgelegenen Kloster, in dem sich der ein Drittel der Spielzeit ausmachende Showdown abspielt, diente ein paar Jahre später auch als Finalkulisse für den Bond-Film „For Your Eyes Only“) sowie der illustren Besetzung. Obwohl ich den gern so breit grinsenden Coburn sehr liebe, ist „Sky Riders“ abermals ein Beweis dafür, warum er es, anders als etwa seine früheren „Magnificent Seven“-Mitstreiter Charles Bronson und Steve McQueen, oder auch der ebenfalls jener Schauspieler-Generation entstammende Clint Eastwood, nie zu einem wirklich führenden Actionstar gebracht hat: Coburns Rollenwahl war häufig unglücklich, wenn es um eine Ikonisierung seiner Darsteller-Persona ging; er selbst war – mit Ausnahme seiner beiden Peckinpah-Parts vielleicht – eigentlich stets deutlich prägnanter als seine Filme und deren Regisseure.
„Sky Riders“ ist ein zumindest rein technisch betrachtet versiertes, kleines Stück Siebziger-Actionkino, dessen reichlich bizarres Figurenpotpourri seinen „Höhepunkt“ im Engagement der Drachenfliegertruppe unter John Beck erlebt, die sich von einer lustigen Kunstfliegertruppe urplötzlich in ein beinhartes Kommandounternehmen verwandelt. Over all schon reichlich merkwürdig, das alles, aber auch hübsch kurzweilig.

6/10