JEEPERS CREEPERS

„It has eaten too many hearts for its own to ever stop!“

Jeepers Creepers ~ USA 2001
Directed By: Victor Salva

Die Geschwister Trish (Gina Philips) und Darry Jenner (Justin Long) befinden sich auf dem Heimweg vom Spring Break, als ihnen mitten in der Einöde ein merkwürdiger, vor Rost starrender Lastwagen auffällt, dessen Fahrer sich höchst aggressiv verhält. Kurz darauf entdecken Trish und Darry das Gefährt in der Nähe einer alten Kirche, wo jemand etwas, das nach gefüllten Leichensäcken aussieht, in ein unterirdisches Gewölbe hinablässt. Dabei handelt es sich wiederu um den Fahrer des Lasters, der sich sogleich aufmacht, die Geschwister zu verfolgen. Es entbrennt ein Katz-und Maus-Spiel, im Zuge dessen Darry und Trish erfahren müssen, dass es sich bei ihrem Verfolger um den „Creeper“ (Jonathan Breck) handelt, ein Monster, dass sich immer wieder durch die Körperteile seiner Opfer erneuert und bei seiner Jagd vor nichts und niemandem zurückschreckt.

„Jeepers Creepers“ lief beinahe zeitgleich mit John Dahls ganz ähnlich gestricktem „Joy Ride“ in den Kinos, wobei sein Einspielergebnis das der wesentlich teureren Studioproduktion langfristig überflügeln konnte. Und tatsächlich erweist Salvas durchaus altmodisch angegangene Monstermär sich im Direktvergleich als der schönere und vor allem phantasievollere der beiden Filme. Hier wie dort geht es um die beiläufige, eher im Scherzhaften initiierte Entfesselung einer diabolischen Macht, die sich dann jeweils als mysteriöser Fahrer eines LKW entpuppt, der ein paar vormals gut aufgelegten, jungen Leuten das Leben schwermacht und deren unerbittliche Verfolgung mit offener Mordabsicht zu einem zunehmend harschen Höllenritt werden lässt. Gedanklicher Schirmherr dieses Motivs ist fraglos Spielbergs „Duel“, doch auch Robert Harmons „The Hitcher“ darf sich einer unübersehbaren, ideellen Patenschaft erfreuen. All diesen Werken gemein ist die genrefreudige Kultivierung der mehr oder weniger irrationalen Angst vor den endlos verlaufenden, ruralen Straßennetzen der USA, auf deren staubigen Meilen sich unfassbare Bedrohungen verbergen, die eine mögliche Begegnung mit sich nicht verzeihen wollen. „Jeepers Creepers“ formuliert seine diesbezüglich Sache da sogar besonders konsequent aus: Anlass zur Panik ist hier weder ein mörderischer Anhalter, noch ein psychopathischer Trucker, sondern eine dämonische Kreatur unbekannter Herkunft, die offenbar bereits seit langer Zeit die Gegend unsicher macht; eine inkarnierte Lagerfeuergeschichte sozusagen. Was den Creeper neben seiner ruhelosen Agenda umtreibt oder wo er herkommt, bleibt ein Mysterium. Wir erfahren lediglich, dass er in regelmäßigen Zeitabständen, nämlich alle 23 Jahre, für 23 Tage Jagd auf besonders angsterfüllte Opfer macht, um sie dann als Ersatzteillager für seinen verrottenden Körper zu missbrauchen. Dabei ist das Monster sehr hübsch gestaltet. Den LKW, Mantel und Hut nutzt es lediglich, um nicht gleich jedem aufzufallen, es verfügt nämlich über riesige Schwingen und hat gewisse Ähnlichkeit mit einer Kragenechse. Als sehr konsequent empfand ich, dass der Creeper seinen anfänglichen, filminternen und handelsüblichen Status als Hirngespinst überspannter Teenager rasch verliert und es im weiteren Verlauf sogar mit der State Police aufnimmt, was wiederum Anlass für reichlich spektakuläre Augenblicke mit sich bringt.

8/10

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MOTHER NIGHT

„All the best writers are dead.“

Mother Night (Schatten der Schuld) ~ USA 1996
Directed By: Keith Gordon

Howard W. Campbell Jr. (Nick Nolte) sitzt in einem Jerusalemer Gefängnis und wartet auf seinen Prozess, gleich in der Zelle über ihm den in derselben Situation befindlichen Adolf Eichmann. Campbell war während des Zweiten Weltkriegs als Schriftsteller und Dramatiker in Deutschland und dort für eine vielbeachtete Radiopropaganda-Reihe der NSDAP zuständig als Autor und Verleser antiamerikanischer und antisemitischer Essays. Was weder die Nazis noch irgendjemand sonst ahnen konnte: Campbell arbeitete, rekrutiert von dem geheimnisvollen Frank Wirtanen (John Goodman), im Auftrag des US-Geheimdienstes und brachte im Zuge seiner Radioauftritte verschlüsselte Geheimbotschaften in den Äther, die ihm jeweils vorab heimlich zugeschoben wurden. Campbells Spionagestatus wurde jedoch nie öffentlich gemacht und so gilt er auch nach Kriegsende und zurück in New York weiterhin als „Stimme der Nazis“. Seine geliebte Frau Helga (Sheryl Lee) kam noch während der Kriegswirren zu Tode und mit ihr der größte Teil von Campbells eigenem Lebenswillen. In Greenwich Village lernt er dann seinen Nachbarn George Kraft (Alan Arkin), einen nicht minder verzweifelten Maler, der zu Campbells bestem Freund wird. Später taucht Helgas kleine Schwester Resi (Sheryl Lee) auf, die, mittlerweile erwachsen, Helga wie aus dem Gesicht geschnitten ist und sich zunächst als die Verstorbene ausgibt. Auch ein verquerer, rassistischer Geheimbund tritt an ihn heran, der angeblich den entdeckungsgefährdeten Campbell, Kraft und Resi die Flucht nach Mexiko ermöglichen will. Was Campbell nicht ahnen kann: All diese merkwürdigen Fügungen geschehen keineswegs zufällig…

Keith Gordons (antizipierbar) kommerziell bös gefloppte Vonnegut-Adaption ergreift und transponiert den stets etwas mysteriösen Duktus des bedienten Autors auf brillante Art und Weise und macht daraus eine der vorrangigsten Literatur-Verfilmungen mindestens der neunziger Jahre. An „Mother Night“, dem Film, gibt es nichts, was nicht passgenau wäre; das gesamte Geschehen schwebt, es sich stets bequem machend auf einer leicht federnden Wolke aus Surrealismus und leiser Ironie, mit aller gebotenen Entschleunigung vor sich her. Nicht nur George Roy Hills brillanter „Slaughterhouse-Five“ blitzt durch seine nebulösen Astlöcher, auch den bitter-transzendenten, jüdischen Humor großer Comic-Autoren wie Will Eisner oder Art Spiegelman ist man versucht, nahezu pausenlos herauszuspüren. Als Soldat, Kriegsteilnehmer und Überlebender der Bombardierung von Dresden hatte Vonnegut es kaum nötig, über das Wesen des Krieges zu schreiben. In „Mother Night“ ging es ihm vielmehr um das nicht minder eigenartige Echo jener Weltzäsur und ebenso um das komplexe Verhältnis von Schuld, Geständigkeit, Reue und die nahezu aussichtslose Möglichkeit der Weiterexistenz mit alldem. Howard Campbell Jr. mag ein Spion sein; seiner Faszination für das nazifierte Deutschland, für Führerkult und Drittes Reich, das ihn als „Überläufer“ hofiert und ihm Zugang zur höchsten Systemspitze ermöglicht, tut dies keinen Abbruch. Möglicherweise ist sein geheimer Einsatz für die Alliierten auch bloß eine reine Kopfgeburt; eine dem intellektuellen Rest an Vernunft entstammende Rechtfertigung für die Gewissheit, als Adlatus des Grauens zu fungieren. Mit Glanz und Glamour ist es nach dem Krieg vorbei. Depressiv und sich nutzlos wähnend vegetiert Campbell einsam und verlassen in New York dahin. Seine Nachbarn sind neben Kraft zwei Auschwitz-Überlebende, Mutter (Anna Berger)  und Sohn (Arye Gross). Während die ältere Dame Campbell, der seinen Namen trotz seiner zweifelhaften Popularität nicht geändert hat, zu erkennen glaubt und ihm die Pest an den Hals wünscht, will ihr als Mediziner tätiger Sohn von dem Kapitel „Holocaust“ am liebsten gar nichts mehr wissen. Eine weitere der vielen Ambivalenzen, die sich durch „Mother Night“ ziehen und die ihren satirischen Höhepunkt gewissermaßen in einem verrückten, farbigen Nazi (Frankie Faison) finden, der die Gruppe von „white supremacists“ lauthals unterstützt. Schein und Sein bleiben in Vonneguts Welt nie ganz  säuberlich getrennt, einer permanenten Wellenbewegung gleich nähern sie sich immer wieder tangential an und stoßen sich dann mit umso kräftigerer Vehemenz wieder voneinander ab. Am Ende dann, als das Schicksal im Begriff ist, Campbell erneut einen Ausweg zu offerieren, sieht er keinen anderen Ausweg mehr als den der Selbstrichtung. Auch hier bleibt Gordons Regie noch meisterhaft und lässt und, gemeinsam mit der Kamera, wegsehen. Wie Campbell selbst bis zu diesem finalen Schuldeingeständnis Wegsehen und Ignoranz kultiviert hat, jahrzehntelang.

9/10

L’ATTENTAT

Zitat entfällt.

L’Attentat (Das Attentat) ~ F/I/BRD 1972
Directed By: Yves Boisset

Der Pariser Journalist und Autor François Darien (Jean-Louis Trintignant) gilt in linksliberalen Kreisen als Salonkommunist – bei Bedarf stets mit einem flotten Kommentar zur Stelle, fühlt er sich im bourgeoisen Milieu dann doch am heimischsten. Da Darien gute Kontakte zu dem sozialistischen, nordafrikanischen Oppositionspolitiker Sadiel (Gian Maria Volonté) pflegt, missbraucht man ihn für ein komplex eingefädeltes Komplott: Darien wird zunächst bei einer Demonstration verhaftet, damit der zwielichtige Anwalt Lempereur (Michel Bouquet) Kontakt zu ihm aufnehmen kann. Dieser offeriert Darien dann die „Idee“, ein linkes TV-Format für einen Privatsender moderieren zu können. Im Zuge von dessen Vorbereitung soll Darien Sadiel aus dessen Genfer Exil nach Paris locken. Dort wartet bereits Sadiels ärgster Widersacher, der Diktator Kassar (Michel Piccoli), der Sadiel kidnappen lässt und ihn vor die Wahl stellt, entweder als Erfüllungsgehilfe für Kassar aufzutreten oder das Zeitliche segnen zu müssen. Bald durchschaut Darien die Verschwörung und begibt sich auf die Suche nach Sadiel.

Mit „L’Attentat“ hängte sich Yves Boisset recht erfolgreich an das damals durch Costa-Gavras in Umlauf gebrachte Politthriller- und Verschwörungsgenre, wobei er die wütende Leidenschaft, mit der der Meister die skrupellosen Methoden faschistischer und totalitär geprägter Drahtziehereien in aller Welt anzuprangern pflegte, zumindest in affektiver Hinsicht nicht nachvollzog. Wie Costa-Gavras‘ bis dato entstandenen Werke zum Thema liegt allerdings auch „L’Attentat“ ein authentischer Fall zugrunde, dessen umfassende Verwurzelung nie gänzlich aufgeklärt werden konnte: 1965 wurde der wegen eines in Marokko gegen ihn ausgesprochenen Todesurteils aufgrund von „Landesverrat“ im Exil lebende, marokkanische Linkspolitiker Ben Barka in Paris entführt und verschwand daraufhin spurlos. Barkas Ermordung zog einen langwierigen Gerichtsprozess nach sich, der unter anderem die Verwicklung des ehemaligen marokkanischen Innenminister Oufkir sowie Mitglieder des französischen Geheimdienstes und hochrangiger Mitglieder der Polizei offenlegte. Offiziell nicht bewiesenen, aber höchst wahrscheinlichen Spekulationen zufolge waren auch Mossad, CIA und deutscher Nachrichtendienst in Barkas Kidnapping verwickelt.
Wie gemeinhin üblich wurden für „L’Attentat“ Namen geändert und einzelne Abläufe modifiziert, ohne jedoch die realen Ereignisse je unkenntlich werden zu lassen. Boisset stand, auch das nicht zuletzt durch Costa-Gavras diesbezügliche Vorarbeit gewissermaßen obligatorisch, eine internationale Starbesetzung zur Verfügung, die dem Film bis heute einen zusätzlichen Glanz sichert. Dennoch muss man Boissets Inszenierung eine unübersehbare Umständlichkeit im Hinblick auf ihre Dramaturgie bescheinigen; dass der Plot sich etwa allzu stark auf den unentschlossenen Charakter des  François Darien fokussiert und dessen innere Konflikte oftmals nur sehr mühselig reflektiert, anstatt die Organisation von Dariens Liquidation etwas minutiöser herauszuarbeiten. Hier vermisst man wiederum die beinahe dokumentarisch geprägte Faktenaufarbeitung, die etwa „Z“ oder „État de Siège“ schlussendlich erst so ausgezeichnet und formvollendet macht. Dennoch hält sich „L’Attentat“ als ein gutes Beispiel für funktionales Politkino linker Prägung.

8/10

STIR OF ECHOES

„I’m supposed to dig.“

Stir Of Echoes (Echoes – Stimmen aus der Zwischenwelt) ~ USA 1999
Directed By: David Koepp

Der mit Frau Maggie (Kathryn Erbe) und Söhnchen Jake (Zachary David Cope) in einem beschaulichen Vorort von Chicago lebende Arbeiter Tom Witzky (Kevin Bacon) beginnt nach einer eher spaßig gemeinten Hypnose durch seine Schwägerin Lisa (Illeana Douglas), Dinge zu sehen, die außer ihm niemand wahrnimmt – eine Gabe, die der kleine Jake längst zu haben scheint. Dazu zählt neben dem Empfang übernatürlicher Warnsignale auch die Tatsache, dass Tom eine verstorbene Teenagerin (Jennifer Morrison) sieht, beziehungsweise immer wieder unfreiwillig in ihre Wahrnehmungswelt versetzet wird. Nachdem Tom sich zunächst vehement gegen diese beunruhigenden Ereignisse wehrt, beginnt er bald doch, der Affäre um das offenbar gewaltsam zu Tode gekommene Mädchen mit der gebotenen Energie nachzuspüren. Der Schlüssel zu allem liegt offenbar im Fundament des eigenen Hauses verborgen…

Analog zum gewaltigen Erfolg von M. Night Shyamalans „The Sixth Sense“ kämpfte sich zugleich ein seit längerem vernachlässigtes Segment des Horrorgenres zurück an die Oberfläche: Das des nicht ruhen könnenden Geistes eines oder einer durch Ungerechtigkeit Verstorbenen, auf dessen Fährte im Diesseits ein durch PSI-Kräfte begabter, oftmals unfreiwilliger Ermittler stößt. Jene Art Horror kennzeichnet sich seit eh und je durch den Einsatz eher sanften Grusels, da das unruhige Gespenst ja zumeist keineswegs Böses, sondern lediglich Gerechtigkeit um der eigenen Erlösung Willen im Sinn hat; die freie Fahrt ins Jenseits heraus aus dem Zwischenreich sozusagen. In dem eher lose auf einem rund vierzig Jahre älteren Roman von Richard Matheson basierenden „Stir Of Echoes“ ist es nun an Kevin Bacon, sich überaus widerwillig der neu entdeckten Berufung zu stellen, als Erfüllungsgehilfe für das Jenseits zu fungieren. Dem Geist der einst ermordeten Samantha ist es nämlich schnurzegal, ob der von ihr „auserwählte“ Tom Witzky überhaupt Lust verspürt, sich mit ihrem Fall zu befassen – er ist ohnedies der Richtige. Interessant wird es, wenn David Koepp die Jenseitsmediums als eine Art spezieller „Szene“ oder auch als geheimbündlerische Subkultur katalogisiert. Der Polizist Neil (Eddie Bo Smith Jr.) wird auf dem Friedhof auf den kleinen Jake aufmerksam und erkennt in ihm sogleich einen buchstäblichen Seelenverwandten. Ein weiteres Nachspüren seitens der etwas überrumpelten Mutter Maggie offenbart ihr dann, dass auch Tom über die „Gabe“ verfügt – was sein zunehmend ungewöhnliches Verhalten zumindest erklären könnte. Dass er Maggie praktisch kaum mehr wahrnimmt und sich stattdessen zunehmend irrational verhält – so geht er nicht mehr zur Arbeit, sondern gräbt den gesamten Garten um und verbringt stundenlang damit, einen bestimmten Song (der sich als Punkcover von „Paint It Black“ entpuppen wird) ausfindig zu machen. Freilich kommt alles zu einer, wenngleich wiederum gewaltsamen, Conclusio, die die Aufklärung um Samanthas Tod beinhaltet. Der Film entlässt uns dennoch mit der beunruhigenden Gewissheit, dass Jake ein recht unbequemes Aufwachsen erwartet.
Dass „Stir Of Echoes“ im recht übermächtigen Schatten von „The Sixth Sense“ stand (und steht), ist ungerecht. Zwar erreicht er nicht ganz den emotionalen impact von Shyamalans Geisterseher-Mär, verfügt vielleicht nicht über dessen bahnbrechenden twist und inszenatorische Ausgewogenheit, bleibt aber dennoch ein hervorragender Geisterfilm, der vor allem durch seine sehr exakte Milieuzeichnung überzeugt und die alte Weise davon, dass Blut dicker ist als alles Übel der Welt, so überzeugend in seine Auflösung integriert.

8/10

GERALD’S GAME

„Spice things up and try and push the boundaries…“

Gerald’s Game (Das Spiel) ~ USA 2017
Directed By: Mike Flanagan

Um ihre zusehends scheiternde Ehe und das eingeschlafene Sexleben auzupeppen, reisen Gerald (Bruce Greenwood) und Jessie Burlingame (Carla Gugino) in ihre idyllische, aber abgelegene Villa in Alabama. Ein Hanschellenspielchen soll für die nötige Würze bei Akt sorgen. Gerade als die bereits gefesselte Jessie dabei ist, ihren aufkeimenden Widerwillen gegen das sich zu einer Vergewaltigung entwickelnde „Spiel“ zum Ausdruck zu bringen, ereilt Gerald ein tödlicher Herzinfarkt. Unfähig, sich zu befreien, beginnen sich für die unter Durst und Hunger leidende Jessie alsbald, Realität und Halluzination untrennbar zu vermengen; während ein streunender Hund sich an Geralds Leiche delektiert, sieht sich Jessie mit längst vergessen geglaubten, psychischen Untiefen konfrontiert, in denen ihr Vater (Henry Thomas) eine tragende Rolle einnimmt. Und wer ist der geheimnisvolle „Moonlight Man“ (Carel Struycken), der ihr des Nachts erscheint?

Mike Flanagans von Netflix produzierte King-Adaption erinnerte mich an Taylor Hackfords Verfilmung von „Dolores Claiborne“ (wobei ich keinen der beiden zugrunde liegenden Romane kenne) – auch hier gehen eine Sonnenfinsternis und ein tragischer Misshandlungsfall eine unheilvolle Konnexion ein und stehen in direkter Verbindung zu lang verdrängten (Schuld-)Komplexen. Wie oft bei King ist der storyimmanente Horror nebst seinem direkt veräußerten, womöglich übernatürlich geprägten Spannungsmoment lediglich ein allegorisches Ventil, um das Innenleben seiner ProtagonistInnen zu kanalisieren; Jessie Burlingame ist in diesem Zusammenhang eine nicht untypische, king’sche Frauenfigur. Es gibt einen Schlüsselmoment in der Zeit ihrer Frühpubertät, in der ihr Vater einen intimen Augenblick der Isolation zunächst bewusst herbeiführt, um ihn dann auf rücksichtslose Weise sexuell auszubeuten. Als wäre dieser verhängnisvolle Akt nicht bereits zerstörerisch genug, stellt er die verstörte Jessie daraufhin noch unter zusätzlichen Schweigens- und somit Leidensdruck. Jenes widerwärtige Erlebnis wird Jessie trotz zunächst erfolgreicher Verdrängung, nicht nur ihr Leben lang begleiten, sondern dieses noch zusätzlich prägen – auch ihr Gatte Gerald entpuppt sich im Verlauf der gemeinsamen Ehe als ein ausbeuterisches, destruktives Schwein, das es erfolgreich schafft, Jessie in eine schuldbewusste Ecke zu drängen. Der bald während Jessies unfreiwilliger Gefangenschaft auftauchende Moonlight Man, wie sich später herausstellen wird, ein unter Akromegalie leidender Serienmörder, dem Jessie wie durch ein Wunder entkommen konnte, wird sich zum Ende hin als Symbol ihrer endlich erfolgten Emanzipation von der Vergangenheit erweisen; vom gestörten Vater und vom bösartigen Ehemann, die sie beide als Projektionsfläche ihres jeweils zerrütteten Charakters missbrauchten; vor allem jedoch vom irrationalen Hang danach, die Schuld für das erlittene Böse bei sich selbst zu suchen.

7/10

THE AUTOPSY OF JANE DOE

„I’m a bit of a traditionalist.“

The Autopsy Of Jane Doe ~ USA/UK 2016
Directed By: André Øvredal

Nach einem merkwürdigen Massaker in einem Einfamilienhaus wird in dessen Keller die halbverscharrte Leiche einer Unbekannten (Olwen Catherine Kelly) entdeckt. Der untersuchende Kleinstadtsheriff Burke (Michael McElhatton) schafft diese „Jane Doe“ noch spät abends zum örtlichen Leichenbeschauer Tommy Tilden (Brian Cox), dessen Sohn Austin (Emile Hirsch) ihm bei der Obduktion des Körpers behilflich ist. Nicht nur einige physiologische Auffälligkeiten machen Vater und Filius bald stutzen, es passieren auch weitere unheimliche Dinge, die die beiden Männer bald in die Überzeugung setzen, es hier nicht mit rechten Dingen zu tun zu haben…

Von dem Norweger André Øvredal stammt die schöne Found-Footage-Fantasy Trolljegeren, was für mich Grund genug war, mir sein erstes in englischer Sprache gedrehtes Werk anzuschauen. „The Autopsy Of Jane Doe“, von dem ich zunächst dachte, es handele sich um einen Thriller mit gerichtsmedizinischem Unterbau, erweist sich schon bald als ein sehr notalgisch geprägter Horrorfilm mit einem großartigen Gespür für Atmosphäre. Die Geschehnisse konzentrieren sich fast ausnahmslos auf das Tilden-Haus mit anhänglicher Leichenhalle und Untersuchungsraum – bei nächtlichem Handlungsablauf ein formidables Plätzchen für die zunehmend unheimlichen Wendungen innerhalb der Geschichte, in der sich eine ungeheuerliche, zunächst vage Vermutung zunehmend manifestiert, nur um sich am Ende dann doch nochmals als fatale Fehlinterpretation zu erweisen. Die bereits rund 320 Jahre tote Jane Doe beinhaltet nämlich keineswegs, wie zunächst angenommen, den Geist einer unschuldig verurteilten Pseudohexe, sondern etwas sehr viel Schlimmeres, das einen jeden heimsucht, der es wagt, sich mit ihr zu befassen. „The Autopsy Of Jane Doe“, ein nicht nur wohltuend ernster und ernstgemeinter, sondern vor allem innovativer und erfindungsfreudiger Genrebeitrag, zehrt neben Øvredal hingebungsvoller Inszenierung insbesondere von der Präsenz des stets zuverlässigen Brian Cox. Und natürlich der jener stummen, vermeintlich toten Alabasterschönheit, deren letztes Geheimnis trotz aller möglichen, ruchlosen Obduzierungspraktiken an ihr doch noch gewahrt bleibt.

8/10

IT

„I am eternal, child. I am the eater of worlds, and of children. And you are next!“

It (Es) ~ USA 1990
Directed By: Tommy Lee Wallace

Derry, Maine im Frühherbst 1960. Sieben durch ganz unterschiedliche Handycaps geprägte Kids im Alter von zwölf Jahren gründen den „Loser’s Club“, eine Clique, die ihnen nicht nur Zusammenhalt und Stärke verleiht gegen die alltäglichen Bedrohungen durch fehlgeleitete Erwachsene und halbstarke Bullys, sondern auch gegen eine paranormale, böse Entität, die Derry offenbar alle dreißig Jahre heimsucht und vornehmlich kleine Kinder verzehrt, um sich zu stärken. Es gelingt dem „Loser’s Club“ unter Aufbietung größtmöglicher Energien schließlich, jenes „Es“, das sich gern als Clown (Tim Curry) zeigt, in die Schranken zu weisen. Drei Jahrzehnte später beginnt in Derry erneut eine Serie von Kindermorden. „Es“ ist zurück. Mike Hanlon (Tim Reid), der als Einziger der sieben Kinderfreunde auch als Erwachsener in Derry geblieben ist, alarmiert den mittlerweile in ganz neuen Individualnöten befindlichen Loser’s Club, um der gemeinsamen alten Nemesis endgültig das Handwerk zu legen.

Tommy Lee Wallaces zweiteilige Adaption von Stephen Kings massivem Erfolgswälzer konnte sich über die Jahre eine für einen TV-Film ungewöhnlich große, cinephile fanbase sichern, was wohl neben einigen wenigen wirklich konstituierenden Augenblicken insbesondere der ikonographischen Darstellung des Clowns Pennywise durch Tim Curry zuzuschreiben ist. Und tatsächlich ist es vor allem Currys exaltierte Interpretation, die das ansonsten biedere, seinem Format gemäß stark korsettierte Werk immer wieder über seine ansonsten mediokre Präsentation hinaushebt und in Erinnerung bleiben lässt. Immerhin gelingt es Script und Film, auch die Metaebene von Kings allegorischer Kleinstadtmär aufrecht zu erhalten – im Grunde geht es ja gar nicht um dieses übermächtige, furchtbare Wesen unbekannter Herkunft, sondern um den Wert beständiger Freundschaft und den gemeinsamen, schließlich erfolgreichen Kampf um das Recht, in einer von Widerständen geprägten Umwelt überleben zu können. Um eine solche Geschichte umfassend erzählen zu können, bedurfte es offensichtlicher Klischees, die der Plot dann auch relativ behende bedient: Bill Denbrough (Jonathan Brandis/Richard Thomas) stottert, wenn er nervös ist und leidet unter übermächtigen Schuldgefühlen betreffs des Todes seines kleinen Bruders Georgie (Tony Dakota); Ben Hanscom (Brandon Crane/John Ritter), als adipöses Kind permanent gehänselt, ist als Erwachsener beziehungsunfähig und dem Alkohol verfallen; Eddie Kaspbrak (Adam Faraizl/Dennis Christopher) steht unter ewiger Bevormundung seiner selbstsüchtigen Helikoptermutter (Sheila Moore) und ist eingebildeter Asthmatiker; hinter der Fassade des vorlauten Richie Tozier (Seth Green/Harry Anderson) verbirgt sich ein von permanenten Selbstzweifeln heimgesuchter Schwächling; der intelligente Stanley Uris (Ben Heller/Richard Masur) kann nicht verwinden, dass es Dinge gibt, die nicht seiner jüdischen Schulweisheit unterliegen; Beverly Marsh (Emily Perkins/Annette O’Toole), das einzige Mädchen im Bunde, sucht sich als Erwachsene unbewusst genau solche Arschlochmänner, wie sie in Kindheitstagen ihr alleinerziehender, gewalttätiger Vater (Frank C. Turner) repräsentierte und Mike Hanlon (Marlon Taylor/Tim Reid) schließlich unterliegt primär dem gewaltigen, sozialen Nachteil, ein intelligenter, selbstbewusster Afroamerikaner zu sein. Den Kindern erwachsen all ihre von ihrem jeweiligen (zunächst unfreiwillig, später selbstgewähltem) Umfeld forcierten „Behinderungen“ zu ausgewachsenen Traumata, deren Symptome sie zwar zum Schein beiseite schieben können, deren tieferen, eigentlichen Ursachen sie sich jedoch nie wirklich zu stellen vermochten (und die in krassem Kontrast zu ihren jeweiligen, oberflächlichen Erfolgskarrieren stehen).
Der Kampf gegen „Es“ ist also vor allem eine extrem aktionistisch arrangierte Gruppentherapie, die der Bezwingung von Ängsten und Barrieren dient – ein klassischer Coming-of-Age-Stoff. Damit das auch der Dümmste versteht, schafft es Bill am Ende sogar, seine von Pennywise entführte, schwer traumatisierte Frau Audra (Olivia Hussey) aus ihrem katatonischen Zustand zurückzuholen – der finale Durchbruch gelingt und trotz zweier bedauernswerter Todesopfer (Stanley & Eddie) wird der Rest des „Loser’s Club“ nunmehr ein freieres Leben führen können.
Ich bin gespannt auf den ersten Teil der Neuinterpretation (demnächst hier).

6/10