THE ORGANIZATION

„God may help these poor bastards who did it.“

The Organization (Die Organisation) ~ USA 1971
Directed By: Don Medford

Detective Virgil Tibbs (Sidney Poitier) untersucht den Mord am Manager eines als Fassade für einen global operierenden Heroinvertriebsring fungierenden Teppich-Import-Unternehmens. Kaum dass er den Tatort begutachtet hat, nimmt eine mehrköpfige Gruppe junger Revoluzzer Kontakt zu Tibbs auf: Mit dem Tod des Geschäftsführers habe man nichts zu tun, dafür jedoch mehrere Kilo des Rauschgifts aus dem Firmensafe entwendet. Tibbs lässt sich entgegen seiner üblichen Vorgehensweise überreden, inoffiziell mit den jungen Leuten, die allesamt eine persönliche Agenda gegen den Drogenhandel vorschützen, zusammenarbeiten, um an die wahren Mörder zu kommen. Doch die mächtige Organisation hinter dem schmutzigen Geschäft kennt keinerlei Skrupel.

Sein dritter und letzter Kinofall führte Virgil Tibbs in die Halbwelt des drug traffic, in der jeder der Beteiligten sich sein eigenes Stück vom großen Opiatkuchen sichern möchte. Eher umständlich und emotional wenig involvierend erzählt, darf der Zuschauer den diesmal ausnahmsweise seine Kompetenzen überschreitenden Tibbs dabei begleiten, wie er sich nach und nach ein kompaktes Bild der gegnerischen Übermacht verschafft und am Ende scheitern muss – als kleiner Bulle aus San Francisco kann er nichts gegen das bestens vernetzte Kartell unternehmen, das sich sämtlicher empfindlicher Störfaktoren brutal und vor allem endgültig zu entledigen pflegt. Einen kleinen Fahndungserfolg, dem sogar eine zwischenzeitliche Suspendierung vorausgeht, kann Tibbs zwar verbuchen [er findet heraus, dass die Witwe (Sheree North) eines ermordeten Wachmanns (Charles H. Gray) als Verteilerin arbeitet und kann sie nötigen, die beiden Vertreter der Organisation vor Ort zu denunzieren], doch die hitmen des Kartells arbeiten gründlich. Schlussendlich steht Tibbs nurmehr mit Leichen da. Die bittere Erkenntnis, nichts wirklich Fruchtbares gegen organisierte Kriminalität ausrichten zu können, führt die Trilogie noch etwas tiefer in den nüchternen Fatalismus der frühen siebziger Jahre – im „Dirty Harry“-Jahr 1971 muss sich auch der üblicherweise unbeugsame Detective Tibbs eingestehen, dass jedweder persönlicher Idealismus nurmehr an den Mechanismen des internationalen Drogenhandels scheitern kann. Ein recht unbequemer Schlusspunkt für die kurze Leinwandkarriere von Poitiers liebenswerter Figur, wobei der sich parallel dazu einstellende, serielle Charakter von Medfords Inszenierung gleichfalls den Schluss zulässt, dass es fraglich ist, ob Tibbs‘ Typologie überhaupt noch hinreichendes Potential für weitere Fortsetzungen aufzuweisen gehabt hätte. Sein Sohn Andy (George Spell) ist mittlerweile Pfadfinder und somit wohl endgültig eingebordet im Sinne einer konservativen Erziehung und auch sonst gibt es aus Tibbs‘ Privat- und Familienleben kaum mehr Aufregendes zu berichten. „The Organization“ lässt sich, zumindest unter historischer Perspektive, zwar noch immer als solider Polizeifilm seiner Ära goutieren, nimmt sich jedoch vergleichsweise müde und desinteressiert aus. Routine, wie ein unauffälliger Tag im Polizeibüro.

5/10

JOHNNY GOT HIS GUN

„What is democracy?“ – „Well it’s never bright clear on myself. Like any other kind government it’s got something to do with young men killing each other I believe.“

Johnny Got His Gun (Johnny zieht in den Krieg) ~ USA 1971
Directed By: Dalton Trumbo

Der junge Amerikaner Joe Bonham (Timothy Bottoms) wird auf einem Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs von einer Granate getroffen. Als er im Krankenhaus erwacht, dämmert ihm erst nach und nach, was mit ihm passiert ist. Joe hat alle vier Gliedmaßen und sein Gesicht verloren, ist also faktisch sämtlicher Sinne und Kommunikationsmittel beraubt. Die behandelnden Ärzte glauben, dass er auch komatös sei, kein Bewusstsein mehr besäße und halten ihn als medizinisches Kuriosum am Leben. Immer wieder lässt Joe in einem undefinierbaren Zustand aus klaren Momenten und drogeninduzierten Traumzuständen Augenblicke seines Lebens und seiner Phantasie an sich vorüberziehen. Irgendwann erinnert er sich an das Morsealphabet und beginnt, die Außenwelt auf sich aufmerksam zu machen.

Nachdem der wegen der HUAC-Affäre lange Jahre unter Pseudonymen arbeitende Autor Dalton Trumbo wieder rehabilitiert war, entschloss er sich, seinen eigenen, 1939 überaus erfolgreich erstveröffentlichten Kriegsroman selbst für die Leinwand zu adaptieten und zu inszenieren. Das zunächst als Produktionsfirma involvierte Studio Warner Bros. schasste das Projekt bald, so dass es fünf Jahre bis zur Fertigstellung dauerte, die Trumbo dann weitgehend unabhängig durchboxte. Bis 1988 blieb der Film praktisch eine kaum gezeigte Rarität, was sich durch das berühmte Metallica-Video zu ihrem Song „One“, in dem Ausschnitte und Dialoge des Werks prominent gefeaturet werden, änderte.
Wie alle wichtigen, um diese Zeit entstandenen (New Hollywood-)Filme mit Kriegsbezug ist auch „Johnny Got His Gun“ trotz seiner ursprünglichen literarischen Provenienz vor allem eine leidenschaftliche Anklage an den damals lähmend exerierten, ungbremst andauernden US-Einsatz in Vietnam, allerdings gestaltet er sich auch sehr viel sperriger und zugleich verdichteter als mitunter boshaft-komisch konnotierte, sehr viel kanonisiertere Klassiker wie Altmans „MASH“ oder Nichols‘ „Catch-22“, die den satirischen Ansatz präferierten, das Wesen des Krieges als gewaltige Narretei zur Selbstdezimierung des Menschengeschlechts zu denunzieren. „Johnny Got His Gun“ wählt den umgekehrten Weg – er bricht den Krieg auf ein solitäres Individuum herunter, ein ultimatives Opfer, ein lebendes Gespenst. Mit dem Granateneinschlag fährt Joe Bonham gewissermaßen zur Hölle ohne dabei sterben zu dürfen – die albtraumhafte Vorstellung, nurmehr als obszöner Torso mit von außen gesteuerten Vitalfunktionen vor sich hin vegetieren zu können, inklusive. Außer in Bezug auf das via Off-Ansprachen und Mentalreisen adressierte Publikum gibt es zunächst keinerlei Mitteilungsmöglichkeit, bis schließlich nach einer weder für Joe noch uns messbaren Zeitspanne eine ihm zugetane Krankenschwester (Diane Varsi) registriert, dass Joe sich Morsezeichen bedient, indem er den Kopf bewegt. Doch selbst seine auf diesem Weg formulierten, letzten Wünsche werden ihm – aus strikt ethischen Gründen versteht sich – nicht erfüllt werden. Weder darf er als Freak und lebendes Mahnmal an die Öffentlichkeit gelangen, noch wird seinem alternativen Todeswunsch stattgegeben. Das einzige, was Joe bleibt als finaler, grotesker Trostspender sind seine inneren, gedanklichen Reisen in seine Vergangenheit und an die Schwelle des Jenseits, wo er seinem Vater (Jason Robards) und manchmal seiner ersten und einzigen Jugendliebe (Kathy Fields) begegnet. Gelegentlich versucht auch Jesus (Donald Sutherland, in von Luis Buñuel verfassten Szenen, ihn zu beschwichtigen. Doch selbst der Heiland hat irgendwann auf Joes Fragen nach Sinn und Zweck seines Schicksals keine Antworten mehr parat.
Dass Trumbo eigentlich kein Regisseur war, sondern ein Mann des geschriebenen Wortes, kann der Film nicht wirklich verhehlen und will dies wahrscheinlich auch gar nicht. Trumbos Inszenierungsstil bleibt schmucklos, drög und fahl; die Wechsel zwischen gegenwärtiger Realität und Gedankenwelt markiert er durch die Ablösung von schwarzweiß zu blasser Farbe. „Johnny Got His Gun“ positioniert sich somit denkbar weit von dem entfernt, was man als „konsumierbar“ bezeichnen würde, vielmehr gerät er auch zu einer Prüfung für sein Publikum, das die bittere Hoffnungslosigkeit dieses von stiller Anklage erfüllten Passionswegs sprachlos erdulden muss. Insofern einer der wenigen wirklich dieses Prädikat verdienenden Anti-Kriegsfilme, ein einzig durch seine schiere, grausame Ausweglosigkeit hartes, transgressives, nur sehr schwer erträgliches Pamphlet und dadurch zugleich so unendlich wertvoll.

10/10

THE BEAST IN THE CELLAR

„He can see in the dark!“

The Beast In The Cellar (Der Keller) ~ UK 1971
Directed By: James Kelley

Auf einem ländlich gelegenen, englischen Militärstützpunkt kommt es zu einem nächtlichen Mord an einem der Soldaten. Der wackere Corporal Alan Marlow (John Hamill) warnt sogleich die einzigen beiden zivilen Anwohnerinnen, die beiden betagten, liebenswürdigen Schwestern Ellie (Beryl Reid) und Joyce Ballantyne (Flora Robson), zu denen er im Laufe der Zeit ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut hat. Die Ermittler vermuten, dass in Anbetracht der Spuren an der Leiche eine entflohene Raubkatze verantwortlich sein muss. Doch die Ballantyne-Schwestern wissen es besser. Als es zu weiteren Todesfällen kommt, ziehen sie aus einem jahrzehntelang gehüteten Familiengeheimnis die letztmögliche Konsequenz…

Neben dem Vorreiter Hammer waren in den Sechzigern und telweise Frühsiebzigern noch die vor allem für ihre Episodenfilme renommierte Amicus, die breiter gefächerte Anglo-Amalgamated und schließlich die Tigon British die wesentlichen Lieferanten für britischen gothic horror und natürlich auch dessen spätere, zeitgemäßere Ablösungen. Die Tigon wurde 1966 von Tony Tenser, einem Londoner Geschäftsmann  litauisch-jüdischer Abstammung, gegründet, nachdem dieser die bescheiden begonnene, dann nach und nach reüssierende Gesellschaft Compton Films verlassen hatte, um eigene Wege zu gehen. In Tensers bzw. Tigons Portfolio befindet sich mit „The Beast In The Cellar“ einer der schönsten Repräsentanten des englischen Horrorfilms in den angehenden Siebzigern. Über Umwege der damaligen, eher amerikanisch geprägten Welle des hag horror oder Hagsploitation-Films zuzurechnen, sind die beiden ältlichen Ballantyne-Schwestern (jeweils brillant dargeboten von Beryl Reid und Flora Robson) dabei eigentlich bloß mittelbare Verursacher des geschilderten Übels. In ihrem ebenso tragischen wie furchtbaren Falle greift die alte Weise vom Gegenteil des Guten, nämlich des gut Gemeinten. Das Mysterium um den Verursacher der blutigen Morde und die damit zusammenhängende Vorgeschichte enthüllt Ellie/Beryl Reid eigentlich erst gegen Ende des Films in einer wunderschön vorgetragenen und inszenierten Befragung durch den zuständigen Polizisten (T.P. McKenna): Nachdem ihr Vater einst mit einer schweren PTBS aus dem Frankreich des Ersten Weltkriegs heimgekehrt und später als psychisch und körperlich zertrümmerter Mensch verstorben war, wollten Ellie und ganz besonders Joyce mit allen Mitteln verhindern, dass auch ihr jüngerer Bruder Stephen (Merlyn Ward/Davydd Havard) dem Ruf des Militärs folgte und entschieden sich für das aus ihrer Logik einzig Richtige: Stephen wurde gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von ihnen sediert und in einem Kellerverlies des Hauses eingemauert. Dort blieb er, sich selbst überlassen und mit dem Nötigsten versorgt, bis er einen Weg heraus entdeckte und seinen über die Jahrzehnte aufgestauten Wahnsinn an jenen kanalisierte, auf die er nunmehr all seinen Hass projizierte – uniformierten Soldaten. Rasch kristallisiert sich vor allem in der Revision  heraus, dass „The Beast In The Cellar“ somit weitaus weniger Horrorfilm denn Drama ist. James Kelley benötigt tatsächlich nur wenige exploitative Elemente, um seine Kellerkind-Story zu entfalten und zur Wirkung zu bringen und selbst diese erweisen sich als reines Publikumszugeständnis und somit nahezu redundant. Mit der zunächst penibel umschifften, visuellen Offenbarung des derangierten Stephen Ballantyne ganz zum Schluss fällt gewissermaßen auch das letzte Suspense-Element – wir sehen die traurige Gestalt eines geistig umnachteten, verwitterten Kauzes, der selbst ein Opfer ungeheuerlicher Umstände wurde und dessen Schicksal sich möglicherweise nur um 27 Jahre Hölle verzögert hat. Dennoch mag und kann man den Schwestern nicht wirklich böse sein. Die eigentliche, ewig lauernde, ewig schwelende Bestie, die „The Beast In The Cellar“ anklagt und der wohlverdienten Angst preisgibt, ist der Krieg.

8/10

THE LAST VALLEY

„There is no Hell. Because there is no God. There never was.“

The Last Valley (Das vergessene Tal) ~ UK/USA 1971
Directed By: James Clavell

Während der Wirren des Dreißigjährigen Krieges erlebt der umherwandernde, aus Deutschland stammende Lehrer Vogel (Omar Sharif) in mannigfaltiger Weise, zu welchen Grausamkeiten der Mensch fähig ist. Durch Zufall führt ihn sein zielloser Weg in ein entlegenes Provinzdörfchen, auf das sich just auch ein marodierender Trupp aus Söldnern und Renegaten zubewegt. Als die überaus gewaltbereiten Männer kurz nach Vogel unter dem „Hauptmann“ (Michael Caine) vor Ort eintreffen, kann der des Grauens müde Lehrer sie überzeugen, die Bewohner des Dorfes zu verschonen und es stattdessen als Winterquartier zu nutzen. Es ergeben sich bald mehrerlei Konflikte – so akzeptiert der streng katholische Priester (Per Oscarsson) nicht, dass sich unter den Belagerern auch Protestanten befinden und macht der Hauptmann dem wohlhabenden Dorfpatriarchen Gruber (Nigel Davenport) seine Geliebte, die mysteriöse Angelika (Florinda Bolkan), abspenstig. Hansen (Michael Gothard), einer der vormaligen Untergebenen des Hauptmanns, flieht derweil nach einer missglückten Vergewaltigung, verrät seine vormaligen Kumpane und schließt sich einem anderen Söldnertrupp an, den man jedoch vereint zurückschlagen kann. Als der Hauptmann sich zur verlustreichen Schlacht bei Rheinfelden aufmacht, überträgt er Vogel das Kommando während seiner Abwesenheit. Dieser kann nicht verhindern, dass Angelika als Hexe angeklagt und verbrannt wird. Tödlich verletzt kehrt der Hauptmann schließlich zurück. Vogel, der selbst im Begriff ist, das Dorf für immer zu verlassen, enthält ihm die Wahrheit über Angelika wohlweislich vor.

James Clavells letzte Regiearbeit, bevor er sich endgültig auf das Schreiben und Veröffentlichen historischer (oftmals asienlastiger) Romane und Bücher verlagerte, firmiert filmgeschichtlich als recht eindeutiger Flop und scheint noch bis heute zwischen allen Stühlen zu sitzen. Mit Ausnahme von Großbritannien, wo er zumindest halbwegs einträglich lief, missachtete ihn das internationale Kinopublikum weitflächig. Die amerikanische, coproduzierende Firma ABC Pictures International, einstiger Kinoableger des damaligen Fernsehmultis, plante, mit „The Last Valley“ endgültig  groß herauszukommen und sich in der Folge als bedeutender Player auf dem Markt zu etablieren. Sogar das aufwändige Todd-AO-70mm-Verfahren durften Clavell und seine dps nutzen (es kam für diesen Film zum letzten Mal überhaupt zur Anwendung). Am Ende bildete das verlustintensive Resultat einen der Hauptgründe dafür, warum ABC Pictures seine Tätigkeit zwei Jahre später wieder einstellen musste.
Betrachtet man nun den tatsächlich höchst solitären „The Last Valley“, der auf einem etwa zehn Jahre zuvor veröffentlichten Roman von J.B. Pick basiert, erscheint diese Ignoranz kaum verwunderlich. Da wäre zunächst der historische Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges: mit Ausnahme des 1933 von Rouben Mamoulian inszenierten Garbo-Vehikels „Queen Christine“ gab es bis dato keine internationale (Groß-)Produktion, die sich überhaupt dieses Sujets angenommen hatte. Über die Gründe dafür lässt sich hinlänglich spekulieren – in der Tat war und ist der chaotische Verlauf jenes als Glaubenskonflikt begonnenen, das kontinentale Europa allumfassend überziehenden Gewaltscharmützels insbesondere für den oberflächlich interessierten Laien nur schwer zu durchblicken und transportiert(e) somit hinsichtlich seiner kommerziellen Auswertbarkeit gewissermaßen bereits ein immenses script- bzw. plotinhärentes Risiko. Hinzu kam die kaum einzuordnende, atmosphärische Ausrichtung von Clavells Arbeit. Wer möglicherweise romantisch konnotiertes Monumentalkino Marke David Lean erwartete, musste sich von der oftmals grellen, campigen Garstigkeit des Films abgestoßen fühlen, für bloße Exploitation-Apologeten, die möglicherweise nach einem Nachfolger zu Michael Armstrongs „Hexen bis aufs Blut gequält“ fahndeten, dürfte „The Last Valley“ wiederum zu sperrig und intellektuell ausgefallen sein. Tatsächlich monierte die zeitgenössische Kritik das „schleppende“ bis „langweilige“ Pacing des Films und übersah damit sein wahres und wichtigstes Verdienst – das nämlich, eine überaus eigenwillige Allegorie auf das Wesen des Krieges und auch das des Glaubens vollzogen zu haben, eine pralle, schmerzhafte Lektion darüber, wozu diese beiden Triebfedern der Weltgeschichte ihre vielen Teilhaber machten und was sie hinterließen. Tatsächlich erinnerte mich „The Last Valley“ nicht selten an Michael Reeves‘ „The Witchfinder General“, der ja drüben gewissermaßen nach einem bürgerkriegsgeschüttelten England schielte, derweil hüben der Westfälische Friede in nicht mehr allzu weiter Zukunft lag. Auch darin geht es um Opportunismus und Kriegsgewinnlerei zugunsten von Humanität und Integrität in „Ausnahmezeiten“, die den menschlichen Atavismus aus dräuenden Tiefen zurück an die Oberfläche zerren. Getragen von der wunderbaren Musik John Barrys muss Omar Sharif als Vogel, wenn man so will, eine neuerliche Schiwago-Variation, als sanftmütiger Gelehrter hilflos miterleben, wie alle Welt sich selbst zum Teufel jagt. Sein Antagonist, der von Michael Caine gespielte, namenlose „Hauptmann“, hat über die vielen von ihm mitbegangenen Massaker (Magdeburg nennt er selbst als Schlüsselereignis) derweil den Glauben an alles Übrige verloren und gibt sich mit dem Mäandern zwischen Tagesaktualitäten zufrieden. Erst die Bekanntschaft mit Vogel und die auf Gegenseitigkeit beruhende Liebe zu Angelika wecken wieder den Mann in ihm, der er vermutlich einst war, können auch sein Opfer am Ende jedoch nicht verhindern. Selbst die vermeintlich friedliebende Dorfgemeinde nebst wütendem Kleriker und gierigem Wucherer an der „ehrwürdigen“ Doppelspitze offenbart ihr rachsüchtiges Antlitz und lässt den Zweifler Vogel erkennen, dass Krieg menschengemacht ist – nicht umgekehrt.

9/10

LOS CORSARIOS

Zitat entfällt.

Los Corsarios (Die Piraten der grünen Insel) ~ E/I 1971
Directed By: Ferdinando Baldi

Der Piratenkapitän Alan Drake (Dean Reed) und seine lustige Truppe haben ihr Schiff verloren und stranden auf einer karibischen Insel, die just von politischer Ränke gebeutelt wird. Der legitimen Thronfolgerin Prinzessin Isabella (Annabella Incontrera) sitzt nämlich insgeheim ihr böser, neidischer Vetter, der Erzherzog (Alberto de Mendoza) im Nacken und versucht, sie mithilfe sympathisierender Seeräuber zu diskreditieren. Inoffiziell heuert Isabella Drake und seine Mannschaft an, den feindlichen Korsaren Roja (Alberto de Mendoza) und seine Schergen unschädlich zu machen…

Filme zu sehen und zu sammeln kann sich nicht nur für Kinovorführer und Festivalveranstalter zu einem bisweilen archäologischen Metier entwickeln, insbesondere, wenn es um etwas spezielle Fassungen geht. Ferdinando Baldis „Die Piraten der grünen Insel“ war 1985 als TV-Aufnahme einer ZDF-Ausstrahlung ein Dauerbrenner meiner Kindheit, den ich irgendwann auswendig mitsprechen konnte, nur wenige Jahre später, zum arroganten Pubertierenden „herangereift“, aber als albernen Kinderkram empfand, zugunsten irgendeines anderen Programms löschte und vergaß. Wie das so ist mit nostalgisch geprägten Hirnwindungen, zumal solchen, die an idyllisch verklärte, harmonische Biographieabschnitte gemahnen, keimte sehr viel später jedoch der inniger werdende Wunsch nach einem Wiedersehen auf und entwickelte sich mehr und mehr zu einem glühenden Bedürfnis. Das (bzw. mein ganz persönliches) Problem: Die auf sämtlichen Heimmedien veröffentliche Version unter dem Titel „Der wilde Korsar der Karibik“, so auch die darüberhinaus sehr schludrig gemasterte DVD, beinhalten eine von der DEFA erstellte Synchronfassung. Offenbar war dem Film in der DDR, in der der tragische Entertainer Dean Reed nach seiner Immigration und öffentlichkeitswirksamen Konvertierung zum Marxismus 1973 zwischenzeitlich zum veritablen Superstar avanciert war, zuvor ebenfalls ein TV-Einsatz beim DFF vergönnt gewesen.
Der von mir so heißgeliebte Berliner Vertonung des ZDF vermochte ich hernach nicht mehr habhaft zu werden, selbst jahrelanges Umgraben des Internet resultierte stets in Misserfolg. Irgendwann stellte sich dann die zündende Idee ein, das ZDF anzuschreiben und um eine MAZ der damaligen Sendung zu bitten – ein teures und in Anbetracht der letzten Endes gelieferten, blass-rötlichen Letterbox-Qualität in gut sichtbar gecropptem 1,78:1 statt der originalen Scope-Breite zwar nicht gänzlich zufriedenstellendes, aber emotional doch stark beruhigendes Unterfangen. Was es mir bedeutet, diese jahrelange Sehnsuchtslücke endlich geschlossen haben zu können, wiegt alles andere vielfach auf.
Unter nüchternen Aspekten und mit dem Abstand der Jahre betrachtet, liefert Baldis Piratenfilm nichts mehr denn kostengünstig hergestelltes, betont infantiles, gleichfalls aber sehr herzliches Abenteuerkino für die ganze Familie, wie es für diese Zeit typisch in europäischer Koproduktion entstand. Tatsächlich ist der ZDF-Vertonung eine eklatante Aufwertung der mäßigen Darstellerleistungen zu verdanken, besonders Dean Reed verlässt sich ganz auf seinen rein physiognomischen Charme. Ohne seinen bunten Haufen, der sich aus dem schwerhörigen Messerwerfer Amando (Sal Borgese), dem etwas öligen Zaubertrickser Drago (Paolo Gozlino), dem bärenstarken, dicken Brummbär Toby (Tito García), dem artistischen Asiaten Blacky (Leslie Bailey), der forschen Piratenbraut Margarita (Paca Gabaldón), einem naseweisen Rotzlümmel (Pedro Luis Lozano) und einem später dazustoßenden Liliputaner (Antonio De Matino) rekrutiert, wäre Alan Drake / Reed jedenfalls völlig aufgeschmissen und kaum der halben Miete wert. Gerade diese ihre sozialen oder körperlichen Nachteile zu brillanten Fertigkeiten umformierende Minoritätengang, die vor allem vereint unschlagbar ist, bestimmt im Grunde den Reiz der gesamten Geschichte. Alberto de Mendoza, in einer Doppelrolle als schurkischer Strippenzieher, liefert indes das schönste Spiel der Besetzung und Annabella Incontrera gibt eine ga reizende Prinzessin ab. Der notorische Drehort Almería erweist sich einmal mehr als dankbare Kulisse, die man mit dem erforderlichen goodwill des ohnedies zugeneigten Betrachters auch als karibische Insellandschaft annimmt und Nico Fidencos wunderbar schmissiges, mitgröhlbares Titelthema ist sogar unsterblich toll. Am meisten genieße ich allerdings – zugegebenermaßen – die überfällige Verpflasterung jener alten, vernarbten Herzenswunde.

7/10

LA FOLIE DES GRANDEURS

Zitat entfällt.

La Folie Des Grandeurs (Die dummen Streiche der Reichen) ~ F/I/E/BRD 1971
Directed By: Gérard Oury

Spanien zur Zeit Karls II. (Alberto de Mendoza): Der überaus gierige und opportunistische Finanzminister Don Salluste (Louis De Funès) lebt bei Hofe in Saus und Braus. Nur sein wesentlich gerechtigkeitssensiblerer Diener Blasius (Yves Montand) sorgt allenthalben dafür, dass Sallustes Steuereintreibereien nicht allzu sehr über die Strenge schlagen. Hab, Gut und Titel gehen Salluste dennoch über alles, weswegen ihn eine ihn seines Amtes enthebende Intrige, derzufolge er ein uneheliches Kind gezeugt haben soll, umso mehr schmerzt. Doch im Ränkeschmieden ist auch Salluste ein Meister und so sprießen rasch Ideen, wie er sich zurück in des Königs Gunst schmeicheln könnte. Während Blasius als Don Cesar, angeblicher Neffe Sallustes, dessen Amt annimmt und anstelle der Armen lieber die Reichen schröpft, sieht Sallustes Plan sieht vor, die Infantin Dona Maria (Karin Schubert) in ein heimliches Tête-à-Tête zu verwickeln und sich selbst dann als großen Enthüller des Ganzen darzustellen…

Vergleichsweise selten setzte man Louis De Funès, der zur Entstehungszeit von „La Folie Des Grandeurs“ bereits seinen bis heute populären Rollentypus des hyperaktiven,  selbstherrlichen, aber gewitzten Cholerikers in die Perfektion überführt hatte, vor historischer Kulisse ein. Insofern bildet Ourys im 17. Jahrhundert in Spanien spielende Satire, zudem als internationale Coproduktion, durchaus eine Ausnahme im De Funèsschen Œuvre. Doch können weder die reichhaltig zelebrierte Kostümierung und Ausstattung noch einige Abenteuerelemente verhindern, dass der Akteur einmal mehr gänzlich in seinem Charakter aufgeht, ja, dass dieser ihm sogar wie gewohnt auf den Leib geschrieben zu sein scheint. Als Don Salluste, eine Art „spanischer Sheriff von Nottingham“, ist De Funès ganz in seinem Element: Außer dem wohligen Geräusch klimpernder Golddukaten reizt ihn lediglich die Vermehrung seines persönlichen Luxus, freilich in Verbindung mit entsprechenden Maßnahmen, zu deren Durchsetzung Salluste keine Moral zu unantastbar und kein Mittel zu schäbig sind. Als er dann eines Tages selbst zum Opfer einer höfischen Intrige wird, ist damit gewissermaßen sein wahres Können als umtriebiger Strippenzieher gefragt – doch letzten Endes führen ihn, wie andere Granden aus dem Dunstkreise Karls II. ebenfalls, am Ende doch bloß in eine marokkanische Strafkolonie. Der größte Widerling, jener von Gottes Gnaden quasi, ist und bleibt schließlich doch wieder das Staatsoberhaupt.
Hinter dem oftmals lauten, nicht selten über Gebühr strapazierten Slapstickhumor, der unter anderem Ingredienzien wie eine notgeile Kammerzofe (Alice Sapritch), einen vertrottelten Bloodhound, oder einen sprechenden Papagei bemüht und der natürlich auch den grimassierenden Protagonisten häufig in Fettnäpfchen treten lässt, verbirgt sich, man ahnt es bald, ein klassisches Literaturstück: Victor Hugos „Ruy Blas“ von 1838, ursprünglich keineswegs als Komödie, sondern als romantisches Drama angelegt, lieferte die inhaltlichen Grundzüge für eine im Grunde zutiefst bittere Satire, deren trüber, existenzialistischer Konsequenz man infolge der zuweilen grellen Oberfläche man nicht zwingend gewahr wird. Ourys Inszenierung nimmt sich, aus welchen Gründen auch immer, deutlich weniger elegant aus als von dem Regisseur aus vormaligen Arbeiten wie „La Grande Vadrouille“ oder „Le Cerveau“ gewohnt. Vielmehr müht sich „La Folie Des Grandeurs“ beinahe vergebens, einen ungehinderten Fluss zu entwickeln. Seltsam wirkt auch Yves Montand in seinem eigentlich für den kurz vorm Dreh verstorbenen Bourvil avisierten Part als Blasius/Don Cesar: In einem raren komödiantischen Auftritt gibt Montand zwar sein Bestes, es fällt aber dennoch außerordentlich schwer, seinem bereits fünfzigjährigen, lebensgegerbten Antliz, das man üblicherweise mit existenzieller Verzweiflung und Melancholie assoziiert, die hier bedurften, eher juvenilen Facetten der Verliebtheit und basalen Charaktergüte abzuringen.
Witzig, selbst für gelegenheitsmäßige De-Funès-Chronologen sehenswert und von diesbezüglichen Connaisseurs sogar hoch geschätzt ist „La Folie Des Grandeurs“ nun gewiss; ich selbst jedoch vermochte mich nie ganz des latenten Eindrucks entledigen, dass hier eine bzw. die eigentlich notwendige Homogenität für das wahre Finish nicht erreicht wurde.

6/10

THE NIGHT DIGGER

„I need help!“

The Night Digger (Das Haus der Schatten) ~ UK 1971
Directed By: Alastair Reid

Die altjüngferliche Krankenschwester Maura (Patricia Neal) lebt gemeinsam mit ihrer blinden Adoptivmutter Edith Prince (Pamela Brown) in deren marodem Herrenhaus in der englischen Provinz nahe Coventry. Die einsame Maura ist es gewohnt, sich tagtäglich von der herrischen Alten drangsalieren zu lassen und trägt ihr Los mit leicht deprimierter Fassung. Dies ändert sich, als der Tagelöhner und Herumtreiber Billy Jarvis (Nicholas Clay) bei den beiden Frauen auftaucht: Während Maura zunächst widerwillig auf seine Anwesenheit reagiert, bietet Edith ihm sogleich eine Stellung als Hausmeister nebst Kost und Logis an. Nach und nach entdeckt Maura Sympathien für den geheimnisvollen, offenbar nicht ganz ehrlichen jungen Mann, die sich bald in aufrichtige Zuneigung verwandeln und sogar von Billy erwidert werden. Doch dieser hat ein furchtbares Geheimnis: Er ist ein schizoider Serienmörder, der bereits sieben Frauen auf dem Gewissen hat. Dennoch wittert Maura in Bezug auf Billy die letzte Chance, sich von Edith zu emanzipieren…

Angereichert mit einer feisten Portion finsteren, englischen Humors serviert dieser von Roald Dahl co-gescriptete Drama-/Thriller-Hybrid seine markige Drei-Personen-Geschichte, in deren Zentrum Patricia Neal als pflichtbewusste Frau steht, die sich in ein verhängnisvolles Abhängigkeitsverhältnis gebracht hat: Ihre Adoptivmutter Edith weiß um die devote Persönlichkeit der nicht mehr ganz taufrischen Maura, die bereits vor Jahren den Quasi-Frondienst in jenem riesigen, verlotterten Haus ihrem persönlichen Glück vorgezogen hat und seither mehr und mehr dahinwelkt. Ausgerechnet in der Person des geisteskranken Frauenmörders Billy offeriert sich Maura der letzte Ausweg, den übermächtigen Fängen der alten Edith zu entkommen und doch noch ein selbstbestimmtes Leben anzufangen – zwei gebrochene Seelen, die sich möglicherweise heilen können. „The Night Digger“ macht sich dabei den Kunstgriff zunutze, Billy trotz seiner mörderischen Persönlichkeitsspaltung zum Sympathieträger avancieren zu lassen. Wenn er nicht gerade in verantwortungslosem Zustand junge Frauen meuchelt, ist er ein netter, patenter, obschon nicht sonderlich gebildeter junger Mann, den man durchaus gern haben kann und dessen unglückliche Biographie seinen Hass auf gleichaltrige Damen immerhin erklärt. Selbst als Maura von Billys obsessiver Schattenseite erfährt, ist sie noch bereit, mit ihm fortzugehen – hier präsentiert sich ihr ein Mensch, der eine sogar noch vernarbtere Persönlichkeit beinhaltet als sie selbst und der im Gegensatz zu der undankbaren, bigotten Edith sogar wirklich ihrer Zuneigung und Unterstützung bedarf.
Alastair Reid fängt dieses psychologisch grandios untermauerte Kammerspiel in den typisch bleichen Farben des britischen Frühsiebzigerkinos ein, lässt aber trotz dieser Kargheit häufig an Hitchcock denken, von dessen bevorzugten Topoi sich in „The Night Digger“ einige wiederfinden, seien es die matriarchalische Bevormundung durch eine entsetzliche Mutterfigur, die dysfunktionale, sehnsuchtsvolle Liebesgeschichte zweier Verlorener oder eben das Gewaltverbrechen als Zwangshandlung. Passend dazu kredenzt Bernard Herrmann eine Musik, die seinem Chef D‘Œuvre sicher nur allzu gut gemundet hätte.

8/10

UNA FARFALLA CON LE ALI INSANGUINATE

Zitat entfällt.

Una Farfalla Con Le Ali Insanguinate (Das Messer) ~ I 1971
Directed By: Duccio Tessari

Im Stadtpark von Bergamo wird die junge Studentin Françoise Pigaut (Carole André) ermordet. Sämtliche Beweise deuten felsenfest auf den vormals unbescholtenen TV-Journalisten Alessandro Marchi (Giancarlo Sbragia) hin, der Fall scheint eindeutig. Doch kurz nach dessen lebenslänglicher Aburteilung und Inhaftierung geschehen zwei weitere Morde nach exakt demselben Schema. Offenbar handelt es sich um einen Serientäter. Der Fall wird von Marchis Anwalt Cordaro (Günther Stoll) neu aufgerollt, um entlastende Indizien ergänzt und Marchi freigesprochen. Doch ist Marchi wirklich unschuldig? Und wie passt der junge, exzentrische Pianist Giorgio (Helmut Berger) ins Bild, der mit Marchis Tochter Sarah (Wendy D’Olive) liiert ist, die ihrerseits wiederum mit Françoise befreundet war?

„Una Farfalla Con Le Ali Insanguinate“ sollte ursprünglich in der Wallace-Reihe der Rialto veröffentlicht werden, musste dann am Ende jedoch auf die Schirmherrschaft der deutschen Produktionsbeteiligung verzichten. Zumindest erklärt jenes ursprüngliche Vorhaben die Beteiligung der deutschen Akteure Berger, Stoll und Wolfgang Preiss, der sich als Staatsanwalt die Ehre gibt. Den anderen zeitnah entstandenen, co-italienisch hergestellten Beiträgen zur Wallace-Serie wie „L’Uccide Dalle Piume Di Cristallo“Sette Orchidee Macchiate Di Rosso“ und „Cosa Avette Fatto A Solange?“ steht Tessaris ebenso wie jene dem Giallo anverwandter Kriminalfilm nicht nach – seine sich sonst vergleichsweise selten dem Thriller-Segment widmende Inszenierungskunst präsentiert sich als so mitreißend, vereinnahmend und vital, wie es der Gattung gemeinhin zukommt. Gewiss erfordert die nebst minutiös durchgespielter Gerichtsverhandlung und Polizeiarbeit dargestellte Aufbereitung des Falles nebst seiner zunächst kaum erahnbaren Auflösung und den psychologisch nicht immer gänzlich stimmigen Portraits der Beteiligten die übliche kognitive Nachsicht des Publikums; ebenso bestimmend lässt sich jedoch konstatieren, dass davon noch keiner der wirklich guten Italokrimis dieser Ära irreparabel beschädigt worden wäre.
Erfreulicherweise lässt Tessari sich im Zuge seiner konzentrierten Arbeit weder dazu hinreißen, seine Inzenierung der übermäßigen Grelle zu überantworten noch sonstwie exploitativ zu Werke zu gehen. Diese Entscheidung belässt dem Film einiges an sich positiv ausnehmender Seriosität. „Una Farfalla“ (wer nebenbei mit der Titelbezeichnung des „Schmetterlings mit blutigen Flügeln“ gemeint sein soll, darf der Zuschauer am Ende selbst entscheiden) bleibt ruhig, bei sich und besonnen. Es gibt drei unspektakuläre Mordopfer und später noch einen ebenfalls visuell gemäßigten, finalen Gewaltakt; die beunruhigendsten Momente gehören vielmehr Giancarlo Sbargia, der sich vom zunächst unscheinbaren bis zurückhaltenden, sogar sympathisch anmutenden Fernsehmacher, dem man seine Unschuld geradezu instinktiv einräumt, im weiteren Verlauf immer mehr das Bild des veritablen maniaco sessuale vervollständigt, der infolge all seiner moralischen Verworfenheit wohl tatsächlich einer höher insinuierten Form der Rechtsprechung bedarf…

8/10

VILLAIN

„It’s not our game, is it Vic. We’re playing away.“

Villain (Die alles zur Sau machen) ~ UK 1971
Directed By: Michael Tuchner

Der soziopathische Gangster Vic Dakin (Richard Burton) interessiert sich hauptsächlich für dreierlei: Sein höchstpersönliches Geriebenes, seine alte Mutter (Cathleen Nesbitt) und seinen Privatgalan Wolfe Lissner (Ian McShane). Für Inspector Matthews (Nigel Davenport) gilt derweil nur eines: Dakin endlich dingfest zu machen und einbuchten zu können. Doch Dakin pflegt jeden potenziellen Denunzianten unumwunden mundtot zu machen, was die Angst unter den Polizeispitzeln regelmäßig in luftige Höhen treibt. Matthews‘ lange herbeigesehnte Chance scheint sich schließlich doch noch zu ergeben, als Dakin plant, einen Geldtransport mit Lohngehältern zu überfallen…

Ein (zumindest hierzuland) von den Jahren geflissentlich vergessener britischer Gangsterfilm, der mit Michael Caine in Richard Burtons Rolle vielleicht eine prominentere Rolle bekleiden würde. Auch Malcolm McDowell, Oliver Reed oder Terence Stamp könnte man sich trefflich in der Rolle des selbstgefälligen Vic Dakin vorstellen. Burton, eine eher wenig offensichtliche Wahl für einen solchen Part, überrascht dann umso mehr als gieriger Narziss von einem Gewaltkriminellen, der die Ausübung von Brutalität sichtlich genießt und bei dem man selbst als Zuschauer irgendwann die cholerischen Ausbrüche respektvoll zu antizipieren beginnt. „Villain“ entwirft ein hübsch umfassendes Psychogramm von Dakin: Wie es sich (spätestens seit Cagney) für echte Ganovenkönige ziemt, bemüht er ein aufopferungsvolles Verhältnis zu seinem Mütterlein, dass er allsonntäglich zum Krabbenessen nach Brighton chauffiert. Seine (von ihm selbst wohl zeitweilig als „unmännlich“ gewertete) Homosexualität pflegt er dadurch zu kompensieren, dass er seinem Geliebten, jedesmal, bevor er ihn zu sich kommen lässt oder ihn gleich selbst aufsucht, einen gezielten Schlag in die Magengrube zu verpassen (es lässt sich davon ausgehen, dass auch der nachfolgende Sex nicht ohne Blessuren für den sich selbst und alle um sich herum prostituierenden Wolfe abgeht). Seinen ihm treu ergebenen, kleinen Kreis von Vertrauten hält er vermutlich nur deshalb so dicht bei sich, weil jeder einzelne von ihnen ein ähnlich sadistischer Misanthrop ist wie er selbst. Schließlich, auch das gewissermaßen „typisch britisch“, kultiviert Dakin einen geradezu religiös ausgewalzten Hass auf Arbeiterklasse, Spießertum und Armut, die er bei jeder sich bietenden Gelegenheit verächtlich macht.
Doch auch Dakins Antagonisten, die Bullen Matthews und Binney (Colin Welland), sind alles andere als sympathische Typen und gehen gewissermaßen über Leichen, wenn es darum geht, ihre Ziele zu erreichen. Somit macht „Villain“ es einem nicht eben einfach, inmitten des umfänglich arrangierten Räuber-&-Gendarm-Spiels einen humanistischen Lichtblick zu erhaschen – am Besten dafür geeignet dürften noch die (allerdings auf kleine Nebenrollen reduzierten) frauen sein, die in die Mühlen von Dakins und Lissners Umtrieben geraten, so etwa Wolfes von ihm ausgenutzte Freundin Venetia (Fiona Lewis), die er jedoch ohne zu zögern von sich stößt, sobald Dakin auf der Bildfläche erscheint, oder die junge Patti (Elizabeth Knight), die von beiden bei Bedarf instrumentalisiert wird. „Villain“, dessen gleichermaßen famoser wie kaum fassbarer deutscher Titel „Die alles zur Sau machen“ natürlich nicht unerwähnt bleiben darf, präserviert das Bild einer ausgesprochenen „man’s world“ – und das einer in toto überaus unliebenswerten dazu.

7/10

THX 1138

„Work hard, increase production, prevent accidents and be happy.“

THX 1138 ~ USA 1971
Directed By: George Lucas

In der Zukunft: Die Menschen leben in einem straff organisierten, unterirdischen Gesellschaftssystem. Durch den gänzlichen Verzicht auf Kunst, Literatur und selbst auf identitätsstiftende Merkmale oder Persönlichkeitsentfaltung (jeder Name besteht aus drei Buchstaben und vier Ziffern) ist höchste Effizienz gewährleistet: Man existiert nurmehr, um zu funktionieren. Die Vergabe von Psychopharmaka stellt jedermann ruhig. Als der Arbeiter THX 1138 (Robert Duvall) sich in seine Wohngenossin LUH 3417 (Maggie McOmie) verliebt, wird er zum Sicherheitsrisiko. Man sperrt ihn, nachdem seine „Entrückung“ immer akuter wird, zu anderen „Unangepassten“. Gemeinsam mit SEN 5241 (Donald Pleasence), zuvor THX‘ Vorgesetzter und letztlich sein Denunziant, der wegen illegaler Systemmanipulation ebenfalls weggesperrt wurde, versucht THX der Haft zu entfliehen. Ein lebendig gewordenes Hologramm namens SRT (Don Pedro Colley) weist ihnen schließlich den Weg zum Ausgang aus der Sicherheitsquarantäne. Nach einer halsbrecherischen Flucht, in deren Verlauf SEN gefasst wird und THX erfährt, dass LUH tot ist, derweil ihr gemeinsam gezeugter Fötus unter strenger Beobachtung steht, gelingt es dem Flüchtigen, trotz aller Warnungen an die Oberfläche zu gelangen.

George Lucas‘ albtraumhafte Dystopie, so anders als seine spätere Affination für kommerzträchtige Pulpstoffe, markiert gleichermaßen sein Langfilmdebüt wie auch die zweite Produktion von von ihm selbst und Francis Ford Coppola gegründeten Studios American Zoetrope, eines wesentlichen Eckpfeilers von New Hollywood. Der Flop des in mancherlei Hinsicht durchaus sperrigen Werks an den Kinokassen veranlasste den zuvor ohnehin nur unter größten Komplikationen und mancherlei Finten gewonnenen Produktionspartner und Verleiher Warner Bros. hernach umgehend, den zuvor eingestielten Vertrag über mehrere Filme mit Zoetrope aufzukündigen. Auch für Lucas bedeutete diese Adaption seines eigenen, noch zu USSC-Zeiten entstandenen Kurzfilms  „Electronic Labyrinth: THX 1138 4EB“ eine kreative Zäsur: Der spätere Mogul musste auf recht harsche Weise lernen, dass schöpferische Eigenwilligkeit und finanzieller Erfolg nicht a priori einhergehen. Dabei ist „THX 1138“ ein in vielerlei Hinsicht wegweisender Film für sein (Sub-)Genre, nämlich das des dystopischen Science-Fiction-Films, und dessen mannigfaltige Auswüchse im Folgejahrzehnt. Hatte die Idee des totalitären Überwachungsstaats und der systematischen Entindividualisierung als grauenerregende Schreckensvisionen aus den weltgeschichtlichen Erfahrungen zwischen Kommunismus, Faschismus und Diktaturen heraus in der Literatur, so bei Orwell, Bradbury oder Huxley, bereits eine längere Tradition, verhielt sich dies auf Filmebene noch anders. Wenn hier von Zukunft berichtet wurde, dann in der Regel wahlweise in Form von utopischer technologischer Reife in der Weltraumfahrt oder von nuklearem Holocaust und verwüsteter Erde nebst Monstern und Mutanten, auf traditioneller B-Film-Ebene also. Ausnahmen bildeten die frühen Verfilmungen der erwähnten Romane.
Der wabernde, stellenweise bewusst unübersichtlich gestaltete und bewusstseinsverschleierte Duktus von „THX 1138“ jedoch wählte zumindest medienspezifisch betrachtet einen weithin innovativen Ansatz: Ob die Gesellschaft infolge eines weiteren Weltkriegs so lokal und existenziell eingeschränkt leben muss wie im Film, wird ebensowenig expliziert wie ein allgemeines „Warum“; allgemein ersichtlich ist lediglich, dass die furchtbar reduzierte Welt dieses Films, die nurmehr das bloße Überleben unserer Spezies unter streng funktionalistischen Konditionen und Prinzipien kennt, keinen reellen Lebenswert mehr beinhaltet. Flugs nachgeschobene Werke wie Michael Campus‘ „Z.P.G.“ oder Michael Andersons „Logan’s Run“ griffen den von Lucas wesentlich entwickelten Denkansatz auf und raffinierten ihn weiter, wahlweise in Richtung Bevölkerungskontrolle oder weltweiter Altersbeschränkung, Themen, die in der von der Energie- und Ressourcenkrise der siebziger Jahre durchgeschüttelten Welt unter höchster Besorgnis eruiert wurden. Lucas‘ wüstem, wütendem und zweifelsohne von dem unbändigen Hunger des Jungregisseurs profitierenden Achtungsstück kommt somit vor allem eine ganz wesentliche filmhistorische Dimension zu.

8/10