AMERICAN GRAFFITI

„Sneakin‘ around with the Wolfman, baby. This is gonna strike a raw nerve, Mama. Here’s The Platters.“

American Graffiti ~ USA 1973
Directed By: George Lucas

September 1962: Während in dem Städtchen Modesto zu den allseits tönenden Klängen des Radio-DJ Wolfman Jack (Wolfman Jack) das Ende der Sommerferien eingeläutet wird, bedeutet diese Nacht für Curt Henderson (Richard Dreyfuss) und Steve Bolander (Ron Howard) womöglich den Abschied von ihrem bisherigen, wohlvertrauten Leben. Die jungen Männer erwartet ein College-Platz an der Ostküste. Während Curt sich nicht sicher ist, ob er überhaupt aus Modesto raus will, versucht Steve unbeholfen, seiner Sandkastenfreundin Laurie (Cindy Williams) den nahenden Abschied zu erleichtern. Als Curt eine attraktive Blondine in einem Ford Thunderbird erspäht, setzt er sich in den Kopf, sie unbedingt kennenzulernen. Curts und Steves zwei Kumpel John Milner (Paul Le Mat), seines Zeichens ungekrönter König der lokalen Straßenrennszene, und der nerdige Terry Fields (Charles Martin Smith) haben derweil ganz andere Sorgen. Während John eine frühpubertierende Göre (Mackenzie Phillips) an den Hacken hat, versucht Terry, bei der einfältigen Debbie (Candy Clark) Eindruck zu schinden.

Wie sein bös kassengecrashter Vorgänger „THX 1138“ erwies sich George Lucas‘ wiederum von Coppolas Zoetrope produzierte, zweite Regiearbeit „American Graffiti“ als nachhaltig stil- und gattungsprägend Von den etlichen Schul- und College-Komödien der Spätsiebziger und Achtziger über die „Lemon Popsicle“-Serie bis hin zu Linklaters zwei Zeitpopträts reicht die sich über die Folgedekaden hinziehende Abschöpfungsspanne.
Hatte zwei Jahre zuvor im Kontext der New-Hollywood-Bewegung bereits Peter Bogdanovich mit „The Last Picture Show“  einen nostalgischen Rückblick auf vergangene Jugendtage und unvermeidliche Coming-of-Age-Schwermut vollzogen, so versetzte Lucas mittels teils autobiographisch geprägter Detailversessenheit dem Topos seine unverwechselbaren, bis heute gültigen Ingredienzien. Statt der depressiven Ödnis des zutefst lebensunlustigen, schwarzweißen Texas-Settings von Larry McMurtry erwarteten das Publikum hier Scope, leuchtende Farben, schicke Drive-In-Diners, Highschool-Schwoof, Autokult und natürlich eine erlesene, vor Gassenhauern strotzende Rock ’n‘ Roll-Tonspurrille, die das Geschehen, immer wieder eingeleitet von der (tatsächlichen) DJ-Legende Wolfman Jack, nahezu pausenlos untermalt (und kommentiert). In heuer typischer Ensemble-Film-Manier spult Lucas die Erlebnisse seiner vier Protagonisten in stetem, episodischen Wechsel ab. From dusk till dawn wird jeder von ihnen auf seine Weise mit persönlichen Schwächen und Stärken konfrontiert und vollzieht einen wesentlichen, gleichfalls nicht unbedingt liebenswerten Schritt in Richtung Erwachsenwerden: Curt lernt, dass es sich nicht auszahlt, ohnehin unerreichbaren Träumen hinterherzujagen, Steve hingegen, dass das kleine Glück nicht zwangsläufig in der Ferne wartet. Milner lässt durchblicken, dass der regionale Kult um seine Person in eigentlich mehr enerviert als stolz macht und Terry begreift am Ende seiner turbulenten Nacht, dass er es nicht nötig hat, sich als jemand aufzuspielen, der er gar nicht ist.
Eine epilogisch angefügte Schrifttafel in Jahrbuch-Optik klärt uns schließlich über die recht unromantischen, künftigen Schicksale der Helden auf. Vietnam lauert bereits dräuend in der Ferne und den ohnehin an Jimmy Dean erinnernden, aus der Zeit gefallenen Outcast John Milner erwartet ein zutiefst unrühmlicher Unfalltod. Curt und Steve, gewissermaßen die bodenständigere, bourgeoise Hälfte des Kleeblatts, werden in gutbürgerlichen Berufen landen. Das gibt’s nur einmal (, das kommt nicht wieder).

9/10

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WONDER WOMEN

„I don’t like long legs. They get in the way.“

Wonder Women (Liebesgrüße aus Fernost) ~ PH/USA 1973
Directed By: Robert Vincent O’Neill

Als überall auf der Welt spurlos Spitzensportler verschwinden, werden die Geheimdienste hellhörig. Spitzenagent Mike Harber (Ross Hagen) soll eine lose Spur in Manila aufnehmen, die über Umwege zu der kriminellen Organisation der verrückten Wissenschaftlerin Dr. Tsu (Nancy Kwan) führt. Diese hat eine Methode zur Verpflanzung jedes beliebigen Körperteils entdeckt und verschachert nun die Bestände ihres wachsenden Sammelsuriums an die global Meistbietenden. Harber muss gut aufpassen, denn bald schon liegt auch er unter Tsus Skalpell…

Grundsätzlich mäßig interessanter Bond-Spoof der gröberen Sorte, der es jedoch infolge der Unterstützung ein paar augenscheinlich kleiner Details zumindest ins Semi-Finale schafft. An erster Stelle wäre da selbstverfreilich die an Kalauern alles andere als arme, gut hörbar von Rainer Brandt oder Arne Elsholtz erstellte Synchronfassung zu nennen, die „Liebesgrüße aus Fernost“ zumindest für den bundedeutschen Betrachter verpflichtend begleiten sollte. Das vehement zwischen aufreizend-unpassend und abseitig oszillierende Nonsens-Gesäusel besitzt absolute Liebhaberqualitäten, etwa, wenn Ross Hagen sich mit der Stimme von Thomas Danneberg zur Anmache einer weiblichen Bar-Entdeckung anschickt: „Hallo, ich bin der Erbprinz von Salzufflen.“ Man könnte endlos weitere Beispiele aus jenem pathologischen Lyrikfundus zitieren.
Doch „Wonder Women“ hat noch etwas wirklich Tolles (in dem Falle sogar Ureigenes) zu bieten, das das tapfere Durchstehungsvermögen des Psychotronikfreundes fürstlich belohnt: die monströse Menagerie von Dr. Tsus (eine Art Sumuru-Plagiat, für das man sich immerhin die Physis von Nancy „Suzie Wong“ Kwan zu sichern wusste) medizinischen Fehlschlägen, die auf strohiger Unterlage hinter Gittern ihr entseelt-mutiertes Dasein fristen und natürlich bloß auf die überfällige, stumpfe Rache sinnen. Wehe, wenn sie losgelassen! Und freilich passiert beizeiten genau das, unter allem gebührlichen Getöse, wenn auch immer noch bedauernswert jugendfrei.
„Wonder Women“ belohnt den geneigten Entdecker also mit einer Menge antiräsonalem Schabernack, dem auszusetzen sich trotz manch eher fader Phase inmitten des auch mit 82 Minuten eigentlich noch immer viel zu langen Blödsinns eine Menge Freude bereitet. Oder bereiten kann – das liegt dann wieder bei jedem selbst.

6/10

THE NEPTUNE FACTOR

„Unbelievable!“

The Neptune Factor (Die Odyssee der Neptun) ~ CAN 1973
Directed By: Daniel Petrie

Als gäbe es auf dem Untersee-Forschungslabor „Oceanlab“ nicht ohnehin schon genug personelle Probleme, rutscht der Komplex infolge eines Seebebens auch noch in eine tiefe, bislang unerforschte Spalte hinab. Kurzerhand wird der Maritimexperte Adrian Blake (Ben Gazzara) zum Unglücksort befördert, wo er sich mit dem Mini-U-Boot „Neptun“ auf die Suche nach der möglicherweise noch lebenden Besatzung von Oceanlab machen soll. Die beiden Taucher Mac (Ernest Borgnine) und Cousins (Donnelly Rhodes) sowie die Wissenschaftlerin Jansen (Yvette Mimieux) begleiten ihn auf dem gefährlichen Trip ins Ungewisse.

Während der sich dem Ende näherenden Betrachtrung von „The Neptune Factor“ musste ich mehrere Male unweigerlich an ein Zitat aus „Dr. No“ denken, als der Titelbösewicht James Bond eine Glaspanoramawand vorführt, die die hinter ihr befindlichen Fische optisch wie eine Lupe vergrößert: „Minnows pretending they’re whales.“ Genau solche sollen den Spannungsfaktor von Petries Film nämlich in die Höhe schrauben; die Tiefseespalte, in die Oceanlab gerutscht ist, beherbergt nämlich – zu allseitiger Überraschung – Fauna und Flora mit Riesenwuchs. Für die Effekt-„Zauberer“ keine besondere Aufgabe, galt es doch bloß, eine Miniversion der Neptun in ein handelsübliches Aquarium zu setzen. Ob nun Regisseur Petrie oder dp Harry Makin oder alle beide – man hatte offenbar ein ausgeprägtes Faible für die eingehende Beobachtung von hübschen Fischchen. Anders lässt sich die teils minutenlange, mitunter geradezu berauschte Inszenierung der entsprechenden Tiere wohl kaum erklären. Zur filmischen Dramaturgie trägt sie jedenfalls in keinster Weise bei, sondern gleicht vielmehr jedesmal einem behenden Tritt aufs Bremsdpedal. „The Neptune Factor“ ist ohnedies ein seltsamer Film. Sein Motivpool bedient sich zum einen bei notalgischer, naiver technical fiction wie der von Jules Verne, schielt zugleich aber auch zum soeben Kasse machenden Katastrophenkino mit prominenten Ensembles Marke Irwin Allen, dessen zwölf Jahre älterer „Voyage To The Bottom Of The Sea“, der zudem Walter Pidgeon in faktisch derselben Rolle vorführte, nochmals im Speziellen als Ideenbezug herhielt. Ben Gazzara, der sein Bankkonto ähnlich wie sein Freund John Cassavetes durch Engagements in Filmen wie diesen vor dem Dispo bewahrte, wird sich ins Fäustchen gelacht haben und der unverwüstliche Ernest Borgnine ist klasse wie eh und je.
„The Neptune Factor“ erweist sich als vor allem für Liebhaber cineastischer Randnotizen und Fußnoten interessant – ein sehenswerter oder gar guter Film war und ist er ganz gewiss nicht, dafür ein exotisches Studienobjekt für künstlerische Ausfallerscheinungen. Und dies ist bitteschön nett gemeint.

5/10

KID BLUE

„I’m gonna get me a job and earn honest money.“

Kid Blue ~ USA 1973
Directed By: James Frawley

Der in Südtexas als „Kid Blue“ berüchtigte Ganove Bickford Warner (Dennis Hopper) ist die Zeit des Herumvagabundierens leid und begibt sich nach dem Städtchen Dime Box, um dort, zum allgemeinen Amüsement seiner alten Gang, einer ehrlichen Arbeit nachzugehen. Der erste Job beim örtlichen Barbier (M. Emmet Walsh) geht gründlich in die Hose und so fängt Bickford in der Nippeskeramikfabrik von Mr. Hendricks (Clifton James) an. Mit dem Pärchen Reese (Warren Oates) und Molly Ford (Lee Purcell) gewinnt Bickford zwei gute Freunde, doch er landet bald mit Molly im Bett. Überhaupt vertragen das konventionelle Spießerdasein und Bickfords Wesen sich überhaupt nicht miteinander und so baldowert er schon bald einen Plan aus, um Mr. Hendricks‘ Werkskasse zu plündern…

Mit „Kid Blue“ ist James Frawley ein echter Vorzugswestern gelungen, der wie viele Genreproduktionen aus der Ära New Hollywood die Gattung auf eine leicht schwebende, komödiantische Metaebene hebt, es sich dort bequem macht und, und darin unterscheidet er sich dann doch von den meisten seiner zeitgenössischen Wegbegleiter, trotz seiner stark systemkritischen Agenda den Mut zu einem versöhnlichen, gar euphorischen Abschluss aufbringt. Als kleine Americana verdichtet „Kid Blue“ den vergleichsweise epischen, subsummierenden Erzählansatz von Arthur Penns nicht unähnlich gelagertem „Little Big Man“ zu einem kaum minder satirischen Konzentrat; wie zuvor Dustin Hoffman tritt auch Dennis Hopper als eine Art schelmischer Simplicissimus an, sich den Gepflogenheiten einer merkwürdig pevertierten, neuen Ära zu stellen, scheitert jedoch an deren verlogener Doppelmoral. Literarische Einflüsse von Kafka bis Brecht lassen sich verzeichnen – die Industrialisierung mit all ihrer ausbeuterischen, stumpfen Gräue kommt im Mythenland Texas an, bürgerliches Recht und Gesetz personifizieren sich in ihrer denkbar unangenehmsten, repressivsten Form (die Rolle des eigenmächtigen Sheriffs „Mean John“ Simpson hätte anstelle von Ben Johnson idealerweise eigentlich  Duke Wayne übernehmen müssen), die Bourgeoisie pflegt nur genau solange ihre ethischen Grundsätze, wie sie sich nicht im gleichen Fluss wie christianisierte Indianer taufen lassen müssen und bis die gestandene Hure (Janice Rule) aufkreuzt, die mit Abstand intelligenteste Figur im Film. Ein drogensüchtiger Baptistenprediger (Peter Boyle) erweist sich als höchst liberaler Charakter und drei alte Indianer als wandelnde Anachronismen, die sich auf höchst seltsame Weise in der Zeit vergaloppiert zu haben scheinen und glauben, ein Bekenntnis zum christlichen Gott ließe sie das ihnen zustehende Land zurückgewinnen.
„Kid Blue“, mit Sicherheit einer der am Weitesten links positionierten Western überhaupt, ist ebenso speziell wie großartig in seinem zwischen Tragik und Humor bisweilen regelrecht transzendenten Habitus. Schade, dass Frawley, den ich, ähnlich wie Mark Rydell und Dick Richards als einen der „Vergessenen New Hollywoods“ erachte, nicht mehr Erfolg als Filmemacher beschieden war. „Kid Blue“ hätte als Empfehlungsschreiben jedenfalls völlig genügt.

9/10

PAPILLON

„We all have sensitive spots.“

Papillon ~ USA/F 1973
Directed By: Franklin J. Schaffner

Der Franzose Henri Charrière (Steve McQueen), wegen seiner Brusttätowierung von allen „Papillon“ gerufen, wird im Jahre 1933 wegen des Mordes an einem Zuhälter, dessen er sich jedoch unschuldig behauptet, zu einer lebenslangen Haftstrafe in Französisch-Guayana verurteilt. Papillon sichert sich die Sympathie des wohlhabenden Devisenfälschers Louis Dega (Dustin Hoffman), den er auf dem sie übersetzenden Schiff kennenlernt. Aus der anfänglichen Zweckgemeinschaft erwächst im Laufe der Zeit aufrichtige Freundschaft, die Papillon und Dega durch mehrere gemeinsame Fluchtversuche, grausame Episoden der Einzelhaft und schließlich zu einer
„staatlich verordneten“ Einbahnexistenz auf der Teufelsinsel, von der eine Flucht als aussichtslos gilt, führt.

Unabhängig davon, dass der Fakten- und Wahrheitsgehalt von Henri Charrières von ihm selbst als größenteils authentisch veräußerter Roman „Papillon“ immer wieder neuen historischen Revisionen unterzogen und sein Wahrheitsgehalt in etlichen Facetten angezweifelt wurde, ist Schaffners Film ein Fanal und Triumph seiner Zunft.
Dies ist weniger bei der Charakterisierung der Hauptfigur zu verorten. Der Gefängnisfilm, zumindest viele der zu Klassikern avancierten Hauptwerke, in denen dem Protagonisten schließlich die Flucht gelingt, operiert zumeist mit sehr einvernehmlich gewählten Motivkreisen: Der zur Strafe führende Urteilsspruch erweist sich bereits als falsch bzw. unverhältnismäßig, das Vollzugssystem spottet jedweder Humanität, der Held kennzeichnet sich durch eine weit überdurchschnittliche Intelligenz gekoppelt mit einem selbst durch noch so harte Konsequenzen nicht zu begradigendem Freiheitsdrang. Daraus erwächst dann entweder eine Kette diverser Fluchtversuche oder ein von langer Hand geplanter, dann in der Regel von Erfolg gekrönter Ausbruch. Gefängnisfilme sind somit zugleich wunderbare Suspense-Lieferanten; der Hauptcharakter lädt infolge seiner durch bald übermenschliche Willenskraft zu willkommener Identifikation ein und die Fluchtszenarien lassen den Rezipienten umso leidenschaftlicher mitfiebern.
Steve McQueen, der genau zehn Jahre zuvor in John Sturges‘ Kriegsgefangenenfilm „The Great Escape“ eine beinahe analoge Rolle als „Coller King“ Hilts spielte, brachte demnach bereits dem Sujet angemessene Vorerfahrungen mit. Dass er als Schauspieler mittlerweile ungeheuer gewachsen war, konnte er in „Papillon“ allerdings nicht minder demonstrieren – die Szenen, in denen er die zweimalige Einzelhaft sowohl psychisch als auch physisch nur mit alleräußerster Disziplin überlebt, zählen zum Nervenzerrendsten, was der üblicherweise ja als eher untangierter Stoiker kultivierte McQueen je gespielt hat. Hinzu kommt in diesem speziellen Falle noch der Genreaspekt des klassischen Abenteuerfilms; die mittelamerikanische Kulisse rund um tropische Unwägbarkeiten Mangrovensümpfe, Leprakolonisten und Eingeborenenstämme verleiht „Papillon“ ein höchst eigenwilliges Flair, das ihn dann doch von sämtlichen anderen Repräsentanten seiner Zunft abhebt. Auch der emotionale impact zeigt sich gleich von Abfang an als ungeheuer wirkungsvoll aufbereitet – wie der Film eine empathische Allianz zwischen Papillon und dem Zuschauer schmiedet, das ist schlichtweg meisterhaft. Wie sehr einem etwa jedesmal, da man Schaffners Kronjuwel aufs Neue bewundert das Herz blutet, wenn Papillon nach einer ungeheurlichen Odyssee bereits frei scheint und dann doch von dieser widerlichen Äbtissin (Barbara Morrison) verraten wird, illustriert jenes einmal geflochtene Band geradezu exemplarisch.
Außerdem hat man selten die Chance, den ewigen villain John Quade einmal in einer sympathischen Rolle zu beobachten.
Absolute premier league!

10/10

SAVE THE TIGER

„The government has a word for survival. It’s called fraud.“

Save The Tiger (Rettet den Tiger) ~ USA 1973
Directed By: John G. Avildsen

Harry Stoner (Jack Lemmon), ein desillusionierter Mittvierziger, ist Manager einer kleinen Textilfirma in Los Angeles. Just während eines für sein Unternehmen immens wichtigen Präsentationswochendes wird er zum Opfer einer persönlichen Mittlebenskrise: Um die marode Firma zu retten, organisiert er, ganz zum Widerwillen seines gesetzten Seniorpartners Phil Greene (Jack Gilford), einen Versicherungsbetrug nebst Brandstiftung und versorgt einen soeben angereisten, unerlässlichen Abnehmer (Norman Burton) mit einer Prostituierten (Lara Parker), was dem gesetzten Herrn eine tödliche Herzattacke beschert. Eine gut besuchte Podiumsrede Harrys gerät schließlich zum Desaster, als ihn während des Sprechens Kriegserinnerungen übermannen. Harrys folgende, kurzfristige Flucht in die Arme jugendlicher Erotik beschert nicht die ersehnte Erlösung.

Diese kleine, intime Fallstudie um die allgemeine Krise des amerikanischen Bourgeois mittleren Alters, der, gefangen zwischen Kriegstraumata und den Anforderungen der Gegenwart, stets dem Zusammenbruch nahe steht, ist gewiss eine von Avildsens besten und ambitioniertesten Arbeiten. Jack Lemmon, der der Kinogeschichtsschreibung wohl vordringlich als mehrfacher leading man bei Wilder und Partner von Walter Matthau im Gedächtnis ist, war ja auch ein ganz exquisiter Darsteller dramatischer Rollen, was „Save The Tiger“ eindrucksvoll beweist. Dass sein Harry Stoner quasi ein „Mann der Probleme“ ist, kristallisiert sich schon zu Beginn heraus, als er seltsam verquast über Football sinniert und den Sport mit seiner eigenen Lebenssituation parallelisiert. Später erweist sich der Mannschaftssport als Harrys großes, inneres Sanktuarium; als Projektionsfläche seiner verlorenen Jugendträume. Mir gefällt der Gedanke, dass Harry Stoner ein paar Jahre nach seinem beruflichen und privaten Scheitern an der Ostküste als Immobilienmakler bei Premiere Properties angefangen hat, um dort als Shelley Levine in „Glengarry Glen Ross“ einem letzten großen Debakel entgegenzugehen. Beide Rollen haben wie auch beide Filme abseits ihrer zeitlichen Distanz eine Menge miteinander zu tun. Hier wie dort geht es um Druck, den albhaften Druck eines zunehmend aus den Fugen geratenden Kapitalismus, der zwangsläufig mit dem individuellen Überleben gleichzusetzen ist. Sowohl Harry Stoner als auch Shelley Levine sind jenem Druck beide nicht gewachsen, wenngleich aus geflissentlich unterschiedlichen Gründen, wobei der spezifische Background Harrys im Prinzip auch der von Shelley sein könnte. Um sich selbst zu retten, übertreten beide Grenzen; private und auch die des Legalen, jeweils um den hohen Preis der persönlichen Integrität. Am Ende bleibt ihnen jeweils nur die Konfrontation mit ihrem Scheitern, die Last der Träume.

8/10

THE MAN WHO LOVED CAT DANCING

„Never try to bribe a man with something he can take anyway.“

The Man Who Loved Cat Dancing (Der Mann, der die Katzen tanzen ließ) ~ USA 1973
Directed By: Richard C. Sarafian

Nach einem Zugüberfall stoßen der Ex-Knacki Jay Grobart (Burt Reynolds) und seine Kumpanen in der Prärie eher zufällig auf die alleinreisende Catherine Crocker (Sarah Miles). Diese ist ihrem Mann, dem Rancher Willard (George Hamilton) davongelaufen, weil sie es bei und mit ihm nicht mehr aushielt. Grobarts Männer machen keinen Hehl daraus, dass sie die vom Regen in die Traufe geratene Catherine bei der nächstbesten Gelegenheit vergewaltigen werden, derweil Willard Crocker Catherine gemeinsam mit dem Bahndetektiv Lapchance (Lee J. Cobb) nachspürt. Diverse gruppenin- und externe Konflikte mitsamt einigen Todesopfern führen dazu, dass Grobart und Catherine bald allein sind und Zeit haben, sich ineinander zu verlieben. Dabei erfährt Catherine von Grobarts bewegter Vergangenheit: Seine erste Frau, die Schoschonin Cat Dancing, wurde einst vergewaltigt und von Grobart selbst, der sie in blinder Eifersucht des Fremdgehens verdächtigte, missverständlich getötet. Auch seinen Sohn ließ Grobart daraufhin im Stich. Crocker und Lapchance kommen indes immer näher…

Die ihrem reichen Ranchersgatten abtrünnige Ehefrau war ein beliebter Topos im und um den Spätwestern der Ära New Hollywood. Nachdem Richard Brooks in „The Professionals“ noch eine sehr romantische Herangehensweise an diesen Themenkomplex wähnte – eine feurige Claudia Cardinale präferiert darin Jack Palance als mexikanischen Revoluzzer anstelle ihres faltigen Ehemanns Ralph Bellamy -, verdanken wir Don Medford und seinem „The Hunting Party“ die schwärzeste und räudigste Variation des Stoffes: Gene Hackman ist hier eine durch und durch böse und sadistische Kapitalistensau, deren frustrierte Frau Candice Bergen quasi überhaupt keine andere Option hat, als davonzulaufen und sich in den struppigen Outlaw Oliver Reed zu verlieben, der seine wüste Zuneigung wiederum auf eher unerfreuliche Weise verdeutlicht. Medford hinterließ dann am Ende im wahrsten Sinne auch nurmehr verbrannte Erde. Sarafians Adaption eines als eher schmalzig geltenden Liebesromans wählte dann eine Art Mittelweg aus beiden Anordnungen. Über die dysfunktionale Beziehung der Crockers erfährt man eher wenig, wenngleich bereits George Hamiltons blasiertes Auftreten mancherlei Rückschlüsse zulässt. Im Zentrum steht vielmehr die innerlich schwer zerrissene Figur des Jay Grobart, von Burt Reynolds in einer seiner humorlosesten Charakterisierungen als stilles Wasser mit gewaltigen Untiefen feilgeboten. Die Welt, in der der dieses ungleiche Paar zusammenfindet, erscheint dabei ebenso ungehalten wie lebensfeindlich. Neider und Verfolger befinden sich da überall, sei es unter Grobarts ungeschlachtem Haufen oder in Form der ihnen von „Rechtswegen“ nachstellenden Posse. Während Grobarts Kompagnons Bowen (Bo Hopkins) und Dawes (Jack Warden) wie Schakale um Catherine herumschleichen, besteht kein Hehl darin, dass auch Crocker kaum zimperlich mit den Flüchtenden umzugehen gedenkt. Erst im weiteren Verlaufe der Geschichte, die ihre bitteren Wahrheiten erst nach und nach preisgibt, offenbart sich zugleich auch das eigentliche Bestiarium der ungleichen Männer, die darin vorkommen. Ich kann mich zum Beispiel nicht erinnern, den eigentlich doch beinahe stets in positiven Rollen besetzten Jack Warden schon einmal als einen solch widerlichen Schweinehund gesehen zu haben.
Was den deutschen Titel – glücklicherweise nicht jedoch die Vertonung – anbelangt, so hat man hier einmal mehr schwer daneben gehauen. Katzen tanzen lässt hier jedenfalls niemand.

8/10