CON LA RABBIA AGLI OCCHI

Zitat entfällt.

Con La Rabbia Agli Occhi (Höllenhunde bellen zum Gebet) ~ I 1976
Directed By: Antonio Margheriti

Der in seinen Berufskreisen längst legendäre Profikiller Peter Marciani (Yul Brynner) erhält den Auftrag, den für die New Yorker Mafia zum Problem gewordenen Neapeler Paten Gennaro Gallo (Giancarlo Sbraglia) zu beseitigen. Mit dem Hinweis, Gallo habe vor einiger Zeit seinerseits den Mord an Marciani und dessen erschossenem, jüngeren Bruder befohlen, nimmt der zunächst ablehnende Marciani den Job schließlich doch an. In Neapel angekommen, lernt er den jungen Nachwuchsganoven Angelo (Massimo Ranieri) kennen, der sich dem alten professional andient, verliebt sich in die Striptänzerin Anny (Barbara Bouchet) und gerät mit dem hiesigen Commissario (Martin Balsam) aneinander. Sein eigentliches Ziel jedoch verliert Marciani nie aus den wütenden Augen…

Der Multigenre-Arbeiter Antonio Margheriti hat sein Näschen ähnlich vielen seiner Kollegen irgendwann einmal in nahezu jede von den Italienern vereinnahmte Filmgattung mit Exploitation-Charakter gesteckt. Das von zeitgenössischen Mitstreitern wie Umberto Lenzi, Stelvio Massi oder Sergio Martino (um nur einige wenige wesentliche zu nennen) reichhaltig beackerte Terrain des Poliziottesco bzw. Gangsterfilms jedoch sparte der ja auch gern unter seinem knackigen Pseudonym Anthony M. Dawson firmierende Margheriti auf seiner knapp 60 Werke umfassenden Reise durch die Leinwandgestade weitgehend aus. Eine recht hübsche Ausnahme von jener Regel bildet „Con La Rabbia Agli Occhi“, zugleich der letzte Leinwandauftritt des Hauptdarstellers Yul Brynner, bevor er sich mit vergleichsweise jungen 56 Jahren vom Kino verabschiedete. Die Rolle des abgeklärten, stets schwarz gekleideten Hitman, der unter der Brooklyn Bridge zum Angeln geht, eigentlich doch ein verschmitztes Wesen sein Eigen nennt und nur allzu gern häufiger von den angenehmeren Dingen des Lebens gekostet hätte, bildete aber auch ein schönes Geschenk für Brynner, der den Part dann auch mit sehr viel guter Laune absolvierte.
Mit der wie immer überaus freizügigen, als sehr liebe Tänzerin Anny zu sehenden Barbara Bouchet verbindet ihn bald eine zarte Romanze, die das nur selten ins Deftigere abgleitende Timbre des Films immer wieder hebt. Überhaupt überlässt Margheriti düsteren Zynismus und schwarzen Fatalismus lieber anderen; wie die meisten seiner Werke findet auch „Con La Rabbia Agli Occhi“ von einer – gerade in Anbetracht des gezeichneten Milieus – sehr unbeschwerten Müßigkeit getragen, die allzu trübsinnige Emotionen lieber ausspart. Zu genießen sind derweil die Impressionen Napolis, die hier, anders als aus den Mafia- und Gangsterprügeln jener Tage gewohnt, sogar ausnahmsweise mal betont tourismusaffin daherkommen.

7/10

DEATH WEEKEND

„You’ll get yours, baby!“

Death Weekend (Party des Grauens) ~ CA 1976
Directed By: William Fruet

Sein wie üblich routiniert vorgeplantes Wochenend-Schäferstündchen hat sich der narzisstische Zahnarzt Harry (Chuck Shamata) anders vorgestellt: Anders als die freigiebigen Damen, die er sonst mit in seine großzügig möblierte Provinzvilla nimmt, lässt sich Diane (Brenda Vaccaro) so gar nicht vom öligen Charme und all den ihr präsentierten Luxusdevotionalien einfangen, sondern zeigt Harry flugs die Rote Karte. Doch viel schlimmer: Vier brutale Rowdys (Don Stroud, Richard Ayres, Kyle Edwards, Don Granberry) die die am Steuer von Harrys Chevrolet sitzende Diane auf dem Weg im Zuge eines provozierten Rennens von der Straße gedrängt hat, verfolgen die beiden rachedürstig in die Abgeschiedenheit und nisten sich in Harrys Haus ein. Ihre fiesen Schikanen nehmen immer gewalttätigere Formen an, bis Diane sich unbarmherzig zur Wehr setzt.

Home Invasion, Rape & Revenge, Terrorfilm: Die zweite Regiearbeit des Kanadiers William Fruet lässt sich in umweglos all diesen Kategorien zuordnen und fügt jeder von ihnen einen leider viel zu übersehenen Höhepunkt zu. Dabei verzichtet er sogar weitgehend auf die dramaturgischen Ingredienzien, die das Subgenre so berüchtigt machen und seinen populärsten Vertretern in der Vergangenheit immer wieder zensorische Hürden, Beschlagnahmungen und Verbote eintrugen: Auf der rein visuellen Ebene hält sich Fruet erstaunlich zurück und lässt das obligatorisch-transgressive Moment sich nahezu ausschließlich durch die Schürung einer sich zunehmend hoffnungslos gestaltenden Atmosphäre erwachsen. Die tolle Brenda Vaccaro steht in ihrer Rolle als Diane exemplarisch dafür und nimmt als feministisch tragfähige Heldin den Zuschauer von Anfang an bei der Hand. Weder ausgesprochene Schönheit (dass das Script sie als „Model“ veräußert, scheint etwas weit hergeholt), noch fragiles Mauerblümchen wird sie gleich zu Beginn als selbstbewusste Frau eingeführt, die sich nicht in Geschlechterklischees fügt, sondern vielmehr geradeheraus und durchaus sendungsbewusst genau für deren Ausräumung steht. Der erste, der sich damit zu arrangieren hat, ist der selbstherrliche Zahnarzt, ein Angeber, der glaubt mit Position und Besitztümern stets genug Eindruck schinden zu können, um sich an jedem Wochenende ein anderes Betthupferl zu sichern. An klare Worte ist er offensichtlich nicht gewöhnt, umso nötiger hat er sie. Mit der Verbalräson ist es jedoch endgültig vorbei, als sich der psychopathische Lep (Stroud) und seine nicht minder bösartigen Vasallen Zutritt in Harrys mondänes Eigenheim verschaffen. Der reichhaltige Konsum von Alkohol und Gras lässt sie zunehmend jedwede Vernunft und Menschlichkeit mit Füßen treten und schließlich mit offenem Vandalismus und Gewalt agieren. In die Ecke der Verzweiflung gedrängt, bleibt Diane nur der eine Ausweg, sie mit noch abgefeimteren Methoden abzuservieren, um selbst überleben zu können. Als sie dann die existenziell notwendigen Akte der Selbstjustiz begeht, hat sie wiederum sämtliche Sympathien des Rezepienten auf ihrer Seite und damit natürlich auch alle Rechtfertigungen des wirkmächtigen Exploitationfilms – wer selbst alle Humanität mit Füßen tritt, muss das forcierte Echo in Kauf nehmen. Dass die vier Widerlinge farbenfroh ins Gras zu beißen haben, scheint da längst nurmehr obligatorische Kausalität.
Fruet kann sich auf ein hervorragendes Ensemble verlassen – neben Vaccaro sticht besonders der wie üblich verlässliche Don Stroud als ultragemeiner Hundsfott hervor – und lässt mit seiner Hilfe die Kneifzange zuschnappen. Und zwar da, wo’s wirklich wehtut!

8/10

LIBERI ARMATI PERICOLOSI

Zitat entfällt.

Liberi Armati Pericolosi (Bewaffnet und gefährlich) ~ I 1976
Directed By: Romolo Guerrieri

Ein etwas gestresster Mailänder Commissario (Tomas Milian) erfährt von der verzweifelten jungen Lea (Eleonora Giorgi), dass ihr Freund Luigi (Max Delys) gemeinsam mit seinen beiden besten Kumpels Mario (Stefano Patrizi), genannt „Blondie“ und Giovanni (Benjamin Lev), genannt „Joe“, plant, eine Tankstelle zu überfallen und auszurauben – mit Spielzeugpistolen. Die Waffen erweisen sich jedoch als höchst echt und der kurzerhand anberaumte Polizeieinsatz als Fiasko mit Toten. Für das juvenile Trio bedeutet dies lediglich den Beginn einer Amokfahrt quer durch die Stadt und die umliegende Provinz, in deren Zuge noch viele Opfer zu beklagen sein werden. Vor allem Blondie und Joe erweisen sich im Laufe der sich überschlagenden Ereignisse als immer gewaltaffineres Soziopathenduo, dem gegenüber Luigi nicht den Mut findet, sich von ihm loszusagen…

Und noch ein Thrillerdrama italienischer Provenienz rund um ein paar junge, delinquente Gewaltverbrecher auf großer Amoktour, den anderen anverwandten, just genossenen Genrevertretern in keiner Weise nachstehend. Im Vergleich zu Petrinis ein Jahr später entstandenem und von dem vorliegenden Werk fraglos stark beeinflussten „Operazione Kappa: Sparate A Vista“ entfällt der unmittelbare Sleazefaktor in diesem von Fernando Di Leo ersonnenen Katz-und-Maus-Spiel weitgehend und es verzichtet zugunsten seiner zum Scheitern verurteilten Fluchtgeschichte nebst einer Vielzahl wechselnder Schauplätze auf die räumliche Geschlossenheit eines hermetischen Kidnapping-Szenarios. Stattdessen verheddern sich die drei jungen, wiederum aus bourgeoisem Hause stammenden Männer immer weiter in ihrer einmal losgetretenen Gewaltspirale, die im Laufe ihrer Reise, zu deren Partizipation sie irgendwann auch die eigentlich unbeteiligte Lea (auf die der emotional schwer gestörte Mario offenbar ein Auge geworfen hat) zwingen, beinahe grotesk eskaliert – unter anderem erschießen sie im Zuge eines gemeinsam geplanten Überfalls auf einen Supermarkt kurzerhand die Handvoll weiterer beteiligter Freunde, die ihnen offenbar schon seit Längerem Dornen im Auge sind. Später müssen neben diversen poliziotti unter anderem noch zwei unkooperative Dokumentenfälscher (Salvatore Billa, Carmelo Reale) oder ein überrumpelter deutscher Camper (Peter Berling) nebst seinem Filius (n.n.) dran glauben.
Vergleichsweise ungewöhnlich und dabei ein ebenso rarer wie schöner Indikator für dessen mimische Wandlungsfähigkeit bildet der Einsatz Tomas Milians, der hier einmal nicht als greller Gangster oder wilder Strickmützen-Bulle überagieren muss, sondern seinen (namenlos bleibenden) Kriminalen zurückhaltend und, ordentlich bezwirnt, gediegen interpretiert. Sorgenvoll mahlen seine Kiefer, wenn er von den neuesten Schandtaten der Gewaltverbrecher erfahren muss. Einmal hält er den versammelten Erziehungsberechtigten (u.a. Venantino Venantini) des trio infernale sogar eine harte Standpauke über verhängnisvolle Vernachlässigung und versemmelte Pädagogik, deren furchtbares Resultat Milano nunmehr mit einer Blutspur überzieht und für die der Kommissar den Alten die direkte moralische Verantwortung auferlegt.

8/10

E TANTA PAURA

Zitat entfällt.

E Tanta Paura (Magnum 45) ~ I 1976
Directed By: Paolo Cavara

Gleich zwei Personen der höheren Mailänder Gesellschaft werden in kurzem Zeitabstand brutal ermordet aufgefunden, wobei an beiden Tatorten Illustrationen aus Heinrich Hoffmanns Kinderbuch „Der Struwwelpeter“ hinterlassen sind. Für den ermittelnden Inspettore Lomenzo (Michele Placido) gilt es, dem Täter möglichst rasch auf die Spur zu kommen, bevor dieser wieder zuschlägt – doch es geschehen bald weitere Verbrechen nach demselben Profil. Lomenzo findet mithilfe seiner leichtlebigen Nachbarin Jeanne (Corinne Cléry) heraus, dass sämtliche Opfer Mitglieder des Exklusivklubs „Freunde der Natur“ waren und einst im Hause des mittlerweile verstorbenen Gesellschaftslöwen Hoffmann (John Steiner) verkehrten, wo man nicht nur der gemeinsamen Liebe zu exotischen Tieren frönte, sondern ebenso der zu ausgefallenen Exzessen. Auch die in großem Stil zu Werke gehende Detektei des alternden Pietro Riccio (Eli Wallach) ist in die Ereignisse verwickelt…

Mit „E Tanta Paura“ reichte der vormalige „Mondo“-Urheber Paolo Cavara eine genreübergreifende Italo-Sleaze-Granate ersten Ranges, die Elemente des splattrigen Giallo, des Poliziottesco und sogar der Commedia Sexy vereinte und hernach zu einer ebenso wahnwitzigen wie lustvoll aufbereiteten Kinobreitseite melangierte. Die ProtagonistInnen des Films, selbst der von Michele Placido gespielte Inspektor, sind durch die Bank dem libertären Zeitgeist der Mittsiebziger verbunden, der einen nahezu rücksichtslosen Hedonismus präservierte. Man raucht, trinkt, nascht Konfekt und promiskuiert, was das Zeug hält, jede freie Minute dient sozusagen der reuelosen Lust zwischen Disco und Heia. Schöne Damen sind zumeist willige Fortomodels und grundsätzlich bisexuell, garantiert nichts brennt an. In einem derart aufzeizenden Makrokosmos muss es sogar Spaß machen, einen Serienmörder zu jagen, daran lässt „E Tanta Paura“ keinerlei Zweifel. Auch sonst hält Cavara sein Publikum bei der Stange, die etwas willkürlich eingeflochtenen Wendungen bis hin zu einem sich in seinen diversen twists selbst nicht mehr zurecht findenden Finale werden flankiert von regelmäßigen Nuditäten und einer vorbildlichen Verfolgungssequenz mit anschließender Prügelei. Hinzu kommt die großartig-eklektische Besetzung, in deren Reihen sich neben den Erwähnten auch Jacques Herlin sowie der damals kurzzeitig in Bella Italia befindliche Tom Skerritt (als Placidos Vorgesetzter) verirrten.
Sonderlich spannend, zumindest im Sinne klassischer Thrillerstrukturen, nimmt sich „E Tanta Paura“ dabei zugegebenermaßen nicht aus; er lebt vielmehr von der perlenartigen Aneinanderreihung all seiner vielen, kleinen Unfassbarkeiten (wie einer merkwürdigen Orgienszene in der Villa Hoffmann nebst Schimpanse und Tiger, in deren Zuge unter anderem auch eine bizarre Trickporno-Sequenz von Gibba prominiert), die dann am Ende doch noch eine erstaunlich funktionales Homogenitätsbild hinterlassen. Die deutsche (Video-) Vermarktung in den Achtzigern gab derweil ein hübsches Beispiel für die oftmalige Hilflosigkeit der diversen Kleinstlabel ab, ihre Medien an den Mann zu bringen: Weder „Ein Mann jagt das Gesetz!“ noch „Die letzte Chance eines Bullen“, wie das nach billigem Actionfach müffelnde VHS-Cover mit dem gänzlich unpassenden Titel „Magnum 45“ zuzusichern versuchte, markieren Versprechen, die der Film zu halten im Stande war. Im Gegenzug erhielt man dann aber eine ganz anders gepackte Wundertüte.
Obskur, bizarr, schön!

8/10

L’AILE OU LA CUISSE

Zitat entfällt.

L’Aile Ou La Cuisse (Brust oder Keule) ~ F 1976
Directed By: Claude Zidi

Charles Duchemin (Louis de Funès) gilt als gefürchtetster Gastronomiekritiker Frankreichs und damit der Haute Cuisine überhaupt. Jährlich erscheint sein berühmter Restaurantführer, der ganze Existenzen aufbauen und stürzen kann und dessen Beiträge er und sein Team zuvor in mühevoller Probier- und Schreibarbeit zusammengetragen haben. Dabei scheut Duchemin selbst vor dämlichsten In-Cognito-Verkleidungen nicht zurück, um möglichst unerkannt und objektiv agieren zu können. Sein Sohnemann Gérard (Coluche) indes hat es nicht so mit der Familientradition und managt mit seinen Hippiefreunden lieber einen kleinen Zirkus, in dem er selbst als Clown auftritt – freilich ohne, dass der Herr Papa davon wüsste. Duchemins Erzfeind personifiziert sich derweil in dem gewissenlosen Lebensmittelfabrikanten und Müllgastronom Jacques Tricatel (Julien Guiomar), der seinen Fraß billigst und aus synthetischen Zutaten auf die Menschheit loslässt und einzig an der Mehrung seiner Profite Interesse hat. Ein TV-Duell der beiden Titanen soll in Kürze für Klarheit sorgen…

Ein bereits recht später de Funès-Klassiker, vor allem hierzulande nicht zuletzt so populär wegen seiner unzähligen TV-Ausstrahlungen und wegen Rainer Brandts unverwechselbarer Klamauk-Synchronisation, die aus dem mitunter wesentlich feingeistigeren Original ein immer wieder laut bollerndes Schnodderfeuerwerk „destilliert“. Im Laufe der Jahre und wiederholten Betrachtungen zieht sich natürlich jeder – so auch ich – seine Lieblingsszenen aus dem großen Tohuwabohu, das weniger durch formale Präzision (diese lässt – au contraire – eher zu wünschen übrig), denn durch treffsicheres Timing, situative Frechheiten und kleine, milieukritische Bonmots zu glänzen weiß. In meinem Falle ist das Duchemins Zwangsmast in der Küche eines wegen ihm zuvor Pleite gegangenen, italienischen Kochs (Vittorio Caprioli), der den sensiblen Gaumen des arroganten Feinschmeckers malträtiert, indem er ihm unter Vorhaltung einer doppelläufigen Schrotflinte allerlei Widerliches aus seiner Fertigung vorsetzt („Es wird alles aufgefressen!“) und so dafür sorgt, dass Duchemin nicht nur akute Wundpocken bekommt, sondern zu allem buchstäblichen Überfluss fortan unter unausweichlicher Ageusie zu leiden hat.
De Funès ist natürlich brillant wie eh und je, doch auch sein Support, vor allem der liebenswerte, 1986 mit nur 41 Jahren verstorbene Humorist, Polit- und Sozialaktivist Coluche als Duchemins linkischer Filius, Julien Guiomar als einer Dystopie von Orwell oder Bradbury entsprungener, diabolischer Albtraumkapitalist, der bereits die globale Nahrungsversorgung mit Pappfraß im Auge hat (und androht) und natürlich die reizende Ann Zacharias muss man toll finden. Vladimir Cosmas schmissige Easy-Listening-Musik dazu und man erhält einen nimmermüde werdenden, rundum liebenswerten Komödienmeilenstein der Siebziger, den aber wohl ohnehin beinahe jeder Mensch meiner Generation hinreichend kennen und schätzen dürfte.

8/10

TO THE DEVIL A DAUGHTER

„It is not heresy and I will not recant!“

To The Devil A Daughter (Die Braut des Satans) ~ UK/BRD 1976
Directed By: Peter Sykes

Der in London lebende Okkultismusexperte und Buchautor John Verney (Richard Widmark) sagt dem ängstlichen Geschäftsmann Henry Beddows (Denholm Elliott) zu, sich um dessen Tochter Catherine (Nastassja Kinski) zu kümmern, die ihr gesamtes bisheriges Leben in einem entlegenen bayrischen Kloster zugebracht hat und laut Beddows nunmehr in höchster Gefahr vor einer Sekte schwebe. Verney, der sich zunächst nicht sicher ist, ob es sich bei der ganzen Geschichte um bloßen Mummenschanz handelt, unterschätzt dabei den Einfluss und die Kräfte von Catherines bisherigem Mentor Michael Raynor (Christopher Lee), einem willfährigen Diener des Höllenfürsten Astaroth…

Diese letzte Hammer-Kino-Produktion, bevor das Studio sich für längere Zeit dem Fernsehgeschäft zuwandte und erst mit dem 2011 veröffentlichten „The Resident“ wieder die Leinwände beehrte, hatte es unglücklicherweise nie ganz leicht. Obwohl formidabel besetzt und um einen zeitgenössisch angemessen Genretopos um Satanistenkult und Wechselbälger herumgesponnen, lassen sich heuer noch immer Stimmen vernehmen, die dem legendären Studio angesichts der angeblich sinkenden Qualität von Werken wie vor allem „To The Devil A Daughter“ seinen Schwanengesang völlig begründet in Rechnung stellen. Als Quasi-Nachfolger von „The Devil Rides Out“, dessen Vorlage ebenfalls auf den Black-Magic-Zyklus des Romanciers Dennis Wheatley zurückgeht, sollte Sykes‘ Film ursprünglich das bislang eben sehr dürftig bepflügte Okkultismusfeld der Hammer ausweiten, doch etliche Beteiligte hassten den Film gleich bei seiner Premiere. Co-Autor Christopher Wicking bezeichnete das Endresultat als Katastrophe, Hammer-Kreativkopf Michael Carreras, der gern ein alternatives Ende nachgeschoben hätte, bescheinigte ihm Kopflosigkeit. Zudem erregt das skandalträchtige Finale, in dem die damals erst vierzehnjährige Kinski in einer kurzen Einstellung völlig nackt zu sehen ist, offenbar noch immer diesbezüglich sensible Gemüter, was zumindest die verhaltene Editionshistorie des Films hierzulande miterklären könnte. Dabei macht Sykes mit dem ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen einen völlig gediegenen Job. Der Film nimmt sich und seine Geschichte angenehm ernst; Widmark und Lee geben ein großartiges Antagonistenpaar ab, das in seinen jeweiligen Rollen bestens gedeiht und selbst im unübersichtlichen Genresegment der vielen thematisch anverwandten Werke dieser Ära sticht „To The Devil A Daughter“ als atmosphärisch ansprechender Vertreter hervor.
Was somit durchaus richtungsweisend hätte sein mögen, erhielt somit leider den unberechtigten Ruch der künstlerischen Bankrotterklärung. Bleibt zu hoffen, dass dieser wirklich schöne Film irgendwann noch einmal seine verdiente, komplette Rehabilitierung erlebt.

8/10

SKY RIDERS

„Freedom is expensive, Carl. You oughtta know that.“

Sky Riders (Auf der Fährte des Adlers) ~ USA 1976
Directed By: Douglas Hickox

Ellen (Susannah York), die Frau, sowie die beiden Kinder (Simon Harrison, Stephany Mathhews) des US-Magnaten Jonas Bracken (Robert Culp) werden aus dessen Villa bei Athen entführt. Die Urheber, eine antiimperialistische Terrorgruppe, fordern von Bracken ein Millionenkontigent an Waffen für ihre revolutionäre Sache. Während der ermittelnde Inspektor Nikolidis (Charles Aznavour) den Ganoven unbedingt mit großem Getöse den Garaus machen will, geht Ellens sich einschaltender Ex-Mann, der Abenteurer Jim McCabe (James Coburn), die Sache sehr viel subtiler an: da die Entführer sich in einem Bergkloster verstecken, hat McCabe die Idee, sie mithilfe von Drachengleitern zu infiltrieren…

Es erfordert schon eine verdammt hohe Menge an good will, wenn man „Sky Riders“ seine kunterbunte Kriminalgeschichte, die eigentlich nur dazu dient, Drachenflieger bei waghalsigen Manövern zun zeigen, abnehmen möchte. Im Prinzip ist der gesamte Kidnapping-Plot ein einziger, großer MacGuffin, um überhaupt ein mageres Handlungsgerüst auf die Beine stellen zu können. Vielmehr sollte man sich an dem hübschen Schauplatz Griechenlands erfreuen (Meteora, die Berglandschaft mit dem hochgelegenen Kloster, in dem sich der ein Drittel der Spielzeit ausmachende Showdown abspielt, diente ein paar Jahre später auch als Finalkulisse für den Bond-Film „For Your Eyes Only“) sowie der illustren Besetzung. Obwohl ich den gern so breit grinsenden Coburn sehr liebe, ist „Sky Riders“ abermals ein Beweis dafür, warum er es, anders als etwa seine früheren „Magnificent Seven“-Mitstreiter Charles Bronson und Steve McQueen, oder auch der ebenfalls jener Schauspieler-Generation entstammende Clint Eastwood, nie zu einem wirklich führenden Actionstar gebracht hat: Coburns Rollenwahl war häufig unglücklich, wenn es um eine Ikonisierung seiner Darsteller-Persona ging; er selbst war – mit Ausnahme seiner beiden Peckinpah-Parts vielleicht – eigentlich stets deutlich prägnanter als seine Filme und deren Regisseure.
„Sky Riders“ ist ein zumindest rein technisch betrachtet versiertes, kleines Stück Siebziger-Actionkino, dessen reichlich bizarres Figurenpotpourri seinen „Höhepunkt“ im Engagement der Drachenfliegertruppe unter John Beck erlebt, die sich von einer lustigen Kunstfliegertruppe urplötzlich in ein beinhartes Kommandounternehmen verwandelt. Overall schon reichlich merkwürdig, aber guterweise auch hübsch kurzweilig.

6/10

MILANO VIOLENTA

Zitat entfällt.

Milano Violenta (Die letzte Rechnung schreibt der Tod) ~ I 1976
Directed By: Mario Caiano

Der als bombensicher geplante Überfall eines Gangsterquartetts auf das Lohnbüro einer Mailänder Firma läuft keineswegs so reibungslos ab wie avisiert: Während des Coups erscheint flugs die Polizei; die Ganoven müssen voneinander getrennt fliehen. Während Walter (Vittorio Mezzogiorno) und Tropea (Biagio Pelligra) mit der Beute fliehen und sich verstecken können, sind Raul (Claudio Cassinelli) und Fausto (John Steiner) gezwungen, eine Geisel mitzunehmen. Während Fausto durchdreht und das Zeitliche segnet, versucht Raul, den Aufenthaltsort seiner Kumpanen und somit den des Geldes herauszubekommen, doch Walter und Tropea sind überhaupt nicht mehr daran interessiert, mit ihm zu teilen. Hinzu kommt, dass die beiden Polizisten Foschi (Elio Zamuto) und Tucci (Salvatore Puntillo) Raul dicht auf den Fersen sind…

Ein klein wenig an den seligen Heinz Klett erinnert Claudio Cassinelli als Raul Montalbani in diesem italienischen Genrestück, da auch in seiner Divergenz als halber Poliziottesco und halber Gangsterfilm noch eine gute Figur macht. Rolf Olsens „Blutiger Freitag“ lässt hier nicht allein seiner bloßen Provenienz wegen grüßen und ebensowenig, weil Cassinelli mit demselben Synchronsprecher wie ehedem Raimund Harmstorf, nämlich Klaus Kindler, ausgestattet ist. Vielmehr sind beide Filme Brüder im Geiste, berichten von einem zunehmend in die Enge getriebenen Ganoven, der in wachsender Bedrängnis immer tollwütiger wird, bis nurmehr eine Überzahl an Feuerwaffen ihn aufzuhalten vermag. Dabei ist Raul Montalban gar nicht mal der Böseste unter den Bösen in „Milano Violenta“; sein vormaliger Kompagnon Walter entwickelt nach der Zwangsabnabelung des kriminellen Mastermind Raul ein immer fortschreitenderes Gier- und Gewaltpotenzial, das ihn gegen Ende noch zu einem finalen Duell gegen den bereits totgeglaubten Ex-Partner führt. Was „Milano Violenta“ dann aber vom blutigen Freitag unterscheidet, ist neben einer sich ernstlich gestaltenden Romanze des Haupthalunken die im italienischen Sleazethriller der Siebziger gewohnheitsmäßig anberaumte Präsenz des beschirmten Rechtsauges, hier repräsentiert durch zwei sympathische poliziotti, die ausnahmsweise mal nicht den kernbeißerischen Gestus eines Maurizio Merli oder Luc Merenda teilen, sondern vergleichsweise geerdet daherkommen und sich daher als narrative Stichwortgeber gut einpflegen.
Ganz phantastisch im Übrigen der Score von Gianfranco Plenizio mit hohem Ohrwurmcharakter. Kann man alles so im Komplettpaket mitnehmen.

8/10

THE LAST HARD MEN

„I’m not dead. I’m retired.“

The Last Hard Men (Der Letzte der harten Männer) ~ USA 1976
Directed By: Andrew V. McLaglen

Der in Yuma einsitzende Mestize Zach Provo (James Coburn)  macht den retirierten Ranger Sam Burgade (Charlton Heston) für den Tod seiner Frau verantwortlich und sinnt auf Rache. Gemeinsam mit fünf Mitinsassen gelingt Provo eines Tages die Flucht aus dem Strafvollzug und er beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel mit dem zwar älter gewordenen, aber keinesfalls zum alten Eisen gehörenden Burgade. Als Provo dessen Tochter Susan (Barbara Hershey) entführt und sie ins Indianerreservat verschleppt, setzt Burgade alles daran, ihm und seiner Gang endgültig den Garaus zu machen.

Nach einer ganzen Reihe von Western mit den Altstars John Wayne und James Stewart, die man wohl gemeinhin als eher beschaulich und „old fashioned“ bezeichnen kann, stellte sich auch Ford-Eleve Andrew V. McLaglen den Zeichen der Zeit, holte den Knüppel aus dem Sack und begab sich auf die Spuren Peckinpahs, indem er mit Unterstützung des entsprechenden Schauspielpersonals einen harten Spätwestern inszenierte, worin sich die Einschüsse blutig und das Sterben unschön gestalten. McLaglens vormaliges Faible für charmante, alte Raubeine, die vor romantischem Ambiente ihre letzten großen Einsätze vollziehen, weicht nunmehr einer höchst pessimistisch geprägten Endzeitstimmung, die sich weniger in einer tristen Bildsprache (Duke Callaghans Kamera weist vielmehr einen klaren, wohlbeleuchteten Strich auf), denn in einem recht zynisch eingefassten, omnipräsenten Nihilismus äußert – es geht um aus ihrer Zeit gefallene, grau gewordene gunslinger, die die Zeichen der Moderne, Automobile und Telefonleitungen, mit dem Blei und der mittlerweile zum Atavismus gewordenen Brutalität ihrer Tage kommentieren. Das Duell zwischen dem unbehauenen Analphabeten Provo und dem von seinen Nachfolgern geflissentlich belächelten Burgade ist nicht nur ein persönliches Geschäft, sondern zugleich ein Abgesang auf ihre eigene Generation, der am Ende keinen Sieger kennt. McLaglen hatte unterdessen gewiss ein paar italienische Genrevertreter gesehen und  auch die dazugehörigen Repliken seiner hauseigenen Berufsgenossen – jedenfalls lässt es sich als einigermaßen bezeichnend erachten, dass „The Last Hard Men“ sein letzter von insgesamt fünfzehn Kinowestern sein sollte, dem gattungsbezogen lediglich noch ein paar TV-Produktionen nachfolgten. Auch für einen relativen Spätzünder wie Andrew V. McLaglen war die Zeit gekommen, sich „zivilisierten“ Dingen zuzuwenden, die sich in seinem Falle vor allem als Abenteuer- und Kriegsfilme äußerten – vornehmlich natürlich mit alten Raubeinen auf ihren letzten Missionen.

8/10

ITALIA A MANO ARMATA

Zitat entfällt.

Italia A Mano Armata (Cop Hunter) ~ I 1976
Directed By: Marino Girolami

Commissario Betti (Maurizio Merli) von der römischen Mordkommission sieht sich wie üblich mit einer Welle des Verbrechens konfrontiert, die von Albertelli (John Saxon), dem großen Boss im Hintergrund, geplant und koordiniert wird. Vor allem Banküberfälle mit Scheingeiselnahmen gehören zum Konzept seiner Gang. Dennoch bleiben Albertellis Hände stets blütenrein, so dass Betti, der genau Bescheid weiß, dem großen Hai nichts nachweisen kann. Als in Albertellis Auftrag eine Gruppe von Schulkindern entführt wird, eine Aktion, bei der ein kleiner Junge serben muss, ist Betti sowohl sich als auch Luisa (Mirella D’Angelo), der Schwester des Jungen, schuldig, Albertelli endgültig dingfest zu machen.

Nach Marino Girolamis „Roma Violenta“ und Umberto Lenzis „Napoli Violenta“ nahm abermals Signore Girolami das Heft zur Hand und inszenierte mit „Italia A Mano Armata“ den letzten Teil der binnen rund einem Jahr entstandenen Trilogie um das römische Callahan-Pendant Betti, einem Typen, der gern dazu neigt, weniger auf das hoffnungslos korrumpierte System, denn auf die eigene Schlagkraft und Rechtsprechung zu setzen. Ursprünglich war Merli als Franco-Nero-Substitut engagiert worden und „Roma Violenta“ als nachgeschobener Profiteur zu Enzo Castellaris höchst erfolgreichem „La Polizia Incrimina La Legge Assolve“ gedacht, der dem Poliziottesco seinerseits erst das rechte Maß an explosivem Zunder verliehen hatte. Bei Girolami und Merli wurde dann der Exploitationfaktor nochmal zünftig angeschraubt, die Schurken wesentlich roher und unmenschlicher und die Gewaltszenen intensiver, womit die Gattung dann ihre eigentliche, finale Form zuteil wurde, die dann neben Merli, dem ungekrönten König des Poliziottesco, noch weitere Protagonisten in Luc Merenda, Henry Silva oder Marcell Bozzuffi hervorbrachte. Ob Merli sich nun Betti, Tanzi oder Ferro nannte; er spielte im Prinzip die immerselbe Figur vor dem immerselben Konzept. Manchmal, wie auch in „Italio A Mano Armata“, musste seine Figur dann am Ende noch urplötzlich als großer Verlierer gegen die allumfassende Systemfäule dann doch noch überraschend den Löffel abgeben (auch das nach Nero-Vorbild) und der Zuschauer mit einem gehörigen Schreck das Kino verlassen.
So wenig vielgestaltig wie seine insgesamt elf Polizeifilme ist auch deren ihnen immanente Qualitätsspanne; wenn man sich einen Merli vornimmt, dann weiß man in der Regel, was man zu erwarten hat. Das kommt einem mustergültigen Gütesiegel gleich, auf das man zählen kann und das keinen, der einmal seine Freude daran gefunden hat, je wirklich enttäuschen dürfte. „Italio A Amano Armata“ ist mit sorgsam verteilten, kernigen Actionszenen und etablierten Mustern nun weder der beste noch der schwächste Beitrag zu diesem insgesamt sehr schönen Zyklus. Man fühlt sich zu Hause in ihm und das ist gut.

7/10