TARGET

  „A long time ago I worked for the CIA.“ – „Did you kill people?“

Target ~ USA 1985
Directed By: Arthur Penn

Als Donna (Gayle Hunnicutt), die Frau des Holzunternehmers Walter Lloyd (Gene Hackman) während eines Europatrips in Paris gekidnappt wird, reisen er und sein entsetzter Sohn Chris (Matt Dillon) unverzüglich auf den alten Kontinent, um vor Ort mehr über die Entführung zu erfahren. Im Zuge der aufregenden Reise muss Chris auf schonungslose Weise erfahren, dass die Biographie seiner Familie gefälscht und eine Lüge ist: Sein Dad war vor Jahren CIA-Agent, der sich seiner jungen Familie zurliebe zur Ruhe gesetzt und eine neue Identität angenommen hat. Jetzt will ihn offenbar jemand von der Gegenseite aus dem Weg haben, der noch eine alte Rechnung mit Walter, der eigentlich Duke Potter heißt, offen hat. Doch die Dinge sind nicht, wie sie scheinen; es gibt noch einen unbekannten Strippenzieher im Hintergrund.

„Target“ ist ein Vorzeigebeispiel für den künstlerischen Identitätsverlust, den zahlreiche Filmemacher der Ära New Hollywood durchleben mussten, nachdem die Studios sich wieder gefangen und den Blockbuster für sich entdeckt hatten. Arthur Penn, ohnehin ein vergleichsweise gealterter Protagonist der Bewegung und ohnehin von Haus aus spärlicher Arbeiter, hatte in den zehn Jahren zuvor lediglich drei Filme inszeniert, sollte sich bald dem Fernsehen zuwenden und dann ganz aus dem Geschäft zurückzuziehen. Wenngleich „Target“, seine dritte Zusammenarbeit mit Gene Hackman, jedem routinierten Genreregisseur zur Zierde gereichte, spürt man kaum mehr, hier der Arbeit eines Mannes ansichtig zu sein, der mit „Bonnie & Clyde“ oder „Little Big Man“ hinter eminenten Hauptwerken der gesamten amerikanischen Kinohistorie steht. „Target“ ist ein in seinem Timbre überdeutlich von seinen (mitteleuropäischen) Schauplätzen beeinflusster Cold-War-Thriller, dessen anfangs etwas verworren anmutender Plot sich irgendwann zu einer recht trivialen Auflösung vorarbeitet und den eigentlich doch so hübsch konfliktträchtigen, dramaturgisch vielversprechenden Vater-Sohn-Subplot irgendwann einfach beiseite drängt. Auf der Haben-Seite wären natürlich Hackman, der ja sowieso jeden Film bereits durch seine bloße Anwesenheit aus dem Mittelmaß katapultiert zu nennen, sowie eine ziemlich tolle Verfolgungsjagd  am Hamburger Hafen; Speicherstadt und Landungsbrücken inklusiv. Einen dialoglosen Miniauftritt  gönnte man übrigens noch Krauskopf Werner Pochath, der als Adlatus des (vermeintlichen) Bösewichts (Rollenbezeichnung: „Young Agent“) eine etwas obskure Rolle zu bekleiden hat. Immerhin ein erfrischender Lichtblick zwischendrin, während man gerade mal wieder dabei ist, erfolglos nach dem alten, inspirierteren Penn zu fahnden.

7/10

DIE KÜKEN KOMMEN

„Null gleich null!“

Die Küken kommen ~ BRD 1985
Directed By: Eckhart Schmidt

Der Wehrdienst ist passé, ab heute kann die Bundeswehr sie mal: Sechs Freunde, der ewig renitente Anarcho Kid (Max Tidof), der ruhige, noch im Jungfrauenstatus befindliche Thomas (Frank Meyer-Brockmann), der vor keiner flotten Biene sichere Casanova Baby (Mark Altner), der vom Militär hirnverätzte Bulle Bund (Andreas Jung), der Opernfan Tristan (Joachim Bernhard) und der verfressene Brummi (Hans Schödel) sind raus aus der Uniformitätsmühle und wollen an ihrem ersten Tag in Freiheit München unsicher machen. Dummeweise hat Bulle sämtliche Freundinnen der Herren von den gemeinsamen Plänen in Kenntnis gesetzt, so dass es ersteinmal gilt, die treudoofen Damen abzuhängen. Am Bahnhof verliebt sich Thomas sogleich in die niedliche Florence (Christine Röthig), die just heute ihren ersten Tag als Mietdame im Puff „1001 Nacht“ begehen soll. Viel Stress für unser Sextett, zumal plötzlich ihr Herr Major (Ludwig Haas) im Bordell aufkreuzt…

Dass Anouschka Renzi, als Max Tidofs Freundin zu sehen, als 20-jährige noch erfrischend human und ein nettes Mädchen war, ohne jedwede Botoxbehandlungen und monströse Kunstzüge, hat mich an „Die Küken kommen“ sicherlich am prägnantesten überrascht. Ansonsten führt Eckhart Schmidts Versuch, eine mit den klamaukigen Disco- und Sexkomödien der produzierenden Lisa-Film aus den Spätsiebzigern und Frühachtzigern kompatible Kommisskomödie zu kredenzen, zunächst geradewegs ins irrgewaltige Nirwana der Ratlosigkeit. Tatsächlich ist „Die Küken kommen“ nicht nur zu keiner Sekunde auch nur annähernd witzig oder auch bloß geringfügig komisch, es nimmt sich auch noch nachgerade anstrengend aus, ihn von Anfang bis Ende und somit komplett durchzuhalten. Schmidts Plan, so es denn überhaupt jemals einen gegeben hat, lässt sich nicht im Ansatz nachvollziehen. Der Soundtrack liefert eine repräsentative Zusammenstellung von ganzen 16 zeitgenössischen Popsongs, darunter diverse ernsthafte Verbrechen an Kunst und Geschmack. Angeschimmelte Reste von Euro- und Italopop finden sich da neben ersten Gehversuchen von Stock/Aitken/Waterman und der artifiziellen Blaupausen-Kirmesmusik von Dieter Bohlen, „Cheri, Cheri Lady“ inbegriffen; schließlich das fürchterliche, notorische „Shanghai“ von Lee Marrow, das mantragleich immer wieder eingespielt wird. Genau ein angenehmes Stück ist dabei, nämlich Phil Carmens „On My Way In L.A.“. Irgendwo lässt Schmidt zwischen all dieser kognitiven und akustischen Konfusion die sympathische, wenngleich etwas einfältige Botschaft hervorschimmern, dass die Autoritäten von Armee, Bund und Bullerei grundsätzlich scheiße und was für graue Gemütszombies sind, die das selbstständige Denken grundsätzlich lieber anderen überlassen. Ein wenig Coming-of-Age-Thematik lässt sich erahnen, immerhin verliert der bislang ehern gebliebene Thomas nach hartem Kampf um seine Angebetete endlich seine Jungfräulichkeit, ansonsten fragt man sich jedoch nahezu permanent, welch defekter mentaler Backautomat einen Film wie diesen hervorbringen mag. Und doch, er hat was. Genau nämlich diese Kratzbürstigkeit, die untalentiert wirkenden Darsteller und vielleicht sogar eine (allerdings bestenfalls erahnbare, vielleicht einem interpretatorischen Wunschkonstrukt entspringende) Anklage an die Bildungsferne und Oberflächlichkeit einer Generation, deren Horizont bei der Buchstabierung des Wortes „Disco“ endet. Tatsächlich verschließt auteur Schmidt, der hier unter dem schönen Pseudonym „Raoul Sternberg“ firmierte, sich fast zur Gänze den üblichen, schlüpfrigen Lisa-Mechanismen, wie man sie von deren Masterminds Karl Spiehs und Otto W. Retzer gewohnt ist und kredenzt stattdessen so etwas wie eine vorsätzlich als solche arrangierte Antikomödie, nebst bombig passendem Kinoplakat von TKKG-Covergestalter Reiner Stolte.
Sibylle Rauch und Isa Haller sind noch zu sehen als Profesionelle. Auch das repräsentiert gewissermaßen recht hübsch den sich just vollziehenden, dräuenden Lisa-Niedergang, den dann erst „Ein Schloss am Wörthersee“ wieder auffing.

5/10

IDI I SMOTRI

Zitat entfällt.

Idi I Smotri (Komm und sieh) ~ CCCP 1985
Directed By: Elem Klimov

Weißrussland 1943. SS, SD und einheimische Kollaborateure überziehen das Land mit ethnischen Säuberungen, lediglich versprengte Partisanengruppen leisten ihnen verzweifelten Widerstand.
Nachdem er beim Spielen ein Gewehr gefunden hat, schließt sich der etwa fünfzehnjährige Florya Gaishun (Aleksey Kravchenko) einer Miliz an und zieht mit ihr in die Wälder. Nach einem Angriff durch deutsche Fallschirmspringer flüchtet sich der Junge gemeinsam mit der hübschen Glasha (Olga Mironova), der Geliebten des Partisanenchefs Kosach (Liubomiras Laucevicius), ins Dickicht. Der Weg zurück zu seinem Heimatdorf endet mit einem Schock. Die Deutschen haben etliche der Bewohner ermordet, darunter auch Floryas Familie.
Auf der Suche nach Nahrung kommt Florya gegen Abend in die Nähe des Dorfes Perekhody, das schon am nächsten Morgen von einem deutschen Bataillon heimgesucht wird. Unter gewaltigem Gejohle pferchen die Soldaten die angsterfüllten Menschen, vornehmlich Greise, Kinder und Jugendliche, in die Kirche und stecken sie in Brand. Florya überlebt das Massaker nur infolge eines grausigen Zufalls. Derangiert von seinen Eindrücken begegnet Florya zunächst einem entsetzlich zugerichteten, vergewaltigen Mädchen und dann Kosach und seinen Männern, die die Führungsspitze der Deutschen in ihrer Gewalt haben. Nachdem sie exekutiert wurden, entdeckt Floria in einem naheliegenden Tümpel ein propagandistisches Hitler-Porträt, das er mit seinem wiedergefundenen und notdüftig reparierten Gewehr zerschießt.

„Idi I Smotri“, noch unter sowjetischer Ägide entstanden, hat sich mittlerweile ein berechtigtes internationales Renommee als einer der bedeutendsten Kriegsfilme überhaupt erarbeitet. Von den mit spektakulärem Glanz und Gloria inszenierten Materialschlachten dessen, was das filmische Massenverständnis üblicherweise mit dem Genre zu assoziieren pflegt, bleibt in den kargen Einstellungen Klimovs nichts übrig. In groben, ausgewaschenen Vollbildern fängt Klimov die unwirtliche Landschaft ein, fernab jedweder oberflächlichen Schönheit und fast ohne Totalen. Floryas Gesicht und wie es sich angesichts seiner Erlebnisse verändert hingegen wird per langer, schmerzerfüllter Close-ups zum Zentrum der Kadrage und zum visuellen Hauptmotiv. Aus dem fröhlichen Kind, das den unmittelbar vor der Haustür befindlichen Krieg wie viele Jungen seines Alters als Abenteuerspiel wähnt, wird im Laufe der nächsten paar Tage ein desillusionierter, verzweifelter Mann. Der Ekel und das Entsetzen über all das, wozu Menschen fähig sind, gräbt sich in seine Züge wie die Spuren eines Brandeisens. Von dem naiven Florya von vor einer Woche ist nichts mehr übrig.Mit Ausnahme der Tatsache, dass er sein nacktes irdisches Leben noch behalten hat, ist er an Geist und Seele so verstümmelt wie die verbrannten Körper der Ermordeten, die unter den Trümmern der kleinen Kirche von Perekhody vor sich hindampfen.
„Idi I Smotri“ ist voll von gnadenlosen, unvergesslichen Bildern und Eindrücken. Am nachhaltigsten empfand ich Floryas Konfrontation mit dem gerahmten Hitler-Bild, auf dem in kyrillischer Schrift ‚Hitler – Der Befreier‘ steht. Parallel zu jedem Schuss, den er wutentbrannt auf das Porträt des tatsächlich doch unerreichbaren Monsters aus dem Westen abgibt, lässt Klimov authentische Bilder und Filmaufnahmen von Hitlers militärischem und politischem Werdegang per rückwärtigem Zeitraffer laufen. Der verzweifelte Junge versucht, die auf diesen einen Mann zurückgehenden Grausamkeiten und Schrecken aus seinem Gedächtnis und dem der ganzen Welt zu tilgen, sie schlicht ungeschehen zu machen; ein verzweifelter Versuch der persönlichen und globalen Radikaltherapie, das letzte Aufbäumen des Restkindes in Florya. Am Ende, Florya hat die letzte Patrone noch im Lauf, erscheint ein (montiertes) Foto, das Hitler als Kleinkind im Arm seiner Mutter zeigt. Da ist sie, geschält und gepellt, die buchstäbliche „Banalität des Bösen“. Selbst der inkarnierte Satan hat den Beginn seines Lebens dereinst in reiner Unschuld beschritten, so schwer zu akzeptieren dies fällt. Zeigt der Film schon in der Szene zuvor den gefangen genommenen SD-Beamten als kriechenden Feigling, der nach seinen Gräueltaten die eigene Haut herauszureden versucht mit der erbärmlichen Ausflucht, er persönlich habe nie auch nur einer Fliege etwas zu leide getan (derweil sein SS-Pendant unbeirrt zu seinem antisemitischen Fanatismus steht), entdiabolisiert (und, noch wichtiger: entmystifiziert) er mit der Reduktion Hitlers auf sein noch gänzlich unschuldiges, kindliches Selbst den Massenschlächter. Am Ende bleibt die Welt wie sie ist, respektive wie sie war nebst all ihrer bodenlosen Unfairness. Klimov überlässt seinem Publikum, was es daraus macht.

10/10

INSTANT JUSTICE

„I’m an American, but I don’t wave the flag.“ – „Yeah? Well, I do!“

Instant Justice (Madrid Connection) ~ USA 1986
Directed By: Craig T. Rumar

Der hochdekorierte Marine-Sergeant Scott Youngblood (Michael Paré) erledigt Aufträge in aller Welt. Gegenwärtig ist er als Leibwächter eines hohen Diplomaten bei Paris im Einsatz. Bevor er nach getaner Aufgabe weiter nach Japan reist, will er sich noch mit seiner in Madrid lebenden Schwester Kim (Lynda Bridges) treffen. Ein verdächtiges Telefonat mit ihr bewegt ihn, umgehend nach Spanien zu fliegen, wo er nur noch von Kims Tod erfährt. Offenbar hat sie dort als Escort-Girl gearbeitet und mit harten Drogen zu tun gehabt, bevor man sie ermordete. Die hiesige Polizei geht derweil von einem ordinären Unfall aus. Wutentbrannt quittiert Scott den Militärdienst und macht sich mithilfe des Kleinganoven Jake (Peter Crook) und Kims Freundin und Kollegin Virginia (Tawny Kitaen) daran, die Urheber der Ermordung seiner geliebten Schwester auf eigene Faust hochzunehmen.

Recht stromlinienförmig arrangierte Achtziger-Action, weder besonders clever, noch unter Aufwändung bemerkenswerter Ausreißer entstanden. Hauptdarsteller Michael Paré, damals noch als potenzieller Genrestar gehandelt, versandete bald darauf zwar im Wust der DTV-Produktionen, war jedoch zumindest permanent beschäftigt, hat sich, im Gegensatz etwa zu bemitleidenswerten Zeitgenossen wie Jan-Michael Vincent, bei Statur und Gesundheit gehalten und darf heute hier und da Gastauftritte als personifizierte Reminiszenz an glorreichere Kinotage absolvieren. Paré, der sich mit Walter Hills „Streets Of Fire“, von dem mal hier nebenbei mal eine Revision fällig ist, immerhin ein veritables Denkmal gesetzt hat, war anno drölfundachtzig ein sympathischer, jedoch kein sonderlich charismatischer Held. Dafür, dass es ihm nicht zur Gänze gelingen wollte, einen kompletten Film solitär auf den breiten Schultern zu tragen, ist „Instant Justice“ ein recht luzides Beispiel. Die Art, wie Scott Youngblood als hündisches Militärhampelmännchen Uncle Sams zu salutieren und strammzustehen pflegt, verrät bereits, dass er kein sonderlich heller Zeitgenosse ist, obschon er später seine Lieblingswaffe aus der Botschaft klauen muss. Als privater Ermittler ist Youngblood eine absolute Null und wäre ohne die Mithilfe seiner deutlich gescheiteren und besonnener agierenden Zufallsfreunde völlig aufgeschmissen. Das Script tut der Charakterisierung des Protagonisten also keinen sonderlichen Gefallen, es sei denn, man interpretiert es als verschmitzte Militarismuskritik. Dafür ist „Instant Justice“ dann insgesamt betrachtet allerdings wieder nicht elegant und intelligent genug. Immerhin geben Paré und Kitaen, zwei absolute Oberflächenmenschen, die auf jedem zeitgenössischen Magazincover super aufgehoben waren, ein bestens zueinander passendes Paar ab. Und ganz witzig ist „Instant Justice“, in totum beleuchtet, schon durchaus auch. Allerdings eben nicht immer freiwillig.

5/10

FLIGHT INTO HELL

„Excuse me, but I don’t know you. I want you to go.“

Flight Into Hell (Flug in die Hölle) ~ BRD/AU 1985
Directed By: Gordon Flemyng

Surabaya, 1932: Der junge deutsche Pilot Hans Bertram (Helmut Zierl) und sein Mechaniker Adolf Klausmann (Werner Stocker) sollen im persönlichen Auftrage Chiang Kai-sheks wohlhabende chinesische Geschäftsleute im Ausland dazu bewegen, als Sponsoren für die geplante staatliche Luftfahrt zu fungieren. Der nächste Trip geht nach Australien. Für den Sechs-Stunden-Flug über die Timorsee wählt Bertram die Nachtzeit, um pünktlich zum Frühstück in Darwin anzukommen. Eine dichte Nebelbank zwingt Betram und Klausmann jedoch zum zwischenzeitlichen Blindflug und treibt sie weit vom Kurs ab. Sie landen, ohne es zu ahnen, an der menschenleeren Wyndham-Küste, während Bertram glaubt, dass sie sich auf der nördlich gelegenen Insel Melville befänden. Entsprechend zwecklos verlaufen ihre folgenden Versuche, auf Menschen oder Ansiedlungen zu stoßen. Währenddessen starten ein von der Journalistin Kate Webber (Anne Tenney) couragierter Lokalpolizist (Gerard Kennedy) und mehrere Missionare eine verzweifelte Suchaktion. Kurz vor dem Verdurstungstod nach über 30 Tagen in der Einöde entdeckt ein fischender Aborigine die beiden geschwächten Männer in ihrer Strandhöhle und rettet ihnen das Leben.

Menschen meiner Generation werden bestätigen können, wie prägend einzelne, spezifische TV-Erlebnisse während unserer Kindheit und Frühjugend waren und welchen manchmal geradezu magisch anmutenden Nachhall sie in unserer weiteren Biographie hinterließen. Einen Teil dazu beitragen wird sicherlich die wesentlich selektivere, begrenztere Art des damaligen Fernsehens, wo heutige 9, 10-jährige sich in dreißig Jahren vermutlich nurmehr an einen formlosen Wust inhaltsloser, bunter Farben und Blitzmontagen erinnern werden. Aber ich wollte ja gar keinen Kulturpessimismus betreiben.
„Flug in die Hölle“ wurde im Januar/Februar 1986 in sechs etwa fünfzigminütigen Folgen erstausgestrahlt, die ich allesamt fieberhaft gemeinsam mit meinem Opa angeschaut habe. Welchen tiefen Eindruck die Bilder und auch Klaus Doldingers wunderbare Musik bei mir hinterlassen haben, konnte ich jetzt, nach dem über dreißig Jahre auf sich warten lassenden Wiedersehen, feststellen: Etliche Details der Miniserie klebten immer noch fest in mir. Die Wiedergabe der authentischen Ereignisse fußt auf einem Tatsachenbericht des Luftfahrtpioniers Hans Bertram, der mehrere Erst- und Rekordflüge unternahm und der jene viereinhalb Wochen in tropischer Hitze und fast vollständig ohne feste Nahrung durchlitten hatte. Im Gegensatz zu seinem an einem Nervenzusammenbruch leidenden und zwischenzeitlich amnesischen Kopiloten Klausmann verlor Bertram auch nie das Interesse an der Fliegerei und blieb sein Leben lang bei diesem Leisten. Dass die spätere Biographie Bertrams auch Schattenseiten aufwies – er wurde nur zwei Jahre nach den Ereignissen in Australien und zurück in Deutschland Mitglied der SA und arbeitete im Auftrage Goebbels‘ als Drehbuchautor und Filmregisseur für die unter den Nazis verstaatlichte UFA, bis er 1942 aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen wurde, weil er Parteinahme für den der „Jüdischstämmigkeit“ verdächtigen Schauspielers Harry Baur ergriff – ist vielleicht für ein umfassenderes Verständnis seiner Person ganz interessant, spielt für die Rezeption von „Flight Into Hell“ jedoch keinerlei Rolle. Stattdessen lässt sich das Ganze kompakt als fünfstündiges Spielfilmstück genießen, das durch die großzügige Erzählzeit hinreichend Gelegenheit hat, nicht nur den Leidensweg Betrams und Klausmanns (vor allem der leider allzu früh verstorbene Stocker vollzieht hier ein Bravourstück) höchst empathisch nachzuzeichnen, sondern auch die immer globaler werdenden, politischen Begleitumstände der Suche nach dem Duo detailliert auszubreiten. Eine grandios zupackende, spannende Abenteuergeschichte erwuchs unter der unauffälligen Inszenierung des Briten Femyng daraus, heute noch genauso sehenswert wie vor drei Jahrzehnten und höchstens durch kleinere technische Lässlichkeiten minimalst anachronistisch wirkend.

9/10

 

RED HEAT

„Nobody fucks with Sophia!“

Red Heat ~ BRD/USA 1985
Directed By: Robert Collector

Ein Besuch bei ihrem Verlobten, dem in Süddeutschland stationierten G.I. Mike (William Ostrander), wird der jungen Amerikanerin Christine Carlson (Linda Blair) zum Verhängnis: Rein zufällig wird sie Zeugin der Gefangennahme der in den Westen geflohenen DDR-Biochemikerin Hedda Kleemann (Sue Kiel), wobei man Christine für ihre Komplizin hält. Nach einem Folterverhör durch die Stasi gesteht Christine fälschlich, eine CIA-Agentin zu sein und erhält dafür eine dreijährige Zuchthausstrafe. Das zuständige Gefängnis wird mitnichten von dessen nomineller Chefin Einbeck (Elisabeth Volkmann) geführt, sondern von der sadistischen Insassin Sofia (Sylvia Kristel), die sich die eigentliche Leiterin sexuell hörig gemacht hat. Christine beginnt bald, erheblich unter der Dauerschikane von Sofia und ihrem Tross zu leiden, die selbst vor Gewaltigung nicht zurückschrecken. Derweil bereitet Mike eine Geheimmission vor, um Christine aus ihrer furchtbaren Lage zu befreien.

Niemand Geringerer als der ehrwürdige, ungekrönte Billig-Zar Ernst Ritter von Theumer zeichnete für die Produktion dieses in amerikanischer Kooperation entstandenen Vertreters des Frauenknastfilms verantwortlich – eines ehedem nur allzu leidenschaftlich  verfemten, diskreditierten Stiefkinds der seriösen Filmkritik und zudem einer reichhaltig bedienten Sparte des Exploitationkinos. Für „Red Heat“, den von Theumer inoffiziell zu Teilen mitinszenierte, wagte man sich zudem auf das seinerzeit beliebte Terrain des trivialisierten Agitprop, in dem die Staaten jenseits des Eisernen Vorhangs als gigantische, politische und infrastrukturelle Geisterbahnen denunziert wurden. Was dies anbelangt, zieht „Red Heat“ nachgerade sämtliche Trümpfe: Linda Blairs Filmfigur büßt spätestens ab dem Moment sämtliche Bürger- und Menschenrechte ein, als sie, noch auf der Westseite der geteilten Republik, völlig unverschuldet der Willkür der Stasi zum Opfer fällt. Sie ist bloß zur falschen Zeit am falschen Platz, unterschreibt später ein forciertes Geständnis unter falschen Versprechungen nebst Schlafentzugsfolter und muss im Gegenzug für drei Jahre (später, nachdem sie sich an einem Aufstand gegen ihre Erzfeindin beteiligt, werden daraus ganz schnell sechs) gesiebte ostdeutsche Luft atmen. Dass hier ausgerechnet die höchst abseitig veranlagte Sylvia Kristel, mittlerweile bar jedweder „Emmanuelle“-Erotik, das Regiment führt, macht die ganze Situation nicht eben angenehmer.
Trotz der nach buntem Schund klingenden Prämisse muss man „Red Heat“ zugestehen, dass er seine eigentliche Intention, ein unangenehmer, gräulicher Film zu sein, beeindruckend einlöst. Im Gegensatz etwa zu dem zuvor entstandenen, ebenfalls mit Linda Blair besetzten „Chained Heat“ nimmt sich das hier nachgezeichnete Gefängnisleben der unseligen Insassinnen tatsächlich aus, als wäre jeder möglichen Todesstrafen-Offerte umgehend der Vorzug zu geben. Hier ist alles spürbar finster, schäbig und hässlich; der real existierende Sozialismus in all seinen verdrehten Auswüchsen noch auf der Zielgerade auf den boshaften Punkt gebracht und selbst Linda Blair sieht am Ende aus, als habe sie es zum dritten Mal mit ihrem alten Spezi Pazuzu zu tun. Für einen einzigen, kleinen (nudistischen) Lichtblick sorgt die göttliche Sonja Martin in einer der obligatorischen Duschszenen, das war’s dann aber auch. Am Ende ritten dann die Pferdchen mit ihrem Ritter durch: Gemeinsam mit einer flugs aufgestellten Widerständlergruppe exerziert William Ostrander inmitten des Arbeiter- und Bauernstaats ein erfolgreiches Kommando-Unternehmen komplett mit ratternden MGs durch, um seine Holde herauszupauken. Da findet „Red Heat“ dann doch noch zu seinen zwischenzeitlich geradezu hochachtungsvoll verdrängten Wurzeln zurück und spendiert dem Zielpublikum zumindest graduell das, wofür es schließlich bezahlt hat!

7/10

THE ANNIHILATORS

„Those guys are meaner than I thought.“

The Annihilators (City Commando) ~ USA 1985
Directed By: Charles E. Sellier Jr.

In Vietnam waren sie die besten Freunde: Die fünf G.I.s „Sarge“ Bill (Christopher Stone), Garrett (Lawrence Hilton-Jacobs), Ray (Gerrit Graham), Woody (Andy Wood) und Joe (Dennis Redfield). Über die Jahre ist der Kontakt dann eingerostet. Woody, der damals zum Krüppel geschossen wurde und seitdem im Rollstuhl sitzt, hilft seinem Vater (Sid Conrad) bei der Führung seines kleinen Gemischtwarenladens in einem Slum von Atlanta. Dort reißen die Gangs nach und nach alles an sich, vor allem der superfiese Jagger (Paul Koslo) und seine Truppe, die „Royboys“. Als Joe eines Tages kurzerhand von Roy Boy erschlagen wird, weil er sich weigert, das fällige Schutzgeld zu bezahlen, wird Sarge hellhörig. Er trommelt die alte Truppe zusammen, bildet vor Ort eine Bürgerwehr und zeigt den Royboys, wo der Hammer hängt.

Nicht nur fast zeitgleich zu Michael Winners drittem Film der „Death Wish“-Reihe entstanden, sind auch die sonstigen Analogien der beiden Filme mehr denn augenfällig: Ein Kriegsveteran rächt den Tod eines wehrlosen, ermordeten Kameraden, dessen Viertel, in dem vornehmlich brave Senioren leben, von skrupellosen Banden drangsaliert wird. Es entsteht ein bürgerkriegsähnlicher Zustand, den die Polizei stillschweigend abnickt in der Gewissheit, dass hier eine Miliz schlicht mehr auszurichten vermag denn die an ihre Paragraphen gebundenen Ordnungskräfte. Wer hat hier wohl bei wem abgeschaut? Dass die deutsche Synchronbesetzung zudem beinahe exakt dieselbe ist, hebt beide Filme in ihren hiesigen Fassungen nochmals auf eine eminente Parallelebene.
Immerhin datiert der US-Start von „The Annihilators“ ganze zehn Monate vor „Death Wish 3“. Letzten Endes spielt das aber keine große Rolle, Winner ist ohnehin der lautere, grellere, überzogenere und letztlich wesentlich nachhaltigere Film gelungen, in dessen seltsamer Parallelwelt die Mär vom Racheengel fürderhin noch sehr viel konsequenter durchgespielt und zu Ende fabuliert wird. Bis nach Korea reicht die Freundschaft der in „The Annihilators“ reaktivierten Herren zudem nicht zurück, sondern „lediglich“ bis Vietnam, zudem müssen hier ein ganzes Quartett an der Ausrottung der asozialen Elemente arbeiten (immerhin mit Christopher Stone als federführendem Organisator), wo Bronson ja längst gewohnheitsmäßig und nunmehr bloß in größerem Stil als bis dato zu vigilantieren hat. Die gewalttätigen Elemente werden in „The Annihilators“ vergleichsweise moderat im Zaum gehalten, wobei sich dies primär auf deren offene Visualisierung bezieht. Ansonsten ist die Bedrohung, die von Paul Koslo und seiner Clique ausgeht, schon recht vehement spürbar und insofern  der Motivation der Veteranen zweckdienlich. Somit alles in allem ein recht ordentliches companion piece zu einem ohnehin populären Klassiker.

5/10