VOLUNTEERS

„We must all do what we must do, for if we do not, then what we must do does not get done.“

Volunteers (Alles hört auf mein Kommando) ~ USA 1985
Directed By: Nicholas Meyer

Wenngleich sich Laurence Bourne III (Tom Hanks) als Millionenerbe und frisch gebackener Akademiker glücklich schätzen könnte, bringen ihn Spielsucht und schnöselige Arroganz arg in die Bredouille. Da sein Vater (George Plimpton) ihm diesmal nicht aushelfen mag, muss Laurence vor den Schuldnern fliehen. Kurzerhand tauscht er die Identität mit seinem Zimmergenossen Kent Sutcliffe (Xander Berkeley) und reist an dessen Statt nach Thailand, wo er als Vertreter des Internationalen Friedenskorps eine Brücke für ein paar abgeschnitten lebende Dörfler bauen soll. Trott diverser Unwägbarkeiten vor Ort, darunter ein durchgeknallter Opiumboss (Ernest Harada), kommunistische Infiltratoren und ein wirrer CIA-Agent (Tim Thomerson), fühlt sich Laurence mitten im südostasiatischen Schlamassel bald wohler, als er zunächst gedacht hätte…

Noch auf dem Weg zum richtigen, echten stardom spielte Tom Hanks in den Mittachtzigern hier und da in Filmen mit, denen selbst beinharte Bewunderer heutzutage nurmehr einen ganz speziellen Obskuritätenstatus zudenken mögen. „Volunteers“ von Zweimal-„Star-Trek“-Regisseur Nicholas Meyer ist so ein kleiner Exot. Was als relativ zeittypischer Post-Pennäler-Spaß beginnt, entwickelt sich ziemlich rasch zu einer nicht immer ins Schwarze treffenden Groteske und Hommage an David Leans großen „The Bridge On The River Kwai“, die Hanks ins Goldene Dreieck führt, wo er jedem regionalen Klischee begegnet, das nicht bei Drei auf den Bäumen ist – angefangen bei der einfältigen Landbevölkerung nebst vorlautem Dorf-Eulenspiegel (Gedde Watanabe) und blindem, weisen Ratsältesten (n.a.). Selbst der gute, alte Dschungeltiger ist nicht fern. Müßig insofern zu erwähnen, dass mit Professor Toru Tanaka und Clyde Kusatsu neben dem erwähnten Watanabe gleich drei einprägsame Hollywood-Gesichter für ostasiatisches type casting Einzug in die Besetzung hielten. Man fragt sich schon bald unwillkürlich, wo denn wohl Mako oder Cary Hiroyuki-Tagawa abgeblieben sind. Unterstützung für Hanks gibt es nach „Splash“ fürderhin bereits zum wiederholten Male vom Comedy-Kollegen John Candy, der einige der witzigeren Szenen abbekommt als ebenso von sich selbst überzeugter wie leicht beeinflussbarer, amerikanischer Trottel. Am meisten mag ich an „Volunteers“ jedoch Tim Thomerson, der mit seinem Fahrtenmesser „Mike“ spricht wie mit einem imaginären Freund und eine der schönsten Personalsatiren auf die US-Außenpolitik unter Reagan zum Besten gibt. Thomerson hat tatsächlich ein gewaltiges, komisches Talent, das, zumal aufgrund seines sehr viel langlebigeren Status‘ als kleiner Star und /oder Nebendarsteller etlicher Genreproduktionen durch die Jahrzehnte leider nur allzu selten erkannt und ausgeschöpft wurde. Ein sehr sympathischer Akteur, der gewiss viele hochinteressante geschichten zum Besten geben kann.

6/10

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AVENGING ANGEL

„I ain’t no angel, pal.“

Avenging Angel (Angel kehrt zurück) ~ USA 1985
Directed By: Robert Vincent O’Neill

Nachdem Molly Stewart (Betsy Russell) von ihrem alten Beschützer Lieutenant Andrews (Robert F. Lyons) quasiadoptiert wurde und Jura studiert hat, liegt ihre Kiezvergangenheit weit hinter ihr. Als Andrews jedoch bei einem Einsatz auf dem Hollywood Boulevard ermordet wird, holt Molly die alten Stilletos und den Minirock aus dem Schrank und kehrt als „Angel“ zurück auf die Straße. Um die Mörder ihres väterlichen Freundes zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen, benötigt sie allerdings noch die Unterstützung ihrer früheren Freunde. Daher gilt es zunächst, den alten Kit (Rory Calhoun) aus dem Seniorenheim zu entführen…

Obschon nur ein Jahr später entstanden, muss man als Kenner des Originals zunächst einige Zäsuren in Kauf nehmen – nicht nur, dass der zeitliche Abstand zu den Ereignissen im Vorgänger deutlich gedehnter ausfällt, wird die pfiffige Molly jetzt von Betsy Russell gespielt, die zwar vier Jahre jünger ist als ihre Vorgängerin Donna Wilkes, im Gegenzug jedoch auch vier Jahre älter aussieht. Auch Lt. Andrews, der als initiierendes Mordopfer ohnehin nur einen vergleichsweise kurzen Auftritt absolviert, unterliegt einem Personalwechsel. Was jedoch viel wichtiger ist – das liebgewonnene Kiezensemble, sprich Susan Tyrell, Rory Calhoun und Steven M. Porter, kehrt (natürlich mit Ausnahme des in „Angel“ heldenhaft geopferten Dick Shawn)  geschlossen zurück und unterstützt seine alte Freundin, die diesmal nur zum Schein auf den Strich geht, um ein Gangsternest auszuheben, hinter dem der reiche Geschäftsmann Gerrard (Paul Lambert) steht. Die alte Clique erweist sich als schlagfertiger denn je und greift Gerrards Männer mit ungewohnter Feuerkraft an. Doch auch die Helden haben eine Schwäche – ein verwaistes Baby, das Solly unter ihre Fittiche genommen hat und sich bestens als Kidnappingopfer eignet.
„Avenging Angel“ findet nach dem Original sehr viel flüssiger und vor allem umwegloser zu sich selbst. Schon die von Bronski Beat stampfend untermalte Eingangssequenz vergewissert sich eines ganz anderen formalen Qualitätsstandards, bevor das Sequel sich unter cleverer Verwendung des bereits etablierten Personal auf den Selbstjustiz- und Vigilanten-Konvoi der Achtziger schwingt, sehr viel gewaltigere Feuerkraft bemüht und dabei keine Scheu hat, bei stark angezogenem pacing immer wieder den Bogen hin zu lustvoll überdrehten Albernheiten zu überspannen. „Avenging Angel“ hat von allem etwas mehr: Action, Humor, Spannung, Übertreibungen, Exploitation, Entertainment. Außerdem gefällt mir Betsy Russell wesentlich besser als Donna Wilkes, die ich nebenbei schon seit „Jaws 2“ als schlimme, weil unsäglich kreischende Nervensäge im Hinterkopf habe. Ich dürfte ergo wohl ziemlich allein dastehen mit der Ansicht, dass „Avenging Angel“ zu den wenigen Forsetzungen gehört, die ihren Vorgänger vorbehaltlos übertreffen. Andererseits ist das ja nichts Schlimmes.

7/10

ST. ELMO’S FIRE

„We’re all going through this. It’s our time at the edge.“

St. Elmo’s Fire ~ USA 1985
Directed By: Joel Schumacher

Seit ihrem Studium nebst den noch nicht lang zurückliegenden, hochqualifizierten College-Abschlüssen sind die sieben Freundinnen und Freunde Wendy (Mare Winningham), Billy (Rob Lowe), Leslie (Ally Sheedy), Alec (Judd Nelson), Kevin (Andrew McCarthy), Jules (Demi Moore), und Kirby (Emilio Estevez) unzertrennlich. In ihrer Lieblings-Studentenkneipe, der „St. Elmo’s Bar“, finden sie sich nach und zu jedem Leid und jeder Freud zum Feiern ein. Bis irgendwann dann doch das gefürchtete Erwachsenwerden etwas verspätet und mit der gebührenden Vehemenz an ihre adoleszenten Türen klopft: Obschon Leslie und Alec als ewiges Traumpaar kurz vor ihrer Hochzeit stehen, ist der eher stille Kevin, den die anderen schon für schul halten, seit eh und je heimlich in Leslie verliebt, Wendy, noch Jungfrau und aus konservativ-jüdischem Hause, liebt derweil Billy, der als Rock-Saxofonist ein haltloses Lotterleben zwischen Suff, Promiskuität und versehentlich gezeugtem Baby führt. Jules liebt die Rolle des glamour girl und steuert zwischen Koks und Champagner auf die finanzielle Pleite zu und Kirby verrennt sich in eine Liebelei zu seiner etwas älteren Ex-Kommilitonin Dale (Andie MacDowell), bei der er überhaupt keine Chance hat.

Der im Laufe der Jahre, spätestens jedoch seit seinen beiden beispiellos zielstrebig vor die Wand gefahrenen „Batman“-Filmen in den Neunzigern zunehmend streitbare Regisseur Joel Schumacher hat zumindest in meiner Wahrnehmung mit einigen früheren Arbeiten noch echte Marksteine setzen können. Sein dritter Regiefilm „St. Elmo’s Fire“ etwa ist schon deshalb von bleibendem kulturhistorischen Wert, weil er einen der wenigen echten Ensemble-Filme der Achtziger-Brat-Pack-Generation markiert. Neben Coppolas schwelgerischer Hinton-Adaption „The Outsiders“, gewissermaßen der Initialschuss für jene von hübschen Teenagern dominierte Hollywood-Nachwuchs-Clique, bildeten Milius‘ „Red Dawn“ und schließlich John Hughes „The Breakfast Club“ die weiteren „Kernwerke“ dieser sich über die gesamte Dekade hinziehenden, genreunabhängigen und rein via ihres darstellerischen Personals umreißbaren Strömung, da in ihnen jeweils eine größere Schnittmenge des vielleicht zwölf, dreizehn Darstellerinnen umfassenden Brat Pack auftrat. „St. Elmo’s Fire“ ist gewissermaßen der leicht verfüht gesetzte Schlusspunkt; ein generationsbezogen kontemporär angelegter „Big Chill“ und letzter Seufzer der Adoleszenz, bevor das Leben in mehr oder weniger begradigte, bourgeoise Yuppie-Bahnen übergeht. Gleich drei Teilnehmer des fast zeitgleich entstandenen „Breakfast Club“ (Estevez, Sheedy, Nelson) werden da urplötzlich von Schülern zu Ex-Studierenden deklariert und man nimmt es ihnen umweglos ab. Der etwas aufgesetzte Symbolismus des Elmsfeuers, dessen sich der Film ja bereits titulär befleißigt, steht im Zusammenhang mit dem finalen Schritt hin zum Erwachsenwerden für zweierlei: das verzweifelte Festhalten an der wenig verantwortungsvollen Existenz als Jugendlicher einerseits und die uneinlösbaren Versprechungen der idealisierten Bürgerlichkeit zum Anderen. Die „Probleme“, mit denen das Septett sich herumzuschlagen hat, entsprechen gewissermaßen den subsummierten, relativ luxuriösen Begleiterscheinungen und psychosozialen Redundanzien ebenjener Schwellenwanderung, inmitten der die Yuppie-Generation heraufbeschwörenden reagonomics. Als Zeitporträt mit einem zudem gloriosen Titelstück somit unbedingt konservierungs- und auch sehenswert.

8/10

TARGET

  „A long time ago I worked for the CIA.“ – „Did you kill people?“

Target (Target – Zielscheibe) ~ USA 1985
Directed By: Arthur Penn

Als Donna (Gayle Hunnicutt), die Frau des Holzunternehmers Walter Lloyd (Gene Hackman) während eines Europatrips in Paris gekidnappt wird, reisen er und sein entsetzter Sohn Chris (Matt Dillon) unverzüglich auf den alten Kontinent, um vor Ort mehr über die Entführung zu erfahren. Im Zuge der aufregenden Reise muss Chris auf schonungslose Weise erfahren, dass die Biographie seiner Familie gefälscht und eine Lüge ist: Sein Dad war vor Jahren CIA-Agent, der sich seiner jungen Familie zurliebe zur Ruhe gesetzt und eine neue Identität angenommen hat. Jetzt will ihn offenbar jemand von der Gegenseite aus dem Weg haben, der noch eine alte Rechnung mit Walter, der eigentlich Duke Potter heißt, offen hat. Doch die Dinge sind nicht, wie sie scheinen; es gibt noch einen unbekannten Strippenzieher im Hintergrund.

„Target“ ist ein Vorzeigebeispiel für den künstlerischen Identitätsverlust, den zahlreiche Filmemacher der Ära New Hollywood durchleben mussten, nachdem die Studios sich wieder gefangen und den Blockbuster für sich entdeckt hatten. Arthur Penn, ohnehin ein vergleichsweise gealterter Protagonist der Bewegung und ohnehin von Haus aus spärlicher Arbeiter, hatte in den zehn Jahren zuvor lediglich drei Filme inszeniert, sollte sich bald dem Fernsehen zuwenden und dann ganz aus dem Geschäft zurückzuziehen. Wenngleich „Target“, seine dritte Zusammenarbeit mit Gene Hackman, jedem routinierten Genreregisseur zur Zierde gereichte, spürt man kaum mehr, hier der Arbeit eines Mannes ansichtig zu sein, der mit „Bonnie & Clyde“ oder „Little Big Man“ hinter eminenten Hauptwerken der gesamten amerikanischen Kinohistorie steht. „Target“ ist ein in seinem Timbre überdeutlich von seinen (mitteleuropäischen) Schauplätzen beeinflusster Cold-War-Thriller, dessen anfangs etwas verworren anmutender Plot sich irgendwann zu einer recht trivialen Auflösung vorarbeitet und den eigentlich doch so hübsch konfliktträchtigen, dramaturgisch vielversprechenden Vater-Sohn-Subplot irgendwann einfach beiseite drängt. Auf der Haben-Seite wären natürlich Hackman, der ja sowieso jeden Film bereits durch seine bloße Anwesenheit aus dem Mittelmaß katapultiert zu nennen, sowie eine ziemlich tolle Verfolgungsjagd  am Hamburger Hafen; Speicherstadt und Landungsbrücken inklusiv. Einen dialoglosen Miniauftritt  gönnte man übrigens noch Krauskopf Werner Pochath, der als Adlatus des (vermeintlichen) Bösewichts (Rollenbezeichnung: „Young Agent“) eine etwas obskure Rolle zu bekleiden hat. Immerhin ein erfrischender Lichtblick zwischendrin, während man gerade mal wieder dabei ist, erfolglos nach dem alten, inspirierteren Penn zu fahnden.

7/10

DIE KÜKEN KOMMEN

„Null gleich null!“

Die Küken kommen ~ BRD 1985
Directed By: Eckhart Schmidt

Der Wehrdienst ist passé, ab heute kann die Bundeswehr sie mal: Sechs Freunde, der ewig renitente Anarcho Kid (Max Tidof), der ruhige, noch im Jungfrauenstatus befindliche Thomas (Frank Meyer-Brockmann), der vor keiner flotten Biene sichere Casanova Baby (Mark Altner), der vom Militär hirnverätzte Bulle Bund (Andreas Jung), der Opernfan Tristan (Joachim Bernhard) und der verfressene Brummi (Hans Schödel) sind raus aus der Uniformitätsmühle und wollen an ihrem ersten Tag in Freiheit München unsicher machen. Dummeweise hat Bulle sämtliche Freundinnen der Herren von den gemeinsamen Plänen in Kenntnis gesetzt, so dass es ersteinmal gilt, die treudoofen Damen abzuhängen. Am Bahnhof verliebt sich Thomas sogleich in die niedliche Florence (Christine Röthig), die just heute ihren ersten Tag als Mietdame im Puff „1001 Nacht“ begehen soll. Viel Stress für unser Sextett, zumal plötzlich ihr Herr Major (Ludwig Haas) im Bordell aufkreuzt…

Dass Anouschka Renzi, als Max Tidofs Freundin zu sehen, als 20-jährige noch erfrischend human und ein nettes Mädchen war, ohne jedwede Botoxbehandlungen und monströse Kunstzüge, hat mich an „Die Küken kommen“ sicherlich am prägnantesten überrascht. Ansonsten führt Eckhart Schmidts Versuch, eine mit den klamaukigen Disco- und Sexkomödien der produzierenden Lisa-Film aus den Spätsiebzigern und Frühachtzigern kompatible Kommisskomödie zu kredenzen, zunächst geradewegs ins irrgewaltige Nirwana der Ratlosigkeit. Tatsächlich ist „Die Küken kommen“ nicht nur zu keiner Sekunde auch nur annähernd witzig oder auch bloß geringfügig komisch, es nimmt sich auch noch nachgerade anstrengend aus, ihn von Anfang bis Ende und somit komplett durchzuhalten. Schmidts Plan, so es denn überhaupt jemals einen gegeben hat, lässt sich nicht im Ansatz nachvollziehen. Der Soundtrack liefert eine repräsentative Zusammenstellung von ganzen 16 zeitgenössischen Popsongs, darunter diverse ernsthafte Verbrechen an Kunst und Geschmack. Angeschimmelte Reste von Euro- und Italopop finden sich da neben ersten Gehversuchen von Stock/Aitken/Waterman und der artifiziellen Blaupausen-Kirmesmusik von Dieter Bohlen, „Cheri, Cheri Lady“ inbegriffen; schließlich das fürchterliche, notorische „Shanghai“ von Lee Marrow, das mantragleich immer wieder eingespielt wird. Genau ein angenehmes Stück ist dabei, nämlich Phil Carmens „On My Way In L.A.“. Irgendwo lässt Schmidt zwischen all dieser kognitiven und akustischen Konfusion die sympathische, wenngleich etwas einfältige Botschaft hervorschimmern, dass die Autoritäten von Armee, Bund und Bullerei grundsätzlich scheiße und was für graue Gemütszombies sind, die das selbstständige Denken grundsätzlich lieber anderen überlassen. Ein wenig Coming-of-Age-Thematik lässt sich erahnen, immerhin verliert der bislang ehern gebliebene Thomas nach hartem Kampf um seine Angebetete endlich seine Jungfräulichkeit, ansonsten fragt man sich jedoch nahezu permanent, welch defekter mentaler Backautomat einen Film wie diesen hervorbringen mag. Und doch, er hat was. Genau nämlich diese Kratzbürstigkeit, die untalentiert wirkenden Darsteller und vielleicht sogar eine (allerdings bestenfalls erahnbare, vielleicht einem interpretatorischen Wunschkonstrukt entspringende) Anklage an die Bildungsferne und Oberflächlichkeit einer Generation, deren Horizont bei der Buchstabierung des Wortes „Disco“ endet. Tatsächlich verschließt auteur Schmidt, der hier unter dem schönen Pseudonym „Raoul Sternberg“ firmierte, sich fast zur Gänze den üblichen, schlüpfrigen Lisa-Mechanismen, wie man sie von deren Masterminds Karl Spiehs und Otto W. Retzer gewohnt ist und kredenzt stattdessen so etwas wie eine vorsätzlich als solche arrangierte Antikomödie, nebst bombig passendem Kinoplakat von TKKG-Covergestalter Reiner Stolte.
Sibylle Rauch und Isa Haller sind noch zu sehen als Profesionelle. Auch das repräsentiert gewissermaßen recht hübsch den sich just vollziehenden, dräuenden Lisa-Niedergang, den dann erst „Ein Schloss am Wörthersee“ wieder auffing.

5/10

IDI I SMOTRI

Zitat entfällt.

Idi I Smotri (Komm und sieh) ~ CCCP 1985
Directed By: Elem Klimov

Weißrussland 1943. SS, SD und einheimische Kollaborateure, die sogenannten „Einsatzgruppen“, überziehen das Land mit ethnischen Säuberungen. Lediglich einzelne, versprengte Partisanengruppen leisten ihnen verzweifelten Widerstand.
Nachdem er beim Spielen ein Gewehr gefunden hat, schließt sich der etwa fünfzehnjährige Florya Gaishun (Aleksey Kravchenko) einer Miliz an und zieht mit ihr in die Wälder. Nach einem Angriff durch deutsche Fallschirmspringer flüchtet sich der Junge gemeinsam mit der hübschen Glasha (Olga Mironova), der Geliebten des Partisanenchefs Kosach (Liubomiras Laucevicius), ins Dickicht. Der Weg zurück zu seinem Heimatdorf endet mit einem Schock. Die Deutschen haben etliche der Bewohner ermordet, darunter auch Floryas Familie.
Auf der Suche nach Nahrung kommt Florya gegen Abend in die Nähe des Dorfes Perekhody, das schon am nächsten Morgen von einem deutschen Bataillon heimgesucht wird. Unter gewaltigem Gejohle pferchen die Soldaten die angsterfüllten Menschen, vornehmlich Greise, Kinder und Jugendliche, in die Kirche und stecken sie in Brand. Florya überlebt das Massaker nur infolge eines grausigen Zufalls. Derangiert von seinen Eindrücken begegnet Florya zunächst einem entsetzlich zugerichteten, vergewaltigen Mädchen und dann Kosach und seinen Männern, die die Führungsspitze der Deutschen in ihrer Gewalt haben. Nach deren Exekution entdeckt Floria in einem naheliegenden Tümpel ein propagandistisches Hitler-Porträt, das er mit seinem wiedergefundenen und notdüftig reparierten Gewehr zerschießt.

„Idi I Smotri“, noch unter sowjetischer Ägide entstanden, hat sich mittlerweile ein berechtigtes internationales Renommee als einer der bedeutendsten Kriegsfilme überhaupt erarbeitet. Von den mit spektakulärem Glanz und Gloria inszenierten Materialschlachten dessen, was das filmische Massenverständnis üblicherweise mit dem Genre zu assoziieren pflegt, bleibt in den kargen Einstellungen Klimovs nichts übrig. In groben, ausgewaschenen Vollbildern fängt Klimov die unwirtliche Landschaft ein, fernab jedweder oberflächlichen Schönheit und fast ohne Totalen. Floryas Gesicht und wie es sich angesichts seiner Erlebnisse verändert hingegen wird per langer, schmerzerfüllter Close-ups zum Zentrum der Kadrage und zum visuellen Hauptmotiv. Aus dem fröhlichen Kind, das den unmittelbar vor der Haustür befindlichen Krieg wie viele Jungen seines Alters als Abenteuerspiel wähnt, wird im Laufe der nächsten paar Tage ein desillusionierter, verzweifelter Mann. Der Ekel und das Entsetzen über all das, wozu Menschen fähig sind, gräbt sich in seine Züge wie die Spuren eines Brandeisens. Von dem naiven Florya von vor einer Woche ist nichts mehr übrig.Mit Ausnahme der Tatsache, dass er sein nacktes irdisches Leben noch behalten hat, ist er an Geist und Seele so verstümmelt wie die verbrannten Körper der Ermordeten, die unter den Trümmern der kleinen Kirche von Perekhody vor sich hindampfen.
„Idi I Smotri“ ist voll von gnadenlosen, unvergesslichen Bildern und Eindrücken. Am nachhaltigsten empfand ich Floryas Konfrontation mit dem gerahmten Hitler-Bild, auf dem in kyrillischer Schrift ‚Hitler – Der Befreier‘ steht. Parallel zu jedem Schuss, den er wutentbrannt auf das Porträt des tatsächlich doch unerreichbaren Monsters aus dem Westen abgibt, lässt Klimov authentische Bilder und Filmaufnahmen von Hitlers militärischem und politischem Werdegang per rückwärtigem Zeitraffer laufen. Der verzweifelte Junge versucht, die auf diesen einen Mann zurückgehenden Grausamkeiten und Schrecken aus seinem Gedächtnis und dem der ganzen Welt zu tilgen, sie schlicht ungeschehen zu machen; ein verzweifelter Versuch der persönlichen und globalen Radikaltherapie, das letzte Aufbäumen des Restkindes in Florya. Am Ende, Florya hat die letzte Patrone noch im Lauf, erscheint ein (montiertes) Foto, das Hitler als Kleinkind im Arm seiner Mutter zeigt. Da ist sie, geschält und gepellt, die buchstäbliche „Banalität des Bösen“. Selbst der inkarnierte Satan hat den Beginn seines Lebens dereinst in reiner Unschuld beschritten, so schwer zu akzeptieren dies fällt. Zeigt der Film schon in der Szene zuvor den gefangen genommenen SD-Beamten als kriechenden Feigling, der nach seinen Gräueltaten die eigene Haut herauszureden versucht mit der erbärmlichen Ausflucht, er persönlich habe nie auch nur einer Fliege etwas zu leide getan (derweil sein SS-Pendant unbeirrt zu seinem antisemitischen Fanatismus steht), entdiabolisiert (und, noch wichtiger: entmystifiziert) er mit der Reduktion Hitlers auf sein noch gänzlich unschuldiges, kindliches Selbst den Massenschlächter. Am Ende bleibt die Welt wie sie ist, respektive wie sie war nebst all ihrer bodenlosen Unfairness. Klimov überlässt seinem Publikum, was es daraus macht.

10/10

INSTANT JUSTICE

„I’m an American, but I don’t wave the flag.“ – „Yeah? Well, I do!“

Instant Justice (Madrid Connection) ~ USA 1986
Directed By: Craig T. Rumar

Der hochdekorierte Marine-Sergeant Scott Youngblood (Michael Paré) erledigt Aufträge in aller Welt. Gegenwärtig ist er als Leibwächter eines hohen Diplomaten bei Paris im Einsatz. Bevor er nach getaner Aufgabe weiter nach Japan reist, will er sich noch mit seiner in Madrid lebenden Schwester Kim (Lynda Bridges) treffen. Ein verdächtiges Telefonat mit ihr bewegt ihn, umgehend nach Spanien zu fliegen, wo er nur noch von Kims Tod erfährt. Offenbar hat sie dort als Escort-Girl gearbeitet und mit harten Drogen zu tun gehabt, bevor man sie ermordete. Die hiesige Polizei geht derweil von einem ordinären Unfall aus. Wutentbrannt quittiert Scott den Militärdienst und macht sich mithilfe des Kleinganoven Jake (Peter Crook) und Kims Freundin und Kollegin Virginia (Tawny Kitaen) daran, die Urheber der Ermordung seiner geliebten Schwester auf eigene Faust hochzunehmen.

Recht stromlinienförmig arrangierte Achtziger-Action, weder besonders clever, noch unter Aufwändung bemerkenswerter Ausreißer entstanden. Hauptdarsteller Michael Paré, damals noch als potenzieller Genrestar gehandelt, versandete bald darauf zwar im Wust der DTV-Produktionen, war jedoch zumindest permanent beschäftigt, hat sich, im Gegensatz etwa zu bemitleidenswerten Zeitgenossen wie Jan-Michael Vincent, bei Statur und Gesundheit gehalten und darf heute hier und da Gastauftritte als personifizierte Reminiszenz an glorreichere Kinotage absolvieren. Paré, der sich mit Walter Hills „Streets Of Fire“, von dem mal nebenbei eine Revision fällig ist, immerhin ein veritables Denkmal gesetzt hat, war anno drölfundachtzig ein sympathischer, jedoch kein sonderlich charismatischer Held. Dafür, dass es ihm nicht zur Gänze gelingen wollte, einen kompletten Film solitär auf den breiten Schultern zu tragen, ist „Instant Justice“ ein recht luzides Beispiel. Die Art, wie Scott Youngblood als hündisches Militärhampelmännchen Uncle Sams zu salutieren und strammzustehen pflegt, verrät bereits, dass er kein sonderlich heller Zeitgenosse ist, obschon er später seine Lieblingswaffe aus der Botschaft klauen muss. Als privater Ermittler ist Youngblood eine absolute Null und wäre ohne die Mithilfe seiner deutlich gescheiteren und besonnener agierenden Zufallsfreunde völlig aufgeschmissen. Das Script tut der Charakterisierung des Protagonisten also keinen sonderlichen Gefallen, es sei denn, man interpretiert es als verschmitzte Militarismuskritik. Dafür ist „Instant Justice“ dann insgesamt betrachtet allerdings wieder nicht elegant und intelligent genug. Immerhin geben Paré und Kitaen, zwei absolute Oberflächenmenschen, die auf jedem zeitgenössischen Magazincover super aufgehoben waren, ein bestens zueinander passendes Paar ab. Und ganz witzig ist „Instant Justice“, in totum beleuchtet, schon durchaus auch. Allerdings eben nicht immer freiwillig.

5/10