JENSEITS DER STILLE

„Ich will micht nicht mehr verabschieden müssen. Ich hab‘ genug davon.“

Jenseits der Stille ~ D 1996
Directed By: Caroline Link

Lara (Tatjana Trieb) wächst als hörendes Kind ihrer zwei taubstummen Eltern Martin (Howie Seago) und Kai (Emmanuelle Laborit) auf. Trotz ihrer unüberbrückbaren Differenzen lebt die Familie sehr harmonisch zusammen, wobei Martin seiner Tochter die Fähigkeit des Hörens insgeheim neidet. Früh lernt Lara, die Behinderung ihrer Eltern auch als Chance für sich selbst zu begreifen, indem sie etwa als naseweise Dolmetscherin fungiert. Ein alter, schwelender Konflikt zwischen Martin und seiner Schwester Clarissa (Sibylle Canonica) kocht indes schließlich wieder hoch, als die sich als Bohèmienne exponierende, selbst kinderlose Clarissa ihrer Nichte zu Weihnachten eine Klarinette schenkt. Rasch lernt Lara unter Clarissas wachsender Einflussnahme die Liebe zum Instrument und zur Musik kennen, zum heimlichen Leidwesen ihres später infolge eines tragischen Unfalls verwitweten Vaters. Als junge Erwachsene (Sylvie Testud) plant Lara, am Konservatorium in Berlin zu studieren. Hier lernt sie auch ihre erste große Liebe, den Lehrer Tom (Hansa Czypionka), kennen, ebenso wie die Schattenseiten der insgeheim doch fragilen Clarissa. Martin durchbricht derweil ganz sachte seine Sturköpfigkeit…

Das von Luggi Waldleitner mitproduzierte Langfilmdebüt der damals 31 Jahre jungen Caroline Link weist in vielfacher Hinsicht den Weg, den die Filmemacherin hernach einschlagen sollte: Geschichten um Kinder, das Aufwachsen unter nicht alltäglichen Bedingungen, Biographisches, aber auch der Umgang von Menschen miteinander in Grenzsituationen treiben sie um. „Jenseits der Stille“, der aus einer Zeit stammt, in dem das deutsche Kino kommerziell vornehmlich von dullen Yuppie- und Beziehungskomödien zehrte und ernste oder bewegende Themen abseits von Vergangenheitsbewältigung im Mainstream eine Ausnahmeerscheinung darstellten, bildete, gewiss auch derart kalkuliert, damals ein warmes Leinwandlichtlein im Winter- und Weihnachtsgeschehen 96 (mein erstes Semester) und zeigte, dass auch mit emotional mitreißenden Geschichten – und dazu zählt „Jenseits der Stille“ mit seinen vielen (nicht immer wirklich befriedigend konkludierten) durchrüttelnden Momenten ohne Zweifel – hierzuland noch zu rechnen war. Mit der kraftvollen, teils geradezu explosiven Darstellung des US-Schauspielers Howie Seago in der Rolle des Martin landete Link einen veritablen Glückstreffer, ebenso mit der sinnlichen Sibylle Canonica, die die innere Zerrissenheit Clarissas zwischen sensationshungriger Lebefrau und garstiger, verletzter Ränkeschmiedin grandios interpretiert. Czypionka und Matthias Habich, der Clarissas langmütigen Gatten Gregor spielt, sehe ich jeweils immer gern und seit diesem Film ohnehin noch mehr.
Ich hatte „Jenseits der Stille“ mittlerweile lange nicht geschaut und muss einräumen, dass er mir nicht mehr ganz so uneingeschränkt gut gefiel wie noch vor vielleicht zwanzig Jahren – man bemerkt dann doch den einen oder andere  kleineren dramaturgischen Schnitzer oder einzelne Dialogsequenzen, die sich mit etwas mehr Mut zur Konsequenz oder Elaboration vielleicht noch wesentlich prägnanter hätten lösen mögen. Dennoch bleibt eine über weite Strecken schön finalisierte, ungewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte, die eben insbesondere von ihrer formidablen Besetzung zehrt.

8/10

TESIS

Zitat entfällt.

Tesis ~ E 1996
Directed By: Alejandro Amenábar

Die Madrider Filmstudentin Ángela (Ana Torrent) plant, ihre Magisterarbeit zum Thema „Gewalt im Film“ zu schreiben, einem Gebiet, mit dem sie bislang kaum Erfahrungen hat. Über ihren nerdigen Kommilitonen Chema (Fele Martínez), einen ausgewiesenen Splatter- und Horror-Aficionado, ergeben sich erste Berührungspunkte mit dem Sujet, doch Ángela will mehr. Ihre Recherchen führen sie ins Videoachiv der Universität, wo sie auf eine geheime Sektion mit speziellen Cassetten stößt. Darauf befinden sich offenbar Snufffilme, in denen verschwundene Studentinnen zu sehen sind. Gemeinsam mit Chema, der seinerseits nicht immer mit offenen Karten spielt, geht Ángela dem abseitigen Treiben auf die Spur. Der attraktive Bosco (Eduardo Noriega), in den sich Ángela verliebt, und auch ihr Professor Figueroa (Miguel Picazo) spielen darin entscheidende Rollen…

„Tesis“ hat viele Freunde und Anhänger und genießt seit seiner Premiere vor 22 Jahren ein stolzes Renommee. Ich selbst würde Amenábars Langfilmdebüt eher im oberdurchschnittlichen Qualitätssegment einordnen, da ich ihn zwar für grundsätzlich immer noch sehenswert halte (zumal als spanischen Genrefilm und gewiss sehr ambitioniertes Projekt eines erst 23-jährigen Nachwüchslers), er mich jedoch auch nach mehrfachen Betrachtungen nie wirklich da zu packen vermochte, wo ich es mir insgeheim gewünscht hätte. Wenn es im Kino um das Thema Snuff und Snuff-Filme geht, dann versuchen die entsprechenden Autoren und Regisseure immer wieder, jenen alten Underground-Mythos zur abartigsten und verruchtesten Perversionssparte der gesamten Menschheitsgeschichte zu deklarieren; etwas, dass es zwar gibt, über das aber niemand spricht, der nicht lebensmüde ist; etwas, über das sich allerhöchstens hinter vorgehaltener Hand ausgetauscht werden darf; die magnetbandgewordene Hölle auf Erden quasi! Ich weiß nicht, ob ich mich für die Ausmaße meiner Phantasie entschuldigen muss, aber mir fallen da auf Anhieb diverse weitaus schrecklichere Dinge ein, die Menschen sich aus ganz anderen Gründen gegenseitig antun, und das unter oftmals rechtsstaatlicher oder religiöser Ägide. Im Grunde ist Snuff letzten Endes doch „auch bloß“ eine Spielart menschlichen Mordtreibens, wobei es dem Opfer schließlich egal sein kann, ob sein (mögliches) Martyrium von einem späteren Rezipienten zu wie auch immer gearteten Befriedigungszwecken herangezogen wird. Um es kurz zu machen: Was mich bei Filmen wie „Tesis“ implizit stört, ist der unbedingte, immanente Hang zum Sensationalismus. Ohne diesen bleibt, wie im vorliegenden Falle, spannendes, aber letztlich gängiges Handwerk, das für ein entsprechend sensibilisiertes Publikum funktionieren wird, aber eben nicht für jeden. In diesem Falle ist es außerdem deutlich zu spiellang und ausufernd geraten, nebst etlichen, unausgelassenen Fettnäpfchen logischer Ersparnisse.
Immerhin bleibt uns der heilige, amerikanische Zorn des gerecht wütenden Rächers, wie der von Nicolas Cage in „8MM“, erspart.

6/10

INDEPENDENCE DAY

„Let’s nuke the bastards.“

Independence Day ~ USA 1996
Directed By: Roland Emmerich

Kriegerische Aliens nehmen Kurs auf die Erde, um die Menschheit auszurotten und sich die Ressourcen unseres Planeten anzueignen. Nachdem es zunächst so aussieht, als habe man selbst mit der größten Feuerkraft keine Chance gegen die Außerirdischen, kommt dem wackeren TV-Techniker David Levinson (Jeff Goldblum) die zündende Idee…

Nachdem ich Emmerichs Krawallmanifest „Independence Day“ über die Jahre hinweg immer in den untersten Niederungen amerikanischen Blockbusterkinos angesiedelt habe, kann ich jetzt endlich Frieden schließen mit ihm. Man muss dem Film schlicht und einfach seine grenzenlose Blödheit und seinen Kreativköpfen, allen voran freilich dem Regisseur und seinem Haus-und-Hof-Autoren Dean Devlin, nachsehen, dass sie hier etwas geschaffen haben, das in etwa dem Äquivalent eines Multimillionendollar-Spielplatzes entspricht – megalomanisches Amüsement für infantile Gemüter. Emmerich und Devlin beweisen mit Nachdruck, dass sie das 70er-Jahre-Katastrophenkino eines Irwin Allen nahezu akribisch studiert haben, denn der gesamte dramaturgische und narrative Aufzug ihres Films entspricht selbigem bis aufs i-Tüpfelchen. Für eine Alien-Invasion Marke H.G. Wells fehlten ehedem schlicht die Mittel, sonst hätte Allen neben Schiffshavarien, brennenden Wolkenkratzern und Vulkanausbrüchen vermutlich auch das bereits an Ort und Stelle durchexerziert. So lag es eben an dem Schwaben und seinem treuen Gefolgsmann, jene Phantasmagorie mit aller gebührenden Naivität und triefendem Amerika-Pathos zeitreif angereichert in die Welt zu entlassen. Den ob ihres Engagements sicherlich sehr wohl im Bilde befindlichen Antlitzzeigern Goldblum und Hirsch als Vater und Sohn stehen ein bilderbuchhaft nervender, dümmliche Sprüche kloppender Will Smith, ein exemplarisch alberner Bill Pullman und die wie zumeist Zahnschmerzen verursachende Mary McDonnell als dessen das Zeitliche segnende Weibchen gegenüber, den sagenhaft inszenierten Luft- bzw. Raumkampfszenen und Explosionen ein stolz präsentiertes Nichts an figuraler und sophistischer Basis. Dass Großstädte und mit ihnen Millionen von Seelen eingeebnet werden, tangiert einen zu keiner Sekunde; Emmerich macht sein Publikum im Gegenteil zu willfährigen Voyeuren der Popcornapokalypse. Wo Burton aus dem lärmenden Pulp-Charakter des Stoffs kurz darauf einen liebevoll-satirischen Kinospiegel vorhielt und Spielberg sich neun Jahre später gleich den literarischen Wurzeln des Ganzen annahm und dann auch erfolgreich eine emotionale Involvierung seiner Zuschauer zu evozieren vermochte, baut „Independence Day“ oder „ID4“, wie er sich praktischerweise abkürzt, ein schickes, aufwändiges Riesengebäude aus Legosteinen, nur um es dann umgehend und umso lustvoller wieder kaputtzutreten.
Was mir noch immer und nach wie vor in Aug, Ohr und Schmalz springt, ist, wie sagenhaft dumm dieser Film ist und mit welch unglaublicher Chuzpe er diese Dummheit auch noch ausstellt.
Was ich mittlerweile dazu gelernt habe, ist, über all das hinwegzusehen, ja, es gar nicht mehr wichtig zu nehmen, und, anstatt mich uneffektiv zu ärgern, den Verstärker aufzudrehen und die vielen, farbenfrohen Explosionen zu genießen. Man entwickelt sich eben doch weiter mit dem Alter. Oder zurück, ganz nach Perspektive.

5/10

MOTHER NIGHT

„All the best writers are dead.“

Mother Night (Schatten der Schuld) ~ USA 1996
Directed By: Keith Gordon

Howard W. Campbell Jr. (Nick Nolte) sitzt in einem Jerusalemer Gefängnis und wartet auf seinen Prozess, gleich in der Zelle über sich den in derselben Situation befindlichen Adolf Eichmann. Campbell war während des Zweiten Weltkriegs als Schriftsteller und Dramatiker in Deutschland und dort für eine vielbeachtete Radiopropaganda-Reihe der NSDAP zuständig als Autor und Verleser antiamerikanischer und antisemitischer Essays. Was weder die Nazis noch irgendjemand sonst ahnen konnte: Campbell arbeitete, rekrutiert von dem geheimnisvollen Frank Wirtanen (John Goodman), im Auftrag des US-Geheimdienstes und brachte im Zuge seiner Radioauftritte verschlüsselte Geheimbotschaften in den Äther, die ihm jeweils vorab heimlich zugeschoben wurden. Campbells Spionagestatus wurde jedoch nie öffentlich gemacht und so gilt er auch nach Kriegsende und zurück in New York weiterhin als „Stimme der Nazis“. Seine geliebte Frau Helga (Sheryl Lee) kam noch während der Kriegswirren zu Tode und mit ihr der größte Teil von Campbells eigenem Lebenswillen. In Greenwich Village lernt er dann seinen Nachbarn George Kraft (Alan Arkin), einen nicht minder verzweifelten Maler, der zu Campbells bestem Freund wird. Später taucht Helgas kleine Schwester Resi (Sheryl Lee) auf, die, mittlerweile erwachsen, Helga wie aus dem Gesicht geschnitten ist und sich zunächst als die Verstorbene ausgibt. Auch ein verquerer, rassistischer Geheimbund tritt an ihn heran, der angeblich den entdeckungsgefährdeten Campbell, Kraft und Resi die Flucht nach Mexiko ermöglichen will. Was Campbell nicht ahnen kann: All diese merkwürdigen Fügungen geschehen keineswegs zufällig…

Keith Gordons (antizipierbar) kommerziell bös gefloppte Vonnegut-Adaption ergreift und transponiert den stets etwas mysteriösen Duktus des bedienten Autors auf brillante Art und Weise und macht daraus eine der vorrangigsten Literatur-Verfilmungen mindestens der neunziger Jahre. An „Mother Night“, dem Film, gibt es nichts, was nicht passgenau wäre; das gesamte Geschehen schwebt, es sich stets bequem machend auf einer leicht federnden Wolke aus Surrealismus und leiser Ironie, mit aller gebotenen Entschleunigung vor sich her. Nicht nur George Roy Hills brillanter „Slaughterhouse-Five“ blitzt durch seine nebulösen Astlöcher, auch den bitter-transzendenten, jüdischen Humor großer Comic-Autoren wie Will Eisner oder Art Spiegelman ist man versucht, nahezu pausenlos herauszuspüren. Als Soldat, Kriegsteilnehmer und Überlebender der Bombardierung von Dresden hatte Vonnegut es kaum nötig, über das Wesen des Krieges zu schreiben. In „Mother Night“ ging es ihm vielmehr um das nicht minder eigenartige Echo jener Weltzäsur und ebenso um das komplexe Verhältnis von Schuld, Geständigkeit, Reue und die nahezu aussichtslose Möglichkeit der Weiterexistenz mit alldem. Howard Campbell Jr. mag ein Spion sein; seiner Faszination für das nazifierte Deutschland, für Führerkult und Drittes Reich, das ihn als „Überläufer“ hofiert und ihm Zugang zur höchsten Systemspitze ermöglicht, tut dies keinen Abbruch. Möglicherweise ist sein geheimer Einsatz für die Alliierten auch bloß eine reine Kopfgeburt; eine dem intellektuellen Rest an Vernunft entstammende Rechtfertigung für die Gewissheit, als Adlatus des Grauens zu fungieren. Mit Glanz und Glamour ist es nach dem Krieg vorbei. Depressiv und sich nutzlos wähnend vegetiert Campbell einsam und verlassen in New York dahin. Seine Nachbarn sind neben Kraft zwei Auschwitz-Überlebende, Mutter (Anna Berger)  und Sohn (Arye Gross). Während die ältere Dame Campbell, der seinen Namen trotz seiner zweifelhaften Popularität nicht geändert hat, zu erkennen glaubt und ihm die Pest an den Hals wünscht, will ihr als Mediziner tätiger Sohn von dem Kapitel „Holocaust“ am liebsten gar nichts mehr wissen. Eine weitere der vielen Ambivalenzen, die sich durch „Mother Night“ ziehen und die ihren satirischen Höhepunkt gewissermaßen in einem verrückten, farbigen Nazi (Frankie Faison) finden, der die Gruppe von „white supremacists“ lauthals unterstützt. Schein und Sein bleiben in Vonneguts Welt nie ganz  säuberlich getrennt, einer permanenten Wellenbewegung gleich nähern sie sich immer wieder tangential an und stoßen sich dann mit umso kräftigerer Vehemenz wieder voneinander ab. Am Ende dann, als das Schicksal im Begriff ist, Campbell erneut einen Ausweg zu offerieren, sieht er keinen anderen Ausweg mehr als den der Selbstrichtung. Auch hier bleibt Gordons Regie noch meisterhaft und lässt und, gemeinsam mit der Kamera, wegsehen. Wie Campbell selbst bis zu diesem finalen Schuldeingeständnis Wegsehen und Ignoranz kultiviert hat, jahrzehntelang.

9/10

THE ROCK

„Losers always whine about their best. Winners go home and fuck the prom queen.“

The Rock ~ USA 1996
Directed By: Michael Bay

Der hochdekorierte US-General Hummel (Ed Harris) hat sich einen waghalsigen Plan ausgedacht, um auf die bei „inoffiziellen“ Militäroperationen gefallenen Kameraden aufmerksam zu machen und deren übergangenen Familien eine angemessene Entschädigung zukommen zu lassen: Er stiehlt vier mit dem hochgefährlichen Biokampfstoff VX bestückte Raketen und kapert mit ein paar Getreuen die ehemalige Gefängnisinsel Alcatraz nebst einer größeren Touristengruppe in der Bucht von San Francisco. Von dort aus droht er, den angrenzenden Großraum mit seinen Raketen zu beschießen und seine Geiseln zu töten, wenn die gestellten Forderungen nicht erfüllt werden. Abhilfe erwartet man sich von dem Bioterror-Experten Stanley Goodspeed (Nicolas Cage) und dem seit Jahrzehnten inhaftierten, britischen Agenten John Mason (Sean Connery), dem einst die Flucht von Alcatraz gelang. Gemeinsam mit der Kampfstaffel von Commander Anderson (Michael Biehn) soll das ungleiche Duo Hummel und seine Männer unschädlich machen.

Gemeinsam mit den zeitnah debütierenden „Executive Decision“ und „Mission: Impossible“ markierte „The Rock“ die Rückkehr des großbudgetierten, mainstreamtauglichen Actionblockbusters auf die Leinwände der abendländischen Kinos. Gekennzeichnet waren diese durch die Beteiligung von Superstars aus der A-Liga, durch teure Spezialeffekte und spektakuläre Stunts. Auch formal unterschieden sich diese Filme von ihren räudigeren, kleinen Onkeln und Tanten aus dem DTV- und B-Film-Segment sowie den Genre-Ahnherren der achtziger Jahre: Die Schnittfrequenz etwa wurde deutlich erhöht und die dramaturgische Regel, derzufolge regelmäßige Verschnaufpausen von der kinetischen Aktion das Publikum in Sicherheit wiegen, zunehmend ignoriert. Das Produzentenduo Jerry Bruckheimer und Don Simpson sowie der Regisseur Michael Bay wurden fortan zu einer Art Synonym für ein ebenso lautes wie vorlautes Krawall- und Oberflächenkino von nicht selten reaktionärer Gesinnung, patriotistischer Parolenschwingerei und eher geringer Intelligenz. Diese Vorwürfe greifen bei dem Quasi-Modellfilm „The Rock“ allerdings nur bedingt. Zwar wird sich die von Bay und seinem dp John Schwartzman bemühte Ästhetik der pausenlos in Bewegung befindlichen Kamera, der bewusst unübersichtlich gehaltenen Montage, der pittoresken Dämmerhorizonte und des unübersehbaren Militärfetischismus in den kommenden Jahren weiter etablieren, zumindest das kleine Fünkchen satirischer Systemkritik jedoch zeichnet „The Rock“ in besonderem Maße aus.
Sowohl Hummel als auch Mason sind Soldaten alten Schlages; kalte Krieger, effektive Tötungsmaschinen zwar, jedoch ebenso einem hehren Moralkodex verpflichtet, der im Prinzip für jede bis ins Mark korrumpierte Weltmacht pures Gift bedeutet und somit angetan ist, an deren Grundfesten zu sägen. Mason hat einst brisante Mikrofilme gestohlen, die die Wahrheit über sämtliche bis dato abgespeicherten Staatsgeheimnisse der USA enthalten und musste daher zwangsläufig mundtot gemacht werden. Der einzige Grund, warum er noch lebt, ist der, dass er das Versteck jener Mikrofilme nie preisgegeben hat. Hummel derweil hat über Jahrzehnte offizielle, vor allem jedoch auch inoffizielle Militäreinsätze geleistet und ist deshalb bestens über die schnutzige Imperialistenwäsche seines Vaterlandes im Bilde. Dass er eines Tages einen Gerechtigkeitstribut für die Schandtaten, deren Mitwerkzeug er stets bildete, verlangt, ist für einen Ehrenmann bloß konsequent, und umso mehr, wenn man am Ende erfährt, dass er bloß zu bluffen versuchte. Als Mason und Hummel sich begegnen, respektieren sie einander daher sofort, in stillem Einvernehmen und im intuitiven Wissen um die Integrität ihres Gegenübers. Nicht Hummel ist schließlich der Böse, sondern seine geldgierigen, angeheuerten Mitstreiter wie der ungute Captain Darrow (Tony Todd), die ja wiederum nicht ganz zu Unrecht auf die ihnen versprochene „Ablösesumme“ bestehen. Cage, der hier bereits dabei ist, sein bis heute mitunter unfassbares overacting zu kultivieren, wirkt angesichts dessen eher wie ein comic relief. Überhaupt lässt „The Rock“ mit seinem latenten, sublim gehaltenen Sarkasmus dafür, dass man ihn nie wirklich für bare Münze nimmt und seine hier und da überlaufenden Testosteronschübe gut verkraftet. Stilistisch überaus konsequent bildet Bays Film somit tatsächlich ein popkulturelles Inititiationsstück. Ob man dies im Angesicht seiner vielen, ideologisch oftmals mehr denn fragwürdigen Epigonen positiv oder negativ werten soll, das liegt, wie so oft, primär im individuellen Betrachterauge. Don Simpson jedenfalls hatte sich bereits rund ein halbes Jahr vor der Premiere seiner finalen Betätigung als Produzent zu Tode gekokst, Jerry Bruckheimer hat die weniger risikoreichen Vorzüge der TV-Arbeit für sich entdeckt und Michael Bay macht sowieso vornehmlich Filme, die mich zu 90 Prozent überhaupt nicht interessieren. Insofern finde ich „The Rock“ dann doch mehr als okay.

7/10

THE LONG KISS GOODNIGHT

„The last time I got blown, candy bars cost a nickel.“

The Long Kiss Goodnight (Tödliche Weihnachten) ~ USA 1996
Directed By: Renny Harlin

Trotz einer retrograden Amnesie, die ihr gesamtes Leben bis vor acht Jahren völlig vernebelt, lebt die brave Hausfrau Samantha Caine (Geena Davis) glücklich mit Lebensgefährten (Tom Amandes) und Töchterchen (Yvonne Zima) in einer beschaulichen Kleinstadt in Pennsylvania. Ein Autounfall sorgt für erste, bruchstückhafte Erinnerungen an ihr früheres Dasein, parallel dazu findet auch der von Samantha beauftragte Privatdetektiv Mitch Hennessey (Samul L. Jackson) Hinweise auf ihre tatsächliche Biographie. Als ein einäugiger Verrückter (Joseph McKenna) Samantha in ihrem Haus attackiert, macht sie sich mit Mitch auf die Suche nach ihrem früheren Selbst. Die Wahrheit erweist sich als bleihaltiger denn befürchtet: Samantha ist in Wirklichkeit eine CIA-Killerin namens Charly Baltimore (Geena Davis), die einst während der Erfüllung eines Auftrags ins Meer stürzte und die Erinnerung verlor. Ihr damaliges Zielobjekt „Daedalus“ (David Morse) arbeitet jetzt mit der CIA zusammen. Diese plant, zu Zwcken der Budgeterhöhung durch den Kongress, einen islamistischen Terroranschlag vorzutäuschen. Samantha/Charly, die zwischenzeitlich wieder ganz ihre alte, knallharte  Persönlichkeit wiederentdeckt hat, und dem verdutzten Mitch bleiben nurmehr Stunden, um das „hausinterne“ Attentat zu verhindern…

Renny Harlins achte Regiearbeit, nach dem katastrophal gefloppten Piratenabenteuer „Cutthroat Island“ ein abermaliges Geschenk an seine damalige Ehefrau Geena Davis, hatte ich bis dato nur einmal, nämlich bei seinem damaligen Videostart, gesehen und fand ihn ehedem recht albern und blöd. Jetzt bekam ich Lust, ihn mir nocheinmal anzuschauen und gehe doch unerwartet versöhnt aus dem Wiedersehen hervor. „The Long Kiss Goodnight“, den, wie ich vor einiger Zeit in einem Interview mit ihm gelesen habe, Samuel L. Jackson als von all seinen Filmen als seinen ihm liebsten bezeichnet, was ja doch einer mittelschweren Adelung gleichkommt, fiel mir heuer vor allem als Baby des Scriptautors Shane Black ins Auge. Dieser kombinierte seinerzeit ja stets und in der Regel recht erfolgreich explosives und über die Maßen gewalttätiges Actionkino mit obligatorischer Heldenfolter durch die Bösewichte sowie trockenstem Humor und entsprechend knackigem Dialog, der sich hier insbesondere durch eine großzügige Sprüchekaskade seitens Jacksons sympathischer Figur abzeichnet. Dieser Mitch Hennessey, ein korrupter Ex-Cop, der sich nicht entblödet, sein schmales Privatdetektivs-Einkommen durch das eine oder andere krumme Geschäft aufzubessern, ist trotz Geena Davis‘ kaum minder intensiver Darstellung das eigentliche Herz des Films. Gerade aus der Buddy-Partnerschaft dieser beiden höchst gegensätzlichen Charaktere, die zwischenzeitlich sogar Ansätze einer möglichen (im Sinne der Storyline jedoch wiederum unmöglichen) Romanze zum Anklingen bringen, bezieht „The Long Kiss Goodnight“ viel von seinem Reiz. Doch auch sonst darf ich nunmehr konstatieren, dass Harlins Film zu den Vorzeigeexemplaren des im Vergleich zur Vorgängerdekade an Höhepunkten eher bescheidenen Actionkinos der Neunziger zählt, der wohl nicht zuletzt aufgrund der Herkunft des Regisseurs einen gesunden „europäischen“ Touch und damit eine recht spezifische Signatur besitzt und nur selten durch kleinere Redundanzen (damit meine ich den xten Moment, in dem Geena Davis als ihren Gender-Konterparts überlegene, knallharte Superkillerin mit lockerem Mundwerk veräußert wird sowie die eine oder andere rückblickend eher bescheiden in den Bildkader integrierte Kunstexplosion) an Qualität einbüßt. Diese Ausgrabung hat sich durchaus gelohnt.

7/10

WHITE SQUALL

„You can’t run from the wind.“

White Squall ~ USA/UK 1996
Directed By: Ridley Scott

Florida, 1961: Skipper Chris Sheldon (Jeff Bridges) besitzt eine Schulyacht, die „Albatross“, auf der Jungstudenten im Zuge eines mehrwöchigen Karibiktörns ein Seemannsexamen ablegen und nebenbei ein paar Scheine für Literatur oder Naturwissenschaft erwerben können. Zu Sheldons pädagogischem Konzept gehört vor allem, dass die jungen Männer lernen, ihre Individualismen abzulegen und zu einer verschworenen Gemeinschaft heranwachsen. Obschon sich nicht jeder der höchst unterschiedlichen Mitreisenden fügen mag, trägt Sheldons Rezept gemeinhin Früchte: Die psychisch teils schwer vorbelasteten Einzelgänger bilden bald eine funktionierende Crew, die sich alle möglichen Hindernissen erfolgreich entgegenstellt – bis ein gewaltiges Unwetter nebst einer gefürchteten „weißen Bö“ die Albatross zum Kentern bringt und vier Todesopfer fordert – darunter Sheldons Frau Alice (Caroline Goodall). In einem nachfolgenden Prozess wird verhandelt, ob Sheldon sein Kapitänspatent behalten darf.

Trotz seines fantastischen „Thelma & Louise“ bildeten die neunziger Jahre Ridley Scotts kreativ streitbarste und wohl tatsächlich schwächste Schaffensphase. Das „Loch“ deutete sich bereits in Form des von mir persönlich zwar geschätzten, weithin jedoch wenig respektierten Entdeckerepos‘ „1492: Conquest Of Paradise“ an und fand dann in den folgenden beiden Arbeiten eine art antizipierter Befürchtung: Der einstmals große Stilist, der ehedem das SciFi-Genre um zwei seiner bedeutsamsten Beiträge bereichern konnte, schien in die Beliebigkeit der routinierten Solidität abzurutschen. Der sich auf eine authentische Begebenheit berufende „White Squall“ trägt davon eindrucksvoll Zeugnis. Schon bei seiner Premiere oftmals als maritimer „Dead Poet’s Society“ belächelt, wirkt „White Squall“ in seiner Gesamtheit tatsächlich derart zerfasert, dass er am Ende keine klare Richtung mehr erkennen lässt. Zu Beginn erliegt Scott noch allzuoft der Faszination, seine hübschen jungen Männer in der sonnendurchfluteten, salzluftigen Takelage abzulichten, während dann später die höchst laienpsychologisch dargelegte Charakterisierung der Studenten hinzukommt, die so ziemlich kein vorstellbares Klischee unberührt lässt (fehlt eigentlich nur der unsportliche Dicke, aber der hätte wohl nicht gut zu dem ästhetischen Konzept des Films gepasst) bis hin zu der unausweichlichen Konsequenz, dass der zuvor hartärschige Skipper am Ende gebrochen dasteht und sich nun auf die Loyalität „seiner Jungs“ verlassen kann. Das alles ist schon recht schwer zu schlucken. Eine wirklich denkwürdige, an die Nieren gehende Szene gibt es immerhin, als einer der Mitfahrenden (Jeremy Sisto) seinen pathologischen Vaterhass an einem unschuldigen Delfin auslässt. Da erreicht „White Squall“ dann zumindest einmal jene emotionale Unmittelbarkeit, die der ganze Film benötigt hätte. Zwei Rocksteady-Nummern und Stings final eingespieltes „Valpariso“ erfreuen auf der Tonspur das Musikliebhaberherz – das war’s aber auch an Besonderem. Jeff Ronas bittersüßer Flötenscore klingt verdächtig danach, als habe James Horner für „Titanic“ vorgeprobt und der gute Jeff Bridges, als schmucker Schönling noch in seiner Prä-Lebowski-Phase, verkauft sich harsch unter Wert.
„White Squall ist so dermaßen medioker, dass er erst gar keines weiteren Ereiferns bedarf.

5/10

THE SUBSTITUTE

„Everybody works for money.“

The Substitute (Mörderischer Tausch) ~ USA 1996
Directed By: Robert Mandel

Nachdem er selbst und seine vierköpfige Söldnertruppe (Raymond Cruz, William Forsythe, Luis Guzmán, Richard Brooks) infolge ihres jüngsten Auftrags in Kuba im Stich gelassen wurden, ist der knüppelharte Jonathan Shale (Tom Berenger) erstmal arbeitslos. Zurück in Miami, muss er dann erleben, wie auf seine Freundin, die gestresste Lehrerin Jane (Diane Venora), ein Mordanschlag verübt wird, hinter dem offenbar einer von Janes Schülern, Juan Lacas (Marc Anthony), steckt. Kurzerhand lässt sich Shale als Vertretungslehrer „John Smith“ engagieren, der die Lerngruppe der im Krankenhaus liegenden Jane übernimmt. Die Zustände an der Columbus High sind katastrophal: Echten Respekt genießen nur die wenigsten Lehrer, Gewalt und Drogenmissbrauch stellen den eigentlichen Stundenplan und die Kids tragen ihre Gangidentitäten mit in den Unterricht. Shale gelingt es dennoch, die Achtung „seiner“ Klasse zu gewinnen. Er berichtet von seiner Zeit in Vietnam und seiner eigenen Jugend im hiesigen Viertel. Bleibt noch das faule Ei Lacas. Shale findet heraus, dass dieser und auch der Schulrektor Rolle (Ernie Hudson) hohe Positionen in einer florierenden Kokain-Connection bekleiden. Nach ersten Tiefschlägen gegen die Dealer spitzt sich die Situation zu. Glücklicherweise hat Shale noch seine alten Söldnerfreunde zur tatkräftigen Unterstützung in der Hinterhand…

„The Substitute“ ist einer der wenigen Belege dafür, dass der Actionfilm, wie er sich im vorangegangen Jahrzeht zu voller Blüte ausgeprägt hatte, noch nicht ganz dem Vergessen anheim gefallen war. Bereits die krude Handlungsprämisse – ein idealistischer Söldner lässt sich als Aushilfslehrer einstellen und verpasst seinem neuen Arbeitsplatz eine gehörige Grundreinigung – besitzt noch gänzlich das liebenswerte Flair goldener Genrezeiten. Der Schauplatz Florida zudem war stets für ein pittoreskes Feuerwerk gut und verbreitet auch mit „The Substitute“ noch jenen nostalgischen Reiz. Schließlich ist da das von Berenger angeführte, mit wundervollen Charakterköpfen gespickte Akteurspersonal, das mit Cruz, Guzmán und Forsythe sowie dem hier als seminolischen (!) Drogenbaron besetzten Rodney A. Grant nur gute Assoziationen aufkommen lässt und diesen zum Glück auch keinerlei Schande macht.
Dass der sicherlich reaktionäre, aber dennoch stets sanft augenzwinkernde „The Substitute“ in Zeiten, zu denen aufklärerische, moralisch wertige Schulfilme mit positivistischem Menschenbild längst zum guten Ton in Hollywood gehörten („The Substitute“ wurde allerdings vom Indie LIVE Entertainment produziert), wenig kritisches Renommee für sich verbuchen konnte, entspricht erwartbarer Kausalität. Daraus, dass Mandels Film kein ausgesprochener Kandidat für den filmischen Friedensnobelpreis ist, braucht man ebensowenig ein Geheimnis zu machen. Gerade wegen seiner rotzig-trotzigen Stellungshaltung als heimliches Denkmal unbeschwerterer Zeiten jedoch fällt es nicht schwer, diesen schönen Qualitätsklopper ins Herz zu schließen.

7/10

HARD EIGHT

„Never ignore a man’s courtesy.“

Hard Eight (Last Exit Reno) ~ USA 1996
Directed By: Paul Thomas Anderson

Ausgebrannt und pleite sitzt John Finnegan (John C. Reilly) nach einem Vegas-Trip vor einem Wüstendiner. Das erhoffte Geld für die Beerdigung seiner Mutter konnte er nicht auftreiben. Da erscheint wie aus dem Nichts der gepflegte, ältere Sydney Brown (Philip Baker Hall) und bietet John an, ihn für seinen nächsten Casino-Besuch zurück nach Las Vegas zu kutschieren, ihn mit einem Grundbudget auszustatten und ihn beratend zu unterstützen. Der zunächst skeptische John merkt bald, dass Sydneys Zuspruch aufrichtig gemeint ist und bleibt als eine Art Mündel bei ihm. Zwei Jahre später, die beiden halten sich mittlerweile in Reno auf, hat sich Hohn in die etwas unstete Kellnerin Clementine (Gwyneth Paltrow) verliebt und hängt häufig mit dem Security-Mann Jimmy (Samuel L. Jackson) herum. Sydney wird dann eines Nachts zur Hilfe gerufen: Ein Freier weigert sich, Clementine für eine Nummer zu bezahlen und wird von ihr und John als Geisel in einem Motelzimmer gehalten. Mit Sydneys Unterstützung kann das Problem gelöst werden, John und Clementine, die mittlerweile Hals über Kopf geheiratet haben, müssen jedoch aus der Stadt verschwinden. Da versucht Jimmy, der von alledem Wind bekommen hat, Sydney mit einer unangenehmen, alten Geschichte zu erpressen, mit der unwissentlich auch John zu tun hat…

Für so ein Langfilmdebüt würde manch anderer gewiss den kleinen Finger hergeben. Paul Thomas Anderson verschaffte sich damit Mitte der Neunziger erstmals weitflächigere Aufmerksamkeit und fand sich schon bald darauf im Pantheon der vielen just auf der Abschussrampe befindlichen Nachwuchsfilmemacher wieder, über die ich erst kürzlich subsummiert als „Generation-X-Directors“ gelesen habe. Ob man diese Kategorisierung als zureichend empfinden möchte, liegt wohl in Auge und Empfinden des Betrachters – eine gewisse Verwandtschaft zur standesgemäßen Coolness und Lakonie, wie sie das alternative US-Kino jener Ära in Kombination mit einem ausgeprägten Faible für klassische, insbesondere europäische Gangsterfilme, New Hollywood und den film noir kultivierte, erweist sich im Falle von Andersons Erstem jedenfalls nicht nur als bloße Vermutung. Davon zeugt bereits die Anwesenheit des (nicht nur damals bereits) omnipräsent scheinenden Samuel L. Jackson, die Besetzung eines in professioneller Hinsicht renommierten, der öffentlichen Kenntnisnahme jedoch eher versagten Schauspielers wie Philip Baker Hall in der Haupt- (und alternativen Titel-)Rolle und natürlich eine Story, die, sorgfältig in drei Akte unterteilt, überlebensgroße Figuren, Gewalt und einen eminenten Plottwist in sich vereint. Anderson geht dabei um Einiges weniger affektiv, humorig, laut und oberflächenorientiert zu Werke als viele seiner Zeitgenossen und kann zudem einen deutlichen Hang zur Melancholie nicht verhehlen, der sich als eine Art Markenzeichen ja auch künftig noch stärker manifestieren wird. Zur Meisterschaft gereicht es noch nicht zur Gänze, aber die wird dann ja bereits mit dem nicht lange auf sich warten lassenden, nächsten Film bekleidet.

8/10

RANSOM

„I’ll have your head on a fucking pike!“

Ransom (Kopfgeld) ~ USA 1996
Directed By: Ron Howard

Der Airline-Chef Tom Mullen (Mel Gibson) ist in den Massenmedien als pr-bewusster Selfmade-Millionär kein Unbekannter. Jedoch gereichen ihm die jüngsten Schlagzeilen um seine Person weniger zum Vorteil: er soll den Gewerkschaftsvertreter Jackie Brown (Dan Hedaya) geschmiert haben, um einen drohenden Streik abzuwenden. Mitten in diese Krise hinein platzt dann auch noch die Entführung von Toms kleinem Sohn Sean (Brawley Nolte), hinter der der neurotische Cop Shaker (Gary Sinise) nebst vier Verbündeten (Lili Taylor, Liev Schreiber, Donnie Wahlberg, Evan Handler) steckt. Mullen schaltet das FBI ein, doch auch der engagierte Agent Hawkins (Delroy Lindo) kann mit Ausnahme steter Beschwichtigungen wenig für ihn und seine nicht minder besorgte Frau Kate (Rene Russo) tun. Der Versuch einer ersten Geldübergabe scheitert und Tom kann sich des immer stärker werdenden Gefühls, dass Sean ohnehin ermordert werden wird, nicht erwehren. Verzweifelt dreht er den Spieß um und setzt die von den Kidnappern verlangte Lösegeldsumme öffentlich als Kopfgeld für die Bande aus.

Ron Howards Remake eines exakt 40 Jahre älteren Thrillers mit Glenn Ford kommt nur selten über das eher fade Prädikat ‚routiniert‘ hinaus. Zwar leistet sich „Ransom“ alles in allem keine eminenten Fehler, er leidet jedoch unter anderen Kinderkrankheiten, die eine wirklich tiefgehende Beziehung zu ihm unmöglich machen. Daran trägt allerdings weniger Howards emsige Inszenierung Schuld; der Regisseur macht weithin das Beste aus den ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen, verpasst nur selten einen sich nähernden Spannungsbogen und schlägt sich daher mit wenigen Schnitzern wacker. Die Einbußen liegen anderswo. Da wären zunächst Mel Gibson und Rene Russo als reiches Ehepaar. Die Leute haben Geld, sogar sehr viel, und der mit Vorliebe gegen die Hochfinanz wetternde Jimmy Shaker als eine Art fehlgeleiteter Arbeiterheld somit eine deutlich sympathischere, berechtigtere Agenda als die nicht immer moralgetreu mit ihren Milliönchen jonglierenden Mullens. Dieser Turnus im Bereich der Charakterzeichnung durchaus interessant, wird jedoch vom Script leider überhaupt nicht weiterverfolgt. Inhärent bleiben die Mullens trotz der fragwürdigen (aber natürlich erfolgreichen) Strategie des Vaters, die Kidnapper mit seiner Lösegeldanpreisung zu entzweien und gegeneinander aufzuhetzen, stets Sympathieträger, derweil Shaker als eifersüchtiger, sadistischer und geldgieriger Bösewicht über klischierte Stereotypen nie hinausragt. Gibson, das weiß man, kann vor der Kamera ganz phantastisch leiden und eine Menge an Weltschmerz in seine Mimik einfließen lassen. Auch Howard war dieses Talent seines Hauptdarstellers ganz offensichtlich bekannt und so lässt er ihn gleich mehrfach taumeln und schließlich zur Gänze zusammenbrechen, bevor er sich dann im (unvermittelt heftigen) Showdown endlich Mann gegen Mann beweisen kann. Tom Mullen ist phasenweise gar nicht mal weit sonderlich entfernt von Max Rockatansky, Martin Riggs und William Wallace, nur dass er über eine deutlich dickere Geldbörse verfügt als seine Kinoahnen und Kampfesbrüder im Geiste. Rene Russo in der Rolle der Blanko-Ehefrau fungiert derweil einzig als moralisches Rückgrat für ihren Gatten, unterschreibt letzten Endes aber sowieso alles, was er ihr anträgt. Wirklich herausragend sind derweil Gary Sinise und die sowieso immer tolle Lili Taylor, die „Ransom“ wirklich etwas zu geben haben, nämlich Mehrdimensionalität und darstellerische Facetten.

6/10