DIRECT CONTACT

„Hold on.“

Direct Contact ~ USA/BG/D 2009
Directed By: Danny Lerner

Der in Ungnade gefallene US-Elitesoldat Mike Riggins (Dolph Lundgren) sitzt im Knast eines kleinen Balkanstaates, wo seine Zukunftsaussichten eher schlecht stehen. Umso erfreulicher erscheint da das Angebot des vermeintlichen Regierungsabgeordneten Connelly (Michael Paré): Riggins erhält seine Freiheit zurück und dazu eine überaus ordentliche Bezahlung, wenn er die Amerikanerin Ana Gale (Gina May), die von dem ex-jugoslawischen Warlord Vlado Karadjov (Vladimir Vladimirov) gefangen gehalten wird, befreit und in Connellys Obhut überstellt. Der Auftrag gelingt relativ problemlos, doch Ana beteuert, keineswegs gekidnappt worden zu sein, sondern sich aus freien Stücken bei Vladov aufzuhalten. Zudem scheint Connelly gar nicht der zu sein, den er vorgibt. Eine wilde Jagd quer durch das vormalige Kriegsgebiet beginnt…

Die fiktive, ehemals jugoslawische Republik Gorna nebst Hauptstadt Luka, in dem „Direct Contact“ spielt, gibt es natürlich mitnichten in der Realität: Der schwedische Kleiderschrank schießt und prügelt sich hier vielmehr aufs Neue durch das zu ebenjenen Zwecken immer wieder gern befleißigte, kostengünstige Bulgarien, das in seiner Mischung aus wirtschaftlicher Dauerrezession und Renovierungsbestrebungen nicht nur allerlei pittoreske Schauplätze bietet, sondern auch Diverses, was man für wenig Geld effektiv zersieben und/oder in die Luft jagen kann. Das verschwindend geringe Budget der Nu-Image-DTV-Produktion, hinter der unter anderem die nimmermüden Boaz Davidson und Avi Lerner (dessen jüngerer, mittlerweile verstorbene Bruder Danny mit der Inszenierung betraut war) stehen, konnte so also zeitweilig übertüncht werden. Zudem griff man dem Vernehmen nach auch auf stock footage zurück, eine spätestens seit Roger Corman durchaus gängige Methode, um am Ende schwarze Zahlen schreiben zu können und etwaige Schneewehen hinter der Kamera zu kaschieren. Entsprechend weichhirnig gestaltet sich der an die seligen Italoachtziger erinnernde Plot, der eines fertigen Drehbuchs ziemlich sicher entbehrt, ohne Hand und Fuß daherkommt und seine auf Vorschulniveau ersonnene Story dem baffen Zuschauer mit der Sorglosigkeit des garstigen Hofnarren um den Latz knallt. Tatsächlich nimmt „Direct Contact“ sich spürbar selbst überhaupt nicht ernst, er konglomeriert eine von wenigen, albernen Dialogsequenzen mühsam unterbrochene Abfolge aus Verfolgungsjagden und Schießereien, bei denen die immergleichen Requisiten und Mangeltechniken zum Tragen kommen und die selbst noch bar des Mindestmaßes an existenzieller Logik daherkommt. Der trotz allem absolut präsente Lundgren wirkt mit damals 52 Jahren zwar ein wenig hüftsteif, dafür hüpft die siebenundzwanzig Jahre jüngere Heldin nonchalant mit ihm ins Stroh und verspricht dem alten, freiheitsliebenden Knochen Mike Riggins am Ende zudem einen in mehrerlei Hinsicht vitalisierenden Lebensabend. Passend dazu fährt das Paar gemeinsam mit der Stretchlimo einem auffallend künstlichen Sonnenuntergang entgegen. Das perfekte Ende für diesen kleinen, bezaubernd dämlichen Film, der doch viel zu selbstberauscht und authentisch infantil ist, um ihm ernsthaft Böses zu wollen.

4/10

KYNODONTAS

Zitat entfällt.

Kynodontas (Dogtooth) ~ GR 2009
Directed By: Yorgos Lanthimos

Irgendwo in der griechischen Provinz lebt eine Familie, bestehend aus Vater (Christos Stergioglou), Mutter (Michele Valley), einem Sohn (Hristos Passalis), einer älteren (Angeliki Papoulia) sowie einer jüngeren Tochter (Mary Tsoni). Der einzige, der das großzügige Grundstück verlässt, um arbeiten und einzukaufen, ist der Vater. Gemeinsam mit seiner Frau erzieht er die drei bereits erwachsenen Kinder nach einem völlig autarken Konzept, das durch die totale Abkapselung von der gesamten Außenwelt funktioniert. Das Resultat bildet einen pervers-idiosynkratischen, durch Lügenkonstrukte kultivierten, soziologisierten Mikrokosmos, der sich aus einer unablässigen, peniblen Pflege von Ritualen, Fleißpunktevergaben und Märchen speist. So leben die Kinder etwa im festen Glauben daran, dass man jenseits des Gartenzauns nur überlebt, wenn man ein Auto fahren kann. Dies wiederum bedingt das Nachwachsen eines zuvor ausgefallen Eckzahns (eines „Hundezahns“, wie er im wiederum spezifiziert-abgewandelten Sprachuniversum der Familie genannt wird). Auch ihr Weltwissen und die physikalischen Grundkenntnisse setzt sich aus dem zusammen, was die Eltern den Kindern beibringen: Hauskatzen sind die gefährlichsten Tiere und Menschenfresser, Flugzeuge am Himmel nur wenige Zentimeter groß und stürzt eines ab, so findet man es in Spielzeuggröße irgendwo im Garten. Der Medieneinsatz beschränkt sich auf selbstaufgenommene „Quiz-“ und Aufgabencassetten, selbstaufgenommene Videofilme und alte Schallplatten. Die Idee des Vaters, die sexuellen Bedürfnisse des Sohnes entgeltlich mithilfe von Christina (Anna Kalaitzidou), einer Sicherheitsmitarbeiterin seiner Firma zu befriedigen, führt schließlich über Umwege in die Abkapselung der älteren Tochter. Diese gerät über Christina an ein paar Videos und sieht heimlich „Rocky“ und „Jaws“. Der Anfang vom Ende.

Gewiss hat man Yorgos Lanthimos schon seit Jahren als feste Größe auf der cinephilen Weltkarte, doch ging es mir in seinem Fall wie mit vielen anderen bestimmt exzellenten Filmemachern und ihren Werken, die mir noch „fehlen“: Mit wachsender Werkzahl, analog zu den hier und da immer wieder aufblitzenden Vernehmlichkeiten in der Filterbubble, steigt der heimliche Respekt vor ihnen und bilden sich irrationale Ängste vor ihrem Schaffen.
Wenn ich an das griechische Kino denke, fallen mir spontan drei Filme ein: Michael Cacoyannis‘ „Alexis Sorbas“, Nico Mastorakis‘ „Ta Paidia Tou Diavolou“ sowie Niko Nikolaidis‘ „Singapore Sling: O Anthropos Pou Agapise Ena Ptoma“, darunter also zwei auf ihre jeweilige Art immens transgressive Werke. Zumindest „Kynodontas“, mit dem es anzufangen galt, versprach ein ebensolches zu sein. Eine korrekte Vermutung. Dennoch oder gerade deshalb – ein jeder setze sein individuelles Kreuzchen – zählt er gleich nach der (wie so oft verspätet erfolgten) Erstbetrachtung für mich ab sofort zu den innovativsten und mutigsten Filmen der letzten zwei Jahrzehnte.
Lanthimos kreierte für seinen dritten Film eine dystopische, soziologische Versuchsanordnung, bis in winzigste Details bravourös durchdacht und bestenfalls durch kleinere, unlogische Zugeständnisse angekratzt. Das Publikum schubst er ohne Vorwarnung, einerseits mit akribischer Genauigkeit und doch wie von einer dokumentarischen Gleichmut befleißigt, mitten in hinein in die Unfassbarkeit. In langen Einstellungen und oftmals bewegungslosen Bildrahmungen wechseln sich Groteske, schwarzer Humor und blanker Horror ab, wenn man dem hochpathologischen Alltag der drei weltentlehnten „Kinder“ hinter ihrem Gartenzaun und den entsprechenden Bemühungen des sich als unfasbarerweise immer noch geisteskranker zu werden scheinenden Vater folgt. Dessen motivische Gemengelage offenbart sich nur einmal ganz kurz, als er der „entlassenen“ Christina zur Strafe ihren VHS-Recorder über den Schädel zieht: Er wolle seine Kinder vor den Verderbnissen der Außenwelt beschützen, ihnen die obligatorische „Persönlichkeitsstörung“ (offenbar spricht er da aus eigener Erfahrung) ersparen. Der Rest ergibt sich dann durch die einmal (mittelbar ausgerechnet durch Filmklassiker) ausgelöste Dynamik des familiären Zusammenbruchs – oder wahlweise des unheimlichen „coming of age“ der ältesten Tochter, die, zusätzlich zu allen anderen lebenslangen Entbehrungen auch noch zum inzestuösen Vergewaltigungsopfer degradiert, endlich zum verzweifelten Aufbegehren schreitet. Den kathartischen Epilog überlässt Lanthimos dann seinem geradezu als aufreizend mündig deklarierten Rezipienten. Dafür kann man nurmehr „Danke“ sagen, wie für diesen ganzen, wunderbaren Film.

9/10

THIS IS LOVE

„Ich werde jetzt überhaupt nichts mehr sagen.“

This Is Love ~ D 2009
Directed By: Matthias Glasner

Die einst erfolgreiche Polizeikommissarin Maggie (Corinna Harfouch) ist nurmehr ein Schatten ihrer selbst, seit ihr Mann Dominik (Herbert Knaup) sie vor sechzehn Jahren verlassen hat. Längst pathologisch dem Alkohol verfallen, ist sie ferner nicht in der Lage, die seitdem ohnehin schwer belastete Beziehung zu ihrer Tochter Nina (Valerie Koch) auf einer stabilen Basis zu halten, wie auch eine notdürftige Liebesaffäre primär vom Suff zusammengeklebt wird. Als der Halbdäne Chris (Jens Albinus) zu ihr in Untersuchungshaft kommt, weil er seinen Hausmeister (Felix Vörtler) erschlagen hat, erinnert sich Maggie dunkel daran, ihn vor Kurzem bereits auf dem Revier gesehen zu haben. Es ging dabei wohl um eine Vermisstenanzeige. Chris ist zunächst nicht bereit, sich zu offenbaren und tritt in Hungerstreik. Maggie jedoch ahnt, dass das Brechen seines Schweigens auch für sie eine Form von Erlösung bedeuten könnte…

Von herausgerissenen Herzen, unmöglichen und brisanten Liebesbeziehungen berichtete Matthias Glasner bereits in dem unglaublich packenden Vergewaltiger-Drama „Der freie Wille“ mit einer solchen Intensität, dass eine nochmalige Steigerung kaum mehr möglich scheint. „This Is Love“ übertrifft dann auch zumindest die inhärente Dramatik des genannten opus magnum nicht, obschon seine verhandelten Themen sich gewiss nicht minder tragisch ausnehmen. Um eine rein missverständlich beendete Ehe geht es mit sich anschließenden sechzehn Jahren persönlichen Fegefeuers und um eine noch viel prekärere hebephile Liebe, deren katastrophaler Verlauf und detereminiertes Scheitern so obligatorisch ist wie Maggies allabendlicher Vollrausch. Glasner erzählt seine beiden, mit aller Macht aufeinander zustrebenden Handlungsstränge chronologisch verschachtelt und zunächst ohne auffällige Parallelisierungen, um sie dann umso heftiger kollidieren zu lassen.
„Down By Love“ wäre eine grundsätzlich ebenso passende, jedoch allzu alberne Titulierung jener ganzen, zermürbenden Konstruktion gewesen. Im jeweiligen Mittelpunkt stehen zwei mit völlig gegensätzlichen Vitae behafteten, bis in ihre Einzelteile zetrümmerte Individuen; auf der einen Seite die vormals starke und selbstbewusste Polizistin, die jedem TV-Krimi alle Ehre gemacht hätte, auf der anderen Seite der verschrobene, leicht autistisch wirkende Diplomatensohn mit dunklen Biographieflecken, der mit seinem Kumpel Holger (Jürgen Vogel) einer „altruistischen Variante des Menschenhandels“ nachgeht: Die beiden kaufen in Vietnam Kinderprostituierte deren lokalen Zuhältern ab, um sie dann in Deutschland wohlhabenden Paaren zur Adoption anzubieten. Bei ihrer jüngsten Klientin, der vielleicht zwölf Jahre alten Jenjira (Duyen Pham), sprengt sich ihr Wirtschaftskonzept jedoch selbst in die Luft, denn Chris verliebt sich in das kleine, gleichwohl schutzbedürftige wie aufgrund seiner schrecklichen Lebensumstände vorgereifte Mädchen. Was zunächst auf väterliche Gefühle hindeutet, ist in Wahrheit doch viel mehr. Chris mag Jenjira nicht mehr hergeben, schlägt ihre potenziellen Adoptiveltern in den Wind und bricht mit Holger, der ihn nicht begreifen kann und wie zum Beweis dafür eine schmerzliche Grenze übertritt. Die hernach angetretene Flucht nach vorn kennt man so ähnlich von Nabokov, ebenso wie ihren zwangsläufig eingeschlagenen Weg. Irgendwann heißt es dann sowohl für Maggie als auch Chris Farbe zu bekennen und das Richtige zu tun. Dafür brauchen sie sich gegenseitig.
Diese unmögliche Konstellation löst Glasner mit einem vergleichsweise versöhnlichen Abschluss, wo anderswo, auch bei Glasner selbst, vielleicht Gewalt und Tod finale Erfüllungsgehilfen gewesen wären. Wo die dazu gehörigen Figuren, mit denen man die letzten zwei Stunden durchrungen und durchlitten hat, nach dem Abspann enden werden, lässt sich indes sehr wohl mutmaßen. Ihr jeweiliges Schicksal jedenfalls dürfte noch lange nicht fertig sein mit ihnen.

9/10

LAW ABIDING CITIZEN

„I need a shower, Warden.“

Law Abiding Citizen (Gesetz der Rache) ~ USA 2009
Directed By: F. Gary Gray

Die zwei Raubeinbrecher Darby (Christian Stolte) und Ames (Josh Stewart) zerstören in einer Nacht gewaltsam die Familienidylle der Sheltons, indem sie Mutter (Brooke Stacy Mills) und Kind (Ksenia Hulayev) ermorden und Vater und Ehemann Clyde (Gerard Butler) schwer verletzt zurücklassen. Doch der Albtraum ist für Clyde Shelton noch nicht vorbei: Anstatt beide Verbrecher ihrer gerechten gerichtlichen Strafe zuzuführen, lässt sich der aufstrebende Staatsanwalt Nick Rice (Jamie Foxx) in Darbys Fall auf einen Deal ein: Der passive Ames landet zwar in der Todeszelle, der tatsächliche Mörder Darby jedoch, ein widerlicher Sadist vor dem Herrn, bekommt mangels profunder Beweise lediglich ein paar Jahre Gefängnis.
Zehn Jahre vergehen, bis zum Tag, da Ames mit der Giftspritze hingerichtet wird. Die Exekution verläuft überaus unschön, da das Todesserum gegen eine andere Chemikalie ausgetauscht wurde. Damit nicht genug, wird Darby entführt und bestialisch zu Tode gefoltert. Der Verursacher beider Ereignisse ist rasch gefunden: Niemand anderes als Clyde Shelton steckt dahinter. Dieser lässt sich zwar brav festnehmen und ins Gefängnis sperren, doch sein eigentlicher Rachefeldzug fängt damit erst an…

In Erwartung eines „klassisch“ arrangierten Vigilantenthrillers widmete ich mich dem „Director’s Cut“ dieses sich selbst doch weitaus wichtiger nehmenden, mit den moralgetünchten Serienkillerfilmen der Vorjahre von „Se7en“ über die „Saw“-Reihe bis hin zu „WΔZ“ liebäugelnden Machwerks. Und ein Machwerk, das ist „Law Abiding Citizen“ im allerschlechtesten Sinne, mit allen Schikanen sozusagen. Denn die handelsübliche Rache- und Selbstjustizstory muss nichts Geringerem weichen denn einem sich höchst clever wähnenden Plot um die Ad-Absurdum-Führung des gesamten Justizsystems. Nicht von ungefähr spielt die von Kurt Wimmer erdachte Story in Philadelphia, der „City of Brotherly Love“, Nationalheiligtum als ehemalige Hauptstadt der USA und jener Ort, an dem 1787 die Unabhängigkeitserklärung verabschiedet wurde. 2009 war es dann an an Gerard Butler aka Clyde Shelton, dem maroden Jurisdiktionsapparat dessen Schwächen mit aller nach dem Dafürhalten des moralisch Gewappneten gebotenen Härte vor Augen zu führen und eine Sanierung anzustoßen. Doch ein ordinärer Bürger, wie der Originaltitel es suggeriert, ist Shelton – natürlich – mitnichten. Ein solcher könnte ja auch gar nicht solch verzwickte Ideen aushecken wie Shelton es tut. Stattdessen entpuppt er sich im weiteren Verlauf als höchst versierte und professionelle Mordmaschine der CIA und naturgemäß Bester seiner Zunft, dessen biblischen Zorn besser niemand entfesselt hätte. Denn Shelton ist auch ein brillanter Stratege und seinen Gegnern stets zehn Züge voraus. Jamie Foxx als Butlers Widersacher muss also erst lernen, im Sinne seiner Nemesis umzudenken, bevor der vielbeschäftigte Staatsdiener, nachdem er den Kontrahenten schlussendlich doch noch (mit dessen „Waffen“ freilich) besiegen kann, endlich einmal seine eigene kleine Tochter (Emerald-Angel Young) beim Cello-Auftritt besuchen darf. Der Weg dahin ist gepflastert mit allerlei Meilensteinen der Dämlichkeit.
„Law Abiding Citizen“ ist so unfassbar schlecht, löchrig und dumm geschrieben, dass die imdb-Durchschnittswertung von tagesaktuellen 7.4 Punkten anmutet wie ein schlechter Witz. Überhaupt scheint Butler, den ich mehr und mehr geringschätze, sich nur allzu gern auf dümmliche Projekte wie dieses einzulassen. Hätten Gray und Wimmer den Mut oder auch die Chuzpe besessen, die fiese Schlachtplatte der ersten halben Stunde irgendwie auf 90 Minuten auszudehnen, ohne sich in vermeintlich komplexen Narrationsvolten und, noch viel schlimmer, in abgeschmackten Ethikdiskursen zu verlieren, „Law Abiding Citizen“ hätte zumindest als halbgescheite Exploitatongranate reüssieren können. So jedoch wird aus der ganzen Chose ein reichlich selbstherrlicher Schildbürgerstreich, der im Nachinein bestenfalls dazu taugt, die mitleiderregende Blödheit seiner Produktionsbeteiligten und die seines applaudierenden Publikums gleichermaßen zu illustrieren.
Schlimm.

3/10

THE TAKE

„I’ll be takin‘ care o’things from now on.“

The Take ~ UK 2009
Directed By: David Drury

Der Londoner Kleingangster Freddie Jackson (Tom Hardy) gilt als unberechenbarer, cholerischer Unsicherheitsfaktor – ein Renommee, das er sogleich mit seiner Entlassung aus dem Gefängnis zementiert. Während Oberboss Ozzy (Brian Cox) weiterhin vom Knast aus die Fäden zieht, prügelt und mordet sich Freddie weiter nach oben – bis es Ozzy zu bunt wird. Er zieht Freddies Cousin, Adlatus und besten Freund, den eher besonnenen und sensiblen Jimmy (Shaun Evans) ins Vertrauen, während er Freddie insgeheim fallen lässt. Diese Entwicklung setzt sich über Jahre hinweg fort und zieht auch die Familien der beiden früheren Freunde schwer in Mitleidenschaft.

Diese in den achtziger und neunziger Jahren angesiedelte, vierteilige Miniserie aus britischer Fertigung bietet wenig anderes denn die altbekannte Rise-&-Fall-Story des für seine Profession letztlich zu unbeherrschten, zu großkotzigen, zu süchtigen und zu prolligen Gangsters. Freddie Jackson verwechselt, genau so wie seine zahlreichen Genre-Ahnherren, Gernegroßtum mit echter Macht. Nicht genug damit, dass er in intellektueller Hinsicht stets etwas im Hintertreffen bleibt, säuft und kokst er wie ein bodenloses Loch, verrät, neidet, vergewaltigt, tötet am falschen Ende und macht auch sonst alles falsch, was man als Kettenglied des organisierten Verbrechens nur falsch machen kann. Dass er damit sämtlichen vormals Alliierten zum roten Tuch wird, ist dem narzisstischen Unhold kaum bewusst. Umso vorhersehbarer sein sich früh abzeichnender Niedergang, der im Umkehrschluss den Weg für den Aufstieg seines ihm vormals treu ergebenen Helfershelfers Jimmy bedeutet. Am Ende ist er derjenige, der die tiutuläre „Übernahme“ vollzieht, der neue Pate, der neue Don, wenn diese ethnische Begriffstransponierung erlaubt sein darf.
„The Take“ macht keinen Hehl aus seiner produktiven Herkunft. Regisseur Drury bemüht sich erst gar nicht, seinem viergeteilten TV-Serial den Anstrich eines Kinostücks zu verabreichen, es vielleicht gar im traditionellen Sinne filmisch zu gestalten. Das kann man ihm in gewisser Hinsicht zugute halten; immerhin gibt „The Take“ nicht vor, etwas zu sein, was er letzten Endes ohnehin nicht einlösen könnte. Inszenatorisch bleibt er somit überraschungslos, blass und relativ ordinär. Interessant gestaltet sich der auf einem Roman von Martina Cole baierende Mehrteiler somit lediglich auf narrativer Ebene. Es gibt die eine oder andere emotional involvierende Szene, insbesondere, wenn sich die innere Zerrissenheit Freddies auf seine Kinder überträgt und sich unter diesen dramatische Szenen abzeichnen, erreicht „The Take“ seine größtmögliche Kraft. Tom Hardys zwischen beeindruckend und hoffnungslos überzogen oszillierendes Spiel indes füttert gewissermaßen noch die Egozentrik seiner Figur. Als Milieufilm oder, etwas expliziter ausgedrückt, Gangsterfilm, bleibt „The Take“ ebenso unbedeutend wie „Legend“, des Hauptdarstellers jüngster (leinwandbasierter) Gehversuch auf diesem Sektor.

6/10

THE BUTCHER

„Isn’t everyhing that’s great in life unfortunately temporary?“

The Butcher ~ USA 2009
Directed By: Jesse V. Johnson

Ex-Boxer Merle „The Butcher“ Hench (Eric Roberts) arbeitet bereits seit etlichen Jahren und ohne zu murren als „Mädchen für alles“ für den Gangsterboss Murdoch (Robert Davi). Als Murdoch glaubt, Hench habe seinen Biss verloren und gehöre zum alten Eisen, will er ihn im Zuge eines Coups gegen die Konkurrenz verheizen. Doch Merle kann mit einem gehörigen Kontingent an Beutegeld entkommen und beschließt, gemeinsam mit der Bardame Jackie (Irina Björklund) aus der Stadt zu verschwinden und irgendwo neu anzufangen. Zuvor heißt es jedoch, zwei Unterweltpatriarchen und ihre gesammelte Killergilde aus dem Weg zu räumen. Merle muss seinem alten Alias gezwungenermaßen alle Ehre machen…

Stunt-Koordinator und DTV-Regisseur Jesse V. Johnson ist – zumindest in eigener Sache – ein nicht eben zimperlich vorgehende, ruppiger Bursche, dessen Geschichten es sich zwar augenscheinlich in komplexitätsreduziertem, pulpigen Ambiente gemütlich machen, einer Klapperschlange gleich jedoch immer wieder und unerwartet blitzeschnell hervorschießen und zubeißen. So wiegt auch „The Butcher“ sich zu Beginn in wortreichem, unleugbar von Tarantinos Gangsterkino beeinflusstem und kostengünstig aufgezogenen Neo-Noir-Chic, dessen Verlauf sich hier und da noch allzu gemächlich ausnimmt, entwickelt sich zum Showdown hin jedoch zu einer alles niederwalzenden Blei- und Blutorgie, die die vormalige Inspirationsquelle zugunsten eiskalter Hill-Kanonaden fallenlässt wie eine glühend heiße Bowlingkugel und „The Butcher“ zu einem arschharten Abschluss mit vielen Uffs führt, der den gesamten Film zugleich deutlich runder und klassizistischer dastehen lässt, als es zunächst noch den Anschein machte. Für den in Ehren ergrauten Eric Roberts in der Titelrolle erweist sich Johnsons Script als spätes Geschenk, das er demzufolge auch zu nutzen versteht und dem er durch sein ausgezeichnetes Spiel Rechnung trägt, derweil sich weitere betagte Legenden aus dem Spotlight-Abseits, namentlich Davi, Geoffrey Lewis, Keith David, Michael Ironside oder Vernon Wells in Nebenparts und Cameos für ihr Engagement erkenntlich zeigen. Dass der rohdiamantene „The Butcher“ sich somit als ein kleines Reminiszenz-Event für den etwas aufmerksameren Filmdetektiv erweist, darf man wiederum als Kompliment an sich selbst als Rezipienten begreifen.

8/10

ANTICHRIST

„I love you.“ – „You don’t.“

Antichrist ~ DK/D/F/S/I/PL 2009
Directed By: Lars von Trier

Der Unfalltod ihres kleinen Sohnes (Storm Acheche Sahlstrøm) während ihres eruptiven Koitus stürzt ein Ehepaar in eine tiefe Sinnkrise. Sie (Charlotte Gainsbourg) erleidet einen Nervenzusammenbruch, gefolgt von einer akuten Angststörung, woraufhin er – seines Zeichens Psychiater – sich ihrer annimmt, obschon eines seiner professionellen Dogmen vorsieht, dass Patient und Therapeut sich privat nicht nahestehen sollten. Um sie direkt mit ihren seelischen Wunden zu konfrontieren, reist er mit ihr in eine abgelegene Waldhütte genannt „Eden“, in der sie im Vorjahr im Beisein des Kindes an ihrer Dissertation gearbeitet hat und die im Rahmen ihrer Erkrankung offenbar eine besondere Sollbruchstelle einnimmt. Als er herausfindet, dass ihre Arbeit zum Thema „Hexenverfolgung“, einhergehend mit expliziten Studien zu Folter- und Exekutionsmethoden sie ehedem offenbar schwerer tangiert hat als zuvor angenommen, eskaliert die Situation.

Als Auftakt einer „Depressions-Trilogie“, die von Trier nach einer ihn höchstselbst betreffenden, entsprechenden Phase schuf, verfehlt „Antichrist“ – wenn auch nur knapp – die von ihm intendierte, niederschmetternde Wirkmacht. Kunstanspruch und surreale Überhöhungen stehen der notwendigen Erdung des ansonsten durchaus wagemutigen und phasenweise durchaus starken Stoffs im Wege. Der eigentliche Nukleus des in vier Akte unterteilten Ganzen, nämlich die thetische Unmöglichkeit einer langfristigen, glücklichen Beziehung zwischen Mann und Frau, verwischt sich durch seine Einbettung in eine wesentlich unschärfere Gemengelage, in der sich die zusätzlichen Motive Wahnsinn, Natursymbolik, Paganismus und Hexerei sich quasi die Kolinke reichen. Ich glaube, dass, hätte von Trier es bei dem inhaltlichen Grundstock der infolge barscher Schuldgefühle entgleisenden Ehe belassen, der Film also straighter und weniger verwinkelt geworden wäre, ein kohärenteres und vor allem konsequenteres Resultat hätte entstehen können. Mit Dafoe und vor allem der Gainsbourg stehen dem Filmemacher jedenfalls zwei Protagonisten zur Seite, die für ihn durchs Feuer gehen und die beide auf der absoluten Höhe ihrer Kunst agieren. Die gegen Ende durch ihre extremen Darstellungen beschwerten Bilder graben sich infolge ihrer erfreulichen Kompromisslosigkeit zudem tief ein beim Zuschauer und auch, dass von Trier zumindest auf formale Spielchen verzichtet, tut „Antichrist“ gut. Bleibt also der nach meinem Dafürhalten eine, große Makel der metaphorischen Verwässerung, über dessen Ursachen sich nur spekulieren lässt. Möglicherweise war die Angst davor ausschlaggebend, dass eine „begradigtere“, nahbarere Version dem Publikum allzu viel abverlangt hätte; möglicherweise wurde die Wahl der kombinierten Topoi auch einfach bloß als passend empfunden. Es könnte aber auch sein, dass der Film so ist, wie er ist, weil er von Lars von Trier stammt.

7/10

WAKE WOOD

„Back to the trees and into the woods!“

Wake Wood ~ IE/UK 2009
Directed By: David Keating

Nachdem sie ihre kleine Tochter Alice (Ella Connolly) durch eine Hundeattacke verloren haben, ziehen Tierarzt Patrick (Aiden Gillen) und seine Frau Louise (Eva Birthistle) in das abgelegene Dörfchen Wakewood in der tiefsten irischen Provinz. Der Verlust sitzt ihnen noch immer tief im Nacken, zugleich spüren sie jedoch, dass in Wakewood nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Offenbar pflegen die Bewohner hier und da noch alte, paganistische Rituale und halten heidnische Beschwörungen ab. Louise findet heraus, dass der alte Arthur (Timothy Spall) die Fähigkeit hat, Tote für die begrenzte Zeit von drei Tagen zurück ins Leben zu holen, wo sie sich ihre Lieben nochmals von ihnen verabschieden können, bevor sie endgültig ins Jenseits übergehen – allerdings darf die betreffende Seele nicht länger als zwölf Monate verschieden sein. Louise und Patrick wollen auch Alice nochmal wiedersehen, verschweigen jedoch, dass sie bereits mehr als ein Jahr tot ist. Es kommt zur Katastrophe…

Überdeutlich orientiert an „Don’t Look Now“ und „Pet Sematary“ bringt Keating seine schöne, kleine Schauermär über Verlust und den maßvollen Umgang mit ihm in seine kontemplative Bahn. Zwar sind und bleiben die Vorbilder stets deutlich erkennbar, „Wake Wood“ ergeht sich jedoch niemals in deren bloßer Kopie, sondern zollt ihnen respektvoll Tribut, indem er sich ganz unspektakulär als Hommage begreift. Zudem hat mir gut gefallen, dass der Film die nicht immer einfache Gratwanderung zwischen der Schaffung einer unheimlichen Grundstimmung und der Hinzuziehung härterer Unappetitlichkeiten meistert, ohne je sein rechtes Maß einzubüßen. Die Idee, ein altes, irisches Dorf und seine Bewohner zu Überlieferern von paranormalen Geheimnissen aus uralter Zeit zu machen, erscheint mir darüberhinaus sehr reizvoll, wobei mit Timothy Spall sozusagen der rechte Anführer für das entsprechende Völkchen gefunden ward. Heimliche Höhepunkte stellen in diesem Zusammenhang die Wiedererweckungsszenen dar, die ihre gezielt unheilvolle Wirkung nicht verfehlen. Ein erfreulicher, kleiner Beitrag außerdem zum Subgenre „mordende Wechselbälger“.

8/10

DØD SNØ

Zitat entfällt.

Død Snø (Dead Snow) ~ NO 2009
Directed By: Tommy Wirkola

Ein Ausflug in eine entlegene Schneehütte entwickelt sich für eine Gruppe junger Medizinstudenten aus Oslo zum veritablen Albtraum: Anstelle von Spaß und Freud‘ finden sie ein Bataillon von Nazi-Zombies vor, angeführt von dem berüchtigten Kriegsverbrecher und SS-Schergen Oberst Herzog (Ørjan Gamst). Die flotten Untoten wollen allerdings nicht etwa speisen, sie metzeln und beißen nur mit der ihnen als Nazis zukommenden Barbarei alles nieder, was ihnen vor die modrigen Klauen kommt. Denn sie sind auf der Suche nach den dereinst von Herzog konfiszierten Wertgegenständen der Einheimischen, die sich allesamt in einer Schatulle befinden, die just unter den Dielenbrettern der Ferienhütte unserer Freunde lagert. Besonders für den am längsten Durchhaltenden Martin (Vegar Hoel) wird die erbarmungslose Rache des Oberst Herzog zur Zerreißprobe…

Nach Jahren der mehr oder weniger bewussten Aussparung habe ich mir dann auch diesen mitunter ja recht wohlgelittenen, skandinavischen Zombieschwank zu Gemüte geführt. Bereut habe ich’s nicht, wenngleich die Schwächen des Films, die vermutlich primär in der damaligen Fandom-Attitude Tommy Wirkolas zu suchen sind, sich eklatant manifestieren. Fun-Splatter wie „Død Snø“ folgt eben immer gewissen, recht steifen Regularien und Schablonen, auf die auch der Norweger Wirkola nicht verzichten mochte. Diese schlagen sich etwa in der charakterlichen Kombination der zu dezimierenden Gruppe nieder oder in vermeintlich cleverer Selbstreflexion und ach so gescheiter Genretranszendierung. Wenn man all das jedoch schon an die dreihundertachtundsiebzig Male hat sehen dürfen, verabschieden sich die entsprechenden Merkmale ganz schnell in Richtung Reundanz. „Død Snø“ bildet da keine Ausnahme. Er findet sich selbst ziemlich komisch und zumindest in Teilen ist er das sogar. Die Gore-F/X sind knackig und ebenso anschaulich wie fein gestaltet, regen dabei erwartungsgemäß natürlich ganz gezielt zum Bejubeln an und keineswegs zum Abstoßen oder Wegsehen. Auch diese Vorgehensweise ist Konsens und Usus – glücklicherweise schmälert sich dadurch nicht die Vergnüglichkeit des Films. Wenngleich selbst zombifizierte Nazis (wobei hier ebenso gut auch Piraten oder Tempelritter als Matschgesellen hätten herhalten mögen) im Prinzip ein alter Genrehut sind – s. Ken Wiederhorns „Shock Waves“ -, hat dieser Oberst Herzog mit seinem zerdepperten Unterkiefer natürlich ganz klar das Zeug zum Seriencharakter. Dennoch ließ sein nächster Auftritt erstmal geraume fünf Jahre auf sich warten.

6/10