CALVARY

„I don’t hate you at all. It’s just that you have no integrity. That’s the worst thing I could say about anybody.“

Calvary (Am Sonntag bist du tot) ~ IE/UK 2014
Directed By: John Michael McDonagh

Pater James Lavelle (Brendan Gleeson) ist die Art von Priester, mit der, gäbe es nur solche wie ihn, die katholische Kirche ihr einstiges Renommee vermutlich niemals verspielt hätte. Ein Charakterkopf, sanft, klug, geerdet ist Vater James tatsächlich so etwas wie die gute Seele seines kleinen, irischen Küstendörfchens. Leider ist er gleichfalls auch die einzige gute Seele dort, denn seine „Schäfchen-Schar“ besteht ausnahmslos aus promisken, zynischen, altklugen, versoffenen und koksschniefenden Misanthropen, Fremdgängern und Welthassern. Zudem hat sich James‘ Tochter Fiona (Kelly Reilly) zu Besuch angekündigt, die just einen Suizidversuch nach einer abermals gescheiterten Liebesbeziehung hinter sich hat. Damit nicht genug, kündigt ein Gemeindemitglied dem Pater nach der sonntäglichen Predigt im Beichtstuhl an, dass er ihn in genau sieben Tagen töten werde. Nicht etwa, weil er etwas verbrochen hätte, sondern gerade wegen seiner beruflichen Integrität. Der designierte Mörder sei einst in Kindertagen von einem geistlichen Berufsgenossen über Jahre missbrauct und veregewaltigt worden und nun gelte es, ein Zeichen gegen die Verlogenheit der Kirche zu setzen, indem einer ihrer Vorzeige-Repräsentanten das Leben genommen werde. Die folgende Woche wird für Vater James zur vielleicht schwersten Prüfung seines Lebens.

Chronik eines angekündigten Todes: „Calvary“ ist das englische Wort für „Golgatha“, jenen Hügel vor den Stadtmauern Jerusalems also, auf dem Jesus Christus gekreuzigt wurde und zu dem er zuvor, bewährt mit Dornenkrone unter dem Gejohle der ihn marternden und bespuckenden Soldaten, sein Hinrichtungsmedium zu schleppen hatte. Pater Lavelle erlebt seine höchstpersönliche Passionsgeschichte, obgleich sein Golgtha kein Hügel, sondern ein in morgendlichen Grauschleiern liegender Atlantikstrand ist und niemand ihn auspeitscht. Dennoch muss er sich der Schlechtigkeit des Menschengeschlechts gleich in mehrerlei Ausprägung stellen und sich letzten Endes der Entscheidung stellen, ob Flucht oder Schicksal seine Persönlichkeit ausmachen. Dazwischen liegt McDonaghs brillantes Script, eines der besten, das ich in den letzten Jahren an neuerem Filmischen genießen durfte. Jeder Tag auf dem Weg zu seinem angekündigten Tod zeigt James Lavelle in allen möglichen Facetten auf, dass die Welt selbst in einem kleinen, provinziellen Teil Irlands einer Art von Rettung bedarf, die er niemals im Stande sein wird, zu stellen. Dabei bedarf es keiner brutalen Verbrechen oder sonstiger unmenschlicher Auswüchse; die Menschen um ihn herum haben schlicht und einfach das Liebenswürdigsein verlernt und machen, was noch schlimmer ist, keinerlei Anstalten, es sich zurückzuerobern. Lavelles Co-Pfarrer Leary ist ein rückgratloses, charakterentledigtes Weichei, Jack Brennan (Chris O’Dowd) schlägt seine Frau Veronica (Orla O’Rourke), die ihn wiederum mit dem Autoschlosser Simon (Isaach De Bankolé) betrügt, der jede Diskussion hinsichtlich möglichen Fehlverhaltens mit dem Totschlagargument rassistischer Anfeindung niederdrückt. Der Chirurg Frank Harte (Aiden Gillan) hat das Eichmaß des hippokratischen Eides längst gegen einen tiefverwurzelten Hass auf alles Menschliche eingetauscht. Dem Polizeichef Stanton (Gary Lydon) ist alles viel zu anstrengend. Der Millionär Fitzgerald (Dylan Moran) ergeht sich in einer destruktiven Mischung aus Selbsthass und Arroganz. Der alte, in der Bucht lebende Schriftsteller (M. Emmet Walsh), der einen Revolver möchte, um seine ohnehin nurmehr durch multiple Medikamenteinnahme erträglichen, letzten Tage bei Bedarf abkürzen zu können, ist da tatsächlich noch der Sympathischste. In jener schicksalhaften Woche wird die Dorfkirche abgefackelt und Vater James‘ Hund die Kehle durchgeschnitten. Er hat einen Rückfall in den Suff und prügelt sich mit dem widerspenstigen Kneipenwirt (Pat Shortt). Er sucht Hilfe beim Bischof (David McSavage) und bekommt bloß verschleierte Ratlosigkeit. Er will verschwinden und entscheidet sich dann doch dagegen, vielleicht um seiner Ehre Willen. Letzte Glaubenspfeiler bilden lediglich Tochter Fiona und die französische Witwe (Marie-Josée Croze) eines tödlich verunfallten Italieners. Dass Vater James schließlich bereit ist, die Sünden seiner vielen, übergriffigen Kollegen auf sich zu nehmen und für sie zum Märtyrer zu werden, akzeptiert am Ende auch Fiona, deren vergebende Worte gegenüber dem mittlerweile inhaftierten Mörder der Film allerdings unserer Erwartungshaltung überlässt.
Wie ich gelesen habe, sind manche Kritiker nicht mit den ironischen Subtönen des Scripts zurechtgekommen bzw. fanden sie in einem Film, über dem das Sujet „Missbrauch durch Kirchenvertreter“ schwebt, ungebührlich und unpassend. Ich bin anderer Ansicht. Gerade diese Nuancen runden McDonaghs Buch erst richtig ab; machen es lebensverwandt und am Ende umso trauriger.

9/10

FASANDRÆBERNE

Zitat entfällt.

Fasandræberne (Schändung) ~ DK/D/S 2014
Directed By: Mikkel Nørgaard

Am Abend nach einer Präsidiumsfeier stößt Carl Mørck (Nikolaj Lie Kaas) auf einen ihm unbekannten, betagten Amtskollegen (Hans Henrik Voetmann) aus der Provinz, der ihn beschwört, sein Augenmerk dem Fall zweier vor zwanzig Jahren ermordeter Internatsschüler zu widmen. Mørck ignoriert den Alten, der bald darauf mit aufgeschnittenen Pulsadern in seiner Wanne aufgefunden wird. Schuldbewusst macht sich Mørck zusammen mit Assad (Fares Fares) und ihrer neuen Sekretärin Rose (Johanne Louise Schmidt) daran, den wahren Grund für den damaligen Doppelmord aufzudecken – denn der ehedem als Täter verurteilte Bjarne Thøgersen (Kristian Høgh Jeppesen) wurde trotz bescheidener Herkunft zum einen von Dänemarks teuerstem Staranwalt (Hans Henrik Clemensen) vertreten und zum anderen schon nach einer Haftstrafe von nur drei Jahren wieder entlassen. Alles deutet darauf hin, dass Thøgersen lediglich ein gekaufter Sündenbock war und sehr viel mehr hinter dem Verbrechen steckt. Die Spur führt geradewegs zum altehrwürdigen Elite-Internat Griffenholm.

Wo Geld ist, da ist Macht. Und wo Macht ist, da lauert zwangsaläufig deren Missbrauch. Die Lektion, die „Fasandræberne“ („Fasanenmörder“) bereit hält, ist eine uralte, aber immer wieder unschöne. In einem kleinen, sozial vergleichsweise ordentlich aufgestellten Land wie Dänemark hat der Geldadel generationenlang Zeit, sich zu festigen und fettzufressen. Und nicht nur dazu: Er stellt eigene Regeln für sich auf, akzeptiert die gängigen Normen inoffiziell längst nicht mehr und kann zudem einen Großtel seiner Energie darauf verwenden, seine liebgewonnenen Perversionen zu pflegen. Zwei besonders schlimme Vertreter jener Spezies sind Ditlev Pram (Pilou Asbæk) und sein bester Freund Ulrik Dybbøl (David Dencik). Schon als Jugendliche entwickeln sie ganz spezielle Vorlieben, die zum allergrößten Teil die Grenzen der Legalität hinter sich lassen. Als Ewachsene leben sie jene Traditionen fort, ergänzt noch durch einige weitere, besonders dekdente „Privilegien“, die ihnen ihre Stellung nicht nur erlauben, sondern sozusagen standesgemäß abverlangen. Man liebt es, sich zu maskieren und Leute zusammenzuschlagen, bis sie reif für die Intensivstation sind. Exotisches Großwild wird importiert, um luxuriöse Jagdgesellschaften spannender zu gestalten. Und unliebsame, um nicht zu sagen: gefährliche Zeugen gilt es, aus dem Weg räumen zu lassen. Geld ist Macht. Und Macht ist alles. Für Mørck und Assad, die sich der verwilderten Pennerin Kimmie (Danica Curcic) annehmen, die einst nicht nur Mitschülerin von Ditlev und Ulrik war, öffnen sich im Zuge ihrer wie immer hartnäckigen Stocherei in diesem Zusammenhang Pforten zu Geheimnissen, mit denen man sich eigentlich nur äußerst ungern vertraut machen möchte. Und dennoch boxen sie sich, abermals unter Inkaufnahme diverser zusätzlicher Blessuren an Leib und Seele, durch bis zum feurigen Ende, ein gerüttelt Maß luzide vorgetragener Kapitalismuskritik inbegriffen.

8/10

LA ISLA MINIMA

Zitat entfällt.

La Isla Mínima (Mörderland) ~ E 2014
Directed By: Alberto Rodríguez

Andalusien, 1980: Während Spanien insgeheim noch immer unter der erst vor Kurzem beendeten Ära des Franquismus ächzt, geht ein Mädchenmörder im Marschland des Guadalquivir seinem blutigen Serienwerk nach. Die beiden höchst ungleichen Polizisten Juan (Javier Gutiérrez) und Pedro (Raúl Arévalo) aus der Hauptstadt Madrid werden abgestellt, um dem Täter das Handwerk zu legen. Dabei werden sie nicht allein mit den schwierigen Ermittlungen sowie der nach wie vor streng hierarchisch gegliederten Provinzgemeinschaft nebst einem anhängenden Arbeitskamp konfrontiert, sondern auch mit sich selbst: Der höchst liberal eingestellte, junge Pedro muss von einem schmierigen Journalisten (Manolo Solo) erfahren, dass Juan einst als tatkräftiges Mitglied der Guardia Civil etliche Regimegegner verhört und gefoltert hat…

Der oftmals bemühte Vergleich zwischen Alberto Rodríguez‘ sechster Regiearbeit mit insbesondere der ersten Staffel der HBO-Serie „True Detective“ hinkt keineswegs, denn konzeptionell ähneln sich beide Storys doch sehr: Zwei moralisch stark gegensätzlich geprägte Ermittler müssen über ihre Differenzen hinwegsehen, um einen pervers veranlagten Gewaltverbrecher dingfest zu machen, der seine Untaten in ruralen Gefilden mit heimlich-autokratischen Zügen begeht. So weit, so passabel. Auch der recht ordentlich geratene „Texas Killing Fields“ hat bei Rodríguez seine Spuren hinterlassen, dem ganz offensichtlich daran gelegen ist, das spanische Genrekino nicht nur auf nationaler Ebene zu stärken, sondern es auch im globalen Vergleich zu neuer Salonfähigkeit zu erheben. Man mag konstatieren, dass ihm dies weitgehend gelingt, wenngleich die nicht immer wirklich tragfähig vor sich her mäandernde Kriminalgeschichte ihre liebe Not hat, sich bis zur etwas überraschungsfreien Auflösung bei aufrechtem Zug zu bewegen. Der wirklich interessante Subplot um das politisch bedingte Spannungsfeld zwischen Juan und Pedro verharrt etwas im Behauptungsmodus, anstatt zu einer bedriedigenden conclusio zu gelangen  und auch die Nebengeschichte um den Quasi-Landvogt Don Alfonso (Alberto González) und seine streikende Arbeiterschaft wird leider bloß angerissen. So erscheint mir die eine oder andere doch klar offerierte Chance zu mehr Tiefe verpasst. Immerhin bleibt ein zufriedenstellender Krimi, der zumindest vormal die meisten „Tatort“-Folgen überschattet.

7/10

ICH SEH ICH SEH

„Wir wollen unsere Mutti.“

Ich seh ich seh ~ AT 2014
Directed By: Veronika Franz/Severin Fiala

Die Mutter (Susanne Wuest) der Zwillinge Elias (Elias Schwarz) und Lukas (Lukas Schwarz) kehrt nach einem längeren Krankenhausaufenthalt in das abgelegene Haus der Familie zurück. Während die beiden Jungen sich weiter ihren abenteuerlichen Fantasiewelten und -spielen widmen, macht sich bei ihnen schleichend der Verdacht breit, die Frau mit dem einbandagierten Gesicht sei gar nicht ihre Mutter, sondern eine fremde Person. Die für diese eigentlich ungeheure Idee sprechenden Indizien mehren sich: Die Mutter wirkt zunehmend abweisend und ungehalten, besteht auf absolute Ruhe im Haus, schränkt die Kinder ein, bestraft sie für Nichtigkeiten und scheint den schweigsameren Lukas bewusst zu ignorieren. Als sich die Situation zuspitzt, sehen die Jungen keinen anderen Ausweg mehr, als dieser mysteriösen Frau die Wahrheit mit Gewalt zu entlocken…

Verschwörungstheorien und Massenparanoia sind in Zeiten unseres multimedialen Alltags längst keine raren Phänomene mehr. Immer mehr Menschen empfinden das speziell von Politik und Hochfinanz ausgehende Fehlen von Handlungstransparenz als schiere Bedrohung und wähnen sich demzufolge als wehrlose Marionetten innerhalb für sie undurchschaubarer Kausalitätsketten. Gemäß der zumeist dem reaktionären, rechten und/oder xenophoben Lager entspringenden Realitätskonstrukte der Betroffenen gelten die gängigen Informationsmedien analog dazu als vollig obejektivitätsbefreit, stehen sie doch im Dienste eben jener höheren Mächte. Chemtrails, die Flüchtlingskrise, die islamische Weltokkupation, gezielte Börsenmanipulation, semitische Spinnennetze unter vornehmlicher Beteiligung der Rothschilds, die sukzessive Ausgrenzung Russlands aus der Globalpolitik – all das führt zu pseudoseriös auseinandergesetzten, diffusen Angst- und Panikszenarien, die vorgeblich unabhängige Informationsinstanzen wie der Kopp-Verlag sich rühmen, durch spektakuläre Kenntnislagen längst erkannt und aufgedeckt zu haben. Manch einer geht noch weiter: Demnach tarnen sich außerirdische Wesen, Reptiloide, als führende Weltbürger und ziehen unerkannt ihre Fäden aus dem Hintergrund. Die Erde sei tatsächlich eine Scheibe und sämtliche wissenschaftliche Erkenntnisse, Bilder und angebliche Forschungenserkenntnisse seit Galilei stünden lediglich im Dienste jener Strippenzieher im Hintergrund, die von langer Hand die Vernichtung des Menschengeschlechts planen. Der Weltuntergang, der totale Kollaps – er ist nicht mehr fern. Die Perfidie all dieser häufig ineinander übergreifenden Theoriegebilde liegt darin, dass ihre Apologeten Gegenargumente, und seien sie noch so stichhaltig und vernunftgeprägt, niemals gelten lassen, da sie ja durch die Bank doch bloß Ausdruck und Symbol der Verschwörer seien. Wohlmeinende Überzeugungsarbeit ist hier also zumeist nutzlos. Die hauptsächliche Gefahr dieser ansonsten eher zum Schmunzeln anregenden Kauzigkeiten offenbart sich schließlich dergestalt, dass Rattenfänger wie die Mitglieder etwa der AfD das in ihnen schlummernde Potenzial erkannt haben, in bildungstrüben wie analog dazu angstgeschwängerten Fischgewässern reichhaltige Beute machen und jene für sich profitabel vermarkten.
In der Psychiatrie kennt man konstruierte Realitäten und Gespinste im solipsistischen, persönlichen Bereich als schizophrene Persönlichkeitsstörungen oder Psychosen. Der Patient nimmt objektiv Dinge wahr, die tatsächlich nicht existieren, glaubt sich unter Umständen gar als Zielscheibe von Ränke und Intrigen. Eine der diversen Ausprägungen entsprechender Pathologien ist das Caprgras-Syndrom. Demnach ist der Betroffene der festen Überzeugung, ein bestimmter Mensch aus seinem unmittelbaren Beziehungsumfeld sei durch einen Doppelgänger substituiert worden. Dass das Capgras-Syndrom häufig in Konnexion mit anderen psychischen Erkrankungen auftritt, passt ganz vorzüglich zu dem wunderbaren „Ich seh ich seh“, einem der Filme zur Zeit, die die Dekonstruktion der Psyche auf die denkbar kleinste Schnittmenge herunterbricht. Hier steht ein von einem Schuldkomplex zerfressener, kleiner Junge im Zentrum, der einen Schutzwall aus unbewusst vervollkommneter Parallelrealität um sich herum errichtet und die Einflussnahme durch Fremdfaktoren hilfesuchend diametral deutet. Zwillinge als Träger unheimlicher Mysterien sind und waren im Genre stets dankbare Lieferanten für das ganz intime Grauen, schlag nach bei Brian De Palmas „Sisters“ oder Jee-woon Kims „Janghwa, Hongryeon“, dem Franz‘ und Fialas Film sowieso recht viel verdankt. Ob dieser sich tatsächlich als Allegorie hinsichtlich der vielen Verschwörungstheoretiker begreift, weiß ich nicht, aber zumindest der Gedanke daran gefällt mir, weil er so hübsch passt. In jedem Fall überzeugt „Ich seh ich seh“ als formal bestechendes, glasklares und sehr aufgeräumtes Spannungskino mit transgressiver Note und sollte nicht übersehen werden.

8/10

CLOWN

„I’m no clown.“

Clown ~ USA/CA 2014
Directed By: Jon Watts

Um bei der Geburtstagsfeier seines Sohnes Jack (Christian Distefano) den kurzfristig ausgefallenen Clown zu vertreten, begeht Immobilienmakler Kent McCoy (Andy Powers) einen verhängnisvollen Fehler: Kurzerhand wirft er sich in das in einer Kiste aus einem der just zu verkaufenden Häuser gefundene Clownskostüm. Nach seinem gelungen Auftritt muss Kent jedoch feststellen, dass er das Kostüm nicht mehr ausziehen kann: Die Perücke wird zu seinem neuen Haupthaar, die weiße Schminke lässt sich nicht mehr abwaschen, die rote Rundnase bleibt haften und das goldene Clownsgewand wird zur neuen, oberen Hautschicht. Zudem fängt Kent sich bald auch psychisch zu verändern an. In seiner Not macht er den alten Karlsson (Peter Stormare) ausfindig, den Bruder jenes verstorbenen Arztes, in dessen Haus Kent die Kiste mit dem Kostüm entdeckte. Karlsson will ihn nicht nur sogleich umbringen, sondern eröffnet ihm Ungeheuerliches: Kent hat sich durch das Anziehen des Kostüms zum Opfer eines uralten Dämonenfluchs gemacht. Er wird bald unstillbaren Appetit auf das Fleisch von Kindern entwickeln und erst nach dem Delektieren von fünf unschuldigen Opfern wieder erlöst werden können. Bald beginnt Kent tatsächlich, Amok zu laufen und nur seine Frau Meg (Laura Allen) kann ihn noch aufhalten – zumal er als sein letztes Opfer den kleinen Jack ins Auge fasst…

Ich fand mich gestern in der ausnehmend glücklichen Situation, nach dem ebenfalls gelungenen „The Green Inferno“ gleich noch den mich nicht minder enttäuschenden „Clown“ sehen zu dürfen; einen weiteren erfreulichen Beitrag zum modernen Horrorfilm, der zeigt, dass mit dem Genre noch immer zu rechnen sein darf und es immer noch mehr zu bieten hat als die immergleichen James-Wan-Spukhausplots mit ihren ausgeklügelten Schockeffekten, die man neudeutsch gern als „jump scares“ bezeichnet. Rein zufällig war Eli Roth in beide Projekte involviert (im vorliegenden Falle allerdings „nur“ als Co-Produzent.
„Clown“ ist ein knackiges Gattungsstück alter Schule, das ebenso mit Grimm’s Märchenden wie mit alten EC-Comics und Kurzgeschichten-Anthologien liebäugelt, das auch (und nicht allein wegen „It“) die Adaption einer frühen Story von Stephen King hätte sein mögen und sich ganz dem entsprechenden Flair verschreibt. Watts inszeniert erfreulich traditionell, verzichtet darauf, seine Regie mit exaltierten Mätzchen in den Vordergrund zu stellen und verschreibt sich ganz der horriblen Geschichte der dämonischen Okkupierung des armen Kent McCoy, der alsbald zum bösen Kinderfresser mutiert (der seltsamerweise kleine Jungs bevorzugt). Diese wenig geschmackvolle Fügung teilt der Protagonist mit einer ganzen Ahnreihe klassischer Vorbilder, die sich, eigentlich ganz gutbürgerliche Unschuldslämmer mit vielversprechender Karrierezukunft, infolge von misslungenen Experimenten, außerirdischen Sporen oder eben ordinäres Dämonen- und Geistertreiben in besessene Monster verwandeln, die zur Plage für ihr makrosoziales Umfeld werden. Dabei trifft es Kent eben besonders hart als menschliche Spielwiese für einen uralten Winterdämon, der sich als ins wesentliche Gegenteil des lustigen Zirkusclowns wie wir ihn heute kennen, entpuppt: Er muss eben alles in allem fünf Kinder vertilgen, eines für jeden Monat des Winters, wie man uns fachkundig erläutert. Und weil dies ein harter, wenngleich nicht allzu expliziter Horrorfilm ist, tut er auch genau das. Wer solcherlei Geschmacklosigkeiten verknusen kann, der wird sich als Genreapologet gut mit „Clown“ befreunden können, denn hier läuft alles nach Plan und Maß, konzentriert, sauber, mit fein-latentem Humor versetzt und ohne bemerkenswerte Störfaktoren. Fein!

8/10

DØD SNØ 2

Zitat entfällt.

Død Snø 2 (Dead Snow: Red vs. Dead) ~ NO/IS/UK/USA 2014
Directed By: Tommy Wirkola

Nachdem der immens gebeutelte Martin (Vegar Hoel) schon glaubt, er habe Oberst Herzog (Ørjan Gamst) und seine Armee von Nazi-Zombies endlich durch die Übergabe des Goldes beschwichtigt, will der zerfledderte SS-Offizier ihm gleich wieder ans Leder. Dabei kommt es zu einer verhängnisvollen Fügung – Herzog erinnert sich an seinen letzten, damaligen Auftrag, der geradewegs aus dem Führerbunker kam und will ihn jetzt nachträglich durchführen: Die komplette Auslöschung des schönen Städtchens Talvik. Martin, den alle Welt verdächtigt, seine Freunde auf dem Gewissen zu haben, bekommt derweil unfreiwillig Herzogs rechten Arm angenäht und erhält damit besondere Fähigkeiten. Gemeinsam mit drei amerikanischen Zombiekämpfer-Nerds (Martin Starr, Jocelyn DeBoer, Ingrid Haas) und der Unterstützung einer kurzerhand wiederweckten Abteilung der Roten Armee, die Herzog auf dem Gewissen hat, geht es gegen die mittlerweile um einen Tiger-Panzer aufgerüsteten Nazi-Untoten.

Nachdem Tommy Wirkola von Hollywood entdeckt wurde und dort „Hansel & Gretel: Witch Hunters“ inszenieren durfte, erinnerte er sich seiner frühen Sporen und kehrte in die alte Heimat zurück, um seiner kleinen Splatter-Komödie „Død Snø“ ein um das mehr denn vierfache Budget vergoldetes Sequel folgen zu lassen. Erfreulicherweise haben seine vormaligen Wirkungsgenossen ihn ebenso wenig vergessen wie er sie und so bietet „Død Snø 2“ ein schönes Stelldichein, dessen potenzierte Kosten sogar erfreulich sinnvoll und gut sichtbar zum Tragen kommen. Zudem hat Wirkola offenbar Einiges dazu gelernt in Übersee, denn er erweist sich als besonders in Sachen Actionsequenzen sehr beflissener Handwerker, der auch bei größerem szenischen Chaos stets den Überblick walten lässt. Zwar teilt auch der Ableger einige Schwächen mit dem Original (die ewigen „Star Wars“-Zitate einer der beiden Damen des ohnehin allzu albernen Zombie-Schlachter-Trios etwa sind nicht komisch, sondern in höchstem Maße abgestanden und ranzig), arbeitet ebenso jedoch dessen Stärken umso prägnanter heraus. Die Nazi-Zombies, diesmal ergänzt um eine Art mumifizierten Dr. Mengele (Jesper Sundnes) können heuer sogar sprechen, respektive grunzen, und Oberst Herzog entwickelt okkulte Superkräfte zwecks Rekrutierung neuer Wehrarmisten für seinen Privatfeldzug. Wer zu den nicht wenigen Zeitgenossen zählt, der sich insgeheim schon immer wünschte, dass nervige Kids politisch unkorrekterweise endlich auch mal ihr Fett abkriegen, der erhält gleich mehrere Momente zum Frohlocken und mit seiner nekrophilen Techtelmechtel zum Abschluss (die allerdings wieder mal einiger gesundverständiger Logik entbehrt, doch sei’s drum) garniert Wirkola diese Torte der Geschmacklosigkeiten mit einem finalen Sahnehäubchen. Nicht nur eine gelungene Fortsetzung somit, sondern die Ausnahme von der Regel des prinzipiell schwächeren Nachzüglers.

7/10

ESCOBAR: PARADISE LOST

„Welcome to the family.“

Escobar: Paradise Lost ~ E/F/BE/PA 2014
Directed By: Andrea Di Stefano

In Kolumbien lernt der kanadischstämmige Aussteiger und Surfer Nick (Josh Hutcherson) die hübsche Maria (Claudia Traisac) kennen. Diese offenbart sich ihrem jungen Galan bald als Nichte des Drogenbarons Pablo Escobar (Benicio Del Toro), der sich Nick schon bald als freundlicher und herzlicher Mensch präsentiert und zudem als Wohltäter für die darbende Provinzbevölkerung auftritt. Immer mehr wird Nick infolge des ihm entgegengebrachten Vertrauens bald in die tieferen Falten von Escobars Unternehmungen gezogen, die deutlich ungemütlicher sind, als es die sonnige Oberfläche vermuten lässt: Escobar ist Herr eines selbsterschaffenen Terroregimes, das kein einziges potenziell fragiles Mosaikstückchen duldet und das auf Blut und Tod errichtet ist. Als Nick klar wird, dass er selbst zu einer redundanten Schachfigur degradiert wurde, ist es für ihn bereits zu spät.

Der Ansatz des Films ist ein ganz ähnlicher wie bei Kevin Macdonalds „The Last King Of Scotland“ von vor acht Jahren: Rein zufällig gerät ein ausländischer Naivling in den Machtradius eines berüchtigten Drittwelttyrannen. Wenngleich Idi Amin und Pablo Escobar auf den ersten Blick kaum zu vergleichen sind, so lassen sich gewisse Parallelen hinsichtlich ihrer späteren Biographien, vor allem betreffs des rücksichtslosen Ausbaus und der gnadenlose Präservierung ihrer jeweiligen Einflussbereiche, kaum leugnen. Wenngleich Escobar kein Politiker war, so genoss er doch innerhalb vor allem sozial niedriggestellter Teile der Bevölkerung seines Heimatlandes eine gewisse Popularität als Vorbild; als einer, der von ganz unten gekommen war, um sich  zu einem der reichsten Männer der Welt hochzuarbeiten. Freilich diente sein soziales Engagement vor allem dem Aufbau einer funktionalen Fassade. Escobar war der Erste, der Drogenhandel in industrieller Größenordnung betrieb und auf seinem Höhepunkt an achtzig Prozent des globalen Kokainhandels beteiligt. Um sich einem aus rationaler Perspektive kaum mehr fassbaren, zwischen Megalomanie und Märchenprinz oszillierenden Großverbrecher wie ihm zu nähern, mag sich der Blick durch die naiven Augen eines unbedarften Außenseiters als hilfreich erweisen. Dennoch fand ich es gerade in Anbetracht des wie immer formidablen Benicio Del Toro schade, dass der Film lediglich fragmentarische Einblicke in die Spätphase aus Escobars Biographie gewährt, da mir scheint, die ursprünglich intendierte Geschichte büße dadurch etwas an Zugkraft und Wirkmacht ein. Dennoch würde ich Di Stefanos Film insgesamt unter „sehenswert“ subsummieren, wenngleich die große, umfassende Kinobiographie über den Monstermenschen Pablo Escobar nach wie vor aussteht.

8/10