THE CUT

Zitat entfällt.

The Cut ~ D/F/I/RU/PL/CA/TR/JO 2014
Directed By: Fatih Akin

Acht Jahre, ein Weltkrieg, ein Genozid, vier Länder, zwei Kontinente und eine lange Reise.
Die Familie des in Mardin lebenden armenischen Schmieds Nazaret Manoogian (Tahar Rahim) fällt wie viele andere 1915 den ethnischen Säuberungsaktionen der Türken zum Opfer. Nazaret wird von Frau Rakel (Hindi Zahra) sowie seinen kleinen Zwillingstöchtern Arsinée (Zein Fakhoury) und Lucinée (Dina Fakhoury) getrennt und als Zwangsarbeiter in die Wüste verschleppt. Dort wird er Zeuge des desolaten Schicksals vieler Armenier und Andersgläubiger, kommt fast um vor Hunger und Durst und soll schließlich von dem gefangenen türkischen Kleinkriminellen Mehmet (Bartu Küçükçağlayan) auf Anordnung einiger Soldaten hin die Kehle durchschnitten bekommen. Dieser bringt den Mord jedoch nicht fertig und zersticht stattdessen Nazarets Stimmbänder. Später rettet Mehmet den Schwerverletzten und bittet ihn um Vergebung. Nach langer Wanderung gelangt der nunmehr stumme Nazaret in ein unter entsetzlichen Bedingungen geführtes Flüchtlingslager vor Ra’s al-‚Ain, wo er seiner im Sterben liegenden Schwägerin (Arevik Martirosyan) wiederbegegnet, die ihn bittet, sie zu erlösen. Daraufhin gelangt Nazaret nach Aleppo und unter die Fittiche des Seifenmachers Nasreddin (Makram Khoury), der ihm Obdach und Arbeit gewährt. Nach Kriegsende erfährt Nazaret dann, dass seine beiden Töchter noch leben sollen. Die folgende Reise führt ihn über den Libanon bis nach Havanna und schließlich über Florida und Minnesota bis nach North Dakota, wo er Lucinée (Lara Heller) zu guter Letzt endlich wiedersieht.

Eine Migrantengeschichte von Hunderttausenden in den globalen Kriegsnachwehen bildet den Abschluss von Fatih Akins Trilogie „Liebe, Tod und Teufel“. Den für den Regisseur mit ungewohnt großem Aufwand und vergleichsweise gewaltiger Logistik entstandene Reisebericht darf man wohlfeil als „Weltkino“ bezeichnen, wobei andererseits die entbehrungs- und wendungsreiche Dramaturgie zu Lasten der vormals so intimen Figurenpsychologie verläuft. Während die Charaktere aus „Gegen die Wand“ und „Auf der anderen Seite“ und auch aus Akins früheren drei Filmen noch mit einem geradezu exemplarischen Persönlichkeitspolster versehen wurden und gerade ihre fein herausgeschliffenen Ecken und Kanten ihnen eine oftmals schon beängstigende Realitätsanbindung verlieh, hat derlei Intimität in „The Cut“ kaum mehr Platz. Natürlich steht der Protagonist Nazaret Manoogian im Zentrum des Geschehens und wird auch sorgsam motivatorisch unterfüttert, ihn überragt jedoch der gewaltige, teils schon monumental wirkende Charakter der historischen Einbettung. Das besonders von den Türken nach wie vor nur sehr vorsichtig und delikat angepackte Thema des systematisch durchgeführten Genozids der Osmanen an den Armeniern treibt Akin sehr viel mehr um als Hauptbelastungstopos, ebenso wie die daraus resultierenden Folgen der zwangsweisen Migration, der Flüchtlingsströme und der Versprengung und Zusammenführung von Familien. Um Zeit- und Lokalkolorit adäquat und kongenial zu präservieren, eine Herausforderung, an der der Filmemacher in formaler Hinsicht sichtlich wächst, musste Akin seine Perspektive zwangsläufig vom Individuum fort- und stattdessen zur Gesamterscheinung hinlenken, eine Gratwanderung, die sich interessant ausnimmt, ihm aber nicht immer zum Vorteil gereicht. „The Cut“ entfaltet seinen Sehenswert vor allem als historisches Kaleidoskop, das einem Vergleich etwa mit Elia Kazans Meisterwerk „America America“ allerdings nicht Stand zu halten vermag. Dabei ist er jedoch auch keinesfalls die große Enttäuschung, von der viele FeuilletonistInnen, vermutlich in Erwartung einer kammerspielartig-vollendeten Trilogieerfüllung, klagten: Fatih Akin zeigt im Gegenteil, dass er auch und selbst  in der Handhabung solch herausfordernder Projekte noch immer ein Regisseur von hohem internationalen Rang ist, wenngleich – soviel Ehrlichkeit muss dann bei aller berechtigten Schwärmerei doch sein – seine wahre Kraft an anderer Stelle reüssiert. In der vielleicht schönsten Sequenz in „The Cut“, einer sehr intimen zudem, besucht Nazaret kurz nach der Vertreibung der sieglosen Türken aus Aleppo zufällig eine Filmvorführung des mittlerweile vor Ort befindlichen Internationalen Roten Kreuzes. Projiziert an eine Hauswand und gänzlich ohne tonale Untermalung wird Chaplins „The Kid“ gezeigt. Erstmals verspürt hier ein verzweifelter Mann die Kraft der bewegten Bilder. Lachen und Weinen mit Chaplin als Tramp und Jackie Coogan als sein Adoptivsohn. Hier erfährt Nazaret auch vom Überleben seiner Töchter und schöpft somit neue Lebenskraft. Zeitlich betrachtet ist das eigentlich völlig unpassend, aber Akin konnte, vielleicht zurecht, der Versuchung nicht widerstehen. Das Kino ist frei und es darf (fast) alles.

8/10

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THE CANAL

„Horrible things happen in every old house.“

The Canal ~ IE/UK 2014
Directed By: Ivan Kavanagh

Filmarchivar David Williams (Rupert Evans), seine Frau Alice (Hannah Hoekstra) und ihr kleiner Sohn Billy (Calum Heath) ziehen in ein altes Einfamilienhaus in der Nähe eines Kanals. Nach einiger Zeit fällt David Bildmaterial in die Hände, das darauf hindeutet, dass vor über 100 Jahren in seinem Haus ein durchgedrehter Gewaltverbrecher seine Familie hingemordet hat. Zu dieser ungemütlichen Entdeckung kommt, dass David Verdachtsmomente hinsichtlich einer Affäre, der Alice mit ihrem Arbeitskollegen Alex (Carl Shabaan) nachgeht, hegt. Kurz nachdem sich jene Vermutung zur Gewissheit wandelt, erleidet David einen Blackout, während Alice verschwindet und bald darauf tot aus dem Kanal geborgen wird. David ist sich sicher, dass der böse Geist des damaligen Killers aus dem Jenseits zurückgekehrt ist, um weiter zu morden. Mysteriöse Erscheinungen und weiteres Filmmaterial erhärten diese Annahme, doch niemand glaubt David. Es gilt nun, Billy vor dem Bösen zu schützen…

Ein sehr schöner, leider wohl sehr übersehener und im positiven Sinne „kleiner“ Horrorthriller aus Irland, an dem eigentlich beinahe alles passt und der vor allem dadurch zu überzeugen weiß, dass er sich jedwede Verlockung, sich der schnöden Eindeutigkeit hinzugeben, bis über das Ende hinaus verkneift. Zudem besticht „The Canal“ durch eine sehr gemächlich angezogene, dabei stets involvierende Spannungskurve, die das Publikum praktisch permanent an die zunehmend vom Realitätsbeugung heimgesuchte Seite seines vom Schicksal übel gebeutelten Protagonisten David stellt und seine Wirklichkeit mit unserer parallelisiert. So entblättert sich nach und nach eine auf allen Ebenen betont filmisch konnotierte Reflexion über Objektivität und Subjektivität, Interpretationsbestrebungen und eben Wahrnehmungskanäle, respektive darüber, inwieweit man jenen zu trauen bereit sein sollte.
Was sich demnach zunächst wie eine eher typische Geister- und/oder Dämonengeschichte in der Tradition von wohlgelittenen Vorläufern wie „Echoes“ oder „Sinister“ ausnimmt, entblättert sich sukzessiv zu einem sehr viel mehrschichtigeren, packenden Genrestück, das auch auf formaler und dramaturgischer Ebene durchweg überzeugt. Lohnt.

8/10

PREDESTINATION

„You’re beautiful. Someone should have told you that.“ – „Well, you just did.“

Predestination ~ AUS 2014
Directed By: Michael Spierig/Peter Spierig

Das letzte große Ziel eines zeitreisenden Agenten (Ethan Hawke) besteht darin, den „Fizzle Bomber“ dingfest zu machen, einen Terroristen, der im New York des Jahres 1975 einen viele Opfer fordernden Anschlag verübt hat. Seine jüngste Spur führt den Agenten zu einem Autoren (Sarah Snook), von dem er sich, selbst als Barkeeper getarnt, nach und nach in einer Kneipe die Lebensgeschichte erzählen lässt. Jener mysteriöse Literat offenbart dem Agenten schließlich, dass er einst als Mädchen geboren wurde und später als junge Frau eine Tochter geboren hat, die dann spurlos aus dem Kinderbett verschwand und sie daraufhin eine Geschlechtsumwandlung zum Mann habe durchleiden müssen. Der Agent heuert daraufhin den Autoren an, um gemeinsam mit ihm den Fizzle Bomber, möglicherweise der Vater des verschwundenen Babys, zu verfolgen…

Das nennt man dann hilfloserweise und in Ermangelung treffenderer Attribuierungen ein „mindfuck movie“: Im Wesentlichen der Kurzgeschichte „All You Zombies“ von Robert A Heinlein folgend, berichtet „Predestination“ die hübsch komplex aufbereitete Story eines Zeitreisenden, der nicht nur irgendwann feststellen muss, dass er selbst sein eigener Widersacher ist, sondern zudem eine schweren Psychose erleidet und schließlich gewahr wird, dass er selbst zugleich seine Eltern und eines Tages sein eigener Mörder ist – ein in perfekter Autarkie beschriebener Lebenskreislauf entblättert sich. Dieses qua definitive Realitätsparadoxon, dass als Kniffe für seinen zuweilen schwindeln machenden Plot zum einen das SciFi-Motiv der Zeitreise und zum anderen das der Transsexualität inklusive sich langsam in Wohlgefallen auflösender Identitätssicherheit nutzt, wurde von den australischsstämmigen Spierig-Zwillingen in zweiter Kooperation mit Ethan Hawke (nach „Daybreakers“) inszeniert.
Die allseits berüchtigte Weise von der Problematik, die Adaption einer short story auf Spielfilmlänge zu bringen, greift auch im Falle „Predestination“ – die anfängliche Rückblendenverkettung, in der der ganz literarisch passend als „unmarried mother“ kreditierte Autor seine Biographie feilbietet, nimmt allzu viel Raum der ohnehin nicht allzu ausgedehnten Erzählzeit ein. Was man dem Film jedoch wiederum zu Gute halten kann, wäre die Tatsache, dass die Spierigs nicht versuchen, die dem der Vorlage möglicherweise unkundigen Zuschauer die finale Conclusio mit twistender Brachialgewalt um die Ohren zu hauen, sondern ihre ebenso intime wie monströse Auflösung geradezu behutsam Schicht für Schicht freilegen, bis hin zur unausweichlichen Gewissheit, dass sämtliche wesentlichen Handlungsträger (mit wenigen Ausnahmen) durchweg ein und denselben Menschen verkörpern. Ein sehenswerter, kluger Genrebeitrag somit.

8/10

THE PURGE: ANARCHY

„Motherfuck the Purge!“

The Purge: Anarchy ~ USA/F 2014
Directed By: James DeMonaco

Es ist wieder Purge-Nacht in Amerika. Im Großraum Los Angeles bilden ein paar in den Strudel der mörderischen Ereignisse geratene Individuen eine kleine Zweckgemeinschaft: Die Kellnerin Eva (Carmen Ejogo) und ihre Tochter Cali (Zoë Soul), das Pärchen Shane (Zach Gilford) und Liz (Kiele Sanchez) und der Polizist Leo (Frank Grillo) raufen sich zusammen und fliehen vor ihren Häschern durch die Nacht. Nach diversen brenzligen Situationen, in die unter anderem der blutrünstige Big Daddy (Jack Conley) verwickelt ist, geraten sie in die Hände von Kopfjägern, die sie an eine Menschenauktionatorin (Judith McConnell) weiterverschachern. In einem eigens angelegten Indoor-Minipark muss das Quintett daraufhin vor reichen Sadisten fliehen, die auf Mord aus sind. Nachdem Leo mit unerwarteter Unterstützung des Rebellen Carmelo (Michael Kenneth Williams) und seiner Leute seine kombattanten Qualitäten ausgestellt hat, können die Überlebenden fliehen und Leo sich endlich seiner privaten Agenda widmen. Er hat noch eine ganz persönliche Rechnung offen mit dem Mann (Brandon Keener), der einst betrunken seinen kleinen Jungen überfahren hat und straffrei ausgegangen ist…

„Purgen“, das ist in der deutschen Synchronfassung als Neoanglizismus ein vielfach gebrauchtes Verb, in bemühter Angleichung an die Originalversion. Dass es etwas albern klingt, ergibt sich bereits aus dem geschriebenen Terminus, passt insofern aber zu DeMonacos Weiterspinnung seiner kleinen, verlogenen Moritat um die Entsetzlichkeit jener blutrünstigen Perversion namens „Purge“, die ein zukünftiges Albtraum-Amerika heimsucht. Nun bezieht die gesamte Reihe ihr hauptsächliches Spannungspotenzial daraus, dass man, nachdem diesbezüglich jeweils hinreichend Hass und Abscheu evoziert wurden, genüsslich der Exterminierung von Sadisten, Geisteskranken und anderem, üblen Gesindel, das natürlich selbst mit Vorliebe purgt, beiwohnt, kommt einer saftigen Ad-Absurdum-Führung gleich – wer purgt, muss durchs Purgen sterben. Das ist nach DeMonacos simpler Logik nur recht und billig und prägt als hübsch perfides Paradoxon das Gesicht der recht hastig produzierten Serie. So verlogen die Moral des Ganzen, so abermals gelungen sein Tempo und die trotz des nächtlichen Settings gut ausgeleuchtete Balleraction. Zur Sache geht es hier im großen Stil und zumindest die Ausweitung auf das urbane, flächige Los Angeles und einen größeres Personen- und somit Motivations-Arsenal bekommt der gesamten Anordnung recht gut. Einen wirklich gelungenen Film sollte man jedoch auch diesmal nicht erwarten. Ist mehr was zum Durchlüften.

6/10

MUSARAÑAS

Zitat entfällt.

Musarañas (Shrew’s Nest) ~ E/F 2014
Directed By: Juanfer Andrés/Esteban Roel

Madrid in den 1950ern. Die beiden Schwestern Montse (Macarena Gómez) und Nia (Nadia de Santiago) bewohnen ein hübsches Appartment in Madrid. Montse, die ältere der beiden, leidet unter schweren Neurosen, deren Ursprünge bis weit zurück in die Vergangenheit reichen und die sich in einer schweren Angststörung und Glaubensfanatismus manifestieren: Die als Auftragsschneiderin durchaus erfolgreich arbeitende Montse traut sich nicht, auch nur einen Fuß vor die Wohnungstür zu setzen, staffiert jedoch sämtliche Räume mit christlichen Symbolen aus. Jedwede „Außengeschäfte“ erledigt die jüngere Nia, deren romantischen Kontakt zu einem jungen Mann Montse eifersüchtig aus dem Fenster mitverfolgt und immer wieder durch aggressive Ausbrüche Nia gegenüber quittiert. Eine ihrer Kundinnen, Doña Puri (Gracia Olayo) versorgt Montse regelmäßig mit einem Opiat, von dem sie längst abhängig ist. Als ein junger Nachbar, Carlos (Hugo Silva), die Treppe im Haus herunterstürzt und sich das Bein bricht, quartiert Montse ihn im Gästezimmer ein. Da der junge Mann offenbar etwas zu verbergen hat, lässt er sich Montses Pflege zunächst bereitwillig gefallen, die heimliche Darreichung der Opiumtröpfchen inbegriffen. Als Nia begreift, dass Montse Carlos nicht mehr gehen lassen wird, ist es bereits zu spät: Der Wahnsinn ergreift endgültig Besitz von ihr.

Natürlich hat „Musarañas“ einige deutliche filmische Vorbilder, die bei entsprechender Kenntnis rasch offensichtlich werden. Vor allem aus Polasnskis „Repulsion“ und Rob Reiners King-Adaption „Misery“ bezieht das reichlich kompromisslose, komplexe Schwesterndrama einen Großteil seiner motivischen Inspiration, besitzt dabei jedoch immer noch genügend Eleganz und finster dräuende Schönheit, um sich von diesen hinreichend emanzipieren zu können. Was besonders an Andrés und Roels Film begeistert, ist dessen prononcierte Verweigerung, sich an aktuelle Techniken und Formalia zu assimilieren. In langen und konzentrierten Einstellungen verharrt die komplette Erzählzeit mit Ausnahme eines Ausflugs Nias in Carlos‘ Wohnung oberhalb und einigen der immer wieder eingeflochtenen Rückblinden strikt am selben Schauplatz, dem schwesterlichen Appartment nämlich. Hier bietet sich all der benötigte Raum für die sich schleichend zum völligen Irrsinn entwickelnde Geisteskrankheit der armen Montse, die dank Macarena Gómez‘ parallel dazu überaus zerbrechlich und nuanciert gestalteten Performance niemals zu der monströsen Killerin entwickelt, die andere Filme hinter ihrer sanften Fassade längst ausgemacht hätten. Zwar geht Montse, nachdem sie einmal die Grenze zur Gewalttäterin überschritten hat, mit zunehmend barbarischem Gestus zu Werke, wirkt jedoch nie wirklich bösartig, sondern stets pathologisch. Hierin verbirgt sich gleichfalls ein möglicher Ansatz zur Kritik: der Film lässt es sich im weiteren Verlauf nämlich nicht nehmen, Montses Attacken durch schwarzhumorige Reverenzen erträglicher werden zu lassen – ob es sich hierbei um Zugeständnisse an mögliche Zensurbefürchtungen oder gar an die Stabilität des Publikums handelt, müsste weiter erörtert werden. Jedenfalls holt das (nichtsdestotrotz vorhersehbare) Ende nochmal den emotionalen Vorschlaghammer raus, haut kräftig zu damit und hinterlässt den Zuschauer in der Gewissheit, einem in jeder Hinsicht lohnenswerten, prächtigem Filmerlebnis beigewohnt haben zu dürfen.

8/10 

CALVARY

„I don’t hate you at all. It’s just that you have no integrity. That’s the worst thing I could say about anybody.“

Calvary (Am Sonntag bist du tot) ~ IE/UK 2014
Directed By: John Michael McDonagh

Pater James Lavelle (Brendan Gleeson) ist die Art von Priester, mit der, gäbe es nur solche wie ihn, die katholische Kirche ihr einstiges Renommee vermutlich niemals verspielt hätte. Ein Charakterkopf, sanft, klug, geerdet ist Vater James tatsächlich so etwas wie die gute Seele seines kleinen, irischen Küstendörfchens. Leider ist er gleichfalls auch die einzige gute Seele dort, denn seine „Schäfchen-Schar“ besteht ausnahmslos aus promisken, zynischen, altklugen, versoffenen und koksschniefenden Misanthropen, Fremdgängern und Welthassern. Zudem hat sich James‘ Tochter Fiona (Kelly Reilly) zu Besuch angekündigt, die just einen Suizidversuch nach einer abermals gescheiterten Liebesbeziehung hinter sich hat. Damit nicht genug, kündigt ein Gemeindemitglied dem Pater nach der sonntäglichen Predigt im Beichtstuhl an, dass er ihn in genau sieben Tagen töten werde. Nicht etwa, weil er etwas verbrochen hätte, sondern gerade wegen seiner beruflichen Integrität. Der designierte Mörder sei einst in Kindertagen von einem geistlichen Berufsgenossen über Jahre missbrauct und veregewaltigt worden und nun gelte es, ein Zeichen gegen die Verlogenheit der Kirche zu setzen, indem einer ihrer Vorzeige-Repräsentanten das Leben genommen werde. Die folgende Woche wird für Vater James zur vielleicht schwersten Prüfung seines Lebens.

Chronik eines angekündigten Todes: „Calvary“ ist das englische Wort für „Golgatha“, jenen Hügel vor den Stadtmauern Jerusalems also, auf dem Jesus Christus gekreuzigt wurde und zu dem er zuvor, bewährt mit Dornenkrone unter dem Gejohle der ihn marternden und bespuckenden Soldaten, sein Hinrichtungsmedium zu schleppen hatte. Pater Lavelle erlebt seine höchstpersönliche Passionsgeschichte, obgleich sein Golgtha kein Hügel, sondern ein in morgendlichen Grauschleiern liegender Atlantikstrand ist und niemand ihn auspeitscht. Dennoch muss er sich der Schlechtigkeit des Menschengeschlechts gleich in mehrerlei Ausprägung stellen und sich letzten Endes der Entscheidung stellen, ob Flucht oder Schicksal seine Persönlichkeit ausmachen. Dazwischen liegt McDonaghs brillantes Script, eines der besten, das ich in den letzten Jahren an neuerem Filmischen genießen durfte. Jeder Tag auf dem Weg zu seinem angekündigten Tod zeigt James Lavelle in allen möglichen Facetten auf, dass die Welt selbst in einem kleinen, provinziellen Teil Irlands einer Art von Rettung bedarf, die er niemals im Stande sein wird, zu stellen. Dabei bedarf es keiner brutalen Verbrechen oder sonstiger unmenschlicher Auswüchse; die Menschen um ihn herum haben schlicht und einfach das Liebenswürdigsein verlernt und machen, was noch schlimmer ist, keinerlei Anstalten, es sich zurückzuerobern. Lavelles Co-Pfarrer Leary ist ein rückgratloses, charakterentledigtes Weichei, Jack Brennan (Chris O’Dowd) schlägt seine Frau Veronica (Orla O’Rourke), die ihn wiederum mit dem Autoschlosser Simon (Isaach De Bankolé) betrügt, der jede Diskussion hinsichtlich möglichen Fehlverhaltens mit dem Totschlagargument rassistischer Anfeindung niederdrückt. Der Chirurg Frank Harte (Aiden Gillan) hat das Eichmaß des hippokratischen Eides längst gegen einen tiefverwurzelten Hass auf alles Menschliche eingetauscht. Dem Polizeichef Stanton (Gary Lydon) ist alles viel zu anstrengend. Der Millionär Fitzgerald (Dylan Moran) ergeht sich in einer destruktiven Mischung aus Selbsthass und Arroganz. Der alte, in der Bucht lebende Schriftsteller (M. Emmet Walsh), der einen Revolver möchte, um seine ohnehin nurmehr durch multiple Medikamenteinnahme erträglichen, letzten Tage bei Bedarf abkürzen zu können, ist da tatsächlich noch der Sympathischste. In jener schicksalhaften Woche wird die Dorfkirche abgefackelt und Vater James‘ Hund die Kehle durchgeschnitten. Er hat einen Rückfall in den Suff und prügelt sich mit dem widerspenstigen Kneipenwirt (Pat Shortt). Er sucht Hilfe beim Bischof (David McSavage) und bekommt bloß verschleierte Ratlosigkeit. Er will verschwinden und entscheidet sich dann doch dagegen, vielleicht um seiner Ehre Willen. Letzte Glaubenspfeiler bilden lediglich Tochter Fiona und die französische Witwe (Marie-Josée Croze) eines tödlich verunfallten Italieners. Dass Vater James schließlich bereit ist, die Sünden seiner vielen, übergriffigen Kollegen auf sich zu nehmen und für sie zum Märtyrer zu werden, akzeptiert am Ende auch Fiona, deren vergebende Worte gegenüber dem mittlerweile inhaftierten Mörder der Film allerdings unserer Erwartungshaltung überlässt.
Wie ich gelesen habe, sind manche Kritiker nicht mit den ironischen Subtönen des Scripts zurechtgekommen bzw. fanden sie in einem Film, über dem das Sujet „Missbrauch durch Kirchenvertreter“ schwebt, ungebührlich und unpassend. Ich bin anderer Ansicht. Gerade diese Nuancen runden McDonaghs Buch erst richtig ab; machen es lebensverwandt und am Ende umso trauriger.

9/10

FASANDRÆBERNE

Zitat entfällt.

Fasandræberne (Schändung) ~ DK/D/S 2014
Directed By: Mikkel Nørgaard

Am Abend nach einer Präsidiumsfeier stößt Carl Mørck (Nikolaj Lie Kaas) auf einen ihm unbekannten, betagten Amtskollegen (Hans Henrik Voetmann) aus der Provinz, der ihn beschwört, sein Augenmerk dem Fall zweier vor zwanzig Jahren ermordeter Internatsschüler zu widmen. Mørck ignoriert den Alten, der bald darauf mit aufgeschnittenen Pulsadern in seiner Wanne aufgefunden wird. Schuldbewusst macht sich Mørck zusammen mit Assad (Fares Fares) und ihrer neuen Sekretärin Rose (Johanne Louise Schmidt) daran, den wahren Grund für den damaligen Doppelmord aufzudecken – denn der ehedem als Täter verurteilte Bjarne Thøgersen (Kristian Høgh Jeppesen) wurde trotz bescheidener Herkunft zum einen von Dänemarks teuerstem Staranwalt (Hans Henrik Clemensen) vertreten und zum anderen schon nach einer Haftstrafe von nur drei Jahren wieder entlassen. Alles deutet darauf hin, dass Thøgersen lediglich ein gekaufter Sündenbock war und sehr viel mehr hinter dem Verbrechen steckt. Die Spur führt geradewegs zum altehrwürdigen Elite-Internat Griffenholm.

Wo Geld ist, da ist Macht. Und wo Macht ist, da lauert zwangsaläufig deren Missbrauch. Die Lektion, die „Fasandræberne“ („Fasanenmörder“) bereit hält, ist eine uralte, aber immer wieder unschöne. In einem kleinen, sozial vergleichsweise ordentlich aufgestellten Land wie Dänemark hat der Geldadel generationenlang Zeit, sich zu festigen und fettzufressen. Und nicht nur dazu: Er stellt eigene Regeln für sich auf, akzeptiert die gängigen Normen inoffiziell längst nicht mehr und kann zudem einen Großtel seiner Energie darauf verwenden, seine liebgewonnenen Perversionen zu pflegen. Zwei besonders schlimme Vertreter jener Spezies sind Ditlev Pram (Pilou Asbæk) und sein bester Freund Ulrik Dybbøl (David Dencik). Schon als Jugendliche entwickeln sie ganz spezielle Vorlieben, die zum allergrößten Teil die Grenzen der Legalität hinter sich lassen. Als Ewachsene leben sie jene Traditionen fort, ergänzt noch durch einige weitere, besonders dekdente „Privilegien“, die ihnen ihre Stellung nicht nur erlauben, sondern sozusagen standesgemäß abverlangen. Man liebt es, sich zu maskieren und Leute zusammenzuschlagen, bis sie reif für die Intensivstation sind. Exotisches Großwild wird importiert, um luxuriöse Jagdgesellschaften spannender zu gestalten. Und unliebsame, um nicht zu sagen: gefährliche Zeugen gilt es, aus dem Weg räumen zu lassen. Geld ist Macht. Und Macht ist alles. Für Mørck und Assad, die sich der verwilderten Pennerin Kimmie (Danica Curcic) annehmen, die einst nicht nur Mitschülerin von Ditlev und Ulrik war, öffnen sich im Zuge ihrer wie immer hartnäckigen Stocherei in diesem Zusammenhang Pforten zu Geheimnissen, mit denen man sich eigentlich nur äußerst ungern vertraut machen möchte. Und dennoch boxen sie sich, abermals unter Inkaufnahme diverser zusätzlicher Blessuren an Leib und Seele, durch bis zum feurigen Ende, ein gerüttelt Maß luzide vorgetragener Kapitalismuskritik inbegriffen.

8/10