JUNGLE

„We’re nothing. We’re a joke. God fucked up.“

Jungle ~ AUS/COL 2017
Directed By: Greg McLean

Bolivien, 1981: Den jungen, israelischen Aussteiger Yossi Ghinsberg (Daniel Radcliffe) zieht es in die grüne Weite Südamerikas. Hier begegnet er neben zwei guten Freunden, Marcus Stamm (Joel Jackson) und Kevin Gale (Alex Russell), die wie Yossi selbst Alternativen zur westlich geprägten Alltagskultur suchen, bald auch dem Österreicher Karl Ruprechter (Thomas Kretschmann), der besonders Yossi mit Geschichten über unerforschte Pfade durch den Amazonas-Dschungel fasziniert. Dieser überredet Marcus und Gale, gemeinsam mit Karl eine mehrtägige Wanderung durch schlecht kartographiertes Urwaldgebiet zu unternehmen. Der anfänglich vergnügliche Trip endet bald in offenem Streit, als Marcus sich den physischen Herausforderungen der Reise nicht gewachsen zeigt, Yossi und Kevin jedoch nicht abbrechen wollen. Die beiden planen, per Floß auf dem Tuichi-Fluss weiterzureisen. Man trennt sich einvernehmlich, doch schon bald scheitern Yossi und Kevin an unpassierbaren Stromschnellen. Während Kevin zufällig von Einheimischen gefunden und zurückgebracht wird, verirrt sich Yossi immer tiefer im Dschungel. Sein Freund setzt jedoch alles daran, ihn zurückzubringen…

Der ansonsten eher für die eine oder andere deftige Gewalteruption bekannte Australier Greg McLean beschreitet mit dem ansehnlichen Abenteuerdrama „Jungle“ bislang von ihm unausgetretene Pfade. Film und Script nehmen sich einer authentischen Episode im Leben des umtriebigen Weltenbummlers Yossi Ghinsberg an, der seine Erlebnisse in einem Buch niedergeschrieben hat. Das Resultat ist eine involvierende Survival-Story mit einem unerwartet tollen Daniel Radcliffe, der die ungeheuren Erlebnisse und Entbehrungen des de facto zum Tode verurteilten Ghinsberg kongenial zu vermitteln versteht. Was der von seiner Arroganz besiegte Mann da auszuhalten hatte, bannt McLean andererseits vorzüglich in bewegte Bilder: Das sukzessive Versagen der Körperkraft, die Notwendigkeit, Dinge zu tun und zu essen, die nur ein gänzlich Verzweifelter in Betracht ziehen kann, der schleichende Verlust des Geistes und der Psyche, Halluzinationen, Todesangst und schließlich Todessehnsucht, das sichere Ende unentwegt vor Augen. Dass Kevin Gales unermüdliche Suche nach seinem Freund schließlich – und sozusagen auf den allerletzten Drücker – von Erfolg gekrönt ist, kommt einem Wunder gleich.
Für „Jungle“ wurden dem Vernehmen nach einige Details und Fakten verändert und geglättet, wohl, um die filmische Dramaturgie etwas kontinuierlicher gestalten zu können. Die wesentlichen Elemente von Ghinsbergs Überlebenskampf dürften jedoch unverändert belassen worden sein; umso nachvollziehbarer und vereinnahmender sein Martyrium. Ganz gut gefallen hat mir außerdem, dass der Film trotz diverser sich bietender Gelegenheiten zu keinem Zeitpunkt der an sich naheliegenden Versuchung stattgibt, den Dschungel als menschen- und zivilisationsfeindliche Hölle zu denunzieren, sondern vielmehr den von der Bequemlichkeit der Domestizierung ausgehenden Drang, sich auch die letzten Geheimnisse der Erde untertan machen zu wollen, in den Kritikfokus nimmt. Man fühlt und leidet zwar mit Yossi Ghinsberg, allerdings ohne jemals wirklich Mitleid mit ihm zu haben. Vielleicht das größte Verdienst dieses sehenswerten Films.

7/10

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MARROWBONE

„Nothing,… nobody will separate us.“

Marrowbone (Das Geheimnis von Marrowbone) ~ E 2017
Directed By: Sergio G. Sánchez

1969 kommen die schwerkranke Rose Fairbairn (Nicola Harrison) und ihre vier Kinder Jack (George McKay), Billy (Charlie Heaton), Jane (Mia Goth) und Sam (Matthew Stagg) auf das abgelegene, leerstehende und insofern stark vernachlässigte Familiengut Marrowbone an der Küste Neuenglands. Die Familie ist auf der Flucht vor Simon (Tom Fisher), Roses Ehemann und Vater der Kinder, einem mehrfachen Raubmörder und Schwerkriminellen, der auf der britischen Insel sein Unwesen getrieben hat, dort verurteilt wurde und aus dem Gefängnis geflohen ist. Zudem hat Rose die Reste von Simons Beutezügen in ihrem Besitz. Die vier Kinder lernen die liebenswerte Allie (Anya Taylor-Joy) kennen, ein Mädchen aus der Nachbarschaft, und verbringen mit ihr einen fröhlichen Sommer. Die Idylle trübt sich, als Rose an ihrer Krankheit stirbt und Jack, der noch nicht 21 ist, inoffiziell für seine drei Geschwister sorgen muss. Im Haus scheint ein Geist umzugehen, der hinter den Spiegeln wohnt. Allie, in die sich Jack verliebt hat, sieht er mittlerweile nurmehr selten und der auf ihn eifersüchtige und geschäftlich erfolglose Notar Porter (Kyle Soller) versucht, Jack um das Diebesgut seines Vaters zu erpressen. Ein brieflicher Hilferuf von Jane konfrontiert Allie schließlich mit der unfassbaren Wahrheit um Marrowbone House.

Dass Sergio G. Sánchez, dessen gelungenes Langfilm-Regiedebüt „Marrowbone“ darstellt, einst das Script zu J.A. Bayonas „El Orfanato“ verfasst hat, lässt sich im Zuge der Betrachtung des vorliegenden Werks recht umweglos nachvollziehen. Auch „Marrowbone“ gibt sich geradezu musterexemplarisch darin, eine mysteriöse, spannende Grundstimmung aufzubauen und diese auch über weite Strecken erfolgreich zu tragen. Als strikt zeitgebundenes period piece [in einer Szene erlebt Jack auf dem Fernseher einer Krämerin (Laura Brook) zufällig die Mondlandung von Apollo 11 mit], dessen entrückte, oftmals märchenhaft wirkende Atmosphäre wiederum überall ein Plätzchen finden würde – außer in der Gegenwart, findet der Film just in der gezielten Evozierung von Irrealis, Mysterium und Unzuverlässigkeit zu seiner besonderen Stärke. Ziemlich grandios auch die Idee, die asturische Küste Nordspaniens als Drehort-Substitut für Neuengland zu nutzen und den regionalen Überbau damit nochmals zusätzlich zu verwirren. Schließlich geht es in „Marrowbone“ zuallererst um Trugbilder, um imaginierte Wirklichkeit und, letzten Endes, um eine aus höchster Not heraus geborene, schwere psychische Störung. Dieser Conclusio arbeitet von Beginn an gewissermaßen alles in und an dem Film zu, so dass ein am Ende glücklicherweise logisch tragfähiges, sorgfältig ausgearbeitetes Realitätskonstrukt entsteht, dessen finale Darlegung (zugegebenermaßen erinnert der unumgängliche twist relativ stark an jenen aus „Shutter Island“ und ähnliche narratologische filmische Finten) dann alle zuvor vollzogenen Andeutungen Richtung Geisterspuk Lügen straft.
Wie ja eigentlich jeder Genrefilm blickt auch „Marrowbone“ somit auf eine lange, traditionsreiche Genealogie zurück. Ich musste etwa häufig an „Psycho“ denken und sein damals noch völlig frisches, brillantes Konzept, den Zuschauer unbewusst mit zwei Realitätsebenen zu konfrontieren – nämlich der (unbewusst verzerrten) von Norman Bates und der perspektivisch sehr viel „objektiveren“ von Lila Crane und Sam Loomis, die investigativ Marions Spur folgen, gegen Ende, quasi stellvertretend für den Rezipienten, beide Wahrnehmungskanäle zusammenführen und den „falschen“ damit auflösen. „Marrowbone“ verfährt nach einem ganz ähnlichen Prinzip und wird seine Vorbilder dabei bewusst in hohen Ehren halten. Dass am Ende zumindest ein großer Sieg für die Liebe steht, macht Sánchez‘ Film nochmals ein Quäntchen schöner.

8/10

D’APRÈS UNE HISTOIRE VRAIE

Zitat entfällt.

D’Après Une Histoire Vraie (Nach einer wahren Geschichte) ~ F/BE/PL 2017
Directed By: Roman Polanski

Nach dem unerwarteten, riesigen Erfolg ihres stark autobiographisch gefärbten Debütromans fällt die Pariser Autorin Delphine Dayrieux (Emmanuelle Seigner) in ein kreatives Loch: Unter dem gewaltigen Lieferdruck, dem sie sich infolge ihrer Verlegerin Karina (Josée Dayan), ihres als Literaturkritiker tätigen Lebenspartners François (Vincent Perez), vor allem aber ihrer Leserschaft ausgesetzt sieht, fühlt sich Delphine zunehmend ausgelaugt und depressiv. Die anonymen und sehr persönlich verfassten Briefe einer aggressiven Kritikerin, die Delphine seit Jüngstem erhält, erweisen sich in diesem Zusammenhang als nicht eben hilfreich. Da begegnet ihr die jüngere Elle (Eva Green), die sich Delphine zunächst als eine Art Alltagsfaktotum andient, der erschöpften Frau zugleich jedoch in beinahe jeder Hinsicht immer näher kommt: Sie übernimmt Delphines Korrespondenz und ihre Alltagsgeschäfte, pflegt sie, als sie krank wird, gibt sich schließlich sogar als ihre Doppelgängerin aus. Elles oftmals grenzwertige biographische Erzählungen liefern Delphine schließlich das Thema für ihr nächstes Buch. Doch Elle fühlt sich verkauft…

Literatur im Allgemeinen, das Wesen und der Wert von Büchern, schließlich das prosaische Handwerk selbst und seine Urheberschaft ziehen sich als mittlerweile fest etablierter Themenkomplex durch Polanskis Spätwerk.
In dieser Adaption eines nur kurz zuvor veröffen der Romancière Delphine de Vigan geht es um die Schaffenskrise einer kurz zuvor kometenhaft erfolgreich gewordenen Autorin, die durch ein unglückliches Zusammentreffen aus Erschöpfung, Druck und Einsamkeit eine sich durch Persönlichkeitsspaltung äußernde Psychose entwickelt. Elle mit ihrem betont allgemeingültigen Namen, ihrer scheinbaren inneren und äußeren Perfektion, erweist sich, daran lässt der Film keinen Zweifel, schon bald als Trugbild, als Projektionsfläche von Delphines Wünschen und Nöten. In der fiktiven Elle manifestiert sich zunächst eine herbeifabulierte, beste Freundin, später noch eine Sekretärin und Gehilfin, die im Laufe des sich intensivierenden Kennenlernprozesses der beiden Frauen jedoch immer mehr Schattenseiten offenbart: sie wird besitzergreifend, herrisch und dominant, identifiziert sich zusehends mit Delphine und versucht schließlich offenbar, ihre Identität komplett zu übernehmen und das „Original“ dafür durch einen schleichenden Vergiftungsprozess aus der Welt zu tilgen. Bevor Delphine also ihr nächstes Werk in Angriff nehmen kann, heißt es, Elle – und damit ihre eigene, psychische Erkrankung – durch eine waghalsige Radikalkur wieder loszuwerden.
Auch der Wahnsinn, die unmerkliche Identifikation mit Trugbildern und der damit einhergehende, kriechende Realitätsverlust sind Polanski-Topoi seit seinem zweiten Langfilm „Repulsion“. „D’Après Une Histoire Vraie“, dessen Scriptadaption der Meister zusamen mit Olivier Assayas verfasst hat, steht also in einer langen, autoreferenziellen Tradition. Allerdings merkt man dem trotz seiner 85 Jahre noch immer völlig auf der Höhe befindlichen Regisseur an, dass er von grellen Überzeichnungen, wie sie etwa seinerzeit noch im Zuge von „Le Locataire“ fest zu seiner stilistischen Signatur gehörten, nunmehr absieht. Polanskis jüngstes Werk, das trotz seiner neuerlichen personellen Beschränkung und einer deutlich erkennbaren Strenge im Hinblick auf Ort und Zeit wiederum um Einiges konzilianter daherkommt als zuvor noch „La Venus À La Fourrure“, zeugt sehr viel mehr von der Gelassenheit, mit der der Filmemacher es sich mittlerweile leistet, ein solches, durchaus forderndes Sujet umzusetzen. Von Amerika indes entfernt sich Polanski, der ja sowieso noch nie ein amerikanischer Filmemacher war, im Alter scheinbar immer noch weiter. „D’Après Une Histoire Vraie“ lässt sich vielmehr umweg- und problemlos als klassischer „französischer“ Film einordnen, mit aller dementsprechender Konsequenz.

8/10

DER HAUPTMANN

„Wir sind auf Sonderseinsatz. Vollmacht von ganz oben.“

Der Hauptmann ~ D/F/PL 2017
Directed By: Robert Schwentke

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs schlägt sich der desertierte Landser Willi Herold (Max Hubacher) durch das nordwestliche Westfalen. Durch Zufall gelangt er an die aufgegebene Habe eines Luftwaffenhauptmanns, verkleidet sich entsprechend und behauptet fortan allerorts, er sei ein vom Führer persönlich eingesetzter Inspektor zur Überwachung und Kontrolle der Truppenmoral. Sein Weg führt ihn und einige, die sich ihm willfährig anschließen, bis in ein Gefangenenlager im Emsland, über das er sich widerstandslos die Kontrolle aneignet. In den nächsten Tagen lässt Herold im Lager und in der Umgebung zahlreiche Menschen hinrichten.

Die authentische Geschichte des Hochstaplers Willi Herold zeigt symbolhaft auf, wie obrigkeitshörig und gleichermaßen verblendungsaffin die Deutschen selbst in der defätistischen Endphase des Krieges noch waren. Für seine ebenso faszinierende wie gräuliche Zusammenfassung jener Ereignisse, die einen zumindest augenscheinlich künstlerisch versierteren Regisseur zeigt als sich aus seinem bisherigen Œuvre schließen lässt, wählt Robert Schwentke die Evokation einer apokalyptischen, dehumanisierten Atmosphäre des dräuenden Untergangs. Das extrem kontrastscharfe Schwarzweiß seiner Bilder (Florian Ballhaus) verstärkt dieses offensichtliche Ansinnen nochmals und lässt keinerlei Zweifel daran, dass der allgemeine Werteverlust sich bis tief in die Innereien des hier auftretenden Personals vorgegraben hat. Die Psychologisierung Herolds mag dabei die eines typischen Faschisten abgeben; Schwentke meinte ja, dass es ihm dezidiert darum ging, aus Täterperspektive zu berichten – etwas, was der Deutsche Film bislang, wenn überhaupt einmal gegenständlich gemacht, kläglich vernachlässigt habe. Anders aber als Theodor Kotullas „Aus einem deutschen Leben“, der seine Hauptfigur Rudolf Höß/Franz Lang als spießiges, obrigkeitshöriges, kritikloses und funktionales Rädchen im Mahlwerk der bestialischen Vernichtungsbürokratie porträtiert, lässt sich Willi Herold vielleicht gar als noch diabolischer bezeichnen; als fliehender Feigling nutzt er die ungeheure Gunst des Zufalls, sich in jenes System zurückzuarbeiten, das er just zuvor noch in panischer Angst um sein kärgliches Leben verraten hat. Wie seine historischen und literarischen Vorfahren, von Wenzel Strapinski bis Friedrich Wilhelm Vogt, nutzt Herold die Attribute des Blenders, für die stets vor allem die nach uniformierter Autorität gierende, deutschtümelnde Seele empfänglich zu sein scheint, pervertiert jedoch anders als diese die naive Anfälligkeit seiner Mitmenschen den Selbstzweck bis hin zur Miniatur-Tyrannei und legt somit den beständigen Blutdurst des bereits im Sterben liegenden Faschismus in all seiner breiten Menschenverachtung bloß. Ganz vortrefflich insofern der Epilog, der das Ensemble in seinen Wehrmachtsuniformen im urbanen Jetzt paradieren lässt und damit den innerhalb eines neuen Films zu diesem Thema unerlässlichen Gegenwartsbezug herstellt.

8/10

HAGAZUSSA

„Um den Glauben einer aufrechten Gemeinde zu stärken, braucht es der strengen Bereinigung aller frevelhaften Dinge.“

Hagazussa ~ AT/D 2017
Directed By: Lukas Feigelfeld

Die österreichen Alpen im Spätmittelalter: Die kleine Albrun (Celina Peter) lebt allein mit ihrer Mutter (Claudia Martini) ein einsames, ereignisloses Leben in einer kärglichen Berghütte. Als die Mutter infolge einer seuchenartigen Krankheit verstirbt, steht Albrun schließlich ganz allein da. Jahre später hat sie, als mittlerweile erwachsene, schweigsame Frau (Aleksandra Cwen) eine eigene kleine Tochter, von der sie selbst nicht recht zu wissen scheint, wer der Vater ist. Albruns Tagesgeschäft besteht im Hüten und Melken ihrer paar Ziegen. Bei der verstreuten Nachbarschaft ist sie als Heidin und Hexe verschrieen und selbst das, was sich in Person der sich sympathisch gebenden Swinda (Tanja Pertovsky) als mögliche Freundschaft offenbart, findet sich bald brutal entwertet. Für die nun noch frustriertere Albrun bedeutet dies den letzten Schritt in die psychische Isolation.

Lukas Feigelfelds Abschlussfilm an der DFFB fügt dem deutschsprachigen Genrekino nichts Geringeres denn eines seiner schönsten, jüngeren Kleinode hinzu.
Die notorische Tatsache, dass die Alpen und ihre wortwörtliche topographische Undurchsichtigkeit Geheimnisse bergen, die genau solche besser bleiben, zählt seit jeher zu den Weisen des finsterer angehauchten Heimatfilms und wurde später von Regisseuren wie Argento, Ralf Huettner oder Georg Tressler für ihre oftmals mysteriös erscheinenden Arbeiten wohlfeil genutzt. Auch genreträchtige Coming-of-Age-Storys wie „Carrie“ oder jüngst „The VVitch“ erleben ihre von viel filmemacherischer Zuwendung geprägte Reverenz.
Feigelfelds Film sieht sich bewusst jener durchaus klassizistischen, gotischen Genealogie zugehörig. Er stößt tief in die von Irrationalität und Urangst geprägte Vergangenheit zurück, als just hier, fernab von der Bildung und Beurkundung von Stadtgemeinschaften, Hexenwahn und Aberglaube, aber auch Paganismus und Heidentum im übermächtigen Schatten der Kirche für fatale Schicksalswendungen sorgen konnten. Die Biographie der armen Albrun entspricht einem lebenslangen Albtraum. Zu ihrer ohnehin von lokaler Abgeschiedenheit geprägten Existenz, die keinerlei Abwechslung oder intellektuelle Herausforderung beinhaltet, gesellt sich noch die soziale Ausgrenzung durch die umliegend lebende Nachbarschaft. Ihr Baby könnte, wie möglicherweise sie selbst, das Kind des hiesigen Geistlichen (Haymon Maria Buttinger) sein; jedenfalls gibt es entsprechende Hinweise. Da das Unaussprechliche unaussprechlich zu bleiben hat, wachsen Tratsch, Verachtung und Ausgrenzung sogar noch weiter an. Eine gezielt geplante und herbeigeführte Vergewaltigung führt Albrun schließlich über die letzte Klippe der geistigen Gesundheit: Sie vergiftet mittels einer toten Ratte die örtliche Wasserzufuhr und riskiert somit eine Pestepidimie, schließlich nimmt sie halluzinogene Pilze zu sich, etränkt ihr Baby und verbrennt sich im finalen Wahn – das ehedem legitime Schicksal einer Hexe, zu der sie sich, forciert durch die inneren und äußeren Umstände, am Ende selbst gemacht hat.
Diese gleichermaßen traurige wie schwarzromantische Geschichte erzählt Feigelfeld in kontemplativen, hypnotischen und symbolbeladenen Bildern der urwüchsigen Landschaft, in der sie spielt. Es gibt lediglich kargste Dialogpassagen, die zwangsläufige Inwendigkeit der Geschehnisse gipfelt, getragen von der hypnotischen Begleitmusik (Mmmd) mehr und mehr in Ellipsen und Surrealismus, die in dieser Kombination an Werner Herzogs beste Zeiten erinnern.
Gewiss kein Film für den schnellen Verzehr, aber im Gegenzug einer, der sich eingräbt und bleibt und der hoffentlich noch viele dedizierte Liebhaber finden wird. Junges, frisches und nachhaltiges Kino zum Angewöhnen.

8/10

REVENGE

Zitat entfällt.

Revenge ~ F/BE 2017
Directed By: Coralie Forgeat

Ihr Wellness-Wochenende hatte sich das Millionärsliebchen Jen (Matilda Lutz) geflissentlich anders vorgestellt: Dass ihr Galan Richard (Kevin Janssens) etwa zeitgleich zwei gewöhnungsbedürftige Kumpel (Vincent Colombe, Guillaume Bouchède) in seinem Luxusbungalow inmitten der kalifornischen Wüste zum Jagen eingeladen hatte, kommt ebenso überraschend wie eine brutale Vergewaltigung durch einen von den beiden am Morgen nach einer alkohol- und drogengeschwängerten Nacht. Anstatt von Richard den erhofften Beistand zu erhalten, will dieser sich Jens Schweigen erkaufen und reagiert umso barscher auf ihre Zurückweisung. Die nachfolgende, kurze Jagd hat vermeintlich Jens Tod zur Folge, doch die junge Frau erweist sich als wesentlich zäher als der Durchschnittsmensch und geht zum Gegenangriff über.

Die wesentlichen Unterschiede zwischen „Revenge“ und Meir Zarchis großem Klassiker „I Spit On Your Grave“ sowie dessen kaum überschaubarer Epigonenzahl bestehen darin, dass dieser jüngste Spross des „Rape & Revenge“-Subgenres von einer Frau inszeniert wurde, darin, dass er vor dem Hintergrund der Ära #metoo entstanden ist und schließlich darin, eine hochstylisierte, schicke Inszenierung mit einem latent-hyperrealen Augenzwinkern zu kombinieren. Dass Forgeat ganz gewiss kein Lustobjekt für Sadovoyeure zu schaffen gedachte, lässt sich daraus bereits genügsam folgern, eine Transzendierung der Gattung gibt’s noch obendrein. Die durchaus selbstbewusste, sich an Reichtum und sexueller Potenz ihres Liebhabers Richard, seines Zeichens vorgeblich steinreicher Gesellschaftslöwe und Familienvater, aber innendrin von perversester Dekadenz geschwärzt, mästende Jen wird gleich zweimal unfreiwillig penetriert: Zunächst durch Richards schmierigen Jagdfreund Stan (Colombe) und dann noch von einem knorrigen Wüstengeäst, auf dem sie, aus großer Höhe fallend, aufgespießt wird. Doch der Wunsch nch Rache ist stark in ihr und so gelingt es Jen, selbst dieser hoffnungslosen Situation zu entkommen und sich hartnäckig zur Wehr zu setzen, am Ende sogar gegen den metamaskulinen Mannesalbtraum Richard, der gewissermaßen das Böse aller Harvey Weinsteins dieser Welt in sich vereint. Audiovisuell langt das für einen sonnenlichtdurchfluteten Hardcore-Rächerinnenfilm, dem es weniger darum geht, seine lange Ahnengalerie zu ergänzen, sondern der mir tatsächlich vielmehr so etwas wie die Versuchsanordnung eines feministischen Freischwimmers zu sein scheint.
Da Forgeat ihr Anliegen vergleichsweise geschickt unterbringt, bei aller grundsätzlich generöser Gesinnung dennoch ordentlich holzt und zumindest in der Aufwändung von Kunstblutgallonen prasst, wie es einem Film dieser Art grundsätzlich zukommt, hat sie meinen Segen.

7/10

GHOST STORIES

„We have to be very careful what we choose to believe.“

Ghost Stories ~ UK 2017
Directed By: Jeremy Dyson/Andy Nyman

Der aus strenggläubigem jüdischen Elternhause stammende Professor Goodman (Andy Nyman) widmet sein Lebenswerk der Aufdeckung angeblicher Hellseher, Medien und anderer pseudoparpsychologischer Neppereien. Als er eines Tages eine Einladung seines großen Vorbilds Charles Cameron erhält, der mittlerweile ein desolates Leben als Einsiedler in einem Wohnwagen führt, erhält Goodmans stabiles Weltbild einen empfindlichen Dämpfer. Cameron konfrontiert ihn nämlich mit drei Fällen, die ihn selbst in die Verzweiflung trieben: Der Nachtwächter Tony Matthews (Paul Whitehouse) hatte einst eine erschütternde Begegnung mit einem Geistermädchen; der verschrobene Teenager Simon Rifkind (Alex Lawther) ist nachts im Wald einem Dämon begegnet und der superreiche, zynische Unternehmer Mike Priddle (Martin Freeman) musste gleichzeitig mit einem Poltergeist und mit dem Kindbetttod seiner Frau fertigwerden. Bevor Godman, der sich unterdessen selbst von einer finsteren Gestalt verfolgt wähnt, all diese Geschehnisse weiterleugnen kann, wird er selbst sich einer furchtbaren Wahrheit bewusst…

Dieser hübsche britische Genrebeitrag erfindet die Linsensuppe nicht neu, kann als kleine Reminszenz an die alten Amicus-Episodenfilme, der einen stilistischen Schulterschluss mit den jüngeren Blumhouse-Franchises sucht, jedoch recht gut bestehen. Es gibt eine ganze Stange mehr oder weniger wirksamer jump scares, die der ansonsten gediegenen Inszenierung regelmäßige Antriebsschübe verschaffen und die auf einen sich letzten Endes als relativ hausbackene Auflösung erweisenden, sich als nachhaltig von „Jacob’s Ladder“, „The Usual Suspects“ und „Shutter Island“ beeinflusst zeigenden twist der sonderbaren Ereignisse hinarbeiten. Wie die allermeisten Omnibus-Horrorfilme unterliegt dabei freilich auch „Ghost Stories“ dem unweigerlichen Gesetz der sukzessiven Steigerung seiner Einzelgeschichten, gestattet dem Zuschauer jedoch parallel dazu, sein persönliches Lieblingssegment zu küren. Mir gefiel am besten die mittlere Episode, da diese nicht nur mit einem veritablen Höllenbewohner (einige Inhaltsangaben sprechen gar vom Gehörnten persönlich, wofür ich jedoch keinen hundertprozentig verifizierbaren Anhaltspunkt ausmachen konnte) kokettiert, sondern zudem noch schön mysteriös, rätselhaft und mit aufreizend losen Enden aufwartet. Im Vergleich dazu fällt der nachfolgende Fall mit und um Martin Freeman, dem als prominentestem der besetzten Darsteller für den Rest des Films eine Art „Host“-Funktion zugedacht wird, in meiner Wahrnehmung wieder etwas ab. Ein wenig nachlässig in ihrem Aufbau erschien mir zudem die Psychologisierung des Protagonisten, über dessen persönliche Disposition und Motivationslage trotz emsiger, narrativer Bemühungen keine wirkliche Klarheit entstehen mochte. Vielleicht ist die Rahmenhandlung auch ganz einfach genau das eine, letztlich redundante Gran Zuviel des Guten. Eine grundsolide, altmodische Spukweise um einen Rationalisten, der das Fürchten lernt, scheint heutzutage scheint’s einfach nicht mehr ausreichend inhaltliche Erdung abzuwerfen. Schade drum, eigentlich.

7/10