BOAR

„They’re all dead!“

Boar ~ AUS 2017
Directed By: Chris Sun

Ein gewaltiger Keiler, der auf alles los geht, was sich bewegt, macht den australischen Outback unsicher. Selbst die härtesten Typen scheitern an ihm. Es bedarf erst dreier tapferer Frauen (Simone Buchanan, Christie Lee-Britten, Melissa Tkautz), um das Riesenvieh in die Schranken zu weisen.

Von räudigen Schweinen und reanimierter Ozploitation: Gern hätte ich frohgemut verkündet, dies sei der bessere „The Meg“ – leider ist er es nicht.
„Boar“, der vierte Film des australischen Horrorauteurs Chris Sun, bildet erwartungsgemäß eine kleine Hommage an Russell Mulcahys 35 Jahre alten „Razorback“, freilich ohne dessen visuelle Kraft und delirierende Atmosphäre und stattdessen offenkundig konzipiert als lustiges event movie für Splatterfans und Festivals. Als solches funktioniert „Boar“ dann auch leidlich, krankt zugleich jedoch ebenso nachhaltig daran, dass er seine titelgebende Naturgewalt als veritables Schrecknis zu veräußern versäumt und sich stattdessen mit einem Status als derbe Komödie zufrieden gibt. Anders als Mulcahy, der seinem SUV-formatigen Borstentier seinerzeit noch den schmutzigen, mystifizierten Hauch eines präapokalyptischen Endzeitboten zu verleihen wusste, lässt Sun den Eber einfach ungebremst von links nach rechts und umgekehrt durchs Bild preschen und den Leuten, die das Pech haben, sich in seiner Nähe aufzuhalten, die Köpfe abbeißen. Als Fanvehikel indes ist „Boar“ zumindest mäßig sinnstiftend: John Jarratt aus dem „Wolf Creek“-Franchise lässt sich blicken, es gibt ein Wiedersehen mit Roger Ward und Steve Bisley (mit letzterem freilich nur ein sehr kurzes in Cameo-Form) und auch der massige Aussie-Wrestler Nathan Jones stellt seine beeindruckende Physis zur Schau – Genre-Veteran Bill Moseley nicht zu vergessen. Dass sie alle jedoch unwesentlich mehr als Staffage sind und Sun letzten Endes kaum etwas wirklich Sinnstiftendes mit ihnen anzufangen weiß, stimmt nicht eben milde. Immerhin, was viele ihm zugute halten, will auch ich nicht außer Acht lassen: Dass Sun weitgehend auf CGI verzichtet und das Wildschwein zumindest in Halbtotalen und Nahaufnahmen als animatronisches Untier präsentiert, weiß zu gefallen, ebenso wie die hervorhebenswerte Tatsache, dass er seine alten, zauseligen Buschveteranen um Jarratt und Ward ihre Dialoge zumindest teilweise mutmaßlich in derbstem Kaugummidialekt improvisieren ließ. Der kontinentalen Atmosphäre ist dies durchaus zuträglich und ein Grund mehr, die deutsche Synchronfassung zu meiden wie der Teufel das Weihwasser, denn diese entpuppte sich bereits nach einer Minute als gänzlich fürchterlich und unbrauchbar und könnte „Boar“ zumindest diesbezüglich weitaus ungenießbarer machen, als er es schlussendlich verdient.

4/10

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FIRST REFORMED

„Somebody’s got to do something.“

First Reformed ~ USA/UK/AUS 2017
Directed By: Paul Schrader

Der 46-jährige Ernst Toller (Ethan Hawke) ist Reverend einer kleinen First-Reformed-Church-Gemeinde in Snowbridge, Upstate New York. Seit sein Sohn im Irak gefallen ist, hinterfragt Toller, der außerdem Alkoholiker ist und an Krebs leidet, immer vehementer den Wert seiner eigenen Mission sowie das gegenwärtige Verhältnis von Gott zu den Menschen und seiner gesamten Schöpfung. Die First Reformed  wird von der Megachurch „Abundant Life“ und deren Kopf Reverend Jeffers (Cedric the Entertainer) verwaltet, der wiederum einen wesentlichen Teil seines Budgets von dem Großindustriellen Balq (Michael Gaston) bezieht. Beiden ist der schwermütige Toller ein Dorn im Auge. Ein Hilferuf der jungen, schwangeren Mary Mensana (Amanda Seyfried) betreffs ihres offenbar in einer extremen Lebenskrise befindlichen Mannes Michael (Philip Ettinger) erweist sich auch für Toller als harte Prüfung: Wenige Tage nach einem ersten Gespräch, in dem Michael seine tiefe Besorgnis über den ökologischen Zustand der Welt beschreibt, nimmt der zutiefst verstörte Mann sich das Leben und lässt Toller seine Leiche finden. Dass Michael offenbar damit geliebäugelt hatte, ein Sprengstoffattentat zu verüben, behalten Toller und Mary, die sich bald in ihrer gemeinsamen Sehnsuch nach Trost näherkommen, für sich. Als auch Toller betreffs der größten globalen Umweltsünder recherchiert, stößt er auf Balqs Unternehmen und fasst einen ungeheuerlichen Plan…

Paul Schraders im Wesentlichen auf Ingmar Bergmans „Nattvardsgästerna“ basierendes Psychogramm eines zweifelnden, zutiefst erschütterten Geistlichen bildet die nunmehr zwanzigste Regiearbeit des writer/director in knapp vierzig Jahren. Seit „Adam Resurrected“ und damit seit rund neun Jahren habe ich mir keinen von Schraders seitdem entstandenen Filmen mehr angesehen, zugegebenermaßen, weil ich den eigentlich immens geschätzten auteur teils aus den Augen verloren hatte und dann, weil seine drei seither entstandenen Werke, insbesondere der von Produktionsseite herb entstellte „Dying Of The Light“, mehr schlecht als recht beleumundet sind und ich infolge dessen auch eine ziemliche Angst vor potenzieller Geringschätzung meinserseits entwickelte. Diese Sorge erweist sich mit der komplexen, religiöseh Meditation „First Reformed“ im Rücken als zumindest aktuell unbegründet. Unabhängig produziert und mit bescheidenen finanziellen Mitteln und Formalia (4:3-Kadrage, starre, lange Einstellungen) hergestellt, steht „First Reformed“, auch wenn Schrader zunächst behauptete, der Film stünde sehr viel eher in der Tradition europäischer Vorbilder, thematisch völlig im intertextuellen Gebinde der meisten seiner Geschichten seit „Taxi Driver“: Ein vom Leben ohnehin stark in Mitleidenschaft gezogener, von Einsamkeit und Kommunikationsmangel gebeutelter Mann droht angesichts einer weiteren, katastrophalen Zäsur, auch das letzte bisschen Bodenhaftung einzubüßen und trifft einen folgenschweren Entschluss, der sich in einer amokartigen, gewalttätigen Explosion zu entladen droht. Reverend Toller (von Ethan Hawke in einer seiner vollendetsten Darstellungen gegeben), permanent auf der Suche nach innerer Katharsis, erfährt nurmehr Tiefschläge. Er trinkt zu viel, sein just begonnenes Tagebuch erweist sich lediglich als verstärkender Widerhall seiner Verstimmung und die ewige Bevormundung durch seinen Obmann Jeffers parallel dazu als unerträglich. Die ihn mütterlich umsorgende Chorleiterin Esther (Victoria Hill) empfindet Toller als Klotz am Bein und der Krebs frisst sich immer tiefer in seine Eingeweide. Als Toller sich dann nach Michael Mensanas Suizid zudem noch intensiv mit dem Abgrund, auf den die Erde unweigerlich zusteuert, befasst, reißt der letzte Faden – der Neuweihe der First Reformed zum 250-jährigen Jubiläum plant Toller, mit dem von Michael stammenden Sprengstoffgürtel ein explosives Fanal zu setzen. Erst das ungeplante Erscheinen Marys kann ihm, nachdem er sich den nackten Oberkörper in Selbstgeißelung mit Stacheldraht umwickelt hat, in letzter Minute Einhalt gebieten. Der abrupte, mitten in der Szene erfolgte Schlussschnitt beinhaltet indes nur eine fadenscheinige Erlösungsformel. Vielleicht kann Toller gerettet werden – die Welt, und mit ihr Marys Baby, das, wenn es nicht gerade der neue Messias ist, kann es nicht mehr.

9/10

NUR GOTT KANN MICH RICHTEN

„Das is Business, Dicker.“

Nur Gott kann mich richten ~ D 2017
Directed By: Özgür Yildirim

Nach fünf Jahren im Knast wegen eines vergeigten Bruchs kommt der Kriminelle Ricky (Moritz Bleibtreu) raus. Für seinen Traum, seinen dementen Vater (Peter Simonischek) aus Frankfurt rauszuholen und ein Café auf Cabrera zu eröffnen, braucht er allerdings Startkapital. Dies erhofft er sich durch einen von seinem alten Kumpel Latif (Kida Khodr Ramadan) vermittelten Coup für den Albaner Branko (Cem Öztabakci) zusammenklauben zu können. Rickys jüngerer Bruder Rafael (Edin Hasanovic), selbst auf Bewährung und von eigenen Problemen gebeutelt, steigt widerwillig als dritter Mann ein. Natürlich geht alles schief; Ricky und Rafael werden von der Polizistin Diana (Birgit Minichmayr) gestellt und verlieren das gestohlene Heroin, das wiederum Diana, die dringend Geld für eine Herzoperation ihrer kleinen Tochter benötigt, an sich bringt, um es auf dem Schwarzmarkt abzustoßen. Dabei gerät sie über Umwege an Latif…

Bevor Özgür Yildirim zwei Episoden für die zweite Staffel der sehr einnehmenden Serie „4 Blocks“ inszenierte, ließ er diesen von ihm selbst gescripteten, nachtschwarzen Gangsterfilm vom Stapel, der der nunmehr ergiebigen Tradition des ins ethnische Milieu abtauchenden, deutschen Genrestücks folgt und ihr ein neues, matt schimmerndes Juwel hinzufügt. Dass die hierin vorkommenden Araber, Albaner und auch deutschstämmigen Szenegestalten keinesfalls über den eleganten Habitus ihrer globaler operierenden Berufskollegen verfügen, sondern viel eher dem kulturmuslimisch konnotierten Asisprech und Choleriker-, Bedrohungs- und Beleidigungsmachsismo Marke deutsches Großstadtghetto frönen, gilt es wie stets in diesen Fällen zu schlucken, auch, wenn es sich als nicht immer einfach erweist. Jedwede alternative Darstellung wäre aber vermutlich auch gestelzt bis unrealistisch. Ohne „Wallah!“ und Gangsterrap geht’s nicht.
Um einen pädagogischen Zeigefinger ist Yildirim kaum (weiter) bemüht. Seine Figuren stehen da, wo sie stehen, nämlich an der Wand. Sie können nichts anderes und sind durch ihren sozialen Mikrokosmos und die unweigerliche, permanente Konfrontation mit dem Rechtsstaat bereits einschlägig geprägt und können nur auf ihre Eins-zu-Einer-Million-Chance hoffen, die ihnen, das wissen wir schon seit Cagney und Robinson, am Ende sowieso verwehrt bleiben wird. Doch ist „Nur Gott kann mich richten“ nicht bloß eine weitere Rise-and-Fall-Studie. Er geht tiefer, entspinnt ein komplexes Geflecht aus Koninzidenzen, Schuld, Sühne und Gewaltkausalität, dass in seinen besten Momenten an den klassischen französischen Gangsterfilm gemahnt.
Jeder getane Schritt, zumal vom Protagonisten Ricky, führt eine Sprosse weiter abwärts, zum Privatschafott. So sehr er sich auch bemühen mag; Unbeherrschtheit, Gewaltbereitschaft und Boshaftigkeit zählen unweigerlich zu seinem Naturell. Im Gegensatz zu seinem Bruder Rafael, dessen Abwärtsspirale eher seiner postpubertären Unbeholfenheit zuzurechnen, der jedoch kein wirklich schlechter Kerl ist und selbst zu seinem Kumpel Latif und dessen mangelndem Durchblick, bleibt Ricky ein auch moralisch perspektiviert hoffnungsloser Kapitalverbrecher, der einen Fehler begeht, um den nächsten zu machen. Als interessantester Charakter erweist sich allerdings die Polizistin Diana. Selbst von teilweisen migrantischen Wurzeln geprägt, ist ihr gegenwärtiges Leben eine Müllhalde: Verlassen vom hochverschuldeten Mann und Vater des Kindes, das wiederum herzkrank ist und dringend ein Spenderorgan benötigt, vollzieht auch sie den Schritt auf die dunkle Seite, ein Changieren, das sie kaum minder als Ricky am Ende beinahe alles kosten wird.
Stark.

8/10

IT COMES AT NIGHT

„You can’t trust anyone but family.“

It Comes At Night ~ USA 2017
Directed By: Trey Edward Shults

Nachdem die Menschheit von einer viralen Pandemie dezimiert wurde, verschanzen sich die Eheleute Paul (Joel Edgerton) und Sarah (Carmen Ejogo) gemeinsam mit Teenager-Sohnemann Travis (Kelvin Harrison Jr.) und Hund Stanley in einem sorgsam präparierten Haus im Wald. Sarahs Vater (David Pendleton), der sich infiziert hatte, musste just erlöst und verbrannt werden.
Als ein Fremder namens Will (Christopher Abbott) auf der Suche nach Vorräten auftaucht, gewährt Paul ihm, seiner Frau Kim (Riley Keough) und ihrem kleinen Sohn Andrew (Griffin Robert Faulkner) Unterschlupf. Nachdem die beiden Familien zunächst ein funktionales Miteinander aufbauen können, erwachsen dann doch Sorge und Misstrauen. Zunächst scheinen Wills Geschichten von „früher“ sich als Lügen herauszustellen, dann sieht Travis des Nachts, dass der schlafwandelnde Andrew den Sicherheitsbereich des Hauses verlassen und vermutlich Kontakt zum mittlerweile ebenfalls verseuchten Stanley hatte. Aus dem schwelenden Konflikt wird offene Feindschaft…

Die psychisch und physisch unvergleichlich herausfordernde Extremsituation der in der jüngeren Popkultur mittlerweile so oft heraufbeschworenen Abenddämmerung der Menschheit infolge eines sie dahinraffenden Virus oder einer Seuche verschafft „It Comes At Night“ lediglich die äußere Prämisse für sein eigentliches Drama, den Konflikt zweier Familien, die um jeden Preis überleben möchten und darüberhinaus aller weiteren Menschlichkeit entsagen. Ich habe ein paar witzige User-Kommentare gelesen, die mit der vergleichsweise unkonventionellen Verhandlung des Topos überhaupt nicht zurechtgekommen sind. Was denn da wohl bitte in der Nacht käme wurde da gefragt und moniert, dass man weder Zombies noch verunstaltete Seuchenopfer zu sehen bekäme. Außer, dass die Opfer wohl nach und nach Verstand und Seele einbüßen sowie einen verklärten und Beulen bekommen, lässt sich dann auch nichts weiter sagen. Die Tatsache jedoch, dass sie durch vorm natürlichen Exitus per Kopfschuss getötet und hernach verbrannt werden, lässt recht eindeutige Rückschlüsse auf ihr postmortales Schicksal zu. Mehr will und muss „It Comes At Night“ dazu auch gar nicht sagen. Protagonist ist der intelligente und sensible Jugendliche Travis, phantastisch gespielt von einem sehr starken Kelvin Harrison Jr., der sich in seiner nicht nur lebens-, sondern vor allem auch altersfeindlichen Umwelt zurechtfinden muss. Unweigerlich gekettet an seine Eltern bleiben ihm die üblichen Vorzüge seiner Generation versagt, peer groups, Freunde, erste Romanzen, das Leben selbst – all das bleibt ihm versagt. Was ihm lieb und teuer ist, stirbt weg oder verlässt ihn; zunächst der Großvater, dann Hund Stanley. Albträume suchen ihn des Nachts heim, über die er sich mit keinem austauschen kann und auch seine geheimen, erotischen Sehnsüchte bleiben unerfüllt. Dass mit ihm am Ende auch der Lebenswillen seiner Eltern erlischt, macht den Film dann endgültig zu einem probaten, mentalen Nachfolger und Geistesbewahrer von Romeros „Day Of The Dead“: Es sind nicht etwa die Zombies, die das mikrokosmische Inferno entfachen, sondern die Lebenden, die der Existenz am Abgrund nicht gewachsen sind – oder ihm vielleicht gar nicht gewachsen sein wollen.

8/10

ÉG MAN ÞIG

Zitat entfällt.

Ég Man Þig (I Remember You) ~ IS 2017
Directed By: Óskar Thór Axelsson

Der isländische Mediziner Freyr (Jóhannes Haukur Jóhannesson) vermisst schon seit längerem seinen kleinen, spurlos verschwundenen Sohn Benni (Gudni Geir Jóhanneson), dessen ungeklärter Verbleib Freyr schwer zusetzt. Aktuell unterstützt er die lokale Polizei bei der Untersuchung einer weiblichen Leiche. Die alte, in einer Kirche erhängte Frau weist kreuzförmige Narben mysteriösen Ursprungs auf dem Rücken auf. Weitere Recherchen ergeben, dass es in den Jahren zuvor noch fünf weitere Tote gab, die unter ähnlich seltsamen Umständen und mit ebensolchen Wundmalen aufgefunden wurden. Und noch etwas haben die Opfer gemeinsam: Sie alle besuchten als Kinder dieselbe Schule und haben offenbar mit Vorliebe einen Klassenkameraden namens Bernódus (Arnar Páll Harðarson) gequält, der zudem unter einem fundamentalistischen Vater zu leiden hatte. Während Freyr im Zuge seiner nunmehr parallel laufenden Recherchen selbst von geisterhaften Visionen heimgesucht wird, ist das Ehepaar Katrin (Anna Gunndís Guðmundsdóttir) und Garðar (Thor Kristjansson) nebst Freundin Líf (Ágústa Eva Erlendsdóttir) damit beschäftigt, in einem kleinen, verlassenen Küstenort einen Altbau in ein Hotel umzubauen. Seltsame Erscheinungen überzeugen Katrin bald, dass hier ein Geist umgehen muss…

Von erlösten und unerlösten Gespenstern: Die Regel, dass nicht nur aus dem Kontinentalskandinavischen, sondern vor allem auch aus dem kleinen Island in regelmäßigen Abständen überaus sehenswertes Genrekino kommt, bestätigt „Ég Man Þig“ aktuell wieder eindrucksvoll. Im Groben eine relativ ordinäre Geisterstory um ein ebenso vergeltungs- wie gerechtigkeitsbedürftiges Wesen aus dem Zwischenreich, ist das inhaltliche Grundgerüst dabei wenig innovativ. Was Axelssons Film indes schön und interessant gestaltet, sind zum Einen ein beeindruckend sicheres Regiehändchen und zum anderen die bewusst komplex aufbereitete Dramaturgie, die den Rezipienten mittels verschachtelter Narration unweigerlich zu hoher Aufmerksamkeit sowie zu angeregtem Mitentschlüsseln herausfordert. Tatsächlich verweben sich sukzessive nicht weniger als drei eigentlich voneinander unabhängige Subplots, deren Zusammenhang sich erst spät erschließt, zu einem homogenen Ganzen.
Die urwüchsig-karge Topographie des nordatlantischen Inselstaats liefert darüberhinaus bereits ein solch geballtes Kontingent an atmosphärischer Unterstützung, dass das übrige Zutun sich beinahe spielerisch-ungezwungen ausnimmt. Nichtsdestotrotz fesselt der für einen Horrorfilm regelrecht kontemplativ gehaltene „Ég Man Þig“ mit unablässig forcierter Intensität, nimmt für seine Figuren ein und überzeugt besonders in den emotional straff gespanten Szenen um die drei Möchtergern-Gastronomen, die jede(r) für sich in der Abgeschiedenheit seine/ihre ganz private, kleine Höllenfahrten erlebt. Die ganz große Katharsis bleibt dann am Ende auch aus. Für traurige Gespenster ist nur die Unendlichkeit.

8/10

JUNGLE

„We’re nothing. We’re a joke. God fucked up.“

Jungle ~ AUS/COL 2017
Directed By: Greg McLean

Bolivien, 1981: Den jungen, israelischen Aussteiger Yossi Ghinsberg (Daniel Radcliffe) zieht es in die grüne Weite Südamerikas. Hier begegnet er neben zwei guten Freunden, Marcus Stamm (Joel Jackson) und Kevin Gale (Alex Russell), die wie Yossi selbst Alternativen zur westlich geprägten Alltagskultur suchen, bald auch dem Österreicher Karl Ruprechter (Thomas Kretschmann), der besonders Yossi mit Geschichten über unerforschte Pfade durch den Amazonas-Dschungel fasziniert. Dieser überredet Marcus und Gale, gemeinsam mit Karl eine mehrtägige Wanderung durch schlecht kartographiertes Urwaldgebiet zu unternehmen. Der anfänglich vergnügliche Trip endet bald in offenem Streit, als Marcus sich den physischen Herausforderungen der Reise nicht gewachsen zeigt, Yossi und Kevin jedoch nicht abbrechen wollen. Die beiden planen, per Floß auf dem Tuichi-Fluss weiterzureisen. Man trennt sich einvernehmlich, doch schon bald scheitern Yossi und Kevin an unpassierbaren Stromschnellen. Während Kevin zufällig von Einheimischen gefunden und zurückgebracht wird, verirrt sich Yossi immer tiefer im Dschungel. Sein Freund setzt jedoch alles daran, ihn zurückzubringen…

Der ansonsten eher für die eine oder andere deftige Gewalteruption bekannte Australier Greg McLean beschreitet mit dem ansehnlichen Abenteuerdrama „Jungle“ bislang von ihm unausgetretene Pfade. Film und Script nehmen sich einer authentischen Episode im Leben des umtriebigen Weltenbummlers Yossi Ghinsberg an, der seine Erlebnisse in einem Buch niedergeschrieben hat. Das Resultat ist eine involvierende Survival-Story mit einem unerwartet tollen Daniel Radcliffe, der die ungeheuren Erlebnisse und Entbehrungen des de facto zum Tode verurteilten Ghinsberg kongenial zu vermitteln versteht. Was der von seiner Arroganz besiegte Mann da auszuhalten hatte, bannt McLean andererseits vorzüglich in bewegte Bilder: Das sukzessive Versagen der Körperkraft, die Notwendigkeit, Dinge zu tun und zu essen, die nur ein gänzlich Verzweifelter in Betracht ziehen kann, der schleichende Verlust des Geistes und der Psyche, Halluzinationen, Todesangst und schließlich Todessehnsucht, das sichere Ende unentwegt vor Augen. Dass Kevin Gales unermüdliche Suche nach seinem Freund schließlich – und sozusagen auf den allerletzten Drücker – von Erfolg gekrönt ist, kommt einem Wunder gleich.
Für „Jungle“ wurden dem Vernehmen nach einige Details und Fakten verändert und geglättet, wohl, um die filmische Dramaturgie etwas kontinuierlicher gestalten zu können. Die wesentlichen Elemente von Ghinsbergs Überlebenskampf dürften jedoch unverändert belassen worden sein; umso nachvollziehbarer und vereinnahmender sein Martyrium. Ganz gut gefallen hat mir außerdem, dass der Film trotz diverser sich bietender Gelegenheiten zu keinem Zeitpunkt der an sich naheliegenden Versuchung stattgibt, den Dschungel als menschen- und zivilisationsfeindliche Hölle zu denunzieren, sondern vielmehr den von der Bequemlichkeit der Domestizierung ausgehenden Drang, sich auch die letzten Geheimnisse der Erde untertan machen zu wollen, in den Kritikfokus nimmt. Man fühlt und leidet zwar mit Yossi Ghinsberg, allerdings ohne jemals wirklich Mitleid mit ihm zu haben. Vielleicht das größte Verdienst dieses sehenswerten Films.

7/10

MARROWBONE

„Nothing,… nobody will separate us.“

Marrowbone (Das Geheimnis von Marrowbone) ~ E 2017
Directed By: Sergio G. Sánchez

1969 kommen die schwerkranke Rose Fairbairn (Nicola Harrison) und ihre vier Kinder Jack (George McKay), Billy (Charlie Heaton), Jane (Mia Goth) und Sam (Matthew Stagg) auf das abgelegene, leerstehende und insofern stark vernachlässigte Familiengut Marrowbone an der Küste Neuenglands. Die Familie ist auf der Flucht vor Simon (Tom Fisher), Roses Ehemann und Vater der Kinder, einem mehrfachen Raubmörder und Schwerkriminellen, der auf der britischen Insel sein Unwesen getrieben hat, dort verurteilt wurde und aus dem Gefängnis geflohen ist. Zudem hat Rose die Reste von Simons Beutezügen in ihrem Besitz. Die vier Kinder lernen die liebenswerte Allie (Anya Taylor-Joy) kennen, ein Mädchen aus der Nachbarschaft, und verbringen mit ihr einen fröhlichen Sommer. Die Idylle trübt sich, als Rose an ihrer Krankheit stirbt und Jack, der noch nicht 21 ist, inoffiziell für seine drei Geschwister sorgen muss. Im Haus scheint ein Geist umzugehen, der hinter den Spiegeln wohnt. Allie, in die sich Jack verliebt hat, sieht er mittlerweile nurmehr selten und der auf ihn eifersüchtige und geschäftlich erfolglose Notar Porter (Kyle Soller) versucht, Jack um das Diebesgut seines Vaters zu erpressen. Ein brieflicher Hilferuf von Jane konfrontiert Allie schließlich mit der unfassbaren Wahrheit um Marrowbone House.

Dass Sergio G. Sánchez, dessen gelungenes Langfilm-Regiedebüt „Marrowbone“ darstellt, einst das Script zu J.A. Bayonas „El Orfanato“ verfasst hat, lässt sich im Zuge der Betrachtung des vorliegenden Werks recht umweglos nachvollziehen. Auch „Marrowbone“ gibt sich geradezu musterexemplarisch darin, eine mysteriöse, spannende Grundstimmung aufzubauen und diese auch über weite Strecken erfolgreich zu tragen. Als strikt zeitgebundenes period piece [in einer Szene erlebt Jack auf dem Fernseher einer Krämerin (Laura Brook) zufällig die Mondlandung von Apollo 11 mit], dessen entrückte, oftmals märchenhaft wirkende Atmosphäre wiederum überall ein Plätzchen finden würde – außer in der Gegenwart, findet der Film just in der gezielten Evozierung von Irrealis, Mysterium und Unzuverlässigkeit zu seiner besonderen Stärke. Ziemlich grandios auch die Idee, die asturische Küste Nordspaniens als Drehort-Substitut für Neuengland zu nutzen und den regionalen Überbau damit nochmals zusätzlich zu verwirren. Schließlich geht es in „Marrowbone“ zuallererst um Trugbilder, um imaginierte Wirklichkeit und, letzten Endes, um eine aus höchster Not heraus geborene, schwere psychische Störung. Dieser Conclusio arbeitet von Beginn an gewissermaßen alles in und an dem Film zu, so dass ein am Ende glücklicherweise logisch tragfähiges, sorgfältig ausgearbeitetes Realitätskonstrukt entsteht, dessen finale Darlegung (zugegebenermaßen erinnert der unumgängliche twist relativ stark an jenen aus „Shutter Island“ und ähnliche narratologische filmische Finten) dann alle zuvor vollzogenen Andeutungen Richtung Geisterspuk Lügen straft.
Wie ja eigentlich jeder Genrefilm blickt auch „Marrowbone“ somit auf eine lange, traditionsreiche Genealogie zurück. Ich musste etwa häufig an „Psycho“ denken und sein damals noch völlig frisches, brillantes Konzept, den Zuschauer unbewusst mit zwei Realitätsebenen zu konfrontieren – nämlich der (unbewusst verzerrten) von Norman Bates und der perspektivisch sehr viel „objektiveren“ von Lila Crane und Sam Loomis, die investigativ Marions Spur folgen, gegen Ende, quasi stellvertretend für den Rezipienten, beide Wahrnehmungskanäle zusammenführen und den „falschen“ damit auflösen. „Marrowbone“ verfährt nach einem ganz ähnlichen Prinzip und wird seine Vorbilder dabei bewusst in hohen Ehren halten. Dass am Ende zumindest ein großer Sieg für die Liebe steht, macht Sánchez‘ Film nochmals ein Quäntchen schöner.

8/10