THE RUSSIAN BRIDE

„You don’t have to be afraid. You just… loan something.“

The Russian Bride ~ USA 2019
Directed By: Michael S. Ojeda

Über eine eine einschlägige Kontaktbörse im Internet „bestellt“ sich der wohlhabende, alternde Chirurg Karl Frederick (Corbin Bernsen) die alleinerziehende Russin Nina (Oksana Orlan) als zukünftige Braut in die Staaten. Obschon Karls entlegenes, winterliches Anwesen und seine leicht absonderliche Dienerschaft (Lisa Goodman, Michael Robert Brandon) bei Nina und vor allem ihrer kleine Tochter Dasha (Kristina Pimenova) einen eher verstörenden ersten Eindruck hinterlassen, sind die beiden Damen doch froh, den heimischen Entbehrungen und der dortigen Armut gen Westen entkommen zu sein. Doch erweist Karl sich bereits nach kurzer Zeit als anfällig für psychotische Episoden und darüber hinaus als sehr dem Kokain zugetan, eine Eigenschaft, die Nina schon bei ihrem Ex-Partner (Emmanuel Todorov) alles andere als schätzte. Und dies sind bei Weitem nicht die einzigen Leichen, die Karl (buchstäblich) im Keller hat…

Sechs Jahre nach dem nicht unähnlich getünchten „Savaged“ präsentiert sich Michael S. Ojedas jüngste Regiearbeit als recht passgenauer Nachfolger von dessen zitat- und referenzgespicktem Impetus. Verarbeitete Ojeda bereits in jener Rachemär eine ganze Phalanx von zumeist dem Exploitationsektor entstammenden Vorbildern, so erwartet den Rezipienten hier wiederum dessen nicht sonderlich überraschende Entsprechung. Offenbar ist Ojeda jener jüngeren Generation von Genrefilmern zugehörig, die neben ihrer überschaubaren Könnerschaft auch über ein gerütteltes Arsenal an Lieblingsfilmen verfügen und nur allzu gern dem unwiderstehlichen Drang stattgeben, den daraus mitgenommenen Eindrücken ihre öffentliche Hommage zu erbieten. So scheint es allerdings phasenweise verlockender, den so offensiv ausgestellten Zitatfundus zu enzyklopädieren denn Ojedas „eigenem“ Geläut zu lauschen – ob solcherlei im Sinne des Urhebers sein mag, darf angezweifelt werden. Den altehrwürdigen Klassikern zollt Ojeda mit direkt, jedoch erzählerisch etwas ungelenk eingepflegten Szenen aus „House On Haunted Hill“ und „Frankenstein“ Tribut (die kleine Dasha steht nämlich – welch Zufall – auf die altehrwürdige Horrorfilmhistorie). Was er außerdem von „Rebecca“ über „La Mariée Était En Noir“, „The Stepfather“ und Tarantinos (!) nervöses Gezuppel bis hin zu „Get Out“ noch alles referenziert, wäre eine eigene Broschüre wert. Am sympathischsten erschien mir diesbezüglich noch, dass sich Corbin Bernsens vergangener Meriten als Dr. Alan „The Dentist“ Feinstone erinnert wurde und diese in exakt derselben wahnwitzigen Manier „zurückkehren“ darf (Brian Yuznas eigenes Bernsen-Projekt „The Plastic Surgeon“ schmort leider weiterhin in der development hell). Dass ich zwischenzeitlich einen fein nuancierten Metakommentar hinsichtlich Trumps Immigrationspolitik auszumachen glaubte, möchte ich an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, schlussendlich aber vielleicht doch lieber meiner situations- und gegenwartsbedingten Hypersensibilität zuschreiben.
Nun, selbst auf ein klein wenig Geisterspuk braucht man finalmente nicht zu verzichten und auch, wenn es bis zum koksanimierten (!) abschließenden Großreinemachen wie schon in „Savaged“ recht gemächlich zugeht, bleibt unterm Strich ein zwar vorsätzlich unorgineller, insgesamt aber doch vergnüglicher Gattungsbeitrag, der beim passenden Publikum zumindest phasenweise für diebische Freude sorgen sollte.

6/10

DOCTOR SLEEP

„We’re all dying. The world’s just one big hospice with fresh air.“

Doctor Sleep (Doctor Sleeps Erwachen) ~ USA 2019
Directed By: Mike Flanagan

Rund 30 Jahre nach den schrecklichen Erlebnissen im Overlook-Hotel ist aus dem damals noch kleinen Danny Torrance (Roger Dale Floyd) ein Erwachsener (Ewan McGregor) mit diversen Problemen geworden. Die einstigen Ereignisse hat Danny nie ganz überwinden können und ist zum Alkoholiker geworden wie einst sein Vater Jack (Henry Thomas). Noch immer erscheint Danny an kritischen Wendepunkten seines Lebens der seinerzeit ermordete Hausmeister Hallorann (Carl Lumbly) und erteilt ihm weise Ratschläge. Aus zunächst unerfindlichen Gründen zieht es Danny nach New Hampshire, wo er Freundschaft mit Billy Freeman (Cliff Curtis) schließt. Weitere acht Jahre vergehen, in denen Danny mit Billys Hilfe seine Sucht erfolgreich überwinden kann und dabei immer wieder mentalen Kontakt mit einem einige Meilen entfernt lebenden Mädchen namens Abra Stone (Kyliegh Curran) pflegt, das wie er über das Shining verfügt. Eines Tages besucht Abra Danny persönlich, um ihn über einen kleinen Geheimzirkel, den „True Knot“ zu informieren. Bei diesem handelt es sich um eine Gruppe untoter Seelenvampire, die mit Campingwagen durch Amerika ziehen und sich von der Essenz von Kindern ernähren, die allesamt das Shining besitzen und auf die besonders starke Abra aufmerksam geworden sind. Nach anfänglichem Zögern verbündet sich Jack mit Abra. Gemeinsam können sie fast alle Mitglieder des True Knot ausschalten bis auf dessen Anführerin Rose The Hat (Rebecca Ferguson). Jack und Abra locken sie zum längst verlassenen Overlook Hotel, um ihr dort endgültig den Garaus zu machen.

Mike Flanagans im Director’s Cut immerhin dreistündiger Film bildet nach der Netflix-Produktion „Gerald’s Game“ die zweite King-Adaption des Regisseurs. Als Sequel zu Stanley Kubricks Meisterwerk „The Shining“ vollzieht „Doctor Sleep“ dabei immerhin das kleine Kunststück, sowohl King, der Kubricks Arbeit wie viele Fans seines Romans bekanntermaßen ablehnt, zu beschwichtigen, als auch „The Shining“, dem Film, vielfach Reverenz zu erweisen. „Immerhin“, weil „Doctor Sleep“ sich zwar im Ganzen nett ausnimmt, der monumentalen Kunst Kubricks aber in überhaupt keiner Weise das Wasser reichen kann. Dessen Film vermochte es, Wahnsinn als psychische Macht zu transzendieren und ihn auf vielen Ebenen spürbar zu machen – den Wahnsinn nicht nur seiner Hauptfigur, sondern auch den seines (filmischen) Schöpfers. Vielleicht ist genau dies einer der primären Gründe, warum King sich mit Kubricks epochalem Werk nie anfreunden mochte; weil er sich wie kein anderer Filmemacher von einer seiner Vorlagen emanzipieren konnte und etwas derart Eigenständiges schuf, dass der Roman nurmehr zum inhaltlichen Stichwortgeber anstelle einer kongenialen Inspirationsquelle degradiert wurde. Bei Flanagan, einem, soweit ich dies nach nunmehr vier gesehenen Filmen beurteilen kann, fleißigen, soliden Genreregisseur, der bis dato allerdings noch keine bedeutsame Signatur entwickeln konnte, kann von derlei Maßstabssetzendem nicht die Rede sein. Ich kenne das Buch, wie die allermeisten von King, nicht, weil ich die Prosa des Autors nie sonderlich mochte. Mit den allermeisten Adaptionen ergeht es mir da anders, diese pointieren seine ohnehin oftmals a priori kinoaffinen Ideen häufig und verdichten sie zu einer medial passgenauen Essenz. Wobei mir auch diesbezüglich auffällt, dass wirklich überragende Arbeiten, wie sie einst noch Usus waren, als Regisseure wie De Palma, Cronenberg, Carpenter oder Reiner sich Kings Literatur annahmen, de facto nicht mehr nachgereicht werden. Vielleicht liegt das ja nicht zuletzt auch an Kings höchsteigener Art der Verstofflichung seiner Imagination. Im Falle von „Doctor Sleep“ scheint mir dies durchaus signifikant: Hier haben wir keine Horrorgeschichte, die innere Welten nach außen kehrt, sondern vielmehr einen relativ ordinären Fantasyplot, der eben zufällig die Geschehnisse von „The Shining“ aufgreift und weiterspinnt. Selbiges vollzieht Flanagans Film auf eine rundum bequeme und versöhnliche Art. Die diversen Reminiszenen an das fast vier Dekaden alte, ungebrochen magische Vorbild sind ausnahmslos liebevoll gestaltet, die von neuen Darstellern besetzten Rollen finden sich so gut revisioniert, wie es eben möglich scheint. Doch dann gibt es da noch diese einfältige, narrative Kinderschreck-Ebene um die scheinbar aus Grimms Märchen entsprungenen (leider überhaupt nicht bedrohlich wirkenden) True-Knot-Gypsies, allen voran die leider nie wirklich unheimliche Rebbeca Ferguson, und die sich ihnen tapfer widersetzende, kleine Alba, in der Danny Torrance nebst seiner traumatischen Vorgeschichte zu einem relativ austauschbaren Sidekick-Element avanciert. Die Crux des Ganzen verdeutlicht sich vielleicht besonders in jener Szene, in der Danny und sein Kumpel Billy die Seelenvampire in einen Wald locken und nach und nach erledigen, wobei diese sich mittels mäßiger CGI in staubiges Wohlgefallen auflösen. Diese in dem ja doch recht ausufernden „Doctor Sleep“ einzige Sequenz, die mit ein wenig Kinetik aufwartet, liefert beinahe antiklimaktische Vampiraction, wie sie (ausgerechnet) seit „From Dusk Till Dawn“ doch längst visueller Usus ist.
„Doctor Sleep“ ist, und darin liegt vielleicht der größte Kritikpunkt, ein Film ohne echte Geheimnisse – und damit ganz gewiss denkbar weit entfernt von dem, was er, so nehme ich an, nur allzu gern wäre.

6/10

THE LODGE

„Confess your sins! Repent!“

The Lodge ~ UK/CA/USA 2019
Directed By: Veronika Franz/Severin Fiala

Als Richard Hall (Richard Armitage), Erfolgsjournalist, Ehemann und Vater der zwei Kinder Aidan (Jaden Martell) und Mia (Lia McHugh), seiner Noch-Gattin Laura (Alicia Silverstone) unmissverständlich bedeutet, dass er endgültig die Scheidung wünscht, nimmt die ohnehin depressive Frau sich das Leben. Schon seit Längerem pflegt Richard derweil eine Beziehung zu der jüngeren Grace (Riley Keough), die durch eine grauenhafte Vergangenheit als Kind in den Fängen einer Sekte von Christenfanatikern traumatisiert ist. Um erste Kontakte zwischen Grace und den Kindern anzubahnen, plant Richard ein gemeinsames Weihnachtsfest in einer abgelegen Winterlodge, wo er die Drei zunächst aus geschäftlichen Gründen ein paar Tage allein lassen und später dazustoßen will. Aidan und Mia jedoch machen nicht nur ihren Vater und Grace mittelbar für Lauras Suizid verantwortlich, sie sind auch in keiner Weise daran interessiert, eine „Ersatzmutter“ zu akzeptieren. Also hecken sie einen gemeinen Streich aus, der ungeahnte Folgen hat…

Für das österreichische Regieduo Franz/Fiala, das mit dem eindrucksvollen „Ich seh ich seh“ bereits eine sehr spannende psychologische Studie über die Entfremdung zwischen Kindern und ihren erwachsenen Bezugspersonen sowie gemeinhin über verhängnisvolle infantile emotionale Störungen vorlegen konnte, dürfte allein die Aussicht, mit seinem Zweitprojekt unter dem renommierten Genredach der britischen Hammer Films arbeiten zu können, von vielversprechender Anmutung gewesen sein. So entpuppt sich „The Lodge“ dann auch zumindest inhaltlich als nachgerade klassischer Thrillerstoff, wie die Hammer ihn auch problemlos innerhalb ihres von Jimmy Sangster gescripteten Sechzigerjahre-Kleinverschwörungszyklus hätten veröffentlichen können. Die Motive darin ähnelten sich in der Regel ja doch recht eklatant – zumeist ging es um ein psychisch bereits stark angegriffenes und/oder traumatisiertes Individuum, das von ränkeschmiedenden, bösen Verwandten, Erbschleichern oder sonstigem Kroppzeug in die völlige Unzurechnungsfähigkeit getrieben und so von Haus und Grund gejagt werden sollte. Üblicherweise gingen die Pläne des oder der Intriganten am Ende dann aber ab einer gewissen „Sollbruchstelle“ nach hinten los und drehten ihnen auf die eine oder andere Art selbst den Strick. Wer anderen eine Grube gräbt… etc.pp., man kennt das. Auch Gimmick-Filmer William Castle nahm sich gern dieses immer wieder ergiebigen Sujets an.
Nun sind Franz und Fiala nicht bloß sorglose Geschichtenerzähler und Suspenseverbreiter, sondern bemühen sich, das lässt sich spätestens jetzt, nach ihrem zweiten Film sagen, um eine spezifische inszenatorische Handschrift. „The Lodge“ ist voll von Symbolen, Bildern und Zeichen, die Anlass zu diversen Spekulationen liefern und das bevorstehende Unheil bereits erahnen lassen. Ob übernatürliche Elemente im Spiel sind, das Jugendtrauma der Protagonistin oder die Handlungsmotivation der unzufriedenen Kinder den maßgeblichen Ereignismotor bilden, lässt sich über weite Strecken nur mutmaßen. Das eindringliche Finale schließlich, dem, soviel darf man an dieser Stelle wohl festhalten, ohne allzuviel auszuplaudern, ein buchstäblich animalischer Trigger vorgeschaltet ist, weckt schließlich warme Erinnerungen an das Traditionshandwerk des oben genannten Studios. Nicht ganz so vereinnahmend wie „Ich seh ich seh“ gelang Franz und Fiala mit „The Lodge“ doch ein ihren bisher eingeschlagenen Weg weiterbeschreitender Film, der sich, zumal für Hammer-Kenner und -Liebhaber, absolut lohnen dürfte.

7/10

RICHARD JEWELL

„When the government says someone’s guilty, it’s how you know they’re innocent.“

Richard Jewell (Der Fall Richard Jewell) ~ USA 2019
Directed By: Clint Eastwood

Atlanta, Georgia 1996: Während der Olympischen Spiele drapiert ein zunächst Unbekannter eine Nagelbombe in der Nähe einer Konzertbühne. Der Wachmann Richard Jewell (Paul Walter Hauser) entdeckt den Rucksack, in dem sich die Bombe befindet, unter einer Tribüne und schlägt Alarm. Zwar reicht die verbleibende Zeit nicht, um den gesamten Platz rechtzeitig zu evakuieren, durch Jewells Einsatz können aber doch diverse Verletzungen verhindert und Menschenleben gerettet werden. Nachdem die Medien Jewell zunächst spontan zum Alltagshelden deklarieren, verkehrt eine Kette von Ereignissen die Entwicklung rasch ins Gegenteil. Als einsamer, stark übergewichtiger und zudem wenig gebildeter Mann, der zusammen mit seiner Mutter (Kathy Bates) lebt und ferner ein starkes Interesse für Feuerwaffen aller Art hegt, glaubt man bald, in ihm den wahren Täter gefunden zu haben. Sein logisches Motiv: Einmal als öffentlich umjubelte Retterfigur dastehen zu können. Ferner wäre mit ihm ein passender Sündenbock gefunden und könnte der Fall somit flugs ad acta gelegt werden. Der ermittelnde FBI-Agent Shaw (Jon Hamm) erfasst schnell Jewells Naivität und blinde Systemtreue und versucht, ihn mit verschiedenen Methoden zu überrumpeln, doch Jewell kann rechtzeitig den ihm von früher bekannten Anwalt Watson Bryant (Sam Rockwell) kontaktieren, dem es schließlich gelingt, ihn freizuboxen.

Mit Clint Eastwood, der in fünf Wochen seinen neunzigsten Geburtstag feiern wird, darf weiterhin gerechnet werden. Sein im gesamten letzten Jahrzehnt erarbeitetes Spät-Spätwerk (so darf man es wohl bezeichnen) befasst sich ausschließlich mit mehr oder weniger prominenten US-Amerikanern, die in ebenso mehr oder minder eminenter Weise die nationalen Geschicke mitprägten oder gar beeinflussten. Seine Protagonisten sind dabei meist relativ alltägliche, zumeist gutgläubige Individuen, die durch nachhaltige Aktionen den Weg ins Rampenlicht vollzogen, darin um ihre Integrität gebracht werden, um sich dann von dem an ihnen verübten, moralischen und/oder systemischen Unrecht wieder mehr oder weniger erfolgreich zu emanzipieren. Zusammengenommen ergeben seine (jüngeren) Filme eine formvollendete, von großer Kompetenz und Anbindung an traditionelles Regiehgandwerk geprägte, dabei jedoch keinesfalls simplifizierte, amerikanische Chronik, wie sie in dieser zwischen gemächlich und hochspannend oszillierenden Perfektion gegenwärtig vermutlich niemand außer jenem Großmeister des Erzählkinos mehr vorlegen könnte. „Richard Jewell“ exerziert die erwähnte Formel vermutlich gar nochmals deutlich konsequenter durch als seine Vorgänger: Mit dem 1996 in die Schlagzeilen eingegangen Mann wählte Eastwood eine Titelfigur, die es niemanden sonderlich schwer machte, sie zu deskreditieren. Von seinem äußeren Erscheinungsbild über seinen Lebenswandel bis hin zu seinen Gewohnheiten und Hobbys lieferte Richard Jewell das Ideal des ebenso knuffigen wie hassenswerten Durchschnittstypen, auf den von links wie rechts jeder einmal einprügeln durfte. Gewiss wurde Jewell dabei vor allem zum strukturalisierten Opfer; down by media, down by law. Mit dem beeindruckend aufspielenden Paul Walter Hauser verschaffte sich Eastwood zudem einen Hauptdarsteller, der weder ein attraktives Äußeres noch erwähnenswerte Prä-Meriten als Star genießt; keinen Matt Damon, Leo DiCaprio, Bradley Cooper, Tom Hanks und – natürlich – auch nicht sich selbst. Im Gegenzug demonstriert er als auteur eine umso exquisitere Inspirationskette. Von den Arbeiten (wie ohnehin stets) Fords über denen Capras bis hin zu jenen von Hitchcock reichen seine klassizistischen Einflüsse und, soviel kann fürderhin gelten, er reiht sich mit „Richard Jewell“ abermals in ebendiese Phalanx großer (anglo-)amerikanischer Filmemacher ein und verteidigt diese Position selbst noch bis ins hohe Alter. Wunderbar.

9/10

COLOUR OUT OF SPACE

„It’s just a color. But it burns.“

Colour Out Of Space (Die Farbe aus dem All) ~ USA/MY/PT 2019
Directed By: Richard Stanley

Der junge Hydrologe Ward (Elliot Knight) untersucht im Auftrag einer Dammbaufirma die Wasservorkommen im ländlichen Neuengland. Dabei trifft er auf die fünfköpfige Familie Gardner, die sich aus mehreren Gründen in die Abgeschiedenheit zurückgezogen hat und ganz unterschiedlich damit umgeht. Während Vater Nathan (Nicolas Cage) vollkommen in der Haltung von Alpakas aufgeht, erholt sich seine Gattin Theresa (Joely Richardson) von ihrer Brustkrebs-Erkrankung, derweil Tochter Lavinia (Madeleine Arthur) mit paganistischen Ritualen herumexperimentiert und Sohn Benny (Brendan Meyer) es vorzieht, die meiste Zeit Gras zu rauchen, das er von dem kauzigen Eremiten Ezra (Tommy Chong) bezieht. Der kleine Jack (Julian Hilliard) arrangiert sich tapfer mit der Situation. Als ein Asteroid auf dem Gelände der Gardners niedergeht, ist es mit der Semiidylle rapide vorbei. Auf allem liegt binnen kurzer Zeit ein unwirklich schimmerndes Licht, fremde Pflanzen wachsen. Vor allem das Wasser aus dem heimischen Brunnen scheint eine verheerende Wirkung auf all seine Konsumenten auszuüben: Tiere und Menschen verwandeln sich und verhalten sich zusehends merkwürdig. Derweil die Katastrophe sich ihren Weg bahnt, kann Ward nur hilflos zusehen.

Richard Stanleys „Colour Out Of Space“ bildet bereits die fünfte Adaption der gleichnamigen Kurzgeschichte von H.P. Lovecraft und ist zugleich die erste, die den korrekten Titel der Vorlage verwendet. Anders als zuvor etwa Daniel Haller in „Die, Monster, Die!“ oder David Keith in seinem nichtsdestotrotz sehr gelungenen „The Curse“ hält sich Stanley mit wenigen Ausnahmen recht eng an Lovecrafts Vorlage und vollbringt das Kunststück, die wie üblich erschreckende Vision des großen Phantasten mit seiner eigenen zu koppeln und daraus ein bravouröses Stück Film zu destillieren. Der Südfafrikaner Stanley, der sich ja aus ebenso bekannten wie berechtigten Gründen selbst nach nur zwei vollendeten Werken eine rund 24 Jahre währende Auszeit vom abendfüllenden Spielfilm auferlegte, feiert mit „Colour Out Of Space“ somit eine ihm unbedingt zu gönnende, triumphale Rückkehr. Nicolas Cage, der ja mittlerweile häufiger DTV-Filme dreht als die Unterwäsche zu wechseln, läuft immer noch zur Hochform auf, wenn ihm bloß ein hinreichend ambitioniertes Projekt vorgelegt wird. Auch „Colour Out Of Space“ fügt sich in diese Annahme. Dass Cage immer dann besonders herausragend ist, wenn er Typen spielen muss, die wahlweise ihre Existenzgrundlage, den Verstand oder gleich beides verlieren, demonstriert er als Alpakafarmer Nathan Gardner mit dem ihm eigenen Profi-Wahnsinn. Doch dürfte Cage noch nicht einmal der primäre Grund dafür sein, warum „Colour Out Of Space“ dermaßen nonchalant reüssiert; vielmehr liegt das Hauptverdienst des Films darin, dem üblicherweise größten Kritikpunkt betreffs Lovecraft-Adaptionen, nämlich jenem, das universelle Grauen seines literarischen Kosmos‘ auf konve tionellem audiovisuellen Wege nicht transportieren zu können, ein Schnippchen zu schlagen. Dafür bedarf es keiner außerweltlicher Urmonster aus maritimer Tiefen; Stanley gelingt es vielmehr, die durch das extraterrestrische Artefakt hervorgerufenen Zersetzungen allen in seinem Einflussbereich befindlichen Lebens und Seins durch einen Bruch mit den physikalischen Gewohnheiten seiner Protagonisten und analog dazu denen des Zuschauers spürbar zu machen. Zeit und Raum verlieren jedwede Verlässlichkeit, die Wahrnehmungen verschwimmen und mit ihnen auch Richtig und Falsch, das Vertrauen in die eigenen ethischen Maximen, alles wird böser Rausch und Schmerz. Die Folge sind die unausweichlichen Auflösungen des Geistes, des Körpers und schließlich der Seele.
Wie stets benötigte Lovecraft und mit ihm auch Stanley einen überlebenden Erzähler, gewissermaßen einen „agent de la preuve“, der angesichts des bezeugten Horrors mit Mühe und Not seine Sinne beisammenhalten und Bericht ablegen kann. In seinen Geschichten gelangen die dazugehörigen Beschreibungen oftmals an ihre idiomatischen Grenzen. „Colour Out Of Space“ sorgt dafür, dass der arme Hydrologe Ward seine ungeheuerlichen Erfahrungen vollumfänglich teilen kann. Mit uns.

9/10

VFW

„When you come, boy, you come sharp.“

VFW ~ USA 2019
Directed By: Joe Begos

Irgendwo in einem trostlosen Vorstadtslum steht das „VFW“, Freds (Stephen Lang) kleine, gemütliche Kneipe. „VFW“ steht für „Veterans of Foreign Wars“ und genau aus selbigen rekrutiert sich Freds Stammpublikum. Heute hat Fred Geburtstag und sämtliche seiner noch lebenden, alten Freunde sind gekommen, um mit ihm zu feiern: Mit Walter (William Sadler), Lou (Martin Kove), Doug (David Patrick Kelly) und Zee (George Wendt) war Fred einst in Vietnam, der etwas ältere Abe (Fred Williamson) hat in Korea gedient. Mit dem Jungspund Shawn (Tom Williamson) sitzt sogar ein Premierengast am Tresen, der „frisch aus der Wüste“ heimgekehrt ist. Der Abend könnte wunderbar harmonisch verlaufen, gäbe es im leerstehenden Lagerhaus gegenüber nicht gewaltigen Ärger. Dort hat sich nämlich die junge Elizabeth (Sierra McCormick), genannt „Lizard“, sämtliche Vorräte des lokalen „Hype“-Zars Boz (Travis Hammer) unter den Nagel gerissen, um diesen damit für den Tod ihrer Schwester (Linnea Wilson) zu bestrafen. Bei „Hype“ handelt es sich um eine neue Superdroge, die ihre Konsumenten extrem süchtig macht und parallel dazu in willenlose Hirnwracks, so genannte „Hypers“, verwandelt. Als sich Lizard vor Boz und seinen Leuten ausgerechnet ins VFW flüchtet, fühlen sich die alten Herren verpflichtet, der jungen Dame aus der Patsche zu helfen. Eine blutige Nacht steht bevor.

Das Belagerungsmotiv im Kino schützt eine lange Tradition vor. Ein paar auf engem Raum zusammengepferchte Helden verfügen über irgendjemanden oder irgendetwas, das eine auf der Außenseite befindliche, gewaltige Übermacht haben möchte und müssen dies mit ihrem Leben verteidigen. Klassische, respektive besonders berühmte Vertreter dieser Sub-Gattung wären Howard Hawks‘ inoffizielle Wayne-/Western-Trilogie „Rio Bravo“, „El Dorado“ und „Rio Lobo“, George A. Romeros Zombie-Startschuss „Night Of The Living Dead“ oder John Carpenters spätere diverse Variationen des Themas, allen voran natürlich „Assault On Precinct 13“. Heuer einen „Belagerungsfilm“ zu machen, muss (oder sollte zumindest) als ehrerbietende Hommage an die großen Vorbilder begriffen werden. Dass dem nachweislich rüpelhaft zu Werke gehenden Joe Begos mit „VFW“ just solcherlei vorschwebte, dafür spricht außerdem das wiederum stark an „The Expendables“ angelehnte Ensembleprinzip. Gewiss, hier sind vielleicht nicht die ganz großen Namen vertreten, die gesammelten Filmographien der Akteure präservieren, obgleich viele von ihnen selbst zu Zeiten ihrer Karrierehochs oftmals in Nebenrollen auftraten, ein strahlendes Sammelsurium vielgeliebter kleiner und großer Lieblingspreziosen von Myriaden von film buffs weltweit. Umso mehr Spaß bereitet es, den mehr oder weniger fitten roundabout-seventies (Fred „The Hammer“ Williamson bringt es sogar bereits of stolze 81, wirkt aber keinen Deut älter als seine Kollegen) bei ihrem buchstäblichen Veteranentreffen beizuwohnen. Was den Film selbst und seine Umsetzung anbelangt, so darf man keine großen Sprünge erwarten. Das gesamte Konzept bewegt sich wie anzunehmen auf sehr altersmorschen Stelzen und verlässt sich primär auf seine Besetzung, das entsprechende fan knowledge und seine herben Splattereffekte. Einzig dem Umstand, dass diese vorwiegend im blau-roten Notstromlicht von Freds Kneipe zum Einsatz kommen, dürfte die Tatsache geschuldet sein, dass „VFW“ unbeanstandet die Zensur passieren konnte, denn wie die Senioren mit den allenthalben ihr Sanktuarium flutenden Hypers verfahren, das erinnert in seiner kruden Handarbeit vielfach an die blutgetränkten Höhepunkte der Ära der video nasties.
Ebenso wie nun allerdings der Originalitätsfaktor des Ganzen zu vernachlässigen ist, sollte a priori die mögliche Antizipation einer auch nur ansatzweise ernstzunehmenden Plotstruktur aufgegeben werden; Begos inszeniert stets nach dem Gusto „tongue in cheek“ und bettet das metzlige Geschehen kurzum in irreale Saturnalien ein, die jedwede dramaturgische Logik ignorieren. Ist man bereit, diese Bedigungen in Kauf zu nehmen, mag man sich durchaus zufrieden der mußevollen Kurzweil von „VFW“ hingeben.

7/10

THE LIGHTHOUSE

„Let Neptune strike ye dead!“

The Lighthouse (Der Leuchtturm) ~ USA/CA 2019
Directed By: Robert Eggers

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts nimmt der junge Ephraim Winslow (Robert Pattinson) einen Posten als Leuchtturmwärter auf einer kleinen Felseninsel vor der Küste von Maine an. Winslow wird im Laufe seiner auf vier Wochen festgelegten Tätigkeit vor Ort von dem alternden Thomas Wake (Willem Dafoe) angeleitet und beruflich beurteilt, der einzigen anderen Menschenseele auf dem Eiland außer ihm selbst. Der kauzige Wake nebst all seinen schrulligen Eigenheiten erweist sich in Kombination mit der Einsamkeit alsbald als psychische Belastungsprobe für Winslow, der seinerseits ebenfalls das eine oder andere private Geheimnis mit sich herumträgt. Als schließlich ein Unwetter die fristgerechte Beendigung ihres Engagements verhindert, vernebeln sich die Sinne der beiden Männer endgültig. Statt überlebensnotwendiger Essensvorräte scheinen sich nurmehr volle Schnapsflaschen auf der Insel zu befinden. Der haltlose Alkoholkonsum fördert schließlich unheilige Visionen zu Tage, Zeit und Raum verlieren jede Bedeutung und der Wahnsinn gewinnt endgültig die Oberhand…

Mit „The Lighthouse“ empfiehlt sich Nachwuchsfilmemacher Robert Eggers nach seinem nicht minder einnehmenden Debüt „The VVitch“ aufs Neue als wachsende Größe auf dem Sektor des folkloristisch konnotierten Horrorfilms. Neben dem abermals bemühten Motiv des grassierenden Wahns innerhalb eines lokal und sozial stark beschränkten Mikrokosmos auf unwirtlichem Terrain wählt Eggers diemal zugleich eine besonders strenge formale Askese: Der bald quadratische 1,19:1-Bildkader sowie die expressionistische Schwarzweiß-Photographie lehnen sich an die Stummfilmarbeiten von Wiene, Pabst und Murnau aus den 1920er Jahren an; visuelle Effekte werden ausschließlich bemüht, um die an Lovecraft angelehnten, zusehends infernalischen Visionen Ephraim Winslows (alias Thomas Howard) greifbar werden zu lassen.
Innerhalb und/oder durch diese hindurch konkretere narrative Abläufe zu bestimmen, gestaltet sich analog zur fortschreitenden Erzählzeit des Zwei-Personen-Stücks zunehmend schwierig; einzig die Tatsache, dass Wahn und Gewalt – unabhängig davon, ob evoziert durch allzu menschliche oder möglicherweise doch übernatürliche Einflüsse – sich unbarmherzig ihre Pfade durch die Herzen und Geisteswelten der in die Hermetik genötigten Männer fräsen, ist sicher. Maritime Symbole und Zeichen, Anekdoten und Lügen, ja sogar Namen – nichts ist bald mehr sicher auf der Leuchtturminsel, deren oberster Existenzzweck, das Leuchtfeuer selbst, noch das größte Mysterium zu beinhalten scheint.
Kognitiv also schwer bis überhaupt nicht erfassbar möchte ich „The Lighthouse“ vor allem als meisterliche künstlerische Erfahrung ausmachen und werten; als eine vor allem ästhetisch ungeheuer einnehmende Vision und Exkursion in höchst unsichere (und gerade deswegen so interessante) filmische Gefilde.

9/10

FORD V FERRARI

„Out there is the perfect lap.“

Ford V Ferrari (Le Mans 66 – Gegen jede Chance) ~ USA/F 2019
Directed By: James Mangold

Um dem amerikanischen Traditions-Autobauer Ford einen zeitgemäßeren Anstrich zu verleihen, versucht Vize-Präsident Lee Iacocca (Jon Bernthal), seinen Chef (Tracy Letts) davon zu überzeugen, in die Rennbranche einzusteigen. Zunächst soll eine Fusion mit den Italienern von Ferrari stattfinden, die deren Vorsitzender (Remo Girone) wegen mangelnden Mitspracherechts jedoch erbost mit Füßen tritt. Daraufhin wächst der unmöglich erscheinende Plan, einen hauseigenen Rennwagen zu bauen und Ferrari bei den 24 Stunden von Le Mans mit diesem Prunkstück zu schlagen. Zu diesem Zwecke wendet man sich an die Profi-Ingenieure Carroll Shelby (Matt Damon) und Ken Miles (Christian Bale), mit Miles als einem der späteren, optionalen Fahrer. Während Shelby trotz mancher Zähneknirscherei die Hierarchien akzeptiert und sich als Teamplayer erweist, eckt der rebellische und eigensinnige Miles immer wieder an, bis Fords Schoßhündchen Leo Beebe (Josh Lucas) schließlich alles daran setzt, seinen Intimfeind zu schassen.

Einen ganz klassischen Rennfahrerfilm hat James Mangold mit „Ford V Ferrari“ inszeniert, gerade so, als hätte es die letzten 55 Jahre Hollywood-Geschichte gar nicht gegeben. Im Prinzip erkennt man lediglich anhand der modernen Formalia, dass es sich um einen zeitgenössischen Film handelt; das Drehbuch mitsamt seinen diversen Charasterika und Dialogen wäre auch in den sechziger Jahren, der Ära von Frankenheimers Genre-Referenzwerk „Grand Prix“, bis auf ein paar rüde Vokabeln so umsetzbar gewesen. Mit viel Herz und Seele demonstriert es die nicht immer einfache Freundschaft zwischen den beiden authentischen Helden und Sympathieträgern Carroll Shelby und Ken Miles sowie Miles‘ sehr viel domestiziere Seite als Ehemann einer bedingungslos zu ihm haltenden Frau (Caitriona Balfe) und Vater eines ihn anschmachtenden Sohnes (Noah Jupe). Die eigentliche Kunst des Films liegt jedoch darin, ebenjenen Kniff zu vollziehen, den alle wirklich gelungenen Werke um sportliche Disziplinen aller Art letzten Endes benötigen: Sein Sujet für Laien oder sogar thematisch basal Desinteressierte so involvierend aufzubereiten, dass diese die dazugehörige Dramaturgie und Choreographie als uneingeschränkt spannend wahrnehmen und sich schlussendlich für die Dauer der Geschichte sogar zueigen machen können. Dieses geschickte empathische Moment weiß Mangold, der ja in keinem bestimmten Genre zu Haus ist und zuvor mit „Logan“ einen der erwachsensten und beliebtesten Beiträge zum filmischen „X-Men“-Universum liefern konnte, nicht nur exemplarisch, sondern gar vorbildlich in seine Arbeit einfließen zu lassen und damit einen der schönsten Filme des letzten Jahres vorzulegen. Selbst die Gestaltung der periodic elements, respektive die möglichst glaubwürdige Übermittlung des Zeitkolorits der Mittsechziger, gelingt ihm ohne größere Einbußen, wobei ihm da wiederum gewiss vornehmlich die nostalgische Angebundenheit des Scripts in die Karten spielt.

8/10

UNCUT GEMS

„You gamble and it’s about to pay off.“

Uncut Gems (Der schwarze Diamant) ~ USA 2019
Directed By: Benny Safdie/Josh Safdie

Zu konstatieren, Howard Ratner (Adam Sandler) sei ein Mann mit Problemen, wäre in etwa so untertrieben wie den Olympus Mons als Kieselsteinchen zu bezeichnen. Der jüdischstämmige New Yorker hat gewissermaßen ein Händchen dafür, potenzielles Gold in Scheiße zu verwandeln. Ratner lebt im wahrsten Sinne des Wortes „auf Pump“. Sein halbseidenes Juwelierlädchen geht gerade so mittelmäßig und bei Buchmachern und Pfandleihern geht er häufiger ein und aus als bei der eigenen Vorstadtvilla. Dort leben seine Frau (Idina Menzel), die sich nichts sehnlicher wünscht als den ihr mit seiner Angestellten Julia (Julia Fox) Hörner aufsetzenden Schwerenöter endlich loszusein und seine drei Kinder (Jacob Igielski, Jonathan Aranbayev, Noa Fisher), von denen sich Ratner systematisch entfremdet. Bei seinem Schwager Arno (Eric Bogosian) ist er hoch verschuldet, seinem Schwiegervater (Judd Hirsch) spielt er den Erfolgsmann mehr schlecht als recht vor. Das Schlimmste jedoch: Ratner ist ein hoffnungsloser Zocker. Als eines Tages der Basketball-Star Kevin Garnett (Kevin Garnett) und ein Paket mit einem unverschnittenen schwarzen Opal aus Äthiopien gleichzeitig in Ratners Büro auftauchen, beginnt der Anfang vom Rest seines Lebens.

Es wird mir langsam etwas unheimlich und auch unangenehm, aber die besten aktuellen Filme, die ich in den letzten Monaten gesehen habe, sind Netflix-Produktionen. Dazu gehört seit gestern auch das unfassbare Meisterwerk „Uncut Gems“ der mir dato zu meiner Schande noch fremden Safdie-Brüder Benny und Josh.
Einer der vielen Clous, die diesen exzellenten Film flankieren, besteht dabei in der Besetzung des Protagonisten Howard Ratner mit Adam Sandler, der ja mit seinem eigenen Comedy-Kosmos bereits eine wunderbare Nische als einer der denkwürdigsten Künstler der amerikanischen Gegenwartskultur auskleidet, sein eigentliches schauspielerisches Talent aber vor allem unregelmäßig dann zur Geltung bringt, wenn er unter Fremdägide Ernst macht. Seine stets melancholischen Typen sind dann zugleich allenthalben auch Vollneurotiker, deren psychische Untiefen sie an biographische Wegscheiden führen, hinter denen wahlweise tiefer Fall oder Erlösung warten.
Filme über Spieler können, wenn sie gut sind, beinahe körperliche Schmerzen bei mir auslösen, ich denke da spontan an Jewison, Reisz, Altman, Ferrara oder Dahl. Das höchste Risiko, der entscheidende Schritt über jedwede Vernunft hinaus, das Alles oder Nichts, obwohl bereits der Schwefelgestank des Fegefeuers in die Nase weht, das kann wahrhaft Angst und Bange machen. Ich selbst war und bin kein Spielertyp, da ich nicht an Glück glaube und mir der Reiz optionaler Gewinnmaximierung stets fremd blieb. Umso leid- und lustvoller beobachte ich seit jeher den Glücksspieler im Film, der mit leuchtenden Augen und fließendem Speichel sein Leben mit Füßen tritt. Howard Ratner ist so einer; einer, der vorsätzlich mit verbundenen Augen und breitem Grinsen die Einbahnstraße in entgegengesetzter Richtung hinabrast.
Das Finale von „Uncut Gems“ in Ratners Büro fügte mir allein unter diesem Gesichtspunkt diverse Nadelstiche geradewegs in die inneren Organe zu – man ist phasenweise sogar gewillt, sich von Ratners euphorischem Gezappel vor dem Fernseher anstecken zu lassen, bis die Erde ihn dann doch unweigerlich zurückruft. Die Episoden davor, die manchmal bitterbös komische und manchmal bloß bitterböse Fallstudie eines Typen, den man gern unablässig ohrfeigen würde, führen mit ungeheurer inszenatorischer Präzision, bizarr besetzten Nebenparts und brillantem Spiel zielgerade darauf zu. Umso befremdlicher im Gegenzug Ratners Hang dazu, die doch immer größere Niederlagen ankündigenden Schatten schlicht zu ignorieren, einem Junkie gleich unverbesserlich weiterzumachen als sei nichts und die oberflächlichen Glücksmomente auszukosten, gerade so, als wären diese überhaupt noch irgendetwas wert.

10/10

THE MANDALORIAN: SEASON 1

„That’s the way.“

The Mandalorian: Season 1 ~ USA 2019
Directed By: Deborah Chow/Rick Famuyiwa/Dave Filoni/Bryce Dallas Howard/Taika Waititi

Nach dem Fall des Imperiums versucht die Neue Republik, Frieden und Freiheit in der Galaxis zu reetablieren. Doch viele Wegbegleiter ubd Befürworter der alten Ordnung verstecken sich noch in den entlegensten Flecken des Universums, schmieden im Geheimen Pläne und warten auf jede Gelegenheit, den Spieß wieder zu ihren Gunsten umzudrehen. Inmitten dieser unaufgeräumten Verhältnisse arbeitet die „Kopfgeldjäger-Gilde“ unter ihrem Boss Greef Karga (Carl Weathers) für jeden, der sie nur gut genug bezahlt. Als einer der besten unter ihnen gilt „der Mandalorianer“ (Pedro Pascal), ein hervorragend ausgebildeter, permanent behelmter Krieger, der seine Aufträge absolut emotionslos und dafür umso erfolgreicher ausführt. Seine jüngste Mission erhält er von einem auf dem Außenposten Nevarro wartenden Klienten (Werner Herzog), der noch mit dem Imperium in Verbindung steht: Der Mandalorianer, wie sich später herausstellen wird, einst ein Findelkind namens Din Djarin, soll ein kleines, fremdweltliches Wesen aus seiner Gefangenschaft befreien und dem Klienten bringen. Der Auftrag gelingt unter einigen Strapazen, doch als der Mandalorianer feststellt, dass der Klient mit der freundlichen, kleinen Kreatur nichts Gutes im Sinn hat, entscheidet er sich gegen ihn und damit zugleich gegen seinen Ehrenkodex als Kopfgeldjäger. Er flieht mit seinem neuen Schützling und hat einige Abenteuer mit neuen Freunden und Gegnern zu bestehen, bevor er nach Nevarro zurückkehrt und sich seinem weiteren Schicksal stellt.

Nachdem ich bereits dem gedanklichen Entwurf einer Adaption des Konzepts „Star Wars“ an das Serienformat zunächst eher skeptisch gegenüberstand und mich darin auch im Zuge der Betrachtung der ersten drei Episoden bestätigt fand, muss ich nach dem Gesamtgenuss von „The Mandalorian“, der ersten Web-Reihe des neuen Streamingdienstes Disney+ überhaupt, doch einräumen, dass Jon Favreau, der Ersinner des Ganzen, durchaus sehr genau wusste, was er da deichselte. Gut, die episch-pathetischen Partituren von John Williams muss man leider entbehren (und sie fehlten mir angesichts der sonstigen Referenzialität, die „The Mandalorian“ zu großen Teilen ausmacht, recht schmerzlich), dafür tendiert das Serial vor allem in visuellen Bahnen sehr viel mehr zur Ur-Trilogie als alles, was im Kino danach kam. Und nicht nur „Star Wars“ selbst findet sich nostalgisch gebauchpinselt, im Prinzip rauscht – einmal mehr – faktisch das Gros der Genreästhetik der Achtziger am Betrachter vorbei. Die Episodenhaftigkeit, die sich inhaltlich vor allem dergestalt indiziert, dass der Mandalorianer auf der Flucht ist und überlebensnotwendige Credits (= Geld) benötigt, gemahnt derweil an alte Western-Serials, wie auch die vielfach bemühte Staubigkeit der Wüstenszenarios nebst der diversen Shoot-outs (eine Episode heißt gar „The Gunslinger“) wiederum eklatant zu jenem Fach hinüberschielt. „The Mandalorian“ zapft somit vor allem den filmmedialen Grundwortschatz an und speist sich somit primär aus ausgestellter Traditionalität, womit die Serie ja wiederum ganz im Zeichen ihrer ästhetischen Gegenwart steht. Dass es trotz dieser wenig innovativen Blaupausen vor allem im weiteren Verlauf der acht Episoden immer wieder gelingt, wirklich schöne Augenblicke zu generieren, spricht für die zu erwartende Halbwertszeit. Zudem bietet „The Mandalorian“ auch in Bezug auf die vom Franchise ja höchstselbst so emsig kreierte Mythologie ansprechendes fanbait – immerhin taucht man mit den Erläuterungen um das „Volk“ der Mandalorianer, zu denen ja einst auch Nerd-Liebling Boba Fett zählte, sowie der für künftige Staffeln bereits angedeuteten Enträtselung um Yodas (noch namenlose) Rasse in bisher unerforschte Geheimgefilde ein.

8/10