SYNCHRONIC

„Synchronic is the needle.“

Synchronic ~ USA 2019
Directed By: Justin Benson/Aaron Moorhead

In New Orleans geht eine neuartige Designerdroge namens „Synchronic“ um, mit deren Konsumentenauswirkungen die beiden Feuerwehrsanitäter und besten Freunde Steve Denube (Anthony Mackie) und Dennis Dannelly (Jamie Dornan) konfrontiert werden. Synchronic stimuliert die Zirbeldrüse, beeinflusst die Linearität des Zeitgefüges und versetzt seine User mit Haut und Haaren für ein kurzes, oft aber verhängnisvolles Fenster in irgendeine vergangene Epoche. Dass die Konsumenten sich damit zugleich unwägbaren, oft tödlichen Gefahren aussetzen, nehmen sie bereitwillig in Kauf. Als Brianna (Ally Ionnades), Dennis‘ Tochter, im Zuge eines selbstverabreichten Synchronic-Trips komplett in der Vergangenheit verschwindet, beschließt Steve, sie zurückholen. Steve selbst leidet unter einem fatalen Hirntumor, was seine persönliche Risikobereitschaft entsprechend erhöht. Also verschafft er sich sämtliche noch existenten Synchronic-Dosen und beginnt, mittels Selbstexperimenten dem Wirkungsschema der Droge auf die Spur zu kommen…

Mit wirklich großen Budgets kann das junge Filmemacher-Duo Moorhead/Benson auch im Zuge seines vierten gemeisamen Projekts (noch) nicht arbeiten; dafür wuchs und wächst die ihm zuteil werdende, internationale Aufmerksamkeit. So konnten sie sich immerhin des Hauptrollen-Engagements eines Hollywoodstars wie Anthony Mackie versichern und mit Universal einen big player mit entsprechender PR-Maschine als Verleih für „Synchronic“ gewinnen. Moorheads/Bensons jüngster Film bedient im Wesentlichen weiterhin jene Topoi, die schon „Resolution“ und „The Endless“ beseelten, ohne diesen allerdings bahnbrechend Neues hinzusetzen zu vermögen, von der psychologischen Tiefenschärfe des Protagonisten vielleicht abgesehen. Wieder geht es im Vordergrund um das physikalische Reizthema des Raum-Zeit-Durchbruchs sowie eine enge (hier: freundschaftliche) Männerbeziehung, die Diverses auszuhalten und sich somit gewaltigen Herausforderungen zu stellen hat. Dabei bleibt die Narration sehr eng an dem psychisch gebeutelten Steve, einem ausgiebigen Alkoholgenuss zugetanen Womanizer, der seinen besten Freund Dennis insgeheim zutiefst um dessen familiäre Stabilität, die Frau (Katie Aselton) und zwei Kinder beinhaltet, beneidet. Die niederschmetternde Diagnose „Hirntumor im unumkehrbaren Stadium“ führt Steve analog dazu noch weiter in die tiefe Frustration, da sich ihm somit selbst eine kurzfristige Änderung seines oberflächlichen Lebensentwurfs definitiv verbaut. Das Verschwinden Briannas, die für ihn selbst wie eine Tochter ist und im erweiterten Sinne die Konfrontation mit Synchronic verehrt ihm schließlich die Chance, seinem dämmernden Leben doch noch einen letzten, große Meilenstein zu verehren. Soweit die Motivation der Hauptfigur, die Mackie ansonsten mit einer ähnlichen unnahbaren Coolness versetzt wie seinen Cap-Kumpel Falcon im MCU. Das Spannungszentrum des Films nehmen schließlich seine minutiös angeordneten und durchgeführten Synchronic-Experimente ein, die gleichfalls klassischen SciFi-Inhalten entlehnt sind. In welche Zeit bzw. Ära Synchronic seinen Probanden versetzt, so findet Steve heraus, hängt etwa kausal damit zusammen, an welchem Ort man es zu sich nimmt. Diese kleine Finte gestattet den Agierenden Reisen in ganz unterschiedliche Erdzeitalter (deren Gestaltung sich vermutlich infolge der Budget-Limitierungen erschöpft). Dabei gilt es vor allem zu lernen und zu erkennen, dass die Vergangenheit zumeist mörderisch war; ob Vor- oder Eiszeit, ob Conquista oder Sezessionskrieg. Welches Statement mit dieser „Feststellung“ erfolgen soll, bleibt, wie mancherlei andere Aspekte des Films, erratisch und Mutmaßungen überlassen – möglicherweise wird hier auch bereits wieder im Geiste an einem optionalen Sequel geschraubt. Das muss dann ausnahmsweise die Zukunft erweisen.

7/10

THE ENDLESS

„You were always here.“

The Endless ~ USA 2017
Directed By: Justin Benson/Aaron Moorhead

Vor einigen Jahren haben die beiden Brüder Justin (Justin Benson) und Aaron Smith (Aaron Moorhead) auf Justins Insistieren hin eine nahe der kalifornischen Wüste beheimatete Esoterikergruppe verlassen, bei der sie seit Kindheitstagen lebten. Ihre Eltern hatten dort einst einen tödlichen Autounfall und Hal (Tate Ellington), der geistige Führer der Aussteiger, hatte sich ihrer angenommen. Der bodenständigere Justin war dann jedoch irgendwann der Meinung, die sich angeblich durch Bierbrauerei selbst finanzierende Gruppe sei gefährlich, glaube an außerirdischen Humbug und plane mittelfristig einen kollektiven Selbstmord, woraufhin er und Aaron Richtung L.A. verschwanden. Dort gestaltet sich das Leben jedoch als materiell prekär und insgesamt allzu diffizil, weshalb Justin sich zähneknirschend von Aaron überreden lässt, nach „Camp Arcadia“, wie die Aussteiger ihren Hort nennen, zurückzukehren. Vor Ort angekommen zeigt sich, dass Justin Aaron zwar einige Lügengeschichten über die Leute aufgetischt hat, es in der ruralen Gegend jedoch nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Zwei Monde scheinen des Nachts und ein dritter geht gerade auf, irgendwo hoch am Firmament lauert eine offenbar überirdische, unsichtbare Kraft, seltsame Menschen geistern um das Camp herum. Schließlich finden die Brüder vereint die haarsträubende Wahrheit über das Areal heraus…

Fünf Jahre nach dem um Einiges kärglicher gestalteten „Resolution“ konnten Justin Benson und Aaron Moorhead auf ein sichtbar großzügigeres Budget zurückgreifen und den damals kreierten Mythos um eine (oder mehrere) obskure Entität(en) im kalifornischen backcountry weiterspinnen. Die Installation und sukzessive Ausweitung umfassender filmischer Universen erfreuen sich aktuell spätestens seit des Milliarden-Erfolgs des MCU vor allem bei Genrefans überaus intensiver Beliebtheit; man denke nur an die „Cloverfield“-Reihe, die bereits drei auf direkter Narrationsebene völlig unterschiedliche Geschichten hervorbrachte, die lediglich den gemeinschaftlichen Nenner besitzen, alle in derselben Realität spielen. Legendarys MonsterVerse erhält demnächst seinen dritten Ableger und Universal feilt weiterhin eifrig an seinem Dark Universe um die großflächige Revitalisierung der klassischen, vornehmlich viktorianischen Filmmonster. Warum nicht ein entsprechendes Äquivalent im kostengünstigen und vor allem studiounabhängigen Indie-Sektor aus dem Boden stampfen? Nun, hieraus könnte, bei anhaltendem Erfolg (und genau nach solchem schnuppert es justament) Entsprechendes werden. Was haben wir da nun genau? Eine (oder wie erwähnt gar eine Gruppe von) übermächtige(n) Wesenheit(en) unbekannter Herkunft (sie könnten außerirdischen Ursprungs sein oder uralte, auf der Erde beheimatete Kreaturen ähnlich den „Großen Alten“, vielleicht auch indianische Gottheiten), die in der Lage sind, Bannkreise zu erschaffen, in denen Raum und Zeit außer Kraft gesetzt sind, in denen Realität und Kausalitätszusammenhänge sich nach dem Zufallsprinzip immer wieder neu zusammensetzen und deren menschliche „Opfer“, also Personen, die zum passenden Zeitpunkt freiwillig oder unfreiwillig in einen der Bannzirkel geraten, durch gezielte Hinweise in Form übersandter Medien und Datenträger sich nach und nach ihrer Situation gewahr werden. Manch einer wird darüber wahnsinnig (James Jordan), andere [bester und eigentlich einziger wirklich creepiger Einfall des Films: der Typ im Zelt (Ric Sarabia)] sind im Bruchteil weniger Sekunden gefangen, offenbar je nach der momentanen Konstellation der ebenfalls metaphysischen Gestirne. Welches Ziel die Kultisten (sind es überhaupt welche?) genau verfolgen, bleibt wiederum etwas schleierhaft; wollen sie das ewige Leben oder suchen sie gerade davon Erlösung? Fest steht, dass der Einfluss der Wesen mit der Erfindung digitaler Vernetzung nicht mehr auf das Wüstenareal beschränkt ist. Wie bereits „Resolution“ gezeigt hat, können sie ihre medialen Kommunikationswege nunmehr auch „nach draußen“ ausweiten, um neue Opfer für ihre Bannzirkel anzulocken.
Für die beiden Brüder (Sollen sie eigentlich Zwillinge sein? Der Eingangstext lässt Entsprechendes vermuten, der Film jedoch verrät diesbezüglich nichts) entwickelt sich das Ganze schließlich zu einer im Verhältnis zu ihren übersinnlichen Erlebnissen relativ ordinären Revision ihrer Beziehung zueinander, so dass „The Endless“ uns im Intimbereich zwar ein happy end beschert, im Nachhinein aber noch immer allzu unbefriedigend viele, lose Enden bleiben. Mal sehen, ob da noch was kommt…

7/10

RESOLUTION

„There really are a lot of weird people out here.“

Resolution ~ USA 2012
Directed By: Justin Benson/Aaron Moorhead

Michael (Peter Cilella) fährt in das kalifornische Hinterland, nachdem er ein bizarres Video seines besten Freundes Chris (Vinny Curran) erhalten hat. Chris ist seit langer Zeit schwer drogenabhängig, weshalb der sozial gesettlete Michael eigentlich nichts mehr mit ihm zu tun hat. Um der alten Zeiten Willen entschließt sich Michael jedoch, Chris aus dem Gröbsten herauszuhelfen. Er findet den imnens verwirrten Junky in einer baufälligen Hütte, fesselt er ihn mit Handschellen an die Wand und setzt ihn kurzerhand auf kalten Entzug. Bald jedoch registriert Michael, dass nicht nur mit Chris etwas ganz und gar nicht stimmt. In der Gegend, die sich als Teil eines Indianerreservats erweist, halten sich überall komische Typen auf. Kleinkriminelle Hillbillys, Mitglieder einer UFO-Sekte, Indianer, die von Michael Miete für die Hütte verlangen, ein kiffender Franzose in einem Wohnwagen. Am Merkwürdigsten jedoch ist, dass ihm und Chris andauernd Aufzeichnungsmedien auf unterschiedlichste Weise zugespielt werden: Mails, Bücher, Fotos, Dias, CDs, Bänder, Super-8-Filme, sogar Holzzeichnungen an der Wand tauchen urpöltzlich auf und zeigen wahllos Fremde in Stresssituationen oder manchmal auch Michael und Chris. Die Botschaften kommen buchstäblich aus heiterem Himmel und scheinen keinen rechten Sinn zu ergeben…

Das Jungregisseurs- und Autorenduo Benson/Moorhead erarbeitet sich nach und nach einen wachsenden Leumund in der Genreszene. Zeit, einmal einen Blick zu riskieren. Nun, die hier und da bereits vollmundig als solche gepriesene, große Mindfuck-Revolution, die manch einer in ihren Werken zu erkennen glaubt, liegt hier ganz gewiss nicht vor. Die Jungs sind ganz offensichtlich vor allem selbst eifrige Filmegucker, die sich erfreulicherweise entschlossen haben, ihr gewiss vorhandenes Talent zu nutzen und ihre Erfahrungen mit kleinen Budgets zu eigener Kunst zu formen. Eine Menge Spuren (und natürlich Reminiszenzen) schimmern in „Resolution“ durch: „The Evil Dead“, „The Blair Witch Project“, „Donnie Darko“, „Triangle“, die beiden „Reeker“-Filme von Dave Payne und vermutlich noch etliche weitere, deren Fährten mir nicht ganz so unmittelbar in Aug und Nase gesprungen sind. Ein bisschen Von-Trier-Dogma, ein wenig cinéma vérité, dass es sich auch künstlerisch hübsch tolerabel ausnimmt. Die Kamera wackelt in blassem DTV, Musik gibt’s freilich keine und wir, die Zuschauer, sollen umso dichter dran sein an Michael, dessen schwangere Frau (Emily Montague) daheim auf ihn wartet, der seines kleinen Grafikdesignerlebens eigentlich überdrüssig ist und dessen bester Kumpel nunmehr sein Crack-Pfeifchen entbehren muss und für einen Kaltentzügler erstaunlich gut klarkommt. Was da nun wirklich alles passiert, lässt sich, mysterious, mysterious, nicht eindeutig analysieren und gibt vermutlich vielmehr inflationären Anlass für seitenlange, nerdige Interpretationsspinnereien. Audiovisuelle Schnitzel legen Benson und Moorehead (klingt wie eine Tabaksmarke, merke ich eben) jedenfalls zu Dutzenden, nur zu einer schlüssigen Einheit zusammenfügen lassen sie sich garantiert nicht. Das ist aber auch, zumindest ein Stück weit, schuldige Nebensache. „Resolution“ geht es um Stimmung, Atmosphäre und den wachen Blick des Publikums, nicht um biedere Kausalitäten. Vielleicht könnte man „Resolution“ am Ehesten als filmisches Äquivalent zu einem etwas braver gearteten Stoner-Rock-Album bezeichnen.
Immerhin ein paar Erläuterungsspitzen hält dann zumindest der Nachfolger „The Endless“ bereit, den ich mich in der glücklichen Lage befand, gleich im Anschluss schauen zu können.

6/10