OUTLAW/KING

„I’m done with running and I’m sick of hiding.“

Outlaw/King ~ UK/USA 2018
Directed By: David Mackenzie

England im Jahre 1302. Nachdem die schottischen Edelleute König Edward (Stephen Dillane) im Gegenzug für die Garantie, ihre Lehen behalten zu dürfen ihre Waffen zu Füßen gelegt und ihm Treue geschworen haben, soll der Frieden durch eine Heirat des Adligen Robert Bruce (Chris Pine) mit Edwards Patentochter Elizabeth Burgh (Florence Pugh) besiegelt werden. Doch die Waffenstille bleibt trügerisch: Als der Aufrührer William Wallace getötet und seine Leiche vöffentlich zur Schau gestellt wird, sieht sich Bruce gezwungen, eine neuerliche Revolte gegen die Engländer anzuzetteln. Nachdem er einige Vertraute von seinem Vorhaben überzeugen kann, wird er zum schottischen König gekrönt. Der mittlerweile todkranke Edward veranlasst seinen Sohn (Billy Howle), gegen die Rebellion vorzugehen, doch dieser wird Bruces nicht habhaft und kann stattdessen bloß Elizabeth und Marjorie (Josie O’Brien), Bruces Tochter aus erster Ehe in Geiselhaft nehmen. Derweil schart Bruce – mittlerweile als Guerillero unterwegs – immer mehr Gefolgsleute um sich und kann trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit die Armee Edwards II in der Schlacht von Loudoun Hill vernichtend schlagen.

Man muss kein ausgesprochen historisch bewanderter Filmfreund sein, um sich den Namen „Robert Bruce“ oder auch „Robert The Bruce“ flugs ins Gedächtnis zu rufen: Der Figur des späteren schottischen Königs wurde bereits in Mel Gibsons (bekanntermaßen eine sehr unpopuläre Meinung in cinephilen Kreisen, aber ich bleibe, excusez-moi, tapferen Herzens dabei:) wunderbarem „Braveheart“ ein kleines Kinodenkmal gesetzt. Darin spielte Angus Mcfayden den schottischen Earl, dessen von seinem leprösen Vater gelenkte, staatsräsonistische Flatterhaftigkeit und verräterische Haltung schließlich das Ende des Titelhelden bedeuteten, nicht allerdings, um danach doch noch eine kleine Ehrenrettung für The Bruce bereitzuhalten, der dann wiederum gegen die Engländer ins Feld zieht. In seinem jüngsten, von Netflix produzierten Film nimmt sich nunmehr der schottische Filmemacher David Mackenzie der Figur des Robert Bruce an; freilich nicht mit der grobkantigen Wucht, Fabulierfreude und Flamboyanz eines Mel Gibson, aber doch auch zumindest ein wenig geschichtsklitternd. Dass sich historisch eingebundenes Genrekino jedoch Freiheiten erlaubt und unbedingt erlauben darf, gehört seit der Geburtsstunde des Films zu seinem basalen Wesen; dies ist allein auf die Unvereinbarkeit von Erzählzeit und erzählter Zeit zurückzuführen.
William Wallace nun bekommt man in „Outlaw/King“ nicht zu Gesicht und auch die Beziehung zwischen ihm und Robert Bruce bleibt weithin nebulös. Zudem hat letzterer hier auch indirekt nichts mit Wallaces Festsetzung und Hinrichtung zu tun; im Gegenteil ist die Rache für dessen unrühmlichen Tod eine Hauptantriebsfeder für Bruces finalen Entschluss, sich doch gegen König Edward zu stellen (das reale Vorbild unterwarf sich tatsächlich mehrmals, nur, um sich dann doch immer wieder aufs Neue seiner patriotischen Wurzeln zu besinnen). Mackenzie umgreift den Stoff in einer Mischung aus klassischem Mittelalter-Abenteuer und Gegenwartsstil. Sein von Chris Pine wohltuend gediegen interpretierter, jedoch durchweg edler Held passte charakterlich ebensogut in einen Ritterfilm der fünfziger Jahre, während die Abbildung der Ära des frühen 14. Jahrhunderts klar naturalistisch erfolgt. Diese Kombination funktioniert überraschend gut, wie auch die schöne Romanze zwischen Pine und Pugh sowie die Darstellung des ebenso schurkischen wie unfähigen Edward II, den Gibson durch Peter Hanly noch  höhnisch als tuckigen Firlefanz porträtiert hatte.
Als potenzielles aftermath zu „Braveheart“ (ein Wiedersehen mit James Cosmo gibt’s außerdem) für alle, die danach noch Luft und Lust haben, also eine schöne Ergänzung und ein durchaus ansehnlicher Film, wenngleich wie erwähnt ohne den lustvollen steinerweichenden Irrwitz eines Mel Gibson.

7/10

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MOONFLEET

„Jeremy! Why do you keep lying to the boy?“

Moonfleet (Das Schloss im Schatten) ~ USA 1955
Directed By: Fritz Lang

Dorset, 1757. Der kleine Waisenjunge John Mohune (Jon Whiteley) wird nach dem Tode seiner Mutter zu ihrem Verflossenen, dem Edelmann Jeremy Fox (Stewart Granger) auf das von ihm bewohnte, halbverfallene Anwesen Moonfleet geschickt. Fox, der sich äußerlich standesgemäß gibt, in Wahrheit jedoch ein schurkischer Schmuggler ist, findet zwar Gefallen an dem jungen John, mag sich aber keine Verantwortung auferlegen. Als John durch Zufall den Hinweis zum Versteck eines verschollen geglaubten Diamanten entdeckt, wähnt Fox darin seine letzte Chance, aus England und somit seinen ihn mittlerweile auch steckbrieflich verfolgenden Häschern zu entkommen. Dafür müsste er sich jedoch zugleich endgültig des Kindes entledigen…

„Cinemascope – it’s only good for snakes and funerals!“ ließ Godard in seinem „Le Mépris“ Fritz Lang zum Besten geben. Inwieweit darin tatsächlich persönliche Erfahrungen des legendären Regisseurs einflossen, lässt sich lediglich mutmaßen – die MGM-Produktion „Moonfleet“ bildet jedenfalls Langs einziges Projekt, in dem er sich des superbreiten Formats (Robert H. Planck) bediente. Der Film stand während seiner Entstehung und auch bei seiner Veröffentlichung unter keinem besonders guten Stern – die Hauptfigur des Jeremy Fox kommt in der literarischen Vorlage, J. Meade Falkners gleichnamigem Jugend- und Abenteuerroman, überhaupt nicht vor und war lediglich als swashbuckelndes Vehikel für Vertragsschauspieler Stewart Granger angelegt; der Junge – im Film vielleicht acht Jahre alt, ist im Buch bereits fünfzehn. Granger und Lang kamen nicht sonderlich gut miteinander aus und überhaupt passen Ambiente und Sujet des Films nicht allein infolge ihrer bedürftigen Formalia und selbst bei oberflächlicher Betrachtung kaum zum restlichen Œuvre Langs, dessen lange Hollywood-Phase langsam ihrem Ende entgegenging. „Moonfleet“ floppte dann auch unverdient herb an den Kinokassen.
Dennoch hat Langs eigenwilliges Werk über die Jahre hinweg viele treue Liebhaber und Wertschätzer gefunden. Und tatsächlich gefällt die nunmehr stark an Stevensons „Treasure Island“ angelehnte Falkner-Adaption vor allem als märchenhaftes, dunkles gothic drama, das sich weitaus weniger für Pomp und Flamboyanz interessiert als die üblichen Vertreter des Mantel- und Degenfilms und stattdessen sehr viel mehr an der Schaffung einer überaus unikalen Atmosphäre interessiert ist. Der unschuldige, gutgläubige und sehr liebenswerte Junge John Mohune gerät in eine ihm fremde Halbwelt der Schmuggler und des amoralischen Ruch, in der ausgerechnet sein durch Johns Erscheinen überrumpelter Mentor der schlimmste aller Ganoven ist. Düstere, wunderhübsch-schaurig gestaltete Atelierkulissen, darunter ein mit leuchtenden Augen augestatteter, steinerner Todesengel auf dem Moonfleet-Friedhof und dämmrige matte paintings, setzen den kleinen John einer vor allem für Kinder kaum verdaulichen Albtraumstimmung aus. Dass der Knabe im weiteren Verlauf oftmals um sein Leben fürchten muss und von Fox vorübergehend für dessen Zwecke eingespannt und ausgenutzt wird, macht sein von ihm mit aller gebührenden Tapferkeit empfangenes, trauriges Los kaum erträglicher. Natürlich besinnt sich der vormalige outlaw Fox, nunmehr bereits tödlich verwundet, am Ende seiner früheren, stolzen Werte und seines im Grunde edlen Charakters und überantwortet John einer sehr viel lichteren Zukunft.
Dass dies einen von Langs seltsamsten, zugleich jedoch tatsächlich bezauberndsten Filmen ergibt, muss im Nachhinein als kaum minder schicksalhafte Fügung betrachtet werden.

9/10

ERCOLE E LA REGINA DI LIDIA

Zitat entfällt.

Ercole E La Regina Di Lidia (Herkules und die Königin der Amazonen) ~ I/F/E 1959
Directed By: Pietro Francisi

Herkules (Steve Reeves), seine Angetraute Iole (Sylva Koscina) und sein junges Mündel Odysseus (Gabriele Antonini) kehren von Ithaka nach Theben zurück, wo die Freunde die Stadt unter einem Bruderzwist ächzend vorfinden: Der halbwahnsinnige Eteokles (Sergio Fantoni) enthält seinem Bruder Polyneikes (Mimmo Palmara) die Herrschaft über Theben vor. Herkules will vermitteln, fällt jedoch einem Zauber der atlantischen Königin Omphale (Sylvia Lopez) zum Opfer, verliert das Gedächtnis und wird von der Mannstollen zum willenlosen, tumben Liebhaber umfunktioniert, derweil die arme Iole von Eteokles als Faustpfand gefangengehalten wird. Glücklicherweise gelingt es Odysseus, seinen Vater (Andrea Fantasia) herbeizurufen und Herkules wieder zur Räson zu bringen. Währenddessen spitzt sich die Situation zwischen den verfeindeten thebanischen Brüdern weiter zu…

An Pietro Francisis recht schick arrangiertes Scope-Sequel zu seinem Herkules-Startschuss „La Fatiche Di Ercole“ wirkte, hier und da immer wieder gut sicht- und spürbar, auch Mario Bava als Co-Regisseur, dp und S-F/X-Designer mit. So ist etwa Omphales gespenstische Ménagerie ihrer einbalsamierten Verflossenen ganz zweifellos das visuelle Werk des Maestro. Ansonsten verlässt sich der Plot im Wesentlichen auf den wie üblich beeindruckenden Steve Reeves und wie er dicke Steine zur Seite rollt, allerlei Eisenstäbe verbiegt und Tigern im Duell das Genick bricht. Camp, und ein bisschen doof dazu? Geschenkt. Darstellerische Hauptattraktion ist in jedem Falle Sergio Fantoni, der bevorzugt unschuldige Tröpfe an seine drei gestreiften Großkatzen verfüttert oder Jungfrauen von der Stadtmauer stößt und sich dann jedesmal tierisch ob seiner diebischen Boshaftigkeit kaputtlacht. Seien wir mal ehrlich: Hemmungslos overactendes Personal wie Fantoni ist es doch eigentlich, warum man Pepla so sehr mag und weniger die sich recht problemlos substituieren lassenden Muskelmänner in der Vorderfront. Dennoch, ohne bleckende Albi-Prachtkerle wie Steve Reeves kein Herkules, Maciste oder Ursus – und somit kein lustvoll daherfabulierter Unfug wie dieser.

6/10

LA LEGGENDA DI ENEA

Zitat entfällt.

La Leggenda Di Enea (Äneas – Held aus Troja) ~ I/F/YU 1962
Directed By: Giorgio Venturini

Sieben Jahre nach dem Tode seiner geliebten Krëusa, der Flucht aus dem von den Spartanern niedergebrannten Troja und einer anschließenden, entbehrungsreichen Odyssee landet Aeneas (Steve Reeves) mit seinen Leuten in Latium, wo er eine neue Heimat errichten will. Während der Segen des regierenden Königs Latinus (Mario Ferrari) ihm sicher ist, sieht der machthungrige Despot Turnus (Gianni Garko) in Aeneas einen lästigen Konkurrenten, den es flugs zu vertreiben gilt. Doch Aeneas‘ Pläne stehen bereits auf festem Boden und so bedarf es einiger Intrigen des bösen Turnus, sich der Neuankömmlinge zu entledigen. Der nachfolgende Konflikt kostet Aeneas viele Verbündete, doch beschert er ihm zugleich die Liebe einer neuen Zukünftigen, Latinus‘ Tochter Lavinia (Carla Marlier). Schließlich gelingt es Aeneas mithilfe der Etrusker, die feindlichen Heere zu vernichten und Turnus im Zweikampf zu besiegen. Der Grundstein für seine erste Stadt Lavinium kann gelegt werden.

Obschon das Sequel zu Giorgio Ferronis „La Guerra Di Troia“ sich augenscheinlich noch etwas kostengünstiger als der Vorgänger ausnimmt, die Kulissen (so etwa Aeneas‘ Ansiedlung, die aus ein paar notdürftig zusammengekloppten Holzverschlägen und einem ziemlich albernen Wehrzaun besteht) noch ein wenig billiger erscheinen und eine geringere Anzahl an Komparsen zur Verfügung stand, ist „La Leggenda Di Enea“ der eindeutig schönere Film der beiden. Steve Reeves rückt als Titelheld weiter ins Zentrum und spielt – freilich wieder mit derselben neckischen Bartfrisur ausgestattet – tatsächlich um Einiges dedizierter denn im Original; mit der aparten Carla Marlier steht ihm eine ausgesprochen reizende Gespielin zur Seite und mit Gianni Garko ein hervorragender, seine Diabolik genüsslich ausspielender Antagonist gegenüber. Vor allem Venturinis Regiekunst ist es jedoch, die „La Leggenda Di Enea“ zugleich zu einem der schönsten Reeves-Filme und damit folglich zugleich auch zu einem der schönsten mir bekannten Pepla macht: Der Mann bewies hier ein ausgezeichnetes Gespür für die Inszenierung von Schauplätzen, Räumen und Atmosphäre; allein die finale Konfrontation zwischen Aeneas und Turnus, die die beiden Kontrahenten auf ihren Streitwagen unter anderem durch ein pollengesäumtes Wäldchen führt, weit eine geradezu poetische visuelle Qualität auf und steckt jeden Aufzug aus Ferronis Film locker in die Tasche. Witzige trivia: Der zehnjährige Charles Band, dessen zu jener Zeit in Italien weilende Vater Albert an Script und Produktion mitwerkelte, spielt (unkreditiert) Aeneas‘ Sohnemann Ascanius.
Da die den Brückenlag zwischen griechischer und römischer Mythologie wagende Aeneas-Sage über einige Generationsumwege schließlich zu dessen Nachkommen Romulus und Remus führt, bietet sich der gleichnamige Film von Sergio Corbucci, der eigentlich noch vor „La Leggenda Di Enea“ entstanden ist, bestens zur weiteren Beschau an. Dem werde ich unlängst Rechnung tragen müssen.

8/10

LA GUERRA DI TROIA

Zitat entfällt.

La Guerra Di Troia (Der Kampf um Troja) ~ I/F/YU 1961
Directed By: Giorgio Ferroni

Seit zehn Jahren liegen die Spartaner unter König Minelaos (Nando Tamberlani) und ihre griechischen Verbündeten, darunter der als unbesiegbar geltende Krieger Achilles (Arturo Dominici), vor der befestigten Stadt Troja, um des Königs einst ausgerückte Gattin Helena (Edy Vessel), die seinerzueit mit dem trojanischen Prinzen Paris (Warner Bentivegna) durchgebrannt ist, zurückzufordern. Viele Menschenleben hat der Krieg bereits gekostet, just das von Paris‘ Bruder Hektor. Aeneas (Steve Reeves), Hektors bester Freund und heimlicher Gatte seiner und Paris‘ Schwester Krëusa (Juliette Maynal), beäugt die Entwicklung mit Sorge. Nichts wäre ihm lieber als Frieden, zumal der feige Paris und die intrigante Helena ihm ein Dorn im Auge sind. Schließlich kommt es zur entscheidenden Schlacht, als eine vorübergehende Waffenruhe beide Seiten zu intriganten Aktionen hinreißt und ein legendäres, hölzernes Pferd gebaut wird…

Steve Reeves hatte seine beeindruckende Physis bereits in einigen italienisch (co-)produzierten Sandalenfilmen zur Schau gestellt, als sich Giorgio Ferronis „La Guerra Di Troia“ schließlich auch dem mythologischen Segment des trojanischen Krieges annahm, dessen ursprüngliche literarische Ausgestaltung auf Homers Epos „Ilias“ fußt.
Fünf Jahre zuvor hatte der US-Regisseur Robert Wise bereits seine Adaption der Sage in Cinecittà inszeniert; nunmehr war es an den Italienern selbst, die letztlich auch ihren eigenen Gründungsmythos affizierende Geschichte in Bewegtbilder zu fassen. Mit Reeves, damals unter all den in Rom weilenden, amerikanischen Bodybuildern fraglos der Populärste, sicherte man sich für die Hauptrolle des Aeneas, aus dessen Perspektive diese Version berichtet wird, einen eminenten Pulikumsmagneten. Gedreht hat man bei Belgrad im damaligen Jugoslawien, primär auf einem weiten Steppengelände, das man auch aus dem May-Adaptionen zu kennen meint. Die Massenaufläufe und Schlachten werden von Ferroni als mehr oder weniger geschickte Illusion vorgeführt und das (pseudo-)historisch stets so aufregend umrissene Troja selbst hinterlässt den Eindruck einer eher bescheidenen Kulisse. Dennoch hält sich das intrigante Hin und Her des mit Ausnahme von Aeneas und Krëusa moralisch durchweg korrumpierten Antikvolkes stets bei guter Laune und ist nicht zuletzt durch die Reeves darstellerisch fraglos überlegenen Nebendarsteller wie Dominici, Bentivegna und den Odysseus spielenden John Drew Barrymore von einigem Peplum-Reiz. Wäre zu wünschen, dass „La Guerra Di Troia“ eines schönen Tages noch eine knackige HD-Abtastung zukommt, in der die Konturen scharf statt verwaschen und die Farben leuchtend statt blass sind, so, wie es Filme wie dieser ohnehin a priori verdienen.

7/10

JUNGLE

„We’re nothing. We’re a joke. God fucked up.“

Jungle ~ AUS/COL 2017
Directed By: Greg McLean

Bolivien, 1981: Den jungen, israelischen Aussteiger Yossi Ghinsberg (Daniel Radcliffe) zieht es in die grüne Weite Südamerikas. Hier begegnet er neben zwei guten Freunden, Marcus Stamm (Joel Jackson) und Kevin Gale (Alex Russell), die wie Yossi selbst Alternativen zur westlich geprägten Alltagskultur suchen, bald auch dem Österreicher Karl Ruprechter (Thomas Kretschmann), der besonders Yossi mit Geschichten über unerforschte Pfade durch den Amazonas-Dschungel fasziniert. Dieser überredet Marcus und Gale, gemeinsam mit Karl eine mehrtägige Wanderung durch schlecht kartographiertes Urwaldgebiet zu unternehmen. Der anfänglich vergnügliche Trip endet bald in offenem Streit, als Marcus sich den physischen Herausforderungen der Reise nicht gewachsen zeigt, Yossi und Kevin jedoch nicht abbrechen wollen. Die beiden planen, per Floß auf dem Tuichi-Fluss weiterzureisen. Man trennt sich einvernehmlich, doch schon bald scheitern Yossi und Kevin an unpassierbaren Stromschnellen. Während Kevin zufällig von Einheimischen gefunden und zurückgebracht wird, verirrt sich Yossi immer tiefer im Dschungel. Sein Freund setzt jedoch alles daran, ihn zurückzubringen…

Der ansonsten eher für die eine oder andere deftige Gewalteruption bekannte Australier Greg McLean beschreitet mit dem ansehnlichen Abenteuerdrama „Jungle“ bislang von ihm unausgetretene Pfade. Film und Script nehmen sich einer authentischen Episode im Leben des umtriebigen Weltenbummlers Yossi Ghinsberg an, der seine Erlebnisse in einem Buch niedergeschrieben hat. Das Resultat ist eine involvierende Survival-Story mit einem unerwartet tollen Daniel Radcliffe, der die ungeheuren Erlebnisse und Entbehrungen des de facto zum Tode verurteilten Ghinsberg kongenial zu vermitteln versteht. Was der von seiner Arroganz besiegte Mann da auszuhalten hatte, bannt McLean andererseits vorzüglich in bewegte Bilder: Das sukzessive Versagen der Körperkraft, die Notwendigkeit, Dinge zu tun und zu essen, die nur ein gänzlich Verzweifelter in Betracht ziehen kann, der schleichende Verlust des Geistes und der Psyche, Halluzinationen, Todesangst und schließlich Todessehnsucht, das sichere Ende unentwegt vor Augen. Dass Kevin Gales unermüdliche Suche nach seinem Freund schließlich – und sozusagen auf den allerletzten Drücker – von Erfolg gekrönt ist, kommt einem Wunder gleich.
Für „Jungle“ wurden dem Vernehmen nach einige Details und Fakten verändert und geglättet, wohl, um die filmische Dramaturgie etwas kontinuierlicher gestalten zu können. Die wesentlichen Elemente von Ghinsbergs Überlebenskampf dürften jedoch unverändert belassen worden sein; umso nachvollziehbarer und vereinnahmender sein Martyrium. Ganz gut gefallen hat mir außerdem, dass der Film trotz diverser sich bietender Gelegenheiten zu keinem Zeitpunkt der an sich naheliegenden Versuchung stattgibt, den Dschungel als menschen- und zivilisationsfeindliche Hölle zu denunzieren, sondern vielmehr den von der Bequemlichkeit der Domestizierung ausgehenden Drang, sich auch die letzten Geheimnisse der Erde untertan machen zu wollen, in den Kritikfokus nimmt. Man fühlt und leidet zwar mit Yossi Ghinsberg, allerdings ohne jemals wirklich Mitleid mit ihm zu haben. Vielleicht das größte Verdienst dieses sehenswerten Films.

7/10

AVENGERS: INFINTY WAR

„You should have gone for the head.“

Avengers: Infinty War ~ USA 2018
Directed By: Anthony Russo/James Russo

Für seinen Infinity-Handschuh, der ihm vollbesetzt göttliche Allmacht verliehe und es ihm möglich machte, sein Vorhaben betreffs einer Sanierung des gesamten Universums zu realisieren, fehlen dem wahnsinnigen Titanen Thanos (Josh Brolin) noch vier der sechs Ewigkeitsjuwelen: Der Zeitstein, der im Besitz des Okkultisten Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) ist, der Gedankenstein, der dem Androiden Vision (Paul Bettany) seine menschliche Seele und damit zugleich seine Existenz verleiht, der Realitätsstein, den der außerirdische Artefaktesammler Collector (Benicio Del Toro) verwahrt und schließlich der Seelenstein, den der auf dem Planeten Vormir gestrandete Red Skull (Ross Marquand) unter Bewachung hält. Gemeinsam mit seinen Vasallen, der „Black Order“, den monströsen Outriders, und seiner mit jedem eroberten Stein anwachsenden Macht über Raum, Zeit und Realität, gelingt es Thanos, trotz der vereinten Gegenwehr der Avengers und der Guardians Of The Galaxy, sämtliche Juwelen in seinen Besitz zu bringen und seinen irrwitzigen Plan, die Hälfte aller Lebewesen des Kosmos zu beseitigen, um diesen vor sich selbst zu schützen, in die Tat umzusetzen.

Dieses gewaltige filmlogistische Unterfangen, das gemeinsam mit seinem kommenden Nachfolger zugleich Höhepunkt und Abschluss der ersten, nunmehr dreizehn Jahre andauernden und zwanzig Kinofilme umfassenden MCU-Phase zugleich krönen und abschließen soll, erfüllt die vielerorts an es gestellte, hohe Erwartungshaltung durchaus behende. Die stille Prämisse, dass in dem Superhelden-Clash die meisten der bislang vorgestellten Charaktere ein Plätzchen bekommen, konnten die Russo-Brüder, die zuvor bereits mit zwei „Captain America“-Filmen unter Beweis stellen konnte, dass sie derart herausfordernde Unternehmungen zu stemmen im Stande sind, weitgehend einlösen. Da der jüngste „Ant-Man“-Film und die eigentliche MCU-Nr.-20 sich den Ereignissen in „Infinity War“ leider erst in den end credits untermengt, ist eben der Kontinuität geschuldet, hat allerdings zur Folge, dass Scott Lang und seine Freunde in diesem Film noch keinen Platz bekommen konnten. Umso bedauerlicher fand ich es, dass man nicht die sich bietende Chance genutzt und das street level der Web-Serials in „Infinity War“ berücksichtigt hat. Aber das bin nur ich. Wenn diese überkandierte, halluzinogene Wundertüte der Russos ein -vermeintliches – Problem hat, dann ist es ohnehin seine mehr oder weniger zwangsläufig in die Episodenhaftigkeit dividierende Struktur. Hätte sich überhaupt da noch eine weitere Ebene einflechten lassen, in der Netflix-Defenders räudige Monsteraliens vermöbeln? Der Film müsste dann mindestens noch eine halbe Stunde länger sein. Doch halt – genau so verfahren die klassischen Comics (und auf einem von denen basiert „Infinity War“ schließlich) ja auch: Kleinere Teamabspaltungen versuchen, Pars-Pro-Toto-Probleme an unterschiedlichen Orten zu lösen. So war das früher nunmal, als ausgeflippte, hippieeske Visionäre wie Jim Starlin noch ihre überbordende New-Age-Phantasie mit Superhelden-Universen kreuzen durften. Und wer dann noch bemängelt, dass der Film ja gar kein wirkliches Ende hat, sondern mittels eines cliffhangers auf seinen von Anfang an avisierten Nachfolger verweist, der hat sowieso nichts kapiert.
Ich habe als Filmfreund ja immer das – zugegebenermaßen leicht neurotisch angehauchte Problem, mich als ausgesprochener Liebhaber des MCU permanent rechtfertigen zu müssen; im Alltagsdialog, gegenüber Freunden, dem cinephilen Netzwerk auf Facebook, manchmal, in schwachen Momenten, sogar vor mir selbst. Wer das Kino liebt, der, so scheint mir, muss das MCU schon aus Prinzip belächeln, langweilig, einfallslos, infantil und dumm oder gar verwerflich finden, verachten, oder kurz: hassen. Es fällt selbst mir, dem Fels in der Brandung, tatsächlich leichter, gängige Negativattribute zu bfinden und aufzuzählen. Die Crux ist ja offensichtlich, immerhin walzt hier vor allem eine ungeheure Geldmaschinerie vor sich her, ein kommerzieller Fliegenvorhang, der der gesamten Mainstream-Kinolandschaft seinen unausweichlichen Stempel aufdrückt. Neue Franchises schießen überall wie Pilze aus dem Boden, auch andernorts werden Handlungsbögen gespannt, narrative Pseudo-Komplexitäten zwangsetabliert, die natürlich niemals auch nur annähernd den monströsen Background von sechs Jahrzehnten Comic- und, ja, Literaturhistorie aufwiegen könnten. Das kann kein „Star Trek“ und kein „Star Wars“ und auch nichts sonst. Und vor allem das DCEU versagt weiterhin kläglich und macht, zumindest, was seine ins Leere laufenden Bemühungen anbelangt, dem filmischen Ideenpool von Marvel das Wasser zu reichen, alles falsch, was man nur falsch machen kann. Das MCU jedoch stemmt sein Erbe ungebrochen weiter und gehört mit all seinen Ausläufern für mich, und jetzt apologisiere ich schon wieder fleißig, obwohl ich’s mir doch schenken wollte, weiterhin zum Schönsten, Strahlendsten und Erfreulichsten, was ich Zeit meines Lebens an filmischer Emission erleben durfte. Hier fühle ich mich immer wieder wie zu Hause und, was fast noch wichtiger ist, gut dort angekommen. Möge das MCU noch lange Bestand haben und weiterhin so bunte Blüten treiben. Ich werde mich ebenso tapfer an deren Liebreiz erfreuen, und wenn ich mich damit noch so wenig ernstgenommen fühlen muss.

9/10