THE BOUNTY

„It’s not a threat, it’s a warning.“

The Bounty ~ UK/USA/NZ 1984
Directed By: Roger Donaldson

London im Oktober 1790: Lieutenant Captain William Bligh (Anthony Hopkins) von der Royal Navy soll vor Gericht die Umstände um die Meuterei auf dem zuvor von ihm befehligten Kreuzers Bounty darlegen und infolgedessen die Frage seiner persönlichen Schuld an den Verkommnissen geklärt werden.
Drei Jahre zuvor bricht die Bounty von Portsmouth nach Tahiti auf, um von dort Brotfruchtschößlinge als billige Nahrungsmittelquelle für jamaikanische Sklaven mitzunehmen. Mit Ausnahme einer misslungen Umsegelung von Kap Hoorn und einigen wenigen Konflikten innerhalb der Besatzung und unter den Offizieren verläuft die Hinreise weitgehend unkompliziert. Vor Ort jedoch ändern sich bald die Verhältnisse. Diverse Mitglieder der Mannschaft gewöhnen sich rasch an das müßige Südseeleben und verfallen dem Charme der paradiesischen Insel und ihrer überaus freundlich gesonnenen Einwohner. Einige, darunter der von Bligh zum Ersten Offizier beförderte Fletcher Christian (Mel Gibson), heiraten sogar und träumen von einer Familiengründung. Der erste Versuch einer Desertation dreier Männer scheitert kläglich und das Trio wird hart bestraft. Bligh zieht schließlich die disziplinäre Reißleine und lässt Segel für die Rückkehr setzen. Die Fronten an Bord beginnen sich nunmehr rasch zu verhärten: Blighs Versuche, die Besatzung mit straffer, manchmal überharter Autorität auf andere Gedanken zu bringen, beantwortet diese nur mit noch mehr Aggression. Als Bligh eine erneute Umsegelung der südamerikanischen Spitze plant, lässt sich Christian zur Meuterei überreden. Er übernimmt das Kommando, setzt Bligh und seine verbliebenen Gefolgsleute auf hoher See aus und segelt zurück nach Tahiti, um die Frauen der Männer und einige freiwillige Begleiter an Bord zu nehmen. Gemeinsam erreicht man die Pitcairn-Inseln, versenkt die Bounty und versteckt sich dort vor möglichen Verfolgern.

Roger Donaldsons fünfte und bis dato letzte Verfilmung der Ereignisse um die berühmteste Meuterei der Seefahrtsgeschichte rühmt sich des nicht unbeträchtlichen Vorteils, die historisch vermutlich akkurateste Adaption der Geschehnisse zu liefern. Anders als in beiden, filmgeschichtlich wiederum wesentlich anerkannteren und berühmteren Versionen von 1935 und 1962 werden hier vor allem die Beziehung der beiden Antagonisten Bligh und Christian zueinander, sowie deren jeweilige psychologische Disposition und Handlungsmotivation wesentlich nachvollziehbarer und unaufgeregter dargelegt. Vor allem die Person Blighs, die hier zum narrativen Dreh- und Angelpunkt erhoben wird, erfährt eine im Vergleich zu den früheren Interpretationen deutliche Erdung. Stellten Trevor Howard und vor allem Charles Laughton ihren Bligh noch als einen zum Diabolischen tendierenden, unerbittlichen Despoten dar, dessen permanter Hang zur Ahndung und Bestrafung oftmals nicht auf genuines Seerecht, sondern lediglich seinen Hang zum Sadismus und/oder seinen profilneurotisches Wesen zurückzuführen ist, liefert Hopkins ein differenzierteres Bild. Sein Bligh, ein pflichtbewusster Offizier, macht gar keinen Hehl daraus, mit dem Ruhm und der gesellöschaftlichen Anziehungskraft zu liebäöugeln, den sein Freund, der aus aristokratischen Verhältnissen stammende Dandy und Salonlöwe Fletcher Christian längst genießt. Bligh räumt ein, dass gleich sein erster versuchter nautischer Heldenakt, die Umrundung Kap Hoorns, zu einem selbstgerechten Fehlschlag wird und besitzt später sogar noch soviel personellen Weitblick, seinen ursprünglichen Ersten Offizier Fryer (Daniel Day-Lewis), einen kriecherischen Schinder, zu Christians Gunsten zu degradieren. Später sind es dann weniger Blighs verzweifelte Versuche, seine dem der Krone so diametral gegenüberstehenden Südeseeflair verfallenen Männer zur Räson zu bringen, denn deren persönliche Gelüste, die das Fass zum Überlaufen bringen – das Resultat eines sich beidseitig gleichermaßen hochschaukelnden und schließlich dramatisch eskalierenden Gesinnungskonflikts. Obgleich Mel Gibson den romantischen Helden eine sehr passable und authentische Gestalt verleiht, ist er vermutlich der im rein figuralen Sinne blasseste Fletcher Christian von allen. Ohne den moralisch gerechten, rebellischen Gestus Clark Gables und ohne die hochmütige Arroganz Marlon Brandos, die dieser ja bekanntlich am (historisch verfälschten) Ende mit dem Flammentod zu bezahlen hat, ist sein Heros ein allzu emotionaler, verliebter Mann, dessen innerer Widerstreit um berufliche Pflichterfüllung und persönliches Gut schließlich zu letzterem him ausschlägt. Eine eindeutigen Trennung in „Gut und Böse“ enthält sich „The Bounty“ somit ganz bewusst bezieht daraus seine klare Zielsetzung.
Andererseits mangelt es ihm im Gegenzug an der filmischen Flamboyanz seiner Vorgänger, dem aufgeheizten Abenteuerduktus Frank Lloyds und der epischen, bunten Breite Lewis Milestones. Donaldsons Fassung ist daher sehr viel weniger ein klassischer Hollywood-Film denn ein primär um realistische Akkuratesse bemühter Abriss, wie er eben auch sehr viel treffender seiner Entstehungszeit reflektiert; ein nichtsdestotrotz schöner, reicher Film, der das Können aller an ihm Beteiligten erschöpfend präserviert.

8/10

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STRATEGIC AIR COMMAND

„I have to do my duty.“

Strategic Air Command (In geheimer Kommandosache) ~ USA 1955
Directed By: Anthony Mann

Trotz frischer Heirat, gemeinsamem Hausbezug mit Gattin Sally (June Allyson) und einer vielversprechenden Zukunft im Profi-Baseball lässt sich der Air-Force-Veteran Colonel Robert „Dutch“ Holland (James Stewart) mit insgeheimem Stolz nochmals für 21 Monate im aktiven Dienst verpflichten. Es gilt unter anderem, die soeben in Konstruktion befindliche, brandneue B-47-Stratojet-Staffel von verdienten Piloten testen zu lassen. Sally erträgt diesen Umstand mehr oder weniger zähneknirschend, mitsamt begleitendem Umzug von Florida nach Fort Worth. Dutch findet rasch seine Liebe zu Fliegerei zurück und auch sein militärisches Pflichtbewusstsein, das sich weder von einer gefährlichen Bruchlandung in Grönland noch von Sallys baldiger Schwangerschaft bremsen lässt. Bald steht wegen Dutchs dauernder Abwesenheit die Ehe der beiden auf dem Spiel, doch das Schicksal spielt ihnen schließlich in die Hände.

Acht Filme drehte Anthony Mann mit James Stewart zwischen 1950 und 1955. Eine der berühmtesten und fruchtbarsten Darsteller-/Regisseur-Liaisons nicht nur dieser Dekade bildete das Resultat. Darunter waren fünf große Western und drei Dramen. „Strategic Air Command“ bildete die letzte Kollaboration der beiden und zugleich auch ihre schwächste und kritikwürdigste. Vor allem vorangetrieben durch Stewart und dessen Leidenschaft als Air-Force-Pilot für die (nicht nur, aber doch hauptsächlich) militärische Luftfahrt und das SAC (Strategic Air Command) folgt Manns Werk keiner konzisen Story, sondern schildert in episodischer Abfolge gute zwei Jahre im Leben des Ehepaars Holland, primär natürlich die zivilen Einsätze und Testflüge Roberts, die freilich nicht immer ungefährlich verlaufen. Dabei ist der Film von mindestens einer solchen Faszination für die Fliegerei beseelt wie Jimmy Stewart und sein Protagonist: Akribisch werden die Konstruktion der B-36- und B-47-Bomber für den Laien erläutert, spekltakuläre und majestätische Aufnahmen zeigen die in der Sonne glänzenden Maschinen im Flug und schildern zu der schmissigen Musik von Victor Young damals Aufsehen erregende Manöver wie eine Auftankung im freien Flug. Das Ende des Korea-Kriegs lag gerade zwei Jahre zurück und das Script wird nicht müde, die Bestückung der Bomber mit Atomwaffen als unbedingt notwendige Defensivmaßnahme (!) und als Obligatorium zur Verhinderung (!!) militärischer Konflikte zu betonen, auch und besonders nachdrücklich durch die natürlich ausnehmend sympathisch gezeichnete Hauptfigur selbst. Auch die Tatsache, dass die Air Force Männer braucht, deren Pflichtverständnis grenzenlos ist und die ohne zu zögern bereit sind, ihr privates Wohl und Wehe ihren beruflichen Pflichten stets hintenanzustellen, kehrt „Strategic Air Command“ mit zunehmender Vehemenz heraus. Die Zeichnung June Allysons (in ihrer dritten Partnerarbeit mit Stewart) als zumeist affirmatives Frauchen, das dem aufrechten Helden vor allem als moralische Stütze am Boden zu dienen hat, verläuft mit wenigen Ausnahmen extrem konservativ und eindimensional. Der Annahme, dass die Kommandatur, im Film repräsentiert durch Frank Lovejoy und James Millican als leitende Offiziere,  möglicherweise primär aus betonköpfigen war mongers bestehen könnte, denen Individualität nichts gilt, wird zwar immer wieder latent geäußert, aber dann doch ebenso häufig entkräftet – das SAC, soviel versichert uns der Film mit Nachdruck, ist eine Instititution, die von unbedingt zuverlässigen, bei bester psychischer Gesundheit befindlichen Herren geführt wird und auch in den niederen Rängen mit ebensolchen bestückt ist.
„Strategic Air Command“ entstand für die Paramount im damals frisch auf den Markt gebrachten und vom Studio stolz lancierten VistaVision-Verfahren, das besonders knackige, hochauflösende 35-mm-Bilder ermöglichte und bildete somit selbst in dieser Hinsicht ein vom Publikum gern angenommenes Prestigeobjekt und eben auch eine unverhohlene Werbemaßnahme für die amerikanische Luftwaffe.
Dem Film Kriegstreiberei zu unterstellen, ginge nun zu weit, dass er indes eine unkritische, oftmals schlicht dumme Verherrlichung von Militarismus und Heldentum betreibt, jedoch nicht. Immerhin: Mit seinem zwei Jahre später folgenden „Men In War“, einem erwachsenen, bewegenden Kriegsfilm und einer formal bewusst reduzierten, unabhängig entstandenen Produktion nebenbei, relativierte Mann wiederum eindrucksvoll infolge von „Strategic Air Command“ entstehende, etwaige Verdachtsmomente betreffs seiner künstlerischen und mentalen Integrität.

6/10

DEN 12. MANN

„Mir geht niemand durch die Lappen.“

Den 12. Mann (The 12th Man – Kampf ums Überleben) ~ NO 2017
Directed By: Harald Zwart

Norwegen, März 1943. Im Zuge der „Operation Martin Red“, die die gezielten Sprengungen mehrerer militärisch bedeutsamer Ziele der deutschen Besatzer umfasst, landen zwölf in England zu Saboteuren ausgebildete, einheimische Widerstandskämpfer der „Company Linge“ in der Nähe von Tromsø, wo sie bereits von Gestapo und SS in Empfang und in Haft genommen werden. Nur einem von ihnen, Jan Baalsrud (Thomas Gullestad), gelingt die Flucht in den vereisten Fjord. Die übrigen werden gefoltert und exekutiert. Baalsruds einzige Chance besteht darin, die Grenze zum neutralen Schweden zu erreichen. Eine zweimonatige Odyssee, die ihn an die äußersten Grenzen der psychischen und physischen Belastbarkeit treiben wird, liegt vor ihm.

Die entbehrungsreiche Flucht Jan Baalsruds, den die Geschichtsschreibung längst zu einem der skandinavischen Helden der Résistance erklärt hat, basiert auf authentischen Geschehnissen, die Harald Zwarts Film unter der Prämisse, dass „die folgenden Ereignisse, so unglaublich sie auch scheinen mögen, sich so zugetragen haben“ nachzeichnet. Wenngleich Baalsrud immer wieder die unterstützende Hilfe der Einheimischen in Anspruch nehmen kann, hängt der Löwenanteil seines Überlebens dennoch von der eigenen Willenskraft und Zähigkeit ab, die ihn diverse Leiden überstehen lassen. Immer wieder entkommt Baalsrud der SS, in vorderster Front seinem (ebenfalls norwegischen) verbissenen Hauptverfolger Kurt Stage (Jonathan Rhys Meyers) nur ganz knapp oder infolge oftmals obskurer Zufälle, die manchmal auch aus dem bloßen Hochmut des stolzen Nazis heraus erwachsen. Dennoch gleicht Baalsruds Pfad einer Passionsgeschichte: Er gerät in eine (von seiner Verfolgern ausgelöste) Lawine, muss Knochenbrüche, Erfrierungen, Schneeblindheit, Fieber und Wundbrand ertragen und ist schließlich gezwungen, sich selbst die Zehen zu amputieren um nicht seine Beine zu verlieren. Nicht nur die den Okkupanten fast durchweg feindlich gesinnte Zivilbevölkerung unterstützt ihn, sondern, kurz vor dem Ziel noch eine Gruppe Samen und sogar ein kluges Rentier.
Zwart zieht, was ihm wohl auch mehrfach zur Kritik gereichte, diese spektakuläre Geschichte als Überlebensabenteuer auf, vor dem der historische Hintergrund oftmals sich zur im Prinzip austauschbaren Beliebigkeit degradiert findet. Die Nazis werden durchweg als jene unmenschlichen Klischeebestien gezeichnet, die ja in der (genre-)spielfilmischen Parallel-Geschichtsschreibung seit eh und je greift und sind vor allem als größenteils diffuse, äußere Bedrohung im Hintergrund präsent, so dass „Den 12. Mann“ häufig mehr als Actionfilm denn als akkurate historische Aufarbeitungslektion zu rezipieren ist.
Auch wenn nun Zwarts Film gewiss nicht frei von Schwächen unds Unebenheiten ist, gibt es doch an mancherlei Tatsachen, so meine ich, wenig zu rütteln: „Den 12. Mann“ besorgt den Abriss des zunehmend persönlich gefärbten Hergangs einer ganz individuellen Widerstandsaktion und hat trotz seiner ausgedehnten Spielzeit überhaupt nicht die Aufgabe, fanatischen SS-Offizieren ein differenziertes Persönlichkeitsbild zu verschaffen – warum auch? Es geht nicht um verschissene Nazis, sondern um den Widerständler Jan Baalsrud und um die ohnehin im Falle jedes einzelnen kleinen oder großen Rebellen gegen das Deutsche Reich unabdingbar wichtige Tatsache, seine spezifische Geschichte populärer zu machen und ihm, obschon mit den evidenten Mitteln des Unterhaltungsmediums, ein verdientes Denkmal zu setzen. Diese Mission erfüllt „Den 12. Mann“ hinreichend zuverlässig.

7/10

VIVRE POUR SURVIVRE

Zitat entfällt.

Vivre Pour Survivre (White Fire – Der Todesdiamant) ~ F/TR/UK 1984
Directed By: Jean-Marie Pallardy

Nachdem Bo (Robert Ginty) und Ingrid Donnelly (Belinda Mayne) als kleine Kinder den gewaltsamen Tod ihrer Eltern mit ansehen müssen, nimmt sie der Partisan Sam (Jess Hahn) unter seine wohlmeinenden Fittiche. Zwanzig Jahre später arbeiten sie noch immer für ihren liebevollen Ersatzvater und stehlen in der Gegend um Istanbul vornehmlich Diamanten aus der Mine des skrupellosen Olaf (Gordon Mitchell), mit dem im Entdeckungsfalle wenig gut Kirschen essen ist und der ein schmieriges Auge auf Ingrid geworfen hat. Doch auch das italienische Ganovenpaar Sophia (Mirella Banti) und Barbossa (Benito Stefanelli) interessiert sich übermäßig für die Klunkern und wird daher zu erbitterten Rivalen der Geschwister. Einer von Olafs Arbeitern findet derweil in einer freigelegten Höhle den legendären „White Fire“, einen riesigen, lumineszierenden Diamanten, von dem allerdings auch eine tödliche Strahlung ausgeht und hinter dem urplötzlich alle her sind.
Als Ingrid von den Italienern im Zuge einer Racheaktion umgebracht wird, ist Bo am Boden zerstört. Bei der Ex-Prostituierten (?) Olga (Diana Goodman) findet er dann vorübergehenden Trost. Dem alten Sam fällt prompt die verblüffende Ähnlichkeit Olgas mit Ingrid auf und er entwickelt die grandiose Idee, Olga von einer mysteriösen, lesbischen (?) Chirurgin (n.n.) endgültig in Ingrids Ebenbild verwandeln zu lassen, wozu Olga denn auch prompt bereit ist, denn sie hat sich längst unsterblich in Bo verliebt. Dummerweise ist ihr zugleich ihr früherer Arbeitgeber Noah Barclay (Fred Williamson) mit seinen Vasallen auf den Fersen und bildet eine vierte Interessenspartei. Olga nimmt derweil Ingrids Identität (Belinda Mayne) an und verwirrt alle, die glaubten, sie sei tot. Im Abbaugebiet von Olaf kommt es schließlich zur finalen Schlacht um den White Fire und auch um Olga/Ingrid II.

„Vivre Pour Survivre“ ist ein schier unglaubliches, unikales, apokryphes Stück Film aus den seligen Achtzigern, dessen Wiederentdeckung (und, was noch schöner wäre, qualitativ adäquate Digitalisierung) einer Menge geneigter Cinephiler ganz gewiss große Freude bereitete. Bei der Betrachtung dieses völlig wahnwitzigen Stücks exaltierter Loslösung von allem Räsonablen musste ich mich jedenfalls permanent der sicheren Bodenhaftung versichern, so gänzlich abgefuckt ist diese Preziose. Bereits die oben abgerissene Synopse sollte einen kleinen Eindruck dessen vermitteln, was der vormalige Pornofilmer und Ex-Dressman Jean-Marie Pallardy, mutmaßlich entweder komplett vom wilden Affen gebissen oder ein heimliches Genie, da in geistiger Alleinarbeit vom Stapel gelassen hat. Mit offenbar vornehmlich türkischer Finanzierung drehte Pallardy seinen enzigartigen Exploiter am und um den Bosporus, wofür die ständige, penible Abfilmung der Hagia Sophia ebenso garantiert wie die Besetzung ausnahmslos sämtlicher bit parts mit schnauzbärtigen Repräsentanten der lokalen Laiendarstellergewerkschaft. Dazwischen tummeln sich der ebenso unablässig wie meist unpassend eingespielte „Titelsong“, Robert Ginty, der sich zu jener Zeit ja immer mal wieder Gast im internationalen Filmgeschäft blicken ließ, (der wie immer bestens aufgelegte) Fred „The Hammer“ Williamson, bis heute ebenfalls cineastischer Kosmopolit, der bereits über sechzigjährige Gordon Mitchell und die wohlgeformte, den schattigeren Seiten des Kinos ebenfalls stets zugeneigte Londonerin Belinda Mayne.
Nicht nur dieser illustren Besetzung wegen ist „Vivre Pour Survivre“ allerdings eine Schau; es gibt wohltemperierte, splattrige Gewaltspitzen, so unter anderem eine bereits legendäre Szene gleich im ersten Viertel, in der die wehrhaften Geschwister ihren Widersachern mit Kettensäge und Enterhaken zu Leibe rücken, Belinda Mayne bekam eine ausgiebige Nacktszene am Swimming-Pool und Olaf (Mitchell) nebst seinen henchmen erhielten ihre lustig ausschauenden Kostüme fraglos allesamt aus dem Verbleibsfundus deine der diversen italienischen „Star-Wars“-Rip-Offs.
Doch markiert all das noch nichteinmal der Gipfel der bereitwillig-ostentativ ausgestellten Absurdität; Pallardy entblödet sich nicht, eine unverhohlene Inzestromanze als emotionalen Hauptmotivator für den Aktionismus seines Protagonisten zu installieren. Daraus, dass Bo Donnelly seine Schwester weit über die familiäre Verbindung hinaus „werschätzt“, stellen sich spätestens angesichts o.a. Pool-Sequenz (Zitat Bos angesichts der von ihm geifernd bewunderten, entkleideten Figur Ingrids: „Warum musst du bloß meine Schwester sein?“) keinerlei Zweifel mehr ein und auch die bei „Vertigo“ entlehnte, morbide Ummodelung der später kennengelernten Olga, die sich willfährig in Ingrids Ebenbild verwandeln lässt und die darüberhinaus keinerlei Besorgnis hegt angesichts der Tatsache, dass Bo sie hernach noch viel geiler findet als vorher (was Pallardy wiederum ganz unumwunden darstellt) trägt dieser wenig subtil veräußerten Form der Paraphilie mehr denn hinreichend Rechnung. Die Einpflegung von Williamsons Figur in den ohnehin wirren Plot ist derweil ganz offensichtlich der bloßen Tatsache geschuldet, dass der Akteur eben just zur Verfügung stand und unter Vertrag genommen werden konnte.
Ein abschließendes Wort noch zur deutschen Veröffentlichungsphilologie: Das originär veröffentliche Videotape (Constantin) mit Münchener Synchronisation ist um satte 14 Minuten gekürzt. Zwei Jahre später erschien in der Schweiz (bzw. in Österreich, je nach Quelleninformation) eine ungekürzte Cassette mit Hamburger Synchronisation. Dieser Fassung ist ganz ohne Frage der Vorzug zu geben, denn jedes zusätzliche Frame Wahnsinn dieses Ausnahmewerks macht es umso kostbarer.

6/10

THE DECEIVERS

„I won’t kill for Kali.“

The Deceivers (Die Täuscher) ~ UK/IN 1988
Directed By: Nicholas Meyer

Indien, 1825. Kurz nach seiner Hochzeit mit der Offizierstochter Sarah Wilson (Helena Michell) besucht der im Dienste der East India Company stehende Captain William Savage (Pierce Brosnan) den Radscha Chandra Singh (Shashi Kapoor) in seinem Palast. Rein zufällig entdeckt er des Nachts, wie ein Gruppe Reisender von Meuchelmördern überfallen und grausam aufgerieben wird. Der Tatort entpuppt sich als Massengrab. Savage kann Hussein (Saeed Jaffrey), einen der mutmaßlichen Mörder gefangnehmen und mit Mühe und Not zum Reden bringen. Hussein berichtet ihm von den Thugs, einer seit Jahrhunderten umtriebigen Sekte von Kali-Anbetern, deren Tagesgeschäft die Ermordung Ungläubiger ist. Da Savage nicht auf die Unterstützung seines skeptischen Schwiegervaters (Keith Michell) hoffen kann, entschließt er sich, gemeinsam mit Hussein die Thugs als Inder verkleidet auf eigene Faust zu infiltrieren. Im Laufe der Zeit verfällt er schließlich selbst beinahe dem dunklen Zauber der Sekte.

Nicholas Meyer erwies sich im Laufe seiner Karriere immer wieder als ein eher biederer Regisseur, der zumindest mit einigen Beiträgen zum Science-Fiction-Genre, darunter zwei „Star Trek“-Filmen, entsprechend geneigte Zuschauer zufriedenstellen konnte. „The Deceivers“ indes, eine Merchant-Ivory-Produktion, präsentiert sich als geflissentlich aus der Zeit gefallen. Wo die arrogante Kolonialpolitik der Briten längst große Teile ihrer filmischen Romantisierung eingebüßt und sich spätestens mit Attenboroughs „Gandhi“ auch beim Mainstreampublikum deren alten Abenteuerkino-Meriten weitgehend  in Wohlgefallen aufgelöst hatten, pflegt „The Deceivers“ stoisch einen höchst obsoleten Umgang mit dem Thema. Er basiert vornehmlich auf einem bereits 1959 erschienen Roman, der wiederum Bestandteil eines ganzen Raj-Zyklus war. Als sympathischer, jedoch vom Taumeln bedrohter Held gibt Pierce Brosnan einen vortrefflichen englischen Gentleman ab, der bei der Aufdeckung und Zerschlagung des Thug-Kultes eine wesentliche Rolle spielt. Diese Geschichte ist keineswegs uninteressant, mag sich der eher auf Fernseh-Niveau befindlichen Inszenierung Meyers jedoch kaum unterordnen. „The Deceivers“ hätte auf rein thematischer Ebene hinreichend Gelegenheit für einen hübsch sleazigen oder campigen, lustvoll aus dem geradlinigen Ruder laufenden Parforceritt geboten, hinreichend Ansätze, das zeigt der Film häufig, wären zur Genüge vorhanden gewesen. Doch Meyer wählt den ebenso bequemen wie mediokren Pfad der Überraschungsarmut und weithin grassierenden Spannungslosigkeit zugunsten einer bewussten Andienung an eine gesetzte Rezipientenschaft. Da holen selbst die grandiosen Originalschauplätze kaum noch etwas heraus.
In jeder Hinsicht sehr viel spaßiger und, wenn auch nicht so pittoresk grundiert, mit dem notwendigen Sinn für Kolportage angereichert, wäre da die exaltierte Hammer-Produktion „The Stranglers Of Bombay“, die ich „The Deceivers“ gegenüber jederzeit klar den Vorzug gäbe.

5/10

UNTAMED

„Why not Australia or America? Why South Africa?“

Untamed (Die Unzähmbaren) ~ USA 1955
Directed By: Henry King

Kapstadt, 1847: Im Zuge der großen Hungersnot in Irland migriert die Jungfamilie Kildare, Katie (Susan Hayward), Shawn (John Justin) und Söhnchen Terence, nach Südafrika, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Dabei hat Katie eine geheime, zusätzliche Motivation für die Einreise: Sie hofft, den Afrikaaner Paul Van Riebeck (Tyrone Power) wiederzusehen, mit dem sie einst bei dessen Besuch in Irland ein heftiges Techtelmechtel hatte. Die Kildares schließen sich einem Siedlertreck ins Landesinnere an und geraten mitten in einen Zulu-Aufstand. Shawn wird dabei getötet, während Paul und seine Rebellenmiliz den Eingeschlossenen zur Hilfe eilen. Die Liebe zwischen Katie und Paul entflammt aufs Neue, ganz zum Leidwesen des Treckvorreiters Kurt Hout (Richard Egan), eines Freundes von Paul, der selbst ein Auge auf Katie geworfen hat. Ein Peitschenduell entscheidet Paul für sich und gründet mit Katie eine Farm, nur um sie, in Unkenntnis ihrer zweiten Schwangerschaft, einige Wochen später wieder zu verlassen und zu seiner Truppe zurückzukehren. Auf die enttäuschte Katie warten Jahre der Entbehrung und des Glücksritterinnentums, das sie kurzweilig sogar zu einer reichen Frau werden lässt. Schließlich doch wieder verarmt, trifft Katie ein letztes Mal auf den nach wie vor gekränkten Kurt, der mittlerweile zum kriminellen Despoten geworden ist und wird von dem herbeieilenden Paul gerettet. Diesmal bleibt er bei seiner Familie.

Neben Gregory Peck war Tyrone Power der bevorzugte leading man des über 47 Jahre in Hollywood tätigen Regieprofis Henry King. Diverse Abenteuerfilme und Dramen realisierte das Duo zusammen, einer davon der eher auf dem Abstellgleis des cineastischen Kollektivgedächtnisses befindliche „Untamed“. Dieser bildete nach der Hemingway-Adaption „The Snows Of Kilimanjaro“ einen weiteren inszenatorischen Ausflug Kings auf den Schwarzen Kontinent und nach „King Of The Khyber Rifles“ seine zweite Arbeit im von seinem Hausstudio Fox frisch lancierten CinemaScope-Format. Entsprechend ausladend gestalten sich die Bildkompositionen, denen die jüngste Restauration nochmals sichtbar Ehre macht. Doch hat „Untamed“, abgesehen von seiner geringfügig betagt wirkenden Romantikerzählung, deren ausladende und überaus wendungsreiche Gestaltung ein wenig an die ebenfalls von historischen Schicksalsschlägen heimgesuchte On/Off-Beziehung von Scarlett O’Hara und Rhett Butler erinnert, seine kleinen Schwächen. Sei es der zwar aufwändig, aber wenig glaubhaft oder gar packend choreographierte Kampf gegen die Zulu (King war, das veranschaulicht er hier nur zu deutlich, alles, bloß kein Actionregisseur), sei es das zickige Kleinmädchengehabe von Haywards (an diverse Maureen O’Hara-Rollen erinnernde) Figur, die sich eine Menge Unbill durch einen kühleren Kopf ersparen könnte und daher nicht eben sympathisch anmutet oder einflach bloß das große Hauptproblem des gesamten Films: Der Schauplatz Südafrika trägt darin lediglich der Romanvorlage Rechnung, ansonsten ist „Untamed“ ein luprenreiner frontier western, der in etlichen kleinen und großen Details an diverse Beiträge zu jenem Genre gemahnt. Man könnte die meisten Einstellungen, ja, ganze Sequenzen, in denen nicht gerade typisch afrikanische Klischeerequisiten oder afrikanische Ureinwohner zu sehen sind, unverändert aus dem Kontext ziehen und sie als Fragmente eines x-beliebigen Siedlerwestern veräußern. Damit zählt „Untamed“ wohl zu den „unafrikanischsten“ Filmen aller Filme über Afrika, die ich kenne. Als etwas überteuertes, vergessenes Camp-Kleinod indes, etwas, was man mit diesem Regisseur a priori keinesfalls zu assoziieren geneigt wäre, lässt sich „Untamed“ aber noch recht unkompliziert goutieren.

6/10

AQUAMAN

„Trust me, I am no king.“

Aquaman ~ USA/AU 2018
Directed By: James Wan

Ein Jahr nachdem „Aquaman“ Arthur Curry (Jason Momoa) als Teil des von Batman gegründeten Superheldenteams „Justice League“ den dunklen Gott Steppenwolf besiegen konnte, muss er sich der eigenen Vergangenheit als atlantischer Thronfolger stellen: Die standesgemäß mit Arthurs intrigantem Halbbruder Orm (Patrick Wilson), dem „Ocean Master“, verlobte Mera (Amber Heard) bittet Arthur, den Magischen Dreizack von Atlan ausfindig zu machen, die wesentliche Insignie, um die Königswürde als Herr von Atlantis zu garantieren. Jener befindet sich im schützenden Besitz der unterseeischen Entität Karathen. Aquaman und der ihm behilflichen Mera gegenüber steht in erster Instanz Orm, der plant, einen Krieg gegen das Oberflächenvolk zu führen, unerstützt von dem Piraten David Kane (Yahya Abdul-Mateen II) alias „Black Manta“, der Arthur für den Tod seines Vaters (Michael Beach) verantwortlich macht und einer Schar amphibischer Monsterwesen, den Trench.

Ein farbenfrohes, bisweilen in halluzinogene Sphären abdriftendes DCEU-Superheldenspektakel tischt James Wan dem geneigten Freund entsprechender Zerstreuung mit diesem ersten Post-„Justice League“-Werk auf. Wie schon ansätzlich jenes Teamwerk und auch Patty Jenkins‘ „Wonder Woman“ folgt der nächste Soloauftritt eines DC-Helden einem bunteren, atmosphärisch aufgelockerten Kurs, der der existenzialistisch-dramatischen Schwermut der ersten beiden Zack-Snyder-Epen weitgehend einen Riegel vorschiebt und zu den Golden-, Silver- und Bronze-Age- Wurzeln der Gattung zurückgreift: Mit einem Hochmaß an Fabulierfreude, lustvoll-campigen Ausfällen, leuchtender Neongrelle und guter Laune kredenzt „Aquaman“ ein zumindest in Bezug auf seine Narration sehr traditionelles Fantasy-Abenteuer, das mit Bruderzwist, Romantik, Rache und güldenem MacGuffin die so ziemlich obilgatorischsten Elemente klassischer Genreunterhaltung beinhaltet. Jason Momoa als moderne „King Arthur“-Variante ist dabei trotz seiner phantastischen Herkunft und Fähigkeiten ein so kerniger, bodenständiger Superheld, wie es schon lange keinen mehr gab; ein erfrischend menschlicher, beinahe proletarischer Hauch umweht ihn, die (verbotene) Liebesfrucht eines Leuchtturmwärters (Temuera Morrison) und einer atlantischen Adelsdame (Nicole Kidman). Arthur Curry säuft gern mal einen in verlotterten Hafenkneipen, liebt seine fischigen Kumpels und kommt, anders als ein gesellschaftsentfremdetes Individuum wie Bruce Wayne, auch bei lautstarken Rockergangs gut an. Es gibt tolle Monster in Legionenquantität und ein spaciges Untersee-Orakel, eine Herausforderung zum Duell, zerstörungsintensive Unter- und Oberwasserfights und, zu guter Letzt, die Wiedervereinigung eines ganz süßen Liebespaars, dargeboten von einer Spitzenbesetzung. Gewiss, „Aquaman“ darf auf keinen Originalitätspreis hoffen und er ist so ziemlich das filmgewordene Gegenteil von allem, was man landläufig als sophisticated bezeichnen möchte, aber er hat mir an Ort und Stelle ein verdammt großes Kontingent an realem, infantilen Spaß eingebracht. Mehr verlange ich nicht von ihm.

8/10