ANNIHILATION

„You really have no idea what it was.“

Annihilation (Auslöschung) ~ UK/USA 2018
Directed By: Alex Garland

Eher infolge einer zufälligen Fügung – ihr lange vermisster Ehemann (Oscar Isaac) kehrte urplötzlich sehr verändert zu ihr zurück und kollabierte dann – nimmt die Biologin Lena (Natalie Portman) als letzte von fünf Frauen an einer streng geheimen Expedition teil. Ein ganzer Sumpflandstrich an der südlichen Atlantikküste der USA unterliegt einer seltsamen, sich ausbreitenden Anomalie, die die ratlosen Wissenschaftler und Militärs als „Schimmer“ bezeichnen. Umgeben von der streng abgeschotteten Zone „Area X“ ist das gesamte Gebiet, aus dem bisher noch niemand der zu Erforschungszwecken entsandten Soldaten zurückgekehrt ist, mittlerweile menschenleer. Lena, die Psychologin Ventress (Jennifer Jason Leigh), die Physikerin Radeck (Tessa Thompson), die Anthropologin Shepard (Tuva Novotny) und die Medizinerin Thorensen (Gina Rodriguez) betreten den Schimmer und stellen darin höchst Seltsames fest: Eine unbekannte Kraft, die die Atmosphäre in flimmernden Farben erleuchtet, hat begonnen, die Genpoole von Menschen, Tieren und Pflanzen zu vermischen und daraus chaotische, neue Spezies zu formen. Auch das Zeitempfinden und die Psyche der Frauen beginnt bald durcheinanderzugeraten. Ausgangspunkt der bizarren Vorkommnisse ist ein Leuchtturm an der Küste…

Keinesfalls von auch nur annähernd ähnlicher philosophischer oder formaler Grandezza wie das mutmaßliche Vorbild „2001: A Space Odyssey“ scheint mir „Annihilation“ dennoch seit längerem endlich mal wieder ein vorbehaltlos sehenswerter SciFi-Film zu sein. Nachdem mir auf jenem Sektor zuletzt nur noch mäßig einfallsreicher bis pathetischer Weltraumkrempel untergekommen ist (jedenfalls wirkt das gesammelte Konglomerat im oberflächlichen Rückblick genau so auf mich), finde ich es recht erfreulich, mal wieder eine rundum erwachsene, Story präsentiert zu bekommen, die noch einen gewissen Mystizismus zu präservieren weiß und nicht alles in Form eines ohnehin völlig willkürlich gewählten, pseudowissenschaftlichen Terminismus erläutern muss, die sich andererseits auch nicht allzu elliptischer Schwurbelei hingibt. „Annihilation“ erzählt alles Notwendige, behält jedoch manche Geheimnisse für sich. Die ihm inhärenten Horrorelemente sind gut austariert und gerade sorgfältig genug eingeflochten, um den Film weder zur einen noch zur anderen Seite kippen zu lassen, die Rückblenden, die der psychologischen Untermauerung der Protagonistin dienen, wirken halbwegs sinnstiftend, wie auch ihre Handlungsmotivation eine ordentlich Erläuterung erfährt. Die vielen Fallstricke, die ein Plot wie der in „Annihilation“ verhandelte a priori bereithält, umgeht Garland geschickt – man hätte auch eine gewaltige Monster- und Mutantenparade daraus machen können, was den Film ganz fix zu billigem Sideshow-Kino hätte verkommen lassen. So bleibt ein meditatives, fast kontemplatives Genrestück nebst offenkundig spürbarer Affinität zu bewusstseinserweiterndem Unterstützungsmaterial, das sich nicht scheut, die Intelligenz des Rezipienten auf unprätentiöse Weise zu beanspruchen. Sehr gut!

8/10

Advertisements

THOR: RAGNAROK

„I have to get off this planet!“

Thor: Ragnarok (Thor – Tag der Entscheidung) ~ USA 2017
Directed By: Taika Waititi

Nach den Ereignissen um den mordenden Roboter Ultron und einer längeren, erfolglosen Suche nach den Infinity-Steinen kann der Donnergott Thor (Chris Hemsworth) den Feuerdämon Surtur besiegen. Derweil hat der altersmüde Odin (Anthony Hopkins) Asgard verlassen und Thors intriganter Halbbruder Loki (Tom Hiddleston) unerkannt die Identität des Göttervaters angenommen. Nach der Klärung der Situation verabschiedet sich Odin von seinen Söhnen gen Walhalla, derweil sein ältestes Kind, die aus ihrer Gefangenschaft entkommene Todesgöttin Hela (Cate Blanchett), nachdrücklich ankündigt, dass künftig sie über Asgard herrschen wird. Zuvor entledigt sie sich ihrer beiden Brüder, die auf Sakaar landen, dem derzeitigen Aufenthaltsort des „Grandmaster“ (Jeff Goldblum), einer der kosmischen Entitäten, der nichts mehr liebt als Schaukämpfe. Als sein derzeitiger Champion entpuppt sich der mittlerweile seit zwei Jahren pausenlos im monströsen Körper des Hulk gefangene Bruce Banner (Mark Ruffalo). Nach einem für Thor desaströs endenden Kampf in der Arena gelingt es dem Donnergott, Banners menschliches Ich zurückzuholen und gemeinsam mit ihm und der zwischenzeitlich abtrünnigen Walküre (Tessa Thompson) nach Asgard zu entkommen, um Hela ein für allemal zu stellen.

„Thor: Ragnarok“ nimmt denselben Weg wie James Gunns „Guardians Of The Galaxy“-Filme und wählt zur Dargabe seiner epischen Geschichte den Weg selbstironischer Comedy, gepaart mit gewaltigen, knallbunten, bewusst effektüberladenen Bildern und nostalgischen Pulp-/Camp-Elementen, die im Golden und Silver Age der Comics fußen und diesen liebevoll-komische Reminiszenz erweisen. Wie zuvor bereits „Captain America: Civil War“ fokussiert sich der Film trotz eindeutiger Namensgebung keinesfalls mehr allein auf die Titelfigur, sondern versteht sich, ganz im Sinne des event movies, das er eben ist, als Mash-Up – Dr. Strange (Benedict Cumberbatch) liefert sich einen gepflegt redundanten Auftritt als Suchshelfer auf der Spur des verschollenen Göttervaters und auch das bislang offene, weitere Schicksal des Hulk klärt sich. Der grüne Goliath ist nun endlich seiner aus den klassischen Comics berüchtigten, artikel- und präpositionslosen Rudimentärsprache mächtig, was allerlei komische Anlässe zu Konflikten mit dem unterdessen seiner Zauselmähne entledigten Donnergotts bietet. Neue Charaktere wie die Walküre (im verjährten Print noch der Inbegriff arisch-nordischer Wagnerismen, jetzt Hollywoods neuer Farbenfreude gemäß eine afro-asische, saufende Rotzamazone), der verräterische Ase Skurge (Karl Urban) oder der superliebe, steinerne Gladiator Korg (mit der Stimme des Regisseurs „angereichert“ ein klarer Rekrutierungsfall für die Guardians) sorgen für frische Impulse. Led Zeppelins Wikingerstück „Immigrant Song“ erklingen zu lassen, ist ein etwas offensichtlicher, aber immer noch toller Einfall, der es jedoch als einmalig bemühtes Bonmot getan hätte.
Waititi kennt man nunmehr als einen sympathische Filmemacher mit wohlfeilem Humor, dessen Engagement ausgerechnet für einen „Thor“-Film man allerdings gut und gern zwischen den Kreativpolen „eklektisch“ und „widersinnig“ anordnen möchte. Göttliche Grandezza, pompöses Superheldenspektakel und fiebriges Pathos gehen bei erwartungsgemäß ihm auf Nulllinie. Nicht jedem Anhänger meternster, nordischer Sagen wird das munden. Wenn dann noch Jeff Goldblum den dereinst blauhäutigen, stets respekteinflößenden, kosmischen Schachspieler Grandmaster (der eigentlich in einer Liga mit Giganten wie dem Beobachter oder Galactus spielt) zu einem seiner ihm eigenen Exalthiert gemäß interpretierten, wirren, etwas tuckig angehauchtenen Flitter-Alien ummodelt, dann gilt es abermals, umzudenken.
Vom „alten“ Thor und seinem ihn geleitenden, umfangreichen Mythologiepool heißt es ferner radikal Abschied nehmen. Die drei Freunde Hogun (Tadanobu Asano), Fandral (Zachary Levy) und Volstagg (Ray Stevenson) werden flugs und ohne großes Aufheben aus den neun Welten getilgt, für Anthony Hopkins gibt es einen kaum minder überhasteten Abschied um am Ende geht auch Asgard selbst infolge der lang gefürchtete, göttliche Apokalypse verlustig, seine letzten überlebenden Exilanten auf großer Sternentour in großem Raumschiff. Ragnarök findet zu böser Letzt also tatsächlich noch statt, ein weiterer heroischer Verlust auf dem Weg zum in Kürze stattfindenden, alles involvierenden Infinty War. Ob und inwieweit die neue MCU-Spaßigkeit diesem noch adäquat zu Gesicht stehen wird, bleibt fürs Erste abzuwarten.

7/10

THE ADVENTURERS

„For Corteguay!“

The Adventurers (Playboys und Abenteurer) ~ USA 1970
Directed By: Lewis Gilbert

Schon von Kind an lernt der aus dem lateinamerikanischen Kleinstaat Corteguay stammende Dax Xenos (Bekim Fehmiu) um die Schlechtigkeit der Menschen. In einem Land wie dem seinen bedeutet Revolution zugleich stets bloß die Machtübernahme durch einen neuen Diktator; kleine rote Bücher, sozialistisches Gedankengut und hehre Ideale werden in schöner Regelmäßigkeit achtkantig über Bord geworfen, sobald erst der schmucke Regierungspalast eingenommen und neu besetzt ist. Auch Präsident Rojo (Alan Badel), der, einst glühender Rebell, dem kleinen Dax ehedem half, das Maschinengewehr zu halten, um Mutter, Schwester und Hund zu rächen, bildet da keine Ausnahme. Während der in Europa zu einem Universal-Bonvivant geschulte Dax sich vor allem für Luxus, Champagner und schöne Frauen begeistert, lässt Rojo mit zunehmendem Alter die Axt kreisen. Als Höhepunkt seiner Schuftereien lässt er Dax‘ Vater (Fernando Rey) ermorden, wovon der junge Mann zunächst gar nichts mitbekommt. Erst spät gelangt Dax zu der Einsicht, dass sein Herz schon immer nur für Corteguay schlug und macht sich daran, dem Land endlich Frieden zu schenken…

Dass der just verstorbene, vor allem für seine drei spektakulären Bond-Filme bekannte Brite Lewis Gilbert noch ganz andere Meriten aus seiner immerhin 55 Jahre währenden Schaffensära vorzuweisen hat, wird gemeinhin gern übersehen. Ganze 37 Filme durfte er im Zuge dieser Zeitspanne inszenieren, wobei „The Adventurers“ vielleicht als eine der vielleicht schönsten, in jedem Falle aber exotischsten Blüten daraus Bestand haben sollte und hat.
Der Film erweist sich als ein wundertätiges Kleinod und Exempel aus jener Phase, in der die Hollywood-Studios mittels gewaltiger, in jeder rationalen Hinsicht zum Scheitern verurteilter Klimmzüge probierten, gegen die merkwürdigen, für sie unfassbaren Neuströme anzuschwimmen, die sich durch ein paar gediente und vor allem ganz viele junge Filmemacher entfesselt fanden und rückblickend gemeinhin als „New Hollywood“ bezeichnet werden. Nachdem die Paramount und Produzent Joseph E. Levine sich bereits mehrfach an Adaptionen bzw. Spin-Off-Stoffen des damals ungeheuer erfolgreichen Trivialschreibers Harold Robbins abgearbeitet hatten, setzten sie abermals auf jenes vermeintlich zugsichere Vorlagenpferd und butterten ein spürbar großzügiges Budget in „The Adventurers“, der eine wie gewohnt schillernde, biographische Story um einen ebenso aufregenden wie rissigen Helden erzählte und die auf drei Kontinenten an allerlei luxuriösen, internationalen Schauplätzen spielt. Knapp drei Stunden Erzählzeit nimmt das ausufernde Resultat in Anspruch, ganz klassisch flankiert noch von musikalischer Ouvertüre und Intermission. Allerdings blätterte ein wenig des versprochenen Glamour gleich im Vorhinein von der Fassade: Statt Edward Dmytryk inszenierte Gilbert, statt George Hamilton und Alain Delon kam der weitaus unbekanntere  Jugoslawe Bekim Fehmiu, statt Mia Farrow oder Ali MacGraw kam Candice Bergen. Alles andere als mäßige Substitute, aber im Einzelnen und vor allem in der Summe eben um einiges weniger publikumsmagnetisch und durch die bekannt gewordenen Absagen der Wahlstars eher ungünstig in der Entwicklung.
„The Adventurers“ holt dennoch alles aus seinen Schläuchen und erweist sich als ein ungebremstes Kraftwerk vitalen Filmemachens, das noch den schwingenden Spirit der Spätsechziger atmet und für sein Enstehungsjahr beinahe schon leicht obsolet daherkommt. Psychedelia und Camp, Bond-Elemente und überzogene Gewalt; Soap, Sex und Kriegsaction, testosterongeschwängerte Schmachtereien und Charles Aznavour mit neonbeleuchtetem Folterverlies. Richtig schön prall und drall dargeboten, ohne Rücksicht auf Verluste und gerade deswegen als Kind seiner Zeit zu schrillem Verpuffen und Scheitern verdammt.
Eine allzeit obskure bis skurrile Kinopreziose, an der man sich gar nicht ausufernd genug laben kann!

9/10

THE LOST EMPIRE

„I hate robot spiders!“

The Lost Empire (Drei Engel auf der Todesinsel) ~ USA 1984
Directed By: Jim Wynorski

Eher durch Zufall wird die knallharte Polizistin Angel Wolfe (Melanie Vincz) auf einen bizarren Kult um einen rotglühenden Diamanten aufmerksam, dem zuvor ihr jüngerer Bruder (Bill Thornbury) im Zuge eines Einsatzes zum Opfer gefallen ist. Offenbar hat ein gewisser Lee Chuck einen Pakt mit Satan persönlich geschlossen und kann dessen Einforderung seiner Seele nur dadurch verhindern, dass er jenen magischen Edelstein mit seinem Gegenstück vereint und dadurch unendliche Macht erlangt. Um Selbiges zu verhindern, folgt Angel mit ihren zwei oberweitenbegüterten Freundinnen Whitestar (Raven De La Croix) und Heather McClure (Angela Aames) einer heißen Spur zur Insel „Golgatha“, auf der der geheimnisvolle Dr. Sin Do (Angus Scrimm) martialische Turniere mit leichtgeschürzten Damen veranstaltet…

Jim Wynorski ist zusammen mit seinem Kumpel Fred Olen Ray über die letzten 35 Jahre hinweg zu einer Art Synonym für lustvoll aufbereitete, amerikanische Exploitation- und Sleaze-Filmerei geworden. Über Umwege aus dem kreativen Dunstkreis Roger Cormans stammend, an dessen Produktion „Forbidden World“ er als Scriptautor mitwerkelte, legte Wynorski mit „The Lost Empire“ 1984 seine erste eigene Regiearbeit vor. Diese zeigt sich, lange vor Tarantino und dessen häufig ermüdenden Epigonen, als schwungvoll-kunterbuntes, ironisches Zitatekino voller augenzwinkernder Reminiszenzen, das seine Wurzeln allerdings nie denunziert, sondern sich dem umfangreichen Vorbildfundus nahtlos anschließt. Ob Russ Meyer, Don Coscarelli, Andy Sidaris, Cop- und Cannons Ninja-Filme, indonesischer Nägelzieher, Bruce Lee oder phantastischer B- und C-Film – „The Lost Empire“ lässt von nichts die Finger, zeigt unentwegt, dass die inspirativen Hausaufgaben mit Fleißsternchen gemacht wurden und explodiert stets aufs Neue in einer Vielzahl bald infantiler, bald verblüffender Einfälle: In stolzem Scope zur Musik von Alan Howarth präsentiert, gibt es grandiose Dekors und matte paintings zu bestaunen, die sich die Klinke reichen mit Schlammcatchereien und ordentlichem Geballere, zwischen denen die Superladys allenthalben ihre massiven Dekolletés vor die Linse halten und einen unglaublichen Fundus halbgarer Sprüche zum Besten geben müssen. Interessanterweise sind die Geschlechterrollen bei allem gebotenen Tittenfetischismus durchweg vertauscht; in einer etwas „handelsüblicher“ dargebotenen Story solcher Provenienz sollte man davon ausgehen, dass die Frauenparts für Männer geschrieben sind und vice versa.
Vermutlich stellt „The Lost Empire“ trotz seines Debütstatus‘ bis heute Wynorskis dedizierteste Arbeit dar – bei bislang knapp 100 weiterer Regie-Credits (die just vielsagende Titel wie „Monster Cruise“, „Piranhaconda“, „CobraGator“ oder „Shark Babes“ vorweisen) eigentlich ein kleines Wunder. Damit zu tun haben wird auch die Tatsache, dass das hier noch vitales Kino war, das seinem Schöpfer fraglos dazu diente, ein Hochmaß an aufgestauten Kreativideen zu realisieren.
Bombe.

7/10

DEEPSTAR SIX

„It’s not just a job, it’s an adventure!“

DeepStar Six ~ USA 1989
Directed By: Sean S. Cunningham

Die elfköpfige Besatzung der submaritimen Navy-Station „DeepStar“, die unterseeische Plätze für Raketenabschussrampen finden und aufbereiten soll, gerät in die Bredouille, als sie in eine Höhle vorstößt, in der ein prähistorisches Monster lauert. Die ebenso hungrige wie wendige Kreatur kann entkommen, demoliert sukzessive die Maschinen und lebenserhaltenden Systeme und arbeitet sich langsam zur Hauptbasis der ihm ausgelieferten Männer und Frauen vor…

„DeepStar Six“ bildete gewissermaßen den weitesten Vorstoß des ehemaligen „Friday The 13th“-Regisseurs Sean S. Cunningham in massenkompatiblere Gefilde, bevor er sich weitgehend aufs Produzieren verlagerte. Wenngleich der von der damals just im Reüssieren begriffenen Firma „Carolco“ der beiden Immigranten Mario Kassar und Andrew Vajna hergestellte Film am Ende noch immer lupenreines Genrekino abgibt, konnte Cunningham weder zuvor noch danach je über ein vergleichbar hohes Budget verfügen. Entsprechend professionell gestaltet sich die Form von „DeepStar Six“, der sich immerhin des historischen Renommees erfreut, das erste Lichtspiel in einer ihm nachfolgenden, kleinen Welle phantastischer Unterwasser-Geschichten darzustellen. Ein recht amtliches Ensemble und Mac Ahlberg als dp sicherten unter anderem die professionelle Präsentation des Ganzen und sogar Harry Manfredini, dem hier ausnahmsweise anstelle eines einzelnen Synthesizers ein ganzes Orchester zur Verfügung stand, klingt plötzlich wie ein „richtiger“ Hollywood-Komponist. Die große Schwäche liegt derweil beim Look des – glücklicherweise recht selten auftretenden – Monsters, das als Zentralobjekt und Motor des gesamten Films immerhin einen sehr prominenten Status innehat. Das Vieh (ein „Anthropode“, wie Marius Weyers einmal höchst wissenschaftlich-kompetent in den Raum wirft) wirkt keineswegs so behende und bedrohlich, wie der Plot es dem Publikum weiszumachen trachtet, und tatsächlich sterben die meisten der Opfer gar nicht durch direkte Interaktion mit der Kreatur, sondern durch Unfälle und andere Missgeschicke.
Dennoch gefällt mir „DeepStar Six“ nicht zuletzt als Relikt seiner Zeit noch immer recht gut – er ist auf seine etwas naive Weise durchaus spannend, straight und wirkt zudem stets aufrichtig sowie beseelt von der Lust, seinem Publikum etwas Handfestes zu liefern. Das ist schon weitaus mehr, als man von vielem anderen (auch zeitgenössischem) Zelluloidausstoß behaupten kann.

7/10

PILGRIMAGE

„Do what you can.“

Pilgrimage (Gottes Wege sind blutig) ~ IE/BE/USA 2017
Directed By: Brendan Muldowney

Zu Beginn des 13. Jahrhunderts kommt der Zisterzienser Geraldus (Stanley Weber) in ein entlegenes Kloster ganz im Westen der irischen Insel, um eine dort lagernde Reliquie, jenen Stein, der einst den Apostel Matthias (Nikos Karathanos) erschlug, zum Vatikan zu bringen, wo just ein neuer Kreuzzug erwogen wird. Mit einer kleinen Eskorte, darunter der junge Novize Diarmuid (Tom Holland) und ein stumme Hüne (Jon Bernthal), reist Geraldus quer über die Insel, stets bedroht von kriegerischen Kelten und dem verräterischen Normannenprinz Raymond De Merville (Richard Armitage), der das Artefakt für sich beansprucht.

Gut, dass mir bis dato ausnehmend positiv aufgefallene Ire Brendan Muldowney Nicolas Winding Refns „Valhalla Rising“ gesehen und sich zumindest für die Zeichnung des von Jon Bernthal mit einigem Körpereinsatz gegebenen, stummen Mönchs von diesem hat inspirieren lassen, sei einmal außer Frage gestellt. Das macht aber in Anbetracht des rundum gelungenen Resultats auch überhaupt nichts.
Wie Muldowney respektive sein Autor Jamie Hannigan den Wert der Kirche und ihrer Vorgehensweise in mittelalterlichen Tagen einschätzen, bleibt ferner angesichts des blutigen Verlaufs der Ereignisse kaum offen: Um einen großen Kreuzzug zu stützen wird gewissermaßen ein kleiner [oder eine „Pilgerfahrt“, um im (anti-)sakralen Duktus des Films zu bleiben] vorangestellt, der in Gewalt, Leid und Chaos endet. Besonders reizvoll erscheint innerhalb dieses von einer ausgezeichneten Bildsprache unterstützen, gräulichen Abenteuers die Konstellation der Heldenfiguren, die einen sich welterfahren wähnenden französischen Geistlichen sowie die aus beinahe atavistischem Lebensumfeld stammenden irischen Mönche miteinander koppelt. Der just als neuer „Punisher“ von sich reden machende Bernthal ist dabei als beinahe mythologisch konnotierter „Superheld“ von mysteriöser Herkunft zu sehen, dessen rohe, gewaltige Wehrhaftigkeit sich, einmal entfesselt, mit gewaltiger Wucht wider seine Gegner entlädt. Marvel ist zum Leidwesen vieler Zeitgenossen ja momentan ohnedies überall, insofern gibt es mit dem Nachwuchs-„Spider-Man“ Tom Holland gleich noch ein Mitglied aus dessen wachsender Filmfamilie zu beklatschen.
Für entpuppte sich der in zielsicher Ambivalenz ebenso kontemplative wie wuchtige Film über die dark ages als spätes Jahreshighlight und unbedingt sehenswertes Genrestück ganz nach meinem Gusto. Blut, Stahl und Barbarei, die haben es mir schon immer irgendwie angetan und „Pilgrimage“ bewies mir aufs Neuerliche eindrucksvoll, warum.

9/10

PAPILLON

„We all have sensitive spots.“

Papillon ~ USA/F 1973
Directed By: Franklin J. Schaffner

Der Franzose Henri Charrière (Steve McQueen), wegen seiner Brusttätowierung von allen „Papillon“ gerufen, wird im Jahre 1933 wegen des Mordes an einem Zuhälter, dessen er sich jedoch unschuldig behauptet, zu einer lebenslangen Haftstrafe in Französisch-Guayana verurteilt. Papillon sichert sich die Sympathie des wohlhabenden Devisenfälschers Louis Dega (Dustin Hoffman), den er auf dem sie übersetzenden Schiff kennenlernt. Aus der anfänglichen Zweckgemeinschaft erwächst im Laufe der Zeit aufrichtige Freundschaft, die Papillon und Dega durch mehrere gemeinsame Fluchtversuche, grausame Episoden der Einzelhaft und schließlich zu einer
„staatlich verordneten“ Einbahnexistenz auf der Teufelsinsel, von der eine Flucht als aussichtslos gilt, führt.

Unabhängig davon, dass der Fakten- und Wahrheitsgehalt von Henri Charrières von ihm selbst als größenteils authentisch veräußerter Roman „Papillon“ immer wieder neuen historischen Revisionen unterzogen und sein Wahrheitsgehalt in etlichen Facetten angezweifelt wurde, ist Schaffners Film ein Fanal und Triumph seiner Zunft.
Dies ist weniger bei der Charakterisierung der Hauptfigur zu verorten. Der Gefängnisfilm, zumindest viele der zu Klassikern avancierten Hauptwerke, in denen dem Protagonisten schließlich die Flucht gelingt, operiert zumeist mit sehr einvernehmlich gewählten Motivkreisen: Der zur Strafe führende Urteilsspruch erweist sich bereits als falsch bzw. unverhältnismäßig, das Vollzugssystem spottet jedweder Humanität, der Held kennzeichnet sich durch eine weit überdurchschnittliche Intelligenz gekoppelt mit einem selbst durch noch so harte Konsequenzen nicht zu begradigendem Freiheitsdrang. Daraus erwächst dann entweder eine Kette diverser Fluchtversuche oder ein von langer Hand geplanter, dann in der Regel von Erfolg gekrönter Ausbruch. Gefängnisfilme sind somit zugleich wunderbare Suspense-Lieferanten; der Hauptcharakter lädt infolge seiner durch bald übermenschliche Willenskraft zu willkommener Identifikation ein und die Fluchtszenarien lassen den Rezipienten umso leidenschaftlicher mitfiebern.
Steve McQueen, der genau zehn Jahre zuvor in John Sturges‘ Kriegsgefangenenfilm „The Great Escape“ eine beinahe analoge Rolle als „Coller King“ Hilts spielte, brachte demnach bereits dem Sujet angemessene Vorerfahrungen mit. Dass er als Schauspieler mittlerweile ungeheuer gewachsen war, konnte er in „Papillon“ allerdings nicht minder demonstrieren – die Szenen, in denen er die zweimalige Einzelhaft sowohl psychisch als auch physisch nur mit alleräußerster Disziplin überlebt, zählen zum Nervenzerrendsten, was der üblicherweise ja als eher untangierter Stoiker kultivierte McQueen je gespielt hat. Hinzu kommt in diesem speziellen Falle noch der Genreaspekt des klassischen Abenteuerfilms; die mittelamerikanische Kulisse rund um tropische Unwägbarkeiten Mangrovensümpfe, Leprakolonisten und Eingeborenenstämme verleiht „Papillon“ ein höchst eigenwilliges Flair, das ihn dann doch von sämtlichen anderen Repräsentanten seiner Zunft abhebt. Auch der emotionale impact zeigt sich gleich von Abfang an als ungeheuer wirkungsvoll aufbereitet – wie der Film eine empathische Allianz zwischen Papillon und dem Zuschauer schmiedet, das ist schlichtweg meisterhaft. Wie sehr einem etwa jedesmal, da man Schaffners Kronjuwel aufs Neue bewundert das Herz blutet, wenn Papillon nach einer ungeheurlichen Odyssee bereits frei scheint und dann doch von dieser widerlichen Äbtissin (Barbara Morrison) verraten wird, illustriert jenes einmal geflochtene Band geradezu exemplarisch.
Außerdem hat man selten die Chance, den ewigen villain John Quade einmal in einer sympathischen Rolle zu beobachten.
Absolute premier league!

10/10