DA 5 BLOODS

„We fought in an immoral war that wasn’t ours for rights we didn’t have.“

Da 5 Bloods ~ USA 2020
Directed By: Spike Lee

Einst waren sie Fünf: Squadleader Norman (Chadwick Boseman), Paul (Delroy Lindo), David (Jonathan Majors) Otis (Clarke Peters) und Eddie (Norm Lewis), die im Vietnamkrieg als „Bloods“ eine verschworene Gemeinschaft bildeten. Zum Quartett dezimiert kamen sie nach Haus; „Stormin'“ Norman, die moralische und intellektuelle Stütze der fünf Freunde, musste „im Krieg bleiben“. Rund fünf Jahrzehnte später kehren die vier verbliebenen Freunde zurück in den vietnamesischen Dschungel; vorgeblich, um die damals provisorisch beedrigten Gebeine ihres toten Freundes zu finden, tatsächlich jedoch, weil ebendort seit damals auch ein aus Goldbarren bestehender Schatz lagert, der einst den Lahu als Entgelt für deren Unterstützung gegen den Vietcong bestimmt war. Paul, David, Otis und Eddie wollen sich das Gold unter den Nagel reißen und zu Dollars machen, wofür sie sich mit dem Schmuggler Desroche (Jean Reno) einlassen. Doch die Rückkehr nach Südostasien reißt unerwartet viele alte Wunden auf und offenbart bittere Wahrheiten – vor allem für Paul, der seit damals an einem PTBS-Syndrom leidet und dessen Sohn Melvin (Isiah Whitlock Jr.) sich den Bloods unerwartet anschließt, bedeutet die Begegnung mit der Vergangenheit zugleich die Konfrontation mit seinen ureigenen Dämonen.

Heute vor genau 36 Tagen wurde der Afroamerikaner George Floyd von dem weißen Polizeibeamten Derek Chauvin in Minneapolis ermordet, indem dieser ihn ersticken ließ. Zu dem Zeitpunkt war Spike Lees jüngster Film bereits lange fertig und wartete auf seine Netflix-Premiere. Dennoch heißt es an dessen Ende laut und wohlvernehmlich „Black Lives Matter!“. Koinzidenz oder doch bloß der traurige Beweis dafür, dass Lees nunmehr seit fast vier Jahrzehnten beständig vorgetragene Botschaft sich nicht abnutzt, sondern im Gegenteil niemals an akuter Aktualität einbüßt? Mit dem gewaltsamen Tod seiner Filmfigur Radio Raheem in „Do The Right Thing“, so proklamiert manch einer nicht zu Unrecht, habe Lee vor 31 Jahren das Schicksal Floyds annähernd prophetisch vorausgesagt. Damit schließt sich ein grauenhafter Kreis. Abermals. Der Diskurs um rassistisch bedingte Polizeigewalt, die besonders in den Staaten immer wieder Todesopfer fordert, schwappt mittlerweile auch zu uns Mitteleuropäern hinüber und legt offen, dass es auch hier ein offenkundiges strukturelles Problem in den Kreisen der uniformierten Staatsmachtbediensteten gibt.
Damit hat Lees zweiter Kriegsfilm nach dem im 1944er Italien angesiedelten „Miracle At St. Anna“ und nach „Dead Presidents“ von Allen und Albert Hughes gleichfalls der zweite Vietnamkriegsfilm, der sich der Problematik der von der US-Regierung im damaligen Konflikt verheizten Afroamerikaner (bei einer Bevölkerungsquote von rund 10 Prozent bestand die Zahl der in Südostasien eingesetzten und gefallenen Soldaten zu einem wesentlich höheren Anteil aus Schwarzen) annimmt, auf den ersten Blick vielleicht nur sekundär oder tertiär etwas zu tun; was jedoch nichts an der schlussendlichen Parallele zwischen Fiktion und Realität ändert: „Black Lives Matter!“
Viele Topoi, ausgehend von jenem zentriertem Protestruf, geleiten ergänzend Lees Neuesten: „Da 5 Bloods“ ist auch ein Abenteuer- und Action- und somit ein Genrestück; er zollt diversen Kriegsfilmklassikern durch kleine und große Reverenzen Tribut und versteht sich nicht zuletzt als Liebeserklärung an die zeitgenössische Motown-Szene: Marvin Gaye, insbesondere sein Stück und das dazugehörige Jahrhundertalbum „What’s Going On“ ziehen sich wie ein roter, kommentatorischer Faden (oder, wenn man so will, Geleitchor) durch das Geschehen, die Bloods tragen die Vornamen der Temptations respektive ihres Produzenten. Die bis heute für Konflikte sorgenden, interethnischen Verstrickungen und die kulturellen Veränderungen in Vietnam lässt Lee ebenso wenig unberührt wie eine durchaus metapigmentäre Reflexion über das Wesen des Krieges, die auf die eine oder andere Weise zu jedem respektablen Genrestück a priori gehören sollte. Nach oftmals nervenaufreibenden zweieinhalb Stunden war mir jedenfalls klar, dass mit demauteur und Künstler Lee, der mit „Da 5 Bloods“ nach dem diesbezüglich eher überraschungsfreien bis langweiligen „BlacKkKlansman“ auch ein formal wieder immens einfalls- und facettenreiches Pasticcio vorlegt, glücklicherweise noch zu rechnen sein darf.

8/10

THE MANDALORIAN: SEASON 1

„That’s the way.“

The Mandalorian: Season 1 ~ USA 2019
Directed By: Deborah Chow/Rick Famuyiwa/Dave Filoni/Bryce Dallas Howard/Taika Waititi

Nach dem Fall des Imperiums versucht die Neue Republik, Frieden und Freiheit in der Galaxis zu reetablieren. Doch viele Wegbegleiter ubd Befürworter der alten Ordnung verstecken sich noch in den entlegensten Flecken des Universums, schmieden im Geheimen Pläne und warten auf jede Gelegenheit, den Spieß wieder zu ihren Gunsten umzudrehen. Inmitten dieser unaufgeräumten Verhältnisse arbeitet die „Kopfgeldjäger-Gilde“ unter ihrem Boss Greef Karga (Carl Weathers) für jeden, der sie nur gut genug bezahlt. Als einer der besten unter ihnen gilt „der Mandalorianer“ (Pedro Pascal), ein hervorragend ausgebildeter, permanent behelmter Krieger, der seine Aufträge absolut emotionslos und dafür umso erfolgreicher ausführt. Seine jüngste Mission erhält er von einem auf dem Außenposten Nevarro wartenden Klienten (Werner Herzog), der noch mit dem Imperium in Verbindung steht: Der Mandalorianer, wie sich später herausstellen wird, einst ein Findelkind namens Din Djarin, soll ein kleines, fremdweltliches Wesen aus seiner Gefangenschaft befreien und dem Klienten bringen. Der Auftrag gelingt unter einigen Strapazen, doch als der Mandalorianer feststellt, dass der Klient mit der freundlichen, kleinen Kreatur nichts Gutes im Sinn hat, entscheidet er sich gegen ihn und damit zugleich gegen seinen Ehrenkodex als Kopfgeldjäger. Er flieht mit seinem neuen Schützling und hat einige Abenteuer mit neuen Freunden und Gegnern zu bestehen, bevor er nach Nevarro zurückkehrt und sich seinem weiteren Schicksal stellt.

Nachdem ich bereits dem gedanklichen Entwurf einer Adaption des Konzepts „Star Wars“ an das Serienformat zunächst eher skeptisch gegenüberstand und mich darin auch im Zuge der Betrachtung der ersten drei Episoden bestätigt fand, muss ich nach dem Gesamtgenuss von „The Mandalorian“, der ersten Web-Reihe des neuen Streamingdienstes Disney+ überhaupt, doch einräumen, dass Jon Favreau, der Ersinner des Ganzen, durchaus sehr genau wusste, was er da deichselte. Gut, die episch-pathetischen Partituren von John Williams muss man leider entbehren (und sie fehlten mir angesichts der sonstigen Referenzialität, die „The Mandalorian“ zu großen Teilen ausmacht, recht schmerzlich), dafür tendiert das Serial vor allem in visuellen Bahnen sehr viel mehr zur Ur-Trilogie als alles, was im Kino danach kam. Und nicht nur „Star Wars“ selbst findet sich nostalgisch gebauchpinselt, im Prinzip rauscht – einmal mehr – faktisch das Gros der Genreästhetik der Achtziger am Betrachter vorbei. Die Episodenhaftigkeit, die sich inhaltlich vor allem dergestalt indiziert, dass der Mandalorianer auf der Flucht ist und überlebensnotwendige Credits (= Geld) benötigt, gemahnt derweil an alte Western-Serials, wie auch die vielfach bemühte Staubigkeit der Wüstenszenarios nebst der diversen Shoot-outs (eine Episode heißt gar „The Gunslinger“) wiederum eklatant zu jenem Fach hinüberschielt. „The Mandalorian“ zapft somit vor allem den filmmedialen Grundwortschatz an und speist sich somit primär aus ausgestellter Traditionalität, womit die Serie ja wiederum ganz im Zeichen ihrer ästhetischen Gegenwart steht. Dass es trotz dieser wenig innovativen Blaupausen vor allem im weiteren Verlauf der acht Episoden immer wieder gelingt, wirklich schöne Augenblicke zu generieren, spricht für die zu erwartende Halbwertszeit. Zudem bietet „The Mandalorian“ auch in Bezug auf die vom Franchise ja höchstselbst so emsig kreierte Mythologie ansprechendes fanbait – immerhin taucht man mit den Erläuterungen um das „Volk“ der Mandalorianer, zu denen ja einst auch Nerd-Liebling Boba Fett zählte, sowie der für künftige Staffeln bereits angedeuteten Enträtselung um Yodas (noch namenlose) Rasse in bisher unerforschte Geheimgefilde ein.

8/10

BLACKSNAKE!

„Your God, not my God, old man.“

Blacksnake! ~ USA 1973
Directed By: Russ Meyer

Im Jahre 1835 haben die Briten der Sklaverei in ihren Westindischen Kolonien bereits weitgehend entsagtm einzig auf dem kleinen Eiland San Cristobal herrscht die Zuckerrohrbauerin Susan Walker (Anouska Hempel) weiterhin mit eiserner Hand und schwarzlederner Knute. Da von ihrem Gatten Lord Jonathan (David Prowse) bereits seit Längerem nichts zu hören ist, begibt sich dessen Bruder Charles (David Warbeck) in cognito als neuer Buchhalter Sopwith nach San Cristobal, um vor Ort selbst nach dem Rechten zu sehen. Dort wird er umgehend Zeuge von Lady Susans Schreckensregime, das von ihren sadistischen Aufsehern Joxer Tierney (Percy Herbert) und Raymond Daladier (Bernard Boston) unterstützt wird. Doch die Revolte brodelt bereits vor sich hin…

Bereits ein Jahr vor Richard Fleischers Skandal-Studioepos „Mandingo“ ließ Russ Meyer diesem seinem weitaus bekannteren Epigonen gar nicht mal unähnlichen, kleinen Schweinehund von Film von der Leine. Das historische Sujet der Sklaverei im 19. Jahrhundert diente auch „Blacksnake!“ vornehmlich dazu, einen waschechten Exploiter fürs Midnight Cinema zu kreieren, wobei einzuräumen ist, dass von Meyers üblichem, anarchischen Stil im Gegenzug zu einer in diesem Fall eher konventionellen Inszenierung vergleichsweise wenig übrigbleibt. Erst im letzten Viertel genehmigt der Regisseur sich einige wenige, surreale Metalepsen und versichert dem angesichts des zuvor Bezeugten möglicherweise noch unschlüssigen Publikum mit seinem Finale, in dem allerlei Pärchen unterschiedlicher Hautfarbe zu den beruhigenden Worten des Off-Sprechers fröhlich durch ein Flussbett hüpfen, dass sein ruppiges Werk natürlich ganz und ausschließlich im Zeichen liberaler Werte entstand.
Nun, trotz seiner recht räudigen Atmosphäre nimmt sich „Blacksnake!“ nicht gar so bitterböse aus wie Fleischers Film, entbehrt jedoch auch mancher dessen wirksamer Ingredienzien wie etwa eines Hauptdarstellers vom Kaliber James Mason. Auch mit für seine persönliche Proveninenz berüchtigten Sexszenen hält sich Meyer merklich zurück, für ein paar wenige, tatsächlich kaum schlüpfrige Bilder um Anouska Hempel musste sichtlich ein Body Double herhalten. Seine nichtsdestotrotz eklatanten Grindhouse-Elemente bezieht „Blacksnake!“ eher aus dem räudigen, vornehmlich mit Rassistenschimpf gesäumtem Dialog und einigen visuellen Barbareien wie einer Kreuzigung oder den titelgemäßen Auspeitschungen. Der breitschultrige Bodybuilder und spätere Darth Vader David Prowse springt zuweilen als wahnsinnig gewordener, gewaltsam um Zunge und Hoden erleichterter Adliger durch die Szenerie, dem wegen einer vormaligen Eifersuchtsgeschichte seitens Lady Walker noch übler mitgespielt wurde als manchen Sklaven. Die interessanteste, vielschichtigste Figur indes verkörpert der ansonsten leider wenig beleumundete Bernard Boston als Captain Raymond Daldier – ein wohlerzogener, hochgebildeter, impotenter, sadistischer Opportunist, der permanent mit wohlfeil formulierten, altklugen Standesdünkeleien um sich wirft und seine versklavten Pigmentierungsgenossen aus unerfindlichen Gründen noch weitaus mehr hasst als die rassistischen Weißen, denen er untersteht. Ihm gegenüber steht der grundsätzlich natürlich verlässliche David Warbeck als braver, plottragender Humanist geradezu blass da.

7/10

AD ASTRA

„I will live and I will love.“

Ad Astra ~ USA/CN 2019
Directed By: James Gray

In der Zukunft. Die Raumfahrt zählt mittlerweile zum alltäglichen Usus der Menschen, auch interplanetares Reisen ist kaum mehr etwas Besonderes. Der eigenbrötlerische, für die US-Raumbehörde SpaceCom tätige Astronaut Roy McBride (Brad Pitt) wird eines Tages für eine Geheimmission herangezogen. Er soll sich auf die Suche nach seinem vor zwanzig Jahren verschwundenen Vater Clifford (Tommy Lee Jones) begeben, der einst, auf der Suche nach außerirdischer Intelligenz, zum Neptun vordrang und sich dann nicht mehr zurückmeldete. Jetzt sorgen Energiewellen, die aus der Richtung Neptuns kommen, für ein empfindliches Ungleichgewicht im All und könnten gemäß den zuständigen Wissenschaftlern sogar eine fatale Wirkung auf das gesamte Sonnensystem nach sich ziehen. Der Roy begleitende Colonel Pruitt (Donald Sutherland), ein alter Bekannter seines Vaters, schweigt sich zunächst über Roys eigentliches Missionsziel aus. Die sich im Laufe seiner Reise herauskristallisierende Wahrheit erweist sich schließlich als zutiefst unbequem.

Wie zuletzt in „The Lost City Of Z“, mit dem „Ad Astra“ in mehrerlei Hinsicht motivisch eng verwandt ist, lotet der von mir hochgeschätzte James Gray ein höchst komplexes und kompliziertes Vater-Sohn-Verhältnis aus, das von dem rigorosen Entdeckerdrang und Forschungsdrang des Seniors dominiert und gezeichnet ist. War die Geschichte um Perry Fawcett und seinen Sohn Jack, die in den zwanziger Jahren im Zuge einer wahnwitzigen Amazonas-Expedition verschwanden, noch authentischen Ursprungs, setzt Gray sein jüngstes, in weiten Teilen analoges Sujet in den futuristischen Kontext der Waltraumerforschung. Auch hier ist das Verhältnis zwischen dem abwesenden Vater und seinem zurückgelassenen Sohn höchst problematisch: Während Clifford McBride von den Behörden (völlig zu Unrecht, wie sich erweisen wird), zum Helden unbeugsamer menschlichen Expeditionsgeistes stilisiert wurde – ein übermächtiger Schatten, in dem der teilautistisch wirkende Roy trotz seiner eigenen professionellen Qualitäten immer wieder versackt – musste sein Filius über entscheidende Jahre seiner eigenen Vita hinweg ohne ihn auskommen. Die Reise zu seinem Vater kommt für ihn im Zuge dessen einer Reise zu den eigenen Wurzeln gleich.
Wiederum zeigt sich Gray ebenfalls stark beeinflusst von Joseph Conrads „Heart Of Darkness“, während sich sein Film formal betrachtet zu den oftmals eher kontemplativ orientierten SciFi-Genre-Beiträgen der letzten Jahre gesellt, die sich, auch diesbezüglich überragt sie „Ad Astra“ hinsichtlich seines hermeneutischen Vorsprungs, ja mehr oder weniger deutlich durchweg an Kubricks „2001: A Space Odyssey“ orientierten. Anders als der darin reinkarnierende Dave Bowman findet Roy am Ende seiner ebenfalls von sonderbaren Ereignissen gesäumten Reise allerdings keine von spirituellen Entitäten dargebotene, neue Evolutionsstufe, sondern vielmehr deren Gegenteil – er kehrt zurück zu sich selbst.
James Gray steht, selbst, wenn seine Geschichten sich dramaturgisch zuspitzen, für ein mental ausgeglichenes, besonnenes, jedoch nie über Gebühr elegisches Kino und ist damit stets ganz bei sich, egal ob er sich auf Gangsterfilmterrain, romantischem oder historischem bzw. abenteuerlichem Terrain bewegt. „Ad Astra“, sein erster Science-Fiction-Film, bildet da keine Ausnahme und zeugt somit abermals vom konstant hohen Niveau, auf dem dieser wunderbare Regisseur zu arbeiten pflegt.

8/10

IRON WARRIOR

„Magic. And sorcery.“

Iron Warrior ~ I/NL 1987
Directed By: Alfonso Brescia

In einem Land vor unserer Zeit: Die gute Zauberin Deeva (Iris Peynado) und ihre verräterische Amtskollegin Phaedra (Elisabeth Kaza) stehen in ewigem Konflikt. Um den harmonischen Zustand, den Deeva just mit Mühe und Not herstellen konnte, zu bewahren, erschafft sie zwei zukünftige Krieger – Ator (Malcolm Borg) und Trogar (Conrad Borg), von denen Phaedra letzteren unter ihre bösen Fittiche nimmt. Als Erwachsener muss Ator (Miles O’Keeffe) dann der schönen Prinzessin Janna (Savina Gersak) beistehen, deren Königsvater (Tim Lane) von Phaedra und Trogar (Franco Daddi) ermordet wurde.

„Iron Warrior“ oder auch „Ator, Il Guerriero Di Ferro“, der von Alfonso Brescia unter dem anglophonen Pseudonym „Al Bradley“ inszeniert wurde, ist ein besonders deliranter, flirrend-verrückter Auswuchs der zweiten italienischen Sword-&-Sorcery-Welle. Der völlig austauschbare Plot dient bestenfalls als dünner roter Faden, als apologetischer Aufhänger für eine wirre Gemengelage szenischer Akausalität, die das Ganze im Gegenzug interessanterweise zu einem pureren Regisseursfilm machen als es viele andere Plagiatswerke mediterraner Zunft jener Ära je sein durften. „Iron Warrior“ lebt einzig und allein von Brescias in visuelle Spasmen gegossener Fabulierfreude; das Was kriecht vor dem Wie zu Kreuze. Dem von Konfusion erdrückten und dafür von jedweder Logik entblößten Zuschauer bleibt nur, sich auf die Bilderflut einzulassen, um seine möglicherweise als etwas kärglich empfangene Entlohnung zu erhalten. Dass „Iron Warrior“ als dritter Teil der einst von Joe D’Amato ersonnenen Ator-Saga firmiert, spielt am Ende keine Rolle, denn mit Ausnahme der Tatsachen, dass der bewundernswert ausdruckslose, nichtsdestotrotz cinegene Miles O’Keeffe nochmals den gleichnamigen Titelrecken darbietet und dass irgendwie alle Filme dem Fantasygenre zuzurechnen sind, gibt es keinerlei inhaltliche oder formale Parallelen. Dieser Ator ist nicht mehr der Rächer (s)eines ausgelöschten Volkes, sondern ein künstlich geschaffener Kämpfer, dem die Rettung der Stabilität obliegt. Dafür muss er mit einer verwaisten Prinzessin (sehr hübsch: die Slovenin Savina Gersak, die kurz zuvor bereits mit O’Keeffe in Deodatos Endzeitabenteuer „Lone Runner“ zu sehen war und hernach eine kurze, aber hübsche Karriere im italienischen Genrefilm absolvierte) überland ziehen und sie vor den dauernden Zugriffen der bösen Phaedra (brillant überdrehte Knusperhexe: Elisabeth Kaza, die unter anderem auch bei Borowczyk, Losey, Delannoy, Brass und Ivory auftrat – um nur einige zu nennen) bewahren und eine als harbherziger Macguffin fungierende, goldene Truhe in Sicherheit bringen. Zwischendrin flitzen Ator und Janna durch die Ruinen des uralten Ġgantija-Tempels auf der maltesischen Insel Gozo, der im Film mindestens vier unterschiedliche Handlungsstationen abgeben soll, dabei jedoch sehr gut als ein- und derselbe erkennbar bleibt. O’Keeffe stand offenbar nicht für Nachdrehs zur Verfügung, denn in zwei vom Rest der Story unabhängigen Actionsequenzen wird er deutlich sichtbar von einem Ersatzakteur vertreten, dessen liderliche Camouflage lediglich aus einem Mundschutz besteht. Brescia machte da keinerlei Gefangene. Kino aus einer anderen Zeit, das eigentlich schon zu seiner Zeit Kino aus aus einer anderen Zeit war.

4/10

WIZARDS OF THE LOST KINGDOM

„Thrilling, isn’t it?“

Wizards Of The Lost Kingdom ~ USA/AR 1985
Directed By: Héctor Olivera

Axeholme ist ein friedliebendes Königreich der Magie. Simon (Vidal Peterson), Sohn des Hofzauberers (Edgardo Moreira) wird dereinst die Königstochter Aura (Dolores Michaels) ehelichen und alle sind glücklich und zufrieden. Alle…? Nicht ganz, denn Auras böser Stiefmutter Acrasia (Maria Socas) ist die viele Harmonie vor Ort ein Dorn im Auge und so ermöglicht die verräterische Schlange dem bösen Hexer Shurka (Thom Christopher) und seinem zwergenwüchsigen Gefolge die Übernahme Axeholmes. Aura (auf die Shurka seinerseits ein Auge geworfen hat) wird eingekerkert, derweil Simon und seinem pelzigen Faktotum Gulfax (Edgardo Moreira) die Flucht gelingt. Sie begegnen dem wackeren, aber weinaffinen Krieger Kor (Bo Svenson), der sich überreden lässt, ihnen gegen Shurka beizustehen. Zuvor gilt es jedoch, manches andere Abenteuer zu (ü)be(r)stehen…

1985 konnte man noch ein klein wenig Sword & Sorcery unters Kinovolk bringen, wenngleich schon längst nicht mehr so erfolgversprechend wie noch zwei, drei Jahre zuvor. Hinter „Wizards Of The Lost Kingdom“ (der zu seiner deutschen Videopremiere wundersamerweise den langen Originaltitel verehrt bekam und allein deshalb eine Ausnahmeposition auf diesem Sektor bekleidet) verbarg sich, Trommelwirbel, natürlich niemand Geringerer als (ein vorsorglich unkreditierter) Roger Corman, der mit dieser Leuchtgranate eine seiner legendären Patchwork-und Abschreibungsproduktionen betreute. (Als eines von ganzen neun Corman-Werken jener Tage) Entstanden und belichtet in Argentinien, belief sich der am Ende übrige, verwertbare Netto-Erzählrahmen auf eine Spielzeit von 59 Minuten. Diese wurden dann um 20 Minuten Filmschnipsel aus „Sorceress“ und „Deathstalker“ angereichert, was in einem völlig belanglosen Subplot mündete, der wiederum sich mittels viel Spucke, Mühe, Not und Voiceover in den Rest integriert fand. Auch einen Score wusste man sich zu sparen und nutzte kurzerhand James Horners musikalische Einspielungen aus „Battle Beyond The Stars“. Dass das „Resultat“ hinter dem immerhin wunderhübsch gemalten Kinoposter (auf dem Simon als mittelalterlicher Luke Skywalker auf einem schicken, geflügelten Raubkatze zur Attacke bläst) als denkbar absurdes, hanebüchenes Flickwerk verkauft zu werden hatte, folgt aus der Natur der Sache, lässt sich mit der rosarot eingefärbten Nostalgiebrille jedoch zumindest als halbwegs liebenswerte Kuriosität und Erinnerung an eine heuer undenkbare Art des Filmschaffens goutieren. Immerhin: Bo Svenson hat den Spaß mitgemacht, ob allzeit nüchtern, sei herzlichst in Frage gestellt, und man lacht und leidet gewissermaßen mit ihm. Jeder, der Papp und Plaste belächelt oder gar atemringend scheut, sei indes tunlichst gewarnt!

3/10

THE ROYAL HUNT OF THE SUN

„How can the Sun have a child?“

The Royal Hunt Of The Sun (Der Untergang des Sonnenreiches) ~ UK/USA 1969
Directed By: Irving Lerner

Spanien, 1532. Der Abenteurer Francisco Pizarro (Robert Shaw) überredet König Carlos (James Donald), ihm eine weitere Expedition in die Neue Welt zu genehmigen, unter der Bedingung allerdings, dass Pizarro die Reise selbst finanziert und plant sowie dass Vertreter von Klerus und Krone ihn begleiten. Nach seiner Ankunft in Peru und einer fußläufigen Weiterreise durch die Anden organisiert Pizarro ein Treffen mit dem selbsternannten Gottkönig Atahualpa (Christopher Plumer) in dessen Festung Cajamarca. Jenes endet in einem Massaker an Atahuallpas unbewaffneten Gefolgsleuten durch die Spanier und seiner anschließenden Geiselnahme. Nur gegen Gold soll der Inka-Herrscher wieder freikommen, doch die spanischen Eroberer werden abermals wortbrüchig.

Basierend auf Peter Shaffers fünf Jahre älterem, gleichnamigen Theaterstück inszenierte Irving Lerner dieses kolonialismus- und zivilisationskritische Drama formal eher zurückhaltend und mit vergleichsweise spartanischer Ausstattung. Im Mittelpunkt steht die Beziehung zwischen Pizarro und Atahualpa, zwei ebenso unterschiedlichen wie sich wechselseitig attrahierenden Charakteren, die nach anfänglicher Distanzierung die Zeit haben, reziprok Akzeptanz Respekt und später Verständnis und gar so etwas wie Freundschaft füreinander zu entwickeln. Beiden Männern wohnt eine tiefliegende, jeweils anders geartete Form der Hybris inne; Pizarro, weil er sich als gesellschaftliche persona non grata unterhalb der Krone vehement gegen die Autoritäten auflehnt und Atahualpa, indem er sich als legitimen Gott und Sohn der Gestirne wähnt. Über ihre kulturellenund mentalen Schranken hinweg entdecken Eroberer und Geisel jedoch mancherlei Parallelen, die sie einer wie den anderen auch zu Gefangenen ihrer spezifischen Lebensumstände macht. Am Ende stehen, wie es typisch war für die Conquista und alle späteren imperialistischen Bestrebungen in der Weltgeschichte Verrat, gebrochene Versprechungen und der naive, enttäuschte Glaube geknechteter indigener Völker an so etwas wie überirdische Gerechtigkeit.
Ganz bewusst weckt Lerner regelmäßig Erinnerungen an größenwahnsinnig verschwenderisches Hollywood-Kino vom Schlage eines „Cleopatra“, zeigt im Gegenzug aber ebenso süffisant die Redundanz von Pomp und Luxus auf, wenn er etwa die Massakrierung der Inkas durch die Spanier zu einem Bolero ohne einen sichtbaren Blutstropfen stilisiert oder sich über weite Strecken auf Shaffers philosophisch überbaute Dialogaufzüge sowie dessen omnipräsente, feine Ironie konzentriert. Hier wird nicht nur mittels symbolischer Strahlkraft die hoffnungslose Überkommenheit des im Sterben liegenden Studiosystems aufgezeigt; „The Royal Hunt Of The Sun“ geriert diesbezüglich ungeachtet seines historischen Sujets zu einem Ensemblefilm und Kammerspiel, das primär von den darstellerischen Aufwändungen seiner Akteure zehrt anstelle von Produktionsmegalomanie. In erster Linie wären da gewiss der vor Wut brodelnde Shaw und der nahezu unirdisch kieksende, augenrollende und tänzelnde Plummer (der seine Rolle zuvor bereits am Broadway gespielt hatte) zu nennen, die sich, einem unablässigen Schlagabtausch gleich, eindrucksvoll die Seele aus dem Leib spielen. Aber auch der Support um Nigel Davenport als Pizarros Gönner Hernando de Soto oder Andrew Keir als fanatischem Inquisitor Valverde liefert Exzellenz.

8/10

THE BARBARIANS

„Who you calling fatty, moosehead?“

The Barbarians (Die Barbaren) ~ I/USA 1987
Directed By: Ruggero Deodato

Die verwaisten Zwillinge Kutchek (Pasquale Bellazecca) und Gore (Luigi Bellazecca) haben es nicht leicht: Nachdem sie von dem reisenden Zirkusvölkchen der Ragnicks aufgenommen wurden, geraten sie kurz darauf in die Gewalt des bösen Despoten Kadar (Richard Lynch), als dieser die Ragnicks aufmischt und ihnen ihre Königin Canary (Virginia Bryant) raubt. Ferner interessiert Kadar sich für einen mächtigen, verschollenen Rubin, den die Ragnicks zuvor in ihrem Besitz hatten und der den Schlüssel zu ewiger Glückseligkeit beinhaltet. Zu muskulösen Recken herangereift, sollen Kutchek (Peter Paul) und Gore (David Paul) sich im Duell gegenseitig töten, erkennen sich jedoch wieder und suchen gemeinsam mit der Diebin Ismene (Eva LaRue) den Edelstein, um ihn den Ragnicks zurückzugeben.

Wie den meisten anderen italienischen Explotation-Regisseuren gelang es Ruggero Deodato in den achtziger Jahren, mit US-Darstellern aus der zweiten und dritten Reihe zu arbeiten und, im Falle von „The Barbarians“ sogar eine Kollaboration mit Cannon Films aus der Taufe zu heben, nachdem er den zunächst designierten Regisseur des Films, den Serben Slobodan Šijan, abgelöst hatte.
1987 war die Zeit der John Milius‘ „Conan The Barbarian“ referenzierenden Italo-Barbaren-Plagiate, in denen oftmals Pietro Torrisi alias Peter McCoy zu sehen gewesen war, eigentlich längst abgelaufen und anderweitige Hollywood-Erfolge zum Beräubern auserkoren. „The Barbarians“ fällt also etwas aus dem periodischen Rahmen, begegnet seiner Exotik jedoch mit einem ganz einfachen Rezept: Humor. Anstatt sich abermals an einer düster-archaischen Blutoper zu versuchen, erkannte Deodato das komische Potenzial der beiden Bodybuilder-Zwillinge Peter und David Paul und ließ sie als herzensgute, bärenstarke aber eben auch ziemlich tumbe Gesellen durch seinen gut aufgelegten Film stolpern. Die zwei beiden sind dann auch eine echte Schau: Mittels gutturaler offenbar noch aus frühester Kindheit herrührender Grunzlaute (von Baby-Zwillingen weiß man, dass sie sich in den ersten Lebensmonaten zuweilen tatsächlich einer eigene, sprachähnlichen Kommunikation befleißigen), imaginärer Rasierklingen unter den Achseln und silberrückenähnlicher Körperhaltung kloppen die beiden steroidgestählten Klöpse durch dieses wilde Märchen, das nicht allein von Deodatos Könnerschaft profitiert. Tatsächlich scheinen sich sämtliche Beteiligten mehr oder weniger stillschweigend darin einig gewesen zu sein, gute Miene zum komischen Spiel und aus „The Barbarians“ eine anarchische Parodie zu machen, die nur bedingt einem inhaltlichen roten Faden folgt, in der aber grundsätzlich alles möglich ist. Das hat zur Folge, dass der Film oft über Gebühr albern und dabei möglicherweise nicht immer freiwillig komisch ist sowie vermutlich das Gros seiner Laufzeit über die allermeisten Zuschauer zwischen staunendem bis ungläubigen Kopfschütteln changieren lässt, macht ihn aber gleichermaßen zu so ehrlichem wie einzigartigen Handwerk, liebenswert in seiner pappmachéigen Herzensgüte und entrückten, infantilen Fabulierfreude.

6/10

LOS CORSARIOS

Zitat entfällt.

Los Corsarios (Die Piraten der grünen Insel) ~ E/I 1971
Directed By: Ferdinando Baldi

Der Piratenkapitän Alan Drake (Dean Reed) und seine lustige Truppe haben ihr Schiff verloren und stranden auf einer karibischen Insel, die just von politischer Ränke gebeutelt wird. Der legitimen Thronfolgerin Prinzessin Isabella (Annabella Incontrera) sitzt nämlich insgeheim ihr böser, neidischer Vetter, der Erzherzog (Alberto de Mendoza) im Nacken und versucht, sie mithilfe sympathisierender Seeräuber zu diskreditieren. Inoffiziell heuert Isabella Drake und seine Mannschaft an, den feindlichen Korsaren Roja (Alberto de Mendoza) und seine Schergen unschädlich zu machen…

Filme zu sehen und zu sammeln kann sich nicht nur für Kinovorführer und Festivalveranstalter zu einem bisweilen archäologischen Metier entwickeln, insbesondere, wenn es um etwas spezielle Fassungen geht. Ferdinando Baldis „Die Piraten der grünen Insel“ war 1985 als TV-Aufnahme einer ZDF-Ausstrahlung ein Dauerbrenner meiner Kindheit, den ich irgendwann auswendig mitsprechen konnte, nur wenige Jahre später, zum arroganten Pubertierenden „herangereift“, aber als albernen Kinderkram empfand, zugunsten irgendeines anderen Programms löschte und vergaß. Wie das so ist mit nostalgisch geprägten Hirnwindungen, zumal solchen, die an idyllisch verklärte, harmonische Biographieabschnitte gemahnen, keimte sehr viel später jedoch der inniger werdende Wunsch nach einem Wiedersehen auf und entwickelte sich mehr und mehr zu einem glühenden Bedürfnis. Das (bzw. mein ganz persönliches) Problem: Die auf sämtlichen Heimmedien veröffentliche Version unter dem Titel „Der wilde Korsar der Karibik“, so auch die darüberhinaus sehr schludrig gemasterte DVD, beinhalten eine von der DEFA erstellte Synchronfassung. Offenbar war dem Film in der DDR, in der der tragische Entertainer Dean Reed nach seiner Immigration und öffentlichkeitswirksamen Konvertierung zum Marxismus 1973 zwischenzeitlich zum veritablen Superstar avanciert war, zuvor ebenfalls ein TV-Einsatz beim DFF vergönnt gewesen.
Der von mir so heißgeliebte Berliner Vertonung des ZDF vermochte ich hernach nicht mehr habhaft zu werden, selbst jahrelanges Umgraben des Internet resultierte stets in Misserfolg. Irgendwann stellte sich dann die zündende Idee ein, das ZDF anzuschreiben und um eine MAZ der damaligen Sendung zu bitten – ein teures und in Anbetracht der letzten Endes gelieferten, blass-rötlichen Letterbox-Qualität in gut sichtbar gecropptem 1,78:1 statt der originalen Scope-Breite zwar nicht gänzlich zufriedenstellendes, aber emotional doch stark beruhigendes Unterfangen. Was es mir bedeutet, diese jahrelange Sehnsuchtslücke endlich geschlossen haben zu können, wiegt alles andere vielfach auf.
Unter nüchternen Aspekten und mit dem Abstand der Jahre betrachtet, liefert Baldis Piratenfilm nichts mehr denn kostengünstig hergestelltes, betont infantiles, gleichfalls aber sehr herzliches Abenteuerkino für die ganze Familie, wie es für diese Zeit typisch in europäischer Koproduktion entstand. Tatsächlich ist der ZDF-Vertonung eine eklatante Aufwertung der mäßigen Darstellerleistungen zu verdanken, besonders Dean Reed verlässt sich ganz auf seinen rein physiognomischen Charme. Ohne seinen bunten Haufen, der sich aus dem schwerhörigen Messerwerfer Amando (Sal Borgese), dem etwas öligen Zaubertrickser Drago (Paolo Gozlino), dem bärenstarken, dicken Brummbär Toby (Tito García), dem artistischen Asiaten Blacky (Leslie Bailey), der forschen Piratenbraut Margarita (Paca Gabaldón), einem naseweisen Rotzlümmel (Pedro Luis Lozano) und einem später dazustoßenden Liliputaner (Antonio De Matino) rekrutiert, wäre Alan Drake / Reed jedenfalls völlig aufgeschmissen und kaum der halben Miete wert. Gerade diese ihre sozialen oder körperlichen Nachteile zu brillanten Fertigkeiten umformierende Minoritätengang, die vor allem vereint unschlagbar ist, bestimmt im Grunde den Reiz der gesamten Geschichte. Alberto de Mendoza, in einer Doppelrolle als schurkischer Strippenzieher, liefert indes das schönste Spiel der Besetzung und Annabella Incontrera gibt eine ga reizende Prinzessin ab. Der notorische Drehort Almería erweist sich einmal mehr als dankbare Kulisse, die man mit dem erforderlichen goodwill des ohnedies zugeneigten Betrachters auch als karibische Insellandschaft annimmt und Nico Fidencos wunderbar schmissiges, mitgröhlbares Titelthema ist sogar unsterblich toll. Am meisten genieße ich allerdings – zugegebenermaßen – die überfällige Verpflasterung jener alten, vernarbten Herzenswunde.

7/10

LA FOLIE DES GRANDEURS

Zitat entfällt.

La Folie Des Grandeurs (Die dummen Streiche der Reichen) ~ F/I/E/BRD 1971
Directed By: Gérard Oury

Spanien zur Zeit Karls II. (Alberto de Mendoza): Der überaus gierige und opportunistische Finanzminister Don Salluste (Louis De Funès) lebt bei Hofe in Saus und Braus. Nur sein wesentlich gerechtigkeitssensiblerer Diener Blasius (Yves Montand) sorgt allenthalben dafür, dass Sallustes Steuereintreibereien nicht allzu sehr über die Strenge schlagen. Hab, Gut und Titel gehen Salluste dennoch über alles, weswegen ihn eine ihn seines Amtes enthebende Intrige, derzufolge er ein uneheliches Kind gezeugt haben soll, umso mehr schmerzt. Doch im Ränkeschmieden ist auch Salluste ein Meister und so sprießen rasch Ideen, wie er sich zurück in des Königs Gunst schmeicheln könnte. Während Blasius als Don Cesar, angeblicher Neffe Sallustes, dessen Amt annimmt und anstelle der Armen lieber die Reichen schröpft, sieht Sallustes Plan sieht vor, die Infantin Dona Maria (Karin Schubert) in ein heimliches Tête-à-Tête zu verwickeln und sich selbst dann als großen Enthüller des Ganzen darzustellen…

Vergleichsweise selten setzte man Louis De Funès, der zur Entstehungszeit von „La Folie Des Grandeurs“ bereits seinen bis heute populären Rollentypus des hyperaktiven,  selbstherrlichen, aber gewitzten Cholerikers in die Perfektion überführt hatte, vor historischer Kulisse ein. Insofern bildet Ourys im 17. Jahrhundert in Spanien spielende Satire, zudem als internationale Coproduktion, durchaus eine Ausnahme im De Funèsschen Œuvre. Doch können weder die reichhaltig zelebrierte Kostümierung und Ausstattung noch einige Abenteuerelemente verhindern, dass der Akteur einmal mehr gänzlich in seinem Charakter aufgeht, ja, dass dieser ihm sogar wie gewohnt auf den Leib geschrieben zu sein scheint. Als Don Salluste, eine Art „spanischer Sheriff von Nottingham“, ist De Funès ganz in seinem Element: Außer dem wohligen Geräusch klimpernder Golddukaten reizt ihn lediglich die Vermehrung seines persönlichen Luxus, freilich in Verbindung mit entsprechenden Maßnahmen, zu deren Durchsetzung Salluste keine Moral zu unantastbar und kein Mittel zu schäbig sind. Als er dann eines Tages selbst zum Opfer einer höfischen Intrige wird, ist damit gewissermaßen sein wahres Können als umtriebiger Strippenzieher gefragt – doch letzten Endes führen ihn, wie andere Granden aus dem Dunstkreise Karls II. ebenfalls, am Ende doch bloß in eine marokkanische Strafkolonie. Der größte Widerling, jener von Gottes Gnaden quasi, ist und bleibt schließlich doch wieder das Staatsoberhaupt.
Hinter dem oftmals lauten, nicht selten über Gebühr strapazierten Slapstickhumor, der unter anderem Ingredienzien wie eine notgeile Kammerzofe (Alice Sapritch), einen vertrottelten Bloodhound, oder einen sprechenden Papagei bemüht und der natürlich auch den grimassierenden Protagonisten häufig in Fettnäpfchen treten lässt, verbirgt sich, man ahnt es bald, ein klassisches Literaturstück: Victor Hugos „Ruy Blas“ von 1838, ursprünglich keineswegs als Komödie, sondern als romantisches Drama angelegt, lieferte die inhaltlichen Grundzüge für eine im Grunde zutiefst bittere Satire, deren trüber, existenzialistischer Konsequenz man infolge der zuweilen grellen Oberfläche man nicht zwingend gewahr wird. Ourys Inszenierung nimmt sich, aus welchen Gründen auch immer, deutlich weniger elegant aus als von dem Regisseur aus vormaligen Arbeiten wie „La Grande Vadrouille“ oder „Le Cerveau“ gewohnt. Vielmehr müht sich „La Folie Des Grandeurs“ beinahe vergebens, einen ungehinderten Fluss zu entwickeln. Seltsam wirkt auch Yves Montand in seinem eigentlich für den kurz vorm Dreh verstorbenen Bourvil avisierten Part als Blasius/Don Cesar: In einem raren komödiantischen Auftritt gibt Montand zwar sein Bestes, es fällt aber dennoch außerordentlich schwer, seinem bereits fünfzigjährigen, lebensgegerbten Antliz, das man üblicherweise mit existenzieller Verzweiflung und Melancholie assoziiert, die hier bedurften, eher juvenilen Facetten der Verliebtheit und basalen Charaktergüte abzuringen.
Witzig, selbst für gelegenheitsmäßige De-Funès-Chronologen sehenswert und von diesbezüglichen Connaisseurs sogar hoch geschätzt ist „La Folie Des Grandeurs“ nun gewiss; ich selbst jedoch vermochte mich nie ganz des latenten Eindrucks entledigen, dass hier eine bzw. die eigentlich notwendige Homogenität für das wahre Finish nicht erreicht wurde.

6/10