SEIZED

„I never get my hands dirty.“

Seized ~ USA 2020
Directed By: Isaac Florentine

Nachdem Nero (Scott Adkins), der einst für den britischen Nachrichtendienst gearbeitet hat, verraten wurde, lebt er verwitwet, unter neuer Identität und als alleinerziehender Vater seines pubertierenden Sohnes Taylor (Matthew Garbacz) in Mexiko. Eines Tages wird Taylor von dem Kartellchef Mzamo (Mario Van Peebles) entführt und nur unter der Bedingung wieder frei gelassen, dass Nero als Mzamos Erfüllungsgehilfe sämtliche konkurrierenden Bosse mittels einer konzentrierten Großreinemachaktion aus dem Weg räumt. Nero lässt sich auf das Spiel ein, jedoch nicht ohne die Ankündigung, die Kidnapper am Ende selbst zur Rechenschaft zu ziehen…

Zu einem ziemlich langweiligen und zudem recht uninspirierten Resultat ist diese mittlerweile achte Zusammenarbeit von Regisseur Florentine und Scott Adkins gelangt: Letzterer schlägt sich als ehemaliger, nunmehr retirierter Superagent im Zuge der x-ten „Commando“-Variante durch eine unfreiwillige Terminierungsmission, die man gut und gern als verlockende Utopie aller mexikanischen Drogenkartellbosse bezeichnen möchte. Mario Van Peebles spielt diesen keinesfalls unsympathischen und neben einem breitkrempigen Cowboyhut auch mit einem hehren Ehrenkodex ausgestatteten Bösewicht als überaus menschlichen Ganoven mit karitativem Ansinnen – Erziehung, Bildung und Forschung wolle er subventionieren und könne dies eben am ungestörtesten leisten, wenn die lästige und sehr viel boshaftere Konkurrenz unter der Erde läge. Immerhin scheint Van Peebles die latente Ironie des Ganzen bewusst gewesen zu sein. Mit seiner Tongue-in-cheek-Performance bildet er den einzigen veritablen Lichtblick von „Seized“. Adkins als Nero mag derweil zwar nicht gern den erpressten Handlanger spielen, erledigt seine Tötungsaufträge jedoch trotzdem mit aller gebotenen Präzision und türmt hinter sich die Leichen zahlreicher böser Mexikaner auf. Am Ende trennen sich die beiden Widersacher schließlich gütlich – immerhin hatten sie gewissermaßen ja beide was von der ganzen Aktion, nicht zu unterschlagen, wie hoffnungslos albern die Vater-Sohn-Beziehung sich konturiert findet. Nun – Florentines und Adkins‘ B-Action-Biz ist gewiss nicht immer ganz einfach. Mit Kleinstbudgets für ein nicht allzu umfangreiches Zielpublikum arbeiten zu müssen, bedingt ja vermutlich diverse Zugeständnisse; wenn diese jedoch auf Kosten von Kreativität, Stil und Pacing gemacht werden, dann muss entsprechende Kritik erlaubt sein. „Seized“, mindestens so dümmlich wie oben teilweise eruiert, schleppt sich, unterbrochen von etlichen albernen Füllszenen und von hässlicher Digitalphotographie getragen durch seine kurze Spielzeit und kann nichtmal in punkto exzessiver Action punkten, denn auch diese bleibt stets verhalten und löst nichts von dem ein, was man sowohl von Florentine als auch von Adkins in der Vergangenheit schon sehr viel intensiver und druckvoller gesehen hat.
Neudeutsch nennt man das: lame.

3/10

MOST DANGEROUS GAME

„Give me your hand, my friend.“

Most Dangerous Game ~ USA 2020
Directed By: Phil Abraham

Der junge Detroiter Ehemann und werdende Vater Dodge Tynes (Liam Hemsworth) ist nicht nur hochverschuldet, sondern muss eines Tages zudem erfahren, dass er an einem inoperablen Hirntumor leidet. Die ihm durch einen Krankenpfleger überreichte Kontaktkarte eines karitativen Unternehmens für Unversicherte namens „Tiro Found“ führt Dodge zu dessen Geschäftsführer Miles Sellars (Christoph Waltz). Dieser offeriert dem Verzweifelten ein überraschendes Angebot: Wenn es Dodge gelingt, fünf Menschenjägern vierundzwanzig Stunden lang auf dem Stadtterrain zu entgehen, wird er Multimillionär – im Falle seines Ablebens würden zumindest Dodges Frau Val (Sarah Gadon) und ihr ungeborener Sohn von der bis dahin von ihm „erwirtschafteten“ Summe profitieren. Nach seiner ersten Empörung und einigem Überlegen geht Dodge auf Sellars‘ Angebot ein…

Die jüngste Adaption von Richard Connells klassischer, gleichnamiger Kurzgeschichte erlebte ihre Premiere vor rund eineinhalb Jahren in Form einer aus fünfzehn Siebenminütern bestehenden Webserie beim bald rasch wieder stillgelegten Portal Quibi. Gesehen habe ich allerdings den auf Spielfilmlänge und -format montierten Zusammenschnitt des Ganzen, der der uneigentlichen Form dann auch nicht immer zur Gänze gerecht wird und dem bereits so häufig variierten Manhunt-Topos keinerlei frische Impulse hinzuzusetzen vermag. Regisseur Abrahams und sein Autor Nick Santora versuchen allenthalben zwar, eine wohlfeile Portion Sozialkritik unterzumischen, diese bleibt jedoch bloßer Zierrat und verliert sich ebenso häufig wie sie aufblitzt wieder in der völlig konventionellen Dramaturgie. Der Einfall, die Jagd in einer modernen Großstadt anzusiedeln, geht zwar in Ordnung und bietet zudem pittoreske set pieces, muss jedoch vor den Querelen mangelhaft ausgearbeiteter Logik nicht selten die Waffen strecken. Das zweifellos überschaubare Budget und die ja für ihre Häppchenform aufbereitete Dramaturgie sorgen schließlich dafür, dass „Most Dangerous Game“ (warum der ursprünglich vorangehende, bestimmte Artikel ausgespart wurde, erschließt sich nicht) im Ganzen geradezu unfilmisch und daraus resultierend auch unbefriedigend im Gedächtnis bleibt. Schließlich die Besetzung: Liam Hemsworth gelingt es zu keiner Sekunde, die Verzweiflung eines Todgeweihten im Angesicht groben Schabernacks überzeugend zu transportieren; er spielt – in Ermangelung weniger klischeebehafteter Attribuierung – schlicht hölzern, derweil Waltz als Strippenzieher im Hintergrund den charismatischen Diabolus wie gewohnt auf Autopilot darbietet. Da er selbiges allerdings nach wie vor wunderbar beherrscht, gehen Waltz‘ Auftritte zumindest für ein seiner noch nicht überdrüssiges Publikum in Ordnung. Das Übrige mag man sich schenken – oder auch nicht.

4/10

THE MASTER OF BALLANTREA

„We need money! It’s blood for our veins! It’s air for the lungs of us!“

The Master Of Ballantrea (Der Freibeuter) ~ USA 1953
Directed By: William Keighley

Schottland, 1745. Im Zuge des Jakobitenaufstands gegen den englischen König Georg II schließt sich der adlige Haudegen und Lebemann Jamie Durie (Errol Flynn) den Dissidenten an. Nach der Niederschlag der Rebellion bei der Schlacht von Culloden müssen Jamie und ein neugewonnener Freund, der Ire Francis Burke (Roger Livesey), vor den Rotröcken der Krone fliehen. Eine eifersüchtige Geliebte (Yvonne Furneaux) Jamies verrät die beiden jedoch und Jamie kommt beinahe zu Tode, im Fehlglauben, sein jüngerer Bruder Henry (Anthony Steel) wäre der Denunziant. Jamie und Francis gelingt die Seeflucht über den Atlantik, wo sie sich nahe der Karibik der Besatzung des Freibeuters Arnaud (Jacques Berthier) anschließen. Im Hafen von Tortuga erleichtert man gemeinsam den feisten Piratenkapitän Mendoza (Charles Goldner) um dessen stolze Galeone, doch Arnaud treibt ein doppeltes Spiel mit seinen neuen Gefährten. Es gelingt Jamie und Francis, Arnaud den Garaus zu machen und, nunmehr um reiche Beute beschwert, inkognito zurück nach Schottland zu reisen. Dort will Jamie mit seinem Bruder abrechnen und platzt vor Ort just in die Verlobungsfeier Henrys mit Jamies geliebter Cousine Lady Alison (Beartrice Campbell)…

Das Ende einer Ära: Der lose auf der gleichnamigen Abenteuergeschichte von Robert Louis Stevenson basierende „The Master Of Ballantrea“ ist zugleich der letzte Film von Flynns Hausregisseur William Keighley wie auch der letzte Film Flynns für Warner Bros., mit dem er aus einem über 18 Jahre währenden Exklusivkontrakt entlassen wurde. Der schöne Australier litt zu dieser Zeit bereits an einer ihn auch physisch zeichnenden Hepatitis und hatte allerlei Mühe, den von ihm wie eh und je geforderten Swashbuckler-Aktivposten zu bestreiten. So werden denn die meisten seiner Fechtduelle, Rennritte und Turnereien durch die Schiffswanten offensichtlich von Stuntmen übernommen, derweil ihm selbst immerhin noch die mit hochgezogenen Augenbrauen bestrittenenen Wortgefecht-Close-ups zwischen Liebeswohl und -wehe blieben. Roger Livesey als hero’s best buddy sorgt für die humorigen Dreingaben und ansonsten sind es erwartungsgemäß vor allem die in der Karibik spielenden Piratenszenen, die das zeitgenössische Technicolor voll zu Geltung bringen. Mit der ganz großen Flamboyanz von Flynns unsterblichen Abenteuerklassikern aus den dreißiger Jahren kann „The Master Of Ballantrea“ demzufolge nicht mehr ganz mithalten, dazu wirkt er dann doch allzu routiniert und im Angesicht der heraufdämmernden Scope- und VistaVision-Epen der kommenden Jahre auch allzu kleinmütig. Trotzdem bürgen auch in diesem Falle allein die aufgebotenen Namen noch für unabdingbare Qualität.

7/10

THE SUICIDE SQUAD

„Nom-nom?“

The Suicide Squad ~ USA/CA/UK 2021
Directed By: James Gunn

Die aus im Gefängnis einsitzenden, kriminellen oder geistesgestörten Metawesen bestehende, von Agent Amanda Waller (Viola Davis) rekrutierte „Task Force X“ aka „Suicide Squad“ erhält in weitgehend neuer Zusammensetzung einen weiteren Auftrag: Die Truppe soll auf der von einer Militärjunta beherrschten Karibikinsel Corto Maltese einfallen und eine von Regierungstruppen schwer bewachte Festung namens „Jotunheim“ zerstören, in der ein mysteriöses Forschungsprojekt names „Starfish“ beheimatet ist. Die Suicide Squad landet in zwei Abteilungen an der Küste von Corto Maltese, wobei die erste, mit Ausnahme von Colonel Rick Flag (Joel Kinnaman) und der verrückten Harley Quinn (Margot Robbie), unmittelbar aufgerieben wird. Die kleinere, aber deutlich wehrhaftere Abordnung besteht aus dem Söldner Robert DuBois (Idris Elba) alias „Bloodsport“, dem selbsternannten „Peacemaker“ Christopher Smith (John Cena), dem irren Laborexperiment Abner Krill (David Dastmalchian) alias „Polka-Dot-Man“, dem maritimen Halbgott Nanaue (Sylvester Stallone) alias „King Shark“ und der mit absoluter Macht über Ratten ausgestatteten Cleo Cazo (Daniela Melchior) alias „Ratcatcher II“. Gemeinsam arbeitet sich das Team bis in die Hauptstadt vor, nimmt den Projektleiter Gaius Grieves (Peter Capaldi) alias „Thinker“ gefangen und gelangt mit dessen Hilfe in die Mauern von Jotunheim. Die ursprüngliche Mission kann unter Verlusten erfüllt werden, doch mit der Einebnung des Gebäudes wird zugleich eine neue, furchtbare Gefahr entfesselt. Von nun an muss die Suicide Squad auf eigene Rechnung arbeiten…

Wie der „Guardians Of The Galaxy“-Betreuer James Gunn zu seinem Zwischenspiel beim DCEU kam, dürfte ja hinlänglich bewusst sein. Dass damit zugleich ein kleiner, kreativer Brückenschlag zwischen den beiden Comicfilm-Riesen vollzogen wurde, erweist sich als so gleichermaßen reizvoll wie schadenfreudig: Während Disney und MCU-Mastermind Kevin Feige Gunn vormals eher in weitgehend domestizierten Schranken arbeitenund seine bekanntermaßen im derberen Filmschaffen wurzelnde Kreativenergie sich in psychedelischen Space-Gags sublimieren ließen, konnte er bei DC zum ersten Mal seit seinem zweiten Film „Super“ wieder vollends die Sau durchs Dorf und es gerade so bunt treiben, wie ihm der freche Schnabel gewachsen ist. Das Resultat ist die erste echte splatter comedy im großbudgetierten High-End-Superheldenfilm, eine liebenswert-böshumorige Burleske, in der geholzt wird, dass die Schwarte kracht. Dabei wird die makrokosmische Anbindung an Zack Snyders DC-Trilogie aufrecht erhalten und es handelt sich tatsächlich auch nicht, wie gelegentlich aufzuschnappen war, um ein Reboot von David Ayers „Suicide Squad“, sondern um ein echtes Sequel, das zur gleichen Zeit allerdings eine umfassende Renovierung des Originals betreibt. Bekanntermaßen wurde Ayer damals gehörigst in die Schranken gewiesen und dazu angehalten, seine Vision dieses verlottertsten aller Heldenteams so jugendfrei als möglich abzuliefern. Die Gags darin nahmen sich dementsprechend eher durchgemangelt aus und der overfiend wenig denkwürdig. Mit all diesen kleinen und großen Faux-pas räumt Gunn in seiner sehr persönlich gefärbten Vision der Squad rigoros auf: Ihren selbstmörderischen Beinamen trägt die Task Force X nunmehr völlig zu Recht; unmittelbar zu Beginn wird der gewissermaßen zur Ablenkung der Kerngruppe dienenden Vorhut der Garaus gemacht, als gäbe es kein Morgen mehr und die Marschrichtung des Films damit auch gleich unumwunden vorgegeben. Der im Folgenden von Gunn ausgerollte Irrsinnsteppich besteht aus einem Füllhorn mitunter brillanter visueller Einfälle, kleinen, manchmal etwas überschmückt scheinenden Nebenepisödchen [über Wert und Nutzen der als Bypass eingeflochtenen Kurzromanze zwischen Harley Quinn und dem Inseldespoten Luna (Juan Diego Botto) ließe sich etwa diskutieren – zweifelsohne dient sie in erster Linie dazu, Robbie Screentime zu verschaffen] und natürlich dem famosen Endkampf gegen den klassischen JLA-Gegner Starro, einen gewaltigen, außerirdischen Seestern, der sich seine Untertanen mittels kleiner Versionen seiner selbst, die er auf deren Gesichter pflanzt, gefügig macht. Wenn man es recht bedenkt, konnte der in Gestalt und Ausprägung nicht mehr ganz zeitgemäße Starro auch nur von einem wie Gunn zum Leinwandleben erweckt werden, die meisten anderen Filmemacher hätten sich vermutlich bis auf die Knochen blamiert. Schließlich lassen sich Gebrauch und Kompilierung der Figuren als gehörig sarkastisches Statement begreifen – die zur neuen Suicide Squad zählenden Charaktere sind, natürlich mit Ausnahme von Fanliebling Harley Quinn, die, ohne allzu augenfällige Beschränkungen zu erfahren, im Prinzip das einzig greifbare räsonistische Bindeglied zwischen dem etablierten DCEU und Gunns abgefucktem Grand-Guignol-Zirkus darstellt, allesamt letztklassige Seitenfüller, an die sich in erster Linie wohl nur wandelnde Comic-Enzyklopädien erinnern werden. Dass es zugleich aber nur solche vergessenen TertiärschurkInnen sein können, mit denen Gunn ins Feld zieht, ist letzten Endes so evident wie eigentlich alles andere auch an diesem rüpelhaft-spaßigen Film.

8/10

VOLCANO

„Oh shit! I’m outta here!“

Volcano ~ USA 1997
Directed By: Mick Jackson

Nach einem Erdbeben in der City von Los Angeles dringt vulkanisches Magma durch die offenen Risse und bahnt sich seinen Weg an die Oberfläche. Binnen Stunden entweicht der Lavastrom durch die Teergruben von La Brea und fließt danach als zäher, alles vernichtender Fluss den Wilshire Boulevard hinab. Der zufällig vor Ort befindliche Katastrophenschutzbeauftragte Mike Roark (Tommy Lee Jones) und die Seismologin Amy Barnes (Anne Heche) haben alle Hände voll zu tun, Stadt und Menschen vor dem Schlimmsten zu bewahren.

Wie dort angedroht, nun also auch die mit der Betrachtung von Donaldsons Vulkanausbruchs-Epos „Dante’s Peak“ inspirierte Revision von dessen Konkurrenzproduktion „Volcano“. Tatsächlich bildet das doppelt bediente Katastrophensujet nicht die einzige Parallele zwischen den beiden Filmen – auch in „Volcano“ sorgt ein überfürsorgliches Kind, nämlich Roarks Tochter (Gaby Hoffman) für schicksalhafte Unwägbarkeiten, die damit enden, dass der Held am Ende verschüttet wird (hier aber sogar gänzlich unversorgt geborgen werden kann). Ein putziges Hundchen kann dem Inferno auch in „Volcano“ auf den letzten Drücker entwischen und natürlich, auch dies jedem echten disaster movie unbedingt inhärent, verhindern Unkenntnis und sorglose Fehldiagnosen auf Seite der Verantwortlichen ein rechtzeitigeres Insistieren. Die heiße Suppe muss also abermals bei voller Temperatur ausgelöffelt werden. Wenngleich Jacksons Film ebenfalls voll ist von schönen Camp-Momenten, die das Schreckensszenario immer wieder mehr oder wenig freiwillig komisch durchbrechen und gelegentlich sogar ins Selbstparodistische abdriften, verliert „Volcano“ im Direktvergleich mit „Dante’s Peak“ doch relativ eindeutig. Wo Jackson seine gewaltige Zerstörungsorgie nie recht in den Griff bekommt und mit nicht selten an TV-Film-Ästhetiken erinnernden Formalia versucht, eine halbwegs realistisch anmutende Basis zu evozieren, pfeift Donaldson passend zur freidrehenden Prämisse gleich auf jedwede Form von Glaubwürdigkeit und investiert seine inszenatorische Energie stattdessen in eine technisch wesentlich perfekter arrangierte Zerstörungsvision sowie Suspense-Momente, von deren Intensität „Volcano“ bloß träumen kann. Dessen Script legt stattdessen einen konstant besonderen Wert auf die urbane Gemeinschaft, die in Extremsituationen an einem Strang ziehen und wie eine große Familie agieren muss, um sich gegen den dräuenden Untergang zu behaupten, was sich immer wieder durch heldenhafte Einzelaktionen verschiedener Figuren, die sich dann mitunter auch zu opfern haben, untermauert findet. Wo sich in „Dante’s Peak“ letzten Endes lediglich eine Patchwork-Familie gegen die entfesselte Natur zu behaupten hat, ist es in „Volcano“ – analog natürlich auch zum Schauplatz – die zweitgrößte Stadt der USA. Man könnte es wie folgt subsummieren: Jacksons Film will mehr, erreicht dabei aber deutlich weniger als der von Donaldson. Dennoch lohnt auch „Volcano“ für den Katastrophen-Aficionado; allein jene hochdramatische und klimaktische Szene, in der John Carroll Lynch buchstäblich hinwegschmilzt, ist aller Ehren wert, ebenso wie der wunderhübsch eklektische Einsatz von Randy Newmans „I Love L.A.“ zu den end credits.

6/10

THE NOVEMBER MAN

„Information is useless. We collect people.“

The November Man ~ USA/UK 2014
Directed By: Roger Donaldson

Fünf Jahre nach seiner offiziellen Pensionierung lässt sich der Ex-CIA-Agent Peter Deveraux (Pierce Brosnan) von einem alten Vorgesetzten Henley (Bill Smitrovich) für eine weitere Mission reaktivieren: Er soll seiner alten Bekannten Natalia Ulanova (Mediha Musliovic), die hochbrisante Informationen über den kommenden russischen Präsidenten Federov (Lazar Ristovski) besitzt, helfen, aus Moskau heraus und über die russische Grenze zu gelangen. Deveraux willigt ein, doch bereits vor Ort wird Natalia erschossen – ausagerechnet von Deveraux‘ früherem Auszubildenden David Mason (Luke Bracey). Deveraux kann jedoch noch rechtzeitig Natalias Handy sichern und stößt auf die Spur eines Mädchens namens Mira Filipova, das vor Jahren in engerem Kontakt zu Federov gestanden haben soll und um einige von dessen Geheimnissen weiß. In Belgrad trifft Deveraux auf die Flüchtlingshelferin Alice Fournier (Olga Kurylenko), die Mira vor Jahren zu einem Neuanfang verholfen hat, jedoch nicht um ihren Aufenthaltsort weiß. Gemeinsam begeben die beiden sich auf die Suche nach der verschwundenen Mira und müssen gleichzeitig vor CIA und FSB fliehen.

Mit „The November Man“ erhielt Pierce Brosnan die offensichtlich dankbar angenommene Option, seiner zwölf Jahre zuvor beendeten Bond-Karriere nochmal ein weiteres Agentenabenteuer nachsetzen zu können. Dass seine zweite Zusammenarbeit mit Roger Donaldson sich dabei wesentlich druckvoller und spannender ausnimmt als jeder von Brosnans immerhin vier Bond-Filmen, gerät dabei zum überaus angenehmen Nebeneffekt. Nun ist zwar auch „The November Man“ nicht eben das, was man als realitätsverhafteten Spionage-Thriller bezeichnen mag, – immerhin kreuzt er seinen wild fabulierenden, wiederum mit dem camp liebäugelnden Plot kurzerhand mit realen Begebenheiten (dem zweiten Tschetschenien-Krieg) -, gibt Brosnan dafür jedoch die Gelegenheit, einen deutlich kantigeren Spitzel abzugeben als ihm das seine stets ölig konnotierte Interpretation des vielbedienten Briten gestattete. Peter Deveraux arbeitet nämlich nicht für Ihre Majestät, sondern für die CIA und fällt damit schonmal in eine gänzlich andere Kategorie seiner Proefession, die in diesem Fall nichts mit Eleganz, Luxus und Martini-Lakonie zu tun hat, sondern mit dem schmutzigen Geschäft direkter politischer Einflussnahme der selbsternannten Weltpolizei. Deveraux ist bzw. war zwar ein Spitzenmann seines Fachs, diese Qualität äußerte sich jedoch darin, dass er sich besonders effektiv zeigte im Töten, Übervorteilen und Verraten, allesamt Aktivitäten, die nunmehr gegen ihn selbst eingesetzt werden, da er, wie sich herausstellen wird, unwissend als Lockvogel missbraucht und ausgerechnet von seinem eigenen ehemaligen Mündel (von dessen Übernahme Deveraux nach dem Tod eines kleinen Jungen einst abgeraten hatte) aufs Korn genommen wird. Gewissermaßen greift Donaldson damit auch die Antagonistenkonstellation von „The Recruit“ wieder auf, unter veränderten und weiterentwickelten Vorzeichen zwar, aber dennoch von diversen Beziehungsanalogien flankiert.
Rein auf seinen Plot bezogen ist „The November Man“ dabei weit weniger interessant denn in der Zeichnung und Konfrontation einerseits seiner Figuren und andererseits des internationalen Spionagegeschäfts. Agenten, Militärs und andere Regierungsfunktionäre kommen, ein festes Markenzeichen von Donaldson Œuvre bereits seit „Marie“ von 1985, bei ihm nie gut weg mit ihrer moralischen Verkommenheit, Korrumpierbarkeit und ihren Ränkespielchen, die stets und ausschließlich die persönliche Hybris sowie ein pervertiertes Machtideal befüttern.
„The November Man“ greift diese kleine Tradition wiederum auf und manifestiert sie zugleich; bisher letztmalig, da Donaldson seither leider keinen weiteren Spielfilm (sein letztes Engagement bildet eine Dokumentation über den Rennstallgründer Bruce McLaren von 2017) mehr betreute. Immerhin listet die imdb zwei derzeit in der Entwicklung befindliche Projekte.

7/10

DANTE’S PEAK

„A man who looks at a rock must have a lot on his mind.“

Dante’s Peak ~ USA 1997
Directed By: Roger Donaldson

Seit der Vulkanologe Harry Dalton (Pierce Brosnan) seine Partnerin (Walker Brandt) bei einem Ausbruch in Kolumbien verloren hat, stürzt er sich in die Arbeit. Sein aktueller Auftrag führt ihn in die beschauliche Kleinstadt Dante’s Peak, Washington, wo um einen vermeintlich ruhenden Vulkan seismische Aktivitäten registriert wurden. Ein schrecklicher Touristenunfall bei den beliebten heißen Quellen vor Ort versetzt Dalton, der sich zaghaft mit der alleinstehenden Bürgermeisterin Racel Wando (Linda Hamilton) befreundet, in höchste Alarmbereitschaft. Doch sein nebst Team anreisender Chef Paul Dreyfus (Charles Hallahan) hält Daltons Befürchtungen für grundlose Spekulation und verhindert sogar dessen Bestrebungen, für eine im Ernstfall geregelte Evakuierungsstrategie zu sorgen. Doch der Vulkan meint es ernst, wie sich nur wenige Tage später zeigen wird…

Zwei Jahre nach „Species“, seinem bis dato einzigen Zwischenspiel im Horror-/SciFi-Genre, inszenierte Donaldson ein weitere großbudgetierte Auftragsarbeit, diesmal für Universal. „Dante’s Peak“ zählt neben anderem auch zu jener seltenen Spezies Film, die quasi als Dublette auftraten, weil zwei Produzenten bzw. Studios auf wundersame Weise zeitgleich dieselbe Idee für ein erfolgsversprechendes Konzept entwickelten, um dann ihre jeweiligen Resultate in (un-)mittelbare Box-Office-Konkurrenz zu stellen. Das in diesem Fall dazugehörige Gegenstück bildet Mick Jacksons „Volcano“, von der Fox nur zwei Monate später ins Rennen geschickt. Vulkanausbrüche als Prämisse für mehr oder weniger spektakuläre Katastrohenfilme ploppen bereits seit Jahrzehnten Filmhistorie immer mal wieder auf, sei es im Kino, oder, sehr viel häufiger, im Zuge billiger Fernseh- und DTV-Produktionen. Dabei gerieren sie meist zu eher campigen Veranstaltungen, wobei just jenes Element der Gattung disaster movie ja ohnehin wesenhaft inhärent ist. Dennoch liebäugeln die meisten Vulkan-Filme nochmals auf eine ganz besondere Art mit jener speziellen Lustbarkeit des Abjekten, man denke etwa an James Goldstones „When Time Ran Out…“, der gewissermaßen gleich noch das golden age des Siebziger-Katastrophenfilms zu Grabe trug.
„Dante’s Peak“ bildet diesbezüglich keine Ausnahme. Vor allem ist der Film insofern ein Zeugnis des bravourösen Könnens seines Regisseurs. Donaldson, der bereits bei „Species“ durchweg um den hölzernen Charakter seines Scripts gewusst zu haben scheint, pfeift auch im vorliegenden Fall völlig auf die immer groteskere Abzweigungen nehmende Dramaturgie und macht das denkbar Bestmögliche aus seinem Film: Eine reuelose Achterbahnfahrt durch sämtliche Unwahrscheinlichkeiten, die im Zusammenhang mit einer solch bereits von Haus aus absurden Geschichte wie der von „Dante’s Peak“ überhaupt nur rekurrieren können. Der haarsträubenden Ereignisse und Wendungen gibt es allzu viele, um sie an dieser Stelle auf- und auszuführen , aber selbige spielen im Endeffekt auch ohnehin bloß eine völlig untergeordnete Rolle. Der Film hat wesentlich mehr von einer mitunter ziemlich schwarzhumorigen Achterbahnfahrt, im Zuge derer es gilt, mit einem Metallboot über eine See zu kommen, dessen Wasser sich in Schwefelsäure verwandelt hat, mit einem gummibereiften Jeep einen Lavastrom zu durchqueren, oder wider alle physikalischen Wahrscheinlichkeiten nicht von Tonnen von Geröll zerquetscht zu werden. Der lustige Mischlingshund und Liebling der natürlich nur Unbill verursachenden Kinder (Jeremy Foley, Jamie Renée Smith) Rocky muss alles überleben, die ehrfuchtlosen Skeptiker, darunter die störrische Großmutter (Elizabeth Hoffman) kommen durch die Bank auf spektakuläre Weise um. Aber jetzt gerate ich doch ins Schwafeln.
Die Inszenierung all jener dazugehöriger Actionsequenzen jedenfalls, so herzensdämlich sie sich unter rationalen Gesichtspunkten auch auspolstern mögen, nimmt Donaldson durchaus ernst und formt seinen behende auf dem schmalen Grat zwischen törichter Albernheit und Suspense-Meisterwerk taumelnden Film zu einem veritablen nailbiter, der im Akkord Spannungsregionen erreicht, von denen Berufskollegen bestenfalls träumen können. „Volcano“ wird in Kürze noch einer Vergleichsstudie unterzogen werden müssen.

8/10

WRATH OF MAN

„Strange things happen to men when they smell that much cash.“

Wrath Of Man (Cash Truck) ~ UK/USA 2021
Directed By: Guy Ritchie

Der aus England stammende Patrick Hill (Jason Statham) heuert bei dem privaten Geldtransport-Unternehmen „Fortico Security“ als Fahrer an. Sein neuer Kollege Bullet (Holt MCallany) verpasst ihm den Spitznamen „H“ und nimmt ihn kurzerhand unter seine erfahrenen Fittiche. Als bald darauf ein von den beiden begleiteter Geldtransport überfallen wird, straft H seinen eher durchschnittlichen Einstellungstest Lügen und erschießt seelenruhig sämtliche beteiligten Ganoven. Sowohl bei Fortico als auch bei der Polizei wird man wegen Hs kaltblütiger Aktion hellhörig. Wer ist dieser Mann wirklich? Tatsächlich handelt es sich bei H um einen Mann namens Mason Hargreaves, den Kopf eines kleinen, jedoch wohlfeil geölten und seit vielen Jahren effektiv arbeitenden Gangstersyndikats, der auf der Suche nach dem Mörder seines Sohnes Dougie (Eli Brown) ist. Mit dem inoffiziellen Segen von FBI-Agent King (Andy Garcia) fräsen H und seine Männer sich bereits seit Monaten eine Schneise durch die Unterwelt von L.A., um den Täter ausfindig zu machen. Die heißeste Spur führt ausgerechnet zu Fortico, auf die Hs Leute ursprünglich selbst einen Überfall geplant hatten. Wie sich herausstellt, sind er und Dougie infolge einer Kurzobservation an jenem verhängnisvollen Tag einer konkurrierenden, aus inaktiven Soldaten um den Veteran Jackson (Jeffrey Donovan) bestehenden Gruppe während deren Raubzug in die Quere gekommen. Zudem muss es bei Fortico einen Maulwurf geben, der Jacksons Truppe entscheidende Hinweise zukommen lässt…

Dass der ja regelmäßig auf mainstreamigen Irrpfaden wandelnde Guy Ritchie immer dann am effektivsten zu Werke geht, wenn er verschachtelte Gangster-Geschichten erzählt, muss man mittlerweile als evident bezeichnen. Darin liegen seine Wurzeln, darin ist er gut. Wie ich erst im Nachhinein erfuhr, ist „Wrath Of Man“, Ritchies vierte Zusammenarbeit mit Jason Statham, das modifizierte Remake eines recht renommierten, französischen Originals namens „Le Convoyeur“ von 2004, was natürlich zugleich dessen nachträgliche Betrachtung bedingt. Davon unabhängig lässt sich der Film recht gut als Werk seines Dirigenten identifizieren: in mehreren, achronologisch erzählten Kapiteln entblättert sich das zunächst stark elliptisch scheinende Gesamtbild dem Rezipienten nur peu à peu und erweist sich schließlich als lupenreine, etwas kompliziert erzählte Rachegeschichte, die trotz ihres westamerikanischen Schauplatzes zugleich die eherne Tradition des britischen Gangsterfilms pflegt. Mit seinem üblicherweise kutivierten, lakonischen Humor geizt Ritchie diesmal; analog zu Stathams Figur und ihrer Motivation geht auch der Regisseur eher bärbeißig zu Werke. Ob die im Grunde durchaus luzide Struktur des Plots allerdings zu einer derart verschlungenen Narration berechtigt oder diese eher auf Ritchies inszenatorischen Manierismus zurückgeht, mag derweil ein valider Diskussionspunkt sein. Des comichaft-exalzierten Gewaltduktus ähnlich gelagerter Vigilanten-, Selbjustiz- und/oder Killerfilme der jüngern Zeit enthält sich „Wrath Of Man“ weitgehend. Allein der Showdown-Heist, in dem Jacksons Gang mit martialischen, kugelsicheren Superuniformen zu Werke geht, nimmt sich diesbezüglich doch sehr viel zahmer aus als etwa das Finale von Ilya Naishullers ohnehin gelungenerem „Nobody“. Für Jason Statham bedeutet seine Rolle jedenfalls ein relativ bequemes Engagement, in dessen Zuge er seiner persönlichen Ikonogrpahie nichts Neues hinzuzusetzen hat. Mit der üblich versteinerten Miene, wortkarg und sich bei aller Härte dennoch nie ganz dem allzeit dräuenden Racheamok hingebend, pflügt er sich durch die Reihen seiner Widersacher bis hin zu jenem Oberfiesling, der seinem Filius einst die tödlichen Kugeln verabreicht hat. Dabei handelt es sich um einen gewissen Jan, den gierigsten und unberechenbarsten von Jacksons Untergebenen, gespielt von Clint-Filius Scott Eastwood. Jener, frische 35 Jahre jung, besitzt eine unglaubliche, beinahe kloneske Ähnlichkeit zu seinem legendären Dad, was sich nicht nur in der Physiognomie, sondern auch in Mimik und Gestik manifestiert. Man meint wirklich, den auf wundersame Weise verjüngten Meister gegenüberzusitzen. Das wollte ich dann doch gern noch erwähnt haben.

7/10

POINT BLANK

„You done everything you could for him.“

Point Blank ~ USA 1998
Directed By: Matt Earl Beesley

Um sich der drohenden Todesstrafe zu entziehen, arrangiert eine Gruppe Schwerverbrecher unter der Leitung des Waffenhändlers Howard (Paul Ben-Victor) eine groß angelegten Flucht aus einem Hochsicherheitsbus mitsamt anschließender Geiselnahme eines Einkaufszentrums in Fort Worth. Auch Joe (Kevin Gage), der jüngere Bruder des mittlerweile auf der Farm seines Das (James Gammon) arbeitenden, ehemaligen Soldaten und Texas Rangers Rudy Ray (Mickey Rourke), gehört zu der Gang. Rudy beschließt, vor Ort nach dem Rechten zu sehen und seinen Bruder gegebenenfalls auf den Pfad der Tugend zurückzuführen.

Aus der meritenreichen Kategorie „muss man gesehen haben, um es zu glauben“ stammt Matt Earl Beesleys einzige Langregiearbeit, in keinster Weise zu verwechseln mit John Boormans gleichnamigem Meisterwerk von 1967.
Das vornehmliche, mir seit der Betrachtung von „Point Blank“ im Kopf herumwabernde Attribut ist „kaputt“. Herrschaftszeiten, welch ein kaputter Film. Möglicherweise geplant als eine Art Rip-off-Konglomerat der Blockbuster „Die Hard“ und „Con Air“, mag das sich in den ästhetischen Bahnen typischer 90er-B-Film-Genreware, wie sie etwa die PM Entertainment Group zu kultivieren pflegte, bewegende Timbre des Projekts auf dem Planungspapier noch durchaus sinnstiftend gewirkt haben, das, was dann, konserviert für die staunende Nachwelt, in seine so abjekte wie amorphe Form gegossen wurde, lässt sich mit Worten jedoch tatsächlich kaum beschreiben. Die im Grunde gar nicht zu verachtende Besetzung – neben Stars der zweiten Reihe wie Michael Wright als wegen Selbstjustiz verurteilter Veteran Sonny oder dem unvermeidlichen Danny Trejo als psychotischem Indianer Wallace gibt es den Coppola-Veteranen Frederic Forrest als Rudys Mentor und Ausbilder zu (im wahrsten Wortsinne) bestaunen – ist natürlich Mickey Rourke die vorrangige, personelle Attraktion des Ganzen. Neben seinen bereits damals ungut aussehenden Gesichtschirurgie-Narben hatten Anabolika Bi- und Trizeps des vormals hochgelobten method actors auf schwarzeneggersche Maße anschwellen lassen und er durfte Roundhouse Kicks wie der selige Chuck Norris verteilen. Überhaupt ist Rourkes wortkarge Rolle kaum greifbar; er wirkt als Rudy Ray eher wie ein wandelnder Stereotyp, ein vorübergehend in Fleischgestalt gefangenes Schemen, das in kurzen, von jaulenden E-Gitarren unterlegten Zwischenschnitten Gangster abserviert. Darin verdeutlicht sich zugleich auch die verkorkste Mise-en-scène Beesleys. Er gefällt sich nachhaltig darin, die Kamera immer wieder in 45-Grad-Schieflage zu bringen und seinen Film damit auch visuell wortwörtlich schräg dastehen zu lassen; die wirre, elliptische Schnittkonzeption von „Point Blank“ könnte avantgardistisch gemeint sein, wirkt aber am Ende doch bloß auf inkompetente Art eklektisch. Beesley tritt Dramaturgie und Filmschulweisheit auf aggressive Weise mit Füßen, schneidet vollkommen willkürlich aus einem melancholischen Dialog mitten in eine Actionsequenz und wieder zurück, pfeift kurzerhand auf althergebrachte Schuss-Gegensuchuss-Schemata und macht jede Halbtotale und jeden Close-up zu einem lodernden Fanal der Hässlichkeit. Ähnliches gilt für das von nicht weniger als vier Autoren zusammengeklöppelte Script, das vermutlich mit mindestens so viel Koks gepudert wurde wie Trejo (dessen Figur Herz und Seele von „Point Blank“ vermutlich am Treffendsten subsummieren) es sich im Laufe des Films durch die Nase zieht. Überhaupt scheint Kokain mir für die Entstehung dieser zelluloidgewordenen Abseitigkeit ein nicht zu unterschätzender Motor zu sein. „Point Blank“ gefällt sich zudem in seiner überschwänglich dargebotenen Brutalität, die primär auf das Konto von Trejos sadistischer Wallace-Figur geht. Dass Beesley auch wohlplatzierten Hommages nicht abgeneigt ist [„Cobra“ und „The Wild Bunch“ (letzter in Sonnys mit „Silent Night, Holy Night“ unterlegter Sterbeszene nebst Gatling Gun) etwa finden sich genuin zitiert], gehört allerdings zum damals längst von Tarantino und seinen Jüngern eingeläutetem, postmodernen Genrefilm.
Dass dieser „Point Blank“, dessen deutscher Untertitel „Over And Out“ sich geradezu prophetisch ausnimmt, in all seiner ostenativen Misslungenheit natürlich trotz oder gerade wegen seiner irrlichternden Gestaltung einen wunderlichen, in der Summe seines gewaltigen Scherbenhaufens dann doch wieder flirrend glitzernden „baddie“ abgibt, möchte ich zu schlechter Letzt aber bitte nicht unerwähnt wissen.

4/10

SENZA RAGIONE

Zitat entfällt.

Senza Ragione (Blutrausch) ~ I/UK 1973
Directed By: Silvio Narizzano

Drei Ganoven, der soziopathische Amerikaner Memphis (Telly Savalas), der kaum minder aufgedrehte Mosquito (Franco Nero) sowie dessen devote Freundin Maria (Ely Galleani), überfallen einen Juwelier (Giuseppe Mattei) in Rom. Auf der anschließenden Flucht durch ein paar enge Gassen schrotten sie ihren Wagen und stehlen stattdessen kurzerhand den Mercedes der Diplomatengattin Margaret Duncan (Beatrice Clary), auf dessen Rückbank sich Lennox (Mark Lester), der halbwüchsige Filius der Duncans, versteckt hält. Erst später registriert das Trio die Anwesenheit Lennox‘, womit die sich ohnehin planlos verlaufende, gen französische Grenze richtende Odyssee der Gangster vollends in eine Reise geradewegs ins verschneite Inferno verwandelt.

Für die mit Psychotikern ja geradezu gesäumten Flucht- und Amokgeschichten des italienischen Gangsterfilms der anni di piombo bildet „Senza Ragione“, dessen akurat übersetzter Titel eigentlich (und deutlich passender zudem) „Ohne Vernunft“ zu lauten hätte, nochmal einen kleinen Sonderfall dar. Das in Kooperation mit den Briten entstandene, wilde Road Movie kombiniert mit den Darstellern des Protagonistentrios ein lediglich auf den ersten Blick extravagant erscheinendes, für seine Entstehungszeit dann aber wiederum doch gar nicht mal so außerordentliches Antihelden-Kleeblatt. Selbst für das damalige darstellerische Œuvre Mark Lesters, des just auf seinem Zenit als Kinderstar befindlichen Filius des mitproduzierenden Michael Lester, bildet der psychologisch differenziert angelegte Part des zusehends aus seiner angestammten gesellschaftlichen Rolle fallenden Kidnapping-Opfers keine allzu spezifische Ausnahme.
Das zunächst noch als Quartett gleicht rasch einer dysfunktionalen Familie, die durch die unberechenbaren gewaltvollen Ausbrüche ihres schwärzesten Schafs zunächst um ihren weiblichen Bestandteil dezimiert wird und dann immer weiter auf direktem Verderbniskurs navigiert. Ausnahmslos alles läuft von Anfang an schief für Mosquito und Memphis – insbesondere infolge der affektgesteuerten Unbeherrschtheit von letzterem, der im Laufe der Geschichte immer mehr unschuldige Opfer anhäuft, darunter einen Hirtenjungen und eine fünfköpfige deutsche Camperfamilie. Selbst eine dreibeinige Hündin, die Memphis treu nachläuft, bleibt nicht von ihm verschont. Dessen in direkter Folge fast immer höchst theatralisch geäußertes Bedauern über die jeweilige Gewalttat gehört gewissermaßen obligatorisch zum mörderischen Gesamtprocedere seines kopflosen Aktionismus. Ein verzweifelter Versuch von Mosquito und Lennox, sich von Memphis‘ abgründigem Weg zu emanzipieren, bleibt auf der Strecke, die (maskuline) Kernfamilie bleibt unweigerlich beisammen, bis zum bitterenden Ende. Dabei bevölkert sie ihre eigene Parallelwelt; sämtliche Personen außerhalb ihres Zirkels wirken wie Fremndkörper: die nur als phantomeske Staatsentität präsente Polizei, Lennox‘ desinteressierte Eltern, eine verblichene Adelige (Maria Michi), deren ruinöser, einsamer Palast Mosquito und Lennox nur sehr kurzzeitig als Sanktuarium dient.
Der ein ebenso überschaubares wie ungewöhnliches Regiewerk aufweisende Italo-Kanadier Narizzano inszeniert sein Werk analog zum chaotischen Trip seiner Figuren durchweg ruppig, ungeschliffen und teils sogar improvisiert scheinend. Wenn „Senza Ragione“ überhaupt eine wie auch immer geartete Form von „Schönheit“ aufweist, dann nimmt sich diese so vorsätzlich unelegant wie morbid aus. Dass der Film anders als viele seiner weitaus weniger prominent besetzten, zeitgenössisch entstandenen Gattungsgenossen sich irgendwie krampfhaft jeder hochgejubelten Wiederentdeckung sperrt, spricht Bände – zu unbequem, zu abstrakt, zu böse vielleicht, scheint er mir.
So wird in den meisten deutschsprachigen Reviews zu „Senza Ragione“ zudem gern und leidenschaftlich wider dessen Synchronfassung kolportiert, für die ich an dieser Stelle einmal ausnahmsweise in die Bresche springen möchte. Der erst 1983 anlässlich der hiesigen Videopremiere angefertigten Berliner Brunnemann-Vertonung von Michael Richter (der unter anderem auch für das legendäre „Söldnerkommando“ verantwortlich zeichnete, was den wiederkehrenden Begriff „Bratenbengel“ erklärt) wird vorgeworfen, sie kalauere unentwegt daher und zerstöre dadurch die melancholische Grundstimmung des Geschehens. In der Tat trägt feuert insbesondere der auf Savalas besetzte Edgar Ott seine oftmals monologischen Zeilen vor allem zu Beginn ab, als befände er sich in einem absurden Theaterstück. Das ist, zumal anfänglich, in dieser Form gewiss gewöhnungsbedürftig, ergänzt „Senza Ragione“ aber vielmehr nochmals um jene ganz besondere, eigene Kunstform des Synchronfachs, die sich dann im weiteren Verlauf irgendwann doch der zusehends nihilistischen Atmosphäre unterwirft und trotz aller halsbrecherischen Verbaldrescherei den Film niemals zur befürchteten, albernen Komödie degradiert.

8/10