THE LAST RUN

„In the old days, before the fall, I owned a few shares.“

The Last Run (Wen die Meute hetzt) ~ USA 1971
Directed By: Richard Fleischer

Seit dem Tod seines kleines Sohnes und seit seine Frau ihn daraufhin sitzen ließ, lebt der Amerikaner Harry Garmes (George C. Scott) an der portugiesischen Algarve. Früher im Halbweltmilieu als Auftragskurier unterwegs, möchte Garmes es neuen Jahre nach seinem letzten Einsatz noch einmal wissen: Er lässt sich für einen Job in Spanien anheuern, bei dem es darum geht, den Knacki Paul Rickard (Tony Musante) zu befreien und ihn danach über die französische Grenze zu eskortieren. Zunächst funktioniert alles beinahe wie am Schnürchen, doch nicht nur dass der sich sehr unreif gebende Rickard zusätzlich noch seine Freundin Claudie (Trish Van Devere) mit ins Boot holt, stellen sich die Auftraggeber als Gangster heraus, die mit Rickard noch eine alte Rechnung offen haben und ihn beseitigen wollen. Garmes hilft Claudie und Rickard aus der Patsche und hat die beiden nun am Hals…

Die Geschichten von der pre production und vom Dreh von „The Last Run“ weisen George C. Scott, der, kurz nach seinem für „Patton“ gewonnenen und öffentlichkeitswirksam abgelehnten Oscar, am Zenit seiner Popularität stand, als enfant terrible aus, mit dem nicht gut Kirschen essen war. Mit dem zunächst als Regisseur vorgesehenen John Boorman überwarf sich Scott wegen Uneinigkeiten über das Script noch vor Produktionsbeginn. Boormans Nachfolger John Huston, mit dem Scott zuvor bereis zweimal gearbeitet hatte, geriet wiederum in akute Streitigkeiten mit Scott, der zudem nicht mit seiner Partnerin Tina Aumont auskam. Schließlich setzte die MGM ihren Hausregisseur Richard Fleischer ein, der mit Trish Van Devere (die hernach Scotts Gattin wurde) als Ersatz für die Aumont das Blatt zum Guten wendete. Die zeitgenössische Kritik, die von den Querelen Wind bekommen hatte, gab sich jedoch unfair bräsig und enttäuscht von dem Resultat, was im Nachhinein sehr unberechtigt erscheint. Man bemängelte, dass die Actionsequenzen (vor allem eine zentrale Autoverfolgungsjagd über die nordspanischen Serpentinen) behäbig und spannungsarm ausfielen und dass Alan Sharps sehr an Hemingways existenzialistischen Duktus angelehntes Drehbuch einem Meisterakteur wie Scott nicht die verdiente Bühne bot – er solle stattdessen doch besser eine wirkliche Hemingway-Figur spielen (was er sechs Jahre später in Schaffners „Islands In The Stream“ dann tatsächlich noch einlöste). Wie sehr hier auf hohem Niveau gejammert wurde, zeigt sich in Anbetracht des trotz aller Stolpersteine flüssigen und homogenen Films, der ganz im Gegensatz zu dem, was etwa Roger Ebert zu monieren hatte, eben doch sehr stimmig daherkam.
„The Last Run“ ist, ganz seinem Titel entsprechend, die finale Reise eines alternden, depressiven Gangsters, der noch ein letztes Mal das „Einzige tun möchte, was [er] kann“, einen letzten Kick, einen letzten Adrenalinrausch, den letzten Sex mit einer schönen Frau erleben will. Dabei geht es ihm keinesfalls darum, zu überleben – im Gegenteil. Der Tod ist fest eingeplant, er wird gewissermaßen sogar sehnsüchtig forciert, was angesichts Garmes‘ überkommenen Platzes in der Welt (der Generationskonflikt wird immer wieder thematisiert) nur konsequent erscheint. Von nunmehr einzigem Belang ist einzig und allein die Erfüllung der Mission, die später, nachdem sich die ursprünglichen Auftraggeber als Lügner herausgestellt haben, sogar zu einer höchst persönlichen wird.
Wirklich bedeutsam ist für Garmes im Grunde bloß sein Auto, ein besonderes BMW-Coupé aus exklusiver Stückzahl, das für ihn das letzte Relikt aus früheren, glücklichen Tagen ist und von Rickard am Ende mit höchster Symbolkraft rücksichtslos zu Schrott gefahren wird. Dazwischen liegen herrlich leuchtende High-Key-Bilder von den dörrigen Pyrenäen, von Galicien und von Albufeira, einmal hin und wieder zurück. Eine lohnenswerte Reise, mit vorhersehbarem Ausgang.

8/10

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JUGGERNAUT

„Specks in the universe, Captain. Launch your lifeboats.“

Juggernaut (18 Stunden bis zur Ewigkeit) ~ UK 1974
Directed By: Richard Lester

Ein gewiefter Erpresser unbekannter Identität platziert sieben Bomben an Bord des englischen Kreuzfahrtschiffs „SS Britannic“, bevor dieses sich auf eine Atlantiküberquerung begibt. Um seiner Forderung von einer halben Million Pfund Gewicht zu verleihen, zündet der sich selbst „Juggernaut“ nennende Bombenleger aus der Ferne ein paar kleinere Sprengladungen an Bord. Zudem hat er die explosive Fracht mit allerlei Finten und Irreführern gespickt, so dass selbst der eilends zum Schiff geflogene, überaus erfahrene und ehrgeizige Entschärfungsexperte Anthony Fallon (Richard Harris) und seine Crew ihre liebe Not mit Juggernauts Bomben haben.

Einen ebenso spannenden wie klugen Katastrophenfilm zutiefst britischer Prägung setzte Richard Lester der sich auftürmenden Welle der weitaus großkotzigeren US-Pendants entgegen. Wie man es gewohnterweise von ihm kennt, ironisierte Lester zugleich das just florierende Genre und schuf dennoch einen waschechten, exzellent inszenierten Gattungsbeitrag mit allen bekannten Attributen. Ein gewisses Novum im Vergleich zu den vornehmlich von Irwin Allen produzierten und/oder inszenierten Hollywood-Filmen bildete die Tatsache, dass diesmal nicht die Unberechenbarkeit der Natur oder menschliches Versagen als Ursache für die drohende Unbill herzuhalten hatten, sondern ein einzelner, älterer, frustrierter Täter, der sich gegen Ende als ein mit seiner kargen Rente unzufriedener, pensionierter Kollege und Mentor (Freddie Jones) Fallons herausstellt. Auch dieser Faktor, die gewissermaßene Reduktion des Unvorstellbaren auf ein höchst irdisches und reales Element, stellte eine gewisse, für Lester gewiss unabdingbare Erdung des ansonsten ein ums andere Mal ans Phantastische grenzenden Sujets dar. Die Ausweitung auf mehrere figurale Handlungsträger, darunter Fallon und sein Team, den Kapitän (Omar Sharif) der Britannic und seine frustrierte Geliebte (Shirley Knight) oder den an Land ermittelnden Superintendent (Anthony Hopkins), dessen Frau (Caroline Mortimer) und Kinder (Adam Bridge, Rebecca Bridge) sich auf dem Schiff befinden, sind wiederum typisch für das regelmäßig über stolze Ensembles verfügende Katastrophenkino dieser Zeit, ebenso wie einen in einer bestimmten Beziehung nahezu übermenschlichen Helden (im Fallons Falle sind das seine Intelligenz und sein unschlagbares Entschärfungsgeschick), dessen offene Rechnung mit dem potenziellen Massenmörder sich schließlich noch eine höchst persönliche Note ergänzt findet.
„Juggernaut“ hat jedenfalls alles, was ein Film seiner Provenienz braucht – und vielleicht sogar noch ein klein wenig mehr davon.

8/10

JURASSIC WORLD: FALLEN KINGDOM

„Genetic power has now been unleashed. You can’t put it back in the box!“

Jurassic World: Fallen Kingdom (Jurassic World – Das gefallene Königreich) ~ USA 2018
Directed By: J.A. Bayona

Die Saurierinsel Isla Nublar droht von einer Vulkankatastrophe vollständig vernichtet zu werden. Um ein paar letzten Dino-Exemplaren das Überleben zu sichern, finanziert der Multimilliardär Benjamin Lockwood (James Cromwell), einst bester Freund und Kollege von John Hammond, eine Expedition nach Isla Nublar, an der auch die „Jurassic World“-Experten Owen Grady (Chris Pratt) und Claire Dearing (Bryce Dallas Howard) teilnehmen sollen. Der bettlägerige, todkranke Lockwood rechnet jedoch nicht mit der Hinterfotzigkeit seines Managers Eli Mills (Rafe Spall). Dieser plant nämlich mitnichten, den eingefangenen und zum Festland transportierten Urzeittieren ein verdientes Gnadenbrot zu verschaffen, sondern will sie im Zuge einer Sonderauktion an höchstbietende Halbwelt-Subjekte aus aller Welt verscherbeln. Zudem hat er mithilfe des abtrünnigen Genetikers Dr. Wu (BD Wong) eine neue Saurierspezies geklont, den „Indoraptor“, der als strategisch perfekte biologische Waffe eingesetzt werden kann. Lockwoods kleine Enkeltochter Maisie (Isabella Sermon), die ebenfalls ein dunkles Geheimnis umgibt, wittert jedoch Lunte und kann Owen und Claire hinsichtlich Mills‘ Plänen informieren. Leider nicht ganz rechtzeitig…

Ich will mich gewiss nicht zum Propheten stilisieren, aber in meinem Eintrag zum Vorgänger „Jurassic World“ von vor gut drei Jahren vermutete ich bereits, dass der bereits angedeutete Handlungsstrang um die missbräuchliche „Verwendung“ der immer wieder unterschätzten Klonechsen im kommenden Film eine tragende Rolle würde zu spielen haben. So kam es nun tatsächlich; nach einer kurzen Präambel und einem flugs durchgespielten Szenario auf der nunmehr endgültig untergehenden Isla Nublar erreichen die Dinos rasch das Festland im Zeichen der wohl ungewöhnlichsten Versteigerung aller Zeiten. Sotheby’s würde einem kollektiven Herzinfarkt anheim fallen angesichts dessen, was der (natürlich ultraböse) Eli Mills und sein Kompagnon Eversol (Toby Jones) da auffahren! Zumindest die gute alte T.-Rex-Dame (von der ich just irgendwo gelesen habe, dass es sich immer noch um dieselbe handeln soll wie im Original) kennt sich dort seit dem ersten Sequel (zu dem „Jurassic World: Fallen Kingdom“ ohnehin einige Analogien aufweist) bereits aus. Die Übrigen werden in Nordamerika ebenfalls ihr Nahrungsauskommen haben, wie der Epilog des Films mehrfach andeutet. Stoff zur abermaligen Weiterbelebung des Franchise gibt es somit nunmehr jedenfalls hinreichend.
Doch zum vorliegenden Teil: Dieser gefiel mir wieder etwas besser als der von Colin Trevorrow inszenierte, unmittelbare Vorgänger. Als ordentlicher Monsterabenteuerfilm mit einer Menge an campigem impact und Mut zur naiven Phantasterei ist er zwar erwartungsgemäß nicht von so perfekter Gestaltung wie die beiden spielbergschen Urknallereien, kommt in meiner persönlichen Dino-Hitparade jedoch gleich danach. Trotz mancher fresstechnischer Deftigkeiten besitzt „Fallen Kingdom“ insgesamt ein großes Herz für ein kindliches Publikum, also das ohnehin primär avisierte, setzt mit der kleinen Maisie Lockwood zudem eine überaus interessante Neben- und Identifikationsfigur mit einigem Zukunftspotenzial hinzu und deklariert die bereits eingeführte Velociraptoren-Lady Blue nun endgültig zur unverzichtbaren Partnerin im Kampf gegen bösartigere Artgenossen. Die großzügige Lockwood-Küstenvilla nebst unterirdischem Labor gibt einen ungewohnten, aber umso reizvolleren Hauptaktionsschauplatz ab. Jeff Goldblums groß angekündigter recht magerer Auftritt in Form von zwei kurzen cameos zu Beginn und Schluss als biedere Moralinstanz entsprachen dann aber doch eher einem müßigen Unterfangen. Geflissentlich enttäuschend Da hat seine wesentlich tatkräftigere Einsatzfreude in „Independence Day: Resurgence“ mir deutlich besser gefallen. Insgesamt ein durchaus launiger Beitrag zum unweigerlich weiter anwachsenden Franchise, das eigentlich mit jeder Faser suggeriert, es doch bitteschön nicht allzu ernst zu nehmen und mir gerade deswegen so sympathisch ist.

7/10

READY PLAYER ONE

„It’s fucking Chucky!“

Ready Player One ~ USA 2018
Directed By: Steven Spielberg

2045 ist die Erde für einen Großteil der Menschheit ein kaum mehr belebenswerter Ort – nicht so jedoch die „OASIS“, eine virtuelle Parallelelt mit nahezu unbegrenzten Möglichkeiten, die dem gefrusteten Slumeinwohner von morgen nahezu sämtliche nur denkbaren Möglichkeiten der Entfaltung im eigenen Kopf offeriert. Die Grenze ist die individuelle Vorstellungskraft. Der vor fünf Jahren verstorbene Programmierer der OASIS, der exzentrische James Donovan Halliday (Mark Rylance), hat zudem ein spektakuläres Easter Egg in seinem Kunstuniversum hinterlassen: Drei Schlüssel gilt es zu finden, die ihrem Entdecker Hallidays Billionen-Vermögen ebenso zusichern wie die Kontrolle über die OASIS. Für den in prekären Verhältnissen lebenden jungen OASIS-Experten  Wade Owen Watts (Tye Sheridan) ein purer Pixeltraum, dem er in Form seines OASIS-Avatars Parzival tagtäglich nachjagt. Gemeinsam mit der Rebellin Samantha Evelyn Cook (Olivia Cooke), respektive deren VR-Pendant Art3mis, verbucht Parzival bald erste Erfolge auf der Suche nach Hallidays Schatz. Doch ihr Gegenspieler, der OASIS-Verwalter Nolan Sorrento (Ben Mendelsohn), ist ebenfalls nicht faul und arbeitet zudem mit schäbigen Tricks.

Jede Generation von Kinogängern bekommt gewissermaßen ja nicht nur die Filme, nach denen sie verlangt, sondern schlussendlich auch jene, die sie verdient. Mit „Ready Player One“, der Adaption des gleichnamigen Romans von Ernest Cline, erreicht nun die von J.J. Abrams und von Netflix forcierte Retromanie ihren vorläufigen Höhepunkt. Wer die Heiligen Geekgrale der achtziger und neunziger Jahre nebst der vielen darüber hinaus reichenden Popkultur-Artefakte bestenfalls selbst miterlebt oder (beinahe ebensogut) zumindest emsig studiert hat, für den ist die Kopfgeburt James Donovan Hallidays, die OASIS, ein Paradies. Sämtliche nur denkbaren Film-, Comic-, Musik- und Videospielhelden und -Szenarien Jener Tage lassen sich in der OASIS auffinden, variieren und interaktiv ge- oder missbrauchen. Damit sich eine narrative Einbindung für dieses hochglänzende Reverenzkonglomerat ergab, konstruierte Cline eine wenig innovative Geschichte um eine kapitalistische Dystopie und eine damit verbundene Suche nach MacGuffins, die de facto nichts weniger denn die (virtuelle UND reale) Weltherrschaft offerieren, drumherum. Die megalomanische Überhöhung eines feuchten Nerdtraumes, in dem sich alles tummelt, alles kreucht und fleucht, was die Rechteverwertung eben so gerade zulässt. Sogar auf die traditionellen, getragenen Partituren John Williams‘ hat der Altmeister diesmal zugunsten der poppigeren Eighties-Dynamik eines Alan Silvestri verzichtet.
Man kann ein nettes Trinkspiel daraus machen: Wer einen Querverweis entdeckt, darf einen Hieb aus der Pulle nehmen. Die Einbindung mancher Ideen geriert sich hübsch, während andere schlicht um ihrer Selbst Willen abgehakt werden. Entsprechende Auflistungen verkneife ich mir an dieser Stelle; die ließen sich andernorts sicher ohnehin noch sehr viel akribischer studieren.
Formalästhetisch ist das wohl mit der gebührenden Perfektion verrichtet worden. An den realen Figuren, ihren Träumen, Emotionen und Geschicken verlor ich jedoch ziemlich rasch jedwedes Interesse. Dass Dreh- und Angelpunkt sämtlicher labyrinthischer Verzwickungen lediglich das einsame Los eines seiner verlorenen Liebe nachtrauernden Stubenhockers sind, passt nebenbei zum übrigen, recht einfältigen Konstrukt des Plots. Dass ich mit Computerspielen und insbesondere der suchtartigen Manie, die sie bei Konsumenten und Kultisten auszulösen vermögen, noch nie etwas anfangen konnte, war der Betrachtung von „Ready Player One“ natürlich alles andere als zweckdienlich. Vor allem in der ersten Hälfte hatte ich sehr oft das Bedürfnis, den Film abzubrechen und mich Trauterem zuzuwenden; irgendwie vermochte ich dann doch noch die letzten Respekts- und Höflichkeitsreserven zu aktivieren und es bis zum wenig überraschenden Ende nach einer gefühlten Ewigkeit zu schaffen. Spiel durchgezockt. Oder doch sehr viel eher: ohne größere Blessuren überstanden. Die spielbergsche Flamboyanz und das Brennen für seinen Stoff in allen Ehren, zumal er hier gewiss etwas geschaffen hat, das viele der erreichten Adepten nicht nur sehr zu schätzen wissen, sondern gar aufrichtig lieben werden, und das nicht einmal zu Unrecht. Für mich war’s über weite Strecken eine  kräftezehrende Tortur, der ich mich freiwillig vermutlich kein weiteres Mal aussetzen werde.

3/10

BATTLE OF BRITAIN

„We are not asking for anything. Europe is ours, we can walk into Britain whenever we like.“

Battle Of Britain (Luftschlacht über England) ~ UK 1969
Directed By: Guy Hamilton

Spätsommer 1940: Nach dem Einmarsch in Belgien und Frankreich hat Hitler die Einnahme der britischen Insel im Auge. Mit Reichsmarschall Göring (Hein Riess), Chef der deutschen Luftwaffe, schickt er einen überaus siegesgewissen Adjutanten an die französische Atlantikküste, um von dort aus die aus der Luft geplante Eroberung Großbritanniens zu überwachen. Doch bei der hiesigen Bevölkerung Churchills „No Appeasement“-Politik  ist seit der Evakuierung von Dünkirchen überaus populär: Trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit und etlicher anfänglicher Verluste schlägt die Royal Air Force die Attacken der Deutschen vehement und immer erfolgreicher zurück. Nachdem die Wehrmacht ihre Luftangriffe im Zuge des „Blitz“ auf London konzentriert, können sich die verbleibenden Kräfte auf den nunmehr von den Attacken vernachlässigten Luftwaffenstützpunkten sammeln und Großbritanniens drohende Okkupation endgültig und erfolgreich verhindern.

Vor allem das psychologische Moment der britischen Gegenwehr, an der auch kanadische, tschechoslowakische und polnische Piloten beteiligt waren, stellte sich im Nachhinein als eminent kriegsentscheidend heraus: Nach dem mit dem Dritten Reich geschlossenen Waffenstillstand Frankreichs und Hitlers weiterem unermüdlichen Vordringen Richtung Süden und Osten war man angstvoll geneigt, dem Diktator selbst noch die Eroberung des gesamten Globus zuzutrauen. Die internationale Erkenntnis, derzufolge man sich dem Reich nicht nur im Hinblick auf einen drohenden Einmarsch entgegenzustellen, sondern es zudem noch an empfindlichen Stellen zu treffen vermochte, ist der Entschlossenheit Churchills und der geschlossenen Gegenwehr der R.A.F. zu verdanken. Fraglos musste auch zu diesem Thema ein prestigeträchtiges, nunmehr als klassisch zu bezeichnendes Kinomonument entstehen, das, wie eine Menge nicht minder qualitätsbewusster, aber doch weit weniger teurer Vorgänger unter britischer Produktionsägide entstand. Nun haben Kriegsfilme, die sich mit Luftkämpfen befassen, es aus rein dramaturgischer Perspektive nicht eben leicht. Technik, Logistik und auf die Fliegerei begrenzte Schauwerte stehen im Vordergrund; für die Kunst des Schauspielens, und handele es sich um noch eine so beeindruckende Ansammlung allerbester Akteure wie hier, bleibt nur allzuwenig Platz. Mit diesem Problem hat „Battle Of Britain“ zu kämpfen wie kein anderer mir bekannter Gattungsvertreter. Wie üblich strotzt die Besetzungsliste vor großen Namen und Stars, doch welchen Wert haben selbst noch die familiärsten Gesichtszüge, wenn nurmehr die Augenpartie sichtbar ist? Hinzu kommt die Notwendigkeit der Ereignisraffung, denn die Luftscharmützel zogen sich über mehrere Monate hinweg. Das Interesse an den – fraglos grandios inszenierten – Fliegerszenen muss da zwangsläufig erlahmen. Immerhin bewahrt der Film einen hübschen, unaufdringlichen Humor und passgenaues understatement. Jene wunderbare, unübertreffliche Szene etwa, in der Edward Fox nach einem erzwungenen Ausstieg mit dem Fallschirm mitten ins Treibhaus einer Vorstadtvilla rauscht und ihm der umtriebige Junge des Hauses daraufhin eine von Papas Zigaretten kredenzt, beweist als eine von mehreren und bei aller ansonsten rechtzufertigenden Mäkelei, dass Hamiltons Film grundsätzlich das Herz am rechten Fleck hat.

7/10

EDGE OF HONOR

„These damn trees!“

Edge Of Honor (Slayer) ~ USA 1991
Directed By: Michael Spence

Seit die Holzverarbeitungsindustrie auf der Olympic-Halbinsel im Nordwesten des Staates Washington kaum mehr Gewinne einbringt, widmen sich die zunehmend verzweifelten Einheimischen krummen Geschäften vom Drogenhandel bis zum Waffenschmuggel. Eine kleine Gruppe von vor Ort befindlichen Pfadfindern (u.a. Corey Feldman, Scott Reeves) kommt den beiden Dubs-Brüdern Bo (Ken Jenkins) und Ritchie (Don Swayze) ins Gehege, die gerade einen dicken Coup mit gestohlenen Raketenwerfern landen wollen. Besonders der brutale Ritchie kennt kein Pardon und so sind die Jungs bald gezwungen, sich ihrer Haut mit nicht minder endgültigen Mitteln zu erwehren. Unerwartete Hilfe erhalten sie von der netten Alex (Meredith Salenger), die selbst noch einen Rechnung mit den Dubsens offen hat.

Diese ziemlich krude geratene Mixtur aus Hillbilly-Action und erdnaherem „Goonies“-Abenteuer weiß nicht recht, wo sie eigentlich hingehört, also prescht sie einfach umso rüder querfeldein, mitten durchs Gehölz, sozusagen. Corey Feldman, der in Sachen aufregender Kinder- und-Jugend-Kinogeschichten bereits hinlänglich Erfahrung besaß (und nebenbei denselben Rollennamen wie in „The ‚Burbs“ trägt – Zufall, Fügung oder gar Absicht…?) und „Edge Of Honor“ mitproduzierte, hat in selbigem nach einem schicksalhaften Fund in einer Waldhütte die etwas einfältige Idee, den keinen Spaß verstehenden Hinterwäldlern ihre Präzisionsraketen zu klauen und zu verstecken, um dann bei der Polizei den Helden spielen zu können. Ein verhängnisvoller Plan, denn die skrupellosen und vorzüglich organisierten Ganoven rotten zunächst mal fast das gesamte, nächtliche Pfadfindercamp mit allen zeltenden Kindern und Betreuern aus (hier fühlte ich mich unwillkürlich und ziemlich ungut an das Breivik-Massaker von vor ein paar Jahren erinnert), um das überlebende Quintett durchs Gebirge zu jagen. Nachdem die Kids bereits den ersten Gangster eher versehentlich überwältigen und erschießen, ist die weitere Richtung endgültig vorgezeichnet. Die Verbrecher indes geraten selbst unter Druck, den ihr potenzieller Abnehmer in Seattle, Mr. Sweet (William Crossett) und dessen Hauskiller Blade (Christopher Neame), haben noch weniger Sinn für Humor als sie. So reist Letzterer mit einigem Explosivmaterial an und es kommt zur finalen Konfrontation, in der sich die unterdessen hinzugestoßene Herzdame Alex und ihre fünf Herzbuben als deutlich fintenreicher erweisen als ihre flugs dezimierten Gegner ihnen zutrauen mögen.
Während nun die grundierende Atmosphäre des Ganzen einem typischen Jugendroman ähnelt, passt sich ansonsten gewalttätige Habitus handelsüblicher Waldaction an; es werden etliche Menschen abgeknallt und am Ende eine unfassbare Menge einfallsreicher Fallen aus dicken Baumstämmen, Dynamit und Holzspießen kreiert, die zuvor höchstens Stallone und Schwarzenegger in ähnlicher Vollendung konstruiert haben und die sechs Jugendliche natürlich problemlos binnen ein paar nächtlicher Stunden austüfteln und aufbauen können. Ein bisschen Selbstjustiz (Patrick Swayzes ihm wie aus dem Gesicht geschnittener Bruder Don bekommt von der Salenger kaltblütig eine Kugel zwischen die Augen) obendrauf und fertig ist das gewohnheitsmäßig eben gern kaltservierte Gericht, das hier ausnahmsweise einmal etwas andere Formen annimmt als gewohnt. Seein‘ is believin’…

6/10

DEATH WISH

„How did faith work out for those people?“

Death Wish ~ USA 2018
Directed By: Eli Roth

Der Chicagoer Chirurg Paul Kersey (Bruce Willis) muss während einer seiner Nachtschichten im Hospital feststellen, dass ausgerechnet seine Frau Lucy (Elisabeth Shue) und seine Tochter Jordan (Camila Morrone) Opfer eines Raubüberfalls wurden. Während Jordan im Koma liegt, stirbt Lucy an ihren Verletzungen. Obwohl der ermittelnde Polizist Raines (Dean Norris) dem zutiefst erschütterten Kersey versichert, dass sein Fall sich aufklären werde, verliert der Mediziner bald die Beherrschung: Eine zufällig in seine Hände geratene Handfeuerwaffe wird zum Helfershelfer bei seinem ersten Auftritt als Vigilant, den die Medien rasch „Grim Reaper“ taufen und dem noch einige folgen sollen, zumal Kersey bald sie Spur ebenjener Verbrecher aufnimmt, die seine Lucy auf dem Gewissen haben…

Einer Angelegenheit bin ich mir zunehmend sicher: Wenn man sich als Rezipient auf einen neuen Film von Eli Roth einlässt, dann sollte einem im Vorhinein bewusst sein, dass gewiss abermals kein sophistisches Feuerwerk auf einen wartet, sondern gewohnt deftige Genrekost von einem durchaus kinokulturbeflissenen Routinier, der weiß, was seine Fans sehen wollen, der aber wohl noch besser weiß, was er selbst zu sehen wünscht. Seinem Werk ausnehmend große Gedankenkonstrukte oder analytische Anstrengungen zu widmen, könnte sich unter Umständen als immerhin gut gemeinte Redundanz erweisen. „Death Wish“, Roths zweites Remake eines bereits verfilmten Stoffs in Folge, unterfüttert dies mit einiger Vehemenz. Wo das Original von Michael Winner mit im Vergleich hierzu geradezu akkurater psychoanalytischer Anstrengung die Verwandlung eines linksiberalen, zeitlebens pazifistisch eingestellten amerikanischen Großsatdt-Bourgeois in einen sich als Vigilant exponierenden Serienkiller darlegte, lässt Roth geradezu dumpf konnotiertes Actionkino vom Stapel. Auch wenn Bruce Willis mal ein Tränchen kullern lässt – dass er unter immensem emotionalen Druck steht, wie Charles Bronson es seinerzeit noch so nachdrücklich zu vermitteln vermochte, nimmt man ihm zu keiner Sekunde wirklich ab. Vielmehr scheint sein von Sprücheklopfereien flankierter, von sadistischen Zügen geprägter Rachefeldzug sehr viel eher eine Entsprechung seiner tatsächlichen Persona zu sein, die eben nur ein passendes Ventil brauchte, um sich zu entladen. Da sind dann eher eindeutige Rückbezüge auf die vier folgenden Bronson-Sequels erschließbar, die ja einem ganz ähnlichen, sich von Film zu Film mehr und mehr verselbstständigenden Metarealismus frönten. Ob hier ferner Paul Kersey nächtens unterwegs ist, um Blutzoll zu fordern, oder John McClane, das spielt für eine Charakterisierung des Protagonisten letztlich überhaupt keine Rolle mehr – der Vigilantenfilm als Subgenre ist ohnehin längst viel zu facettenreich durchexerziert worden und allzu etabliert, um noch groß um den heißen Brei herumzueiern. Das letzte fehlende Indiz dafür offenbart sich in der gezielten Suche nach und Konfrontation mit den Gangstern, die sich, natürlich „hierarschisch“ entdeckt und abserviert, als unverbesserliche Bösewichte entpuppen und deren Tilgung aus der Gesellschaft somit hinreichend legitimiert ist.
Zwar ist der 2018er-„Death Wish“ nun nicht der große, reaktionäre Waffen-Lobbyisten- und Trump-Film, als den ihn bereits Einige im Vorhinein zu denunzieren versuchten (dafür ist er nämlich viel zu statisch und traditionsbewusst inszeniert und vorsichtig im Umgang mit dem 2. Verfassungs-Zusatzartikel), er ist aber, gerade in Anbetracht der jüngsten, teilweise sehr viel besseren Rächerfilme, auch überhaupt nichts Besonderes. Vielleicht ist gerade diese liderliche Vernachlässigung eines eigentlich verpflichtenden trademark das Enttäuschendste an diesem Film.

6/10