WONDER WOMAN

„What I do is not up to you!“

Wonder Woman ~ USA/CN/HK/UK/I/CAN/NZ 2017
Directed By: Patty Jenkins

Die Amazone Diana (Gal Gadot) wächst auf der vom Rest der Welt abgeschotteten Insel Themyscira auf, deren Bewohnerinnen eine enge Verbindung zur griechischen Sagenwelt pflegen. Ihren ersten Mann bekommt Diana 1918 zu Gesicht, als der US-Pilot Steve Trevor (Chris Pine) durch Zufall vor ihrer Insel notwassert. Als die idealistische, friedliebende Diana von ihm erfährt, was sich soeben in der Außenwelt abspielt, entschließt sie sich in der Überzeugung, der Kriegsgott Ares sei für jene Schrecknisse verantwortlich, Trevor zu folgen und den mythologischen Unhold zu stellen. Bevor sie Ares tatsächlich gegenübersteht, hat Diana noch einige Abenteuer zu bestehen.

Mit „Wonder Woman“ geht DC in die vierte Filmrunde und liegt damit noch immer meilenweit hinter der Konkurrenz von Marvel zurück. Ob sich dahinter eine Strategie verbirgt, das Publikum nicht zu übersättigen, oder ob es schlicht der zurückhaltenderen Qualität der Resultate anzulasten ist, dass sie wesentlich geringer frequentiert zu Tage treten, mag Spekulationssache sein. „Wonder Woman“, um den ja wieder recht großes Trara veranstaltet wurde, von wegen „erster von einer Regisseurin inszenierter Superheldenfilm“ etc.pp. bewegt sich ziemlich eindeutig auf der von „Man Of Steel“ und „Batman V Superman“ vorgerodeten Schneise, den etwas schmalhirnigen „Suicide Squad“ eimal außen vorgelassen. Die Titel-Heroine, neben Superman und Batman seit jeher die Dritte im Bunde von DCs „Big Three“, hatte ihr aktuelles Debüt ja bereits inmitten der beiden alliierten Muskelprotze bei Zack Snyder gegeben und eine  dementsprechend sanft eingeleitete Kinogeburt. Innerhalb der Rahmenhandlung erhält sie von niemand Geringerem als dem alten Flederfuchs Bruce Wayne ein altes Foto aus dem Ersten Weltkrieg, das die seither um keinen Tag gealterte Heldin mit ihrem damaligen Galan Steve Trevor an der belgischen Front zeigt. Die hernach präsentierte origin wird also im Zuge einer Erinnerung abgespielt. Wonder Womans Herkunftsgeschichte ist im Rahmen ihrer Comic-Historie wohl so oft umgeschrieben und neu interpretiert worden wie die keiner anderen DC-Figur; mal ist sie aus einem Lehmklumpen heraus entstanden, dann wieder das Resultat eines schwachen, fleischlichen Moments, mal gibt es zwei Wonder Women (Dianas Mutter Hippolyta ist eigentlich ihre Vorgängerin). Was also eine wie auch immer geartete, direkte Anbindung an das gezeichnete Vorbild anbelangt, konnte der Film praktisch so gut wie nichts falsch machen. Die Idee, Diana erstmals vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs aktiv werden zu lassen ihr hernach gleich auch noch dessen Beendigung zuzuschreiben, erweist sich als durchaus charmant. Dass bei den betagteren Vertretern der Superheldenzunft auch historische Szenarien funktionieren, wissen wir bereits von „Captain America: The First Avenger“. Das Schützengrabengetümmel der Westfront bietet der Heldin allerlei rustikale Gelegenheiten, ihre noch nicht zur Gänze entdeckten Fähigkeiten auszuschöpfen und ordentlich kaiserliche Soldaten von der Platte zu putzen. Mir hat’s gefallen. Gal Gadot geht als nahezu perfekte Realinkarnation der schönen Amazone durch, Chris Pine erschien mir indes austauschbar. Subsummiert ist „Wonder Woman“ durchaus okay und phasenweise vergnüglich, wozu auch eine gepflegte Leichtigkeit im Umgang mit dem Sujet beiträgt. Dennoch freue ich für meinen Teil mich nach wie vor wesentlich mehr auf „Infinity War“ als auf den „Justice League“-Film…

7/10

TO HELL AND BACK

„Man, that’s the first time I ever seen a Texan beat himself to the draw.“

To Hell And Back (Zur Hölle und zurück) ~ USA 1955
Directed By: Jesse Hibbs

Texas, 1941. Nach dem Tod der Mutter (Mary Field) sieht der Farmerjunge Audie Murphy (Audie Murphy) keinen anderen Weg, für seine verwaisten Geschwister zu sorgen, als sich zum Miltärdienst zu melden. Zu jung und zu klein, wird er zunächst mehrfach abgelehnt, landet dann aber schlussendlich in der Army und, nach der Grundausbildung, in Nordafrika, von wo ihn der Weg über Sizilien, Anzio und Südfrankreich bis zum Elsass führt. Murphy gilt bald als Mustersoldat, wird mehrfach befördert und trotz seiner fehlenden Schulbildung für eine Offizierslaufbahn in West Point vorgeschlagen, was er jedoch immer wieder ablehnt. Mit dem Ende des Krieges endet für ihn der aktive Dienst.

Audie Murphy war ein amerikanisches Original, für das man am Besten Zahlen und Fakten sprechen lässt: Er ist der höchstdekorierte US-Soldat des Zweiten Weltkriegs und wurde, zum Teil mehrfach, mit sämtlichen möglichen militärischen Auszeichnungen seines Landes ausgezeichnet. Insgesamt 33 Ehrungen konnte er verbuchen, hat in Europa rund 240 gegnerische Soldaten getötet und etliche weitere verwunden oder gefangen nehmen können sowie nachweislich sechs feindliche Panzer zerstört. Knappe drei Jahre nach seiner Rückkehr aus dem Feld wurde er von Hollywood entdeckt und zum Star etlicher, zumeist kleinerer Westernproduktion, vornehmlich bei seinem Stammstudio Universal. Privat litt Murphy derweil unter extremen, posttraumatischen Belastungen, wurde medikamentenabhängig und setzte sich später für unter ähnlichen Symptomen leidende Veteranen aus Korea und Vietnam ein.
Von Murphys späteren Jahren und Meriten, die eine durchaus andere Sprache sprechen als die des heldenhaften Schlachtfeld-Hasardeurs, wie ihn der Film praktisch unentwegt zeigt, berichtet „To Hell And Back“ nichts. Tatsächlich ist er die weithin unkritische Beschreibung einer im rein militärischen Sinne tadellosen und vorbildhaften Soldatenlaufbahn. Der besondere Clou des Films liegt nun natürlich darin, den seinerzeit stets alterslos erscheinenden, etwas milchgesichtigen Murphy die Hauptrolle in der Adaption seiner Autobiographie spielen zu lassen, obschon dieser sich erst mehrfach bitten lassen musste und eigentlich viel lieber Tony Curtis als Audie Murphy gesehen hätte, um nur ja nicht in den Verdacht der Selbstbeweihräucherung zu geraten. Schlussendlich war und ist Murphy der bis heute einzige Hollywoodstar, der sich selbst in einem um seine Person kreisenden Spielfilm darstellte.
Der unter mancherlei redundantem, dramaturgischem Durchhänger ächzende, für ein Studio-Kriegsabenteuer gar nicht mal so sehr spektakulär wirkende „To Hell And Back“ war trotz seiner unleugbaren Mittelmäßigkeit ein Film, den seine Zuschauer ganz besonders liebten (was sie heute, angesichts der imdb-Durchschnittswertung, wohl immer noch tun) und bis zum knapp zwanzig Jahre später folgenden „Jaws“ der erfolgreichste Film der Universal. Welch mannigfaltige, nicht eben vorteilhafte Schlussfolgerungen dies im Hinblick auf sein Publikum und dessen Kritikfähigkeit suggeriert, muss nicht extra erwähnt werden. Auch infolge dessen ein (film-)historisches Faszinosum.

6/10

HELL OR HIGH WATER

„We ain’t stealing from you. We’re stealing from the bank.“

Hell Or High Water ~ USA 2016
Directed By: David Mackenzie

Die Brüder Toby (Chris Pine) und Tanner Howard (Ben Foster) rauben binnen kurzer Zewit zwei Filialen der lokalmächtigen Texas Midlands Bank aus. Während der alternde Texas Ranger Hamilton (Jeff Bridges) und sein Partner Parker (Gil Birmingham) sich an ihre Fersen heften, gestaltet sich das weitere Vorgehen der Flüchtigen besonders durch das impulsive und gewaltaffine Verhalten des Ex-Häftlings Tanner zusehends außer Kontrolle geratend. Obgleich die Motivlage der Brüder moralisch durchaus diskutabel ist – die Texas Midlands hat eine Wucher-Hypothek gegen Tobys Ranch in der Hand – ist ein finaler Zwist zwischen den Kriminellen und der Justiz unausweichlich.

Wie eine gepflegte Analyse der US-Bürger-Befindlichkeit im Katastrophen-Wahljahr 2016 wirkt dieser meisterhafte, ebenso staubige wie sonnenlichtdurchflutete Southern Noir des Schotten David Mackenzie: Ganz Westtexas scheint darin übersät von aufgegebenen, verrottenden Immobilien und Grundstücken, an denen zwangsläufig auch etliche familiäre Existenzen hängen. Stattdessen säumen Werbeplakate für Kredite und Hypotheken die Highways – es ist die Ära der Gläubiger, Wucherer und Blutsauger. Neben ein paar Diners scheint die allgegenwärtige Texas Midlands Bank mit ihren zig Niederlassungen eine der letzten funktionierenden Institutionen im Staat zu stellen; natürlich nur, insofern man deren kapitalistische Albtraum-Agenda als „funktional“ anzuerkennen bereit ist. Vor diesem Hintergrund entspinnt sich das Familiendrama der Howard-Brüder, die beinahe schon allegorische Opfer der Umstände sind. Die Verschuldung des Familienbesitzes geht auf die verzweifelte, in Kummer verstorbene Elterngeneration zurück; den letzten probaten Ausweg bildet die Flucht nach vorn. Während Toby den Weg zum Outlaw für seine Kinder beschreitet, steht Tanner, knasterfahren, wild um sich schießend und getrieben von einer entsprechend unzweideutigen Neigung zu offener Gewaltausübung, eher in der Tradition der marodierenden Wildwest-Banditen von vor 130 Jahren. Immerhin sind Mackenzie und sein kaum minder brillant zu Werke gehender Autor Taylor Sheridan, dessen begnadeten Fingern bereits der monumentale „Sicario“ entwuchs, romantisch genug, um Toby am Ende mit einem blauen Auge davonkommen zu lassen, freilich nicht ohne ihn ein letztes (?) Mal mit seinem Antagonisten zu konfrontieren. Gute Freunde werden die beiden nicht mehr, dass sie jedoch reziprokes Verständnis und zumindest einen Hauch von Respekt füreinander entwickeln, daran mag ebensowenig Zweifel bestehen.
Wenn man sich zudem vergegenwärtigt, in welchem demografischen Umfeld die Republikaner die meisten Wähler fischen konnten, entsteht ein hübsch kompaktes, fiktionalisiertes Sozialanalytikum, das nicht nur in dieser Hinsicht gewiss noch in vielen Jahren Bestand haben wird. Leider ist es ja so – beschissene Zeiten befeuern großartiges Kino.
So ziemlich das Beste, was ich jüngst an „Aktuellerem“ gesehen habe.

10/10

LOGAN

„Beware the light.“

Logan ~ USA/AUS/CAN 2017
Directed By: James Mangold

Mexiko, 2029: Der Mutant James Howlett (Hugh Jackman) alias Logan alias Wolverine ist einer der Letzten seiner Art. Eine nicht näher benannte Katastrophe hat die übrigen X-Men in den Tod gerissen. Während seine Selbstheilungskräfte zunehmend schwinden und auch sein hohes Alter langsam seinen Tribut fordert, hat Logan sich als Mietchauffeur jenseits der Grenze eine kleine Fluchtexistenz aufgebaut. Seinen früheren Mentor Charles Xavier (Patrick Stewart), der unter schweren Demenzschüben leidet, hat er in seiner Obhut und versorgt ihn gemeinsam mit dem Albino Caliban (Stephen Merchant) mit den notwendigen Medikamenten. Als die kleine Laura (Dafne Keen) auftaucht, wartet eine letzte Mission auf Logan: Das Mädchen ist eine im Labor gezüchtete Mutantin auf Basis von Logans DNS, was ihn zu einer Art Vater macht. Der skrupellose Genforscher Rice (Richard E. Grant) plante Laura und einige andere Kinder zu gewissenslosen Biowaffen heranwachsen zu lassen, was die sich entwickelnden Persönlichkeiten der Kids jedoch durchkreuzten. Um sie vor der folgenden Euthanasie zu schützen, gelang es einer treusorgende, Krankenschwester (Elizabeth Rodriguez) Laura und ein paar andere Kinder in die Freiheit zu entlassen. Das Militär ist nun auf der Suche nach den gescheiterten Versuchsobjekten, um sie endgültig auszulöschen. Logan, der Professor und Laura machen sich, gejagt von Rice und seinen Leuten, auf den Weg nach Oklahoma, wo es angeblich eine letzte Zuflucht für verfolgte Mutanten geben soll…

Die Vorschusslorbeeren waren ja recht immens: Nach dem ziemlich infantil geratenen „Deadpool“ hatte die Fox also die Chuzpe, gleich noch einen zweiten Superheldenfilm mit R-Rating vom Stapel zu lassen. Dufte Sache. Nun sieht man die legendären Klauen von Wolverine (und die der putzigen, aber ebenso tödlichen Laura, die allerdings bloß zwei Krallen an jeder Hand hat) also nicht nur in die Opfer ein- sondern gleich auch wieder ausdringen. Dazu hat es noch einige Dekapitationen, was folglich für die eine oder andere deftige Gewaltspitze sorgt und „Logan“ phasenweise tatsächlich zu einem recht derben Schlachtfest macht, das sich allerdings nicht nur infolge seiner recht graphischen Erscheinung deutlich von dem bis dato gepflegten Regelwerk des Franchise abhebt. „Logan“ ist vor allem ein durchaus intimes, zuweilen sogar melancholisches Generationendrama, das einer kleinen, immens dysfunktionalen „Familie“ auf seinem unfreiwilligen Roadtrip durch den Südwesten der USA folgt. Dass der mittlerweile in Ehren ergraute Titelheld hierin dabei ist, seine letzten Tage zu durchleben, dürfte kein Geheimnis sein und auch für den im Filmkontext neunzigjährigen Professor Xavier und damit seinem (ersten) Stammschauspieler Patrick Stewart läuten die letzten Glocken. Vom einstmaligen Glanz der „School for Gifted Youngsters“ in Westchester ist nurmehr der karge Staub der mexikanischen Wüste geblieben; offenbar, das suggerieren einn paar Dialogzeilen, ist der mental schwer angegriffene Xavier selbst für die einstige Zerstörung seines zuvor mühselig aufgebauten Sanktuariums und damit auch der meisten X-Men verantwortlich. Hinzu kommt das kleine, vermeintlich stumme Mädchen, das Logans Erbmasse in sich trägt und ebenso zum animalischen Berserkertum neigt wie sein unfreiwilliger Genspender. Möglicherweise seien die Mutanten gar nicht der als solcher bezeichnete „homo superior“ und damit die Erben des herkömmlichen Menschengeschlechts, sondern bloß eine kurzlebige evolutionäre Extravaganz, heißt es einmal im Film. Die Abenddämmerung neigt sich herab. Das sich zunehmend in die Enge getrieben sehende Trio trägt also gewissermaßen eine langjährige Tradition zu Grabe, respektive macht es den Weg frei für eine kommende Generation neuer Mutanten, die wir in Form der im Kollektiv durchaus mächtigen, alleredings von Menschenhand geschaffenen Kinderclique sicherlich noch wiedersehen werden.
„Logan“ bildet nun vielleicht das große Meisterstück ab, zu dem es letzthin gern verklärt wurde, aber es ist ein schöner, herzerfüllter Beitrag zum filmischen „X-Men“-Kosmos und vor allem der gelungenste Teil der sich absplittenden Trilogie um den von Anfang an zur Leitfigur kultivierten Wolverine.

8/10

JOHN WICK: CHAPTER 2

„You stabbed the devil in the back.“

John Wick: Chapter 2 (John Wick: Kapitel 2) ~ USA/HK/I/CAN 2017
Directed By: Chad Stahelski

Nachdem sich John Wick (Keanu Reeves) endlich seinen gestohlenen Ford Mustang zurückholen konnte – wenngleich unter mancherlei Blechblessuren – erhält er daheim Besuch von einem alten Bekannten: dem Mafiaboss Santino D’Antonio (Riccardo Scamarcio), dem John noch eine alte Gefälligkeit schuldet: Er soll D’Antonios Schwester Gianna (Claudia Gerini) in Rom ausschalten, damit der Syndikatschef zum Alleinherrscher aufsteigen kann. Als John sich zunächst weigert, jagt D’Antonio sein Haus in die Luft. John sieht ein, dass er seine Schuld abtragen muss und erledigt seine Mission gewohnt professionell. Um sich öffentlich reinzuwaschen, lässt D’Antonio daraufhin einen Mordauftrag gegen John ergehen, der sich das natürlich nicht gefallen lässt…

Das Sequel zu Chad Stahelskis bereits ziemlich spektakulär ausgefallenem Erstling nimmt sich in Bezug auf seine bombastische Gestaltung nochmals etwas großspuriger aus und lässt die Saga um den unbesiegbar scheinenden John Wick beinahe überproportional zu einer Art „James Bond des Auftragskillerfilms“ anwachsen. Wir tauchen noch tiefer ein in jene geheimnisvolle, global operierende Killer- und Gangsterloge, die überall auf der Welt Hotels bewirtschaftet und ihre ganz eigenen Symbole, Kodexe und Gesetze pflegt, von der die regulären Gewalten wahlweise keinen Schimmer haben oder sie respektvoll akzeptieren (dies wird in der Folge noch zu klären sein). Jene beinahe schon fantasyangebundene Koloratur relativiert wiederum das unglaublich hohe Gewaltlevel – die Leichenberge, die John Wick auf seinem Pfad durch diese zweite Geschichte auftürmt, scheinen im Vergleich zum Vorgänger nochmals anzuwachsen und sind wiederum von einer geradezu irrwitzigen Quantität. Eine Riege gestandener Gaststars – darunter Franco Nero – gibt sich die Ehre und durch das Klassentreffen von Reeves und Laurence Fishburne als patriarchalischer Gangsterkopf „Bowery King“ entsteht zugleich eine gewisse, kaum subtile Reverenz an die „Matrix“-Filme. Dass „John Wick: Chapter 2“ sich darüberhinaus als Mittelglied einer vorkonzipierten Serie versteht, verdeutlicht wiederum der offene Schluss: John Wick ist durch die Ermordung D’Antonios auf neutralem Boden nunmehr vogelfrei und damit offene Beute für jeden der Loge angeschlossenen Profikiller der ganzen Welt. Dies bedeutet einerseits, dass er sich demnächst nirgendwo mehr wird sicher wähnen können und andererseits, dass er im zweifellos nachfolgenden Film wiederum ordentlich zu tun bekommen wird.

8/10

MACISTE, L’UOMO PIÙ FORTE DEL MONDO

Zitat entfällt.

Maciste, L’Uomo Più Forte Del Mondo (Maciste und die Königin der Nacht) ~ I 1961
Directed By: Antonio Leonviola

Der Muskelmann Maciste (Mark Forest) gerät in Konflikt mit den zum Leben ohne Sonne verdammten Maulwurfsmenschen, die das Volk des ermordeten König Khur (Nando Tamberlani) versklaven, um es in ihrem unterirdischen Reich Juwelen abbauen zu lassen. Zusammen mit seinem neuen Kumpel Bango (Paul Wynter) lässt auch Maciste sich gefangennehmen und lernt mit Halis Mojab (Moira Orfei) die rachsüchtige, missgünstige Königin der Maulwurfsmenschen kennen. Diese würde den properen Maciste am Liebsten vom Fleck weg heiraten, doch jener erweht sich tapfer aller Avancen durch das böse Luder.

Neben Herkules brachte es der Muskelheld Maciste im Peplum der sechziger Jahre auf die meisten Serieneinträge. Wikipedia listet immerhin ganze 25. Dabei handelte es sich im Prinzip bloß um eine fix herbeigewunschene Wiederbelebung: In den zehner und zwanziger Jahren hatte der Bodybuilder Bartolomeo Pagano den Maciste bereits 26 Male gegeben. Der ursprünglich als karthagische Held konzipierte, bärenstarke Protz hatte im Vergleich zu Herkules dabei den Vorteil, nicht auf einen singulären, mythologischen Background festgelegt zu sein. Maciste turnte stattdessen munter durch Epochen und Regionen, war mal im alten Rom aktiv, dann im Schottland des 17. Jahrhunderts, nur um dann einem ägyptischen Pharao beizustehen oder in Spanien gegen Zorro anzutreten. In „Maciste, L’Uomo Più Forte Del Mondo“ war es an Fünffach-Maciste (und damit Silbermedaillen-Gewinner nach Kirk Morris), an unbestimmtem Ort und zu unbestimmter Zeit den Kampf gegen ein albino-artiges, unterirdisches Völkchen aufzunehmen, das, ganz seiner grottigen Herkunft entsprechend, nur Übles im Sinn hat. Dabei steht Forest ein nicht minder gut ausgestatter, dunkelhäutiger Recke namens Bango zur Seite, der in der deutschen Synchronisation mit dümmlichem Bamse-Olumbe-Dialekt „angereichert“ wurde, wohl, um seine Urwaldherkunft zu unterstreichen. Überhaupt wird viel von „Rassen“ und deren Differenzen parliert; zugleich lässt sich ein mehr oder minder diffuses, homoerotisches Element , wie es dem Peplum häufig ohnedies innewohnte, unter den beiden Raubritterkreuzen nicht hinfortleugnen. In ideologischer Hinsicht gibt es also einiges an tumbem Gekaspere, wobei Forest, der die Stimme von Hansjörg Felmy bekam, allein durch diesen Umstand gleich nur noch halb so blöd wirkt. Ist aber auch egal: Kämpfe gegen einen Affenmenschen im Kostüm und gegen ein paar Löwen sowie eine bombastische Kraftprobe machen Vieles an Unbill wieder wett und diesen Maciste zu einem Musterexempel seiner leicht debilen Zunft. Dass die billig edierte deutsche DVD eine abartig-asynchrone Synchrontonspur aufweist, halte ich nebenbei an dieser Stelle für meine warnungsvolle Mitteilungspflicht.

6/10

CAPTAIN KIDD

„I accuse this man of piracy and murder!“ – „Was ever a gentleman that misfortunate?“

Captain Kidd (Unter schwarzer Flagge) ~ USA 1945
Directed By: Rowland V. Lee

England, 1699. Der feiste Piratenkapitän William Kidd (Charles Laughton) kehrt, nachdem er im Indischen Ozean eine Galeone gekapert und die Beute vergraben hat, nach London zurück, um dem Monarchen William III (Henry Daniell) das Unschuldslämmchen vorzuspielen und sich ein offizielles Kommando im Namen der Krone zu ergaunern. Für Kidd, der sich während der kommenden Reise nach Madagaskar, von wo aus er das Diplomatenschiff „Quedagh Merchant“ zurück eskortieren soll, seiner früheren Genossen zu entledigen plant, läuft zunächst alles nach Plan. Doch unter den angeheuerten Galgenstricken findet sich auch ein geheimnisvoller, junger Mann namens Adam Mercy (Randolph Scott), der ganz eigene Ziele zu verfolgen scheint…

Mit den großen Piratenfilmen von Warner und MGM hält diese kleine, von Rowland V. Lee inszenierte Produktion nicht ganz Schritt, zumal es sich auch im Nachhinein noch ungewöhnlich ausnimmt, dass das Werk nach seinem Bösewicht benannt ist, der vom Script zudem deutlich prominenter behandelt wird als der vergleichsweise blasse Held. Randolph Scott, der üblicherweise nicht umsonst dutzende Male auf den wortkargen, seelengequälten Westerner besetzt wurde, fehlen tatsächlich die gebotene Flamboyanz und der Glamour eines Tyrone Power oder Errol Flynn, um es mit einem darstellerischen Kaliber vom Schlage des zwischen wohlfeiler Ironie und Diabolik changierendem Charles Laughtons aufnehmen zu können. Mit genießerischer Boshaftigkeit führt er als historisch höchst unakkurater Captain Kidd seine Todesbuch wie eine intime To-do-Liste, wobei er immer wieder genüsslich alte Namen durchstreicht und neue hinzuträgt. Große Kaper- und Fechtszenen bleiben indes eher Mangelgut, obschon Laughton trotz seiner etwas benachteiligten Physis ein paar eindrucksvolle Finten vollführen darf.
Insgesamt ein durchaus spaßiges, kleines Genrestück, das als Pausenfüller zwischen zwei Flynns durchaus amtlich reinläuft.

7/10