DEADPOOL 2

„Poor writing.“

Deadpool 2 ~ USA 2018
Directed By: David Leitch

Infolge eines unsauber durchgeführten Auftrags wird Vanessa Carlysle (Morena Baccarin), heißgeliebte Freundin des Mutantensöldners Wade Wilson (Ryan Reynolds) aka Deadpool getötet. Der untröstliche Wade versucht nun, sich auf jede denkbare Art selbst ins Jenseits zu befördern, was jedoch gründlich misslingt. Nach einem kurzen Zwischenspiel bei den X-Men landet Wade gemeinsam mit dem ebenfalls superkräftigen Teenager Russell Collins (Julian Dennison)  in der Ice Box, einem Hochsicherheitsknast speziell für Mutanten. Wade ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass Russell sich in der Zukunft „Firefist“ nennen und zum Massenmörder avancieren wird, was wiederum den zeitreisenden, rachsüchtigen Cable (Josh Brolin) in die Vergangenheit und auf Russells Fährt führt. Von nun an sieht Wade, der als erste Maßnahme das Katastrophenteam „X-Force“ gründet, es als seine hehre Mission an, Russell zu beschützen und ihm den rechten Weg zu weisen, wobei Cable sich ein Wörtchen Mitsprache erbittet…

Nachdem ich den ersten „Deadpool“-Film seinerzeit als höchst mittelmäßig, geschwätzig und in Teilen verlogen empfand, bereitete ich mich auf das Sequel mit der gedämpften Antizipationshaltung des ehern verpflichteten Superheldenfilm-Chronisten vor. Die ersten Minuten, in denen Wade unter kinetikintensivem Getöse eine ganze Reihe internationaler Gangster ins Jenseits befördert, ließen meine Befürchtungen augenscheinlich bereits wahr werden, bis der Film mit dem Tode von Wades geliebter Vanessa eine eigenartige Wendung nimmt, die mit der späteren Einführung des aus der Zukunft stammenden Soldaten Cable, in den Comics der eigentliche Gründer der X-Force und später als ernster angelegter Konterpart Deadpools zu einiger Beliebtheit gelangt, dafür sorgt, nicht nur der Film, sondern darüberhinaus sogar die Kino-Inkarnation Deadpools auf eine unerwartet vergnügliche Weise zu sich selbst finden.
„Deadpool 2“ vollbringt nun das Kunststück, die erste, lupenreine Superheldenkomödie mit Franchise-Stempel zu sein, deutlich purifizierter noch als etwa die beiden diesbezüglich bereits sehr offen gestalteten „Guardians Of The Galaxy“-Filme (die, wie alles andere auch, natürlich selbst nicht unreferenziert bleiben). Ryan Reynolds sucht sich in Habitus und Intonation Vorbilder wie Will Ferrell oder Adam Sandler, lässt sich seine Figur offenherzig vom großmäuligen Alleskönner zum auf liebenswerte Weise nervigen Versager und Dummkopf entwickeln, die sehr viel mehr als alle anderen Charaktere immer wieder Zielscheibe von Spott und hübschen Peinlichkeitsmomenten wird.
Ich muss ehrlich zugeben, dass ich mich anfangs stur gesträubt habe, über die sich zunehmend gelungener ausnehmenden Gags zu lachen, bis das Eis dann irgenwann gebrochen war. Zwar laufen nicht alle Witze zielgerade ins Schwarze und vor allem die ewigen popkulturellen Verweise, die den etwas atemlosen Eindruck hinterlassen, dass die Autoren auch wirklich zu jedem Einfall noch einen enzyklopädischen Kommentar auf Lager haben, sind nicht unanstrengend. Ähnliches gilt für die notorischen Derbheiten, die manchmal schlicht infantil wirken. Dennoch hebelt die ungeheure, sich immer weiter auftürmende und mit den unvermeidlichen Zeitreise-Clownerien im Abspann kulminierende Rasanz, die das pacing unentwegt und vor allem gekonnt klimaktisiert, den weniger gelungen Schabernack weitgehend aus und hinterlässt einen Film mit Seele, wo anfangs überhaupt keiner zu erwarten war. Außerdem möchte ich Zazie Beetz bitte heiraten. Ach, die hämische Vinnie Jones/Juggernaut-Pleite aus „X-Men: The Last Stand“ wird auch noch erfolgreich ausgebügelt.
Insogern eine der schönsten Überraschungen seit langem.

8/10

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SOLO: A STAR WARS STORY

„Everything you’ve heard about me is true.“

Solo: A Star Wars Story ~ USA 2018
Directed By: Ron Howard

Der junge Corellianer Han (Alden Ehrenreich) träumt davon, gemeinsam mit seiner Freundin Qi’ra (Emilia Clarke) von seinem finsteren Ganovenplaneten und somit den Fängen der Gangsterkönigin Lady Proxima zu entkommen. Zumindest ihm gelingt eines Tages die Flucht, derweil Qi’ra zurückbleiben muss. Nachdem er sich jetzt Han Solo nennt, führt ihn sein folgender, mehrjähriger Werdegang über eine kurze Karriere bei den imperialen Streitkräften bis hin in die anfangs turbulente Kumpanei mit dem Wookie Chewbacca (Joonas Suotamo) und in die Gesellschaft des Kleingangsters Tobias Beckett (Woody Harrelson), der mit seiner kleinen Clique wiederum für den weitaus mächtigeren Syndikatsboss Dryden Vos (Paul Bettany) arbeitet. Auch Qi’ra befindet sich mittlerweile im engeren Dunstkreis von Vos – wobei ihr Interesse an Han merklich abgekühlt scheint. Um eine offene Rechnung zu begleichen, müssen Beckett und Han eine größere Menge des raren Raumschifftreibstoffs Coaxium erbeuten und es zudem noch raffinieren lassen. Mithilfe des Spielers Lando Calrissian (Donald Glover) und seines rasanten Schiffs gelingt der Coup unter einigen Turbulenzen. Als Han schließlich auf dem ausgebeuteten Planeten Savareen feststellen muss, dass die intergalaktischen Verbrechersyndikate um keinen moralischen Deut besser agieren als das Imperium, dass sie vielmehr sogar mit der Diktatur paktieren, wendet er sich gegen Becket, Vos und Qi’ra…

Der zweite außerchronologische filmische „Star Wars“-Ableger seit der Übernahme des Franchise durch den Disney-Konzern erlebte bereits während seiner Produktionsphase mehr Stolpersteine als die Titelfigur während des gesamten Films: Ron Howard übernahm die Regie, nachdem die zunächst inszenierenden Phil Lord und Chris Miller zu höchster Unzufriedenheit der Produktionsleitung gearbeitet hatten. Diverse Nachdrehs, die das zuvor stark komödiantisch basierten Timbre auszugleichen hatten und sogar teilweise Umbesetzungen nötig machten, oblagen nun Howard, der erstaunlicherweise einen trotz aller vormaligen Pannen homogen wirkenden „Star Wars“-Film vorzulegen vermochte. Freilich wird bei Produktionen dieser Größenordnung kaum etwas dem Zufall überlassen sein, so dass zumindest ein halbwegs befriedigendes Resultat zwingend zu erwarten war. Das Script von Lawrence Kasdan und seinem Sohn Jonathan entspricht dabei in Grundzügen einer deutlich erkennbaren Variation von Robert Louis Stevensons „Treasure Island“, mit Han Solo als Ersatz für deren Erzähler Jim Hawkins und Tobias Beckett als seinem hassgeliebten Ersatzvater Long John Silver. Die übrigen Figuren, die bereits seit der Urtrilogie relativ zwingend mit Solos Biographie verwoben sind, also vor allem Chewbacca und Lando Calrissian, finden sich relativ geschickt in den Plot eingeflochten. Auch den zumindest an Jabba The Hutt gemahnden Hinweis vergaß man gegen Ende nicht, wie überhaupt diverse lose Enden die breite Option für ein „Solo“-Sequel gewährleisten. Darüber hinaus versäumen Regisseur Howard und sein alter Freund George Lucas es nicht, zahlreiche fankitzelnde Reminiszenen an frühere Gemeinschafts- und Einzelarbeiten unterzubringen, deren Ausfindigmachen dazu angetan ist, jedem wahren Geek das eine oder andere Freudentränchen zu entlocken.
Als im Prinzip überaus klassisch konnotiertes, buntes Piratenkino vor dem universellen Hintergrund der beliebten space opera „Star Wars“ und ihrer immer weiter ziehenden Kreise bietet „Solo“ insgesamt absolut solides, handwerklich zumeist auf der Höhe befindliches und phasenweise sogar schönes Handwerk der monetären Luxusklasse, das zwar hier und da über den Wert und Sinn derart gewaltig budgetierter Filme grübeln lässt, seine nichtsdestotrotz zahlreichen Versprechen aber immer wieder tosend einzulösen pflegt.

7/10

REVENGE

Zitat entfällt.

Revenge ~ F/BE 2017
Directed By: Coralie Forgeat

Ihr Wellness-Wochenende hatte sich das Millionärsliebchen Jen (Matilda Lutz) geflissentlich anders vorgestellt: Dass ihr Galan Richard (Kevin Janssens) etwa zeitgleich zwei gewöhnungsbedürftige Kumpel (Vincent Colombe, Guillaume Bouchède) in seinem Luxusbungalow inmitten der kalifornischen Wüste zum Jagen eingeladen hatte, kommt ebenso überraschend wie eine brutale Vergewaltigung durch einen von den beiden am Morgen nach einer alkohol- und drogengeschwängerten Nacht. Anstatt von Richard den erhofften Beistand zu erhalten, will dieser sich Jens Schweigen erkaufen und reagiert umso barscher auf ihre Zurückweisung. Die nachfolgende, kurze Jagd hat vermeintlich Jens Tod zur Folge, doch die junge Frau erweist sich als wesentlich zäher als der Durchschnittsmensch und geht zum Gegenangriff über.

Die wesentlichen Unterschiede zwischen „Revenge“ und Meir Zarchis großem Klassiker „I Spit On Your Grave“ sowie dessen kaum überschaubarer Epigonenzahl bestehen darin, dass dieser jüngste Spross des „Rape & Revenge“-Subgenres von einer Frau inszeniert wurde, darin, dass er vor dem Hintergrund der Ära #metoo entstanden ist und schließlich darin, eine hochstylisierte, schicke Inszenierung mit einem latent-hyperrealen Augenzwinkern zu kombinieren. Dass Forgeat ganz gewiss kein Lustobjekt für Sadovoyeure zu schaffen gedachte, lässt sich daraus bereits genügsam folgern, eine Transzendierung der Gattung gibt’s noch obendrein. Die durchaus selbstbewusste, sich an Reichtum und sexueller Potenz ihres Liebhabers Richard, seines Zeichens vorgeblich steinreicher Gesellschaftslöwe und Familienvater, aber innendrin von perversester Dekadenz geschwärzt, mästende Jen wird gleich zweimal unfreiwillig penetriert: Zunächst durch Richards schmierigen Jagdfreund Stan (Colombe) und dann noch von einem knorrigen Wüstengeäst, auf dem sie, aus großer Höhe fallend, aufgespießt wird. Doch der Wunsch nch Rache ist stark in ihr und so gelingt es Jen, selbst dieser hoffnungslosen Situation zu entkommen und sich hartnäckig zur Wehr zu setzen, am Ende sogar gegen den metamaskulinen Mannesalbtraum Richard, der gewissermaßen das Böse aller Harvey Weinsteins dieser Welt in sich vereint. Audiovisuell langt das für einen sonnenlichtdurchfluteten Hardcore-Rächerinnenfilm, dem es weniger darum geht, seine lange Ahnengalerie zu ergänzen, sondern der mir tatsächlich vielmehr so etwas wie die Versuchsanordnung eines feministischen Freischwimmers zu sein scheint.
Da Forgeat ihr Anliegen vergleichsweise geschickt unterbringt, bei aller grundsätzlich generöser Gesinnung dennoch ordentlich holzt und zumindest in der Aufwändung von Kunstblutgallonen prasst, wie es einem Film dieser Art grundsätzlich zukommt, hat sie meinen Segen.

7/10

THE CROW

„What are you supposed to be? A clown or something?“

The Crow ~ USA 1994
Directed By: Alex Proyas

Der Rockmusiker Eric Draven (Brandon Lee) und seine Braut Shelly (Sofia Shinas) werden am Vorabend von Halloween nach einem Beschwerdebrief Shellys betreffs ihrer desolaten Wohnsituation infolge eines Auftrags des Eigentümers und Gangsterbosses Top Dollar (Michael Wincott) brutal ermordet. Auf den Tag ein Jahr später kehrt Eric als übernatürlicher Superheld aus dem Grab zurück, um seinen und Shellys gewaltsame Tode zu rächen.

Die Comicvorlage von James O’Barr fand ich schon als Teenager ziemlich schwülstig. Was dann jedoch als Filmadaption derselben das Licht der Welt erblickte, lässt mich bis heute kaum ruhig schlafen. Seit 1994 habe ich „The Crow“ in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen vier Male angeschaut. Die letzten drei und somit auch die jüngste Betrachtung erfolgten in zunehmendem Maße mehr oder weniger aus Gründen, mich der Zuverlässigkeit meiner Wahrnehmung zu vergewissern. Schon das erste Anschauen im Kino fiel damals höchst ernüchternd aus. Proyas‘ Debüt, dessen war ich mich zuvor sicher, besaß doch eigentlich alle Voraussetzungen, um ihm hohe Wertschätzung zu garantieren: Comic- und insbesondere Superheldenverfilmungen waren damals trotz erster kommerziell erfolgreicher Gehversuche und vor allem im Vergleich zu heute noch immer eine unsichere Randerscheinung im Kino, der bereits zuvor erhältliche Soundtrack ließ hochpotentes Gras aus den Ohren wachsen, die  weitgehend erlesene Besetzung lässt auch heute noch aufhorchen und das spektakuläre Drama um Brandon Lees Tod bei den Dreharbeiten gab dem posthumen Personenkult um seinen Vater nochmals einen zusätzlichen Schub der Legendenbildung. „The Crow“ firmiert auf der imdb gegenwärtig mit einer Durchschnittswertung von 7,6 und verbucht stolze 81% auf dem Tomatometer. Vor allem die Gothic-Fraktion kürte den Film seinerzeit zum Instant-Kultobjekt.
Diese allumfassende, konsensuelle Zuneigung habe ich nie begriffen. Vielmehr lässt sie mich sogar verzweifeln. Das aus all den oben angeführten, vielversprechenden Faktoren destillierte, resultierende Objekt gehört für mich nämlich zu den größten aller schlechten Witze der Kinogeschichte. Alles an „The Crow“, nahezu ohne Ausnahme, stinkt wie verdorbene Fischabfälle. Am Schlimmsten ist das Script, das O’Barrs bereits naive Graphic Novel zu einer Posse der vorsätzlichen Idiotie macht, zu einer ausgewachsenen, antithetischen Action-Travestie. Sämtliche der auftretenden Figuren, von Draven selbst über die tolldreiten, koksenden, alle denkbaren Lehrbuchklischees in sich vereinenden Gangster, den etwas dummen Polizisten (Ernie Hudson) bis hin zum Straßenmädchen (Rochelle Davis) mitsamt radikal heroinentwöhnter Mutti (Arla Davis) verharren in furchtbarster Stereotypenlage, bekommen keinerlei Raum zur Entfaltung und haben sich mit imbezilen Dialogen zu plagen, die die an sich doch so lyrische Qualität des Szenarios – immerhin geht es um nichts Geringeres denn die Unsterblichkeit wahrer Liebe – mit groben Stiefeln zertreten. Hatte Tim Burton bereits hinreichend gezeigt, wie ein überhöhtes, gotisches Comicszenario ausschauen kann, versagen Proyas, der immerhin mit seinem zweiten Film „Dark City“ all diese Versäumnisse wieder gutmachen konnte, und seine Setdesigner nebst ihren theatralischen Papkulissen und nachlässig gestalteten Interieurs damit hier auf ganzer Linie.
Ich habe mich jetzt vermutlich wirklich zum letzten Mal durch dieses entsetzlich stupide Machwerk gequält und trotz aller antizipatorischen Offenheit wirklich schlimm dabei gelitten. Für mich ist „The Crow“ ein grotesk missratener und, ich wiederhole mich bewusst, vor allem ungeheuer dämlicher Film, der mir wie kaum ein anderer dazu angetan ist, mich an ihm abzureagieren. Immerhin ein Gutes hatte dieses jüngste, passionsträchtige Durchleiden: Mir wurde neuerlich eindrucksvoll vor Augen geführt, wie ein wirklich schlechter und misslungener Film aussehen kann. Allenthalben hat eine solche Erfahrung einen durchaus katalysatorischen und kathartischen Effekt.

1/10

THE MEG

„The cage won’t break.“

The Meg ~ USA/CH 2018
Directed By: Jon Turteltaub

Der lebenslustige Milliardär Jack Morris (Rainn Wilson) finanziert ein maritimes Forschungsprojekt im Südchinesischen Meer, das von dem Wissenschaftler Dr. Zhang (Winston Chao) und dessen Tochter Suyin (Bingbing Li) geleitet wird. Offenbar befindet sich unter einer Schicht aus Schwefelwasserstoff am Meeresboden in der Tiefsee ein unangetastetes, autarkes Ökosystem, in dem verschiedenste Organismen seit Jahrmillionen überlerben konnten. Nachdem ein Forschungs-U-Boot dorthin vordringt, gerät es sogleich in die Bredouille: Ein riesiger Megalodon, ein längst ausgestorben geglaubter Urzeit-Hai, attackiert und beschädigt das Schiff. Für die Rettungsaktion wird der vor einigen Jahren geschasste Profi Jonas Taylor (Jason Statham) hinzugezogen, der mit dem Megalodon – oder kurz Meg – zu allseitigem Unglauben bereits persönliche Erfahrungen gemacht hat. Es gelingt Taylor, fast alle Verunglückten zu retten, doch durch die hierfür notwendige Lücke in der Schutzschicht entkommt auch der Meg. Es gilt nun, das Monster unschädlich zu machen, bevor es allzu großen Schaden anrichten kann.

Der mit den Jahren wieder etwas aus dem kritischen Fokus geratene Scientologe Jon Turteltaub genoss noch nie das ausgesprochene Renommee, für ein Kino der wie auch immer gehobenen Ansprüche zu stehen. Als zwischenzeitliches Lieblingskind von Disney fertigte er in den 90er und 00er Jahren diverse familienfreundliche Fantasy-Filme, die mal mehr, mal weniger tendenziös auch seine persönlichen Überzeugungen trtansportierten, insbesondere den recht unleidlichen Geistesblitz-Trash „Phenomenon“ mit John Travolta. „The Meg“ war für mich ausschließlich deshalb von Interesse, weil er den Mut dazu aufbrachte, abseits von den für meinen Geschmack allzu abenzeuerlichen Syfy- und Asylum-Ergüssen endlich einmal wieder einen gefräßigen Riesenhai durch ein höher budgetiertes Leinwandspektakel schwimmen zu lassen. Was die Schauwerte und eine ganze Reihe hübscher, kleiner Ideen anbelangt, so lohnt der Film tatsächlich den Kinobesuch nebst 3D-Brille – vorausgesetzt zumindest, man mag monströse, fressgierige Meeresbewohner, und ist auch sonst bereit, sämtliche das anghängende Libretto flankierenden Prämissen zu akzeptieren. Ein kindliches Gemüt schadet gewiss ebensowenig. Als Acht- oder Neunjähriger hätte ich „The Meg“ ganz bestimmt innigst geliebt, so langte es immerhin zu einigen Schmunzeleien. Dem Film und seinem Script zugute halten kann man in jedem Fall, dass er seine Gratwanderung aus halbwegs ernstzunehmendem Monsterabenteuer und offenkundigem Tongue-in-cheek-Humor durchaus passabel meistert. Im Finale, in dem der Megalodon sich durch die Strandurlauber von Sanya Bay pflügt, kredenzt Turteltaub dann tatsächlich noch einige visuelle und komische Höhepunkte, die das vergleichsweise gemächliche pacing der ersten zwei Drittel wieder halbwegs wettmachen und, abgesehen natürlich von dem sehr jugendfreien Timbre der Gemengelage, in ihren besseren Momenten an das kunterbunte „Piranha“-Remake von Alexandre Aja und dessen Nachfolger erinnern.
Letztlich haben die vielen Jahre, in denen diese sehr freie Adaption der bislang nicht weniger als sieben Teile umfassenden Romanreihe von Steve Alten in der development hell schlummerte und in denen ich innig auf die Realisation des Projekts wartete, meine Erwartungen wohl zu gleichen Teilen hyperenthusiastisch und mürbe werden lassen. Der ultimative Monsterhai-Film abseits der „Jaws“-Tetralogie, den ich mir insgeheim erhoffte, das war mir irgendwann klar, würde ich mit „The Meg“ einmal mehr nicht zu sehen bekommen. Dass zumindest meine mittlerweile sehr gedämpfte Antizipation ihre Bestätigung fand, geht infolge dessen in Ordnung.

6/10

THE LAST RUN

„In the old days, before the fall, I owned a few shares.“

The Last Run (Wen die Meute hetzt) ~ USA 1971
Directed By: Richard Fleischer

Seit dem Tod seines kleines Sohnes und seit seine Frau ihn daraufhin sitzen ließ, lebt der Amerikaner Harry Garmes (George C. Scott) an der portugiesischen Algarve. Früher im Halbweltmilieu als Auftragskurier unterwegs, möchte Garmes es neuen Jahre nach seinem letzten Einsatz noch einmal wissen: Er lässt sich für einen Job in Spanien anheuern, bei dem es darum geht, den Knacki Paul Rickard (Tony Musante) zu befreien und ihn danach über die französische Grenze zu eskortieren. Zunächst funktioniert alles beinahe wie am Schnürchen, doch nicht nur dass der sich sehr unreif gebende Rickard zusätzlich noch seine Freundin Claudie (Trish Van Devere) mit ins Boot holt, stellen sich die Auftraggeber als Gangster heraus, die mit Rickard noch eine alte Rechnung offen haben und ihn beseitigen wollen. Garmes hilft Claudie und Rickard aus der Patsche und hat die beiden nun am Hals…

Die Geschichten von der pre production und vom Dreh von „The Last Run“ weisen George C. Scott, der, kurz nach seinem für „Patton“ gewonnenen und öffentlichkeitswirksam abgelehnten Oscar, am Zenit seiner Popularität stand, als enfant terrible aus, mit dem nicht gut Kirschen essen war. Mit dem zunächst als Regisseur vorgesehenen John Boorman überwarf sich Scott wegen Uneinigkeiten über das Script noch vor Produktionsbeginn. Boormans Nachfolger John Huston, mit dem Scott zuvor bereis zweimal gearbeitet hatte, geriet wiederum in akute Streitigkeiten mit Scott, der zudem nicht mit seiner Partnerin Tina Aumont auskam. Schließlich setzte die MGM ihren Hausregisseur Richard Fleischer ein, der mit Trish Van Devere (die hernach Scotts Gattin wurde) als Ersatz für die Aumont das Blatt zum Guten wendete. Die zeitgenössische Kritik, die von den Querelen Wind bekommen hatte, gab sich jedoch unfair bräsig und enttäuscht von dem Resultat, was im Nachhinein sehr unberechtigt erscheint. Man bemängelte, dass die Actionsequenzen (vor allem eine zentrale Autoverfolgungsjagd über die nordspanischen Serpentinen) behäbig und spannungsarm ausfielen und dass Alan Sharps sehr an Hemingways existenzialistischen Duktus angelehntes Drehbuch einem Meisterakteur wie Scott nicht die verdiente Bühne bot – er solle stattdessen doch besser eine wirkliche Hemingway-Figur spielen (was er sechs Jahre später in Schaffners „Islands In The Stream“ dann tatsächlich noch einlöste). Wie sehr hier auf hohem Niveau gejammert wurde, zeigt sich in Anbetracht des trotz aller Stolpersteine flüssigen und homogenen Films, der ganz im Gegensatz zu dem, was etwa Roger Ebert zu monieren hatte, eben doch sehr stimmig daherkam.
„The Last Run“ ist, ganz seinem Titel entsprechend, die finale Reise eines alternden, depressiven Gangsters, der noch ein letztes Mal das „Einzige tun möchte, was [er] kann“, einen letzten Kick, einen letzten Adrenalinrausch, den letzten Sex mit einer schönen Frau erleben will. Dabei geht es ihm keinesfalls darum, zu überleben – im Gegenteil. Der Tod ist fest eingeplant, er wird gewissermaßen sogar sehnsüchtig forciert, was angesichts Garmes‘ überkommenen Platzes in der Welt (der Generationskonflikt wird immer wieder thematisiert) nur konsequent erscheint. Von nunmehr einzigem Belang ist einzig und allein die Erfüllung der Mission, die später, nachdem sich die ursprünglichen Auftraggeber als Lügner herausgestellt haben, sogar zu einer höchst persönlichen wird.
Wirklich bedeutsam ist für Garmes im Grunde bloß sein Auto, ein besonderes BMW-Coupé aus exklusiver Stückzahl, das für ihn das letzte Relikt aus früheren, glücklichen Tagen ist und von Rickard am Ende mit höchster Symbolkraft rücksichtslos zu Schrott gefahren wird. Dazwischen liegen herrlich leuchtende High-Key-Bilder von den dörrigen Pyrenäen, von Galicien und von Albufeira, einmal hin und wieder zurück. Eine lohnenswerte Reise, mit vorhersehbarem Ausgang.

8/10

JUGGERNAUT

„Specks in the universe, Captain. Launch your lifeboats.“

Juggernaut (18 Stunden bis zur Ewigkeit) ~ UK 1974
Directed By: Richard Lester

Ein gewiefter Erpresser unbekannter Identität platziert sieben Bomben an Bord des englischen Kreuzfahrtschiffs „SS Britannic“, bevor dieses sich auf eine Atlantiküberquerung begibt. Um seiner Forderung von einer halben Million Pfund Gewicht zu verleihen, zündet der sich selbst „Juggernaut“ nennende Bombenleger aus der Ferne ein paar kleinere Sprengladungen an Bord. Zudem hat er die explosive Fracht mit allerlei Finten und Irreführern gespickt, so dass selbst der eilends zum Schiff geflogene, überaus erfahrene und ehrgeizige Entschärfungsexperte Anthony Fallon (Richard Harris) und seine Crew ihre liebe Not mit Juggernauts Bomben haben.

Einen ebenso spannenden wie klugen Katastrophenfilm zutiefst britischer Prägung setzte Richard Lester der sich auftürmenden Welle der weitaus großkotzigeren US-Pendants entgegen. Wie man es gewohnterweise von ihm kennt, ironisierte Lester zugleich das just florierende Genre und schuf dennoch einen waschechten, exzellent inszenierten Gattungsbeitrag mit allen bekannten Attributen. Ein gewisses Novum im Vergleich zu den vornehmlich von Irwin Allen produzierten und/oder inszenierten Hollywood-Filmen bildete die Tatsache, dass diesmal nicht die Unberechenbarkeit der Natur oder menschliches Versagen als Ursache für die drohende Unbill herzuhalten hatten, sondern ein einzelner, älterer, frustrierter Täter, der sich gegen Ende als ein mit seiner kargen Rente unzufriedener, pensionierter Kollege und Mentor (Freddie Jones) Fallons herausstellt. Auch dieser Faktor, die gewissermaßene Reduktion des Unvorstellbaren auf ein höchst irdisches und reales Element, stellte eine gewisse, für Lester gewiss unabdingbare Erdung des ansonsten ein ums andere Mal ans Phantastische grenzenden Sujets dar. Die Ausweitung auf mehrere figurale Handlungsträger, darunter Fallon und sein Team, den Kapitän (Omar Sharif) der Britannic und seine frustrierte Geliebte (Shirley Knight) oder den an Land ermittelnden Superintendent (Anthony Hopkins), dessen Frau (Caroline Mortimer) und Kinder (Adam Bridge, Rebecca Bridge) sich auf dem Schiff befinden, sind wiederum typisch für das regelmäßig über stolze Ensembles verfügende Katastrophenkino dieser Zeit, ebenso wie einen in einer bestimmten Beziehung nahezu übermenschlichen Helden (im Fallons Falle sind das seine Intelligenz und sein unschlagbares Entschärfungsgeschick), dessen offene Rechnung mit dem potenziellen Massenmörder sich schließlich noch eine höchst persönliche Note ergänzt findet.
„Juggernaut“ hat jedenfalls alles, was ein Film seiner Provenienz braucht – und vielleicht sogar noch ein klein wenig mehr davon.

8/10