SHAZAM!

„Hey, what’s up? I’m a superhero.“

Shazam! ~ USA 2019
Directed By: David F. Sandberg

Billy Batson (Asher Angel) ist ein in Philadelphia lebender Teenager, ohne Eltern in diversen Pflegefamilien aufwachsend stets auf der Suche nach seiner Mutter (Caroline Palmer), die er im Alter von drei Jahren auf einem Rummelplatz verloren hat. Infolge seines renitenten, bisweilen grenzkriminellen Verhaltens landet Billy schließlich bei dem Ehepaar Vasquez (Marta Milans, Cooper Andrews), das sich aufopferungsvoll um eine kleine Gruppe im Stich gelassender Kinder kümmert, darunter auch um Freddy Freeman (Jack Dylan Grazer), mit dem sich Billy zaghaft anfreundet.
Auf der Flucht vor ein paar Schulbullys landet Billy eines Tages in der U-Bahn und von dort aus in der magischen Höhle des altehrwürdigen Zauberers Shazam (Djimon Hounsou), der die inkarnierten Sieben Todsünden bewacht und Billy als jüngsten, würdigen Adepten für die Gestalt eines Helden (Zachary Levi) mit gottgleichen Kräften ausersehen hat. Von nun an muss Billy nur das Wort „Shazam!“ aussprechen und verwandelt sich in einen muskelbepackten, erwachsenen Superhelden in roter Gewandung, dessen Fähigkeiten denen von Superman kaum nachstehen. Natürlich hat allerdings auch dieser Held seine Nemesis in der Person des wahnsinnigen Dr. Thaddeus Sivana (Mark Strong), der einst beinahe selbst Billys Rolle eingenommen hätte und sich aus Rachsucht für seine damalige Verschmähung mit den Sieben Todsünden einlässt. Billy muss bald feststellen, dass er soviel geballter Bösartigkeit alleine nicht gewachsen ist…

Der jüngste Leinwandeintrag in das Extended Universe des Comicriesen DC befasst sich mit einer weiteren ikonischen Gestalt des Verlags, der in seinem Film allerdings noch keinen wirklichen Namen erhält. Eingeweihte wissen natürlich, warum: Der bereits achtzig Jahre alte Superheld heißt nämlich eigentlich „Captain Marvel“, was bereits in der Printwelt für diverse Kollisionen mit DCs Konkurrent Marvel sorgte, der seit den sechziger Jahren selbst mehrere Figuren mit ebendieser Bezeichnung vorstellte und sich das Namensrecht stets vorbehielt, was im Medium Comic dann immer doch irgendwie gelöst werden könnte, den gemeinen Kinogänger, zumal nach Marvels erst letzthin lancierten Film dieses Titels, in allzu verständliche Verwirrung gestoßen hätte. Ursprünglich für den Verlag Fawcett Comics ersonnen und in den USA von gewaltiger Popularität, verschwand Captain Marvel zusammen mit seinem Herausgeber zwischen 1953 und 1972 komplett von der Bildfläche, bis sich DC die Rechte an der Figur sicherte und sie in ihren Geschichtenkosmos integrierte, wo sie fortan zunächst ein eher stiefmütterliches Dasein fristete. Später wurde Captain Marvel, dessen Genese und damit verbundene, identitäre Besonderheit, nämlich die, eigentlich ein kleiner Junge zu sein, der bei Bedarf im Körper eines Superhelden agiert, dann ein zunehmend ironisierter Charakter, der immer mal wieder einzelne Höhepunkte spendiert bekam, den Status der „Big Three“ (also Superman, Batman und Wonder Woman) jedoch nie ankratzte.
Seine jüngste, von Allrounder Geoff Johns geschriebene Inkarnation nahm schließlich Abstand von den früheren Storys, in denen Billy Batson als tugendhafter, braver Teenager und Nachwuchsreporter auftrat, der wegen seines kindlichen Gemüts selbst in seiner Gestalt als Captain Marvel von dem einen oder anderen Superkollegen belächelt wurde. Nunmehr ist er ein waschechter, pubertierender Teenager ohne Eltern und mit entsprechenden Sorgen und Nöten. Diese Version liegt auch Sandbergs Film zugrunde, der sich halbwegs kongenial an Johns‘ Vorlage hält, wenngleich mit Marvels Erzfeind Black Adam ein wichtiger Charakter außen vor bleiben musste. Stattdessen muss sich Billy mit einem durch die Allianz mit den Sieben Todsünden deutlich mächtiger gewordenen Thaddeus Sivana herumplagen, der gewissermaßen und wohl aus Gründen der Komplexitätsreduktion kurzerhand mit Black Adam fusioniert wurde.
„Shazam!“ macht sich die neue Erfolgsformel des DCEU zur Regel, derzufolge Humor sich besser verkauft als die existenzialistische Düsternis der Snyder-Filme und geht diesbezüglich sogleich in die Vollen: Daraus, dass der Film auch und insbesondere eine Art verklausuliertes Remake von Penny Marshalls „Big“ im Superheldengewand ist, macht er erst gar keinen Hehl, sondern verdeutlicht dies durch eine offensichtliche Reminiszenz. Überhaupt strotzt „Shazam!“ vor Referenzen und Seitenhieben nicht nur bezüglich der langen Historie der Vorlage, die für deren Kenner und Popkulturdetektive ganz allgemein in ein halbwegs vergnügliches Suchspiel münden. Die allermeisten situativen Gags indes dürften unzweideutig für eine Zielgruppe im Alter des Protagonisten sein, der recht infantil gehaltene sense of wonder des Ganzen schützt dann gemeinhin doch eher die Typologie eines modischen Fantasy-Trash-Märchens vor. Leider hat es nicht mehr für einen Gastauftritt von Henry Cavill gelangt.

7/10

Werbeanzeigen

CAPTAIN MARVEL

„I’ll be back.“

Captain Marvel ~ USA 2019
Directed By: Anna Boden/Ryan Fleck

Zwischen den extraterrestrischen Imperien der Kree und der Skrull tobt ein ewiger Krieg. Während einer Rettungsmission geraten die ursprünglich von der Erde stammende, jedoch amnesische Kree-Soldatin Vers (Brie Larson) und ihre fünfköpfige Crew in einen Hinterhalt der Skrulls, die aufgrund ihrer Fähigkeit zur Gestaltwandlung strategische Vorteile genießen. Bei der anschließenden Flucht strandet Vers auf ihrem Herkunftsplaneten,  im Los Angeles des Jahres 1995. Dort findet sie sich zunächst kaum zurecht, bis sie auf S.H.I.E.L.D. und dessen Agenten Nick Fury (Samuel L. Jackson) trifft. Gemeinsam mit Fury und verfolgt von dem Skrull Talon (Ben Mendelsohn) macht sich Vers auf, ihre Vergangenheit zu entschlüsseln, wobei ihr ihre frühere beste Freundin Maria Rambeau (Lashana Lynch) behilflich ist: Einst war Vers die Kampfpilotin Carol Danvers, die seit sechs Jahren als tot gilt. Die Militär-Wissenschaftlerin Wendy Lawson (Annette Benning), an die Carol sich in ihren träumen erinnert, war in Wahrheit die abtrünnige Kree-Soldatin Mar-Vell, die kriegsmüden Skrull-Fküchtlingen einen sicheren Zufluchtsort verschaffen wollte, dann jedoch von dem Kree Yon-Rogg (Jude Law) entdeckt und getötet wurde. Just bei diesem Anschlag übertrug sich eine gewaltige Menge Energie aus dem in Mar-Vells Händen befindlichen Tesserakt auf Carol – der Ursprung ihrer Kräfte. Nachdem Carol abermals den Kree in die Hände fällt und verhört wird, gelingt es ihr, ein Regulierungsimplantat zu entfernen und so das volle Potenzial ihrer Macht zu entfalten. Im Alleingang nimmt sie es mit einer die Erde bedrohenden Kree-Flotte auf und verlässt ihren Heimatplaneten abermals, um den Konflikt zwischen Kree und Skrulls endgültig zu beenden – nicht jedoch, ohne Fury eine Kontaktmöglichkeit und den Tesserakt zu hinterlassen.

Eine Menge an inhaltlichem Holz präsentiert dieser „Avengers: Endgame“ vorbereitende MCU-Beitrag, der natürlich auch auf den „geheimnisvollen“ Cliffhanger aus „Infinty War“ rekurriert, in dem der sich just im Auflösen befindliche Fury gerade eben noch jenen mysteriösen Pager mit Starforce-Symbol bedienen kann, das Comicleser natürlich schon seit nunmehr rund fünfzig Jahren zu identifizieren wissen. Die ursprüngliche Geschichte von Mar-Vell, der als Captain Marvel gegen seinen früheren Freund Yon-Rogg, die Skrulls und natürlich Thanos zu kämpfen hatte, der als erster Superheld überhaupt einen spektakulären Tod (durch ganz profanen, irdischen Krebs) im Zuge einer wunderschönen Graphic Novel von Jim Starlin fand und, als einer der wenigsten seiner Zunft, seither nicht wiederauferstanden ist, ignoriert der Film kurzerhand, stellt sie auf den Kopf und widmet sich stattdessen Mar-Vells Nachfolgerin Carol Danvers. Die eigentliche zweite Captain Marvel, die Polizistin Monica Rambeau, tritt im Film als kleines Mädchen und Tochter von Carols bester Freundin (Akira Akbar) auf, was bereits darauf hindeutet, dass ihr künftiges, erwachsenes alter ego später noch eine wichtige Rolle bekleiden könnte. Auch sonst stellt sich „Captain Marvel“ also primär in den Dienst der veränderten MCU-Continuity und der nötigen Aufgabe, Thanos in Kürze ein ordentliches Pfund entgegensetzen zu können.
Freilich zählt „Captain Marvel“, trotz eines längeren Zwischenspiels auf der Erde, zu den Weltraum-Ablegern des MCU, ebenso wie die „Guardians Of The Galaxy“ oder „Thor: Ragnarok“, in denen bunte Laserstrahlen und interplanetarische Dimensionswirbel in den schillerndsten, halluzinogenen Farbmixturen durchs All zucken und wabern. Weder bietet er jedoch den kontextualisierten Witz der vorgenannten Beispiele noch deren spürbar innige Liebe zu ihren Figuren auf; vielmehr ist er krampfhaft darum bemüht, der nach wie vor männlich dominierten Superhelden-Mythologie, analog zu DCs „Wonder Woman“, mehr wuchtige Frauenschlagkraft zu verabreichen und etabliert damit zugleich eines der mächtigsten Wesen im MCU überhaupt, das im Finale so dermaßen rigoros im Kosmos herumholzt, dass Han Solo angesichts dessen eine Kiefersperre bekäme. Gedanke und Idee sind ergo völlig okay, nur mangelt es dem Film am Wesentlichen, was die letzten MCUs so schön machte: Den vielen, kleinen, echten Gänsehautmomenten. Relativ ungerührt nimmt man diesmal zur Kenntnis, was da in der üblichen audiovisuellen Perfektion dargeboten wird und wünscht sich mehr konzise Konzilianz. Die Kree kennen wir bereits, die Skrulls werden (überraschend differenziert immerhin) eingeführt. Ein verjüngter, haupthaariger Nick Fury, dessen charakteristische Augenklappe noch fehlt und der, ungewohnt begeisterungsfähig, unentwegt der Alienkatze Goose seine Putzigkeitsaufwartungen macht, ist gewiss nicht unwitzig, als Bindeglied zum gewaltigen Rest jedoch ein wenig wacklig. Zudem muss ich sagen, dass ich ganz persönlich mir anstelle von Annette Benning einen adäquateren Mar-Vell gewünscht hätte – immerhin handelt es sich bei ihm um eine meiner Lieblingsfiguren seit Kindheitstagen. Hätte man nicht wen anders nehmen können – Aaron Eckhart etwa? But this had to be a women’s thing, obviously and particularly.

7/10

BLACK ’47

„Beauty would be held in much higher regard, Sir, if it could be eaten.“

Black ’47 ~ IE/LU 2018
Directed By: Lance Daly

Irland, 1847. Während der großen Hungersnot kehrt der Militärveteran und Deserteur Martin Feeney (James Frecheville) nach Hause zurück und findet Mutter und Bruder tot vor. Nur seine Schwägerin Ellie (Sarah Greene) trotzt mit ihren Kindern noch verzweifelt dem Hungertod. Feeney, der plant, mit dem Rest seiner Familie nach Amerika zu emigrieren, bringt Ellie und deren Sprösslinge in eine der noch stehenden Hausbaracken unter, doch einige Lakaien des hiesigen Großgrundbesitzers Kilmichael (Jim Broadbent) verweigern ihnen unter Berufung auf die geltende Rechtslage den dortigen Aufenthalt. Beim anschließenden Scharmützel gerät die Ruine in Brand, Feeney wird gefangen genommen und weggebracht und sein Neffe getötet. Nachdem es ihm gelingt, sich zu befreien, hat Feeney auch Ellie und seine kleine Nichte zu beklagen, die unterdessen vor Kälte und Erschöpfung gestorben sind. Feeney begibt sich auf einen beispiellosen Rachefeldzug gegen sämtliche Verantwortlichen, derweil die Polizei ihm nachstellt: Eine kleine Abordnung um den arroganten Karrieristen Pope (Freddie Fox), den jungen Hobson (Barry Keoghan), Feeneys früheren Soldatenfreund Hannah (Hugo Weaving), der durch seine Bezeiligung an der Jagd der Aussetzung der eigenen Todesstrafe entgegensieht sowie dem gewitzten Tagedieb Conneely (Stephen Rea) begibt sich auf Feeneys blutige Spur, bekommt ihn jedoch nicht zu fassen, bis dieser schließlich Kilmichaels persönlich habhaft werden kann.

Es gibt australische, japanische, sogar einen österreichischen Western. Warum also nicht auch einmal einen irischen? Just einen solchen legt der landeseigene Filmemacher Lance Daly mit „Black ’47“ vor, dessen Titel sich auf das schlimmste Jahr der infolge von Kartoffel-Missernten grassierenden Hungersnot bezieht. Inmitten dieses historischen Katastrophen-Zustands versetzen Daly und sein Coautor P.J. Dillon ihre gleichermaßen reduzierte wie verschärfte „Michael- Kohlhaas“-Variation: Am persönlichen Verderben des Titelhelden, den den gesamten Film über ein nahezu gespenstisch-mystischer Hauch des biblischen Racheengels umweht, tragen einmal mehr der fette Geldadel und seine übervorteilende Gier Schuld, die das kleine Gemeinvolk unter ihren hochglänzenden Stiefeln zertreten. Dass es sich dabei in diesem Falle zudem um die verhassten Besatzer von der englischen Nachbarinsel und deren einheimische Abschöpfer handelt, überträgt dem wütenden Martin Feeney noch eine weitere Dimension des gerechtfertigten Hasses, die ihn als eine Art frühen IRA-Partisanen agieren lässt. Daly verleiht dem grausamen Zustand der Hungersnot mitsamt all ihren fürchterlichen humanitären Folgen die gräuliche Visualisierung postapokalyptischer Desolation: Das spätherbstliche Wetter ist grau und dürr und lässt die zerklüftete, karge und zeitweise unfruchtbare Landschaft nur noch lebensfeindlicher erscheinen. In diesen Zeiten heißt es nurmehr „Flucht oder Tod“, vermutlich auch der Grund, warum Feeney, über den wir später erfahren werden, dass er ein brillanter Soldat ist, der Hannah sogar einst das Leben gerettet hatte, seinen Einsatz für die Krone im fernen Afghanistan aufgegeben hat und zu seiner darbenden Familie zurückgekehrt ist. Doch in der Heimat begegnen ihm nurmehr Tod und noch mehr Verzweiflung, denen er mit dem Zorn des Guerillakämpfers begegnet.
„Black ’47“ hat dabei etwas Mühe, sich eindeutig zu einem Genre zu bekennen und setzt sich geflissentlich unsicher zwischen die Stühle. Für einen harten Veteranen- und Selbstjustiz-Actionfilm mit Vergeltungsthematik vor historischem Setting, der charakterliche Züge der „Rambo“-Filme oder der diversen „Punisher“-Inkarnationen trägt, ist er allzu gemächlich und zurückhaltend inszeniert; für ein intimes Ensemble-Drama indes sind seine Grundstimmung zu ruppig und seine Aggressionsfurchen zu tief.
Dennoch lohnt der Blick, schon allein im Hinblick auf die interessante, ungewöhnliche Melange des Films aus zeit- und kinohistorischem Abriss.

7/10

DEN 12. MANN

„Mir geht niemand durch die Lappen.“

Den 12. Mann (The 12th Man – Kampf ums Überleben) ~ NO 2017
Directed By: Harald Zwart

Norwegen, März 1943. Im Zuge der „Operation Martin Red“, die die gezielten Sprengungen mehrerer militärisch bedeutsamer Ziele der deutschen Besatzer umfasst, landen zwölf in England zu Saboteuren ausgebildete, einheimische Widerstandskämpfer der „Company Linge“ in der Nähe von Tromsø, wo sie bereits von Gestapo und SS in Empfang und in Haft genommen werden. Nur einem von ihnen, Jan Baalsrud (Thomas Gullestad), gelingt die Flucht in den vereisten Fjord. Die übrigen werden gefoltert und exekutiert. Baalsruds einzige Chance besteht darin, die Grenze zum neutralen Schweden zu erreichen. Eine zweimonatige Odyssee, die ihn an die äußersten Grenzen der psychischen und physischen Belastbarkeit treiben wird, liegt vor ihm.

Die entbehrungsreiche Flucht Jan Baalsruds, den die Geschichtsschreibung längst zu einem der skandinavischen Helden der Résistance erklärt hat, basiert auf authentischen Geschehnissen, die Harald Zwarts Film unter der Prämisse, dass „die folgenden Ereignisse, so unglaublich sie auch scheinen mögen, sich so zugetragen haben“ nachzeichnet. Wenngleich Baalsrud immer wieder die unterstützende Hilfe der Einheimischen in Anspruch nehmen kann, hängt der Löwenanteil seines Überlebens dennoch von der eigenen Willenskraft und Zähigkeit ab, die ihn diverse Leiden überstehen lassen. Immer wieder entkommt Baalsrud der SS, in vorderster Front seinem (ebenfalls norwegischen) verbissenen Hauptverfolger Kurt Stage (Jonathan Rhys Meyers) nur ganz knapp oder infolge oftmals obskurer Zufälle, die manchmal auch aus dem bloßen Hochmut des stolzen Nazis heraus erwachsen. Dennoch gleicht Baalsruds Pfad einer Passionsgeschichte: Er gerät in eine (von seiner Verfolgern ausgelöste) Lawine, muss Knochenbrüche, Erfrierungen, Schneeblindheit, Fieber und Wundbrand ertragen und ist schließlich gezwungen, sich selbst die Zehen zu amputieren um nicht seine Beine zu verlieren. Nicht nur die den Okkupanten fast durchweg feindlich gesinnte Zivilbevölkerung unterstützt ihn, sondern, kurz vor dem Ziel noch eine Gruppe Samen und sogar ein kluges Rentier.
Zwart zieht, was ihm wohl auch mehrfach zur Kritik gereichte, diese spektakuläre Geschichte als Überlebensabenteuer auf, vor dem der historische Hintergrund oftmals sich zur im Prinzip austauschbaren Beliebigkeit degradiert findet. Die Nazis werden durchweg als jene unmenschlichen Klischeebestien gezeichnet, die ja in der (genre-)spielfilmischen Parallel-Geschichtsschreibung seit eh und je greift und sind vor allem als größenteils diffuse, äußere Bedrohung im Hintergrund präsent, so dass „Den 12. Mann“ häufig mehr als Actionfilm denn als akkurate historische Aufarbeitungslektion zu rezipieren ist.
Auch wenn nun Zwarts Film gewiss nicht frei von Schwächen unds Unebenheiten ist, gibt es doch an mancherlei Tatsachen, so meine ich, wenig zu rütteln: „Den 12. Mann“ besorgt den Abriss des zunehmend persönlich gefärbten Hergangs einer ganz individuellen Widerstandsaktion und hat trotz seiner ausgedehnten Spielzeit überhaupt nicht die Aufgabe, fanatischen SS-Offizieren ein differenziertes Persönlichkeitsbild zu verschaffen – warum auch? Es geht nicht um verschissene Nazis, sondern um den Widerständler Jan Baalsrud und um die ohnehin im Falle jedes einzelnen kleinen oder großen Rebellen gegen das Deutsche Reich unabdingbar wichtige Tatsache, seine spezifische Geschichte populärer zu machen und ihm, obschon mit den evidenten Mitteln des Unterhaltungsmediums, ein verdientes Denkmal zu setzen. Diese Mission erfüllt „Den 12. Mann“ hinreichend zuverlässig.

7/10

VIVRE POUR SURVIVRE

Zitat entfällt.

Vivre Pour Survivre (White Fire – Der Todesdiamant) ~ F/TR/UK 1984
Directed By: Jean-Marie Pallardy

Nachdem Bo (Robert Ginty) und Ingrid Donnelly (Belinda Mayne) als kleine Kinder den gewaltsamen Tod ihrer Eltern mit ansehen müssen, nimmt sie der Partisan Sam (Jess Hahn) unter seine wohlmeinenden Fittiche. Zwanzig Jahre später arbeiten sie noch immer für ihren liebevollen Ersatzvater und stehlen in der Gegend um Istanbul vornehmlich Diamanten aus der Mine des skrupellosen Olaf (Gordon Mitchell), mit dem im Entdeckungsfalle wenig gut Kirschen essen ist und der ein schmieriges Auge auf Ingrid geworfen hat. Doch auch das italienische Ganovenpaar Sophia (Mirella Banti) und Barbossa (Benito Stefanelli) interessiert sich übermäßig für die Klunkern und wird daher zu erbitterten Rivalen der Geschwister. Einer von Olafs Arbeitern findet derweil in einer freigelegten Höhle den legendären „White Fire“, einen riesigen, lumineszierenden Diamanten, von dem allerdings auch eine tödliche Strahlung ausgeht und hinter dem urplötzlich alle her sind.
Als Ingrid von den Italienern im Zuge einer Racheaktion umgebracht wird, ist Bo am Boden zerstört. Bei der Ex-Prostituierten (?) Olga (Diana Goodman) findet er dann vorübergehenden Trost. Dem alten Sam fällt prompt die verblüffende Ähnlichkeit Olgas mit Ingrid auf und er entwickelt die grandiose Idee, Olga von einer mysteriösen, lesbischen (?) Chirurgin (n.n.) endgültig in Ingrids Ebenbild verwandeln zu lassen, wozu Olga denn auch prompt bereit ist, denn sie hat sich längst unsterblich in Bo verliebt. Dummerweise ist ihr zugleich ihr früherer Arbeitgeber Noah Barclay (Fred Williamson) mit seinen Vasallen auf den Fersen und bildet eine vierte Interessenspartei. Olga nimmt derweil Ingrids Identität (Belinda Mayne) an und verwirrt alle, die glaubten, sie sei tot. Im Abbaugebiet von Olaf kommt es schließlich zur finalen Schlacht um den White Fire und auch um Olga/Ingrid II.

„Vivre Pour Survivre“ ist ein schier unglaubliches, unikales, apokryphes Stück Film aus den seligen Achtzigern, dessen Wiederentdeckung (und, was noch schöner wäre, qualitativ adäquate Digitalisierung) einer Menge geneigter Cinephiler ganz gewiss große Freude bereitete. Bei der Betrachtung dieses völlig wahnwitzigen Stücks exaltierter Loslösung von allem Räsonablen musste ich mich jedenfalls permanent der sicheren Bodenhaftung versichern, so gänzlich abgefuckt ist diese Preziose. Bereits die oben abgerissene Synopse sollte einen kleinen Eindruck dessen vermitteln, was der vormalige Pornofilmer und Ex-Dressman Jean-Marie Pallardy, mutmaßlich entweder komplett vom wilden Affen gebissen oder ein heimliches Genie, da in geistiger Alleinarbeit vom Stapel gelassen hat. Mit offenbar vornehmlich türkischer Finanzierung drehte Pallardy seinen enzigartigen Exploiter am und um den Bosporus, wofür die ständige, penible Abfilmung der Hagia Sophia ebenso garantiert wie die Besetzung ausnahmslos sämtlicher bit parts mit schnauzbärtigen Repräsentanten der lokalen Laiendarstellergewerkschaft. Dazwischen tummeln sich der ebenso unablässig wie meist unpassend eingespielte „Titelsong“, Robert Ginty, der sich zu jener Zeit ja immer mal wieder Gast im internationalen Filmgeschäft blicken ließ, (der wie immer bestens aufgelegte) Fred „The Hammer“ Williamson, bis heute ebenfalls cineastischer Kosmopolit, der bereits über sechzigjährige Gordon Mitchell und die wohlgeformte, den schattigeren Seiten des Kinos ebenfalls stets zugeneigte Londonerin Belinda Mayne.
Nicht nur dieser illustren Besetzung wegen ist „Vivre Pour Survivre“ allerdings eine Schau; es gibt wohltemperierte, splattrige Gewaltspitzen, so unter anderem eine bereits legendäre Szene gleich im ersten Viertel, in der die wehrhaften Geschwister ihren Widersachern mit Kettensäge und Enterhaken zu Leibe rücken, Belinda Mayne bekam eine ausgiebige Nacktszene am Swimming-Pool und Olaf (Mitchell) nebst seinen henchmen erhielten ihre lustig ausschauenden Kostüme fraglos allesamt aus dem Verbleibsfundus deine der diversen italienischen „Star-Wars“-Rip-Offs.
Doch markiert all das noch nichteinmal der Gipfel der bereitwillig-ostentativ ausgestellten Absurdität; Pallardy entblödet sich nicht, eine unverhohlene Inzestromanze als emotionalen Hauptmotivator für den Aktionismus seines Protagonisten zu installieren. Daraus, dass Bo Donnelly seine Schwester weit über die familiäre Verbindung hinaus „werschätzt“, stellen sich spätestens angesichts o.a. Pool-Sequenz (Zitat Bos angesichts der von ihm geifernd bewunderten, entkleideten Figur Ingrids: „Warum musst du bloß meine Schwester sein?“) keinerlei Zweifel mehr ein und auch die bei „Vertigo“ entlehnte, morbide Ummodelung der später kennengelernten Olga, die sich willfährig in Ingrids Ebenbild verwandeln lässt und die darüberhinaus keinerlei Besorgnis hegt angesichts der Tatsache, dass Bo sie hernach noch viel geiler findet als vorher (was Pallardy wiederum ganz unumwunden darstellt) trägt dieser wenig subtil veräußerten Form der Paraphilie mehr denn hinreichend Rechnung. Die Einpflegung von Williamsons Figur in den ohnehin wirren Plot ist derweil ganz offensichtlich der bloßen Tatsache geschuldet, dass der Akteur eben just zur Verfügung stand und unter Vertrag genommen werden konnte.
Ein abschließendes Wort noch zur deutschen Veröffentlichungsphilologie: Das originär veröffentliche Videotape (Constantin) mit Münchener Synchronisation ist um satte 14 Minuten gekürzt. Zwei Jahre später erschien in der Schweiz (bzw. in Österreich, je nach Quelleninformation) eine ungekürzte Cassette mit Hamburger Synchronisation. Dieser Fassung ist ganz ohne Frage der Vorzug zu geben, denn jedes zusätzliche Frame Wahnsinn dieses Ausnahmewerks macht es umso kostbarer.

6/10

HIT LIST

„Where’s my kid?“

Hit List (Mörderischer Irrtum) ~ USA 1989
Directed By: William Lustig

Nachdem Frank DeSalvo (Leo Rossi), einer der vielen Handlanger des Mafiabosses Vic Luca (Rip Torn), nebst seinem Filius Joey (Felice Orlandi) dem FBI in die Hände gefallen ist, versteckt Agent Tom Mitchum (Charles Napier) Vater und Sohn in einem Vorstadt-Bungalow. Mitchums Ziel ist es, DeSalvo als Kronzeugen im just laufenden Prozess gegen Luca zu gewinnen, doch dieser weigert sich beharrlich zu „plaudern“. Luca ist derweil nicht untätig und lässt alle potenziellen Gefährder von seinem brutalen Hitman Caleek (Lance Henriksen) beseitigen. Auch Frank und Joey stehen auf Lucas Liste, doch Caleek sucht infolge eines dummen Zufalls die falsche Adresse auf: Er attackiert die Familie des gerade abwesenden Jack Collins (Jan-Michael Vincent), tötet dabei dessen besten Freund (Harold Sylvester) und entführt Collins‘ Sohn Kenny (Junior Richard). Mitchum bekommt Wind von der misslungenen Aktion und will Collins vorsorglich in Haft nehmen, doch dieser greift sich DeSalvo und spürt Kenny mit dessen Hilfe auf eigene Faust nach.

Leider ist William Lustigs (von zwei Pornos in den Siebzigern abgesehen) vierte Regiearbeit im Laufe der Jahre überaus unberechtigterweise zur Fußnote im Gesamtschaffen des sympathischen Filmemachers geworden. Bis heute gibt es kein offizielles digitales Home-Release von „Hit List“, dabei ist ja gerade Lustig bekannt dafür, auf diesem Sektor weit über sein eigenes Œuvre hinaus Pionierarbeit geleistet zu haben.
Die Gründe dafür mögen vielfältig sein – möglicherweise verfügt Lustig nicht über die Rechte an dem Film (er wurde weltweit von großen Majors verliehen), möglicherweise verbindet er auch einfach unerfreuliche Erinnerungen mit ihm. Im exzellenten Interview-Band „Dark Stars“ etwa lässt sich, zumal im Vergleich zu „Maniac“, merklich wenig von ihm über „Hit List“ entlocken, mit Ausnahme des Faktums, dass der ja unlängst verstorbene Jan-Michael Vincent zu jener Zeit höchst unzuverlässig gewesen und permanent sturzbetrunken gewesen sei. Zudem war der Film der erste, für den Lustig das vertraute Umfeld seiner vormaligen, geliebten Spielwiese New York verließ und an die Westküste tingelte und dort, unter Beschwerden über die Wetterlage, häufig von einer Limousine aus Regie führte. So oder so – alles Mutmaßungen.
Man muss jedenfalls ein wenig Aufwand betreiben, um eine ansehbare Version des Films zu erhalten, doch dieser zahlt sich umgehend aus: „Hit List“ ist ein rundum sympathischer filmischer Repräsentant seiner Entstehungszeit, dem man, auch wenn es diverse Animositäten gab (und zu geben scheint), selbige nicht anmerkt und der Lustig als auch in kommerzieller Hinsicht grundsätzlich durchaus tragfähigen Regisseur ausweist, dem der verdiente Erfolg leider nicht hold genug war. Gut, der einen nicht unbedingt einfallsreichen Hybriden aus Gangster- und Actionfilm präservierende Plot mag keine Originalitätsmedaille ergattern, aber dafür ist die Ausführung umso sauberer. Die vorzüglich besetzten Darsteller legen durchweg großen Enthusiasmus und Spielfreude an den Tag (gut, Vincent wirkt stellenweise tatsächlich etwas langsam, aber wer wirklich besoffene On-Screen-Auftritte sehen möchte, der sollte eher zu manchen Performances von Dino Martin oder Richard Burton tendieren), es gibt ein paar kernige Actionsequenzen (insbesondere natürlich die im Parkhaus, bei der Vincent und Rossi sich in mühevoller Kleinarbeit des unverwüstlich scheinenden Henriksen entledigen) und die offenkundige Sympathie des Scripts für den zu Beginn des Films als kriecherischen villain eingeführten, von Lustigs künftigem standard actor gespielten Kleingangster DeSalvo nimmt sich unerwartbar, dafür aber umso liebenswerter aus. Zudem überrascht das Finale, mit dem sich zuvor nicht unbedingt rechnen lässt.
Ein wirklich schöner Film, dem ich unbedingt noch eine gerechtere Zukunft wünschen möchte.

8/10

WOLF LAKE

„If  bullshit was music, you’d be a brass band.“

Wolf Lake (Amok-Jagd) ~ USA 1980
Directed By: Burt Kennedy

Kanada, 1976. Wie in jedem Spätsommer fährt der alternde Kriegsveteran Charlie (Rod Steiger) mit seinen drei Kumpels Wilbur (Jerry Hardin), George (Richard Herd) und Sweeney (Paul Mantee) zu einem entlegenen Chalet am Wolf Lake. Den neuen Hausmeister David (David Huffman) und dessen Freundin Linda (Robin Mattson) kennt Charlie allerdings noch nicht. Doch er hält sogleich wenig von dem bärtigen, jungen Mann, der hier in wilder Ehe fernab vom Schuss sein Auskommen macht. Als Charlie schließlich durch den neugierigen Wilbur, seit jeher sein Privatadlatus, erfährt, dass David ein flüchtiger Deserteur aus Oregon ist, entwickelt er einen unbändigen Hass auf ihn, zumal Charlies Sohn etwa im gleichen Alter wie David in Vietnam gefallen ist. Dass David zudem nur deshalb fahnenflüchtig wurde, weil er einst selbst in Südostasien miterleben musste, welche Gräuel die Army an der Zivilbevölkerung verübte, interessiert Charlie nicht. Er hetzt seine Freunde gegen David und Linda auf und es kommt zum offenen Kleinkrieg…

Puh, mit einem ganz schön harten Stück Knäckebrot läutete der doch eher für seine nicht unbedingt immer der Primärreihe zuzurechnenden Western und Westernkomödien bekannte Burt Kennedy die achtziger Jahre ein. Spürbar liebäugelnd mit dem kompromisslosen Terrorfilm der vorhergehenden Jahre, insbesondere mit Sam Peckinpahs „Straw Dogs“ und Peter Collinsons „Open Season“, dessen Schauplatz er zudem beinahe 1:1 übernimmt, entwirft Kennedy mit seinem in Mexiko gedrehten Spätwerk „Wolf Lake“ ein gleich von der ersten Minute an höchst unkomfortables Szenario, das sich vor dem vordergründigen Motiv des manhunt movie aus dem Generationskonflikt der stolzen Veteranen des Zweiten Weltkriegs und der national-sozialen Desillusionierung ihrer Vietnamnachwüchsler speist. Rod Steiger ist unglaublich gut hierin als verbitterter Offizier, der sein Wohl und Wehe dem US-Militär gewidmet hat und der spätestens seit dem (Kriegs-) Tode des eigenen Sohnes Staatsräson und Patriotismus nicht mehr auseinderhalten kann. Dem posttraumatisierten David schlägt somit Charlies ganzheitliche Verachtung entgegen und anstatt ihn und seine Gründe, Krieg und Tod den Rücken zu drehen, zumindest zu versuchen zu begreifen, wächst seine Aggression mit jeder Minute. Den Vollrausch seiner drei Miturlauber nutzt Charlie (dessen Name Kennedy offenbar ganz wohlweislich so gewählt hat) schließlich schamlos aus und treibt sie zur Gruppenvergewaltigung Lindas. Als der vorübergehend bewusstlos geschlagene David am nächsten Morgen erwacht und seine Freundin besudelt vorfindet, schießt er blind auf die Nachbarshütte und tötet dabei eher zufällig den im Weg stehenden Wilbur. Die von Charlie bewusst angestoßene Gewaltspirale schaukelt sich weiter hoch, bis es am Ende nurmehr einen, eher zufällig Überlebenden geben wird.
Der mir bislang völlig unbekannte „Wolf Lake“ genießt viele Qualitäten – er geriert sich als sehr rau konnotierter, filmischer Knüppel-aus-dem-Sack mitsamt Rape-&-Revenge-Bestandteilen und mag zudem als companion piece zu thematisch anverwandten Filmen seiner Zeit von „Rolling Thunder“ bis zu „The Exterminator“ gelten, in denen sich ja schlussendlich ebenfalls die psychisch zertrümmerte Heimkehrer-Generation Vietnam gegen das ihr zu Hause entgegenbrandende, allseitige Unverständnis der Gesellschaft aufzustehen und ihr jeweils mit einem finalen Akt entfesselter Gewalt zu begegnen gezwungen sieht. Kennedy inszeniert schmucklos und ohne die alte Hollywood-Grandezza, setzt berechtigtermaßen ebenso sehr auf sein fünfköpfiges Ensemble wie auf die Hermetik des Spielorts und kredenzt so erfolgreich seine intensive Eskalationsstudie. Zudem ist die (Münchener) Synchronfassung, zumal für ihren Status als Videopremieren-Vertonung, hier einmal wirklich ausnehmend gut gelungen.
Im Netz finden sich, abschließend erwähnt, widersprüchliche Angaben zum Entstehungs- und Uraufführungsjahr: Die ofdb und die englische Wikipedia listen 1978 [Release: 8. Februar 1978], die IMDB indes 1980 [Release (Mexiko): 8. Februar 1980]. Welche Quelle die authentische ist, lässt sich ohne Weiteres nicht verifizieren. Zudem soll es eine „Honor Guard“ betitelte, kürzere Alternativfassung mit anderem Ende geben, die auch im deutschen TV gelaufen sein muss, s. hier.
Ich für meinen Teil war mit der mir vorliegenden, sehr stimmigen Version rundum glücklich.

8/10