SANDOKAN, LA TIGRE DI MOMPRACEM

Zitat entfällt.

Sandokan, La Tigre Di Mompracem (Sandokan) ~ I/F/E 1963
Directed By: Umberto Lenzi

Malaysia im 19. Jahrhundert. Während die Briten ihre Kolonialherrschaft auf der Halbinsel mit eiserner Härte durchsetzen, schwelt unter den geknechteten Ureinwohnern das Verlangen nach Widerstand. Der ursprünglich aus adligem Hause stammende Pirat Sandokan (Steve Reeves) arbeitet mit wenigen engen Vertrauten und Guerilla-Methoden gegen die arroganten Eroberer, allen voran gegen den bösen Lord Guillonk (Leo Anchóriz), der droht, Sandokans Vater hinrichten zu lassen. Im Gegenzug entführt Sandokan Guillonks Nichte Mary Ann (Geneviève Grad), die sich bald in den stattlichen Malayen verliebt. Als Sandokan schließlich vom Tode seines Vaters erfährt, stellt er sich Guillonk.

Der Amerikaner Steve Reeves zählte zur Entstehungsperiode von „Sandokan, La Tigre Di Mompracem“, einem von mehreren Filmen, die Umbert Lenzi um diese Zeit im südostasiatischen Raum herstellte, zu den beliebtesten und kassenträchtigsten Stars in Europa. Nachdem ihm der ersehnte Erfolg in den Staaten verwehrt geblieben war, versuchte Reeves wie viele andere US-Schauspieler auch, sein Glück in Cinecittà, wo seine beeindruckende Bodybuilder-Physis und sein allgemein gutes Aussehen sich als hinlängliche Attribute erwiesen, um doch noch eine stattliche, wenn auch vergleichsweise kurzfristige Karriere hinzulegen. Während Reeves zunächst vornehmlich gewaltige Muskelhelden in Pepla spielte, also dem, was die Italiener in den fünfziger und sechziger Jahren in rauen Mengen als oftmals mit Fantasy-Elementen bestückte, vor antiker Kulisse spielende Sandalenfilme produzierten, ließ man ihn bald auch in anderen Abenteurerrollen auftreten, so eben als besonders mannhaften „Sandokan“, ursprünglich ein beliebter Romanheld aus der Feder des aus Verona stammenden Trivialliteraten Emilio Salgari. Die Abenteuer Sandokans, eines edlen, malayischen Rebellen im Widerstreit gegen die englischen Kolonialbesatzer, waren noch mehrfach Stoff für Verfilmungen, am populärsten im Rahmen einer von Sergio Sollima inszenierten TV-Mini-Serie aus den Siebzigern, die den Inder Kabir Bedi in der Titelrolle zum Star machte.
Lenzis Film, der noch eine direkte Fortsetzung nach sich zog, ist indes noch richtig pures Leinwandspektakel, breit, bunt und mit dem Anspruch, der übermächtigen Konkurrenz aus Übersee zu trotzen. Wie viel Budget der Produktion zur Verfügung stand, weiß ich nicht, aber zumindest das doch recht hohe Statistenkontingent, die hübschen Kostüme und Interieurs, bezeugen eine Zeit im italienischen Kino, in der noch Geld im Fluss war. So naiv und verspielt „Sandokan“ sich auch ausnehmen mag, es macht viel Freude, ihm beizuwohnen. Alles wirkt auf eine beinahe erhabene Weise von klassizistischem Abenteuer und veritablem Edelmut beseelt, Eindrücke also, die ein Film wie dieser ganz gezielt zu hinterlassen beabsichtigt. Insofern ist die entsprechende Mission absolut geglückt. Fein!

8/10

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SKY RIDERS

„Freedom is expensive, Carl. You oughtta know that.“

Sky Riders (Auf der Fährte des Adlers) ~ USA 1976
Directed By: Douglas Hickox

Ellen (Susannah York), die Frau, sowie die beiden Kinder (Simon Harrison, Stephany Mathhews) des US-Magnaten Jonas Bracken (Robert Culp) werden aus dessen Villa bei Athen entführt. Die Urheber, eine antiimperialistische Terrorgruppe, fordern von Bracken ein Millionenkontigent an Waffen für ihre revolutionäre Sache. Während der ermittelnde Inspektor Nikolidis (Charles Aznavour) den Ganoven unbedingt mit großem Getöse den Garaus machen will, geht Ellens sich einschaltender Ex-Mann, der Abenteurer Jim McCabe (James Coburn), die Sache sehr viel subtiler an: da die Entführer sich in einem Bergkloster verstecken, hat McCabe die Idee, sie mithilfe von Drachengleitern zu infiltrieren…

Es erfordert schon eine verdammt hohe Menge an good will, wenn man „Sky Riders“ seine kunterbunte Kriminalgeschichte, die eigentlich nur dazu dient, Drachenflieger bei waghalsigen Manövern zun zeigen, abnehmen möchte. Im Prinzip ist der gesamte Kidnapping-Plot ein einziger, großer MacGuffin, um überhaupt ein mageres Handlungsgerüst auf die Beine stellen zu können. Vielmehr sollte man sich an dem hübschen Schauplatz Griechenlands erfreuen (Meteora, die Berglandschaft mit dem hochgelegenen Kloster, in dem sich der ein Drittel der Spielzeit ausmachende Showdown abspielt, diente ein paar Jahre später auch als Finalkulisse für den Bond-Film „For Your Eyes Only“) sowie der illustren Besetzung. Obwohl ich den gern so breit grinsenden Coburn sehr liebe, ist „Sky Riders“ abermals ein Beweis dafür, warum er es, anders als etwa seine früheren „Magnificent Seven“-Mitstreiter Charles Bronson und Steve McQueen, oder auch der ebenfalls jener Schauspieler-Generation entstammende Clint Eastwood, nie zu einem wirklich führenden Actionstar gebracht hat: Coburns Rollenwahl war häufig unglücklich, wenn es um eine Ikonisierung seiner Darsteller-Persona ging; er selbst war – mit Ausnahme seiner beiden Peckinpah-Parts vielleicht – eigentlich stets deutlich prägnanter als seine Filme und deren Regisseure.
„Sky Riders“ ist ein zumindest rein technisch betrachtet versiertes, kleines Stück Siebziger-Actionkino, dessen reichlich bizarres Figurenpotpourri seinen „Höhepunkt“ im Engagement der Drachenfliegertruppe unter John Beck erlebt, die sich von einer lustigen Kunstfliegertruppe urplötzlich in ein beinhartes Kommandounternehmen verwandelt. Over all schon reichlich merkwürdig, das alles, aber auch hübsch kurzweilig.

6/10

BLACK PANTHER

„It’s hard for a good man to be a king.“

Black Panther ~ USA 2018
Directed By: Ryan Coogler

Nachdem T’Challa (Chadwick Boseman), der mit der Nachfolge seines Vaters T’Chaka (John Kani) nicht nur die Königswürde über den westafrikanischen Staat Wakanda, sondern zudem auch den Status als dessen Beschützer Black Panther übernommen hat, sieht er sich sogleich einer ersten, großen Herausforderung gegenüber: Sein in Amerika aufgewachsener Cousin Erik Killmonger (Michael B. Jordan), dessen Vater N’Jobu (Sterling K. Brown) einst einen antirassistischen Guerillakrieg vom Stapel lassen wollte, will das Erbe seines damals von T’Chaka aufgehaltenen, alten Herrn antreten, T’Challa vom Thron stoßen und mithilfe der gewaltigen Vibranium-Vorkommen im Land einen globalen Krieg gegen die weiße Vorherrschaft anzetteln. Nach einem ersten Duellsieg über T’Challa sieht es beinahe so aus, als gelänge Killmonger sein Vorhaben…

Über vierzig Jahre, nachdem das black consciousness seine Spuren in Form mehrerer Superhelden bereits in den Comics hinterließ, holt das MCU jene Figuren nun auch auf Mattscheibe und Leinwand. Nach Luke Cage, ehedem noch „Power Man“ genannt, der bereits seit der ersten „Jessica Jones“-Season fester Bestandteil der Netflix-Serien-Abteilung ist, erhält nun also auch Black Panther, originär afrikanischer Held, der erstmals als Nebencharakter in „Captain America: Civil War“ zu sehen war,  seinen großen Kinoauftritt. Cooglers Film wurde ein unerwartet großer Box-Office-Hit, was ihm jedoch sehr zu gönnen ist. „Black Panther“ erweitert und öffnet das MCU in einige neue Richtungen; nicht nur regional, sondern auch im Hinblick auf Mentalitätsvielfalt und Figurenzeichnung. Es dürfte sich bis dato wohl um den „märchenhaftesten“ aller Marvel-Filmbeiträge handeln und damit zugleich auch um den familiengerechtesten. Ob die unübersehbaren Einflüsse typisch-klischierter Hollywood-Afrika-Folklore aus bereits klassischen Erzählrahmen wie „Coming To America“ oder „The Lion King“ mit der Übernahme der Marvel Studios durch den Disney-Konzern zusammenhängen, kann Zufall sein oder auch nicht. Wie ich gelesen habe, kreiden diverse Kritiker diese Naivität dem Film als campig und teils sogar unbesonnen an; er sei eine wohlkalkulierte Blockbuster-Antwort auf die neu aufgeflammten Gleichberechtigungsbestrebungen der letzten Jahre und damit verlogen und vermeidbar.
Ich finde solche Stimmen recht bedenklich. Hier werden in einem betont fiktionalen Erzählkosmos im Prinzip die gleichen Schritte nachvollzogen, wie sie auch im Vorbildmedium getan wurden. Dagegen ist nichts zu haben. „Black Panther“ präserviert einen coolen Helden, der Stolz, Würde und Identitätsfestigkeit transportiert, von denen angreifbare Charaktere wie Tony Stark oder Bruce Banner bestenfalls träumen können. T’Challa ist eben Aristokrat, kein Sprücheklopfer oder Possenreißer. Diesen Part übernimmt seine vorlaute kleine Schwester Shuri (zuweilen ein wenig enervierend: Letitia Wright), die dem Panther aufgrund ihrer naseweisen Cleverness dann auch gleich mal das gesamte, ausgeklügelte technische Equipment liefert. Ein wenig James Bond fließt gleich auch noch mit hinein, wenn der T’Challa in der ersten Filmhälfte einen farbenfrohen Ausflug nach Busan unternimmt, um sich dort den schurkischen, einarmigen Waffenhändler Ulysses Klaue (herrlich überdreht und leider allzu früh aus dem MCU getilgt: Andy Serkis, mal ohne Motion-Capture-Anzug) ins Netz zu holen, actionreiche Autoverfolgungsjagd inbegriffen.
An den CGI hätte man hier und da gewiss noch etwas feilen können; Gimmicks wie die hochtechnisierten Gleiter und die gepanzerten Streit-Nashörner meint man an anderer Stelle schon eleganter getrickst gesehen zu haben. Dies bleibt jedoch Makulatur und schadet dem Gesamteindruck wenig bis gar nicht: „Black Panther“ ist – schon wieder – ein bestens aufgelegter, schöner, vitaler Superheldenfilm mit dem Herzen am rechten Fleck.

8/10

BLADE RUNNER 2049

„Things were simpler then.“

Blade Runner 2049 ~ USA/UK/CAN/HU 2017
Directed By: Denis Villeneuve

Los Angeles, 2049. Dreißig Jahre, nachdem Rick Deckard (Harrison Ford) und die Replikantin Rachael verschwunden sind, stößt der Blade Runner K (Ryan Gosling), selbst ein Replikant der neueren Bauart „Nexus 9“, nach der Stilllegung eines seiner flüchtigen Artgenossen (Dave Bautista), die sich als Renegaten selbstständig gemacht haben und verstecken, auf ein Grab, in dem sich die Überreste einer Replikantin befinden, die offenbar während einer Niederkunft gestorben ist. Der hochbrisante Fund, der beweist, dass die künstlichen Wesen zur Fortpflanzung fähig sind, unterliegt einerseits strengster Geheimhaltung – K erhält den Auftrag, sämtliche mögliche Mitwisser ebenfalls in den Ruhestand zu versetzen – und erregt andererseits das Interesse des Großindustriellen Niander Wallace (Jared Leto), der die frühere Tyrell Corporation übernommen hat und nunmehr führender Magnat auf dem Konstruktionssektor künstlicher Intelligenz ist. Wallace will unbedingt herausbekommen, welcher auslösende Faktor für die Fruchtbarkeit der Replikantin, bei der es sich um Rachael handelte, verantwortlich ist und wo sich ihres und Deckards Kind mittlerweile erwachsenes Kind befindet. Er lässt sowohl K als auch Deckard, den K sucht und schließlich im verlassenen Las Vegas ausfindig macht, jagen.

Tja. Der großen Euphorie, die „Blade Runner 2049“ bei seiner Kinopremiere empfing, kann und mag ich micht nicht recht eingemeinden, letzlich aus primär subjektiven, stark emotional gefärbten Gründen, wie ich anschließen möchte. Vermutlich stellt Dennis Villeneuves Film die bestmögliche aller denkbaren Alternativen dar, nachdem man sich der zwangsläufigen Hypothese widmet, wie ein etwaiges Sequel, so man sich denn mit der Idee arrangiert, dass ein solches überhaupt eine Existenzberechtigung erhält, sonst noch ausgefallen sein könnte. Ich gelange im Zuge aller diesbezüglichen Überlegungen jedoch immer wieder in dieselbe gedankliche Sackgasse, die mich starken Zweifeln eben genau darüber aussetzt, ob eine Fortsetzung überhaupt nötig war und ist.
„Blade Runner“ ist für mich (ausschließlich eigenbiographisch betrachtet) das möglicherweise wichtigste Exponant der Siebenten Kunst überhaupt. In einigen der vulnerabelsten und sensibelsten Phasen meines Lebens hat Ridley Scotts unglaublich reichhaltiger Film mir elementare Antworten beschert und meiner Liebe zum Medium Film den unerschütterlichsten aller Sockel gegossen. Vielleicht gab es sogar Zeiten, in denen er mich buchstäblich gerettet hat. Wenn ich an meine Phase zwischen dem dreizehnten und zwanzigsten Lebensjahr zurückdenke, was grob der Spanne zwischen 1989 und 1996 entspricht, denke ich an viele wichtige charakteristische Ereignisse, unter denen die immer wieder erfolgenden, regelmäßigen Betrachtungen dieses Films auf den oberen Plätzen rangiert. Ich muss „Blade Runner“ damals gewiss um die fünfzig Male (oder öfter?) gesehen haben, in den unterschiedlichsten emotionalen, psychischen und Bewusstseinszuständen und habe ihn dabei so sehr durchdrungen und internalisiert, wie das bei und mit einem Film wohl überhaupt nur möglich ist.
Soviel zu der Frage, auf welchen Nährboden eine Fortsetzung in meinem Herzen und meinem Verstand stößt. Jener Nährboden ist über die Jahre kultiviert, beackert, zerfurcht wurden, hier und da zur Brache verödet, aber immer wieder zu neuer Blüte erwacht. „Blade Runner 2049“ hat insofern den ersten, nebligen Effekt auf mich, als versuchte jemand, mir den urplötzlich aufgetauchten Bruder eines immens wichtigen, alten, liebgewonnenen Freundes als gleichwertig vorzustellen und zu sagen: „Bitte, der ist jetzt da, finde ihn toll. Du kennst ihn zwar nicht, aber er kann und weiß alles, was dein Kumpel kann und weiß, ist aber viel jünger, jovialer und total selbstbewusst.“ Am Ende, nach einer gemeinsamen Kneipentour vielleicht, fand ich den Burschen eigentlich nicht mal unsympathisch, aber brüderliche Liebe? Von jetzt auf gleich noch dazu? Niemals.
Villeneuve spinnt also das originäre „Blade Runner“-Universum fort. Nicht das von Dick, sondern das von Scott, dezidiert das Kino-Universum. In der filmischen Realität ist etwas weniger Zeit vergangen als in der unsrigen, tatsächlichen, nämlich nur dreißig statt fünfunddreißig Jahren. L.A. ist noch immer ein gewaltiger, urbaner Moloch, mittlerweile so extrem vom Smog durchdrungen wie eine chinesische Großstadt bereits heute, dröhnen die Häuserschluchten nach wie vor vom cityspeak wieder. Die neueren Replikanten teilen sich ihren Status als künstlich intelligente, lebensechte Kreaturen mit holographischen Freunden und HausgenossInnen, die mögliche Einsamkeit kompensieren. Auch K gehört zu jener jüngeren Androidengeneration, die um ihre existzenziellen Wurzeln wissen und sich kritiklos mit ihnen abfinden können, um Rebellionen, wie es sie früher immer mal wieder unter ihren unzufriedenen Vorgängermodellen gab, vorzubeugen. K weiß, dass seine Kindheitserinnerungen artifizieller Natur sind. Sein Ich-Bild gerät zwar zwischenzeitlich zunehmend ins Wanken, rekonfiguriert sich jedoch nach der bitteren Desillusionierung, dass er doch nicht „mehr“ ist, als er kurzfristig zu sein glaubt.
Dennoch steht wie damals der große, philosophische Diskurs im Zentrum, was Menschlichkeit überhaupt ausmacht und ob sie sich zuverlässig definieren lässt. Die Antwort, die Villeneuves Film liefert, ist dabei sehr viel eindeutiger als damals die bei Scott. In einem Interview gab Villeneuve zum Besten, er „liebe Geheimnisse“. Dem trägt er dadurch Rechnung, dass die Frage nach Deckards Identität weiterhin unbeantwortet bleibt. Replikanten gibt es mittlerweile nämlich in den unterschiedlichsten Variationen. Manche, die mittlerweile als Fehlschlag kategorisiert sind und nach wie vor gejagt werden (warum K nebenbei nicht arbeitslos ist), haben eine unbeschränkte Lebensdauer, andere, wie K, sind zumindest augenscheinlich im Hinblick auf ihre reine Funktionalität hin, optimiert und problemlos, indem sie weder sich selbst, noch ihre Entstehung hinterfragen.
„How can it not know what it is?“ fragte Deckard den alten Tyrell einst, nachdem er die sich menschlich glaubende Rachael dem Voight-Kampff-Test unterzogen hatte und feststellte, dass sie künstlich sein muss. So tief geht „Blade Runner 2049“ nicht mehr. Die Revolte gegen ihre gottgleichen, menschlichen Schöpfer pflegt eine kleine Replikanten-Gruppe unter der geheimnisvollen Freysa (Hiam Abass), nun organisiert und aus dem Untergrund heraus. Eine vergleichsweise lose, inhaltliche Volte, die vornehmlich dazu dient, K, der mit Goslings schiefem Dackelblick immer konsequenter zum Humandasein schielt, gegen Ende doch noch den Boden unter der Füßen wegzuziehen. Ihm bleibt dann nur noch die überfällige Familienzusammenführung, bevor er zu Vangelis‘ Partitur (die jetzt von Hans Zimmer und Bejamin Wallfisch aufbereitet wird), im Schnee sitzt und (vermutlich) ausgeht, in den Ruhestand versetzt wird, sprich. Time to die. Again. Ob ich das sonderlich originell finden möchte, wie so viele andere Elemente, die Villeneuve siegesgewiss als genau das – nämlich originell – veräußert, kann ich noch immer nicht recht sagen.
„Blade Runner 2049“ ist gewiss kein schlechter Film. Er ist immer noch hinreichend visionär und von etlichen Meistern ihres Fachs in streckenweise gewiss bravourösem Zusammenspiel kreiert worden. Er macht seinem Vorbild keine Schande und erweist ihm seine Ehrerbietung, so gut es ihm möglich ist. Der göttliche Funke jedoch, jener manchmal winzig kleine Sprenkler, der schlussendlich veritables Genie vom zuverlässigen Gesellenstück abhebt, der fehlt.

8/10

STAR WARS: THE LAST JEDI

„You are no Vader. You are just a child in a mask.“

Star Wars: The Last Jedi (Star Wars: Die letzten Jedi) ~ USA 2017
Directed By: Rian Johnson

Während die junge Rey (Daisy Ridley) und Chewbacca (Joonas Suotamo) Luke Skywalker (Mark Hamill) auf Ahch-To ausfindig gemacht haben und frustriert feststellen müssen, dass der letzte aller Jedi-Meister längst nichts mehr von den intergalaktischen Geschicken wissen, sondern eigentlich bloß noch in Ruhe sterben will, haben die Rebellenkämpfer Finn (John Boyega) und Poe Dameron (Oscar Isaac) ganz andere Probleme. Nur ein Hyperraum-Sprung rettet sie vor dem Zugriff der Neuen Ordnung, doch die Finsterlinge bleiben ihnen auch danach noch dicht auf den Fersen. Es gilt, ein Peilgerät an Bord des Sternenzerstörers von General Hux (Domhnall Gleeson) zu deaktivieren, was wiederum nur mithilfe eines speziellen Codeknackers möglich ist Finn und die tapfere Wartungsarbeiterin Rose (Kelly Marie Tran) begeben sich in die Casino-Stadt Canto Bight, um den Gesuchten anzuheuern. Sie müssen sich jedoch mit dem zwielichtigen DJ (Benicio Del Toro) begnügen, der ihnen aus vvorübergehender Gefangenschaft hilft. Unterdessen kehrt Rey allein zur Flotte zurück und stellt sich Kylo Ren (Adam Driver), in dem sie noch Reste des Guten vermutet. Doch weit gefehlt: Der machtbesessene Nachwuchs-Sith schickt sich nach seiner finalen Machtübernahme über die Neue Ordnung  an, den letzten Zufluchtsort der Rebellen auf dem Planeten Crait dem Erdboden gleichzumachen. Mit Einem rechnet er jedoch nicht…

Geschlossener und deutlich selbstvertrauter wirkend als „Episode VII“ kommt der von Rian Johnson inszenierte „The Last Jedi“ daher, der seinerseits zwar  noch immer nicht ganz ohne Recycling-Elemente der Ur-Trilogie auskommt, dessen Gesamtstruktur jedoch längst nicht mehr so an bedingungsloser Wiederverwertung interessiert ist wie der unmittelbare Vorgänger. Ingredienzien wie die an Bespin erinnernde Spielerstadt Canto Bight, das Exil des mittlerweile knarzigen, gealterten Luke Skywalker, das von der jungen Rey (girl power!) aufgesucht wird wie dereinst Dagobah und Yoda von Luke selbst und Poe Dameron als subordinationsrenitenter Han-Solo-Ersatz, das sind zwar unmisverständliche Anklänge an „The Empire Strike Back“, ein verklausuliertes Remake haben wir diesmal jedoch nicht. Die Aufsplittung der Narration zu mehreren verschiedenen Schauplätzen sorgt für gleichmäßiges Tempo und Spannung, liebenswerte neue Kreaturschöpfungen  und Schwenks zu alten Vertrauten wie etwa Yoda (Frank Oz), der in einem verblüffend gelungenen, schönen Auftritt aus dem Jenseits vorbeischaut, erzeugen die notwendigen, kleinen Gänsehautmomente. Die Raumschlachten und Duelle sind laut, dynamisch choreographiert und eine Augenweide zumindest für solchem Zugeneigte. Es gelingt „Episode VII“ sehr viel überzeugender als zuletzt, Brückenschläge zwischen der klassischen und der neuen Saga zu schaffen und den jungen Nachwuchs-Charakteren Profil zu verleihen, ohne die alten zu vernachlässigen oder gar zu denunzieren. Nach Harrison Ford darf sich nun auch Mark Hamill heldenhaft aus dem SW-Universum verabschieden, wobei ich sicher bin, dass zumindest seine jenseitige Aura sich mindestens einen Gastbesuch zu kommenden Gelegenheiten nicht wird nehmen lassen. Bleibt die berechtigte, große Frage, wie man ausgerechnet dem realen Ableben Carrie Fishers im nächsten Film Rechnung tragen wird und welche dramaturgische Bedeutung speziell der letzten Sequenz zukommt, in der ein kleiner Stalljunge aus Canto Bight binnen weniger Minuten noch flott zum Jedi-Nachfolger und damit kurzerhand zum Hoffnungsträger aufgebaut wird.
Alles in allem nach dem geflissentlich durchhängenden, etwas ideenarmen Vorgänger endlich wieder ein schönes, beseeltes SW-Abenteuer, das seinem Franchise vorbehaltlos Ehre erweist und gewiss viele alte wie neue Freunde zu begeistern wissen wird

9/10

THE RANSOM

„What tribe do you belong to?“

The Ransom (Stadt in Angst) ~ USA 1977
Directed By: Richard Compton

Ein einsamer Erpresser (Paul Koslo) verkleidet sich als Indianer und erschießt mit einem High-Tech-Bogen Bürger einer Kleinstadt in Arizona. Damit will er auf die Enteignungspraktiken der hiesigen Banker und Unternehmer aufmerksam machen, jedoch auch hübsch eigennützig eine ordentliche Erpressungssumme einstreichen. Der reiche Grundbesitzer Whitaker (Stuart Whitman) lässt daraufhin den Söldner Nick McCormick (Oliver Reed) aus England einfliegen, um sich der Sache anzunehmen. Gemeinsam mit dem ortskundigen Rumtreiber Tracker (James Mitchum) versucht er, den Attentäter dingfest zu machen.

„The Ransom“, Richard Comptons vorletzter von sieben Filmen, bevor er dann auschließlich noch einzelne Episoden für TV-Serials anfertigte, ist dermaßen quasimodoesk verwachsen und verbaut, dass man all seine rezeptorische Kraft aufwänden muss, Stringenz, Struktur, oder auch nur das geringste bisschen Kausalität im Zelluloidwust zu erkennen. Ihre unbedingte Fernsehaffinität lässt Comptons Inszenierung trotz formaler Extravaganzen wie dem Einsatz des Scope-Formats oder hier und da bemühtem Weichzeichner bereits bestens durchschimmern, denn als Pilotfilm für ein am Ende nie existentes Serienformat hätte „The Ransom“ wenigstens etwas mehr Sinnstiftung beinhaltet. Sicher, irgendwo hinter (oder unter) dem ganzen, grotesken Blödsinn schlummert tatsächlich so etwas wie ein Plotskelett, – eine Synopse habe ich zum Beweis ja oben zustande gebracht -, nur, dass sich für den niemand bei Verstand interessiert. Illuster mit abgetakelten Ex-Stars besetzt, die ihr Alters- oder Alkoholiker-Auskommen in jenen Zeiten vor allem in Europa an Land zogen, lässt sich immerhin ein gefälliges Hallo vom Stapel, ansonsten bleibt aber alles vollkommen dull und egal. Am Lustigsten ist da noch, mit welcher Anti-Anstrengung Oliver Reed sich die ebenfalls am Wüstenset befindliche Deborah Raffin (die erstaunlicherweise genau dieselbe bescheuerte Riesenbrille trägt wie neun Jahre später in „Death Wish 3“) als Reporterin an Land und unmittelbar danach ins Bett zieht. Der Versuch, denn erotisch erfolgreichen McCormick auch in allen sonstigen Belangen zum glaubwürdigen Tausendsassa oder möglichen Serienhelden aufzuplustern, geht dann völlig in die Hose, zumal Reed sehr viel desinteressierter kaum hätte aufspielen mögen.
„The Ransom“, auch „Assault On Paradise“ oder „Maniac!… A Killer“ betitelt, eignet sich schlussendlich weniger als befriedigende Abendfüllung, denn vor allem als Hypnotikum, dem man sich ganz entspannt mit halb heruntergezogenen Jalousien ausliefern kann, bis einem irgendwann der Sabber vom Kinn tropft. Man kann es aber auch ebensogut bleiben lassen – Cinephilius, der alte Schutzpatron des Kinos, wird’s einem wohl vergelten.

3/10

INDEPENDENCE DAY: RESURGENCE

„Time to kick some serious alien ass.“

Independence Day: Resurgence (Independence Day – Wiederkehr) ~ USA 2016
Directed By: Roland Emmerich

Zwanzig Jahre nach dem katastrophalen Alien-Überfall hat die Welt sich nicht nur weitgehend erholt, sondern zudem die eigene Technologie mit der Außerirdischen angereichert. Mit deren Hilfe gelang es zudem, weiter in den Weltraum vorzustoßen. Just zum Jahrestag der Invasion erscheint dann ein fremdes, rundes Objekt im All, das vorsorglich, aber leider auch vorschnell abgeschossen wird. Dabei handelt es sich um den Abgesandten einer interstellaren Rebellenarmee, die die Menschheit vor dem nächsten Sturm der bereits bekannten Extraterrestrier warnen will. Da rauscht schon ein gewaltiges Schlachtschiff heran, auf dem sich diesmal eine Alien-Königin befindet, die den zweiten Angriff gegen die Erde höchstpersönlich anführt. Für David Levinson (Jeff Goldblum), den seit damals in psychiatrischer Verwahrung befindlichen Ex-Präsidenten Whitmore (Bill Pullman), der nach wie vor mentalen Kontakt zu den Fremden hat, den aus dem Koma erwachten Dr. Okun (Brent Spiner), Captain Hillers Sohn Dylan (Jessie T. Usher) und dessen Pilotenkumpel Jake Morrison (Liam Hemsworth) heißt es daher aufs Neue: Alienärsche treten.

Den ganz großen, gigantomanischen Irrsinn des Vorgängers kann „Independence Day: Resurgence“ in Zeiten, in denen Superhelden- und Effektkino Alltagsgeschehen sind, nicht mehr präservieren. Emmerich und Adlatus Dean Devlin, unterdessen zu alten, gewohnheitsmäßig umtriebigen Hasen im bombastischen Zerstörungs- und Katastrophen-Segment avanciert, wissen das ganz genau und brechen ihre neuerliche Invasions-Nabelschau auf ein kontenztrierteres Filtrat herunter, das sich vornehmlich aus breit angelegten Luft- und Raumkampfszenarien und einigen wenigen Plot-Füllseln, die offenkundig vor allem dazu dienen, den Stoff zum künftigen Franchise auszuweiten, zusammen setzen. Wie die Xenomorphe aus der „Alien“-Reihe erweisen sich die allermeisten All-Monster als Drohnen, die ihre Chefin bzw. Königin, die zehnfach größer in punkto Gestalt und Kampferprobtheit ist, umschwirren und mit ihr stehen und fallen. So wird „Resurgence“ gegen Ende noch flugs zum waschechten Monsterfilm, wenn es gilt, das durch die Wüste von Nevada flitzenden Tentakel-Ungetüm zu Fall zu bringen. Mir hat’s gefallen.
Dass Will Smith, im Original bereits Nervenstrapazierer über Gebühr, nicht mehr dabei ist, schadet dem Film überhaupt nicht; Herz und Zentrale auf dem schauspielerischen Sektor bilden ohnehin erneut der gewohnt lakonische Goldblum und der herzliche Judd Hirsch, von denen Emmerich stolz sein kann, sie zum wiederholten Auftritt überzeugt zu haben. Robert Loggia darf immerhin zweimal kurz in die Kamera linsen. Obendrauf gibt es als (komplett austauschbares und profilloses) Pseudo-Identifikationspersonal für Teens und Twens den Nachwuchs Hemsworth, Usher und Maika Monroe als Whitmores wehrhafte Tochter Patricia sowie William Fichtner als Präsidentennachwuchs, dem diesmal die (hübsch kurz geratene) Pathos-Rhetorik zur letzten Schlacht vorbehalten ist. Ob man mit weiteren „Indepence Day“-Beiträgen rechnen kann, wird sich wohl in Kürze zeigen; zumindest die Sterne stehen der Storyline ja jetzt ganz weit offen. Nach diesem dem Erstling summa summarum ebenbürtigen Sequel wäre ich wohl sogarbis auf Weiteres dabei.

5/10