THE LEGEND OF TARZAN

„No man ever started with less.“

The Legend Of Tarzan ~ USA/UK/CAN 2016
Directed By: David Yates

Die Kongo-Konferenz in den 1880ern sichert dem belgischen König Leopold II. gewaltige Befugnisse in der afrikanischen Kolonie zu, doch bereits gegen Ende des Jahrzehnts droht dem Monarchen der Bankrott. Um in den Besitz eines sagenhaften Diamentenschatzes zu kommen, stellt Leopold durch Leon Rom (Christoph Waltz), seinen Agenten vor Ort, dem Eingeborenenkönig Mbonga (Djimon Hounsou) die Übergabe seines alten Erzfeindes Tarzan (Alexander Skarsgård) in Aussicht, der seit mittlerweile acht Jahren als John Clayton, Lord von Greystoke in England die Privilegien seiner adligen Herkunft genießt. Unter einem Vorwand versuchen die Belgier, ihn zurück nach Afrika locken. Doch der clevere US-Diplomat George Washington Williams (Samuel L. Jackson), ein flammender Gegner der Sklaverei, riecht den Braten und überredet Clayton, vor Ort gegen die Umtriebe der Besatzer Widerstand zu leisten. Gemeinsam mit seinen früheren Verbündeten, Menschen und Tieren, ziehen Tarzan und Williams in den Kampf gegen Leopolds Armee, die Force Publique…

Ich bin stets sehr fasziniert gewesen von dem ganzen mythologischen Überbau, den die Tarzan-Saga seit ihren Wurzeln in der Pulp-Literatur vor rund 105 Jahren hinzugewann, der Wandlung der Figur in Film und Comic-Strips und nicht zuletzt den ungezählten Epigonen und Plagiaten. Dabei haben mir die populäreren Filme, vor allem die zwölfteilige Reihe mit Johnny Weissmuller, von dem dann Lex Barker übernahm; die höchst eigenwillige Interpretation von John Derek und schließlich Hugh Hudsons leider oft missverstandener, existenzialistischer Ansatz immer besonders gut gefallen, weil sie alle mir seit meiner – teils frühen – Kindheit sozusagen in Fleisch und Blut übergegangen sind. Den Animationsfilm von vor drei Jahren habe ich mir wohlweislich erspart, wie ich rückblickend auch mit Yates‘ Interpretation hätte verfahren sollen. Das Ding geht nämlich mit Volldampf in die Binsen. So ziemlich alles, was am jüngeren Blockbusterkino als generisch und langweilig verurteilt wird, findet sich hier mit der Akkuratesse einer Checkliste abgearbeitet. Von der eigenwilligen Magie der Ur-Geschichte, einem fabulierfreudigen, in bislang unentdeckte, wildwuchernde Teile des afrikanischen Dschungels führenden Kolonialmythos, bleibt nichts mehr. Alexander Skarsgårds Tarzan ist ein ausgehöhlter, nur physisch schöner Heros, der mit selbstreflexiver Sicherheit um seine eigene Bedeutung als Popikone weiß und sich damit das Wasser der Glaubwürdigkeit innerhalb der Fabel vollständig abgräbt. Samuel L. Jackson – man muss ja mittlerweile für jeden Multiplexaufwasch dankbar sein, der ihn auch mal unauffällig ausspart – macht es sich gewohnt einfach: er transponiert seinen Nick Fury aus dem MCU kurzerhand in die viktorianische Ära, um einem historischeren Superhelden als den gewohnten Unterstützung zu leisten. Und der Waltz, der spult eben sein gewohntes, aber wie ich finde immer noch ansehnliches Bösewichtsrepertoire herunter. Andere langweilt er ja mittlerweile auch bloß noch. Margot Robbie indes führt die vermutlich egalste Jane vor, die es bisher im Kino zu sehen gab.
Was „The Legend Of Tarzan“ aber endgültig und mit aller Gewalt das Genick bricht, ist der umfassende CGI-Einsatz, der den gesamten Film zu einem unsäglichen, aseptischen Plastikabenteuer degradiert. Die Tiere, die Steppenlandschaften und selbst der Dschungel sind samt und sonders unecht und kommen aus dem Rechner und das Schlimmste: man sieht das zu jeder Sekunde. Wo früher noch phantasiebegabte Set-Dekorateure und Matte-Painter die Illusion tollkühner Lianenschwingerei zu erzeugen wussten, bleibt heute nurmehr die Klebrigkeit einer industriell gefertigten Fabriksüßspeise mit garantiert künstlicher Geschmacksrichtung. Dem gesamten Projekt gerät jede Leidenschaft abhanden; und selbst die eigentlich hübsche Phantastik-Idee, bösen Imperialisten mit einer Horde Seite an Seite mit Löwen und Krokodilen in den Kampf ziehenden Gnus zu Leibe zu rücken und diese nicht nur von der afrikanischen Küste hinfort, sondern gleich zurück bis nach Westeuropa zu jagen, rettet am Ende nichts mehr. Zwar bleibt die Versicherung, dass der Zauber des schwarzen Kontinents im Bedarfsfall auch die Fruchtbarkeit nährt, bloß führt sich jenes Vitalitätsversprechen angesichts des ihm zugrunde liegenden Films böse ad absurdum. Wo nichts ist, kann nichts wachsen.  

3/10

KING SOLOMON’S MINES

„Well, I hope the lady enjoyed it!“

King Solomon’s Mines (König Salomons Diamanten) ~ USA 1950
Directed By: Andrew Marton/Compton Bennett

Ostafrika gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Der englische Jäger und Safariführer Allan Quatermain (Stewart Granger) ist der Hochmut und Arroganz seiner reichen weißen Kundschaft überdrüssig und plant, zurück in die alte Heimat zu gehen. Da erreicht ihn das Angebot der reichen Landsmännin Elizabeth Curtis (Deborah Kerr): Diese will gemeinsam mit ihrem Bruder John Goode (Richard Carlson) ihrem Ehemann Henry nachspüren, der, wie es heißt, auf der Suche nach einem sagenhaften Schatz  verschollen ist. Der gebietskundige Quatermain soll sie führen. Nur höchst widerwillig und wegen der gehörigen Belohnung nimmt dieser den Auftrag an. Die Expedition führt die Gruppe durch die finstersten und selbst noch unerforschte Winkel der Wildnis, wobei Quatermain stets hofft, Elizabeth gäbe frühzeitig auf. Schließlich erreichen sie ein von einem mysteriösen Eingeborenenstamm bevölkertes, fruchtbares Tal, das Aufschluss über Curtis‘ Verbleib geben soll.

Die dritte von insgesamt acht Verfilmungen des gleichnamigen, berühmten viktorianischen Abenteuerromans von Henry Rider Haggard, der dem ohnehin formidabel besetzten Legendenschatz seiner Ära mit der Figur des Abenteurers Allan Quatermain einen weiteren populären Helden hinzuzusetzen vermochte. Über die Jahre ließ der Autor noch viele Fortsetzungen folgen, die Quatermains Legende als Trivialheld weiter auspolsterten, doch bleibt vor allem die Ausgangsgeschichte von besonderer Phantasiebefruchtung, bewegt sie sich doch nicht allein in einem weiteren literarischen Zeitfeld – dem des Mythos der „verlorenen Welt“nämlich – sondern kreierte dieses nahezu im Alleingang. Nicht minder berühmte Kollegen vom Fach, darunter Doyle,  Kipling, Wallace oder Burroughs, griffen die Sage von dem zivilisatorisch unbekannten unerforschten Landstrich, der Insel, dem Plateau oder dem Dschungel, immer wieder auf und fügten ihr zunehmend phantastische Elemente hinzu, darunter bis dato übersehene oder gar prähistorische Kulturen, Dinosaurier und Monster. Haggard bewegt sich im Vergleich zu derlei Fabulierfreuden noch in relativ realitätsnahen Bahnen, ebenso wie diese sehr zeitgenössisch ausfallende, bunte MGM-Produktion. Stewart Granger war in diesen Tagen ein vielbeschäftigter Darsteller, wenn es um Abenteuerkino jedweder Provenienz ging – handelte es sich nun um Swashbuckler, Kostümkino oder später Western und Bibelschinken. Dennoch führte Deborah Kerr noch vor ihm die Besetzungsliste an, ironischerweise in einer Rolle, die es in der Vorlage überhaupt nicht gibt – darin wird Quatermain von Sir Henry Curtis persönlich anggeheuert, um seinem Bruder nachzuspüren. „King Solomon’s Mines“ bezieht allerdings seinen substanziellen Hauptteil aus der Beziehung der verschiedengeschlechtlichen Protagonisten, der er nebenbei recht eindeutige Screwball-Elemente beimisst. Die reiche englische Lady mit dem blassen Teint mag so gar nicht in die afrikanische Wildnis passen, setzt jedoch, ganz zum Unwillen des Helden, permanent ihren Dickkopf durch und verlangt ihm dadurch im Laufe ihrer Expedition mehr und mehr Respekt ab, der sich schließlich in eine zunächst unausgesprochene, dann offen praktizierte Liebesbeziehung verwandelt. Das Ziel der Reise, nämlich Elizabeths Gatte, nimmt sich dadurch mehr und mehr als ein die Harmonie bewölkender Störfaktor aus, so dass der Zuschauer sich bald schon insgeheim erhofft, was sich später als Realiztät erweisen wird – dass Curtis nämlich längst nicht mehr am Leben ist. Die teils vor Ort in Afrika, teils in den USA entstandenen Aufnahmen glänzen derweil mit allerlei Aufregendem von wilden Tieren über spektakuläre Landschaftsaufnahmen bis hin zur üblichen Eingeborenenfolklore, Faktoren also, über die ein Genrefilm von 1950 verpflichtend zu verfügen hatte und die „King Solomon’s Mines“ in reichlich perfektionierter Manier aufwendet.

8/10

 

LES AVENTURIERS

Zitat entfällt.

Les Aventuriers (Die Abenteurer) ~ F/I 1967
Directed By: Robert Enrico

Die beiden Freunde Manu (Lino Ventura) und Roland (Alain Delon) sind unzertrennlich. Zwar jagen sie als Glücksritter stets dem Traum vom ganz großen Coup nach; dass dieser sich aber sowieso nie einstellt, gehört eben zum Alltagsmetier. Als sich auf Manus kleinem Schrottplatz eines Tages die Skulpturistin Laetitia (Joanna Shimkus) einfindet, ergänzt sich die Medaille um eine dritte Seite. Zwar empfinden sowohl Manu als auch Roland bald etwas für Laetitia; diese verhält sich jedoch neutral und so funktioniert die platonische Dreiecksbeziehung weitestgehend. Durch Zufall erfahren die Freunde etwas von einem vor der kongolesischen Küste abgestürzten Flugzeug, das einen millionenschweren Schatz beherbergen soll. Nachdem die jüngsten Pläne des Trios durch die Bank scheitern, begeben sie sich nach Afrika, wo es ihnen tatsächlich gelingt, das wertvolle Gut zu bergen. Es ist jedoch auch eine Gruppe Söldner hinter dem Vermögen her, die Manu, Roland und Laetitia bald unter schweren Beschuss nimmt.

Vom Haben und vom Nichthaben berichtet Enricos bittersüßer Abenteuerfilm, der seine Helden zunächst mit Scheuklappen versieht, um sie schließlich bilndlings in ihr Verderben laufen zu lassen. Für Manu, der an einem speziellen Dragster-Antriebssystem werkelt und Roland, der waghalsige Flugmanöver liebt, läuft zwar alles überaus suboptimal, doch sie haben sich und ihre Freundschaft. Mit der liebenswerten, vor Lebenslust sprühenden Laetitia tritt das bislang eigentlich nicht vermisste, weibliche Element in ihr Leben – und zugleich der Anfang vom Ende, gewissermaßen. Nachdem sich zunächst alle so neutral als möglich zueinander verhalten, kristallisieren sich während des eher dem überfälligen Tapetenwechsel dienenden Trips nach Afrika deutlich die Gefühlswelten heraus – Roland umgarnt Laetitia, die ihrerseits bereits in Manu verliebt ist, der wiederum auch sie sehr mag, jedoch um Rolands Gefühle für das Mädchen weiß und daher keine weiteren Avancen unternimmt. Mit einem an Bord ihres kleinen Schiffes kommenden Herumtreiber (Serge Reggiani), der sich als Pilot des abgestürzten Fliegers entpuppt, beginnen die Probleme allerdings erst richtig: Ihm auf den Fersen sind besagte Söldner, die nun auch die Freunde verfolgen – bis diese schließlich den Schatz geborgen haben. Bei einem ersten Feuergefecht kommt Laetitia ums Leben, der idyllische Traum, wie er auch hätte ausgehen mögen, ist ausgeträumt. Zurück in Frankreich machen Roland und Manu Laetitias Neffen (Jean Trognon), einen netten Knirps, ausfindig und machen ihm Laetitias Gewinnanteil zum Geschenk. Manu realisiert derweil Laetitias heimlichen Traum – er kauft ein vor der Atlantikküste liegendes Inselfort (das später immer wieder als Kulisse für kurzlebige TV-Gameshows dienende Fort Boyard) und will es zu einem Hotel umfunktionieren, derweil Roland vorübergehend zurück nach Paris fährt. Doch mit seiner Rückkehr zu Manu finden sich auch die Verbrecher ein und es kommt zum entscheidenden Kampf, bei dem auch Roland getötet wird. Manu ist nunmehr zwar reich an materiellem Gut, er hat jedoch die einzigen beiden Menschen verloren, die er geliebt hat. Damit wird das glückliche Leben, das er noch als armer Schlucker und Träumer geführt hat, einer luxuriösen, aber freudlosen, weil einsamen Existenz weichen. Enrico scheut nicht davor, uns nach fast zwei Stunden sympathischer Weltenbummlerei dieses traurige Ende um die Ohren zu hauen, wie der gesamte Film sich spielend zwischen den Genres bewegt. Er beginnt als typisch-luftige französische Komödie, widmet sich dann als pièce de romance den amourösen Verirrungen der Protagonisten, um schließlich in ein unbarmherziges Actiondrama umzuschlagen, in dem es für die vormalige Leichtigkeit kein Platz mehr gibt, nun, da die wenig faire Ernsthaftigkeit der Realität einmal in sie eingebrochen ist. Dahinter mag man existenzialistische Diskurse ausmachen, die um den unbewusst-unheilvollen Einfluss einer Frau auf gestandene Männerfreundschaften kreisen, um die Wertlosigkeit materiellen Wohlstands im Vergleich zur seelischen Zufriedenheit oder schlicht darum, nicht in die Ferne zu schweifen, weil das Gute längst nah ist, man es aus Gründen der Gewohnheit bloß nicht mehr wahrnimmt. In jedem Falle verzweifelt und weint man am Ende – gemeinsam mit Manu, dem gebrochenen, armen Neureichen.

8/10

SHOUT AT THE DEVIL

„Bassie, you’re my savior!“

Shout At The Devil (Brüll den Teufel an) ~ UK 1976
Directed By: Peter R. Hunt

Deutsch-Ostafrika, 1913: Durch einen fiesen Trick sichert sich der versoffene Wilderer Flynn O’Flynn (Lee Marvin) die Mitarbeit des britischen Aristokraten und Aussteigers Sebastian Oldsmith (Roger Moore) bei seinem jüngsten Coup, der vorsieht, möglichst viel Elfenbein aus dem Territorium des Gebietsverwalters Fleischer (Reinhard Kolldehoff) abzugreifen. Fleischer, längst ein alter Intimfeind O’Flynns, kommt den beiden auf die Spur und sorgt dafür, dass ihr kleines Küstenboot versenkt wird. Als Oldsmith O’Flynns Tochter Rosa (Barbara Parkins) kennenlernt, verlieben sie sich und heiraten, nicht eben zu Gefallen des knauserigen alten Säufers, der Oldsmith immer wieder zu gefährlichen Unternehmungen anstiftet. Als der Krieg ausbricht – Oldsmith und Rosa haben gerade eine kleine Tochter bekommen – geht Fleischer prompt rigoros gegen die verhassten Widersacher vor. Bei einem durch ihn in Abwesenheit der Männer initiierten Überfall auf O’Flynns auf portugiesischem Staatsgebiet befindliche Farm stirbt das Baby. Da kommt der trauernden Familie der Plan der Briten, das kaiserliche Kriegsschiff ‚Blücher‘ ausfindig zu machen und zu versenken, gerade recht. Als Gebietskundige bieten O’Flynn und Schwiegersohn Oldsmith sich für den Auftrag an, zugleich die Möglichkeit, sich an Fleischer zu rächen.

Peter Hunts dritte Regiearbeit, ein seinem Titel angemessen wildes Kriegsabenteuer, erfreut sich vor allem der sagenhaften Kombination Marvin – Moore, zweier Darsteller, die in jeder Hinsicht gegensätzlicher kaum sein könnten und genau daraus eine wunderbare Chemie beziehen. Vor allem die zweieinhalbstündige Langfassung bietet dem Publikum ein emotionales Wechselbad – der Film beginnt als luftige Gauner- und Glücksritterkomödie vor historischem Kolorit und verändert dann zum letzten Drittel hin sukzessive seine Tonart, um schließlich in eine ebenso spannende wie leidenschaftlich vorgetragene Rachegeschichte zu münden. Personell stellvertretend für diese Partiturverschiebung steht die Figur des feisten deutschen Obersten Fleischer, von Reinhard Kolldehoff, der schon als SA-Scherge in Viscontis „La Caduta Degli Dei“ ganz phantastisch war. Findet sich Fleischer anfänglich noch als eher komische Bismarck-Karikatur mitsamt Zwirbelbart und Pickelhaube gezeichnet, dessen Rivalität mit dem notorischen Lumpen und Wilderer O’Flynn eher einem intimen Katz-und-Maus-Spiel gleicht, erhält er pünktlich zum Kriegsausbuch quasi die Legitimation, sich zu einem barbarischen Fanatiker zu entwickeln, der selbst den Tod eines Babys hinnimmt, ohne mit der Wimper zu zucken. Damit sind die Bestie Krieg auch in der zuvor noch von einer bald knuffigen Atmosphäre geprägten, beschaulichen kleinen WG der Familie O’Flynn/Oldsmith und ihrer eingeborenen Freunde (besonders liebenswert: Ian Holm als stummer, arabischer Diener) angekommen und ihre Mitglieder somit zur endgültigen Parteinahme gezwungen, wo zuvor noch vorrangig auf Elefanten geschossen wurde. Auch für Hunts Inszenierung bedeutet diese dramaturgische Entwicklung eine rigide Zäsur, der Film wird härter und deutlich blutiger. Dass auch Marvin und Moore jenen Fortlauf sozusagen widerspruchslos mittragen, spricht wiederum für die hohe Qualität ihres Engagements. Ein immens kantenreicher Film, einem gewaltigen Kanonenschuss gleich. Für Freunde der beteiligten Darsteller sowieso absolut unerlässlich.

8/10

TRUE STORY

„Everybody deserves to have their story heard.“

True Story ~ USA 2015
Directed By: Rupert Goold

Nachdem der erfolgreiche Enthüllungs-Journalist Michael Finkel (Jonah Hill) seine Stellung wegen eines unverzeihlichen Faux-pas verliert (er fälscht bewusst Informationen und fliegt damit auf), zieht er sich schwer deprimiert zu seiner Freundin (Felicity Jones) in die Einöde von Oregon zurück. Dort wird er bald mit einer seltsamen Begebenheit konfrontiert: Der gesuchte Mordverdächtige Christian Longo (James Franco), der seine Frau (Maria Dizzia) und seine drei Kinder (Conor Kikot, Charlotte Driscoll, Stella Rae Payne) ermordet haben soll, hat sich im Zuge seiner vorübergehenden Flucht nach Mexiko ausgerechnet als Finkel ausgegeben. Fasziniert von diesem Umstand besucht Finkel Longo im Gefängnis. Bald verbindet die beiden reziprok-narzisstischen Männer eine merkwürdige Symbiose, in deren Zuge die Frage nach Longos unfasslicher Schuld eine zusehends untergeordnete Rolle einnimmt…

Der Fall Longo ist ebenso authentisch wie der Filmtitel sich am Titel von Michael Finkels 2005 erschienem Buch orientiert. Damit endet aber auch schon die sich eher schmal ausnehmende Strahlkraft dieses Debütwerks oder zumindest das Maß an Strahlkraft, das sich von den zweifellos, weil spürbar von ihrem Schaffen überzeugten Beteiligten auf den sich etwas im Stich gelassen wähnenden Zuschauer überträgt.
Was ich in etwa von „True Story“ erwartet habe, war wohl eine Art modernisierte, sich an Fakten entlangtastende Neuvariation von „The Silence Of The Lambs“; die Geschichte eines diabolischen Verbrechers nebst eines dessen einnehmenden Charismas erliegenden Erfolgsstrebenden. Eine solche bietet Goolds Film jedoch mitnichten. Tatsächlich erweist sich der von Franco gespielte Christian Longo als ein nach öffentlicher Aufmerksamkeit gierender, im Grunde buchstäblich armseliger Verbrecher, der deutlich prägnanter die Banalität dses Bösen denn dessen Faszination widerspiegelt. Kein glorifizierter (oder des Glortifizierens werter) Malefikant, sondern „bloß“ ein ordinärer Affekttäter, dessen Tat zwar unfassliches, auf ihre tragische Weise aber dennoch vielfach okkurierendes Alltagsgeschehen repräsentiert. Mit Jonah Hill als kaum minder selbsträsonistisch charakterisiertem Schreiberling stellt sich Longo/Franco ein sich zwar intellektuell von ihm abgrenzenden, wesentlich jedoch stark ähnlich gefärbter Zeitgenosse gegenüber. Ihre auf beinahe irrationalem Wege erwachsende Bekanntschaft stärkt ihrer beider Narzissmus, denn beide geben sich wechselseitig das Gefühl, gehört, gebraucht, vielleicht sogar begehrt zu sein. Wo andere (Genre-)Filme möglicherweise auf konventionelle Weise mit der Schuldfrage Longos gespielt hätten (der die Historie natürlich längst ihren Schlusspunkt gesetzt hat und die sich dadurch gewissermaßen ohnehin irrelevant ausnimmt), interessiert sich „True Story“ primär für die Beziehung der beiden Protagonisten. Dass mit diesen zwei dem Publikum herzlich gleichgültige, selbstsüchtige Individuen weit im Vordergrund des Geschehens stehen, ist zwar dem Vorbild der dramatisierten Realität geschuldet, bewantwortet jedoch nicht die sich mehr und mehr aufdrängende Frage, warum hier eigentlich dem Spielfilmformat der unbedingt naheliegenderen Form der Dokumentation der Vorzug gegeben wurde.

5/10

HOSTAGE

„I’ll be back and kill each and every single one of you.“

Hostage ~ SA/USA 1987
Directed By: Percival Rubens/Hanro Möhr

Major Sam Striker (Wings Hauser) gilt als einer der knüppelhärtesten Säbel, die der US-Geheimdienst zu bieten hat. Bei einer Mission im Süden Afrikas kommt er der alleinerziehenden Mutter Nicole (Nancy Locke) und ihrem Sohnemann Tommy (Gerhard Hametner) näher. Als Tommy wegen Nierenversagens dringend in ein US-Krankenhaus ausgeflogen werden muss, fällt dieser Notfall mit einer politisch brisanten Situation zusammen: Eine Gruppe muslimischer Terroristen will einen ihrer inhaftierten Führer frei- und dazu noch ordentlich Dollars erpressen und hijackt ausgerechnet den Flieger, in dem Nicole und Tommy sitzen. Für Striker und seinen ebenso wohlhabenden wie ergrauten Schwiegervater in spe, Colonel Shaw (Kevin McCarthy), die Gelegenheit, sich endlich mal wieder im unsimulierten Nahkampf zu erproben.

Ye goode olde action pal: Loblieder auf den vollkommen zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Achtziger-Action-Heros Wings Hauser kann man nie genug anstimmen. So haben bereits Oli und Marcos, die lieben Freunde vom Himmelhunde-Blog, diesbezüglich schon vor einigen Jahren ein Stück weit wertvollster Pionierarbeit geleistet. Fest steht: wer eine auch nur halbwegs ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Genrekino jener just dafür güldenen Dekade sucht oder sich auch nur schlicht und einfach als Chronist betätigen will, der muss zur Kenntnis nehmen, dass Stallone, Arnie, Norris, Bronson oder Dudikoff zwar eine nukleare Stellung bekleiden, unter der glänzenden Oberfläche jedoch noch Sehens- und Bewundernswertes en gros lauert. Auch und insbesondere an Wings Hauser kommt man in dieser Hinsicht nicht vorbei. In den Spätachtzigern machte er, wie manch anderer Hollywood-Akteur auch, einen Ausflug nach Südafrika um mit der dort kurzfristig erstarkten Filmindustrie zu liebäugeln. Heraus kam dabei „Hostage“, ein mehr oder weniger offenes, kleinformatiges Plagiat von Menahem Golans „The Delta Force“, jedoch um Einiges kantiger, schmieriger und unnahbarer als das übermächtige Vorbild. Bereits die Einführung von Major Sam Striker, die ihn beim unflätigen Willkomm einiger Nachwuchspatrioten auf einer Militärbasis zeigen, verdeutlichen nachdrücklich: Mit diesem Mann ist nicht gut Kirschen essen. Später erweist er sich wiederum als nicht besonders helle, denn viel zu spät erinnert er sich daran, dass einer der ihm bekannt vorkommenden Männer am Flughafen der gesuchte Terrorist Yamani (Ian Steadman) ist, der dann die Entführung des Flugzeugs mit Nicole und Tommy anführt. Glücklicherweise zwingt man den Piloten, den Flieger weiter nördlich zu landen – die ideale Voraussetzung für Striker und ein paar flugs aktivierte Kompagnons, den Kidnappern Saures zu geben. Von den Passagieren müssen derweil einige, die sich mit ihrer passiven Situation nicht zufrieden geben mögen, dran glauben. Eine besonders schöne Rolle hat dabei Karen Black als traumatisierte Erotikfilm-Aktrice Laura Lawrence abbekommen, die mit ihrem (ausnahms- und erfreulicherweise einmal nicht lächerlich gezeichneten) schwulen Agenten (Robert Whitehead) unterwegs ist und, wie dieser, sehr heldenhaft auftreten darf. Da gibt es richtig was mitzufiebern!
Am Ende steht ein durchweg liebenswerter Actioner, der aus seinen bescheidenen Mitteln das Bestmögliche bereitet, hervorragende Spannungsmomente erzielt und schlichtweg gute, ehrliche Freude bereitet.

6/10

CAPTAIN AMERICA: CIVIL WAR

„We fight.“

Captain America: Civil War (The First Avenger: Civil War) ~ USA/D 2016
Directed By: Anthony Russo/Joe Russo

Ein Einsatz der Avengers in Nigeria gegen den Terroristen Crossbone (Frank Grillo) endet abermals mit gewaltigen Zerstörern und etlichen toten Zivilisten – „Kollateralschäden“, wie sie der Diplomatenjargon zu bezeichnen pflegt. Grund genug für die UN, allen voran General Thunderbolt Ross (William Hurt), der Heldentruppe ein Dekret aufzuerlegen, dem zufolge sie ab sofort nurmehr in „offiziellem“ Auftrag, und nicht wie bisher nach eigenem Gutdünken agieren sollen. Jedes einzelne Avengers-Mitglied soll das durch seine Unterschrift bestätigen. Während jedoch Tony Stark (Robert Downey Jr.), noch immer bewegt von den Ereignissen in Sokovia, dem Erlass zustimmt, fühlt sich Steve Rogers (Chris Evans) durch ihn in seiner freien Entscheidungswahl eingeschränkt und fürchtet, zu einem weiteren Instrument militärischer Willkür degradiert zu werden. Parallel zu diesen Ereignissen intrigiert der rachsüchtige Baron Helmut Zemo (Daniel Brühl), der in Sokovia seine Familie verloren hat, gegen die ohnehin vom Bruch bedrohten Avengers, indem er einen alten HYDRA-Geheimbefehl, der Rogers‘ besten Freund Bucky (Sebastian Stan), alias „Winter Soldier“ als Attentäter reaktiviert, ausfindig macht und diesen bei einer Ratifizierungssitzung der UN in Wien zuschlagen lässt. Die Aktion entzweit Stark und Rogers endgültig und beide scharen eine Gruppe jeweils Gleichgesinnter um sich, um gegen den anderen vorzugehen. In Leipzig kommt es zur Konfrontation, die teils unentschieden, jedoch mit der Arretierung von Rogers‘ Kameraden ausgeht. Als Stark schließlich herausfindet, dass Bucky für die 25 Jahre zurückliegende Ermordung seiner Eltern verantwortlich ist, kommt es zum letzten Gefecht gegen Rogers.

Emotional aufgeladener und sehr viel involvierender als der letzte nominelle „Avengers“-Film ist die Bezeichnung von „Civil War“ als zweites Sequel der „Captain America“-Reihe und dreizehnter Beitrag zum MCU-Franchise eigentlich eher unglücklich. Zwar wird die Geschichte von Steve Rogers‘ ehemaligem Sidekick Bucky Barnes, der ja ein ziemlich unerfreuliches Schicksal als Schläfer für die Terrororganisation HYDRA führen musste, weitererzählt, andererseits bietet dieser jüngste Film der Gebrüder Russo allerdings ein solch gewaltiges Superheldenaufkommen auf, wie man es bisher im Kino nicht zu sehen bekam. Ganze zwölf Marvel-Helden treten zum Gefecht an, Caps Freundin Sharon Carter und den in den späteren Comics zum „Red Hulk“ mutierenden General Ross noch gar nicht mitgezählt. Ein feuchter Traum für jeden MCU-Apologeten. Mit der 2006 in Printform erschienenen „Vorlage“ von Mark Millar hält dieses Aufgebot fraglos nicht (ganz) mit. Darin ging es auch um etwas Geflissentliches Anderes; die stark unorganisiert arbeitende Superheldengemeinde sollte nämlich dazu angehalten werden, sich öffentlich zu demaskieren, beziehungsweise, so nicht längst geschehen, ihre jeweiligen Geheimidentitäten preiszugeben – ein nicht minder pikantes Problem; für das MCU jedoch, in dem zumindest für die Avengers das Problem des verborgenen Privatlebens wenn überhaupt einen zweit- bis drittrangigen Diskurs darstellt, im Prinzip keine Option. Die vielen anderen Helden, die Millars „Civil War“ involvierte, darunter freilich Daredevil, die Fantastic Four oder die X-Men, muss der Film aus den altbekannten Gründen ebenso verzichten wie auf einige wesentliche dramatische Wendungen, darunter einen der Identitätslüftung als Pionier vorreitenden Peter Parker, oder einen von Stark erschaffenen Thor-Klon, der den Helden Goliath tötet. Man sollte „Civil War“, den Film, demzufolge weniger als eine Adaption der Mini-Serie betrachten, denn als notdürftig umfunktionalisierte Variation, die sich den Gegebenheiten und Beschränkungen des Kino-Universums anzupassen hat. Als solche ist das Werk jedoch ganz großes, sich selbst zelebrierendes Spektakel, das die Arschwangen jedes Superheldenanhängers zum Leuchten bringen sollte. Scott Lang aka „Ant-Man“ (resp. „Giant-Man“) und T’Challa alias „Black Panther“ kommen in größerem Rahmen zum Einsatz und gewiss wird die Integration von „Spider-Man“ ins MCU, rückdatiert als geschwätziger, unreifer Teenager, ordentlich abgefeiert. Dass Spidey nochmals als Generikum aufgestellt wird, nachdem die Figur in den letzten sechzehn Jahren ja bereits ganze zwei  (und jeweils hinreichend umfassende) Kino-Exegesen nebst Origin erlebt hat, mag sich geflissentlich redundant auswirken, ist jedoch allemal besser als ein gänzlicher Verzicht auf den ikonischen Charakter. Thor und Hulk, die für ein ziemliches Ungleichgewicht der Kräfte gesorgt hätten, werden praxishalber ausgespart.
„Civil War“ transportiert auch ein bisschen was von der beliebten Phrase ’nomen est omen‘. Er wird einmal mehr all jenen reichlich Studentenfutter geben, die in den fraglos unmenschlich hoch budgetierten Geschäftemachereien des MCU die Vorboten eines massenkulturellen Armageddon wähnen und eine Privatprofession daraus machen, ihnen demonstrativ gelangweilt die zwischen enerviert und unterkühlt befindliche Schulter zu zeigen. Caps Fraktion quasi. Dann gibt es aber eben auch noch uns, die anlässlich eines jeden neuen Superheldenfilms bereitwillig in infantilisierte Regression verfallen und sich damit ein kleines Stück vom Glück erobern (so es sich dabei nicht gerade um „Deadpool“ handelt zumindest). Die, die die Scheiße an festlich gedeckter Tafel fressen und sich dabei auch noch vorkommen wie Gourmets. Die Iron Men. Oder auch die cineastischen small-timer, die Schmeißfliegen. Bin ich eben eine von denen. Dafür hatte ich knappe zweieinhalb großartige Stunden lang meinen Spaß, und das nicht zu knapp.

9/10