REGRESSION

„I am starting to use my head again.“

Regression ~ E/CAN 2015
Directed By: Alejandro Amenábar

Ländliches Minnesota, 1990. Detective Bruce Kenner (Ethan Hawke) soll im Falle Gray ermitteln, in dessen Zuge der religiös verbrämte Vater John Gray (David Dencik) offenbar seine Tochter Angela (Emma Watson) sexuell missbraucht haben soll, sich an die Tat jedoch nicht mehr erinnern kann. Mithilfe des Psychologen Kenneth Raines (David Thewlis) will Kenner den Ereignissen auf die Spur gehen: Täuscht Gray seine Amnesie nur vor oder haben die zugrunde liegenden Geschnisse sich womöglich ganz anders zugetragen? Kenner, der von zunehmend bizarren Albträumen heimgesucht wird und sich von merkwürdigen Gestalten verfolgt sieht, beginnt bald an die Theorie eines Satanskults zu glauben, dessen Opfer Angela wurde…

Viel Rauch um Nichts in diesem doch recht enttäuschenden Pseudo-Horror- und Familiendrama des Spaniers Alejandro Amenábar, dessen Erste-Klasse-Spukhausfilm „The Others“ damit weiterhin seinen Status des unangefochtenen Schaffensjuwels in seiner Regisseurskrone präserviert. Diese Geschichten, in denen ein vermeintlicher Unschuldsengel treudoofe Ermittler, seien es Polizisten, Anwälte oder sonstwie naive Naturen, an der Nase herumführt bis zum bitteren Ende der Erkenntnis, die kennt man. Zumeist haben diese ganz speziellen Mimen der Innozenz aber ja ihre ureigenen Gründe, die weltlichen Vertreter von Recht und Gesetz an der Nase herumzuführen und diese sind dann auch nicht immer ganz unverständlicher Natur. Die aparte Emma Thompson verfügt in „Regression“ selbst über einen solchen; sie ist als nicht ganz unverdorbenes Früchtchen nämlich schlichtweg der einengenden Schranken ihres kleinbürgerlichen Landeierdaseins überdrüssig, das aus biederem Spießertum, Vorhaltungen, Unterdrückung und anderem Althergebrachten besteht. Den früheren Unfalltod ihrer Mutter lastet sie nämlich ebenfalls den Umständen an und selbst so enden will sie verständlicherweise nicht. Eine kurzerhand aus dem Hut gezauberte Missbrauchsstory, so die zwingende Logik, könnte da bald schon für einseitige Erleichterung zu sorgen und die gute Angela soll Recht behalten.
Tatsächlich gab es in den Achtzigern und Frühneunzigern eine ganze Kette von angeblichen Vergewaltigungen von Schutzbefohlenen, deren Angeklagte sich im Nachhinein oftmals wahlweise als völlig unschuldig erwiesen oder die zum Opfer  komplett tendenziöser Verhandlungsführung wurden, so etwa im Falle des berüchtigten Oak Hill satanic ritual abuse trial, in dessen Zuge das texanische Ehepaar Keller 1991 wegen satanistisch motivierten Kindesmissbrauchs zu jeweils 48 Jahren Haft verurteilt wurde. Erst im November 2013 kamen sie aufgrund möglicher Verfahrensfehler frei und wurden im Sommer letzten Jahres nach hinreichender Aufarbeitung der tatsächlichen Ereignisse, die vor vor allem Resultate einer abstruse Formen annehmenden Massenhysterie der beteiligten Ankläger widerspiegelten, endgültig für unschuldig erklärt.
„Regression“ macht sich ein paar Fakten dieses und anderer Fälle zunutze, entwickelt jedoch bei Weitem nicht die Tragweite, derer dieses kaum fassbare Sujet eigentlich bedürfte. Eine wirklich ordentliche Aufbereitung der tatsächlichen Ereignisse in Filmform steht weiterhin aus, aber stattdessen begnügt man sich lieber mit seicht Angesetztem wie dem hier oder verwurstet gleich angeblich authentische Fälle von Dämonenaustreibungen irgendwo in hillbilly country.

4/10

TESIS

Zitat entfällt.

Tesis ~ E 1996
Directed By: Alejandro Amenábar

Die Madrider Filmstudentin Ángela (Ana Torrent) plant, ihre Magisterarbeit zum Thema „Gewalt im Film“ zu schreiben, einem Gebiet, mit dem sie bislang kaum Erfahrungen hat. Über ihren nerdigen Kommilitonen Chema (Fele Martínez), einen ausgewiesenen Splatter- und Horror-Aficionado, ergeben sich erste Berührungspunkte mit dem Sujet, doch Ángela will mehr. Ihre Recherchen führen sie ins Videoachiv der Universität, wo sie auf eine geheime Sektion mit speziellen Cassetten stößt. Darauf befinden sich offenbar Snufffilme, in denen verschwundene Studentinnen zu sehen sind. Gemeinsam mit Chema, der seinerseits nicht immer mit offenen Karten spielt, geht Ángela dem abseitigen Treiben auf die Spur. Der attraktive Bosco (Eduardo Noriega), in den sich Ángela verliebt, und auch ihr Professor Figueroa (Miguel Picazo) spielen darin entscheidende Rollen…

„Tesis“ hat viele Freunde und Anhänger und genießt seit seiner Premiere vor 22 Jahren ein stolzes Renommee. Ich selbst würde Amenábars Langfilmdebüt eher im oberdurchschnittlichen Qualitätssegment einordnen, da ich ihn zwar für grundsätzlich immer noch sehenswert halte (zumal als spanischen Genrefilm und gewiss sehr ambitioniertes Projekt eines erst 23-jährigen Nachwüchslers), er mich jedoch auch nach mehrfachen Betrachtungen nie wirklich da zu packen vermochte, wo ich es mir insgeheim gewünscht hätte. Wenn es im Kino um das Thema Snuff und Snuff-Filme geht, dann versuchen die entsprechenden Autoren und Regisseure immer wieder, jenen alten Underground-Mythos zur abartigsten und verruchtesten Perversionssparte der gesamten Menschheitsgeschichte zu deklarieren; etwas, dass es zwar gibt, über das aber niemand spricht, der nicht lebensmüde ist; etwas, über das sich allerhöchstens hinter vorgehaltener Hand ausgetauscht werden darf; die magnetbandgewordene Hölle auf Erden quasi! Ich weiß nicht, ob ich mich für die Ausmaße meiner Phantasie entschuldigen muss, aber mir fallen da auf Anhieb diverse weitaus schrecklichere Dinge ein, die Menschen sich aus ganz anderen Gründen gegenseitig antun, und das unter oftmals rechtsstaatlicher oder religiöser Ägide. Im Grunde ist Snuff letzten Endes doch „auch bloß“ eine Spielart menschlichen Mordtreibens, wobei es dem Opfer schließlich egal sein kann, ob sein (mögliches) Martyrium von einem späteren Rezipienten zu wie auch immer gearteten Befriedigungszwecken herangezogen wird. Um es kurz zu machen: Was mich bei Filmen wie „Tesis“ implizit stört, ist der unbedingte, immanente Hang zum Sensationalismus. Ohne diesen bleibt, wie im vorliegenden Falle, spannendes, aber letztlich gängiges Handwerk, das für ein entsprechend sensibilisiertes Publikum funktionieren wird, aber eben nicht für jeden. In diesem Falle ist es außerdem deutlich zu spiellang und ausufernd geraten, nebst etlichen, unausgelassenen Fettnäpfchen logischer Ersparnisse.
Immerhin bleibt uns der heilige, amerikanische Zorn des gerecht wütenden Rächers, wie der von Nicolas Cage in „8MM“, erspart.

6/10