ALIEN: COVENANT

„I think if we are kind, it will be a kind world.“

Alien: Covenant ~ USA/UK/AUS/NZ/CN 2017
Directed By: Ridley Scott

Im Jahre 2104 reist das Kolonistenschiff „Covenant“ zum Planeten Origae-6, auf dem es lebensfreundliche Bedingungen gibt. Ein Raumsturm sorgt schließlich dafür, dass einige Crewmitglieder aus dem Hyperschlaf geholt werden. An Bord befindet sich zudem der Android Walter (Michael Fassbender), seinem einstigen Vorbild David (Michael Fassbender) zumindest äußerlich stark nachempfunden. Ein zufällig aufgefangener Funkspruch lässt sie auf einen nicht allzu weit entfernten Planeten aufmerksam werden, der ebenfalls für die Besiedlung durch Menschen geeignet scheint. Ein dorthin entsandter Expeditionstrupp muss diesen Eindruck jedoch bald revidieren: Es gibt keinerlei Tiere; stattdessen findet sich das Wrack eines außerirdischen Raumschiffs, das Hinweise auf einen früheren Kontakt mit der zehn Jahre zuvor verschwundenen „Prometheus“ enthält. Der zunächst unbemerkte Kontakt mit Killersporen, die in den von ihnen befallenen Wirtskörpern eine Frühform der aggressiven Xenomorphe heranwachsen lassen, versetzt die Raumfahrer schließlich in Panik. Für eine Flucht ist es jedoch bereits zu spät. Stattdessen eilt ihnen der hier vor langem gestrandete David zur scheinbaren Hilfe, der jedoch weitaus finsterere Pläne hat, als es zunächst den Anschein hat.

Grundsätzlich finde ich einen neuen „Alien“ eigentlich immer begrüßenswert. Ich mag die Reihe seit jeher, finde die Monster genuin toll und schätze die mannigfaltigen Möglichkeiten, die sich hinter dem scheinbar simpel strukturierten Originalplot auftun. Ridley Scotts Originalfilm, den ich mittlerweile auswendig mitsprechen kann und allein in den letzten sechs Monaten zweimal gesehen habe, erfreut sich meiner persönlichen, ungebrochenen, eigentlich sogar stetig steigenden Beliebtheit. Seit Scott das Franchise mit dem Prequel „Prometheus“ quasi zurückerobert hat, droht er damit, dass er im Erfolgsfalle Ideen für etliche weitere Serienbeiträge im Ärmel hätte. Dieser Jüngste davon lässt angesichts solch hochtrabender Pläne allerdings nicht unbedingt frohlocken. Längst stehen die Xenomorphe überhaupt nicht mehr im Fokus, sondern bekleiden eher die Rolle bejubelnswerter Gaststars, angesichts deren rarer Auftritte man sich dann wohl noch erfreuen zeigen soll. Das Zentrum von „Alien: Covenant“ bildet vielmehr Michael Fassbender in seiner Doppelrolle als guter und als böser Androide mit leidlich genutztem Konfusionsfaktor.
Wenn man so will, vollzieht die Geschichte einen Brückenschlag zwischen dem „Alien“-Kosmos und Scotts anderer filmischen Großerrungenschaft, „Blade Runner“. Daran lässt bereits der Prolog keine Zweifel, der einen todkranken Peter Weyland (Guy Pearce) im prononciert „wagneresken“ Dialog mit seiner Großschöpfung David zeigt: Das ätherische, artifizielle Geschöpf hat seinen Vater an Perfektion längst übertroffen. Wie der weitere Verlauf zeigt, wird es darüberhinaus dereinst zum Wolf seiner Konstrukteure werden; es hat in einem Jahrzehnt des einsamen Sinnierens längst erkannt, dass der homo sapiens gewissermaßen „überholt“ ist, voll von Schwächen, und auf den Schrotthaufen der Evolution gehört. Die Aliens, wie wir sie seit anno ’79 (respektive die beängstigend pluralistische Ausprägung ihrer insektenatigen Organisation seit ’86) kennen, verdanken ihre endgültige Form als Waffe wider die Menschheit also einem von Menschen geschaffenen Androiden. Ob diese Kausalitätsenthüllung so brillant ist, wie Scott sie uns zu verkaufen trachtet, möchte ich dahingestellt lassen; immerhin war es einst ja gerade das die Xenomorphe umgebende, mysteriöse Element, das ihnen einen Großteil ihrer Originalität, Faszination und Bedrohlichkeit bescherte.
Da das Gegenwartskino sich aber nicht erst seit gestern innerhalb der gewaltigen Zwangsneurose bewegt, stets alles bis zum Erbrechen zu erklären und immer wieder aufs Neue durchdeklinieren zu müssen, sind Werke wie dieses wohl schlicht unvermeidbar. Immerhin ist „Covenant“ alles in allem kein dummer Film und hält zudem ein paar angemessen inszenierte Aktionsszenarien bereit. Doch reicht das?
Wie in vielen Präzdenzfällen, s. „Star Wars“, sollte man, so man sich „Covenant“ überhaupt ausliefern will, sich der Bereitschaft vergewissern, das Gestrige in Frieden ruhen zu lassen, die alte Weise, dass „früher sowieso alles besser“ war, geflissentlich beiseite schieben zu können und (vielleicht) zähneknirschend das fressen, was man vorgesetzt bekommt. Frei nach dem Motto: ein leerer Magen tut einem auch keinen Gefallen.

6/10

LIFE

„Don’t open!“

Life ~ USA 2017
Directed By: Daniel Espinosa

Mit großen Erwartungen nimmt die internationale, sechsköpfige Crew der im Erdorbit schwebenden ISS eine vom Mars zurückkehrende Sonde entgegen, die nicht nur Bodenproben, sondern offenbar auch einen von dort stammenden Kleinstorganismus mit sich führt. Das winzige, von via Satellit zugeschalteten Schulkindern „Calvin“ getaufte Wesen entpuppt sich jedoch als wesentlich komplexer denn zunächst vermutet: Rasch wächst die amorphe, entfernt an einen Polypen erinnernde Kreatur heran und attackiert mit blitzartiger Geschwindigkeit die Crew – mit tödlichen Folgen. Schließlich bleibt den beiden letzten Überlebenden Jordan (Jake Gyllenhaal) und North (Rebecca Ferguson) nur die Enntscheidung, wie man Calvin am Effektivsten von der Erde fernhält.

Life on Mars? – But yes! Sich explizit an Ridley Scotts Original orientierende „Alien“-Rip-Offs gab es bis in die Neunziger hinein wie Sand am Meer, dann folgte eine kleinere Welle von Genrefilmen, in denen der Menschheit begegnende Extraterrestrier die Erde in invasorischer Größenordnung attackierten, gefolgt von oftmals vulgärphilosophischem Mystizismus-Quark, der die Außerirdischen als unfassbare, uns Erdbewohnern wahre Evolutionsschübe verabreichende Entitäten porträtierte. Ein possierliches Einzelmonster, das eine überschaubare Raumschiff- oder Raumstationscrew in Spielfilmlänge bis zum unausweichlichen Finalduell dezimiert, gab es indes schon seit Längerem nichtmehr im größer budgetierten Science-Fiction-Film. Der recht prominent besetzte „Life“ greift also ein zuletzt eher vernachlässigtes Genre-Segment auf, das sich seit jeher durch seine große Schnittmenge mit dem Horrorkino auszeichnet: Der künstliche, von der Erde losgelöste Himmelskörper tauscht seine Funktion als von Menschen geschaffenes, futuristisches Wunderwerk mit der des klaustrophobischen Gefängnisses, das für den ultra-anpassungsfähigen, mörderischen Fremdling gleichermaßen zum Jagdrevier avanciert. Calvin, so der durchaus niedliche Name des Marssprösslings, entpuppt sich dabei als wahrer Überlebenskünstler, der sogar den guten, alten Xenomorphen noch etwas vormachen könnte: Mithilfe seiner wirbellosen, wabernden Gestalt flutscht und huscht er in Windeseile durch alle Röhren und Gänge der ISS und hält es sogar längere Zeit im Vakuum des Alls aus, ohne weiteren Schaden zu nehmen. Entsprechend verständlich die Sorge der recht willkürlich zusammengestellten Multikulti-Astronautengruppe um die eigenen Existenzen und schließlich, nach der bitteren Erkenntnis, dass diese sowieso keinen Pfifferling mehr wert sind, um die Erde als Ganzes. Leider baut „Life“ mit zunehmender Erzählzeit etwas ab und fügt sich in die unausweichliche Vorhersehbarkeit: Während die ersten Studien rund um Calvin und vor allem sein erster Angriff, der dem keinesfalls unvorsichtig vorgehendeen Wissenschaftler Derry (Ariyon Bakare) gilt und dessen Hand in Mitleidenschaft zieht, noch vor gekonnten Spannungsschüben strotzen, wird es dann irgendwann beliebig und altbekannt. Dennoch finde ich es grundsätzlich erfreulich, dass im Stellaren spielendes Science-Fiction-Kino heuer doch nicht wie befürchtet zwangsläufig mit geistesblitzendem Krimskrams wie „Interstellar“ oder „Arrival“ assoziiert werden muss, sondern dass blood’n guts auch hier noch ihren Platz haben. Wenngleich ein paar Übungszüge bis zum wahrlich properen Freischwimmer zumindest in diesem Falle gewiss noch Not getan hätten.

7/10

CALTIKI – IL MOSTRO IMMORTALE

Zitat entfällt.

Caltiki – Il Mostro Immortale (Caltiki – Rätsel des Grauens) ~ I 1959
Directed By: Riccardo Freda

Um den Grund für den großen Maya-Exodus im 9. Jahrhundert zu erforschen, reist Professor John Fielding (John Merivale) gemeinsam mit seiner Frau Ellen (Didi Sullivan) und einigen Kollegen in die mexikanische Ödnis, in die Nähe eines brodelnden Vulkans. Nachdem ein Expeditionsteilnehmer auf seltsame Weise zu Tode gekommen ist, werden die Eingeborenen nervös und Fielding hellhörig. Ein unterirdischer Tempel weist auf die uralte, unsterbliche Gottheit Caltiki hin, mit der Fielding alsbald unangenehme Bekanntschaft schließt: Bei Caltiki handelt es sich um ein gefräßiges, amorphes Wesen, das sich von Menschen ernährt und seine Opfer bis auf die Knochen aussaugt. Nur durch Feuer scheint die Kreatur sich bändigen zu lassen. Zurück in Mexiko City bekommt Fielding es dann mit gleich drei bedrohlichen Problemen zu tun: Sein Kollege und Freund Max Gunther (Gérard Herter), der von Caltiki angefallen und verstümmelt wurde, fängt an durchzudrehen, eine mitgenommenes Stück der Kreatur entwickelt neues Leben und ein Komet, auf den Caltiki höchst sensibel reagiert, passiert die Erde…

Fredas Monsterfilm, an dem auch Mario Bava emsig mitgewerkelt hat, ist ein echtes Liebhaberstück. Beeinflusst sowohl von den britischen Hammer-Vorläufern „X: The Unknown“ und „The Quatermass Xperiment“ als auch von dem bunten „The Blob“ schimmern immer wieder auch Anklänge an Lovecrafts Mythologiekonstrukt der „Großen Alten“ wieder: Caltiki entpuppt sich als eine uralte Kreatur außerirdischen Ursprungs, die durch ihren unaufhaltsamen Wuchs Menschheit und Erde bedroht. Wie es sich für einen veritables Monstervehikel jener Ära geziemt, wächst auch die Kraft Caltikis durch den Einfluss radioaktiver Strahlung – das weniger gallertartig denn nach überdiemsionalen Lederlappen aussehende Ungetüm ist insofern vor allem eine Replik auf den Zivilisationsstatus der es (oder vielmehr sie) erweckenden Tröpfe: Goldgier, Forschungsdrang und die geheimnisvolle Macht ungebändigter Naturkräfte ermöglichen erst das Wiedererwachen Caltikis, die seit Äonen gemütlich in ihrer vulkanischen Höhle vor sich hin gepennt hat und nun noch jeden Riesenaffen alt aussehen lässt.
Freda und Bava schaffen vor allem infolge überaus wirkungsvoller Tricks und Spezialeffekte (wobei ich zugeben muss, dass unförmige Wackelpudding-Aliens es mir seit jeher grundsätzlich angetan haben) Momente grandioser Schrecknisatmosphäre, die selbst kleine Albernheiten, wie den etwas unsinnigen Nebenplot um den von Caltiki infizierten Gunther, der immer verrückter wird, mit den Augen rollt, als gelte es, einen Wettbewerb zu gewinnen und zunehmend wirres Zeug daherstammelt, vergessen macht. Man spürt jederzeit und ganz deutlich, dass die beiden maestri ihre Sache ernst genommen und der möglicherweise einen oder anderen eher bescheidenen Bedingung zum Trotze gute Arbeit abzuliefern gedachten. Was ihnen gelang.

8/10

ROGUE ONE

„Make ten men feel like a hundred!“

Rogue One ~ USA/UK 2016
Directed By: Gareth Edwards

Über dem gesamten Universum schwebt die schreckliche Gewissheit, dass das Imperium über eine neue, gewaltige Superwaffe verfügt, die auf einen Streich ganze Planeten auslöschen kann. Durch eine über Umwege geschickte, holographische Nachricht ihres seit dem gewaltsamen Tode von Jyns Mutter (Valene Kane) zwangsweise als imperialer Ingenieur beschäftigten Vaters Galen (Mads Mikkelsen) erfährt die junge Jyn Erso (Felicity Jones) nicht nur von dessen Beteiligung an der „Todesstern“ genannten Kampfstation, sondern zugleich von einer bewusst darin eingebauten Schwachstelle. Entgegen der Entscheidung der Rebellion zieht Jyn mit einigen neuen neuen Verbündeten zu dem Planeten Scarif, auf dem sich das imperiale Archiv befindet, in dem wiederum die Konstruktionspläne des Todessterns lagern…

Viele der Versäumnisse des letzten ordinalen „Star-Wars“-Kapitels bügelt Gareth Edwards recht ordentliches spin off wieder aus. Zudem versuchen der Regisseur und seine Autoren „Rogue One“ vor allem für die Liebhaber der Ur-Trilogie konsumierbar zu machen, indem sie zahlreiche ästhetische und inhaltliche Querverweise in Richtung des Originalfilms von 1977 und ansatzweise auch dessen zwei Sequels Einzug in ihren Wurmfortsatz halten lassen. Das bewährte Stilmittel der „used future“, also der Eindruck, futuristische Technologie oder Architektur verbraucht und veraltet erscheinen zu lassen, hat das Franchise seit 1983 nicht mehr so glaubhaft auf die Beine stellen können. Ferner begegnen uns neben den neu etablierten Protagonisten, denen die Story des Films quasi ihr „überfälliges Heldendenkmal“ setzt, auch einige alte Bekannte, wenn auch häufig in winzigen Cameos: Die Rebellenführerin Mon Mothma (Genevieve O’Reilly) etwa, der Droide C-3PO (Anthony Daniels), Darth Vader (Spencer Wilding/Daniel Naprous) natürlich, die junge Prinzessin Leia oder Grand Moff Tarkin, für deren „Rückkehr“ man den SchauspielerInnen Invild Deila respektive Guy Henry digitale Masken der originalen Konterfeits von Carrie Fisher und Peter Cushing verabreichte. Der entsprechende Effekt gerät ebenso verblüffend wie gespenstisch. Insgesamt würde ich den zuständigen Kreativen attestieren, sehr viel mehr Herzblut, Empathie und fandom in ihren Film einfließen gelassen zu haben als zuletzt J.J. Abrams und Konsorten, oder zumindest, dass sie das, was „Star Wars“ für den etwas gealterten Anhänger ausmacht, deutlich erfolgreicher zu präservieren wussten. Von einer Rückkehr der „alten Magie“ mag ich zwar noch immer nicht mit Überzeugung sprechen, aber ein erstes, echtes Fähnchen wäre mittels des properen Einsatzes von Tie Fighters und X-Wings zumindest schonmal gesetzt.

8/10

ARRIVAL

„Non-zero sum game.“

Arrival ~ USA 2016
Directed By: Denis Villeneuve

Nachdem Außerirdische mit zwölf anscheinend baugleichen, annähernd eiförmigen Schiffen auf der Erde gelandet sind, stehen die führenden Nationen zunächst vor dem großen Problem der Kommunikationsaufnahme. Die geheimnisvollen Wesen aus dem All pflegen sich nämlich anders als wir mittels Rauchzeichen zu verständigen. Nachdem die Linguistikexpertin Louise Banks (Amy Adams) und der Physiker Ian Donnelly (Jeremy Renner) vom Militär rekrutiert wurden, das in Montana gelandete Raumschiff nebst seiner Insassen zu untersuchen, beginnt ein langwieriger Prozess des Verstehenlernens. Da neben der Verständigung vor allem auch die Intentionen der Extraterrestrier mysteriös bleiben, fangen bald die ersten großen Nationen an, in Panik zu verfallen und die Landungen als kriegerische Provokation zu interpretieren. Man beginnt, mit Atomwaffen gegen die Aliens mobil zu machen, bis Louise den rettenden Einfall hat.

Nach seinem monumentalen Drogenkriegsthriller „Sicario“ und in Anbetracht des Bekanntwerdens der nahezu unstemmbaren Aufgabe, für das kommende „Blade Runner“-Sequel verantwortlich zu zeichnen, war ich dann doch ziemlich gespannt auf Denis Villeneuves „Arrival“. Die kürzlich erfolgte Betrachtung des Films fiel dann eher ernüchternd aus – hier kredenzt der mittlerweile hoch gehandelte Kanadier uns seine von eher larmoyant-trägem pacing geprägten Neuinterpretation zweier beleumundeter Genreklassiker, sprich: „The Day The Earth Stood Still“ und „Close Encounters Of The Third Kind“. Aus ersterem findet sich das Motiv der infolge multipler innerer Konflikte am Rande der Selbstzerstörung tänzelnden Erde wieder und der damit einhergenden, unmissverständlichen Warnung von „außerhalb“ (wobei die Mahnung an die Menschheit sich weniger durch gezielte Aufmerksamkeitslenkung durch die Außerirdischen ergibt, sondern schlicht durch deren enigmatische Anwesenheit bei uns); aus zweiterem der private, innere Konflikt der Protagonistin, die das einstige „Aussteigen“ von Richard Dreyfuss‘ Figur Roy Neary quasi uminterpretiert zu einem bewussten „Einstieg“ in eine sorgenvolle Zukunft. Der Clou von Eric Heisserers Script bzw. Ted Chiangs zugrunde liegender Story und damit das, was „Arrival“ abseits seiner sonstigen Eigenschaften eine spezifische Qualität verleiht, liegt freilich in der Entschlüsselung der Wahrnehmungsweise der Fremden: Durch sie, respektive durch Louise Banks‘ Bemühungen lernen wir Menschen nämlich das vierdimensionale Denken, also die Fähigkeit, jedwedes biographische Ereignis unabhängig von dem „Wann“ nach Belieben immer wieder durchleben zu können, was uns zwangsläufig auf eine wesentlich höhere interstellare Entwicklungsstufe hievt sowie ein ungleich bewussteres Durchdenken von Entscheidungen und Alternativen ermöglicht. Dass diesem ja durchaus hübschen philosophischen Ansatz allerdings ein eher langwieriges, inszenatorisch natürlich sauberes, aber eher emotionsentledigtes, fahlbildriges Tamtam nebst diffusen Eso-Anleihen vorausgeht, das empfand ich vor allem rückblickend als eher redundant. Wobei ich andererseits auch nicht festzustellen vermochte, wie man’s denn viel besser hätte machen mögen.

7/10

THE BEAST WITH A MILLION EYES

„I’m not easy to get along with, am I?“

The Beast With A Million Eyes (Ausgeburt der Hölle) ~ USA 1955
Directed By: David Kramarsky

Die kleine Familie Kelley besitzt und bewirtschaftet eine kleine Dattelplantage am Rande der kalifornischen Wüste. Probleme hat man hier zur Genüge: Mutter Carol (Lorna Thayer) kommt mit der Isolation nicht zurecht, fühlt sich verschwendet und verbraucht; Tochter Sandra (Dona Cole) muss auf ein gewöhnliches Teenagerleben verzichten und Vater Allan (Paul Birch) versucht, seine zwei Damen mit Mühe und Not stabil zu halten. Dann ist da noch der stumme, schwachsinnige Landarbeiter Er (Leonard Tarver), angesichts dessen Präsenz sich besonders Carol unwohl fühlt. Als ein machtbesessenes Alien nahe der Farm landet, spielen zunächst die Tiere verrückt; dann versucht das Wesen, seinen von Hass und Boshaftigkeit geprägten Willen auch auf die Kelleys zu übertragen…

Eines der schillerndsten Beispiele dafür, welch bizarre Auswüchse der Phantastische Film in seinen kostensparendsten Ausprägungen zu treiben pflegte. „The Beast With A Million Eyes“ ist voll von albernen Momenten und dilettantischen Inszenierungs-Faux-pas‘, gegen die die vergleichsweise nicht mal üblen Darsteller verzweifelt anzuspielen haben: Es beginnt bereits mit der aus dem Off kommenden Ankündigung des Alien, die Menschheit unterjochen zu wollen: Zwingend logisch sucht dieses sich als Basis für seine kommende Invasion den einsamsten und gottverlassensten Flecken am äußerten Westrand der Prärie aus, wo es einen alten Schäferhund und eine nicht minder betagte Milchkuh auf seine Besitzer losgehen lässt. Huhu! Dass weder das eine noch das andere Tier, gefilmt bei alltäglichen Spaziergängen um Haus und Hof, auch nur eine Sekunde bedrohlich wirken, schien weder Einmal-Regisseur Kramarsky, noch seinen unkreditierten Partner Roger Corman sonderlich zu interessieren. Gemäß den Gesetzmäßigkeiten der Biligproduktion (die imdb beziffert das Budgetvolumen auf 23.000 Dollar) verwertete man tapfer die vorhandenen Ressourcen. Die schwelenden Konflikte der Kelleys quellen aus dem vermutlich täglich variierten Script mit veritabler Wendehalsigkeit hervor: im einen Moment versichert Carol noch, dass sie ihre Tochter, die das Gespräch mithört, wegen ihrer Jugend und und Unverbrauchtheit hasse, im nächsten sind die beiden ein Herz und eine Seele. So zieht sich das durch die gesamten glorreichen 75 Minuten. Alien und Rakete bestehen aus notdürftig camouflierten Haushaltsgegenständen, am Lächerlichsten allerdings nimmt sich die narrative Einbindung des Tagelöhners „Er“ aus. Dass Allan seine Ladys und damit quasi auch dem Publikum versichert, „Er“ sei völlig harmlos, fällt angesichts seiner Angewohnheit, in seinem Kabuff mit stierendem Blick Pin-Up-Magazine zu studieren und die Wände mit sorgsam ausgeschnittenen Lieblingsbildern zu bekleben, bereits recht schwer. Als er dann Sandra zum Badeteich verfolgt und sie beim Planschen beobachtet, ist jedwede Hoffnung dahin, der Kerl (übrigens eine potenzielle Paraderolle für den alternden Lon Chaney jr., dem der Film dann aber wohl doch zu abstrus war) sei auch nur im Mindesten das Lämmchen, als das sein Fürsprecher ihn darzustellen pflegt. Den Grund für all das erfahren wir erst ganz gegen Ende: „Er“ heißt in Wahrheit Carl und verdankt seinen buchstäblichen Mangel an Hirnschmalz Allan, der ihn einst im Kriege als Vorgesetzter versehentlich in eine Feindesfalle tappen ließ und sich seither für ihn verantwortlich fühlt. Immerhin darf der Gute dann noch den verdienten Heldentod sterben und auch die Kelleys reüssieren schließlich, weil die Kreatur aus dem All nicht mit der stärksten Geheimwaffe der Menschheit rechnen konnte – der Liebe! Angesichts soviel familiären Zusammenhalts muss jeder extraterrestrische zwangsläufig ab- und/oder die Kurve kratzen, das ist so sicher, wie das Amen in der Kirche. À propos betont „The Beast“ zwar nicht direkt klerikale, dafür aber doch eine ganze Menge guter, amerikanischer Werte. Damit ist er dann doch irgendwie wieder ein Prädikatsfilm, zumindest für alle Zeitgenossen, die vielleicht nicht ganz so clever sind wie „Er“.

5/10

MIDNIGHT SPECIAL

„Good people die every day believing in things.“

Midnight Special ~ USA 2016
Directed By: Jeff Nichols

Das FBI sucht einen gewissen Roy Tomlin (Michael Shannon). Dieser soll einen Jungen namens Alton Meyer (Jaeden Lieberher) aus dem Schoße einer in Texas ansässigen, religiösen Sekte, deren Kopf, ein gewisser Calvin Meyer (Sam Shepard), gleichfalls Altons Adoptivvater ist, entführt haben und nun mit ihm auf der Flucht sein. Offenbar beten die Sektierer Alton als eine Art kommenden Messias an und tatsächlich besitzt das Kind außergewöhnliche Fähigkeiten. Es kann etwa Radiowellen empfangen und replizieren oder gewaltige Energiestöße aus seinen Augen abgeben. Tatsächlich ist Roy Altons leiblicher Vater und handelt keinesfalls entgegen den Wünschen des Jungen. Gemeinsam mit dem ihn unterstützenden State Trooper Lucas (Joel Edgerton) und Altons Mutter Sarah (Kirsten Dunst) fährt Roy einem unbekannten Ziel in der Provinz Floridas entgegen, die Sektierer und die Polizei stets dicht auf den Fersen.

Was genau ich mir von „Midnight Special“ erhofft habe, kann ich im Nachhinein gar nicht mehr recht eruieren, zumal ich vor der Betrachtung praktisch nichts über den Film wusste. Etwas ernüchtert stehe ich nun da, gelinde enttäuscht vielleicht. Was „Midnight Special“ wohl in allererster Instanz werden sollte, ist eine Hommage des Regisseurs und Autors Jeff Nichols an die Welle von Filmen um freundliche Aliens, besondere Kinder und/oder künstliche Entitäten wahlweise auf der Flucht oder mit einem bestimmten Reiseziel vor Augen, mit denen „unsere“ Generation in den Achtzigern aufgewachsen ist. Man erinnere sich an „E.T.“, „Starman“, „Cocoon“, „D.A.R.Y.L.“, „Short Circuit“ oder auch die beiden Sheriff-Filme mit Bud Spencer. Wo allerdings vor rund dreißig und mehr Jahren familiengerechtes, regelmäßig stark emotional besetztes und vor allem vitales Affektkino von oftmals großartigen Geschichtenerzählern entstand, lässt Nichols die noch junge Schule des stillen, verhaltenen „Indie-Filmes“ walten, wie man sie aus seinen vorherigen Filmen kennt.
Obschon Jeff Nichols seine Storys gern um zentralisierte Kinderfiguren herum konstruiert, macht er dezidiert Filme für junge Erwachsene, was zumindest in seinem Falle bereits einen wesensimmanenten Widerspruch in sich trägt. In „Midnight Special“ wird diese Eigenheit erstmals zu einem veritablen Manko. Rund um das formale Bestreben, möglichst wenig narrativen und dramaturgischen Ballast spazieren zu führen und seinem Publikum an dessen Statt das gerade notwendigste Mindestmaß an Hintergrundinformation, kargem Dialog und möglichst ausdrucksstarke Halbtotalen zu unterbreiten, verdeutlicht der Film nicht nur seine unvereinbaren Ansprüche, sondern macht diese darüber hinaus zu einer beinahe schon eklatanten Fehlleistung. Nicht nur, dass Nichols es versäumt, bei seinem Publikum aufrichtiges Interesse zu evozieren, sperrt er es gar vorsätzlich aus und verdammt es zum Status völlig unbeteiligter Außenstehender, denen das wechselvolle Geschehen infolge dessen alsbald geflissentlich gleichgültig werden muss. Aller technischen Professionalität und formalen Geschlossenheit zum Trotze: Möglicherweise ist „Midnight Special“ eine verpasste Chance, möglicherweise auch bloß gehobene filmgewordene Redundanz.

5/10