36.15 CODE PÈRE NOËL

Zitat entfällt.

36.15 Code Père Noël (Deadly Games) ~ F 1989
Directed By: René Manzor

Thomas de Frémont (Alain Lalanne) ist neun Jahre alt, liebt reaktionäre amerikanische Actionfilme, Spiele aller Art und betätigt sich bereits als Nachwuchsprogrammierer. Thomas‘ Mutter Julie (Brigitte Fossey) arbeitet als Kaufhausmanagerin und ist daher auch an Weihnachten noch schwer beschäftigt, sein Großvater (Louis Ducreux) kümmert sich jedoch rührend um den Jungen. Thomas‘ größte Herausforderung zum Fest der Liebe besteht darin, die Existenz des Weihnachtsmannes zu beweisen. Zu diesem Zweck hat der Tüftler die gesamte, heimische Provinzvilla mit Kameras versehen. Der Herr (Patrick Floersheim) jedoch, der im Nikolauskostüm durch den Kamin herabkommt, ist mitnichten der liebe „Père Noël“, sondern ein mörderischer Psychopath, der just zuvor wegen einer Übergriffigkeit von Julie entlassen wurde. Allein in dem riesigen Anwesen muss sich Thomas gegen den tödlichen Weihnachtsmann zur Wehr setzen…

Als finsteres Märchen mit kindlichem Protagonisten, das sich dennoch an ein primär erwachsenes Publikum richtet, verortet sich „36.15 Code Père Noël“ irgendwo in der Genealogie zwischen Filmen wie „Night Of The Hunter“, „Something Wicked This Way Comes“, „Lady In White“ und „The Reflecting Skin“, in denen jeweils halbwüchsige Helden mit furchtbaren Erfahrungen und somit traumatischen Erkenntnissen über die Schattenseiten der Existenz konfrontiert werden. Auch Manzors Film, für dessen Genuss man als mündiger Zuschauer ein gerüttelt‘ Maß an Akzeptanzflexibilität aufbringen muss, gestattet sich dabei trotz aller Konsequenz immer wieder auch notwendige, ironische Brüche. Schon die Anfangssequenz, die mit einer abgewandelten Variation von „Eye Of The Tiger“ unterlegt ist, zeigt Thomas, wie er sich am Heiligmorgen martialisch ausstaffiert, um im Zuge eines seiner Kriegsspiele (die heimische Villa fungiert dabei für ihn wie ein gigantischer Abenteuerspielplatz) den Hund als Gegner zu jagen. Die Sequenz verbindet in einer Eins-zu-Eins-Montage einstellungsgetreu die beiden „Präparationsszenen“ aus „Rambo: First Blood Part II“ und „Commando“, in denen sich Stallone bzw. Schwarzenegger unter schwitzigem Muskelspiel waffenstarrend ausstaffieren, um sich hernach ihrer jeweiligen Mission widmen zu können. Zugleich ist Thomas bei aller technischen wie intellektuellen Hochbegabung jedoch auch noch ganz kleiner Junge, der sich den Zauber des Weihnachtsfests durch den festen Glauben an Père Noel, wie der Nikolaus in Frankreich gerufen wird, weiterhin präserviert. Sein ehrgeiziger Versuch, dessen Existenz zu beweisen, endet jedoch in der schlimmstmöglichen Bestrafung, die ein derartiger Frevel, also die radikale Konfrontation von Glauben und Vernunft, nach sich zu ziehen vermag: Die erste Handlung des eingedrungenen, psychotischen Weihnachtsmanns besteht darin, Thomas‘ Hund abzustechen. Was Manzor bereits zuvor als latente Bedrohlichkeit zeichnete, bricht sich hier endgültig Bahn; der Killer, der zu diesem Zeitpunkt bereits die Familie des Verwalters auf dem Gewissen hat, wird nicht davor zurückschrecken, in mörderischer Absicht auch auf Thomas und seinen halbblinden Großvater loszugehen. Einzig die Findigkeit des Jungen und seine wiederum kindlich bedingte Gabe, das Duell gegen den Irren wie eine seiner vielfach erprobten, kombattanten Spielsituationen zu begehen, helfen ihm, den Kampf erfolgreich durchzustehen. Wie und ob Thomas sich nach dieser gewaltsam-abrupten Negation aller infantilen Magie psychisch gesund weiterentwickeln soll, daran dürften nach Filmende berechtigte Zweifel bestehen.

7/10

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A QUIET PLACE

„It’s a boy.“

A Quiet Place ~ USA 2018
Directed By: John Krasinski

In naher Zukunft wird die Erde zum Opfer einer Invasion von Aliens. Die ausschließlich auf ihren Gehörsinn angewiesenen, wegen ihrer Reflexe scheinbar kaum zu tötenden Kreaturen bewegen sich blitzschnell und schlagen beim kleinsten vernehmbaren Laut zu. Für die auf einer Farm im ländlichen Teil New Yorks lebende Familie Abbott, Vater Lee (John Krasinski), die schwangere Mutter Evelyn (Emily Blunt), Söhnchen Marcus (Noah Jupe) und die ältere, fast gehörlose Tochter Regan (Millicent Simmons) wird in dieser bereits fast menschenleere Welt jede Sekunde zu einem Spießrutenlauf. Ihren Jüngsten Beau (Cade Woodward) haben die Abbotts aufgrund von Unvorsichtigkeit bereits verloren. Die bald bevorstehende Geburt des Babys veranlasst die Familie zu besonderen Vorsichtsmaßnahmen, so wird eigens ein schalldichter Keller unter dem Hauptgebäude ausgebaut. Eines Tages kommt es dann doch zur befürchteten Konfrontation mit den Monstern, als Lee und Marcus die Gegend erkunden und die kurz vor der Niederkunft stehende Evelyn daheim auf einen Nagel tritt…

Wie ich erst seit „A Quiet Place“, also recht aktuell, weiß, ist John Krasinski nicht nur der Ehemann von Emily Blunt, sondern auch ein im Filmfach ziemlich umtriebiger Herr, der selbst häufig als Schauspieler arbeitet, produziert, schreibt und hiermit bereits seinen dritte Inszenierungsarbeit vorgelegt hat. Zumindest im (phantastischen) Genrefach ist Krasinski allerdings noch ein unbeschriebenes Blatt, beweist mit „A Quiet Place“ jedoch, dass er die erforderliche Klaviatur ordnungsgemäß studiert hat und beherrscht.
Zwar hatte ich (bei der eben allseits abgeackerten Motivlage um Alieninvasions-, Endzeit- und Belagerungsfilme kein Wunder) auch bei diesem Werk nie das Gefühl, etwas wirklich Neues oder gründlich Innovatives zu sehen; von dieser Erwartungshaltung, so sie denn überhaupt noch vorkommt, sollte man sich jedoch ohnehin verabschieden.
Dann bleibt ein rund um das einfallsreiche Gimmick der erzwungenen Geräuschlosigkeit entsponnenes Familiendrama, in dem es an deren vier Mitgliedern ist, das Beste aus der höchst konzentrationsabhängigen Zeit herauszuholen, in der sie leben muss. Das unabdingbare Trauma kredenzt Krasinski uns gleich als Exposition; mit dem kleinen Beau, der, unbedarft wie er ist, eine batteriebetriebene Spielzeugrakete aufheulen lässt, führt der Film auch gleich die tödliche Bedrohung ein – Beau wird auf affektiv und emotional höchst nachhallende Weise Opfer der Aliens; die Abbotts sind fortan zur stillen Trauer verdammt. Ein Zeitsprung von ein paar Monaten führt den Zuschauer zur nächsten lauernden Tragödie – ein Baby kommt. Neues Leben bedeutet in einer zur Lautlosigkeit verdammten Welt allerdings zugleich den Tod. Die insofern eingeschränkt enthusiastischen Eltern sind sich dessen sehr wohl bewusst und tun verzweifelt alles, um dem Unabwendbaren gerüstet zu begegegnen. Erwartungsgemäß spielen die bloßen Schwächen verletzlicher Menschlichkeit und die daraus resultierende Beziehungsdynamik ihnen gegen das Blatt und es gilt, einen letzten Kampf zu schlagen, der, auch das eine bewusste Konstellation, auf den traditionsträchtigen Showdown Mutter vs. Monster hinausläuft. Dass ausgerechnet die pubertierende, hörbehinderte Tochter ein probates Mittel zur Schwächung der übermächtigen Monster findet, lässt sich als hübsch zeitgemäße Volte an. Die Tatsache schließlich, dass dazwischen einige wirklich saumäßig fesselnde, bravourös arrangierte Spannungsmomente liegen, von deren Akzentuierungsgrad andere Regisseure träumen können, rundet diesen ziemlich sehenswerten Film nach oben ab.

7/10

DUEL AT DIABLO

„I was better off with the Indians!“

Duel At Diablo (Duell in Diablo) ~ USA 1966
Directed By: Ralph Nelson

Der frühere Scout Jess Remsberg (James Garner) findet in der Wüste die von kriegerischen Apachen bedrohte Krämersfrau Ellen Grange (Bibi Andersson) und nimmt sie mit zur nächsten Stadt – ganz zu ihrem eigenen Unwillen und auch dem ihres Mannes Willard (Dennis Weaver), der sie eigentlich gar nicht mehr zurückhaben will. Remsberg erhält dort außerdem Kenntnis darüber, dass seine eigene Frau, eine Komantschin, von einem Unbekannten brutal ermordet wurde. Außer sich vor Rachedurst erfährt er, dass Marshall Clay Dean (John Crawford) in Fort Concho wohl mehr über die Bluttat weiß und macht sich auf den Weg durch die Wüste. Parallel dazu bricht auch ein kleiner Kavallerie-Trek nach Concho auf, den neben dem Ex-Sergeant und Pferdeexperten Toller (Sidney Poitier) auch Willard Grange zu Handelszwecken begleitet. Die Gruppe wird von den Apachen überfallen und sitzt fest. Remsberg, der zuvor die ausgerückte Ellen, die, wie sich herausstellt, ein Baby bei den Apachen hat, zurückholt und sich daraufhin allein nach Concho durchschlägt, ist die letzte Hoffnung der Belagerten.

Ralph Nelsons erster Western ist anders als der später entstandene, wütende „Soldier Blue“, noch ein sehr traditionsverhaftetes, klassisches Genrestück, dem es vor allem um Dynamik, Spannung und Action geht. Die thematischen Zwischennuancen bleiben eher in der zweiten Reihe haften: Die Unmöglichkeit von Rot und Weiß, eine funktionale Beziehung über die Schranken hinweg aufzubauen, etwa. Während Jess Remsbergs Frau ermordet und skalpiert wird, nur, weil sie eine Indianerin ist, hat sich Ellen Grange mit ihrem Schicksal, ursprünglich gewaltsam von den Apachen entführt und von einem der ihren zu seiner „Frau“ gemacht worden zu sein, schon deshalb verzweifelt arrangiert, weil ihr seither in der feinen, weißen Zivilisations-Gesellschaft niemand mehr über den Weg traut. Dass beide Schicksale, also die von Remsberg und Ellen, miteinander verwoben sind, behält der Film bis zum letzten Fünftel für sich und lässt dann sozusagen seinen göttlichen Zorn in Form böser Apachenfolter auf den enttarnten Mörder herabregnen.
Überaus interessant ist derweil, wie Poitiers Figur ins Narrativ integriert wird. Sein Status als Afro-Amerikaner spielt nämlich überhaupt keine Rolle für die Entwicklung des Films, als sei es im Westen der Zeit nach dem Sezessionskrieg respektive 1967 eine Selbstverständlichkeit, dass ein afroamerikanischer Dandy sämtliche im Film vorkommenden Weißen einschließlich des Haupthelden an Intelligenz, Können, Chuzpe, Stil, Selbstbewusstsein und Cleverness mühelos in den Schatten stellt. So etwas ging damals wohl auch nur mit Sidney Poitier, wobei man Nelson zu seinem Ansatz, ebenjene Tatsache erst gar nicht zum Thema zu machen, sondern sie schlicht als gegeben zu formulieren und ihr damit erst gar keine unnötige Brisanz zukommen zu lassen. Tatsächlich eine unbedingt probate Methode für einen Diskurs in Richtung Rassismus – man räumt ihm erst gar keinen Raum ein und erstickt ihn somit quasi vor der Geburt.
Der Rassismus in „Duel At Diablo“ ist ausschließlich ein Thema zwischen Indianern und Weißen und seine Natur nicht auf ethnischen oder genetischen Differenzen fußend, sondern eine reine Frage von unausgeglichenen Machtverhältnissen und Territorialität. Nelson schließt seinen Film mit dem Dialog „I wonder if they’ll stay on the reservation this time.“ – „Why should they?“ und macht damit seine heimlichen Sympathien deutlich. Dass diese nicht beim Büro für Indianerangelegenheiten liegen und auch nicht bei weißen Siedlern, Offizieren und Politikern, formulierte Nelson vier Jahre danach umso eindringlicher, mit Blut und Feuer.

8/10

RIDING SHOTGUN

„I didn’t want to draw, especially against the law, but nobody was taking my gun away from me.“

Riding Shotgun (Dieser Mann weiß zuviel) ~ USA 1954
Directed By: André De Toth

Gunman Larry Delong (Randolph Scott) arbeitet als Postkutschen-Eskorteur, sucht privat jedoch in erster Linie nach dem Mörder seiner Schwester und seines Neffen, dem Outlaw Dan Marady (James Millican), der sich mit seiner Gang irgendwo im Hinterland versteckt. Als Maradys Leute just die Kutsche überfallen, die Delong momentan bewacht, den Fahrer töten und Delong gefangensetzen, gelingt es diesem zunächst zu entkommen. Im Städtchen Sweet Water ist man jedoch durchweg davon überzeugt, der Tote ginge auf Delongs Konto, wobei auch dessen eminenteste Beteuerungen, dass Marady plane, das örtliche Casino zu überfallen, die engstirnigen Bewohner nicht überzeugen können. Delong ist schließlich gezwungen, sich in einer kleinen Cantina zu verschanzen, während Marady in aller Seelenruhe das Casino ins Visier nehmen kann…

Im vorletzten Film seines sechsteiligen Westernzyklus mit und um Randy Scott griff Genre-Pro André De Toth das um die Zeit des McCarthyismus immer wieder beliebte und häufig bediente Motiv der in einer üblen Kombination aus Feigheit und Misstrauen gefangenen Kleinstädter auf, die den wahren Helden der Geschichte nicht nur verkennen, sondern ihm und seinem Gerechtigkeitspfad zudem noch gewaltige Steine in den Weg rollen und ihn gar abzuservieren trachten. Die vielsagend betitelte Stadt Sweet Water scheint voll von stieseligen, alten Männern, die ihr Hab und Gut in Gefahr sehen und deren faktisch grundloses Misstrauen gegen Larry Delong sich von Minute zu Minute mehr hochschaukelt, bis sie vereint zu offener Lynchjustiz bereit sind. Als problematisch für den zu Unrecht beschuldigten erweist sich zudem die Tatsache, dass der Sheriff der Stadt, ein Freund Delongs, mit einigen Männern unterwegs ist, um den Postkutschenüberfall vor Ort zu untersuchen und dieser daher nur auf eine verschwindend kleine Handvoll vernünftig bleibender Alliierter zählen kann.
Überhaupt liegt die große Stärke des Belagerungswesterns „Riding Shotgun“ in der sorgfältigen bis sanft ironischen Zeichnung seiner oftmals lustvoll unsympathischen Nebencharaktere; als da wären der hilflose, verfressene Deputy Murphy (Wayne Morris), dem es an der rechten Chuzpe mangelt, im entscheidenden Moment Vehemenz zu zeigen oder der kleingeistige, mexikanische Kneipier Fritz (Fritz Feld), dessen unendlicher Stolz einem ordinären Barspiegel gilt und der als beredter Opportunist selbst seine Mutter verraten würde. Auch Charles Bronson ist wieder an Bord als Bandit Pinto, der sich zu Delongs Glück zu dämlich anstellt, um diesen rechtzeitig aus dem Wege zu schaffen.
Dieses Panoptikon stetig nörgelnder, allzu impulsiver Dummköpfe, die den Revolver sehr viel lockerer sitzen haben als ihnen guttut, mag man durchaus als eine kleine, aber spitze Bestandsaufnahme quasi uramerikanischer Befindlichkeiten erachten, die sich auch heute noch, in Zeiten, in denen niemand Geringer denn der amtierende US-Präsident persönlich als repräsentstiver Bewohner Sweet Waters durchginge, ungebrochener Aktualität erfreut. Einziges Manko dieser ansonsten wiederum gelungenen De Toth/Scott-Kollaboration: Das ziemlich redundante, manchmal allzu geschwätzig wirkende voiceover des Helden, das de facto niemand braucht – am Wenigsten der Film selbst.

8/10

THE PURGE

„We’re gonna fight.“

The Purge ~ USA/F 2013
Directed By: James DeMonaco

Nachdem Amerika die neue Partei NFFA (New Founding Fathers of America) zur Regierungsadministration ernannt hat, ändern sich die Dinge im land of the free geflissentlich. So gibt es nun einmal im Jahr, am 21. März, die landesweite „Purge-Nacht“, während der zwölf Stunden lang jedwede Straftat einschließlich Mord und Totschlag erlaubt sind. Sämtliche Behörden und Dienstleister, einschließlich Polizei und Ärzten, sind derweil off duty. Was nun vorgeblich die Funktion hat, die Verbrechensraten zu senken und dem Bürger alle 12 Monate die Gelegenheit zu geben, die Sau und somit Aggressionsstau und Frust rauszulassen, dient in Wahrheit primär ökonomischen Interessen: Bei der Purge werden vor allem sozial schwach gestellte und wehrlose Menschen wie Obdachlose zu Opfern, was wiederum die staatlichen Sozialausgaben senkt, derweil die Waffenverkäufe sprießen wie ein Frühlingsbeet. Auch Familienvater James Sandin (Ethan Hawke) verdankt der Purge sein hübsches Auskommen – er verkauft Haussicherungssysteme und hat unter anderem die ganze, exklusive Nachbarschaft mit seinen Apparaturen versorgt. Als die diesjährige Purge-Nacht im Gange ist, lässt Sandins liberal gestrickter Sohnemann Charlie (Max Burkholder) einen um sein Leben laufenden, farbigen Obdachlosen (Edwin Hodge) ins Haus. Daraufhin versammeln sich dessen maskierte Verfolger – offenbar allesamt Kids aus reichen Elternhäusern – im Vorgarten der Sandins, verlangen die Herausgabe des Mannes und drohen mit der Erstürmung des Hauses. Und das ist noch nichteinmal das einzige Problem, dass die Sandins in dieser Nacht erwartet…

Nun habe ich mich dann auch einmal – gähn – durch James DeMonacos „Purge“-Trilogie gepflügt, die Kiste ist ja zum Glück relativ schnell abgefrühstückt. Zunächst einmal springt einem die ungeheure Einfalt dieser aus der Blumhouse-Factory stammenden, kleinen Reihe ins Auge – unter allen (Film-) Dystopien, die es im Laufe der letzten einhundert Jahre so gegeben hat, dürfte dies jedenfalls eine der mit Abstand dümmsten und undurchdachtesten sein. Ich sehe es nicht als meine Aufgabe an, Warum-Fragen zu stellen oder nach Logiklöchern zu fahnden. Das überlasse ich lieber anderen. Dennoch trüben genau diese kleinen Juckstellen den ruhigen Fluss von „The Purge“ ganz immens und sollen insofern zumindest in ihrer evidenten Masse nicht unerwähnt bleiben.
Im Prinzip haben wir hier nichts Anderes als ein zigmal durchgespieltes Belagerungs- und Home-Invasion-Spiel, wie es spätestens seit „Rio Bravo“ ein Genrestandard ist. Der große böse Wolf sitzt vorm stabilen Gebäude und pustet emsig, derweil Familie Sandin und ihr flüchtiger „Hausgast“ in der Falle hocken. Das immerhin akkurat ausgearbeitete Actionszenario macht natürlich ganz bewusst jedwede Sozialsatire und/oder Gesellschaftskritik redundant, und das ganz bewusst. Immer wieder, wenn das Script sich Zeit für entsprechende Diskurse und Verhandlungen herausschlägt, wird es albern und schädlich. Es macht also durchaus Sinn, sich einzig und allein auf die Spannungsmomente und die sich gegen Ende hin endlich zuspitzenden, deftig inszenierten Konflikte und Duelle zu konzentrieren, im Zuge derer DeMonaco dann doch noch gewisse Stärken herausstellen kann. Nur das ganze Drumherum um eine scheindemokratische, reaktionäre Regierungsclique will einfach nicht recht reinlaufen. Dass sich damit der gesamte Film die Hälfte seines Wassers abgräbt, ist schade, aber nicht zu ändern.

6/10

THE VOID

„You’d be surprised at the things you find when you go looking.“

The Void ~ CAN 2016
Directed By: Jeremy Gillespie/Steven Kostanski

Als Deputy Carter (Aaron Poole) während seiner nächtlichen Streife einen Junkie (Evan Stern) aufgreift und zum nahegelegenen Krankenhaus bringt, ist dies der Beginn eines Albtraums: Während sich vor dem Gebäude eine seltsame Gruppe stummer, vermummter Sektierer versammelt, drehen nach und nach Belegschaft und Patienten wahlweise durch oder verwandeln sich in schleimige Monster. Als Urheber des Grauens erweist sich Chefarzt Dr. Powell (Kenneth Walsh), der ganz spezielle Pläne verfolgt und im Keller des Hospitals ein Speziallabor verbirgt…

Als Episode in einem Anthologie-Film wäre „The Void“ besser aufgehoben gewesen, wie ich glaube; zumindest hätte eine entsprechend notwendige Straffung Plot und Film diverse dramaturgische Durchhänger erspart und den der Geschichte durchaus innenwohnenden Zug wesentlich konzentrierter herausschälen können. So weiß „The Void“ manchmal nicht recht, wohin mit sich, um seine obligatorischen eineinhalb Stunden Erzählzeit adäquat auszufüllen. Es gibt immer wieder Momente, die Potenzial, Können, Kenntnis und sogar die Tendenz zu genuiner Großartigkeit durchschimmern lassen – das nicht abzuleugnende Problem liegt jedoch darin, dass ebendiese Augenblicke zu keiner kompositorischen Einheit finden, stattdessen solitäre Blitzlichter bleiben innerhalb eines Films, den man gern sehr viel besser finden würde.
Wie die allermeisten jüngeren Genrefilmer erweisen auch die Regie- und Autorendebütanten Gillespie/Kostanski, die an einigen größeren Produktionen der jüngeren Zeit als Kreativköpfe im Hintergrund mitgearbeitet haben, sich als gelehrige Studierende und Absolventen ihrer Hausaufgaben: Neben Lovecraft als konsequentem literarischen Einfluss schimmern vor allem Carpenter und Fulci als omnipräsente Inspiration durch die diesigen Eingeweide des höllischen Krankenhauses. Während sich im Falle Carpenter gar aus etlichen seiner Arbeiten Motive entdecken lassen (durchaus trinkspielgeeignet), ist es betreffs Fulci vor allem die Ausrichtung des Ganzen, die mit fortlaufender Spieldauer augenscheinlich immer konfusere, unirdischere Bahnen annimmt, bis hin zur totalen Auflösung von Zeit und Raum.
„The Void“ gehört somit gewiss zu den besseren Horrorfilmen der jüngeren Zeit; ihren wirklich großen, nachhaltigen Beitrag zum Genre bleiben uns die beiden Autoren allerdings noch schuldig.

6/10

NORTH WEST FRONTIER

„Be thankful you’re living and trust your luck, march to your front like a soldier.“

North West Frontier (Brennendes Indien) ~ UK 1959
Directed By: J. Lee Thompson

Indien, 1905: Ein Maharadscha (Frank Olegario) sieht sich mit muslimischen Aufständischen konfrontiert, die sein Hoheitsgebiet in ihre Gewalt bringen. Es gilt nun, den sechsjährigen Sohn und Nachfolger des Fürsten, Prinz Kishan (Govind Raja Ross), vor den Rebellen in Sicherheit zu bringen, die den Jungen als Symbol der ihnen verhassten Regentschaft lynchen wollen. Der britische Captain Scott (Kenneth More), Catherine Wyatt (Lauren Bacall), die amerikanische Gouvernante des Jungen und eine kleine Reisegemeinschaft brechen mit einer alten Dampflok aus der von Flüchtigen übersäten Stadt Haserabad aus, um das nordwestlich gelegene Kalapur zu erreichen, wo der Prinz in Sicherheit wäre. Auf ihrer gefährlichen Fahrt werden sie mit immer neuen Gefahren konfrontiert und ein Teilnehmer der Reise entpuppt sich als Saboteur der Gegegenseite.

Vortreffliches Abenteuerkino, das sich gleichsam als besondere Empfehlung des Briten J. Lee Thompson für seine bald darauf beginnende Hollywoods-Karriere begreifen lässt. Mit Ausnahme des weiblichen Stars Lauren Bacall sind daher vornehmlich in England tätige Darsteller vertreten, darunter die charismatischen Gesichter Herbert Loms, Wilfrid Hyde-Whites sowie der alternden Ursula Jeans, die selbst noch aus dem kolonialistischen Indien stammt. Das ursprünglich von Frank S. Nugent, einem von John Fords späteren Hausautoren, verfasste Script zieht eine ganze Anzahl an Spannungsregistern, die dafür Sorge tragen, dass das mit einer recht stattlichen Erzählzeit begüterte, bunte Werk sein Publikum konstant bei der Stange hält und man immer ganz bei den liebevoll charakterisierten Figuren bleibt. Heimlicher Star des Films dürfte tatsächlich der wie immer brillante Lom sein, den Thompson bereits relativ früh als muslimischen Attentäter preisgibt, der es, getarnt als liberaler Journalist Van Leyden, auf das unschuldige Leben des Prinzen abgesehen hat. Insbesondere jene Situationen, in denen Van Leyden mit dem Kind allein ist und versucht, ihn zum Opfer eines „zufälligen“ Unfalltodes zu machen, ziehen die Suspensekurve immer wieder mächtig an, wobei speziell eine berühmte, auf einer maroden Eisenbahnbrücke über einer Schlucht lokalisierte Sequenz sich als meisterlich inszenierter Nägelkauer erweist.
„North West Frontier“ soll ferner eine thematische Variation des im Vorjahr entstandenen Kriegsfilms „Ice Cold In Alex“ sein, den ich noch nicht kenne, und jetzt mal ganz flugs auf meine akute watchlist gesetzt habe. Nicht zuletzt deshalb freilich, weil „North West Frontier“ mir rundum ausgezeichnet gefallen hat.

9/10