A CIVIL ACTION

„The truth? I thought we were talking about a court of law.“

A Civil Action (Zivilprozess) ~ USA 1998
Directed By: Steven Zaillian

Der Rechtsanwalt Jan Schlichtmann (John Travolta) und seine drei Kompagnons Kevin Conway (Tony Shalhoub), James Gordon (William H. Macy) und Bill Crowley (Zeljko Ivanek) betreiben eine auf Schadensersatz spezialisierte Kanzlei in Boston. Von seinen zahlreichen Kritikern abschätzig „Krankenwagenjäger“ tituliert, vertrittt Schlichtmann seine Klienten pro bono und kassiert ausschließlich im Erfolgsfall, der in der wohlfeil kalkulierten Regel und in Form kostspieliger Vergleiche auch eintritt, zumal die Kanzlei vorrangig besonders öffentlichkeitswirksame Fälle übernimmt. Weniger interessant erscheint da eine Sammelklage von Eltern aus der Kleinstadt Woburn, die ihre Kinder allesamt durch Leukämie verloren haben. Dennoch reizt Schlichtmann der Fall und er nimmt das Mandat an; mittelbar beklagt wird eine ortsansässige Gerberei, die von zwei millionenschweren Großunternehmen mitfinanziert wird. Deren Betreiber John Riley (Dan Hedaya) soll über Jahre hinweg Giftmüll ins Erdreich abgeleitet haben, wodurch die örtliche Wasserversorgung kontaminiert wurde. Der durch rechtssichere wissenschaftliche Analysen entstehende finanzielle Aufwand treibt Schlichtmanns Kanzlei, die unter seiner immer idealistischer werdenden Regie diverse Vergleichsangebote der Gegenseite ablehnt, in den finanziellen Ruin.

Als hollywoodsches Courtroom-Qualitätskino erster Garnitur greift der doppeldeutig betitelte „A Civil Action“ einen authentischen Fall aus den Spätachtzigern auf. Die porträtierten Personen und Ereignisse entsprechen durchweg der Realität, sanfte dramaturgische Zugeständnisse inbegriffen. Zaillians Film geriert sich als das, was man als eine „sichere Nummer“ bezeichnen darf; ein Gerichtsdrama, das seinen kapitalismuskritischen „David gegen Goliath“-Habitus via formidabler Besetzung mit stolz geschwellter Brust ausstellt und weiterhin auf der Symathieskala punktet mit einem vormals öligen Justizschaumschläger als Protagonisten, der im Angesicht verzweifelter Kleinstädter seine Moral und Menschlichkeit entdeckt und jene neugewonnene Integrität um den Preis der eigenen materiellen Sicherheit bis zur letzten Konsequenz verteidigt. Travolta spielt diese Rolle in seiner Post-Comeback-Phase mit dem Glanz möglicher Academy-Weihen im Blick sehr viel zurückhaltender als üblicherweise in diesen Jahren, die den etwas aufgedunsenen Tänzer von einst zumeist in grell überspitzten Parts präsentierten. Das Resultat kann durchaus überzeugen, sieht sich in Anbetracht von Schauspieltitanen wie Robert Duvall jedoch gleichfalls unüberwindlichen Limitierungen gegenüber. Vor allem die Szenen, in den denen sich Travolta und sein Antagonist, ein heimlicher advocatus diaboli, der die Multis vertritt und nebenbei in Harvard lehrt, wie man als aufstrebender Rechtsbeistand Berufsethos gegen Erfolgsstreben aufwiegen sollte, machen dies deutlich. Duvall, exzellent wie eh und je, vollzieht scheinbar mit links, wofür Travolta sich sein ganzes Leben lang vorbereitet zu haben scheint – Film und Realität reziprozieren sich für einen kurzen Augenblick.
Zweifellos ist „A Civil Action“ vor allem ein Geschenk an seine bis in Kleinstrollen glamourös besetzte Darstellerriege. Starautor Steven Zaillian begnügt sich in seiner zweiter Regiearbeit indes mit der verhältnismäßig schnöden Zurückhaltung, die ein Sujet wie das vorliegende üblicherweise bedingt. Inszenatorisch passt das von sanfter Kameraarbeit (Conrad L. Hall) und melancholischer Farbgebung geprägte Werk dann auch eher in die frühen Achtziger, als die letzten Ausläufer New Hollywoods sich noch einmal gegen das sukzessive Wiederstarken des kommerziell orientierten Kinos aufzubäumen versuchten.

7/10

THE MAURITANIAN

„Either wear the Jersey or get off the field.“

The Mauritanian (Der Mauretanier) ~ UK/USA 2021
Directed By: Kevin Macdonald

Nach den 9/11-Anschlägen fordert der von Bush Jr. und Rumsfeld deklarierte Krieg gegen den Terror Angeklagte, Schuldige und notfalls auch Sündenböcke. Als einer der mutmaßlichen Drahtzieher der Katastrophe wird der Mauretanier Mohamedou Ould Slahi (Tahar Rahim) im November 2001 in seiner Heimat festgenommen und in das Militärgefängnis Guantánamo verschleppt. Etwas über drei Jahre später wird die Staranwältin und Menschenrechtsaktivistin Nancy Hollander (Jodie Foster) auf Slahis Fall aufmerksam und reist nach Kuba, um sich seines Zustandes zu versichern und Slahi anzubieten, ihn vor Gericht zu vertreten. Parallel dazu wird der eherne Marine Stuart Couch (Benedict Cumberbatch) mit Slahis formeller Anklage betraut und sieht seine Aufgabe zunächst voller Elan entgegen. Doch sowohl Hollander als auch Couch erhalten keine Einsicht in die offiziellen Verhörprotokolle Slahis, der zu diesem Zeitpunkt längst ein Geständnis bezüglich seiner Mitwirkung bei den Anschlägen unterschrieben hat. Verteidigerin und Ankläger stoßen gleichermaßen auf eine Mauer des Schweigens und der Geheimhaltung; Zensur, geschwärzte Berichte und fehlende Freigaben erschweren ihre Vorbereitung auf den Fall immens. Schließlich erfahrend beide den Grund: Slahis Geständnis wurde durch gezielte Folter und Bedrohung erzwungen, eine offizielle Begründung für seine Inhaftierung gab es nie. Im Frühjahr 2010 wird Slahi in erster Instanz freigesprochen, doh es dauert noch sechs weitere Jahre, bis er aus der Gefangenschaft entlassen wird.

Kevin Macdonalds sechster Spielfilm nach einer immerhin siebenjährigen Pause basiert auf Mohamedou Ould Slahis niedergeschriebenen Memoiren „Guantánamo Diary“, die sich mit seiner rund vierzehn Jahre währenden Gefangenschaft auf dem kubanischen Marine-Stützpunkt befassen. Möglicherweise ist „The Mauritanian“ Macdonalds beste, fesselndste Arbeit bislang, seine Dokumentationen nicht berücksichtigend. Gewiss – ein Stoff wie dieser ist a priori von gewaltiger Prestigeträchtigtkeit und bereits rein prinzipiell ein Gewinner und Publikumsliebling. Umso wichtiger jedoch ist es andererseits, Klischees und überborderndes Pathos zu umschiffen und ein fiktionalisierte Version der Ereignisse auch langfristig valide dastehen zu lassen. Genau das gelingt Macdonald jedoch; „The Mauritanian“ besitzt zum einen alle wichtigen Charakteristika eines guten Politthrillers und macht die Geschichte Slahis als Repräsentation für die in Guantánamo unter der Protegierung der US-Regierung, der CIA und des Militärs durchgeführten Praktiken umso ergreifender. Macdonald offenbart sich hier als legitimer Erbe großer Ahnherren wie Constantin Costa-Gavras, Alan J. Pakula oder Oliver Stone und deren entsprechenden Werken, die es allesamt zu ihrer Zeit vortrefflich verstanden, im Namen angeblich freiheitlich konnotierter Staatsräson ungeheuerliche Vorgänge in Form fesselnder Spielfilme aufleben zu lassen. Der dräuenden Frage danach, ob ein dramaturgisch aufbereiteter, kommerzorientierter und mit Stars aufbereiteter Abriss in jener medialen Form, der sich ferner stets von der unter Umständen tendenziösen Signatur seiner AutorInnen gebeugt wähnen muss, überhaupt einen sittlichen oder gar moralischen Wert bekleidet, muss sich ein jedes Kunstprodukt berechtigterweise immer wieder aufs Neue stellen. Andererseits darf der didaktische Impact all jener oftmals hervorragenden Filme nicht unterschätzt werden, sind sie doch stets dazu angetan, Geschichts- und Nachrichten- und Informationsmuffel wenngleich auf unterhaltsame Weise mit der Nase voran auf Sujets zu stoßen, die sie andernfalls möglicherweise nie erreicht hätten und sei es auch nur, um ein vages Interesse anzustoßen, das gegebenenfalls in weitere, intensive Beschäftigung mündet. „The Mauritanian“, der am Ende seinen authentischen Titelhelden zeigt, frohgemut, lachend, gelöst und bar allen doch so verständlichen Verdrusses, gehört genau in diese Phalanx. Wenn es sein Glaube ist, der diesen um etliche Jahre seines Lebens betrogenen Mann so ungebrochen zuversichtlich erscheinen lässt, dann, in schā‘ Allāh, kann nicht alles daran falsch sein. Und aufrichtige, pointierte Kritik an der fetten, alten Sau Amerika und ihren Tausenden von Ferkeln ist ja schon im Grundsatz eh immer zu begrüßen.

9/10

MOBSTERS

„This ain’t money, Tommy. This is friendship.“

Mobsters (Die wahren Bosse) ~ USA 1991
Directed By: Michael Karbelnikoff

New York in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts: Ihrer unterschiedlichen ethnischen Abstammung zum Trotz werden die vier Nachwuchsgangster Charlie Luciano (Christian Slater), Meyer Lansky (Patrick Dempsey), Benny Siegel (Richard Grieco) und Frank Costello (Costas Mandylor) eingeschworene Freunde und Partner. Protegiert von dem Alkoholschmuggler Arnold Rothstein (F. Murray Abraham) gelingt ihnen der Aufstieg zu ernstzunehmenden Konkurrenten der beiden alteingesessenen Mafiabosse Don Faranzano (Michael Gambon) und Don Masseria (Anthony Quinn), die sich zuvor stets bloß gegenseitig bekriegt haben und nun versuchen, Luciano jeweils für ihre Familie zu instrumentalisieren. Dass sie dabei jedoch alles andere als zimperlich vorgehen, wird den beiden Altpatriarchen bald zum blutigen Verhängnis.

Amerika und damit auch Hollywood lieben ihren historischen Gangster und die ihn umspannende Mythologie. Die entsprechende Figur bildet einen Archetypus des Films und avancierte seit dessen Anfängen zugleich zum steten Dauergast und damit elementarem Baustein des Kinos. Insbesondere die Ära der Prohibition und daran anschließend die der Großen Depression haben dabei die größten und dankbarsten Milieugrößen hervorgebracht, darunter die in „Mobsters“ ziemlich semiauthentisch porträtierten New Yorker Tommy-Gun-Legenden. Die erste von nur zwei Regiearbeiten von Michael Karbelnikoff bildet dabei einen eher halbherzigen Versuch der produzierenden Universal, sich ein Stückchen vom Kuchen der großen Doppel-Gangsterfilm-Saison 90/91 zu sichern. Allein 1991 wurden nebenbei gleich drei Filme produziert, in denen Benjamin „Bugsy“ Siegel eine mehr oder weniger elementare Rolle spielte, darunter der vorliegende.
Im Gegensatz zu den meisten überaus gelungenen und teilweise längst zu Klassikern avancierten Unterweltepen seiner Ära muss man „Mobsters“ allerdings bescheinigen, ziemlich krachend gescheitert zu sein, wenn auch in nicht uninteressanter Weise. Das rund vierzehn Jahre (von 1917 bis 1931, dem Gründungsjahr der „Commission“, des Dachverbands der Cosa Nostra) währende, ebenso komplexe wie ereignisreiche golden age des Aufstiegs von Luciano, Costello, Lansky und Siegel quetscht der Film in ein hundertminütiges Erzählkorsett und kann damit freilich nur scheitern. Für die Interpretationen der vier tatsächlichen, mit Ausnahme vielleicht von Siegel physiognomisch tatsächlich allen Klischees entsprechenden Protagonisten, zog man ausgerechnet die bildhübschen Sonnyboys Slater, Dempsey, Grieco und Mandylor heran, damals alle Anfang bis Mitte 20 und gewiss bestens dazu angetan, als Brecher flatternder Mädchenherzen anzutreten, nicht aber unbedingt als verschlagene Könige des organisierten Verbrechens. Damit nicht genug, vergaloppiert sich der Film permanent in seinem unbeholfenen Bemühen, sich strukturell konsumierbar zu machen. Wichtige Momente finden sich als hilfloser Kurzabriss, redundanten Liebessequenzen wird im Gegenzug mindestens soviel Platz eingeräumt wie unabdingbaren Actionszenen. Im Grunde wirkt „Mobsters“ trotz keinesfalls weniger schöner Momente meist rein fragmentarisch, ein wenig, wie ein Trailer für einen wesentlich ausufernderen Film, den es am Ende nie gab, da das vorliegende Material nie zum einem konzisen Ganzen finden mag. Dennoch lässt sich sein so häufig im Verborgenen verharrendes Potenzial immer wieder erahnen, so etwa in Aspekten des sorgfältigen Produktionsdesigns und der fraglos vorhandenen Ambition, Zeitkolorit spürbar werden zu lassen. Selbst die Chemie zwischen den ihre Rollen sichtlich ernst nehmenden Slater und Dempsey stimmt soweit. Die erfahrenen Recken Abraham, Gambon und vor allem Quinn (der mit dem echten Frank Costello gut befreundet war) machen sich im Gegenzug jedoch einen Spaß daraus, ihre teils vor einfältigen Klischees nur so strotzenden Dialogzeilen durch vorsätzliches overacting noch mehr hochzujizzen, was dann wiederum alle Versuche in Richtung Ernsthaftigkeit gehörigst unterminiert.
Trotz alldem nehme ich „Mobsters“ nicht als Ärgernis war, sondern als durchaus spaßigen, wohlmeinenden, obschon rasant vor die Wand gesteuerten Versuch, dem arrivierten Genrefilm durch gezielte Modernisierung in Form und Dramaturgie etwas Juvenilität hinzuzusetzen. Dass die Kids dann allerdings eher zu Flottem wie „New Jack City“ oder „Bound By Honor“ tendierten, überrascht allerdings kaum.

6/10

THE WORLD’S FASTEST INDIAN

„Dirty old men need love too!“

The World’s Fastest Indian (Mit Herz und Hand) ~ NZ/USA/J 2005
Directed By: Roger Donaldson

Invercargill, Neuseeland, 1962. Burt Munro (Anthony Hopkins), ein recht betagter Herr, gilt zwar als etwas kauzig, ist mit seinem stets freundlichen Wesen jedoch bei jedermann in der kleinen Stadt beliebt. Sein ganzes Herz hängt an einem alten, 1920er Indian-Scout-Motorrad, an der er tagaus, tagein herumschraubt und das ein beachtliches Tempo erreicht. Burts größter Traum, die Spitzengeschwindigkeit seiner Maschine beim Bonneville Salt Flats in Utah zu testen, wird schließlich Wirklichkeit, als er dank einer Hypothek auf sein Häuschen, die finanziellen Mittel für den Trip beisammen hat. Eine billig ergatterte Schiffspassage bringt ihn und seine Indian Scout nach Kalifornien, ein günstig erstandener Gebrauchtwagen von dort aus beide nach Utah, wo Burt allen Vorbehalten zum Trotz nur den ersten von vielen noch folgenden Schnelligkeitsrekorden aufstellt.

Mit „The Worlds Fastest Indian“ stellte Roger Donaldson ein großes Herzensprojekt auf die Beine, an dem er zuvor bereits seit zwanzig Jahren gearbeitet hatte und dessen finale Produktion er schließlich in kompletter Eigeninitiative auf die Beine stellte. Nach diversen Filmen für die großen Hollywood-Studios bildet diese manifestierte Definition eines feel good movies ergo die persönlichste Arbeit des Regisseurs, dessen eigentlich so typisch unpassende deutsche Betitelung sich gewissermaßen als self fulfilling prophecy lesen lässt. Wie seine authentische Hauptfigur Burt Munro machte Donaldson damit vielleicht ein Stück unmöglich Gewähntes möglich. Das wunderbare Resultat, anders als seine teuren Auftragsarbeiten im weniger breiten 1,85:1-Format kadriert, erinnert ein wenig an die kontemplative Gelassenheit von David Lynchs „The Straight Story“ mit dem er manch basalen Zug teilt. Wie Alvin Straight ist auch Burt Munro ein innerlich ausgeglichener Mann, der trotz seiner hohen Jahre nicht allzu viel von der Welt außerhalb des alltäglichen Trotts gesehen hat, nunmehr jedoch seinen existenziellen Mikrokosmos aufbricht, um mit bescheidenen Mitteln ein weit entferntes Ziel zu erreichen. Natürlich kommt im vorliegenden Fall noch hinzu, dass dieses eine sportliche Herausforderung darstellt, die wiederum allerdings umso größer ist, als dass man sie ihrem Akteur aus Altersgründen nicht zutrauen mag. Doch wie jedes andere Problem beseitigt Burt Munro letzten Endes auch dieses durch sein gewinnendes Wesen – möglicherweise gerade bedingt durch seine Herkunft vom „Ende der Welt“ ist er ist das, was man einen Philanthropen nennen mag. Vorurteilsfrei beurteilt er die Menschen, die er trifft, nicht nach Ethnie, Sozialstatus oder sexueller Orientierung, sondern einzig nach ihrer Persönlichkeit. Diese simple Eigenschaft gewährt ihm allerorten Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit und macht ihn zum Gewinner der Herzen, wohin er auch kommt. Erwartbar, dass Burt Munro damit am Ende auch die private Herausforderung des speed record meistert.
Donaldson erzählt sein road movie mit einer rar gewordenen Gelassenheit, gibt jeder einzelnen, noch so aklimaktisch scheinenden Episode auf Burts Reise ausreichend Raum und hält im Herzen von „The World’s Fastest Indian“ für jeden einzelne seiner vielen Figuren ein Zimmer frei, ganz ohne sarkastische Brechungen. Vielleicht ist das alles dem einen oder anderen zu weichgespült, nicht hinreichend zynisch oder ermangelt eines gegenwärtig unerlässlichen, harten Realismus. Ich kann das nicht sagen. Mir und meinem Bauch hat dieser ziemlich wunderbare Film gut getan.

8/10

THIRTEEN DAYS

„They fire their missiles… and we fire ours.“

Thirteen Days ~ USA 2000
Directed By: Roger Donaldson

Am 16. Oktober 1962 erhält Präsident Kennedy (Bruce Greenwood) die Nachricht, dass ein U-2-Aufklärer zwei Tage zuvor Fotos von einem trapezförmigen Areal auf Kuba geschossen hat, auf dem die Sowjets eindeutig beim Bau von Abschussrampen für Mittelstreckenraketen zu sehen sind. Der eilends einberufene Beratungsstab ExComm wägt zwischen mehreren probaten Gegenmaßnahmen ab, darunter eine Seeblockade und die – sehr viel brisantere – Invasion auf der Karbikinsel. Einig ist man sich darüber, dass die (wenngleich heimlich stattfindende) Installierung von Nuklearwaffen so unmittelbar vor der „Haustür“ eine nicht hinnehmbare Provokation darstelle. Während Militär-Hardliner wie der Air-Force-General LeMay (Kevin Conway) einen kombattanten Konflikt für unausweichlich halten, ist Kennedy, unter permanentem Dialog mit seinen beiden gleichgesonnenen Intimi – Bruder Robert (Steven Culp) und seinem persönlichen Berater Kenny O’Donnell (Kevin Costner) -, fest davon überzeugt, dass jeder diplomatisch unsensibel getätigte Schritt direkt in den Dritten Weltkrieg münden könne und schöpft sämtliche Mittel aus, Chruschtschow zum Abbau und Abtransport der Missiles zu nötigen. Nichtsdestotrotz demonstrieren die Streitkräfte ohne Genehmigung Kennedys während der nächsten Tage immer wieder ihre Muskelkraft in Form von Raketentests. Am 27. Oktober stellt die US-Regierung Präsident Chruschtschow schließlich ein letztes Ultimatum zum Abzug aus Kuba – mit inoffiziellen Zugeständnissen an die Sowjets. Andernfalls würde binnen 24 Stunden mit der Invasion begonnen.

…that shook the world.
Mit „Thirteen Days“, seiner nervenzerrenden Chronik der Kuba-Krise im Oktober 1962, hat Roger Donaldson möglicherweise seine reifste und beste Arbeit vorgelegt. Wie die allermeisten fiktionalisierten Abrisse historischer Begebenheiten verzichtet gewiss auch dieser Film nicht auf Akzentuierungen, Dreingaben und Spannungsdramaturgie, wahrt jedoch im Großen und Ganzen eine erschütternde Authentizität. Jene dreizehn Herbsttage zwischen dem 14. und 28. Oktober 1962 positionierten die Welt im Verlauf des Kalten Krieges so dicht vor einer nuklearen Auseinandersetzung der Supermächte wie kein anderes Ereignis zwischen der Einrichtung des Viermächtestatus in Berlin und der Entspannungsphase zu Beginn der neunziger Jahre, zumindest im Hinblick auf die öffentliche Wahrnehmung. Noch am Abend des 27.10. musste die Welt wörtlich darum bangen, dass nicht wenige Wochen, Tage oder nur Stunden später der Großteil des Globus mit Atompilzen bedeckt sein würde.
Um der naturgemäß relativ komplexen Chronologie der auch den innerpolitischen Konflikt schürenden Ereignisse zwischen Diplomatie und militärischer Kriegstreiberei eine emotionale greifbare Infusion zu legen, wählt der Film Kennedys engsten Berater Kenny O’Donnell – nicht von ungefähr gespielt von Kevin Costner (der mit dem realen Vorbild anders als die meisten anderen Darsteller keinerlei physiognomische Ähnlichkeit besitzt) in dessen zweiter Kollaboration mit Donaldson nach dem zwölf Jahre zuvor entstandenen „No Way Out“ – als zuverlässiges Rezipientenmedium. Dadurch, dass O’Donnell, selbst treusorgender Ehemann und Vater mehrerer Kinder, sich einerseits praktisch rund um die Uhr an der Seite des Präsidenten aufhält, andererseits aber weder ein repräsentatives politisches oder militärisches Amt innehat, noch zu irgendwelchen Befugnissen berechtigt ist, vertritt er die Perspektive des außenstehenden Beobachters überaus publikumsgerecht. O’Donnell ist, anders als etwa der kritisch beäugte Diplomat Adlai Stevenson (Michael Fairman), nicht das, was man einen „appeaser“ nennen würde (selbst die Kennedys John und Robert gebrauchten diesen Terminus seit der krassen politischen Fehleinschätzung ihres Vaters Joseph von Hitlers Vorkriegspolitik nurmehr recht verächtlich), dennoch teilt er die ganz alltäglichen Besorgnisse der allermeisten Menschen und würde seine Kinder gern aufwachsen sehen. So orientiert sich die Schilderung der sich zuspitzenden Ereignisse direkt an O’Donnells Wahrnehmung. Als intimer Adlatus und Freund der Kennedys setzt er zunächst ganz auf die liberal-demokratische Gesinnung der Staatsspitze und bleibt vergleichsweise gelassen; die immer wieder gen Kuba startenden U-2-Piloten bittet er telefonisch stets um Zurückhaltung betreffs ihrer nachfolgenden Rapporte und zieht auch sonst, wie JFK selbst, mancherlei hochfragile Strippe im Hintergrund, die den Hardlinern um LeMay durchaus eine unverzügliche Apologie zum Losschlagen lieferten. Als sich die diplomatischen Mittel zu jedoch erschöpfen beginnen und das politstrategische Spiel wirklich ernst zu werden droht, verliert auch dieser besonnene Mann die Fassung und steht kurz vor der völligen Verzweiflung: Wenn am kommenden Morgen des 28. die Sonne aufginge, so versichert er seiner Frau Helen (Lucinda Jenney) vorm Zubettgehen, habe die Welt es erstmal geschafft. Beim nächsten Frühstück erkennen seine Kinder ihren Vater kaum wieder – die Demut nach dem buchstäblichen Tanz auf der Rasierklinge steht ihm noch tief ins erblichene Gesicht geschrieben. Insbesondere diese dichotomischen Momente sind es, die „Thirteen Days“ neben seiner minutiösen Wiedergabe des politischen Geschehens Empathie und Annäherung gewährleisten.
Trotz lediglich zweier „Action-„Sequenzen, die jeweils um Aufklärungsflüge kreisen und deren letzterer katastrophal endet, zählt „Thirteen Days“ für mich zum spannendsten, was ich an diesbezüglicher Filmkunst kenne; Donaldson bewerkstelligt es, dass man trotz des bewussten Ausgangs der rund zweiwöchigen Geschehnisse unentwegt mitfiebert und sich selbst am Rande des Untergangs wähnt. Ein viel größeres Kompliment kann man einem historisch weitestgehend akkuraten Film wie diesem, seiner kleinen Lässlichkeiten zum Trotz, vermutlich kaum machen.

9/10

THE FOUNDER

„One word: persistence.“

The Founder ~ USA/GR 2016
Directed By: John Lee Hancock

Um die Mitte der 50er Jahre verkauft der emsige Klinkenputzer Ray Kroc (Michael Keaton) mit eher mäßigem Erfolg Milchshake-Automaten an Drive-In-Restaurants. Als eine ungewöhnlich große Bestellung aus San Bernadino bei ihm eingeht, macht er sich auf den Weg nach Kalifornien, um sich vor Ort ein Bild des offenbar überaus gut gehenden Schnellrestaurants zu machen. Die Inhaber desselben, die Brüder Richard (Nick Offerman) und Maurice McDonald (John Carroll Lynch) wiederum sind angetan von der Bewunderung Krocs betreffs ihres speziellen Konzepts und weihen ihn in ihre innovative Geschäftsidee ein: Höchste Effektivität in Form von blitzschneller Bedienung, stabiler Qualität, einer schmalen Produktpalette und steter Kundenfreundlichkeit haben „McDonald’s“ in der Region ein besonderes Renommee verschafft. Kroc ist der Überzeugung, dass diese Idee auch andernorts Erfolg haben muss und überredet die Brüder trotz einiger Bedenken ihrerseits dazu, ihr Restaurant zu einem Franchise-Unternehmen zu machen. Krocs nachfolgende Anstrengungen, Investoren zu finden, laufen zunächst nicht ganz problemlos vom Stapel; die Voraussetzung, das Konzept „McDonald’s“ unverändert und im Sinne seiner Begründer zu übernehmen, irritiert die Franchisenehmer teilweise. Dock Kroc setzt seine Pläne mit unbeirrbarem Stoizismus und bald gigantischem Erfolg durch. Dass dabei die zusehends besorgten Urheber ddes Ganzen auf der Strecke bleiben und irgendwann sogar das Recht an der Verwendung ihres eigenen Familiennamens einbüßen, nimmt Kroc mit dem gelassenen Habitus des selbstberauschten Großunternehmers billigend in Kauf.

Die Gründerväter des zwanzigsten Jahrhunderts waren die Pioniere des global funktionierenden Kapitalismus und eines dessen größter Sinnbilder sind die goldenen Bögen. McDonald’s steht wie keine andere weltweit operierende Marke mit Ausnahme vielleicht von Coca Cola für Vertrauen, Sicherheit und zivilisatorische Anbindung. Wer eine der weltweit knapp 40.000 McDonald’s-Filialen betritt, weiß im Regelfall, was er dort bekommt und was ihn erwartet und auch wenn milliarden von Menschen den Multi und seine rigoros ausbeuterische Funktionalität zurecht verdammen, lässt sich eine andere Milliarde tagtäglich von ihm ernähren. Das Biopic „The Founder“ berichtet mit sanfter Ironie und ansonsten völlig unaufgeregt davon, wie es rund sechzig Jahre zuvor dazu kommen konnte, dass „McDonald’s“ zu dem wurde, als das es heute die allermeisten Kinder kennen und lieben. Dafür sind zwei Faktoren von Bedeutung: zum einen Ray Kroc und zum anderen dessen gleichermaßen zündende wie verderbliche Mixtur aus Gier und Unternehmergeist. Gewiss erzählt „The Founder“ zuallererst auch eine exemplarische Kapitalismusstory, wie sie in dieser Form wohl annähernd originär für das Amerika der Nachkriegsära sein dürfte: aus einem kleinen Vertreter mit gesteigerter Tendenz zum Alkoholismus wird ein Selfmade-Millionär, dessen Vorgehensweise in Relation zu seiner Vermögensmehrung zunehmend rigoros wird. Greed is good. Am Anfang stehen zwei naive Brüder als stolze Existenzgründer mit ihrer sorgsam gehüteten, gleichsam uramerikanischen Idee, am Ende stehen sie als lachhaft abgespeiste Verlierer da. Der Gewinner indes hat ihr Baby zu einem Monster herangezüchtet, das die einstigen Väter nicht mehr begreifen.
Dass der in seiner Rolle exzellent aufspielende Michael Keaton Ray Kroc keineswegs als Ritter in schimmernder Rüstung bespielt, steht angesichts einer derartigen Prämisse wohl außer Frage. Obgleich praktisch keine Szene des Films ohne seine Präsenz auskommt, macht der Protagonist sich auch das Publikum nicht zu Freunden. Sein Narzissmus und seine Egozentrik wachsen parallel zu Einfluss und Geld, wobei auch Krocs Privatleben genau diese Entwicklung widerspiegelt. Seine erste Frau Ethel (Laura Dern) verliert den Bezug zu ihm, da sie weder fähig noch Willens ist, seiner selbstauferlegten Mission zu folgen; an ihre Stelle tritt die von Krocs machthungrigem Charme faszinierte Joan Smith (Linda Cardellini), die wiederum ihren vormaligen Gatten (Patrick Wilson) für ihn verlässt. Ein Schelm, wer darin den Verlust von Integrität zugunsten persönlicher Korruption reflektiert gefunden glaubt.

8/10

JOHNNY GOT HIS GUN

„What is democracy?“ – „Well it’s never bright clear on myself. Like any other kind government it’s got something to do with young men killing each other I believe.“

Johnny Got His Gun (Johnny zieht in den Krieg) ~ USA 1971
Directed By: Dalton Trumbo

Der junge Amerikaner Joe Bonham (Timothy Bottoms) wird auf einem Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs von einer Granate getroffen. Als er im Krankenhaus erwacht, dämmert ihm erst nach und nach, was mit ihm passiert ist. Joe hat alle vier Gliedmaßen und sein Gesicht verloren, ist also faktisch sämtlicher Sinne und Kommunikationsmittel beraubt. Die behandelnden Ärzte glauben, dass er auch komatös sei, kein Bewusstsein mehr besäße und halten ihn als medizinisches Kuriosum am Leben. Immer wieder lässt Joe in einem undefinierbaren Zustand aus klaren Momenten und drogeninduzierten Traumzuständen Augenblicke seines Lebens und seiner Phantasie an sich vorüberziehen. Irgendwann erinnert er sich an das Morsealphabet und beginnt, die Außenwelt auf sich aufmerksam zu machen.

Nachdem der wegen der HUAC-Affäre lange Jahre unter Pseudonymen arbeitende Autor Dalton Trumbo wieder rehabilitiert war, entschloss er sich, seinen eigenen, 1939 überaus erfolgreich erstveröffentlichten Kriegsroman selbst für die Leinwand zu adaptieten und zu inszenieren. Das zunächst als Produktionsfirma involvierte Studio Warner Bros. schasste das Projekt bald, so dass es fünf Jahre bis zur Fertigstellung dauerte, die Trumbo dann weitgehend unabhängig durchboxte. Bis 1988 blieb der Film praktisch eine kaum gezeigte Rarität, was sich durch das berühmte Metallica-Video zu ihrem Song „One“, in dem Ausschnitte und Dialoge des Werks prominent gefeaturet werden, änderte.
Wie alle wichtigen, um diese Zeit entstandenen (New Hollywood-)Filme mit Kriegsbezug ist auch „Johnny Got His Gun“ trotz seiner ursprünglichen literarischen Provenienz vor allem eine leidenschaftliche Anklage an den damals lähmend exerierten, ungbremst andauernden US-Einsatz in Vietnam, allerdings gestaltet er sich auch sehr viel sperriger und zugleich verdichteter als mitunter boshaft-komisch konnotierte, sehr viel kanonisiertere Klassiker wie Altmans „MASH“ oder Nichols‘ „Catch-22“, die den satirischen Ansatz präferierten, das Wesen des Krieges als gewaltige Narretei zur Selbstdezimierung des Menschengeschlechts zu denunzieren. „Johnny Got His Gun“ wählt den umgekehrten Weg – er bricht den Krieg auf ein solitäres Individuum herunter, ein ultimatives Opfer, ein lebendes Gespenst. Mit dem Granateneinschlag fährt Joe Bonham gewissermaßen zur Hölle ohne dabei sterben zu dürfen – die albtraumhafte Vorstellung, nurmehr als obszöner Torso mit von außen gesteuerten Vitalfunktionen vor sich hin vegetieren zu können, inklusive. Außer in Bezug auf das via Off-Ansprachen und Mentalreisen adressierte Publikum gibt es zunächst keinerlei Mitteilungsmöglichkeit, bis schließlich nach einer weder für Joe noch uns messbaren Zeitspanne eine ihm zugetane Krankenschwester (Diane Varsi) registriert, dass Joe sich Morsezeichen bedient, indem er den Kopf bewegt. Doch selbst seine auf diesem Weg formulierten, letzten Wünsche werden ihm – aus strikt ethischen Gründen versteht sich – nicht erfüllt werden. Weder darf er als Freak und lebendes Mahnmal an die Öffentlichkeit gelangen, noch wird seinem alternativen Todeswunsch stattgegeben. Das einzige, was Joe bleibt als finaler, grotesker Trostspender sind seine inneren, gedanklichen Reisen in seine Vergangenheit und an die Schwelle des Jenseits, wo er seinem Vater (Jason Robards) und manchmal seiner ersten und einzigen Jugendliebe (Kathy Fields) begegnet. Gelegentlich versucht auch Jesus (Donald Sutherland, in von Luis Buñuel verfassten Szenen, ihn zu beschwichtigen. Doch selbst der Heiland hat irgendwann auf Joes Fragen nach Sinn und Zweck seines Schicksals keine Antworten mehr parat.
Dass Trumbo eigentlich kein Regisseur war, sondern ein Mann des geschriebenen Wortes, kann der Film nicht wirklich verhehlen und will dies wahrscheinlich auch gar nicht. Trumbos Inszenierungsstil bleibt schmucklos, drög und fahl; die Wechsel zwischen gegenwärtiger Realität und Gedankenwelt markiert er durch die Ablösung von schwarzweiß zu blasser Farbe. „Johnny Got His Gun“ positioniert sich somit denkbar weit von dem entfernt, was man als „konsumierbar“ bezeichnen würde, vielmehr gerät er auch zu einer Prüfung für sein Publikum, das die bittere Hoffnungslosigkeit dieses von stiller Anklage erfüllten Passionswegs sprachlos erdulden muss. Insofern einer der wenigen wirklich dieses Prädikat verdienenden Anti-Kriegsfilme, ein einzig durch seine schiere, grausame Ausweglosigkeit hartes, transgressives, nur sehr schwer erträgliches Pamphlet und dadurch zugleich so unendlich wertvoll.

10/10

DOLEMITE IS MY NAME

„Shoot for the moon, and if you miss it, hang on to a motherfucking star!“

Dolemite Is My Name ~ USA 2019
Directed By: Craig Brewer

Los Angeles in den frühen Siebzigern. Der afroamerikanische Wannabe-Entertainer Rudy Ray Moore (Eddie Murphy) ist mit seinem derzeitigen Werdegang nicht sonderlich zufrieden. Sein Geld verdient er vornehmlich als Plattenverkäufer und seine Engagements als Ansager in einem Nachtclub schüren kaum Ovationen. Schließlich kommt er auf die Idee, die haarsträubenden „Dolemite“-Gedichte eines quartierbekannten Penners namens Ricco (Ron Cephas Jones) auf Tonband aufzuzeichnen und bühnentauglich umzudichten. Moore wird onstage selbst zu Dolemite – einem großspurigen Pimp als Kunstfigur. Die Leute lieben Moores Auftritte. In Eigenregie stellt er gemeinsam mit seinen Kumpels eine Live-LP her, die er aus dem Kofferraum heraus verkauft. Bald wird ein Label auf ihn aufmerksam und produziert weitere Platten, derweil eine Tour durch schwarze Südstaaten-Clubs Moore weitere durchschlagende Erfolge beschert. Nach einem ratlosen Kinobesuch von Billy Wilders „The Front Page“ beschließt Moore, selbst Filmstar zu werden und im Blaxploitation-Fach Fuß zu fassen. sein Dolemite ist reif für die Leinwand…

Mit sehr viel mehr Herzblut als den nachfolgenden „Coming 2 America“ haben Regisseur Brewer und Hauptdarsteller/Produzent Murphy diese Liebeserklärung an den kleinen Selfmade-Star Rudy Ray Moore gefertigt. In Anbetracht von Moores schillernder Persona und der unglaublichen Serie von Filmen, die er in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre auf sein geneigtes Publikum losließ, schrie der 2008 verstorbene Mann geradezu nach einem Biopic. In sehr augenzwinkernder, aber stets respektvoller Manier schildert „Dolemite Is My Name“ nun grob die Jahre zwischen 1970 und 1975, jene Ära also, in der Moore einerseits sein künftiges Alias kreierte und diese andererseits zunächst mit Platten und dann der Produktion des ersten „Dolemite“-Films kultivierte. So bekleidet letztere dann auch das Zentrum von Brewers Werk. Moore und seine Freunde haben durch die Bank keinerlei Ahnung von Filmproduktion und machen ihre Inkompetenz durch bloßen Enthusiasmus wett. Als immer wieder überbügelter Scriptautor fungiert der sozial engagierte Theaterautor Jerry Jones (Keegan Michael Key), als Regisseur reißt Moore den überkandidelten Schauspieler D’Urville Martin (Wesley Snipes) in einem Stripclub auf. Die technische Crew stellen ein paar Studenten von der UCLA. Trotz diverser Pannen steht am Ende der fertige Film, für den sich jedoch kein Verleih finden lässt. Also nimmt Moore auch noch die sich ihm durch Zufall bietende Option der selbstinitiierten Premiere in einem Farbigenkino in Indianapolis wahr, wo „Dolemite“ einschlägt wie eine Bombe.
Mit dem unbeugsamen Willen, jedweden personellen und/ oder situativ bedingten Komplikationen ein Schnippchen zu schlagen und sich durch nichts beirren zu lassen, zeichnen Brewer und Murphy ihren Protagonisten und lassen „Dolemite Is My Name“ damit nicht selten an ähnliche Biopics erinnern, in denen vermeintliche Verliertypen mit der unerlässlichen Unterstützung einer kleinen, verschworenen Freundesgemeinde ihren Traum wahr werden lassen und am Ende zumindest auf einer individuellen, vielleicht gar intimen Ebene reüssieren können, allen voran natürlich Burtons „Ed Wood“, mit dem sich Brewers Arbeit insbesondere die verschmitzte Bewunderung für die Titelfigur und deren unerschütterliches Selbstbewusstsein teilt.
Ein schöner Film somit, der vor allem Lust darauf macht, die alten Moore-Kracher mal wieder aus dem Regal zu ziehen.

8/10

MANK

„What the buyer bought still belongs to the man who sold it. That’s the real magic of the movies.“

Mank ~ USA 2020
Directed By: David Fincher

Der bei den großen Studios in Ungnade gefallene Scriptautor Herman „Mank“ Mankiewicz (Gary Oldman) erhält von dem allerorten als Wunderkind gehandelten Youngster Orson Welles den Auftrag, das Script für dessen Regiedebüt zu erstellen. Kurz vor Antritt der Arbeit gerät Mank in einen Autounfall, der ihn für die kommenden Wochen ans Bett fesseln wird. Gemeinsam mit einer deutschen Pflegerin (Monika Gossmann) und einer englischen Schreibkraft (Lily Collins) wird der latente Alkoholiker in einem abgelegenen Häuschen in der Mojave-Wüste einquartiert, wo er seinen kreativen Ergüssen freien Lauf lassen soll. Am Ende seiner nicht unumständlichen Bemühungen steht ein handfester Streit mit dem Narzissten Welles, aber auch das Drehbuch zu „Citizen Kane“.

David Finchers Werk bleibt eigenwillig und nicht immer einfach entschlüsselbar. „Mank“, entstanden nach einem Drehbuch von Finchers Vater Jack, war eigentlich schon vor über 20 Jahren geplant, wurde dann aber bis auf Weiteres auf Eis gelegt, bis Netflix die Produktion übernahm. Wenngleich der Film viele etablierte Merkmale hollywoodtypischer Biopics aufweist, stehen doch mancherlei andere Bestrebungen seitens der Finchers im Vordergrund. Zuallervorderst wäre das eine breite Liebeserklärung an die Gilde der vielen intellektuellen Autoren, die in den zwanziger bis vierziger Jahren von den großen Studiobossen ausgelutscht und in die kreativen Knie gezwungen wurden, politischer und/ oder sozialer Denunziation zum Opfer und dem Alkohol verfielen und als wesentliche Bestandteile der Schöpfungsprozesse vieler heute als Klassiker anerkannter Kunstwerke nie das zeitgenössische Renommee erlangten, das ihnen ebenso wie den Stars und Regisseuren zugestanden hätte. Im Falle Herman Mankiewicz‘, dessen wesentlich prominenterer, jüngerer Bruder Joseph als Produzent und Regisseur einige der wichtigsten Filme des vergangenen Jahrhunderts (mit) zu verantworten hat, ist dieser Ansatz besonders naheliegend. Mankiewicz wurde keine 56 Jahre alt, galt vor allem in späteren Lebensjahren als unbequemer, vielen wirrköpfig scheinender, linker Philanthrop, der seine Erfolgschancen höchstselbst krachend torpediert habe. „Mank“ entwickelt dazu ein paar schöne, wohl recht ausgeschmückte Thesen und Anekdoten. Demnach fußt das „Citizen Kane“-Buch, Mankiewicz‘ persönliche Abrechnung mit dem mächtigen Pressezar William Randolph Hearst, auf einigen ganz speziellen Ereignissen, darunter Hearsts Busenfreundschaft mit dem MGM-Mogul Louis B. Mayer und deren gemeinsamen Umtrieben, die bis in die kalifornische Politik hineinreichten. So war das Löwenstudio durch die gezielte Produktion propagandistischer Spots maßgeblich mit dafür verantwortlich, dass der sozialliberale Upton Sinclair 1934 die Wahl zum Staatsgouverneur gegen seinen republikanischen Gegner verlieren musste, eine Einflussnahme, die Mankiewicz den hohen Herren stets äuzßerst übel nahm. In einer späten Schlüsselszene fällt Mank stockbesoffen auf ein dekadentes Kostümfest in Hearst Castle ein und desavouiert den Gastgeber (Charles Dance) mittels der breit vorgetragenen Idee, ihn zum Mittelpunkt einer modernisierten Don-Quichote-Version zu machen, in der es um den Verlust einstiger Idealen und die Korrumpierung durch Geld und Macht gehen würde, bevor er vor versammelter Mannschaft auf den Teppich kotzt. Damit schließt Manks Mitgliedschaft in Hearsts Sympathisantenzirkel ebenso endgültig wie seine Engagements in Hollywood. Zugleich ist die Idee zu „Citizen Kane“ geboren.
Finchers Inszenierung befleißigt sich einer immensen Detailversessenheit und äußerster formaler Strenge; die Schwarzweiß-Fotografie präserviert einerseits das Zeitgefühl des Dreißiger-Jahre-Hollywoods, veranschaulicht durch ihre harte Kontrastierung jedoch gleichfalls den pathologischen Hedonismus des Titelcharakters. Szenen wie jene, in der Mank und Hearsts Geliebte Marion Davies in platonischer Verliebtheit durch den nächtlichen Privatzoo des Verlegers flanieren wären in schnöder Farbe jedenfalls so nicht vorstellbar. Künstlich eingepflegte cue marks (Finchers Faible dafür ist ja bereits aus „Fight Club“ bekannt) werden zu heimlichen, kapitelartigen Wegweisern zwischen nominellen“Flashbacks“ und filmischer Gegenwart und allerlei Hochherrschaften (zu viele, um sie aufzuzählen) der einstigen, goldenen Kinojahre finden sich durch kleine und größere Reminiszenzen nicht immer schmeichelhaft reanimiert; der aufreibende Jazz-Score von Trent Reznor und Atticus Finch transportiert ergänzend auch das Rezipientenohr achtzig Jahre in der Zeit zurück.
Die ohnehin etwas kleinkariert anmutende Tatsache, dass Hauptdarsteller Oldman (brillant wie eh und je) mit gut 61 eigentlich deutlich zu alt ist, um einen 43-jährigen zu spielen, mag man nebenbei großzügig übersehen.

8/10

THE CURRENT WAR

„Your garden would be twice as big – wouldn’t it, Tom?“

The Current War (Edison – Ein Leben voller Licht) ~ USA/UK/RUS 2017
Directed By: Alfonso Gomez-Rejon

Der Osten der USA in den 1880ern. Zwischen den beiden ehrgeizigen Erfindern Thomas Edison (Benedict Cumberbatch) und George Westinghouse (Michael Shannon) entbrennt ein Konflikt um die Vormachtsstellung bei der landesweiten Stromversorgung. Während der Visionär Edison dafür die risiko- weil spannungsärmere Variante des Gleichstroms favorisiert, verlagert sich der geschäftstüchtigere Westinghouse auf das Angebot mit Wechselstrom, ebeso wie der genialische Eigenbrötler Nikola Tesla (Nicholas Hoult), der zunächst für Edison und später für Westinghouse arbeitet. Unter persönlichen und beruflichen Verlusten, allerlei Ränkespielen und Tiefschüssen hält ihr persönlicher und beruflicher Konflikt an bis zur 93er-Weltausstellung in Chicago, deren Präsentationsangebot schlussendlich den jeweiligen Sieg für einen der beiden Kontrahenten bedeuten wird.

„The Current War“ [Das Teilnomen „current“ bezieht sich auf die anglophonen Bezeichnungen für Gleich- (Direct Current) bzw. Wechselstrom (Alternating Current)] schützt eine wilde Produktionsgeschichte vor: Nach einer sich schier endlos ziehenden Scriptentwicklungsphase nebst zwischenzeitlichem blacklisting und diversen Verschiebungen der Produktionshoheit landete das Projekt schließlich bei Miramax. Die Premiere wurde für das im September 2017 stattfindende Toronto-Filmfestival avisiert, sah dann jedoch einen noch nicht zur Gänze fertiggestellten, mäßig aufgenommenen Precut. Regisseur Gomez-Rejon plante, seinen Film bis zum eigentlichen Kinostart zwei Monate später in die endgültige Form zu bringen, was jedoch durch den sich unterdessen Bahn brechenden Weinstein-Skandal zunächst unmöglich wurde. Die nunmehr weltweit zu sehende, verfügbare Fassung mit erweiterten wie auch getrimmten Sequenzen sowie einem neuen Score firmiert als Gomez-Rejons „Director’s Cut“ und konnte die von der Toronto-Version zunächst teilentsetzten Kritiker wohl zumindest halbwegs wieder beschwichtigen. Ich selbst habe, zumindest glaube ich das, wohl irgendwann einmal etwas von der turbulenten Entstehung von „The Current War“ gelesen bzw. mitbekommen, bis zur üblichen, just erfolgten Nachbeschäftigung mit dem Film spielte diese Tatsache jedoch (glücklicherweise) keine Rolle. Das Ganze vermochte ich also unbelastet zu genießen und fand – ohnehin als erklärter Freund von historisch angelegten Biopics – ein ebenso gelungenes wie atmosphärisches Werk vor, dessen deutsche/r Titel und Vermarktung (von deren Faktizität ich irrigerweise ausging) allerdings wie so oft völlig danebenliegen. Tatsächlich geht es nämlich nicht respektive beiläufig um die erwartete Verklärung eines von Amerikas liebsten Geschichtskindern, sondern tatsächlich um die von Edison und dem annähernd gleichrangig behandelten Westinghouse umkämpfte Vormachtsstellung als führender Energielieferant, in deren Verlauf zudem der faszinierend-enigmatische Tesla eine gewichtige Rolle einnimmt. Gomez-Rejons dritte Kino-Regie wartet mit einer unbändigen Faszination für ihre tragenden Figuren [wozu gewiss auch die sehr schön aufgefächerten Nebencharaktere wie Edisons früh verstorbene Frau Mary (Tuppence Middleton), sein Adlatus Samuel Insull (Tom Holland), Wesinghouses Kreativkopf Franklin Pope (Stanley Townsend) oder der Bankier J. P. Morgan (Matthew Macfadyen) zählen] und ihr Zeitkolorit auf und bewahrt sich dabei höchstselbst eine Art von Exzentrik, die sich beidem wunderbar angleicht. Als ausgesprochener Laie – stets ein wesentlicher Vorzug wirklich empathisch involvierender period pieces – erhält man treffliche Einblicke in Zeit, Denken, Wirken und Personal, sieht sich teils mit aufrichtiger Tragik, teils mit grimmigem Humor konfrontiert und, was natürlich am schönsten ist, findet sich von der konstant hohen Qualität von Inszenierung, Form und Spiel stets bei der Stange gehalten.

8/10