LILI MARLEEN

„So woll’n wir uns da wiederseh’n – bei der Laterne wollen wir steh’n…“

Lili Marleen ~ BRD 1981
Directed By: Rainer Werner Fassbinder

Während der letzten Tage vor Hitlers Überfall auf Polen pflegt die weder sonderlich begabte noch erfolgreiche Tingeltangelsängerin Willie Bunterberg (Hanna Schygulla) in der Schweiz eine Liebesbeziehung zu dem jüdischen Komponisten und Untergrundaktivisten Robert Mendelssohn (Giancarlo Giannini), was dessen Vater (Mel Ferrer) mit einigem Argwohn verfolgt. Er ist es schließlich auch, der das Paar durch seinen Einfluss auseinanderbringt. Willie wird derweil von dem Nazi-Offizier Henkel (Karl-Heinz von Hassel) „entdeckt“ und groß herausgebracht. Eine eilends konservierte Aufnahme der Kommisschnulze „Lili Marleen“, die von der unglücklichen Liebe eines kasernierten Gefreiten handelt, macht Willie zum Star, nachdem das Stück eher zufällig knapp zwei Jahre später via Radio Belgrad übertragen wird – mit gigantischem Erfolg. Von nun an wird Willie von nahezu jedem Deutschen hofiert, Hitler inbegriffen. Ihre Liebe zu Robert jedoch bleibt ungebrochen, ebenso wie die seine. Als die Gestapo Robert verhaftet, kann Willie unter Einsatz ihres Lebens seine Freilassung erwirken, indem sie seinem Vater kompromittierende Bilder von Konzentrationslagern zuspielt, wodurch dieser ein Druckmittel hat. Dennoch ist dem Paar kein glückliches Ende beschieden.

Fassbinders großer Brückenschlag zwischen den deutschen Kinoströmungen der Vorjahrzehnte wurde zugleich sein teuerstes Projekt, co-produziert von Luggi Waldleitner. Unübersehbar ist „Lili Marleen“ eine Aufbereitung der zwischenzeitlichen Biographie von Lale Andersen und beruft sich auch auf deren Buch „Der Himmel hat viele Farben“; ihrem letzten Ehemann Artur Beul zufolge versagte das Drehbuch jedoch darin, einen möglichst authentischen Abriss der realen Ereignisse zu liefern. Ob Fassbinder an einem solchen überhaupt interessiert war, lässt sich jedoch ohnehin bezweifeln. Vielmehr scheint besagte Schaffung einer stilistischen Schnittmenge sein kreativer Antrieb gewesen zu sein – Opas Schnulzenkino, eine vorsichtige, bewusst irreale Romantisierung der NS-Jahre, die unlängst im europäischen Ausland kultivierte Nazi-Kolportage, all das findet im Film zu einem eigenartigen, eklektischen und zugleich doch immens faszinierenden und spannenden Abriss. Das hohe Budget von über zehn Millionen Mark, die internationale Besetzung, die daraus resultierende Entscheidung, in englischer Sprache zu drehen, beeindruckende Massenszenen (darunter zwei als Führerpropaganda inszenierte Auftritte Willies) und vor allem der sich anschließende Kassenerfolg all das ließ spekulative Rückschlüsse auf Fassbinders mittelfristige Karriereplanung zu, dem man den Gang nach Hollywood nunmehr zumindest zuzutrauen bereit war. Ebenso bewies der Regisseur, dass er bereit und im Stande war, seinen signatorischen Stempel selbst einem „Fremdstoff“ aufzudrücken, das Ursprungsscript stammte nämlich von Manfred Purzer, dessen sonstige Arbeit von Fassbinder nicht erst bei näherer Beschau doch ziemlich weit entfernt anmutet. So verwundert es auch nicht weiter, dass die wenigen Frontszenen keinesfalls von Fassbinder selbst hergestellt, sondern ohne Umschweife aus Peckinpahs „Steiner – Das Eiserne Kreuz“ entnommen wurden. Auch diese Arbeitweise, bereits konserviertes „Fremdmaterial“ in einen neuen künstlerischen Kontext zu setzen, kommt „Lili Marleen“ in seiner Gesamtheit noch zugute.
Zumindest Lale Andersen wird der Film bei aller sonstigen Qualität aber nicht gerecht. Gern hätte man mehr von ihrem knappen Überleben im Dritten Reich gesehen, wie es ihr, nachdem sie beim Führer in Ungnade gefallen war und beinahe in einem KZ gelandet wäre, weiter ergangen ist. Hier begnügt sich Fassbinder, ganz bei sich und bei seinen Vorstellungen der erzählten Zeit, mit der Konzentration auf jene unglückliche Liebesschmonzette und deren kurzen, unerklecklichen Ausgang.

8/10

TO HELL AND BACK

„Man, that’s the first time I ever seen a Texan beat himself to the draw.“

To Hell And Back (Zur Hölle und zurück) ~ USA 1955
Directed By: Jesse Hibbs

Texas, 1941. Nach dem Tod der Mutter (Mary Field) sieht der Farmerjunge Audie Murphy (Audie Murphy) keinen anderen Weg, für seine verwaisten Geschwister zu sorgen, als sich zum Miltärdienst zu melden. Zu jung und zu klein, wird er zunächst mehrfach abgelehnt, landet dann aber schlussendlich in der Army und, nach der Grundausbildung, in Nordafrika, von wo ihn der Weg über Sizilien, Anzio und Südfrankreich bis zum Elsass führt. Murphy gilt bald als Mustersoldat, wird mehrfach befördert und trotz seiner fehlenden Schulbildung für eine Offizierslaufbahn in West Point vorgeschlagen, was er jedoch immer wieder ablehnt. Mit dem Ende des Krieges endet für ihn der aktive Dienst.

Audie Murphy war ein amerikanisches Original, für das man am Besten Zahlen und Fakten sprechen lässt: Er ist der höchstdekorierte US-Soldat des Zweiten Weltkriegs und wurde, zum Teil mehrfach, mit sämtlichen möglichen militärischen Auszeichnungen seines Landes ausgezeichnet. Insgesamt 33 Ehrungen konnte er verbuchen, hat in Europa rund 240 gegnerische Soldaten getötet und etliche weitere verwunden oder gefangen nehmen können sowie nachweislich sechs feindliche Panzer zerstört. Knappe drei Jahre nach seiner Rückkehr aus dem Feld wurde er von Hollywood entdeckt und zum Star etlicher, zumeist kleinerer Westernproduktion, vornehmlich bei seinem Stammstudio Universal. Privat litt Murphy derweil unter extremen, posttraumatischen Belastungen, wurde medikamentenabhängig und setzte sich später für unter ähnlichen Symptomen leidende Veteranen aus Korea und Vietnam ein.
Von Murphys späteren Jahren und Meriten, die eine durchaus andere Sprache sprechen als die des heldenhaften Schlachtfeld-Hasardeurs, wie ihn der Film praktisch unentwegt zeigt, berichtet „To Hell And Back“ nichts. Tatsächlich ist er die weithin unkritische Beschreibung einer im rein militärischen Sinne tadellosen und vorbildhaften Soldatenlaufbahn. Der besondere Clou des Films liegt nun natürlich darin, den seinerzeit stets alterslos erscheinenden, etwas milchgesichtigen Murphy die Hauptrolle in der Adaption seiner Autobiographie spielen zu lassen, obschon dieser sich erst mehrfach bitten lassen musste und eigentlich viel lieber Tony Curtis als Audie Murphy gesehen hätte, um nur ja nicht in den Verdacht der Selbstbeweihräucherung zu geraten. Schlussendlich war und ist Murphy der bis heute einzige Hollywoodstar, der sich selbst in einem um seine Person kreisenden Spielfilm darstellte.
Der unter mancherlei redundantem, dramaturgischem Durchhänger ächzende, für ein Studio-Kriegsabenteuer gar nicht mal so sehr spektakulär wirkende „To Hell And Back“ war trotz seiner unleugbaren Mittelmäßigkeit ein Film, den seine Zuschauer ganz besonders liebten (was sie heute, angesichts der imdb-Durchschnittswertung, wohl immer noch tun) und bis zum knapp zwanzig Jahre später folgenden „Jaws“ der erfolgreichste Film der Universal. Welch mannigfaltige, nicht eben vorteilhafte Schlussfolgerungen dies im Hinblick auf sein Publikum und dessen Kritikfähigkeit suggeriert, muss nicht extra erwähnt werden. Auch infolge dessen ein (film-)historisches Faszinosum.

6/10

LE VAMPIRE DE DÜSSELDORF

Zitat entfällt.

Le Vampire De Düsseldorf (Der Mann, der Peter Kürten hieß) ~ F/I/E 1965
Directed By: Robert Hossein

Im Düsseldorf der Jahre 1929 und 1930 treibt der Serienmörder Peter Kürten (Robert Hossein) sein Unwesen. Während er ein eher unauffälliges Privatleben als in einer kleinen Pension wohnender Arbeiter führt, der es sich zu eigen macht, in feiner Garderobe durch das städtische Nachtleben zu flanieren, erlebt die Weimarer Republik ihre Dämmerstunden und erobert die NSDAP durch pausenlose Aufmärsche die Hauptaufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Nach einer Reihe von Morden tut es ihr der von der Presse sensationswirksam als „Vampir von Düsseldorf“ titulierte Verbrecher jedoch zuminddest auf Rheinlandsebene nahezu gleich. Als sich Kürten in die Nachtclubsängerin Anna (Marie-France Pisier) verliebt, die seine Zuneigung schließlich sogar erwidert, bedeutet dies eine konkrete Ermittlungsspur für den ermittelnden Kommissar Momberg.

Als Aufarbeitung des authentischen Falles Peter Kürten ist „Le Vampire De Düsseldorf“ eher zu vernachlässigen, wiewohl eine solche für das Kino überhaupt noch aussteht. Robert Hossein macht als Filmverantwortlicher in Personalunion allerdings auch überhaupt keinen Hehl daraus, dass ihn historische Detailtreue kaum interessiert. Vielmehr versteht sich „Le Vampire“ als symbolhafte Allegorie auf den bereits stark geschwächten Erstentwurf einer deutschen Demokratie, die vor ihrem endgültigen Zusammenbruch geradezu nach einer sie auspressenden Albtraumfigur zu lechzen schien und diese somit auch verdiente. Ein Serienmörder wie Kürten, der binnen neun Monaten acht erfolgreiche Morde beging – darunter drei an kleinen Mädchen, sowie noch etliche weitere Mordversuche, die sich einer wie auch immer zu verortenden, zunehmenden Nachlässigkeit geschuldet, gegen den Zeitpunkt seiner Verhaftung im Mai 30 mehrten – bildete vielleicht sogar ein ansprechend grelles, passendes Element für die Nazis, um im Falle ihrer Wahl für mehr Sicherheit und Zucht für die deutschen Straßen werben zu können. In jedem Fall lässt sich die Kürten-Mär mit jener Ära des Wandels und der allgemeinen Angst vortrefflich assoziieren und ist somit nicht allein infolge der tatsächlichen Koinzidenz der Ereignisse überaus folgerichtig.
Unabhängig von den historischen Ungenauigkeiten ist „Le Vampire De Düsseldorf“ ein hervorragender Kriminal- und sogar ein brillanter Serienmörder-Film. Hossein in der Titelrolle weist sogar gewisse physiognomische Ähnlichkeiten zum Vorbild auf und schafft dabei ein ebenso intensives wie seltsam weltdistanziertes Porträt Kürtens. Die Wahl der filmischen Formalia – Schwarzweiß und Scope, wobei durch immer wieder auftauchende, seltsam anmutende Experimente mit unterschiedlichen Tiefenebenen im Bild hier und da eine beinahe surreale Atmosphäre entsteht – verschaffen „Le Vampire“ zudem ein edles, graziles Antlitz.

8/10

RULES DON’T APPLY

„What about my auditioning?“

Rules Don’t Apply (Regeln spielen keine Rolle) ~ USA 2016
Directed By: Warren Beatty

Hollywood 1958: Der exzentrische Milliardär Howard Hughes (Warren Beatty) lässt sich in der Filmstadt nieder, um dort mit seiner RKO neue Projekte zu stemmen. Dafür lässt er unter anderem junge Provinzschönheiten aus allen Teilen des Landes einfliegen, die eine komfortable Bleibe und ein Festgehalt bekommen, während sie vor Ort in „Wartestellung“ zu verbleiben haben. Eine davon ist die Baptistin Marla Mabrey (Lily Collins) aus Virginia. Während Marla fest daran glaubt, eine Chance als kommender Filmstar zu haben, bahnt sich eine zarte Romanze zwischen ihr und dem nicht minder naiven exklusiv für Hughes arbeitenden Chauffeur Frank Forbes (Alden Ehrenreich) an. Ein alkoholisiertes, nächtliches Techtelmechtel zwischen Hughes und Marla hat schwerwiegende Folgen für sie, während Frank, im festen Glauben an eine gemeinsame Zukunft mit Marla, seine bisherige Verlobung löst. Ohne von ihr die Wahrheit zu erfahren, wird Frank wiederum von Marla fallen gelassen, steigt seinerseits jedoch zu einem engen persönlichen Vertrauten Hughes‘ auf und lernt die zahllosen Marotten des zunehmend entfesselten Superreichen quasi hautnah kennen. Erst einige Jahre später kann auch er dem übermächtigen Schatten des Moguls entsteigen.

Für den New-Hollywood-Veteranen Warren Beatty, der bereits seit rund vier Dekaden mit dem Wunsch nach einem Biopic über Howard Hughes schwanger ging und bereits einige Erfahrung mit der darstellerischen Interpretation schillernder authentischer Figuren hatte, ist seine jüngste Regiearbeit die fünfte binnen 38 Jahren und die erste seit 1998. Dass der Mann auf keinem seiner bevorzugten Kreativareale an Können eingebüßt hat, beweist „Rules Don’t Apply“ nachgerade: Der Film ist eine ebenso lustvolle wie verschmitzte Hommage an Hauptfigur und Ära. Beattys Hollywood der Spätfünfziger und Frühsechziger ist ein bonbonfarbenes Perversikum der dämmernden Studioära, der entfesselten, alternden Tycoons und ihrer Obsessionen. Dabei lässt Beatty himself es sich nicht nehmen, dem bereits zu dieser Zeit psychisch schwer angegriffene Hughes, just im Begriff, vom Management der TWA verklagt zu werden, von Medikamentenmissbrauch gezeichnet und irgendwo zwischen bipolarer und Angststörung vegetierend, höchstpersönlich sein Antlitz zu leihen. Mancherlei Assoziation an seine Interpretation des Bugsy Siegel in Levinsons Film von 1991 verschaffen sich da Raum, wenn Hughes sich ebenso wie einst der Gangster sich zielgerichtet in die Sackgasse narzisstischer Egomanie manövriert, um dort zusehends zu verwelken. Anders als Scorseses „The Aviator“ ist Beatty dabei nicht an biographischer Akkuratesse interessiert. Er nutzt Eckdaten und Episoden lediglich, um eine fiktionale Anekdote mit und über Hughes zu erzählen, in der selbiger zwar eine Schlüsselposition einnimmt, die eigentlich jedoch dem von ihm behinderten Liebespaar Marla und Frank gewidmet ist. Schon die Doppelinitialen ihrer beider Namen suggerieren eine gewisse, romantische Märchenhaftigkeit, die sich dann auch zunehmend und besonders zum Finale hin Bahn bricht.
Ein wunderhübsches Alterswerk ist „Rules Don’t Apply“, frei vom Ballast kommerzieller Erwartungshaltungen und auch sonst so flügge, wie ein Hollywoodfilm anno 16 überhaupt nur sein kann.

9/10

HACKSAW RIDGE

„In peace, sons bury their fathers. In war, fathers bury their sons.“

Hacksaw Ridge ~ USA/AUS 2016
Directed By: Mel Gibson

Nachdem der junge Desmond T. Doss (Andrew Garfield) sich in den späteren Tagen des Zweiten Weltkriegs für den Militärdienst meldet mit der festen Absicht, als Sanitäter im Feld zu arbeiten, entwickelt seine Ausbildung sich zum wahren Spießrutenlauf: Doss weigert sich nämlich nicht nur stehenden Fußes, eine Waffe abzufeuern sondern zudem noch überhaupt eine in die Hand zu nehmen. Nachdem man mit allen Mitteln versucht, Doss aus der Army zu jagen, sorgt ausgerechnet sein Vater (Hugo Weaving) durch alte Beziehungen und einen Rückbezug auf das Bundesgesetz in letzter Minute dafür, dass Doss seinen Dienst wie jeder andere verrichten darf. Während der blutigen Schlacht von Okinawa gelingt es Doss, 75 verletzte Männer vom aus dem Kampfgetümmel zu holen und so ihr Leben zu retten.

Totgesagte leben länger – im Falle des unbequemen Mel Gibson findet sich diese Weise just einmal mehr bestätigt. Mit dem immens intensiven „Hacksaw Ridge“ legt der zuletzt besonders spärlich arbeitende Filmemacher seine zweitbeste Regiearbeit nach „Braveheart“ vor, dessen epischen Atem er zwar nicht ganz wiederaufgreifen kann, mit dem es ihm jedoch gelingt, zu den ganz großen Pazifikkriegsfilmen aufzuschließen. Dabei ist „Hacksaw Ridge“ gewiss nicht ganz frei von Schwächen und einzelnen Nuancen, die sich geschickter hätten aufbereiten lassen. Das beginnt bereits mit der Besetzung der Hauptrolle durch Andrew Garfield, die ich für nicht ganz so glücklich halte, spiegelt sich in der nicht eben klischeefreien Erzählung der Romanze zwischen Doss und der Krankenschwester Dorothy Schutte (Teresa Palmer) wieder sowie der etwas angeranzten Dreiaktung Privatleben – Ausbildung – Einsatz, die sich durch eine achronologische Narration möglicherweise besser hätte auflösen lassen. Doch das sind recht luxuriöse Mäkeleien. Spätestens mit der Fokussierung auf das Schlachtengetümmel in Okinawa finden Film und Regisseur zu sich und damit zum Höchstniveau, denn die Gnadenlosigkeit und Barbarei der sich gegenseitig abschlachtenden Soldaten hat das Kino selten mit einer solch eindrücklichen Nahbarkeit eingefangen. Ob das ohnehin nur höchst selten berechtigte und zutreffende Präfix Anti- vor Gibsons Kriegsfilm gehört, nimmt sich, wie in diesen Fällen üblich, diskutabel bis fragwürdig aus, da faktisch kein eigentlicher Diskurs über das Wesen des Krieges stattfindet. Zumindest der authentischen Geschichte von Desmond Doss, der als völlige Ausnahmeerscheinung ausschließlich vor Ort war, um Humanitäres zu verrichten und um Leben zu retten anstatt welche zu nehmen, gräbt diese Hinterfragung allerdings kaum das Wasser ab. Kräftig.

8/10

SULLY

„I’ve never been so glad to be in New York.“

Sully ~ USA 2016
Directed By: Clint Eastwood

Der Flugzeugkapitän Chesney Sullenberger (Tom Hanks), genannt „Sully“ und sein Co-Pilot Jeff Skiles (Aaron Eckhart) müssen vor einem NTSB-Komitee aussagen, nachdem sie gezwungen waren, einen Airbus A320 infolge Vogelschlags kontrolliert auf dem Hudson River zu wassern. Obwohl sämtliche der 155 Insassen des Flugzeugs den Unfall wie durch ein Wunder überleben, mag das NTSB den beiden Piloten die Geschichte von der unbedingt notwendigen Landung auf dem Fluss nicht glauben, da sich doch gleich zwei Flughäfen in relativer Nähe befunden hätten. Tatsächlich versucht man, Sully und Skiles gezielt menschliches Versagen nachzuweisen und läst dafür mehrere Simulationen durchlaufen. Am Ende lassen die Damen und Herren sich jedoch überzeugen, dass keine noch so exakte Simulation einer realen Notlage nachempfunden werden kann.

Ein weiteres Qualitäts-Alterswerk des wahrscheinlich größten lebenden amerikanischen Filmemachers. Man mag von Clint Eastwood als Mensch halten, was man will – sein Support für die republikanische Partei etwa, vor einigen Jahren durch ein etwas wirr erscheinende Rede in nicht eben vorteilhafter Weise augenfällig geworden, nimmt sich wenig schmackhaft aus und lässt eher fragwürdige Assoziationen aufkeimen. Dennoch ist der letzte Woche 87 Jahre alt gewordene Eastwood ein Ausnahmekünstler, der von Film und filmen mehr, um nicht zu sagen wesentlich mehr versteht als 99 Prozent seiner KollegInnen. Dies beweist vor allem sein Œuvre als Regisseur, das binnen bislang 46 Jahren und bei 35 Einträgen nicht ein auch nur durchschnittliches Werk beinhaltet. Zwar ist seine reaktionäre Ideologie in den Achtzigern kurzzeitig etwas mit ihm durchgegangen, diese Phase hat sich jedoch glücklicherweise wieder recht schnell überlebt. „Sully“ entspricht stofflich und thematisch recht exakt Eastwoods jüngerer Linie, die zu großen Teilen aus Biopics und/oder der Aufbereitung wundersamer Ereignisse der jüngeren amerikanischen Geschichte besteht. Es handelt sich zudem um seine erste Zusammenarbeit mit Tom Hanks, der sich als ideal für die Porträtierung der Titelrolle erweist und auf dessen Kerbholz von der Kooperation mit großen US-Filmemachern er einen weiteren, immens wichtigen Einschnitt hinzufügen kann. In ökonomischen 96 Minuten Erzählzeit berichtet „Sully“ also die Geschichte jener wundersamen Wasserlandung am Nachmittag des kalten 15. Januar 2009, die durch eine beispielhafte Gemeinschaftsleistung von etlichen Rettungskräften und Helfern zu einem rundum glücklichen Ausgang gebracht werden konnte. In der sich anschließenden Ermittlung des National Transportation Safety Board, das sich mit dem raschen happy end der Affäre nicht einverstanden zeigte und stattdessen den kostenintensiven Verlust des Flugzeugs monierte, wähnt der Film gewissermaßen einen wenig ehrenhaften Versuch kapitalismusnaher Lobbyisten, Heldentum und Integrität zu unterminieren, was durch gewisse Selbstzweifel Sullenbergers, die sich in traumatischen Schüben äußern, noch intensiviert wird. Dennoch triumphieren schließlich Moral und wahre Größe – Termini, die man in diesem Falle sogar gern und berechtigt in den Mund nimmt. 

8/10

THE GREEK TYCOON

„Let’s go and make love!“

The Greek Tycoon (Der große Tycoon) ~ USA 1978
Directed By: J. Lee Thompson

Der griechische Großreeder und Multimillionär Theo Tomasis (Anthony Quinn) lebt ein Leben in Saus und Braus, mit Wein, Weib, Gesang und Sirtaki. Seine Gattin Simi (Camilla Sparv), die ihn über alles liebt, leidet im Stillen, sein Sohn Nico (Edward Albert) ist hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, in die übergroßen Fußstapfen des mächtigen Vaters zu treten und seinem heimlichen Hass auf die Eskapaden des Moguls. Als Tomasis die Amerikanerin Liz (Jacqueline Bisset) kennenlernt, die mit dem Politiker und künftigen US-Präsidenten James Cassidy (James Franciscus) liiert ist, ist es einmal mehr um ihn geschehen. Der Weg wird frei, als Cassidy einem Attentat zum Opfer fällt. Derweil muss sich Tomasis wegen einer Korruptionsaffäre mit der amerikanischen Kartellaufsicht herumschlagen.

Das ist schon toll: Nico Mastorakis, der sich neben Morton Fine die Story mit“ausgedacht“ hat, berichtete auf Anfrage, „The Greek Tycoon“ sei gar kein inoffizielles Biopic über Aristoteles Onassis und Jackie Kennedy, sondern eine Bestandsaufnahme der Lebensweise sämtlicher griechischer Tycoons. Ein Blinder mit Krückstock könnte Mastorakis diesbezüglich Lügen strafen: zwar findet sich die Geschichte um Onassis und die Kennedy-Witwe in die damalige Gegenwart transponiert, zwar gibt es keine Christina Tomasis, die das väterliche Imperium dereinst erben wird, zwar sind einige Ereignisse wie der Absturz des Sohnes und der Selbstmord der vormaligen Ehefrau nicht in der authentischen Reihenfolge angeordnet und andere Fügungen aufgeweicht respektive leicht abgeändert, das alles ändert aber nichts an dem Status des Ganzen als recht prallem roman à clef: Onassis‘ Langzeitaffäre Maria Callas wird zu einer Schauspielerin namens Sophia Matalas (Marilù Tolo) umfunktioniert, statt in Dallas wird der fiktive Präsident Cassidy (!) am Strand seines Wochenendhaus erschossen. Anthony Quinn, seit „Zorba The Greek“ ohnehin die Weltprojektion des typisch griechischen Lebemannes in der Hauptrolle hätte niemals von wem anderen substituiert werden können, so sehr ist ihm die Rolle auf den Leib geschrieben. Der Camp-Faktor ist hoch und der Film in seiner aufreizend boulevard-artigen Gesamtheit im Nachhinein ein unbedingtes Vorbild für die diversen amerikanischen Familienserien der kommenden Dekade von „Dallas“ über „Dynasty“ bis hin zu „Falcon Crest“. Wer wie ich für diese ein Herz hat und protzige alte Herren, die meinen, sie thronten wie Zeus persönlich über dem  Dache der Welt und könnten Blitze verschießen, wie es ihnen beliebt, auch nur ansatzweise sympathisch findet, der wird sich in dieser herrlichen Mär vom guten alten J. Lee sehr fix zu Hause finden, auch wenn „The Greek Tycoon“ ansonsten keineswegs das ist, was man reinen Gewissens als „guten“ Film bezeichen würde.

7/10