HELL OR HIGH WATER

„We ain’t stealing from you. We’re stealing from the bank.“

Hell Or High Water ~ USA 2016
Directed By: David Mackenzie

Die Brüder Toby (Chris Pine) und Tanner Howard (Ben Foster) rauben binnen kurzer Zewit zwei Filialen der lokalmächtigen Texas Midlands Bank aus. Während der alternde Texas Ranger Hamilton (Jeff Bridges) und sein Partner Parker (Gil Birmingham) sich an ihre Fersen heften, gestaltet sich das weitere Vorgehen der Flüchtigen besonders durch das impulsive und gewaltaffine Verhalten des Ex-Häftlings Tanner zusehends außer Kontrolle geratend. Obgleich die Motivlage der Brüder moralisch durchaus diskutabel ist – die Texas Midlands hat eine Wucher-Hypothek gegen Tobys Ranch in der Hand – ist ein finaler Zwist zwischen den Kriminellen und der Justiz unausweichlich.

Wie eine gepflegte Analyse der US-Bürger-Befindlichkeit im Katastrophen-Wahljahr 2016 wirkt dieser meisterhafte, ebenso staubige wie sonnenlichtdurchflutete Southern Noir des Schotten David Mackenzie: Ganz Westtexas scheint darin übersät von aufgegebenen, verrottenden Immobilien und Grundstücken, an denen zwangsläufig auch etliche familiäre Existenzen hängen. Stattdessen säumen Werbeplakate für Kredite und Hypotheken die Highways – es ist die Ära der Gläubiger, Wucherer und Blutsauger. Neben ein paar Diners scheint die allgegenwärtige Texas Midlands Bank mit ihren zig Niederlassungen eine der letzten funktionierenden Institutionen im Staat zu stellen; natürlich nur, insofern man deren kapitalistische Albtraum-Agenda als „funktional“ anzuerkennen bereit ist. Vor diesem Hintergrund entspinnt sich das Familiendrama der Howard-Brüder, die beinahe schon allegorische Opfer der Umstände sind. Die Verschuldung des Familienbesitzes geht auf die verzweifelte, in Kummer verstorbene Elterngeneration zurück; den letzten probaten Ausweg bildet die Flucht nach vorn. Während Toby den Weg zum Outlaw für seine Kinder beschreitet, steht Tanner, knasterfahren, wild um sich schießend und getrieben von einer entsprechend unzweideutigen Neigung zu offener Gewaltausübung, eher in der Tradition der marodierenden Wildwest-Banditen von vor 130 Jahren. Immerhin sind Mackenzie und sein kaum minder brillant zu Werke gehender Autor Taylor Sheridan, dessen begnadeten Fingern bereits der monumentale „Sicario“ entwuchs, romantisch genug, um Toby am Ende mit einem blauen Auge davonkommen zu lassen, freilich nicht ohne ihn ein letztes (?) Mal mit seinem Antagonisten zu konfrontieren. Gute Freunde werden die beiden nicht mehr, dass sie jedoch reziprokes Verständnis und zumindest einen Hauch von Respekt füreinander entwickeln, daran mag ebensowenig Zweifel bestehen.
Wenn man sich zudem vergegenwärtigt, in welchem demografischen Umfeld die Republikaner die meisten Wähler fischen konnten, entsteht ein hübsch kompaktes, fiktionalisiertes Sozialanalytikum, das nicht nur in dieser Hinsicht gewiss noch in vielen Jahren Bestand haben wird. Leider ist es ja so – beschissene Zeiten befeuern großartiges Kino.
So ziemlich das Beste, was ich jüngst an „Aktuellerem“ gesehen habe.

10/10

THE STRAIGHT STORY

„What do you need that grabber for, Alvin?“ – „Grabbin‘.“

The Straight Story ~ USA 1999
Directed By: David Lynch

Als der in Iowa lebende Senior Alvin Straight (Richard Farnsworth) erfährt, dass sein Bruder Lyle (Harry Dean Stanton) einen Schlaganfall erlitten hat, entschließt er sich, ihn im Nachbarstaat Wisconsin zu besuchen um einen seit zehn Jahren schwelenden Streit endlich beizulegen. Da Alvin wegen seiner kaputten Hüfte schlecht zu Fuß ist und keinen Führerschein hat, wählt er den Rasenmäher samt Anhänger als Transportmittel und tritt eine mehrwöchige Reise an, bei der die Langsamkeit und die Besinnlichkeit Trumpf sind.

Der Titel des neben „The Elephant Man“ bis heute linearsten aller Langfilme David Lynchs lässt sich gleich in zweifacher Weise auffassen und verstehen: Vor allem natürlich als biographische Momentaufnahme des gleichnamigen Protagonisten; wiederum jedoch auch als künstlerisches Statement eines eher weniger für seine ökonomische Narration bekannten Filmemachers, der hier  eine – nur exzeptionell der verschlungenen Irrpfade seines üblichen Schaffens müde – ganz allgemein, insbesondere jedoch für seine Verhältnisse buchstäblich „geradlinige Geschichte“ erzählt, so horizontal voraus wie die vielen Landstraßen, an deren rechten Rändern Alvin Straight mit seinem just gebraucht erworbenen John-Deere-Rasenmäher (der erste Reiseversuch mit dessen bejahrtem Vorgänger scheitert bereits nach den ersten Kilometern wegen technischer Altersschwäche) im Schritttempo entlangtuckert. Alvin Straights Reise führt ihn dabei freilich nicht nur zu seinem eigentlich über alles geliebten Bruder Lyle, sie verläuft zugleich auch introspektiv – der Grund, warum der alte Mann überhaupt jenes ungewöhnliche Fortbewegungsmittel gewählt hat, mit dem er für ein paar hundert Kilometer mehrere Wochen benötigt. Wer dieser Alvin Straight eigentlich ist, erfahren wir durch seine Gespräche mit zumeist jüngeren Menschen, denen er auf seinem Trip begegnet – mit einer schwangeren Ausreißerin (Anastasia Webb), einigen Teilnehmern einer Radrennfahrertruppe, einer aufgelösten Dame (Barbara Robertson), die einen Hirsch angefahren hat, einem freundlichen, hilfsbereiten Ehepaar (Sally Wingert, James Cada), zwei etwas beschränkten Mechaniker-Brüdern (Kevin P. Farley, John Farley), einem freundlichen Priester (John Lordan) und vor allem mit einem etwa gleichaltrigen Senioren (Wiley Harker), der wie Alvin ein Veteran des Zweiten Weltkriegs in Europa ist und das Schreckliche nie wirklich verarbeitet hat: ihr aufrichtiges Gespräch am Tresen einer Kleinstadtkneipe ist vielleicht die wichtigste Schlüsselsequenz des Films. Doch „The Straight Story“ ist noch sehr viel mehr; ein ultimatives road movie und eine Americana wie „Wild At Heart“, nur eben ganz anders und so ironiebefreit, wie es eben nur geht, ein formal absolut geschlossenes, makelloses Stück Film mit höchst ungewohnten Klängen von Angelo Badalamenti, eine Fanfare auf würdevolles Altern, eine große Liebeserklärung an den famosen Richard Farnsworth, großer Stuntman und zum Lebensherbst hin noch exzellenter Schauspieler; dazu herzenswarm und herzensgut. Bis auf wenige Leitmotive alles andere als traditionell lynchesk und dabei doch ein Meisterwerk.

10/10

ROBIN HOOD: PRINCE OF THIEVES

„I never knew my parents. It’s amazing I’m sane.“

Robin Hood: Prince Of Thieves (Robin Hood – König der Diebe) ~ USA 1991
Directed By: Kevin Reynolds

Jerusalem, 1194. Der englische Edelmann Robin von Locksley (Kevin Costner) kann mithilfe des ebenfalls inhaftierten Mauren Azeem (Morgan Freeman) aus der Gefangenschaft des Sultans fliehen und in die Heimat zurückkehren. Dort findet er die Familienburg verlassen und niedergebrannt – Robins Vater (Brian Blessed) hat seine Auflehnung gegen den Sheriff von Nottingham (Alan Rickman) mit dem Leben bezahlen müssen. Ein Scharmützel mit dem Vetter des Sheriffs, Guy von Gisborne (Michael Wincott), zwingt Robin und den ihn begleitenden Azeem zur Flucht in den gewaltigen Sherwood Forest. Dort tun sich die Freunde mit anderen Geächteten und Gesetzlosen zusammen und beginnen, durchreisende Vermögensverwalter und Edelleute zu plündern und ihre Beute an die arme Landbevölkerung zu verteilen. Der wütende Sheriff versucht indes alles, um seines Erzfeindes habhaft zu werden.

Rotzfrech-rustikales, ausgelassenes Abenteuerkino, das auch ebensogut ins Vorgängerjahrzehnt gepasst hätte mit all seinen kleinen Exaltiertheiten. Während Kevin Costner den Titelhelden noch ganz eindeutig als Reminiszenz an die romantischen Helden des klassischen Hollywood anlegt, arbeiten Regie, Script und sein Film-Antagonist praktisch rigoros gegen ihn und schaffen damit eine wunderbar eklektische Mixtur. Reynolds spielt und experimentiert lustvoll mit Perspektivik und Montage; mit der fiesen alten Hexe Mortianna (Geraldine McEwan), die sich als Mutter des Sheriffs offenbart, hält gar ein phantastisches Element Einzug – vielleicht als kleiner Wimpernschlag in Richtung der britischen TV-Serie „Robin Of Sherwood“ aus den Achtzigern. Das größte Geschenk für den Film aber ist natürlich Alan Rickman. Er macht jede einzelne Szene, in der er zu sehen ist, zu einem Genuss. Als überdrehter, notgeiler und vor Wut und Sadismus geifernder Bösewicht, der selbst im Angesicht der totalen Niederlage noch fröhlich vor sich hin berserkert, übertrumpft Rickman selbst seine ohnehin schon meisterhafte Darstellung als Superganove Hans Gruber in „Die Hard“. Michael Wincott flankiert ihn dabei kongenial, doch auch Robin Hoods Gefährten ergeben eine hübsch bunte Zusammenstellung, die selbst die etwas fragwürdige Anwesenheit Morgan Freemans in den mittelalterlichen Wäldern Britanniens niemals redundant erscheinen lässt. Mit Christian Slater als renitentem Will Scarlet, Nick Brimble als unverwüstlichem Little John und Michael McShane als bierseligem Bruder Tuck, der ein, zwei Lektionen in Sachen Toleranz und Weltöffnung lernt, steht Costner eine veritable bande deluxe zur Seite, ohne die der ganze Film nur halb so hübsch wäre. Selbst die vielen, kleinen Hinzudichtungen und Verwischungen gegenüber früheren „Robin Hood“ – Verfilmungen wirken in ihrer frischen Unverfrorenheit tatsächlich allesamt sinnstiftend und passend. Sean Connerys Cameo als urplötzlich wiederkehrender König Richard (wo ist eigentlich sein intriganter Bruder John die ganze Zeit…?) am Ende, gefolgt sogar noch von einem kleinen Durchbruch der Vierten Wand via McShane unterstreicht zum guten Abschluss ein letztes Mal die anarchische Flamboyanz, mit der hier selten legeres Blockbusterkino gemacht wurde.Danach fühlt man sich gerade so erbaut, als könne man auf 300 Meter Pfeile durch Nadelöhre schießen.

9/10

SING STREET

„Ce n’est pas le nom du groupe.“

Sing Street ~ IE/UK/USA 2016
Directed By: John Carney

Dublin, 1985. Für den Teenager Conor Lalor (Ferdia Walsh-Peelo) werden die kommenden Monate hart. Seine Familie zerbricht, die Eltern (Aiden Gillen, Maria Doyle Kennedy) leben sich mehr und mehr auseinander. Aus Ersparnisgründen muss Conor seine Privatschule verlassen und künftig auf ein staatliche, katholische Schule gehen. Ein Hoffnungsschimmer winkt in Form der Musik und der Gründung einer Band. Und dann ist da noch die hübsche, aber etwas selbstvergessene Raphina (Lucy Boynton), die Conors Herz zum Flattern bringt.

Ich empfand „Sing Street“ als herbe Enttäuschung und einen der ärgerlichsten Filme der letzten Monate. Ein um zeitgenössische Popmusik kreisendes Coming-Of-Age-Drama kredenzt John Carney da, das wirklich nicht ein Klischee, das man a priori von solch einem Film erwarten würde, ausspart. Da ist der musikverständige, libertine, ältere Bruder (Jack Reynor), der dem Protagonisten pubertären Halt und Trost spendet; da ist das modernisierungsfeindliche, klerikal geprägte Umfeld nebst bösartigem Rektor (Don Wycherley), das eine teenage rebellion geradezu heraufbeschwört. Selbst auf den guten, alten Skinhead-Bully (Ian Kenny), der bloß deshalb so eine arme, prügelnde Wurst ist, weil sein Alter ihn verdrischt und der am Ende natürlich zum Band-Roadie wird, mag „Sing Street“ nicht verzichten. Die erste, turbulente Liebe, die etwas geekigen Boys aus der Band. Garantiert alles da. Die Truppe, die Schwierigkeiten hat, sich einen schicken Namen zu verpassen, nimmt jede semialternative musikalische Welle mit und ändert dementsprechend Stil und Aussehen. Mal orientiert man sich an Duran Duran, mal an The Cure. Dass die Kids trotz ihrer Jugend und mangelnder Erfahrung beinahe so virtuos klingen wie ihre großen Vorbilder gehört zum ebenso naiven wie auf zuschauerlichen good will angewiesenen Rezept des Films. Als hätte sein Publikum all die vielen Filme um blutsverwandte Topoi, auf die „Sing Street“ mit seinem unerschütterlichen Selbstverständnis zurückgreift, noch nie gesehen, klebt Carney deren sämtliche Versatzstücke aneinander und baut darauf, das man das lau aufgebackene Konglomerat ob seiner ach so entwaffnenden Gutherzigkeit kritiklos schluckt. Manch einer mag sich davon geschmeichelt fühlen (die imdb-Durchschnittswertung finde ich ehrlich gesagt erschreckend), ich finde ein solch freimütig ausgespieltes Maß an Plagiatismus hart an der Grenze zur Unverschämtheit, wenn diese nicht bereits hinter sich lassend. Daran ändert selbst die Liebeserklärung an „Rio“ nichts.

3/10

THE DON IS DEAD

„I’m providing terms now.“

The Don Is Dead (Der Don ist tot) ~ USA 1973
Directed By: Richard Fleischer

Las Vegas, Nevada. Nachdem der alte Don Paolo Regalbuto das Zeitliche gesegnet hat, versuchen die übrigen Familien, sein Erbe gerecht zu verwalten. Der nicht sonderlich erfahrene Frank (Robert Forster), der einzige Sohn des Verblichenen, soll dessen Imperium beizeiten übernehmen, zunächst jedoch unter der Schirmherrschaft seines väterlichen Freundes Don Angelo DiMorra (Anthony Quinn) das Geschäft ordentlich erlernen. Der intrigante Luigi Orlando (Charles Cioffi) schmiedet derweil Ränke, Frank und Don Angelo gegeneinander auszuspielen und missbraucht dafür Franks nichtsahnende Freundin Ruby (Angel Tompkins), eine aufstrebende Sängerin. Orlando verkuppelt diese in Franks Abwesenheit mit Don Angelo, was der Gehörnte mit einer derben Tracht Prügel für Ruby quittiert. Nun ist Don Angelo seinerseits rachsüchtig. Orlandos Plan scheint aufzugehen, doch er hat nicht mit Franks Freunden, den Fargo-Brüdern gerechnet. Als der Ältere der beiden, Vince (Al Lettieri) bei einem Hinterhalt erschossen wird, nimmt nach anfänglichem Zögern der ansonsten friedliche Tony (Frederic Forrest) das Heft in die Hand…

Nach dem überwältigenden Erfolg von „The Godfather“ versuchte – ein stetes Kausalitätsgesetz im Mainstream – auch die Studiokonkurrenz, mit emotional konnotierten Mafia-Geschichten Kasse zu machen. Ebensowenig jedoch wie Marvin Alberts Vorlage dem Roman Mario Puzos das Wasser reichen kann, vermag es Fleischers Adaption, Coppolas monströses, absolut fehlerfreies Meisterwerk auch nur millimeterbreit anzukratzen. Als Beispiel für die immer wieder eklatante Ratlosigkeit von Studio-Mechanismen, insbesondere zu Zeiten New Hollywoods, und auch als Exempel für eine Ministudie zum Thema Kunst vs. Handwerk lässt sich „The Don Is Dead“ ganz gut heranziehen, einmal ganz davon abgesehen, dass man ihm bestimmt nicht absprechen kann, solides Gangsterfilm-Entertainment vorzuschießen.
„The Don Is Dead“ bricht den komplexen Plot von „The Godfather“ quasi auf Busbahnhofskiosk-/Sidney-Sheldon-Niveau herunter: Hier geht es nurmehr um den Teilaspekt der Nachfolge des verschiedenen, alten Don, zu dessen Lebzeiten der Laden noch lief. Doch die Konkurrenz schläft eben nicht, sondern wittert bereits das dräuende Organisationsleck wie der Löwe die verirrte Antilope. So muss auch hier am Ende ausgerechnet derjenige die Sache geradebiegen, der eigentlich gar nichts mit dem Familiengeschäft zu tun haben, der längst aussteigen und eine geregelte Existenz begehen wollte. Am Ende, nach dem mafiösen Großreinemachen, steht schließlich ein neuer padrino, einer, von dem niemand es hatte glauben wollen und der durch sein unbeirrtes, strategisches und gnadenloses Vorgehen allen gezeigt hat, wo der Frosch die Locken hat. Anthony Quinn, der der Einfachheit halber in der deutschen Synchronfassung gleich noch dieselbe Stimme verpasst bekam wie zuvor Brando in „The Godfather“ (nämlich die des famosen Gottfried Kramer), darf den Kehraus zwar überleben, sitzt jedoch, schwer von einem Schlaganfall gezeichnet, im Rollstuhl. Er hat sich wegen einer Frau ausbooten lassen und ist auf den ältesten Trick der Welt reingefallen. Leib und Einfluss sind dahin. Ein weiterer Don ist „tot“.
Mit Al Lettieri und Abe Vigoda standen Fleischer, der seine Sache insbesondere in Anbetracht früherer Errungenschaften so strunzroutiniert durchzieht, als mache er hier ordinäres Fernsehen, immerhin zwei elementare Akteure aus „The Godfather“ zur Verfügung und die Nebenbesetzung glänzt bis in Mini-Parts hinein mit tollen Gesichtern, darunter Victor Argo, Sid Haig oder Barry Russo. Die sorgen für wahrhaftiges Hallo. Dennoch kann das alles nie wirklich zur Gänze verhehlen, dass die umtriebige Universal mit diesem Kleinprojekt einen ziemlich billigen Versuch unternommen hat, aus dem Schatten eines Jahrhundertwerks ein paar schnelle Dollar abzugreifen.

6/10

D’ARDENNEN

Zitat entfällt.

D’Ardennen (The Ardennes) ~ BE 2015
Directed By: Robin Pront

Nach einigen Jahren Gefängnis kommt Kenny (Kevin Janssens) frei. Die Zeit im Bau hat ihn keinesfalls resozialisiert; er ist mindestens noch derselbe unbeherrschte Soziopath wie zuvor. Sein Bruder Dave (Jeroen Perceval), der einst von Kenny gedeckelt wurde und daher straffrei ausgehen konnte, hat zudem ein überaus unangenehmes Geheimnis: Er ist mittlerweile mit Kennys Ex-Freundin Sylvie (Veerle Baetens) zusammen, die zudem ein Baby von Dave erwartet. Aus Angst vor Kennys möglicher Reaktion behalten beide die Wahrheit zunächst für sich. Es dauert nicht lange, bis Kenny sich erneut in die Scheiße reitet und eine Leiche am Hals hat, die es zu entsorgen gilt. Er überredet Dave, zu diesem Zweck mit ihm in die verschneiten Ardennen zu fahren – Symbol gemeinsamer, glücklicher Kindheitstage.

Noch etwas gerader heraus als der zuvor geschaute „Rundskop“, in dem ebenfalls sein Co-Autor Jeroen Perceval zu sehen ist, geht Robin Pronts beeindruckender Debütfilm „D’Ardennen“ in die Vollen. Ein nachtschwarzes Brüderdrama entspinnt es sich hier, ganz so, wie es auch die Coens in früheren, grimmigeren Tagen hätten entwerfen mögen. Kevin Janssens gibt eine beeindruckend wirklichkeitsnahe Vorstellung als drogenkonsumierender Prolet und Ex-Knacki, der aufgrund seiner verwilderten Persönlichkeitsstruktur besser eingesperrt bliebe. So lautet schließlich das bedrückende und gleichfalls nicht unwahre Fazit des Films: Es gibt hier und da Zeitgenossen, die man als Freunde oder gar Verwandte vielleicht lieb hat, ohne die man aber tatsächlich besser dran wäre, weil sie es schlicht immer wieder versauen. Kenny ist so einer. Nachdem er im Knast verschwunden ist, haben sowohl Dave als auch Sylvie Zeit, ihr Leben neu zu sortieren. Drogen sind fortan passé, man verschafft sich schlecht bezahlte, aber immerhin ehrliche Jobs und beginnt, Gefühle füreinander zu empfinden, vielleicht, um die vorübergehende Leere der just entstandenen Lücke mit Leben zu füllen. Schließlich ist noch ein Kind unterwegs. Doch proportional zum Glück der Zweisamkeit wächst die Angst vor Kenny, der bald rauskommt. Als es soweit ist, fehlt der Mut, dem nach wie vor unkontrollierten Wüterich die Wahrheit mitzuteilen. Erwartungsgemäß führt die unpässliche Gesamtsituation in die dräuende Katastrophe; die winterlichen Ardennen werden zum Vorhof der Hölle.
Pronts Film präsentiert sich als von beeindruckender Hermetik beseelt; ein Drei-Personen-Stück um die elementarsten Empfindungen Liebe, Hass, Wut. Und über Schuld und Sühne natürlich. Damit vollbringt er vielleicht keine ausgesprochenen Renovierungsarbeiten am klassischen Duktus des Thriller-Dramas, er füttert selbigen jedoch mit lebenswichtigen Nährstoffen. Und diese entsprechen in Zeiten zunehmend gleichförmig wirkender Filmkreationen innerhalb des (bzw. der) Genres einer nicht zu unterschätzenden Vitalinjektion.

8/10

WHERE’S POPPA?

„Poppa’s dead.“

Where’s Poppa? (Wo is‘ Papa?) ~ USA 1970
Directed By: Carl Reiner

Der New Yorker Strafverteidiger Gordon Hocheiser (George Segal) ist eine arme Socke. Er ist nämlich Junggeselle und als solcher für die Pflege seiner Mutter (Ruth Gordon) zuständig, die sich, gemäß ihres fortgeschrittenen Alters, in einem Wesenszustand zwischen Senilität, Eifersucht und Boshaftigkeit bewegt. Im Gegensatz zu Gordons älterem Bruder Sidney (Ron Leibman), der bereits eine Familie sein Eigen nennt, ist jeder Ansatz Gordons, eine gesunde Beziehung zu einer Frau aufzubauen, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Da Mutter Hocheiser außerdem bereits diverses Pflegepersonal verschlissen hat und in der gesamten Berufsszene entsprechend berüchtigt ist, fällt es zudem schwer, eine passende Kraft zu finden. Abhilfe taucht eines Tages in der Person der etwas naiven, aber lieben Schwester Louise (Trish van Devere) auf, in die sich Gordon stande pede verguckt. Aber da ist dann noch die Mama…

Carl Reiners omniversaler Attacke auf den guten Geschmack gelingt das seltene Mirakel, eine denkbar böse Komödie zu sein, ohne in plumpe Vulgarismen oder Infantilismen zu verfallen. Nachdem die Synopse bereits erahnen lässt, dass Reiner vor allem die Unsitte auf die Schippe nimmt, mental abdriftende Familienmitglieder möglichst lange zu Hause zu beherbergen und damit die eigene Existenzqualität grotesk zu schmälern, darf man erfreut zur Kenntnis nehmen, dass noch etliche andere New Yorker Heiligtümer liebevoll von ihm mit Füßen getreten werden, sei es die sterotyp-obligatorische Gang sadistischer Schwarzer, die nächtens im Central Park abhängt und mit Gordons Bruder Sidney genau das masochistische Opfer für ihre Gemeinheiten erhält, nach denen sie verlangt; seien es also urbane Kriminalität, Ethno-Klischees, die Familie als Hochburg psychischer Stabilität, Homosexualität, Paraphilie oder der Strafvollzug: Reiner liefert ein unglaubliches Kaleidoskop bizarrster Typen, Szenen und Situationen und denunziert sie alle mit solch luftig-leichter Gelassenheit, dass es eine einzige, erquickliche Freude ist. Nicht nur, dass ich angesichts manch derber Wahr- und Weisheit des Films gegrinst und gelacht habe, wie schon lange nicht mehr, gehört der brillante „Where’s Poppa“ von nun an zu meiner persönlichen, unerlässlichen Liste des klassischen New-York-Kinos und symbolisiert gleichsam eines der wenigen Fanale einer anscheinend längst vergessenen Kunst: der der politisch betont unkorrekten, dabei intelligenten und vor allem zeitlosen Komödie. Ein Wunderwerk.

9/10