NUR GOTT KANN MICH RICHTEN

„Das is Business, Dicker.“

Nur Gott kann mich richten ~ D 2017
Directed By: Özgür Yildirim

Nach fünf Jahren im Knast wegen eines vergeigten Bruchs kommt der Kriminelle Ricky (Moritz Bleibtreu) raus. Für seinen Traum, seinen dementen Vater (Peter Simonischek) aus Frankfurt rauszuholen und ein Café auf Cabrera zu eröffnen, braucht er allerdings Startkapital. Dies erhofft er sich durch einen von seinem alten Kumpel Latif (Kida Khodr Ramadan) vermittelten Coup für den Albaner Branko (Cem Öztabakci) zusammenklauben zu können. Rickys jüngerer Bruder Rafael (Edin Hasanovic), selbst auf Bewährung und von eigenen Problemen gebeutelt, steigt widerwillig als dritter Mann ein. Natürlich geht alles schief; Ricky und Rafael werden von der Polizistin Diana (Birgit Minichmayr) gestellt und verlieren das gestohlene Heroin, das wiederum Diana, die dringend Geld für eine Herzoperation ihrer kleinen Tochter benötigt, an sich bringt, um es auf dem Schwarzmarkt abzustoßen. Dabei gerät sie über Umwege an Latif…

Bevor Özgür Yildirim zwei Episoden für die zweite Staffel der sehr einnehmenden Serie „4 Blocks“ inszenierte, ließ er diesen von ihm selbst gescripteten, nachtschwarzen Gangsterfilm vom Stapel, der der nunmehr ergiebigen Tradition des ins ethnische Milieu abtauchenden, deutschen Genrestücks folgt und ihr ein neues, matt schimmerndes Juwel hinzufügt. Dass die hierin vorkommenden Araber, Albaner und auch deutschstämmigen Szenegestalten keinesfalls über den eleganten Habitus ihrer globaler operierenden Berufskollegen verfügen, sondern viel eher dem kulturmuslimisch konnotierten Asisprech und Choleriker-, Bedrohungs- und Beleidigungsmachsismo Marke deutsches Großstadtghetto frönen, gilt es wie stets in diesen Fällen zu schlucken, auch, wenn es sich als nicht immer einfach erweist. Jedwede alternative Darstellung wäre aber vermutlich auch gestelzt bis unrealistisch. Ohne „Wallah!“ und Gangsterrap geht’s nicht.
Um einen pädagogischen Zeigefinger ist Yildirim kaum (weiter) bemüht. Seine Figuren stehen da, wo sie stehen, nämlich an der Wand. Sie können nichts anderes und sind durch ihren sozialen Mikrokosmos und die unweigerliche, permanente Konfrontation mit dem Rechtsstaat bereits einschlägig geprägt und können nur auf ihre Eins-zu-Einer-Million-Chance hoffen, die ihnen, das wissen wir schon seit Cagney und Robinson, am Ende sowieso verwehrt bleiben wird. Doch ist „Nur Gott kann mich richten“ nicht bloß eine weitere Rise-and-Fall-Studie. Er geht tiefer, entspinnt ein komplexes Geflecht aus Koninzidenzen, Schuld, Sühne und Gewaltkausalität, dass in seinen besten Momenten an den klassischen französischen Gangsterfilm gemahnt.
Jeder getane Schritt, zumal vom Protagonisten Ricky, führt eine Sprosse weiter abwärts, zum Privatschafott. So sehr er sich auch bemühen mag; Unbeherrschtheit, Gewaltbereitschaft und Boshaftigkeit zählen unweigerlich zu seinem Naturell. Im Gegensatz zu seinem Bruder Rafael, dessen Abwärtsspirale eher seiner postpubertären Unbeholfenheit zuzurechnen, der jedoch kein wirklich schlechter Kerl ist und selbst zu seinem Kumpel Latif und dessen mangelndem Durchblick, bleibt Ricky ein auch moralisch perspektiviert hoffnungsloser Kapitalverbrecher, der einen Fehler begeht, um den nächsten zu machen. Als interessantester Charakter erweist sich allerdings die Polizistin Diana. Selbst von teilweisen migrantischen Wurzeln geprägt, ist ihr gegenwärtiges Leben eine Müllhalde: Verlassen vom hochverschuldeten Mann und Vater des Kindes, das wiederum herzkrank ist und dringend ein Spenderorgan benötigt, vollzieht auch sie den Schritt auf die dunkle Seite, ein Changieren, das sie kaum minder als Ricky am Ende beinahe alles kosten wird.
Stark.

8/10

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ERCOLE E LA REGINA DI LIDIA

Zitat entfällt.

Ercole E La Regina Di Lidia (Herkules und die Königin der Amazonen) ~ I/F/E 1959
Directed By: Pietro Francisi

Herkules (Steve Reeves), seine Angetraute Iole (Sylva Koscina) und sein junges Mündel Odysseus (Gabriele Antonini) kehren von Ithaka nach Theben zurück, wo die Freunde die Stadt unter einem Bruderzwist ächzend vorfinden: Der halbwahnsinnige Eteokles (Sergio Fantoni) enthält seinem Bruder Polyneikes (Mimmo Palmara) die Herrschaft über Theben vor. Herkules will vermitteln, fällt jedoch einem Zauber der atlantischen Königin Omphale (Sylvia Lopez) zum Opfer, verliert das Gedächtnis und wird von der Mannstollen zum willenlosen, tumben Liebhaber umfunktioniert, derweil die arme Iole von Eteokles als Faustpfand gefangengehalten wird. Glücklicherweise gelingt es Odysseus, seinen Vater (Andrea Fantasia) herbeizurufen und Herkules wieder zur Räson zu bringen. Währenddessen spitzt sich die Situation zwischen den verfeindeten thebanischen Brüdern weiter zu…

An Pietro Francisis recht schick arrangiertes Scope-Sequel zu seinem Herkules-Startschuss „La Fatiche Di Ercole“ wirkte, hier und da immer wieder gut sicht- und spürbar, auch Mario Bava als Co-Regisseur, dp und S-F/X-Designer mit. So ist etwa Omphales gespenstische Ménagerie ihrer einbalsamierten Verflossenen ganz zweifellos das visuelle Werk des Maestro. Ansonsten verlässt sich der Plot im Wesentlichen auf den wie üblich beeindruckenden Steve Reeves und wie er dicke Steine zur Seite rollt, allerlei Eisenstäbe verbiegt und Tigern im Duell das Genick bricht. Camp, und ein bisschen doof dazu? Geschenkt. Darstellerische Hauptattraktion ist in jedem Falle Sergio Fantoni, der bevorzugt unschuldige Tröpfe an seine drei gestreiften Großkatzen verfüttert oder Jungfrauen von der Stadtmauer stößt und sich dann jedesmal tierisch ob seiner diebischen Boshaftigkeit kaputtlacht. Seien wir mal ehrlich: Hemmungslos overactendes Personal wie Fantoni ist es doch eigentlich, warum man Pepla so sehr mag und weniger die sich recht problemlos substituieren lassenden Muskelmänner in der Vorderfront. Dennoch, ohne bleckende Albi-Prachtkerle wie Steve Reeves kein Herkules, Maciste oder Ursus – und somit kein lustvoll daherfabulierter Unfug wie dieser.

6/10

FALLEN

„Everything is personal – if you’re a person.“

Fallen (Dämon – Trau keiner Seele) ~ USA 1998
Directed By: Gregory Hoblit

Detective John Hobbes (Denzel Washington) vom Philadelphia P.D. muss sich schwer wundern. Obwohl er den Serienkiller Edgar Reese (Elias Koteas) dingfest machen und sogar dessen Hinrichtung beiwohnen konnte, geschehen weitere Morde, die genau Reeses Handschrift entsprechen. Die Trittbrett-Verbrecher scheinen sich darüberhinaus sogar gegenseitig umzubringen. Über einen kurz vor seinem Tod gemachten Hinweis von Reese stößt Hobbes schließlich auf Gretta Milano (Embeth Davidtz), die Tochter eines Kollegen, der vor Jahren, nachdem er des Mordes verdächtig wurde, Suizid begangen hat, sowie dessen okkulte Privatbibliothek. Gretta erklärt ihm, dass nicht Reese oder die anderen als solche vermuteten Killer, sondern der Dämon Azazel, der gestaltlos ist und in jeden beliebigen Körper springen kann, sein Unwesen in der Stadt treibt. Azazel hat sich Hobbes zum Privatgegner auserkoren und will ihn, wie einst Milano, öffentlich diskreditieren und in die Verzweiflung treiben. Doch Hobbes hat einen Plan, denn auch Dämonen kann man töten…

Manch einer von uns wird sich noch wohlfeil erinnern: Als Y2K sich näherte, war neben der massenmedial gehypten Euphorie auch die allgemeine, latente Besorgnis en vogue, dass mit dem Millenienwechsel auch die Erde ihrem Untergang geweiht sei. Biblische Endzeitszenarien, Johannes‘ Buch der Offenbarung, die vier Reiter und Luzifer mit seinen höllischen Horden wähnten die für derlei Spuk etwas anfälligeren Zeitgenossen allesamt schon um die nächste Hausecke, was selbstverständlich auch die Hollywood-Studios veranlasste, den Zeichen der Zeit Rechnung zu tragen. Nach (oftmals vorgeblich) hochkomplexen Schemata operierende, fanatische Serienkiller, infernalische Dämonen, Doomsday-Sekten und schließlich Mephistopheles selbst bevölkerten das apokalyptische Timbre etliche Filme jener Ära, so dass selbst hochrespektable Qualitätsakteure wie Denzel Washington als Vorsteher eines entsprechend erlesenen Ensembles sich plötzlich mit übernatürlichen Gegnern an der Schwelle zur Machtübernahme herumzuärgern hatten. Der Dämon Azazel, der auf eine lange, religiöse wie literarische Vorgeschichte und Tradition zurückblickt, ist einer der prominenteren Vertreter der „Gefallenen“, also jener Wesen, die wegen ihrer Verderbtheit von Gott des Himmels verwiesen wurden und seither ihr Dasein in der Unterwelt fristen müssen. Hoblits Film verzichtet (leider?) darauf, dem bocksbeinigen Gesellen eine konkrete Form zu verleihen. Stattdessen trittt er als unsichtbare, ätherische Kreatur an, die, soviel physikalische Erdung leistet sich das Werk dann doch, wenn nicht gleich durch direkte Berührung, so doch binnen einer bestimmten Frist in einem bestimmten Umkreis den Wirt wechseln kann. Nachdem er jenen dann wieder verlässt, kann der seelisch Missbrauchte sich, einem Blackout gleich, an nichts mehr erinnern. Um diese breit bepflügte Prämisse sowie um einen Stones-Klassiker herum baut das von Elia-Filius Nicholas Kazan ersonnene Script eine reichlich hanebüchene wie um den good will des Publikums buhlende Story zusammen, die, und darin liegt das ziemlich gewaltige Problem des Films, sich bei aller Stoffeligkeit bierernst nimmt. Der Regisseur macht einen sauberen Job, die Qualitätsdarsteller stehen in keinem Verhältnis zu dem eigentliche einer sehr viel unauffälligeren Genrearbeit gebührenden Plot. Aber auch darin stellt sich „Fallen“ sich den vielen erwähnten zeitgenössischen Gattungsproduktionen gleich – er zeigt, obschon auf rückblickend interessante Art und Weise, gewissermaßen exemplarisch auf, in welcher Sackgasse das Mainstream-Kino der späten Neunziger sich befand und, vor allem, wieviel besser das alles noch rund zwei Jahrzehnte zuvor funktioniert hatte.

5/10

THE ENDLESS

„You were always here.“

The Endless ~ USA 2017
Directed By: Justin Benson/Aaron Moorhead

Vor einigen Jahren haben die beiden Brüder Justin (Justin Benson) und Aaron Smith (Aaron Moorhead) auf Justins Insistieren hin eine nahe der kalifornischen Wüste beheimatete Esoterikergruppe verlassen, bei der sie seit Kindheitstagen lebten. Ihre Eltern hatten dort einst einen tödlichen Autounfall und Hal (Tate Ellington), der geistige Führer der Aussteiger, hatte sich ihrer angenommen. Der bodenständigere Justin war dann jedoch irgendwann der Meinung, die sich angeblich durch Bierbrauerei selbst finanzierende Gruppe sei gefährlich, glaube an außerirdischen Humbug und plane mittelfristig einen kollektiven Selbstmord, woraufhin er und Aaron Richtung L.A. verschwanden. Dort gestaltet sich das Leben jedoch als materiell prekär und insgesamt allzu diffizil, weshalb Justin sich zähneknirschend von Aaron überreden lässt, nach „Camp Arcadia“, wie die Aussteiger ihren Hort nennen, zurückzukehren. Vor Ort angekommen zeigt sich, dass Justin Aaron zwar einige Lügengeschichten über die Leute aufgetischt hat, es in der ruralen Gegend jedoch nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Zwei Monde scheinen des Nachts und ein dritter geht gerade auf, irgendwo hoch am Firmament lauert eine offenbar überirdische, unsichtbare Kraft, seltsame Menschen geistern um das Camp herum. Schließlich finden die Brüder vereint die haarsträubende Wahrheit über das Areal heraus…

Fünf Jahre nach dem um Einiges kärglicher gestalteten „Resolution“ konnten Justin Benson und Aaron Moorhead auf ein sichtbar großzügigeres Budget zurückgreifen und den damals kreierten Mythos um eine (oder mehrere) obskure Entität(en) im kalifornischen backcountry weiterspinnen. Die Installation und sukzessive Ausweitung umfassender filmischer Universen erfreuen sich aktuell spätestens seit des Milliarden-Erfolgs des MCU vor allem bei Genrefans überaus intensiver Beliebtheit; man denke nur an die „Cloverfield“-Reihe, die bereits drei auf direkter Narrationsebene völlig unterschiedliche Geschichten hervorbrachte, die lediglich den gemeinschaftlichen Nenner besitzen, alle in derselben Realität spielen. Legendarys MonsterVerse erhält demnächst seinen dritten Ableger und Universal feilt weiterhin eifrig an seinem Dark Universe um die großflächige Revitalisierung der klassischen, vornehmlich viktorianischen Filmmonster. Warum nicht ein entsprechendes Äquivalent im kostengünstigen und vor allem studiounabhängigen Indie-Sektor aus dem Boden stampfen? Nun, hieraus könnte, bei anhaltendem Erfolg (und genau nach solchem schnuppert es justament) Entsprechendes werden. Was haben wir da nun genau? Eine (oder wie erwähnt gar eine Gruppe von) übermächtige(n) Wesenheit(en) unbekannter Herkunft (sie könnten außerirdischen Ursprungs sein oder uralte, auf der Erde beheimatete Kreaturen ähnlich den „Großen Alten“, vielleicht auch indianische Gottheiten), die in der Lage sind, Bannkreise zu erschaffen, in denen Raum und Zeit außer Kraft gesetzt sind, in denen Realität und Kausalitätszusammenhänge sich nach dem Zufallsprinzip immer wieder neu zusammensetzen und deren menschliche „Opfer“, also Personen, die zum passenden Zeitpunkt freiwillig oder unfreiwillig in einen der Bannzirkel geraten, durch gezielte Hinweise in Form übersandter Medien und Datenträger sich nach und nach ihrer Situation gewahr werden. Manch einer wird darüber wahnsinnig (James Jordan), andere [bester und eigentlich einziger wirklich creepiger Einfall des Films: der Typ im Zelt (Ric Sarabia)] sind im Bruchteil weniger Sekunden gefangen, offenbar je nach der momentanen Konstellation der ebenfalls metaphysischen Gestirne. Welches Ziel die Kultisten (sind es überhaupt welche?) genau verfolgen, bleibt wiederum etwas schleierhaft; wollen sie das ewige Leben oder suchen sie gerade davon Erlösung? Fest steht, dass der Einfluss der Wesen mit der Erfindung digitaler Vernetzung nicht mehr auf das Wüstenareal beschränkt ist. Wie bereits „Resolution“ gezeigt hat, können sie ihre medialen Kommunikationswege nunmehr auch „nach draußen“ ausweiten, um neue Opfer für ihre Bannzirkel anzulocken.
Für die beiden Brüder (Sollen sie eigentlich Zwillinge sein? Der Eingangstext lässt Entsprechendes vermuten, der Film jedoch verrät diesbezüglich nichts) entwickelt sich das Ganze schließlich zu einer im Verhältnis zu ihren übersinnlichen Erlebnissen relativ ordinären Revision ihrer Beziehung zueinander, so dass „The Endless“ uns im Intimbereich zwar ein happy end beschert, im Nachhinein aber noch immer allzu unbefriedigend viele, lose Enden bleiben. Mal sehen, ob da noch was kommt…

7/10

EDGE OF HONOR

„These damn trees!“

Edge Of Honor (Slayer) ~ USA 1991
Directed By: Michael Spence

Seit die Holzverarbeitungsindustrie auf der Olympic-Halbinsel im Nordwesten des Staates Washington kaum mehr Gewinne einbringt, widmen sich die zunehmend verzweifelten Einheimischen krummen Geschäften vom Drogenhandel bis zum Waffenschmuggel. Eine kleine Gruppe von vor Ort befindlichen Pfadfindern (u.a. Corey Feldman, Scott Reeves) kommt den beiden Dubs-Brüdern Bo (Ken Jenkins) und Ritchie (Don Swayze) ins Gehege, die gerade einen dicken Coup mit gestohlenen Raketenwerfern landen wollen. Besonders der brutale Ritchie kennt kein Pardon und so sind die Jungs bald gezwungen, sich ihrer Haut mit nicht minder endgültigen Mitteln zu erwehren. Unerwartete Hilfe erhalten sie von der netten Alex (Meredith Salenger), die selbst noch einen Rechnung mit den Dubsens offen hat.

Diese ziemlich krude geratene Mixtur aus Hillbilly-Action und erdnaherem „Goonies“-Abenteuer weiß nicht recht, wo sie eigentlich hingehört, also prescht sie einfach umso rüder querfeldein, mitten durchs Gehölz, sozusagen. Corey Feldman, der in Sachen aufregender Kinder- und-Jugend-Kinogeschichten bereits hinlänglich Erfahrung besaß (und nebenbei denselben Rollennamen wie in „The ‚Burbs“ trägt – Zufall, Fügung oder gar Absicht…?) und „Edge Of Honor“ mitproduzierte, hat in selbigem nach einem schicksalhaften Fund in einer Waldhütte die etwas einfältige Idee, den keinen Spaß verstehenden Hinterwäldlern ihre Präzisionsraketen zu klauen und zu verstecken, um dann bei der Polizei den Helden spielen zu können. Ein verhängnisvoller Plan, denn die skrupellosen und vorzüglich organisierten Ganoven rotten zunächst mal fast das gesamte, nächtliche Pfadfindercamp mit allen zeltenden Kindern und Betreuern aus (hier fühlte ich mich unwillkürlich und ziemlich ungut an das Breivik-Massaker von vor ein paar Jahren erinnert), um das überlebende Quintett durchs Gebirge zu jagen. Nachdem die Kids bereits den ersten Gangster eher versehentlich überwältigen und erschießen, ist die weitere Richtung endgültig vorgezeichnet. Die Verbrecher indes geraten selbst unter Druck, den ihr potenzieller Abnehmer in Seattle, Mr. Sweet (William Crossett) und dessen Hauskiller Blade (Christopher Neame), haben noch weniger Sinn für Humor als sie. So reist Letzterer mit einigem Explosivmaterial an und es kommt zur finalen Konfrontation, in der sich die unterdessen hinzugestoßene Herzdame Alex und ihre fünf Herzbuben als deutlich fintenreicher erweisen als ihre flugs dezimierten Gegner ihnen zutrauen mögen.
Während nun die grundierende Atmosphäre des Ganzen einem typischen Jugendroman ähnelt, passt sich ansonsten gewalttätige Habitus handelsüblicher Waldaction an; es werden etliche Menschen abgeknallt und am Ende eine unfassbare Menge einfallsreicher Fallen aus dicken Baumstämmen, Dynamit und Holzspießen kreiert, die zuvor höchstens Stallone und Schwarzenegger in ähnlicher Vollendung konstruiert haben und die sechs Jugendliche natürlich problemlos binnen ein paar nächtlicher Stunden austüfteln und aufbauen können. Ein bisschen Selbstjustiz (Patrick Swayzes ihm wie aus dem Gesicht geschnittener Bruder Don bekommt von der Salenger kaltblütig eine Kugel zwischen die Augen) obendrauf und fertig ist das gewohnheitsmäßig eben gern kaltservierte Gericht, das hier ausnahmsweise einmal etwas andere Formen annimmt als gewohnt. Seein‘ is believin’…

6/10

DEATH WISH

„How did faith work out for those people?“

Death Wish ~ USA 2018
Directed By: Eli Roth

Der Chicagoer Chirurg Paul Kersey (Bruce Willis) muss während einer seiner Nachtschichten im Hospital feststellen, dass ausgerechnet seine Frau Lucy (Elisabeth Shue) und seine Tochter Jordan (Camila Morrone) Opfer eines Raubüberfalls wurden. Während Jordan im Koma liegt, stirbt Lucy an ihren Verletzungen. Obwohl der ermittelnde Polizist Raines (Dean Norris) dem zutiefst erschütterten Kersey versichert, dass sein Fall sich aufklären werde, verliert der Mediziner bald die Beherrschung: Eine zufällig in seine Hände geratene Handfeuerwaffe wird zum Helfershelfer bei seinem ersten Auftritt als von den Medien flugs „Grim Reaper“ getaufter Vigilant, dem noch einige folgen sollen, zumal Kersey bald sie Spur ebenjener Verbrecher aufnimmt, die seine Lucy auf dem Gewissen haben…

Einer Angelegenheit bin ich mir zunehmend sicher: Wenn man sich als Rezipient auf einen neuen Film von Eli Roth einlässt, dann sollte einem im Vorhinein bewusst sein, dass gewiss abermals kein sophistisches Feuerwerk auf einen wartet, sondern gewohnt deftige Genrekost von einem durchaus kinokulturbeflissenen Routinier, der weiß, was seine Fans sehen wollen, der aber wohl noch besser weiß, was er selbst zu sehen wünscht. Seinem Werk exponenziell komplexe Gedankenkonstrukte zu unterdtellen oder ihm analytische Anstrengungen zu widmen, könnte sich unter Umständen als immerhin gut gemeinte Redundanz erweisen. „Death Wish“, Roths zweites Remake eines bereits verfilmten Stoffs in Folge, unterfüttert dies mit einiger Vehemenz. Wo das Original von Michael Winner mit im Vergleich hierzu geradezu akkurater psychoanalytischer Anstrengung die Verwandlung eines linksiberalen, bis dato zeitlebens pazifistisch eingestellten amerikanischen Großstadt-Bourgeois in einen sich als Vigilant exponierenden Serienkiller darlegte, lässt Roth geradezu dumpf konnotiertes Actionkino vom Stapel. Auch wenn Bruce Willis mal ein Tränchen kullern lässt – dass er unter immensem emotionalen Druck steht, wie Charles Bronson es seinerzeit noch so nachdrücklich zu vermitteln vermochte, nimmt man ihm zu keiner Sekunde wirklich ab. Vielmehr scheint sein von Sprücheklopfereien flankierter, von sadistischen Zügen geprägter Rachefeldzug sehr viel eher eine Entsprechung seiner tatsächlichen Persona zu sein, die eben nur ein passendes Ventil brauchte, um sich zu entladen. Da sind dann eher eindeutige Rückbezüge auf die vier folgenden Bronson-Sequels erschließbar, die ja einem ganz ähnlichen, sich von Film zu Film mehr und mehr verselbstständigenden Metarealismus frönten. Ob hier ferner Paul Kersey nächtens unterwegs ist, um Blutzoll zu fordern, oder John McClane, das spielt für eine Charakterisierung des Protagonisten letztlich überhaupt keine Rolle mehr – der Vigilantenfilm als Subgenre ist ohnehin längst viel zu facettenreich durchexerziert worden und allzu etabliert, um noch groß um den heißen Brei herumzueiern. Das letzte fehlende Indiz dafür offenbart sich in der gezielten Suche nach und Konfrontation mit den Gangstern, die sich, natürlich „hierarschisch“ entdeckt und abserviert, als unverbesserliche Bösewichte entpuppen und deren Tilgung aus der Gesellschaft somit hinreichend legitimiert ist.
Zwar ist der 2018er-„Death Wish“ nun nicht der große, reaktionäre Waffen-Lobbyisten- und Trump-Film, als den ihn bereits Einige im Vorhinein zu denunzieren versuchten (dafür ist er nämlich viel zu statisch und traditionsbewusst inszeniert und vorsichtig im Umgang mit dem 2. Verfassungs-Zusatzartikel), er ist aber, gerade in Anbetracht der jüngsten, teilweise sehr viel besseren Rächerfilme, auch überhaupt nichts Besonderes. Vielleicht ist gerade jene liderliche Vernachlässigung eines eigentlich verpflichtenden trademark das Enttäuschendste an diesem Film.

6/10

HOUSE BY THE RIVER

„You must be very, very ill, Stephen…“

House By The River (Das Todeshaus am Fluss) ~ USA 1950
Directed By: Fritz Lang

Der wenig erfolgreiche Autor Stephen Byrne (Louis Hayward) ist ein Hallodri, der immer wieder in Schräglage gerät, nur, um sich dann mal wieder von seinem immens pflichtbewussten Bruder John (Lee Bowman) aus der Patsche helfen zu lassen. Als John eines Tages das Hausmädchen Emily (Dorothy Patrick) zu vergewaltigen versucht, erstickte er die Hilfeschreie, indem er ihr die Kehle zudrückt. John lässt sich verzweifelt überreden, Stephen bei der Entsorgung der Leiche im benachbarten Fluss zu helfen.
Während John an seiner Schuld und Mitwisserschaft zu zerbrechen droht, entwickelt Stephen bessere Laune denn je und verleumdet die von ihm ermordete Emily sogar in aller Öffentlichkeit, indem er bekanntgibt, sie sei mit einigen Wertsachen seiner Gattin Marjorie (Jane Wyatt) durchgebrannt. Als der Fluss Emilys Leiche anspült, gerät John unter indizienbedingten Mordverdacht, kann jedoch in Ermangelung von Beweisen nicht verurteilt werden. Dennoch wird er zur persona non grata und verzweifelt immer mehr. Nur Marjorie hält noch zu ihm. Derweil wird Stephens Geisteszustand immer besorgniserregender…

Eine kleine Reise in den Wahnsinn: Langs weniger bekannter „House By The River“, den er ohne große Stars und für das kleine Studio Republic inszenierte, ist ein übersehenes Meisterwerk des expressionistischen film noir. Geflissentlich zeit- und ortsentrückt (es lässt sich lediglich mutmaßen, dass die Geschichte irgendwann um die Jahrhundertwende an der südlichen Ostküste angesiedelt ist) sind es vor allem die Spiele mit Licht und Schatten (dp: Edward Cronjaher), die dem Film seine entrückte irrealis verehren. Das titelgebende Haus des Ehepaars Byrne gleicht von Anfang an einer verwinkelten Mördergrube, die zudem innen sehr  viel größer zu sein scheint als außen. Eher vernachlässigt findet sich hingegen die psychologische Komponente, wobei davon ausgegangen werden darf, dass es Lang auch gar nicht so sehr um selbige ging. Gleich von Anfang an wird Stephen Byrne als latenter Psychopath exponiert; der Mord an dem unglückseligen Hausmädchen ereignet sich schon in den ersten fünf Minuten. Damit sind die Fronten einmal geklärt; die eigentliche Motivationslage jedoch mitnichten. Das Script macht schlussendlich lediglich Stephens Freigeistigkeit nebst seiner offen ausgelebten Affinität zur Existenz des Bohémien für seinen durch und durch schlechten Charakter verantwortlich; sein Bruder John, im Prinzip ein grauer, spießiger Buchhalter mit Klumpfuß und ohne echte Lebensfreude, entwickelt sich indes zur moralischen Instanz und gewinnt somit auch verdientermaßen das Herz seiner ebenso liebenswerten wie unglücklichen Schwägerin, die einmal sagt, dass sie naiverweise einst auf Stephens Blenderei hereingefallen sei und ihn lediglich daher geheiratet habe.
Der (namenlose) Fluss, wie bald darauf bei Renoir und bei Laughton Symbol einer vitalen, aber höchst eigensinnigen, zudem mysteriösen Naturgewalt, belässt es nicht bei seiner stummen Mitwisserschaft – er spuckt seine Geheimnisse über kurz oder lang wieder aus, unerbittlich. Dazu zählt am Ende selbst der von Stephen tot geglaubte John, der mitnichten als Geist zurückkehrt, Stephen jedoch in Todesangst versetzt und ihn schließlich, in der ausweglosen Sackgasse seines sittlichen Verfalls, vor sein verdientes, göttliches Gericht führt.

9/10