GOOD TIME

„You’re cold? Let’s get to Virginia, man!“

Good Time ~ USA 2017
Directed By: Benny Safdie/Josh Safdie

Der ewig klamme Herumtreiber Connie Nikas (Robert Pattinson) will seinem geistig behinderten Bruder Nick (Benny Safdie) ein Leben abseits von Heimen und Therapeuten ermöglichen. Also entwickelt Connie kurzerhand den Plan, gemeinsam mit Nick eine Bank zu überfallen. Der mit heißer Nadel gestrickte Coup geht schief; Nick landet im Gefängnis, während Connie entkommen kann. Nun gilt es für ihn, die nötige Kaution aufzutreiben oder seinen Bruder notfalls selbst zu befreien. Die folgende, bizarre Odyssee durch die New Yorker Nacht bringt Connie mehr oder weniger zufällig mit allerlei seltsamen Zeitgenossen zusammen, darunter mit dem Kleinpusher Ray (Buddy Duress), der um ein LSD-Versteck im Freizeitpark „Adventureland“ weiß…

Ob es für meine persönliche Bewertung von „Good Time“ förderlich ist, dass ich zuvor dessen Nachfolger „Uncut Gems“ gesehen habe und im Prinzip eigentlich erst über diesen überhaupt auf die Safdies aufmerksam geworden bin, wage ich zu bezweifeln, denn jenes absolut formvollendete Thrillerdrama mit Adam Sandler variiert seinen Vorgänger nicht nur motivisch. Beide Filme zentrieren sich um einen rücksichtslos agierenden Protagonisten, der um die Durchsetzung eigener Träume und Wünsche Willen Kausalitätsketten in Gang setzt, die seine Mitmenschen, respektive zumindest die, die naiv genug sind, ihn zu unterstützen, ins kleine oder große Verderberben stürzt. Das Ganze vollzieht sich jeweils in einem sehr hohen Erzähltempo, unter Verwendung halsbrecherischer Script-Volten, vermittels einer wilden Photographie und Montage, sowie unter Einbeziehung eines ganzen Kaleidoskops schräger Nebencharaktere. (Das nächtliche) New York avanciert dabei zum urbanen, planen Stellvertrer der Reise durch das psychische und geistigen Labyrinth der Leitfigur. Auch „Good Time“ greift somit bereits vorhandene Erzählmuster auf; so erinnert er zumindest streckenweise etwa zwangsläufig an Scorseses „After Hours“ und infolge dessen an den klassischen film noir. Anders als später Sandler als semilegaler Traumverkäufer Howard Ratner vermag es der (nichtsdestotrotz hervorragend spielende) Robert Pattinson jedoch nicht, die Em- und Sympathie des Rezipienten zu evozieren. Während Ratner ja seine gesamte Existenz in die Waagschale wirft und sich damit den Status eines tragikomischen Antihelden erarbeitet, lassen einen die von vornherein irrationalen Motive Connie Nikas‘ relativ gleichgültig zurück. Man sieht seinem irrlichternden Trip durch die Eingeweide der Stadt und ihrer Institutionen zwar interessiert zu, mag sich aber nie wirklich auf seine Seite schlagen und insofern auch nicht nachhaltig mit seinem Schicksal zu hadern. Am Ende kommt es für die meisten Beteiligten so, wie es kommen muss; nichts existenziell wirklich Gravierendes geschieht. Während „Uncut Gems“ eine konsequente Fallgeschichte erzählt, nimmt „Good Time“ somit eher den Status einer wilden Momentaufnahme ein. Wie oben suggeriert, kann „Good Time“ unter dem massiven Eindruck von „Uncut Gems“ im Zuge einer achronologischen Betrachtung allso nur verlieren. Das macht ihn keinesfalls zu einem künstlerischen Fehlschlag, andererseits wird die rückwärts gewandte Ordinalbetrachtung ihm vermutlich nicht gerecht.

7/10

BLACKSNAKE!

„Your God, not my God, old man.“

Blacksnake! ~ USA 1973
Directed By: Russ Meyer

Im Jahre 1835 haben die Briten der Sklaverei in ihren Westindischen Kolonien bereits weitgehend entsagtm einzig auf dem kleinen Eiland San Cristobal herrscht die Zuckerrohrbauerin Susan Walker (Anouska Hempel) weiterhin mit eiserner Hand und schwarzlederner Knute. Da von ihrem Gatten Lord Jonathan (David Prowse) bereits seit Längerem nichts zu hören ist, begibt sich dessen Bruder Charles (David Warbeck) in cognito als neuer Buchhalter Sopwith nach San Cristobal, um vor Ort selbst nach dem Rechten zu sehen. Dort wird er umgehend Zeuge von Lady Susans Schreckensregime, das von ihren sadistischen Aufsehern Joxer Tierney (Percy Herbert) und Raymond Daladier (Bernard Boston) unterstützt wird. Doch die Revolte brodelt bereits vor sich hin…

Bereits ein Jahr vor Richard Fleischers Skandal-Studioepos „Mandingo“ ließ Russ Meyer diesem seinem weitaus bekannteren Epigonen gar nicht mal unähnlichen, kleinen Schweinehund von Film von der Leine. Das historische Sujet der Sklaverei im 19. Jahrhundert diente auch „Blacksnake!“ vornehmlich dazu, einen waschechten Exploiter fürs Midnight Cinema zu kreieren, wobei einzuräumen ist, dass von Meyers üblichem, anarchischen Stil im Gegenzug zu einer in diesem Fall eher konventionellen Inszenierung vergleichsweise wenig übrigbleibt. Erst im letzten Viertel genehmigt der Regisseur sich einige wenige, surreale Metalepsen und versichert dem angesichts des zuvor Bezeugten möglicherweise noch unschlüssigen Publikum mit seinem Finale, in dem allerlei Pärchen unterschiedlicher Hautfarbe zu den beruhigenden Worten des Off-Sprechers fröhlich durch ein Flussbett hüpfen, dass sein ruppiges Werk natürlich ganz und ausschließlich im Zeichen liberaler Werte entstand.
Nun, trotz seiner recht räudigen Atmosphäre nimmt sich „Blacksnake!“ nicht gar so bitterböse aus wie Fleischers Film, entbehrt jedoch auch mancher dessen wirksamer Ingredienzien wie etwa eines Hauptdarstellers vom Kaliber James Mason. Auch mit für seine persönliche Proveninenz berüchtigten Sexszenen hält sich Meyer merklich zurück, für ein paar wenige, tatsächlich kaum schlüpfrige Bilder um Anouska Hempel musste sichtlich ein Body Double herhalten. Seine nichtsdestotrotz eklatanten Grindhouse-Elemente bezieht „Blacksnake!“ eher aus dem räudigen, vornehmlich mit Rassistenschimpf gesäumtem Dialog und einigen visuellen Barbareien wie einer Kreuzigung oder den titelgemäßen Auspeitschungen. Der breitschultrige Bodybuilder und spätere Darth Vader David Prowse springt zuweilen als wahnsinnig gewordener, gewaltsam um Zunge und Hoden erleichterter Adliger durch die Szenerie, dem wegen einer vormaligen Eifersuchtsgeschichte seitens Lady Walker noch übler mitgespielt wurde als manchen Sklaven. Die interessanteste, vielschichtigste Figur indes verkörpert der ansonsten leider wenig beleumundete Bernard Boston als Captain Raymond Daldier – ein wohlerzogener, hochgebildeter, impotenter, sadistischer Opportunist, der permanent mit wohlfeil formulierten, altklugen Standesdünkeleien um sich wirft und seine versklavten Pigmentierungsgenossen aus unerfindlichen Gründen noch weitaus mehr hasst als die rassistischen Weißen, denen er untersteht. Ihm gegenüber steht der grundsätzlich natürlich verlässliche David Warbeck als braver, plottragender Humanist geradezu blass da.

7/10

IRON WARRIOR

„Magic. And sorcery.“

Iron Warrior ~ I/NL 1987
Directed By: Alfonso Brescia

In einem Land vor unserer Zeit: Die gute Zauberin Deeva (Iris Peynado) und ihre verräterische Amtskollegin Phaedra (Elisabeth Kaza) stehen in ewigem Konflikt. Um den harmonischen Zustand, den Deeva just mit Mühe und Not herstellen konnte, zu bewahren, erschafft sie zwei zukünftige Krieger – Ator (Malcolm Borg) und Trogar (Conrad Borg), von denen Phaedra letzteren unter ihre bösen Fittiche nimmt. Als Erwachsener muss Ator (Miles O’Keeffe) dann der schönen Prinzessin Janna (Savina Gersak) beistehen, deren Königsvater (Tim Lane) von Phaedra und Trogar (Franco Daddi) ermordet wurde.

„Iron Warrior“ oder auch „Ator, Il Guerriero Di Ferro“, der von Alfonso Brescia unter dem anglophonen Pseudonym „Al Bradley“ inszeniert wurde, ist ein besonders deliranter, flirrend-verrückter Auswuchs der zweiten italienischen Sword-&-Sorcery-Welle. Der völlig austauschbare Plot dient bestenfalls als dünner roter Faden, als apologetischer Aufhänger für eine wirre Gemengelage szenischer Akausalität, die das Ganze im Gegenzug interessanterweise zu einem pureren Regisseursfilm machen als es viele andere Plagiatswerke mediterraner Zunft jener Ära je sein durften. „Iron Warrior“ lebt einzig und allein von Brescias in visuelle Spasmen gegossener Fabulierfreude; das Was kriecht vor dem Wie zu Kreuze. Dem von Konfusion erdrückten und dafür von jedweder Logik entblößten Zuschauer bleibt nur, sich auf die Bilderflut einzulassen, um seine möglicherweise als etwas kärglich empfangene Entlohnung zu erhalten. Dass „Iron Warrior“ als dritter Teil der einst von Joe D’Amato ersonnenen Ator-Saga firmiert, spielt am Ende keine Rolle, denn mit Ausnahme der Tatsachen, dass der bewundernswert ausdruckslose, nichtsdestotrotz cinegene Miles O’Keeffe nochmals den gleichnamigen Titelrecken darbietet und dass irgendwie alle Filme dem Fantasygenre zuzurechnen sind, gibt es keinerlei inhaltliche oder formale Parallelen. Dieser Ator ist nicht mehr der Rächer (s)eines ausgelöschten Volkes, sondern ein künstlich geschaffener Kämpfer, dem die Rettung der Stabilität obliegt. Dafür muss er mit einer verwaisten Prinzessin (sehr hübsch: die Slovenin Savina Gersak, die kurz zuvor bereits mit O’Keeffe in Deodatos Endzeitabenteuer „Lone Runner“ zu sehen war und hernach eine kurze, aber hübsche Karriere im italienischen Genrefilm absolvierte) überland ziehen und sie vor den dauernden Zugriffen der bösen Phaedra (brillant überdrehte Knusperhexe: Elisabeth Kaza, die unter anderem auch bei Borowczyk, Losey, Delannoy, Brass und Ivory auftrat – um nur einige zu nennen) bewahren und eine als harbherziger Macguffin fungierende, goldene Truhe in Sicherheit bringen. Zwischendrin flitzen Ator und Janna durch die Ruinen des uralten Ġgantija-Tempels auf der maltesischen Insel Gozo, der im Film mindestens vier unterschiedliche Handlungsstationen abgeben soll, dabei jedoch sehr gut als ein- und derselbe erkennbar bleibt. O’Keeffe stand offenbar nicht für Nachdrehs zur Verfügung, denn in zwei vom Rest der Story unabhängigen Actionsequenzen wird er deutlich sichtbar von einem Ersatzakteur vertreten, dessen liderliche Camouflage lediglich aus einem Mundschutz besteht. Brescia machte da keinerlei Gefangene. Kino aus einer anderen Zeit, das eigentlich schon zu seiner Zeit Kino aus aus einer anderen Zeit war.

4/10

THE BARBARIANS

„Who you calling fatty, moosehead?“

The Barbarians (Die Barbaren) ~ I/USA 1987
Directed By: Ruggero Deodato

Die verwaisten Zwillinge Kutchek (Pasquale Bellazecca) und Gore (Luigi Bellazecca) haben es nicht leicht: Nachdem sie von dem reisenden Zirkusvölkchen der Ragnicks aufgenommen wurden, geraten sie kurz darauf in die Gewalt des bösen Despoten Kadar (Richard Lynch), als dieser die Ragnicks aufmischt und ihnen ihre Königin Canary (Virginia Bryant) raubt. Ferner interessiert Kadar sich für einen mächtigen, verschollenen Rubin, den die Ragnicks zuvor in ihrem Besitz hatten und der den Schlüssel zu ewiger Glückseligkeit beinhaltet. Zu muskulösen Recken herangereift, sollen Kutchek (Peter Paul) und Gore (David Paul) sich im Duell gegenseitig töten, erkennen sich jedoch wieder und suchen gemeinsam mit der Diebin Ismene (Eva LaRue) den Edelstein, um ihn den Ragnicks zurückzugeben.

Wie den meisten anderen italienischen Explotation-Regisseuren gelang es Ruggero Deodato in den achtziger Jahren, mit US-Darstellern aus der zweiten und dritten Reihe zu arbeiten und, im Falle von „The Barbarians“ sogar eine Kollaboration mit Cannon Films aus der Taufe zu heben, nachdem er den zunächst designierten Regisseur des Films, den Serben Slobodan Šijan, abgelöst hatte.
1987 war die Zeit der John Milius‘ „Conan The Barbarian“ referenzierenden Italo-Barbaren-Plagiate, in denen oftmals Pietro Torrisi alias Peter McCoy zu sehen gewesen war, eigentlich längst abgelaufen und anderweitige Hollywood-Erfolge zum Beräubern auserkoren. „The Barbarians“ fällt also etwas aus dem periodischen Rahmen, begegnet seiner Exotik jedoch mit einem ganz einfachen Rezept: Humor. Anstatt sich abermals an einer düster-archaischen Blutoper zu versuchen, erkannte Deodato das komische Potenzial der beiden Bodybuilder-Zwillinge Peter und David Paul und ließ sie als herzensgute, bärenstarke aber eben auch ziemlich tumbe Gesellen durch seinen gut aufgelegten Film stolpern. Die zwei beiden sind dann auch eine echte Schau: Mittels gutturaler offenbar noch aus frühester Kindheit herrührender Grunzlaute (von Baby-Zwillingen weiß man, dass sie sich in den ersten Lebensmonaten zuweilen tatsächlich einer eigene, sprachähnlichen Kommunikation befleißigen), imaginärer Rasierklingen unter den Achseln und silberrückenähnlicher Körperhaltung kloppen die beiden steroidgestählten Klöpse durch dieses wilde Märchen, das nicht allein von Deodatos Könnerschaft profitiert. Tatsächlich scheinen sich sämtliche Beteiligten mehr oder weniger stillschweigend darin einig gewesen zu sein, gute Miene zum komischen Spiel und aus „The Barbarians“ eine anarchische Parodie zu machen, die nur bedingt einem inhaltlichen roten Faden folgt, in der aber grundsätzlich alles möglich ist. Das hat zur Folge, dass der Film oft über Gebühr albern und dabei möglicherweise nicht immer freiwillig komisch ist sowie vermutlich das Gros seiner Laufzeit über die allermeisten Zuschauer zwischen staunendem bis ungläubigen Kopfschütteln changieren lässt, macht ihn aber gleichermaßen zu so ehrlichem wie einzigartigen Handwerk, liebenswert in seiner pappmachéigen Herzensgüte und entrückten, infantilen Fabulierfreude.

6/10

AVENGEMENT

„Maybe I don’t wanna come back.“

Avengement ~ UK 2019
Directed By: Jesse V. Johnson

Der Knastinsasse und MMA-Fighter Cain Burgess (Scott Adkins) nutzt den Krebstod seiner Mutter (Jane Thorne) zur Flucht und zu einem längst überfälligen Rachefeldzug gegen seinen Bruder Lincoln (Craig Fairbrass) und dessen Gang. Lincoln, der seine schmutzigen Pfründe mit Kreditwucherei und Immobilenraub macht, sorgte einst mittels einer geschickt eingefädelten Intrige dafür, dass Cain, nachdem dieser einen getürkten Kampf doch für sich entschieden hatte, zunächst einwandern musste und dann im Gefängnis tagtäglich um sein Leben zu kämpfen hatte. Der kurze Freigang bietet Cain nun die Chance, sich für das Erlittene zu revanchieren. Er nistet sich in in Lincolns Stammkneipe ein, nimmt seine Leute als Geiseln und wartet auf den großen Boss…

Wenn (der von mir leider noch längst nicht hinreichend gewürdigte, was ich aber zu ändern gedenke) DTV-Auteur Jesse V. Johnson und Prügelgott Scott Adkins kollaborieren, kann es mitunter deftig zugehen – so auch in ihrem aktuellen Action-, Knast- und Gangsterdrama, das das allerbeste aus sich herausholt. Häufig musste ich während der Betrachtung von „Avengement“ an das berühmte, auch Milius‘ „Conan The Barbarian“ vorangestellte Nietzsche-Zitat aus „Ecce Homo“ denken: ‚Was ihn nicht umbringt, macht ihn stärker“, passt jenes hier doch wie die buchstäbliche Faust aufs Auge: Mit Cain Burgess‘ Überweisung in die Staatsobhut beginnt nämlich zugleich eine entbehrungsreiche Passionsgeschichte. Nach dem schmerzlichen Verlust der allermeisten Zähne, einer Napalmattacke, unzähligen Schlägen und Stichverletzungen, hinter denen durch die Bank Cains Bruder Lincoln steckt, der sich des unliebsamen Quertreibers „von draußen“ her entledigen will, ist Cain an Leib und Seele stahlgepanzert und lebt nurmehr für den Tag der Abrechnung. Dieser wird ausgerechnet greifbar, als das arme Mütterlein stirbt – im irrigen Glauben, Lincoln wäre ein guter Samariter und Cain das schwarze Schaf. Hernach gilt es für Cain, seinem biblischen Namen die Entsprechung zu weisen.
Johnson lässt Vieles an Inspiration durchscheinen – sein musikalisches Hauptthema ist Morricone entlehnt und dass er sowohl das klassische und jüngere britische Gangsterkino wie auch die großen Knastfilme emsig studiert hat, daran braucht kein Zweifel zu bestehen. Seine signifikante Meisterschaft entwickelt er dann allerdings darin, aus jenen Elementen etwas ganz eigenes, Neues zu machen, einen furztrockenen, harten Rachethriller, der mit verschiedenen Zeitebenen und achronologisch gemixten Rückblenden geradezu virtuos zu spielen versteht und seinem Hauptdarsteller eine Bühne für dessen grandioses, wie gewohnt höchst energetisches Können zu bieten. Dass Adkins‘ Spiel seinen körperlichen Fertigkeiten nunmehr kaum nachsteht, lässt sich anhand seiner grandiosen Leistung in „Avengement“ auf das Erfreulichste ablesen. Wie er seinem Bruder und dessen Handlangern mit amalgamiertem Oberkiefer all seine Wut und seinen Hass entgegenrotzt, das hat große, rohe Klasse.
Im Nachhinein bin ich, kurze Randnotiz, zudem froh, in Ermangelung einer ungekürzten, deutschen Blu-ray gewissermaßen gezwungen gewesen zu sein, „Avengement“ importiert und somit im Original sehen zu müssen. Adkins‘ Cockney-Slang ist unersetzlich.

8/10

LOS CORSARIOS

Zitat entfällt.

Los Corsarios (Die Piraten der grünen Insel) ~ E/I 1971
Directed By: Ferdinando Baldi

Der Piratenkapitän Alan Drake (Dean Reed) und seine lustige Truppe haben ihr Schiff verloren und stranden auf einer karibischen Insel, die just von politischer Ränke gebeutelt wird. Der legitimen Thronfolgerin Prinzessin Isabella (Annabella Incontrera) sitzt nämlich insgeheim ihr böser, neidischer Vetter, der Erzherzog (Alberto de Mendoza) im Nacken und versucht, sie mithilfe sympathisierender Seeräuber zu diskreditieren. Inoffiziell heuert Isabella Drake und seine Mannschaft an, den feindlichen Korsaren Roja (Alberto de Mendoza) und seine Schergen unschädlich zu machen…

Filme zu sehen und zu sammeln kann sich nicht nur für Kinovorführer und Festivalveranstalter zu einem bisweilen archäologischen Metier entwickeln, insbesondere, wenn es um etwas spezielle Fassungen geht. Ferdinando Baldis „Die Piraten der grünen Insel“ war 1985 als TV-Aufnahme einer ZDF-Ausstrahlung ein Dauerbrenner meiner Kindheit, den ich irgendwann auswendig mitsprechen konnte, nur wenige Jahre später, zum arroganten Pubertierenden „herangereift“, aber als albernen Kinderkram empfand, zugunsten irgendeines anderen Programms löschte und vergaß. Wie das so ist mit nostalgisch geprägten Hirnwindungen, zumal solchen, die an idyllisch verklärte, harmonische Biographieabschnitte gemahnen, keimte sehr viel später jedoch der inniger werdende Wunsch nach einem Wiedersehen auf und entwickelte sich mehr und mehr zu einem glühenden Bedürfnis. Das (bzw. mein ganz persönliches) Problem: Die auf sämtlichen Heimmedien veröffentliche Version unter dem Titel „Der wilde Korsar der Karibik“, so auch die darüberhinaus sehr schludrig gemasterte DVD, beinhalten eine von der DEFA erstellte Synchronfassung. Offenbar war dem Film in der DDR, in der der tragische Entertainer Dean Reed nach seiner Immigration und öffentlichkeitswirksamen Konvertierung zum Marxismus 1973 zwischenzeitlich zum veritablen Superstar avanciert war, zuvor ebenfalls ein TV-Einsatz beim DFF vergönnt gewesen.
Der von mir so heißgeliebte Berliner Vertonung des ZDF vermochte ich hernach nicht mehr habhaft zu werden, selbst jahrelanges Umgraben des Internet resultierte stets in Misserfolg. Irgendwann stellte sich dann die zündende Idee ein, das ZDF anzuschreiben und um eine MAZ der damaligen Sendung zu bitten – ein teures und in Anbetracht der letzten Endes gelieferten, blass-rötlichen Letterbox-Qualität in gut sichtbar gecropptem 1,78:1 statt der originalen Scope-Breite zwar nicht gänzlich zufriedenstellendes, aber emotional doch stark beruhigendes Unterfangen. Was es mir bedeutet, diese jahrelange Sehnsuchtslücke endlich geschlossen haben zu können, wiegt alles andere vielfach auf.
Unter nüchternen Aspekten und mit dem Abstand der Jahre betrachtet, liefert Baldis Piratenfilm nichts mehr denn kostengünstig hergestelltes, betont infantiles, gleichfalls aber sehr herzliches Abenteuerkino für die ganze Familie, wie es für diese Zeit typisch in europäischer Koproduktion entstand. Tatsächlich ist der ZDF-Vertonung eine eklatante Aufwertung der mäßigen Darstellerleistungen zu verdanken, besonders Dean Reed verlässt sich ganz auf seinen rein physiognomischen Charme. Ohne seinen bunten Haufen, der sich aus dem schwerhörigen Messerwerfer Amando (Sal Borgese), dem etwas öligen Zaubertrickser Drago (Paolo Gozlino), dem bärenstarken, dicken Brummbär Toby (Tito García), dem artistischen Asiaten Blacky (Leslie Bailey), der forschen Piratenbraut Margarita (Paca Gabaldón), einem naseweisen Rotzlümmel (Pedro Luis Lozano) und einem später dazustoßenden Liliputaner (Antonio De Matino) rekrutiert, wäre Alan Drake / Reed jedenfalls völlig aufgeschmissen und kaum der halben Miete wert. Gerade diese ihre sozialen oder körperlichen Nachteile zu brillanten Fertigkeiten umformierende Minoritätengang, die vor allem vereint unschlagbar ist, bestimmt im Grunde den Reiz der gesamten Geschichte. Alberto de Mendoza, in einer Doppelrolle als schurkischer Strippenzieher, liefert indes das schönste Spiel der Besetzung und Annabella Incontrera gibt eine ga reizende Prinzessin ab. Der notorische Drehort Almería erweist sich einmal mehr als dankbare Kulisse, die man mit dem erforderlichen goodwill des ohnedies zugeneigten Betrachters auch als karibische Insellandschaft annimmt und Nico Fidencos wunderbar schmissiges, mitgröhlbares Titelthema ist sogar unsterblich toll. Am meisten genieße ich allerdings – zugegebenermaßen – die überfällige Verpflasterung jener alten, vernarbten Herzenswunde.

7/10

THE LIGHTSHIP

„Freedom is the greatest prize of all. Why shouldn’t the cost be high?“

The Lightship (Das Feuerschiff) ~ USA 1985
Directed By: Jerzy Skolimowski

Der Weltkriegsveteran Miller (Klaus Maria Brandauer) ist ein paar Jahre später Captain eines vor der Küste Virginias vor Anker liegenden Feuerschiffs, einer Art „mobilen Leuchtturms“, das die Verkehrsseefahrt im Nebel vor Riffen warnt. Miller befehligt eine kleine Besatzung von fünf Männern. Eines Tages muss er seinen delinquenten Sohn Alex (Michal Skolimowski) unter seine Fittiche nehmen. Nur kurz nach dessen Ankunft landen zudem drei Gangster, die nach einem Banküberfall auf See geflüchtet sind, auf dem Feuerschiff: Der exaltierte Caspary (Robert Duvall) und die beiden soziopathischen Brüder Gene (William Forsythe) und Eddie (Arliss Howard). Das ziellose Trio setzt die Mannschaft unter Druck und spielt zusehends genüsslich mit den ungleich verteilten Machtverhältnissen. Vor allem Caspary versucht unentwegt, den durch nichts aus der Ruhe zu bringenden Utilitaristen Miller aus der Reserve zu locken. Die übrige Besatzung, darunter auch Alex, fasst derweil den Plan, gewaltsam gegen die drei Kriminellen vorzugehen…

„The Lightship“ ist die zweite Verfilmung der gleichnamigen Novelle von Siegfried Lenz nach Ladislao Vajdas Erstadaption von 1963. Auch „Das Feuerschiff“ zählt, wie „Deutschstunde“ und „Heimatmuseum“, bereits seit Jahrzehnten zum Kanon nationaler Schulliteratur. Skolimowskis Ansatz, respektive der des vom Script gezielt modifizierten Scripts, konzentriert sich allerdings nahezu gänzlich auf das psychologische Duell zwischen Miller (im Buch Freytag) und dem zu dessen Nemesis avancierenden Caspary. Zwei höchst unterschiedliche Männer von ganz ähnlicher Intelligenz, die sonst jedoch nichts verbindet, finden sich dabei antagonisiert: Dem durch seine Kriegserlebnisse geläuterten, Ruhe und Frieden im Pflichtbewusstsein suchenden Miller, einem stets abwägenden, in sich ruhenden Menschen, setzt die Geschichte den zutiefst amoralischen, sozial entkernten Caspary entgegen, dessen Hauptbestreben bald darin liegt, Miller zu blindem Aktionismus anzustacheln. Freilich forciert sich jener Widerstreit der beiden Patriarchen zugleich auch zum unweigerlichen Schaulaufen der zwei Hauptdarsteller und ihrer jeweils gewiss genialischen Talente. Brandauer und Duvall stacheln sich wechselseitig zu spezifischer Höchstform an und bilden – natürlich – den Hauptgrund für den Genuss dieses sich oftmals zwischen Stühle setzenden Werkes. Den symbolischen, um nicht zu sagen, literarischen Charakter der Vorlage kann „The Lightship“ allerdings nie ganz abschütteln; die sich hauptsächlich durch die Vertiefung von Miller und Caspary via Dialog schürende Spannung wird allenthalben unterbrochen durch Szenen, die wiederum dem klassischen Terror- und Thrillerkino abgeschaut sind; so etwa eine Sequenz, in der der psychotische Gene die geliebte Krähe des Smutjes Nate (Badja Djola) massakriert und im Anschluss auch noch eine verbale rassistische Attacke gegen diesen fährt – hier wirkt der gezielte, zäsurische Einsatz urplötzlich stattfindender Affektion unpassend und sogar ein enig vulgär.
Nichtsdestotrotz bleibt „The Lightship“ ein spannendes, wohltuend unzeitgemäß wirkendes Werk seiner sonst doch so bereitwillig auf Oberflächen setzenden Ära.

8/10