AMERICAN HISTORY X

„Has anything you’ve done made your life better?“

American History X ~ USA 1998
Directed By: Tony Kaye

Nazi-Skin Derek Vinyard (Edward Norton) genießt eine massive Reputation in der „Szene“. Diese wächst nochmals tüchtig an, als er einen farbigen Einbrecher auf offener Straße erschießt und noch einen weiteren per Bordsteinbiss hinrichtet, um daraufhin drei Jahre wegen Totschlags in Chino abzusitzen. Besonders sein heimlicher Mentor Cameron Alexander (Stacy Keach), ein Vertreiber von Nazi-Musik und -Memorabilia schätzt ihn ebenso als intelligenten, eloquenten Vertreter rassistischer Ideologien und Hassbotschaften wie als gewaltbereite rechte Hand. Doch die drei Jahre Gefängnis machen aus Derek einen anderen Menschen: Das große Swastika-Tattoo auf der linken Brust ist zwar noch da, doch die Haare sind länger, das Auftreten deutlich milder, gefasster und ruhiger. Derek musste am eigenen Leibe erfahren, wie weit her es ist mit der Aufrichtigkeit der weißen Rasse; wie diese sich im Knast willfährig weiter kriminalisiert, dealt, vergewaltigt. Dereks dringendstens Ziel ist es nun, seinen zu ihm aufsehenden, jüngeren Bruder Danny (Edward Furlong) aus Alexanders Fängen zu befreien. Doch Danny hat sich andernorts bereits Todfeinde gemacht…

Unter all den jüngeren, sich (nicht nur) mit der Parallelkultur der (amerikanischen) Neonazis und rechtsextremen Skinheads befassenden Filmen genießt „American History X“ fraglos die größtflächige Beliebtheit. Die Userschaft der imdb sorgt dafür, dass er konstant unter den fünfzig renommiertesten Filmen verweilt und immer wieder ist er in Kanonisierungen zu finden, die sich mit Coming-of-Age-, Subkultur- oder ganz allgemein transgressivem Kino befassen. Dabei hatte Regisseur Tony Kaye schon während der Postproduktion die Schnauze gestrichen voll von „seinem“ Film und pausierte hernach erstmal neun Jahre, bevor er ein neues Kinoprojekt in Angriff nahm. Woher der Groll? Nachdem die Produktionsfirma New Line Kayes ursprüngliche Schnittfassung ablehnte, erstellte er eine extrem verkürzte Version, die wiederum schließlich von Hauptdarsteller Norton in ihre nunmehr bekannte Form gebracht wurde. Kaye lehnte und lehnt diese vehement ab, durfte nach Auflagen der DGA seinen Namen jedoch weder zurückzuziehen noch unkenntlich machen. Ob der von Kaye im Nachhinein veranstaltete Affenzirkus das ganze Drama um den Film in irgendeine positivere Richtung lenkte, darf bezweifelt werden. Dass er persönlich mit dem Thema noch nicht abgeschlossen hat, lässt sich einsichtsvoll an der Existenz der von ihm selbst erstellten, bisher jedoch noch nicht veröffentlichten Dokumentation „Humpty Dumpty“ festmachen.
Was bleibt unterm Strich? Der größte Verdienst von „American History X“ besteht darin, bei all dem Aufwerfen seiner komplexen Fragen keine billigen, moralinsauren Antworten zu liefern. Damit steht er am Ehesten in der Tradition von Spike Lees „Do The Right Thing“, der sich, obschon aus diametraler Perspektive heraus, zumindest ein wesentliches, finales Statement mit „American History X“ teilt: Gewalt ist keine Lösung.
„American History X“ ist kein pädagogischer und kein didaktischer Film. Er dürfte kaum dazu angetan sein, überzeugte Neonazis ad hoc zu leidenschaftlichen Aussteigern umzuerziehen, er erzählt lediglich eine – sehr tragisch und traurig verlaufende – Milieugeschichte mit einem konsequent offenen Ende. Eigentlich wäre zu erwarten, dass Derek Alexanders tumben Schlägern zum Opfer fällt und für seine Verfehlungen aus den eigenen Reihen heraus bestraft wird; stattdessen jedoch steht ein denkbar unschuldiges Opfer am Schluss – Danny, der sich bislang noch nicht offen kriminalisiert hat, wird ausgerechnet von einem afroamerikanischen Gangmitglied erschossen. Die Spirale findet kein Ende, sie dreht sich weiter, einem Perpetuum Mobile gleich, und wird dies vermutlich auch bis ans Ende aller Zeiten, weil Hass, Vorurteile und rassistisch motivierte Gewalt einer multikulturellen Gesellschaft wesentlich inhärent sind. Dieses doch sehr finstere conclusio gilt es zu schlucken, und sie erfüllt ihren Auftrag. Sie macht betroffen und schmerzt. Leider schafft es der Film bei all dieser unweigerlich ausgestellten streetwiseness nicht, gängige Klischees zu ignorieren. Nebenfiguren wie der gebildete, farbige Lehrer Bob Sweeney (Avery Brooks), der sich nebenbei als leidenschaftlicher Sozialarbeiter und bei allem Engagement zur Machtlosigkeit verdammter, sisyphosische Weltenretter hervortut, muss man ebenso in Kauf nehmen wie Elliot Gould als verprellten, jüdischstämmigen Freund der tuberkulösen und überforderten Familienmutter (Beverly D’Angelo) und wie, ganz besonders ärgerlich, Ethan Suplee als tumben, fetten Klischee-Skinhead Seth Ryan, der offenbar demonstrieren soll, in welchen sozialen Gewässern Nazi-Rattenfänger am Erfolgreichsten fischen können. Einem Typen wie Seth wäre ein Szeneausstieg nach dem Vorbild Derek Vinyards, zumindest suggeriert das der Film unweigerlich, erst gar nicht möglich. Dafür ist er letztlich zu hässlich, zu unsportlich, zu dick, zu dumm und infolge dessen zu stark fanatisiert. Aufgrund dieser Eigenschaften taugt Seth nicht zum Helden und damit auch nicht zur Identifikationsfigur und schon gar nicht zum Freidenker, anders als eben Vineyard, der im Gegenzug hinreichend „positive“ Qualitäten besitzt. An diesen Stellen erscheint „American History X“ mir nach wie vor verlogen und inkonsequent, weil er als Film, der sich genau dessen enthalten müsste, einen mehr oder weniger subtilen Persönlichkeits-, ja, Führerkult betreibt. Damit zerstört er sich nicht gleich, beschädigt sich jedoch irreparabel. Und das kann nicht im Sinne des Erfinders sein – abschließendes Lincoln-Zitat hin oder her.

7/10

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CHILDREN OF THE CORN III: URBAN HARVEST

„Let the harvest begin!“

Children Of The Corn III: Urban Harvest (Kinder des Zorns III – Das Chicago-Massaker) ~ USA 1995
Directed By: James D.R. Hickox

Zwei der überlebenden Gatlin-Kinder, Eli (Daniel Cerny) und sein älterer Stiefbruder Joshua (Ron Melendez), werden Hals über Kopf von dem kinderlosen Ehepaar Porter aus Chicago adoptiert. Während der weltoffene Joshua sich rasch an die juvenilen Gepflogenheiten der Großstadt anpasst und Freunde findet, pflegt Eli weiterhin die alten „Gewohnheiten“, zu denen auch der umgehend erfolgende Anbau einer Maiskultur auf einem leerstehenden, an den Familiengarten angrenzenden Fabrikgelände gehört. Während Amanda Porter (Nancy Lee Grahn) rasch Angst vor Elis auffälligem Verhalten bekommt, ist ihr Gatte William (Jim Metzler) höchst begeistert von dem widerstandsfähigen Getreide, das hinter seinem Haus wächst und stielt bereits einen Deal ein, selbiges in alle Welt zu verschiffen. Derweil schart Eli eine neue Kultgemeinde um sich und huldigt mit dieser dem bereits lauernden Maisdämon „Der, der hinter den Reihen wandelt“.

Ein ordentlicher Schwung aufwärts gelang Anthony-Bruder und Douglas-Sohn James D.R. Hickox hinsichtlich des „Corn“-Serials nach David Prices eher unmotiviertem, müden Erstsequel mit dieser zweiten, um einiges spektakuläreren Fortsetzung. Die Grundidee, den Maiskult aus der ruralen Umgebung des Mittleren Westens in die Großstadt zu hieven, erweist sich als sinnstiftend und treffend und findet sich durch den Einfall, den Mais auf einer Industriebrache anzupflanzen, wiederum hübsch angereichert. Mit dem von dem dreizehnjährigen  Jungdarsteller Daniel Cerny angemessen diabolisch gespielten Eli gibt es einen würdigen Nachfolger zum seligen Isaac, dessen bösartiger Habitus hervorragend mit seinem netten Erscheinungsbild kontrastiert. Besonders der schwelende Konflikt zwischen Eli und dem Schulpfaffen Nolan (Michael Ensign), der ihn bald durchschaut und dessen Kirche Eli später übernimmt, weiß zu gefallen, bis es im Finale dann ordentlich kracht: Endlich bekommt man „Den, der hinter den Reihen wandelt“ zu Gesicht – ein gewiss nicht durchweg ganz reibungslos animiertes, aber vielleicht gerade deswegen besonders illustres, unförmiges Monster, das sich rigoros durch die Belegschaft seiner verblendeten Anhänger pflügt. Eine konkreter bebilderte Warnung vor kritiklosem Sektierertum wird man im Genrefilm schwerlich finden.

5/10

THE MEYEROWITZ STORIES (NEW AND SELECTED)

„It’s called flirting when you’re young. I’m not sure what it’s called when you’re over 70.“

The Meyerowitz Stories (New And Selected) ~ USA 2017
Directed By: Noah Baumbach

Nach der Trennung von seiner Frau entschließt sich der arbeitslose Musiker Danny Meyerowitz (Adam Sandler), übergangsweise bei seinem Vater Harold (Dustin Hoffman) und dessen dritter Frau Maureen (Emma Thompson), einem alternden Manhatter Bohemien-Pärchen, unterzukommen. Harold hat seine besten Tage als anerkannter Skulpteur längst hinter sich und hängt vergangenen Ruhmestagen nach, während er außer Stande ist, seine nach wie vor andauernden Versäumnisse als Familienvater einzugestehen. Stattdessen lässt er sowohl Danny als auch seinen jüngeren Sohn Matthew (Ben Stiller), einen erfolgreichen Finanzberater und seine Tochter Jean (Elizabeth Marvel) weiterhin spüren, dass er für ihre selbstgewählten Lebenswege eigentlich nur Hohn und Spott übrig hat. Als sich bei Harold eine latente Hirnschädigung bemerkbar macht, wird es Zeit, einige unausgesprochene Wahrheiten aufs Tapet zu bringen…

Das erste Stück von Noah Baumbach, das ich gesehen habe, zugleich (finaler?) Bestandteil von Adam Sandlers Vier-Filme-Deal mit Netflix, ist unübersehbar eine gegenwarts- und realitätsverortetere Variation von Wes Andersons „The Royal Tenenbaums“ – ein voller Fehler und vor Selbsträsonismus strotzender Patriarch sieht sich am Lebensabend mit den selbstverursachten Scherben seiner familiären Biographie konfrontiert, derweil seine überaus neurotischen Kinder sich zu entscheiden haben, ob sie ihrem nunmehr hilflosen Dad ihren lange aufgestauten Hass spüren lassen, oder sich zur sanfteren Variante milden Vergebens entschließen. „The Meyerowitz Stories“ sieht sich dabei auch ganz in der Tradition des intellektuell-jüdischen New-Yorker-Bildungsbürgerhumors und zieht sämtliche entsprechenden Register bis hin zum beschließenden Randy-Newman-Song. Dabei zeigt sich auch Woody Allen und dessen stets sanftironische Observierung der Manhattaner-Künstler-Grandezza als unerlässliche Ingredienz für Baumbachs Vorgehensweise – die „Szene“ wird nicht direkt der Lächerlichkeit preisgegeben, erscheint aufgrund ihrer subtil-arroganten Hochnäsigkeit, selbstgewählten Abschottung von allem, was nicht ausreichend hip, angesagt, wohlhabend oder zumindest renommiert ist, wie eine abgehobene Konklave der Selbstgerechtigkeit. Dafür sprechen auch Harold Meyerowitz‘ Skulpturen – wie er selbst betont, seine „besten Arbeiten“, „intuitiv“ und „vielschichtig“, die er im Arm hält und pflegt wie Säuglinge, dabei jedoch grandiose Manifeste nichtssagender Symboltracht. Ob darin obsolete Vorurteile bestätigt werden, oder nicht, ist nebensächlich – komisch ist es allemal.
Neben der authentischen, blassfarbigen Achtziger-Jahre-Optik, die wohl nicht von ungefähr stark an die Arbeit von Allens damaligen Leib-dp Carlo Di Palma erinnert, trägt vor allem die ausgezeichnet aufspielende Besetzung Baumbachs Film. Dass er derweil eben von so vielerlei „Einflüssen“ zehrt, sei ihm angesichts des gelungenen Resultats nachgesehen.

8/10

THE TRAP

„Ain’t nothin‘ left to stand up for.“

The Trap (Die Falle von Tula) ~ USA 1959
Directed By: Norman Panama

Anwalt Ralph Anderson (Richard Widmark) kehrt nach langen Jahren zurück in das kleine, kalifornische Nest Tulsa, in dem sein alternder, hartherziger Vater Lloyd (Carl Benton Reid) nach wie vor als Sheriff aktiv ist und sein versoffener Bruder Tippy (Earl Holliman) den Deputy spielt. Tippy hat zudem Ralphs Jugendliebe Linda (Tina Louise) geheiratet. Für Ralph gibt es somit wenige Gründe zu nostalgischen Gefühlen, doch sind seine Motive auch höchst praktikabler Natur: Er soll dem steckbriefich gesuchten Mafiaboss Victor Massonetti (Lee J. Cobb) eine störungsfreie Flucht ins Ausland über Tulas kleinen Flughafen ermöglichen und seinen Vater zu entsprechenden Maßnahmen anstiften. Der Vernunft halber lässt der Sheriff sich überreden, wird jedoch wegen eines Missverständnisses erschossen, an dem Tippy, der das Kopfgeld für Massonetti einfahren will, erschossen. Ralph bleibt nurmehr die Flucht nach vorn, er nimmt Massonetti gefangen und flieht mit Tippy und Linda, die sich mittlerweile zu Ralph bekannt hat, in die nächste Stadt. Doch der Wagen überhitzt bald und Massonettis Leute sind ihnen dicht auf den Fersen…

Einen leicht verspäteten noir in bleichen Farben hat der als Gelegenheitsregisseur und vornehmlich als Drehbuchautor tätige Norman Panama, der üblicherweise vornehmlich im Komödienfach aktiv war, mit „The Trap“ geschaffen. Das staubige Wüstensetting der sich mehr und mehr verdichtenden Geschichte lässt zudem Anklänge an die „Countdown-Western“ der Dekade im Gefolge von Zinnemanns „High Noon“ eminent werden, in denen ein einsamer Held gegen die Zeit zu kämpfen hat und wahlweise eine brisante Situation auszusitzen oder einen Gauner einem regional distanzierten Ziel zuzuführen hat. Am Anfang glaubt man in Unkenntnis der kommenden Ereignisse noch, Widmark mit seinem wie üblich kurzkrempigen Stetson sei ein G-Man, der in dem Prärienest einen Auftrag zu erledigen hat, doch weit gefehlt. Die rasch erfolgende Belehrung des Besseren offenbart einen tief verwurzelten Familienkonflikt, der sich Jahre zuvor zwischen Anderson, seinem Vater und seinem Bruder entsponnen hat: Einst hatte Tippy betrunken einen Wagen gestohlen und Ralph heldenhaft die Schuld auf sich genommen. Der Vater verstieß seinen eigentlichen Lieblingssohn daraufhin aus Herz und Leben, was Ralph, dessen erfolgreich verlaufende Anwaltskarriere (wie er selbst zugibt) vor allem ein großer Befreiungsschlag ist gegen das stets präsente Gefühl der Nutzlosigkeit, selbst nie verwinden kann. In dieser Hinsicht greift „The Trap“ das biblische Gleichnis des verlorenen Sohns auf und gemahnt insofern an Kazans „East Of Eden“-Adaption; der Vater selbst zerbricht unmerklich an seiner einseitigen Sicht der Dinge, derweil die Söhne hilflos daneben stehen. Doch erhält der von Holliman ziemlich eindrucksvoll gespielte Tippy keine Gelegenheit zur Bewährung; vielmehr vergrößert sich sein Hass auf den älteren, sehr viel charakterstärkeren Bruder stattdessen noch mit jedem ihm selbst zuzuschreibenden Fehltritt. Das psychologische Fundament der Geschichte darf sich also mithin komplex rufen lassen, was dem sukzessive hermetischer werdenden Film überaus gut zu Gesicht steht. Am Ende stellte sich mir noch kurz die Frage, was ein Regisseur wie Sturges oder Dmytryk aus dem Stoff gemacht hätte. Selbige vermochte ich infolge allgemeiner Zufriedenheit mit dem Dargebotenen dann aber doch recht flugs wieder zu verwerfen.

7/10

HELL OR HIGH WATER

„We ain’t stealing from you. We’re stealing from the bank.“

Hell Or High Water ~ USA 2016
Directed By: David Mackenzie

Die Brüder Toby (Chris Pine) und Tanner Howard (Ben Foster) rauben binnen kurzer Zeit zwei Filialen der lokalmächtigen Texas Midlands Bank aus. Während der alternde Texas Ranger Hamilton (Jeff Bridges) und sein Partner Parker (Gil Birmingham) sich an ihre Fersen heften, gestaltet sich das weitere Vorgehen der Flüchtigen besonders durch das impulsive und gewaltaffine Verhalten des Ex-Häftlings Tanner zusehends außer Kontrolle geratend. Obgleich die Motivlage der Brüder moralisch durchaus diskutabel ist – die Texas Midlands hat eine Wucher-Hypothek gegen Tobys Ranch in der Hand – ist ein finaler Zwist zwischen den Kriminellen und der Justiz unausweichlich.

Wie eine gepflegte Analyse der US-Bürger-Befindlichkeit im Katastrophen-Wahljahr 2016 wirkt dieser meisterhafte, ebenso staubige wie sonnenlichtdurchflutete Southern Noir des Schotten David Mackenzie: Ganz Westtexas scheint darin übersät von aufgegebenen, verrottenden Immobilien und Grundstücken, an denen zwangsläufig auch etliche familiäre Existenzen hängen. Stattdessen säumen Werbeplakate für Kredite und Hypotheken die Highways – es ist die Ära der Gläubiger, Wucherer und Blutsauger. Neben ein paar Diners scheint die allgegenwärtige Texas Midlands Bank mit ihren zig Niederlassungen eine der letzten funktionierenden Institutionen im Staat zu stellen; natürlich nur, insofern man deren kapitalistische Albtraum-Agenda als „funktional“ anzuerkennen bereit ist. Vor diesem Hintergrund entspinnt sich das Familiendrama der Howard-Brüder, die beinahe schon allegorische Opfer der Umstände sind. Die Verschuldung des Familienbesitzes geht auf die verzweifelte, in Kummer verstorbene Elterngeneration zurück; den letzten probaten Ausweg bildet die Flucht nach vorn. Während Toby den Weg zum Outlaw für seine Kinder beschreitet, steht Tanner, knasterfahren, wild um sich schießend und getrieben von einer entsprechend unzweideutigen Neigung zu offener Gewaltausübung, eher in der Tradition der marodierenden Wildwest-Banditen von vor 130 Jahren. Immerhin sind Mackenzie und sein kaum minder brillant zu Werke gehender Autor Taylor Sheridan, dessen begnadeten Fingern bereits der monumentale „Sicario“ entwuchs, romantisch genug, um Toby am Ende mit einem blauen Auge davonkommen zu lassen, freilich nicht ohne ihn ein letztes (?) Mal mit seinem Antagonisten zu konfrontieren. Gute Freunde werden die beiden nicht mehr, dass sie jedoch reziprokes Verständnis und zumindest einen Hauch von Respekt füreinander entwickeln, daran mag ebensowenig Zweifel bestehen.
Wenn man sich zudem vergegenwärtigt, in welchem demografischen Umfeld die Republikaner die meisten Wähler fischen konnten, entsteht ein hübsch kompaktes, fiktionalisiertes Sozialanalytikum, das nicht nur in dieser Hinsicht gewiss noch in vielen Jahren Bestand haben wird. Leider ist es ja so – beschissene Zeiten befeuern großartiges Kino.
So ziemlich das Beste, was ich jüngst an „Aktuellerem“ gesehen habe.

10/10

THE STRAIGHT STORY

„What do you need that grabber for, Alvin?“ – „Grabbin‘.“

The Straight Story ~ USA 1999
Directed By: David Lynch

Als der in Iowa lebende Senior Alvin Straight (Richard Farnsworth) erfährt, dass sein Bruder Lyle (Harry Dean Stanton) einen Schlaganfall erlitten hat, entschließt er sich, ihn im Nachbarstaat Wisconsin zu besuchen um einen seit zehn Jahren schwelenden Streit endlich beizulegen. Da Alvin wegen seiner kaputten Hüfte schlecht zu Fuß ist und keinen Führerschein hat, wählt er den Rasenmäher samt Anhänger als Transportmittel und tritt eine mehrwöchige Reise an, bei der die Langsamkeit und die Besinnlichkeit Trumpf sind.

Der Titel des neben „The Elephant Man“ bis heute linearsten aller Langfilme David Lynchs lässt sich gleich in zweifacher Weise auffassen und verstehen: Vor allem natürlich als biographische Momentaufnahme des gleichnamigen Protagonisten; wiederum jedoch auch als künstlerisches Statement eines eher weniger für seine ökonomische Narration bekannten Filmemachers, der hier  eine – nur exzeptionell der verschlungenen Irrpfade seines üblichen Schaffens müde – ganz allgemein, insbesondere jedoch für seine Verhältnisse buchstäblich „geradlinige Geschichte“ erzählt, so horizontal voraus wie die vielen Landstraßen, an deren rechten Rändern Alvin Straight mit seinem just gebraucht erworbenen John-Deere-Rasenmäher (der erste Reiseversuch mit dessen bejahrtem Vorgänger scheitert bereits nach den ersten Kilometern wegen technischer Altersschwäche) im Schritttempo entlangtuckert. Alvin Straights Reise führt ihn dabei freilich nicht nur zu seinem eigentlich über alles geliebten Bruder Lyle, sie verläuft zugleich auch introspektiv – der Grund, warum der alte Mann überhaupt jenes ungewöhnliche Fortbewegungsmittel gewählt hat, mit dem er für ein paar hundert Kilometer mehrere Wochen benötigt. Wer dieser Alvin Straight eigentlich ist, erfahren wir durch seine Gespräche mit zumeist jüngeren Menschen, denen er auf seinem Trip begegnet – mit einer schwangeren Ausreißerin (Anastasia Webb), einigen Teilnehmern einer Radrennfahrertruppe, einer aufgelösten Dame (Barbara Robertson), die einen Hirsch angefahren hat, einem freundlichen, hilfsbereiten Ehepaar (Sally Wingert, James Cada), zwei etwas beschränkten Mechaniker-Brüdern (Kevin P. Farley, John Farley), einem freundlichen Priester (John Lordan) und vor allem mit einem etwa gleichaltrigen Senioren (Wiley Harker), der wie Alvin ein Veteran des Zweiten Weltkriegs in Europa ist und das Schreckliche nie wirklich verarbeitet hat: ihr aufrichtiges Gespräch am Tresen einer Kleinstadtkneipe ist vielleicht die wichtigste Schlüsselsequenz des Films. Doch „The Straight Story“ ist noch sehr viel mehr; ein ultimatives road movie und eine Americana wie „Wild At Heart“, nur eben ganz anders und so ironiebefreit, wie es eben nur geht, ein formal absolut geschlossenes, makelloses Stück Film mit höchst ungewohnten Klängen von Angelo Badalamenti, eine Fanfare auf würdevolles Altern, eine große Liebeserklärung an den famosen Richard Farnsworth, großer Stuntman und zum Lebensherbst hin noch exzellenter Schauspieler; dazu herzenswarm und herzensgut. Bis auf wenige Leitmotive alles andere als traditionell lynchesk und dabei doch ein Meisterwerk.

10/10

ROBIN HOOD: PRINCE OF THIEVES

„I never knew my parents. It’s amazing I’m sane.“

Robin Hood: Prince Of Thieves (Robin Hood – König der Diebe) ~ USA 1991
Directed By: Kevin Reynolds

Jerusalem, 1194. Der englische Edelmann Robin von Locksley (Kevin Costner) kann mithilfe des ebenfalls inhaftierten Mauren Azeem (Morgan Freeman) aus der Gefangenschaft des Sultans fliehen und in die Heimat zurückkehren. Dort findet er die Familienburg verlassen und niedergebrannt – Robins Vater (Brian Blessed) hat seine Auflehnung gegen den Sheriff von Nottingham (Alan Rickman) mit dem Leben bezahlen müssen. Ein Scharmützel mit dem Vetter des Sheriffs, Guy von Gisborne (Michael Wincott), zwingt Robin und den ihn begleitenden Azeem zur Flucht in den gewaltigen Sherwood Forest. Dort tun sich die Freunde mit anderen Geächteten und Gesetzlosen zusammen und beginnen, durchreisende Vermögensverwalter und Edelleute zu plündern und ihre Beute an die arme Landbevölkerung zu verteilen. Der wütende Sheriff versucht indes alles, um seines Erzfeindes habhaft zu werden.

Rotzfrech-rustikales, ausgelassenes Abenteuerkino, das auch ebensogut ins Vorgängerjahrzehnt gepasst hätte mit all seinen kleinen Exaltiertheiten. Während Kevin Costner den Titelhelden noch ganz eindeutig als Reminiszenz an die romantischen Helden des klassischen Hollywood anlegt, arbeiten Regie, Script und sein Film-Antagonist praktisch rigoros gegen ihn und schaffen damit eine wunderbar eklektische Mixtur. Reynolds spielt und experimentiert lustvoll mit Perspektivik und Montage; mit der fiesen alten Hexe Mortianna (Geraldine McEwan), die sich als Mutter des Sheriffs offenbart, hält gar ein phantastisches Element Einzug – vielleicht als kleiner Wimpernschlag in Richtung der britischen TV-Serie „Robin Of Sherwood“ aus den Achtzigern. Das größte Geschenk für den Film aber ist natürlich Alan Rickman. Er macht jede einzelne Szene, in der er zu sehen ist, zu einer Zier. Als überdrehter, notgeiler und vor Wut und Sadismus geifernder Bösewicht, der selbst im Angesicht der totalen Niederlage noch fröhlich vor sich hin berserkert, übertrumpft Rickman selbst seine ohnehin schon meisterhafte Darstellung als Superganove Hans Gruber in „Die Hard“. Michael Wincott flankiert ihn dabei kongenial, doch auch Robin Hoods Gefährten ergeben eine hübsch bunte Zusammenstellung, die selbst die etwas fragwürdige Anwesenheit Morgan Freemans in den mittelalterlichen Wäldern Britanniens niemals redundant erscheinen lässt. Mit Christian Slater als renitentem Will Scarlet, Nick Brimble als unverwüstlichem Little John und Michael McShane als bierseligem Bruder Tuck, der ein, zwei Lektionen in Sachen Toleranz und Weltöffnung lernt, steht Costner eine veritable bande deluxe zur Seite, ohne die der ganze Film nur halb so hübsch wäre. Selbst die vielen, kleinen Hinzudichtungen und Verwischungen gegenüber früheren „Robin Hood“ – Verfilmungen wirken in ihrer frischen Unverfrorenheit tatsächlich allesamt sinnstiftend und passend. Sean Connerys Cameo als urplötzlich wiederkehrender König Richard (wo ist eigentlich sein intriganter Bruder John die ganze Zeit…?) am Ende, gefolgt sogar noch von einem kleinen Durchbruch der Vierten Wand via McShane unterstreicht zum guten Abschluss ein letztes Mal die anarchische Flamboyanz, mit der hier selten legeres Blockbusterwerk gemacht wurde und nach dessen Genuss man sich gerade so erbaut fühlt, als könne man auf 300 Meter Pfeile durch Nadelöhre schießen.

9/10