THE ENDLESS

„You were always here.“

The Endless ~ USA 2017
Directed By: Justin Benson/Aaron Moorhead

Vor einigen Jahren haben die beiden Brüder Justin (Justin Benson) und Aaron Smith (Aaron Moorhead) auf Justins Insistieren hin eine nahe der kalifornischen Wüste beheimatete Esoterikergruppe verlassen, bei der sie seit Kindheitstagen lebten. Ihre Eltern hatten dort einst einen tödlichen Autounfall und Hal (Tate Ellington), der geistige Führer der Aussteiger, hatte sich ihrer angenommen. Der bodenständigere Justin war dann jedoch irgendwann der Meinung, die sich angeblich durch Bierbrauerei selbst finanzierende Gruppe sei gefährlich, glaube an außerirdischen Humbug und plane mittelfristig einen kollektiven Selbstmord, woraufhin er und Aaron Richtung L.A. verschwanden. Dort gestaltet sich das Leben jedoch als materiell prekär und insgesamt allzu diffizil, weshalb Justin sich zähneknirschend von Aaron überreden lässt, nach „Camp Arcadia“, wie die Aussteiger ihren Hort nennen, zurückzukehren. Vor Ort angekommen zeigt sich, dass Justin Aaron zwar einige Lügengeschichten über die Leute aufgetischt hat, es in der ruralen Gegend jedoch nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Zwei Monde scheinen des Nachts und ein dritter geht gerade auf, irgendwo hoch am Firmament lauert eine offenbar überirdische, unsichtbare Kraft, seltsame Menschen geistern um das Camp herum. Schließlich finden die Brüder vereint die haarsträubende Wahrheit über das Areal heraus…

Fünf Jahre nach dem um Einiges kärglicher gestalteten „Resolution“ konnten Justin Benson und Aaron Moorhead auf ein sichtbar großzügigeres Budget zurückgreifen und den damals kreierten Mythos um eine (oder mehrere) obskure Entität(en) im kalifornischen backcountry weiterspinnen. Die Installation und sukzessive Ausweitung umfassender filmischer Universen erfreuen sich aktuell spätestens seit des Milliarden-Erfolgs des MCU vor allem bei Genrefans überaus intensiver Beliebtheit; man denke nur an die „Cloverfield“-Reihe, die bereits drei auf direkter Narrationsebene völlig unterschiedliche Geschichten hervorbrachte, die lediglich den gemeinschaftlichen Nenner besitzen, alle in derselben Realität spielen. Legendarys MonsterVerse erhält demnächst seinen dritten Ableger und Universal feilt weiterhin eifrig an seinem Dark Universe um die großflächige Revitalisierung der klassischen, vornehmlich viktorianischen Filmmonster. Warum nicht ein entsprechendes Äquivalent im kostengünstigen und vor allem studiounabhängigen Indie-Sektor aus dem Boden stampfen? Nun, hieraus könnte, bei anhaltendem Erfolg (und genau nach solchem schnuppert es justament) Entsprechendes werden. Was haben wir da nun genau? Eine (oder wie erwähnt gar eine Gruppe von) übermächtige(n) Wesenheit(en) unbekannter Herkunft (sie könnten außerirdischen Ursprungs sein oder uralte, auf der Erde beheimatete Kreaturen ähnlich den „Großen Alten“, vielleicht auch indianische Gottheiten), die in der Lage sind, Bannkreise zu erschaffen, in denen Raum und Zeit außer Kraft gesetzt sind, in denen Realität und Kausalitätszusammenhänge sich nach dem Zufallsprinzip immer wieder neu zusammensetzen und deren menschliche „Opfer“, also Personen, die zum passenden Zeitpunkt freiwillig oder unfreiwillig in einen der Bannzirkel geraten, durch gezielte Hinweise in Form übersandter Medien und Datenträger sich nach und nach ihrer Situation gewahr werden. Manch einer wird darüber wahnsinnig (James Jordan), andere [bester und eigentlich einziger wirklich creepiger Einfall des Films: der Typ im Zelt (Ric Sarabia)] sind im Bruchteil weniger Sekunden gefangen, offenbar je nach der momentanen Konstellation der ebenfalls metaphysischen Gestirne. Welches Ziel die Kultisten (sind es überhaupt welche?) genau verfolgen, bleibt wiederum etwas schleierhaft; wollen sie das ewige Leben oder suchen sie gerade davon Erlösung? Fest steht, dass der Einfluss der Wesen mit der Erfindung digitaler Vernetzung nicht mehr auf das Wüstenareal beschränkt ist. Wie bereits „Resolution“ gezeigt hat, können sie ihre medialen Kommunikationswege nunmehr auch „nach draußen“ ausweiten, um neue Opfer für ihre Bannzirkel anzulocken.
Für die beiden Brüder (Sollen sie eigentlich Zwillinge sein? Der Eingangstext lässt Entsprechendes vermuten, der Film jedoch verrät diesbezüglich nichts) entwickelt sich das Ganze schließlich zu einer im Verhältnis zu ihren übersinnlichen Erlebnissen relativ ordinären Revision ihrer Beziehung zueinander, so dass „The Endless“ uns im Intimbereich zwar ein happy end beschert, im Nachhinein aber noch immer allzu unbefriedigend viele, lose Enden bleiben. Mal sehen, ob da noch was kommt…

7/10

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EDGE OF HONOR

„These damn trees!“

Edge Of Honor (Slayer) ~ USA 1991
Directed By: Michael Spence

Seit die Holzverarbeitungsindustrie auf der Olympic-Halbinsel im Nordwesten des Staates Washington kaum mehr Gewinne einbringt, widmen sich die zunehmend verzweifelten Einheimischen krummen Geschäften vom Drogenhandel bis zum Waffenschmuggel. Eine kleine Gruppe von vor Ort befindlichen Pfadfindern (u.a. Corey Feldman, Scott Reeves) kommt den beiden Dubs-Brüdern Bo (Ken Jenkins) und Ritchie (Don Swayze) ins Gehege, die gerade einen dicken Coup mit gestohlenen Raketenwerfern landen wollen. Besonders der brutale Ritchie kennt kein Pardon und so sind die Jungs bald gezwungen, sich ihrer Haut mit nicht minder endgültigen Mitteln zu erwehren. Unerwartete Hilfe erhalten sie von der netten Alex (Meredith Salenger), die selbst noch einen Rechnung mit den Dubsens offen hat.

Diese ziemlich krude geratene Mixtur aus Hillbilly-Action und erdnaherem „Goonies“-Abenteuer weiß nicht recht, wo sie eigentlich hingehört, also prescht sie einfach umso rüder querfeldein, mitten durchs Gehölz, sozusagen. Corey Feldman, der in Sachen aufregender Kinder- und-Jugend-Kinogeschichten bereits hinlänglich Erfahrung besaß (und nebenbei denselben Rollennamen wie in „The ‚Burbs“ trägt – Zufall, Fügung oder gar Absicht…?) und „Edge Of Honor“ mitproduzierte, hat in selbigem nach einem schicksalhaften Fund in einer Waldhütte die etwas einfältige Idee, den keinen Spaß verstehenden Hinterwäldlern ihre Präzisionsraketen zu klauen und zu verstecken, um dann bei der Polizei den Helden spielen zu können. Ein verhängnisvoller Plan, denn die skrupellosen und vorzüglich organisierten Ganoven rotten zunächst mal fast das gesamte, nächtliche Pfadfindercamp mit allen zeltenden Kindern und Betreuern aus (hier fühlte ich mich unwillkürlich und ziemlich ungut an das Breivik-Massaker von vor ein paar Jahren erinnert), um das überlebende Quintett durchs Gebirge zu jagen. Nachdem die Kids bereits den ersten Gangster eher versehentlich überwältigen und erschießen, ist die weitere Richtung endgültig vorgezeichnet. Die Verbrecher indes geraten selbst unter Druck, den ihr potenzieller Abnehmer in Seattle, Mr. Sweet (William Crossett) und dessen Hauskiller Blade (Christopher Neame), haben noch weniger Sinn für Humor als sie. So reist Letzterer mit einigem Explosivmaterial an und es kommt zur finalen Konfrontation, in der sich die unterdessen hinzugestoßene Herzdame Alex und ihre fünf Herzbuben als deutlich fintenreicher erweisen als ihre flugs dezimierten Gegner ihnen zutrauen mögen.
Während nun die grundierende Atmosphäre des Ganzen einem typischen Jugendroman ähnelt, passt sich ansonsten gewalttätige Habitus handelsüblicher Waldaction an; es werden etliche Menschen abgeknallt und am Ende eine unfassbare Menge einfallsreicher Fallen aus dicken Baumstämmen, Dynamit und Holzspießen kreiert, die zuvor höchstens Stallone und Schwarzenegger in ähnlicher Vollendung konstruiert haben und die sechs Jugendliche natürlich problemlos binnen ein paar nächtlicher Stunden austüfteln und aufbauen können. Ein bisschen Selbstjustiz (Patrick Swayzes ihm wie aus dem Gesicht geschnittener Bruder Don bekommt von der Salenger kaltblütig eine Kugel zwischen die Augen) obendrauf und fertig ist das gewohnheitsmäßig eben gern kaltservierte Gericht, das hier ausnahmsweise einmal etwas andere Formen annimmt als gewohnt. Seein‘ is believin’…

6/10

DEATH WISH

„How did faith work out for those people?“

Death Wish ~ USA 2018
Directed By: Eli Roth

Der Chicagoer Chirurg Paul Kersey (Bruce Willis) muss während einer seiner Nachtschichten im Hospital feststellen, dass ausgerechnet seine Frau Lucy (Elisabeth Shue) und seine Tochter Jordan (Camila Morrone) Opfer eines Raubüberfalls wurden. Während Jordan im Koma liegt, stirbt Lucy an ihren Verletzungen. Obwohl der ermittelnde Polizist Raines (Dean Norris) dem zutiefst erschütterten Kersey versichert, dass sein Fall sich aufklären werde, verliert der Mediziner bald die Beherrschung: Eine zufällig in seine Hände geratene Handfeuerwaffe wird zum Helfershelfer bei seinem ersten Auftritt als Vigilant, den die Medien rasch „Grim Reaper“ taufen und dem noch einige folgen sollen, zumal Kersey bald sie Spur ebenjener Verbrecher aufnimmt, die seine Lucy auf dem Gewissen haben…

Einer Angelegenheit bin ich mir zunehmend sicher: Wenn man sich als Rezipient auf einen neuen Film von Eli Roth einlässt, dann sollte einem im Vorhinein bewusst sein, dass gewiss abermals kein sophistisches Feuerwerk auf einen wartet, sondern gewohnt deftige Genrekost von einem durchaus kinokulturbeflissenen Routinier, der weiß, was seine Fans sehen wollen, der aber wohl noch besser weiß, was er selbst zu sehen wünscht. Seinem Werk ausnehmend große Gedankenkonstrukte oder analytische Anstrengungen zu widmen, könnte sich unter Umständen als immerhin gut gemeinte Redundanz erweisen. „Death Wish“, Roths zweites Remake eines bereits verfilmten Stoffs in Folge, unterfüttert dies mit einiger Vehemenz. Wo das Original von Michael Winner mit im Vergleich hierzu geradezu akkurater psychoanalytischer Anstrengung die Verwandlung eines linksiberalen, zeitlebens pazifistisch eingestellten amerikanischen Großsatdt-Bourgeois in einen sich als Vigilant exponierenden Serienkiller darlegte, lässt Roth geradezu dumpf konnotiertes Actionkino vom Stapel. Auch wenn Bruce Willis mal ein Tränchen kullern lässt – dass er unter immensem emotionalen Druck steht, wie Charles Bronson es seinerzeit noch so nachdrücklich zu vermitteln vermochte, nimmt man ihm zu keiner Sekunde wirklich ab. Vielmehr scheint sein von Sprücheklopfereien flankierter, von sadistischen Zügen geprägter Rachefeldzug sehr viel eher eine Entsprechung seiner tatsächlichen Persona zu sein, die eben nur ein passendes Ventil brauchte, um sich zu entladen. Da sind dann eher eindeutige Rückbezüge auf die vier folgenden Bronson-Sequels erschließbar, die ja einem ganz ähnlichen, sich von Film zu Film mehr und mehr verselbstständigenden Metarealismus frönten. Ob hier ferner Paul Kersey nächtens unterwegs ist, um Blutzoll zu fordern, oder John McClane, das spielt für eine Charakterisierung des Protagonisten letztlich überhaupt keine Rolle mehr – der Vigilantenfilm als Subgenre ist ohnehin längst viel zu facettenreich durchexerziert worden und allzu etabliert, um noch groß um den heißen Brei herumzueiern. Das letzte fehlende Indiz dafür offenbart sich in der gezielten Suche nach und Konfrontation mit den Gangstern, die sich, natürlich „hierarschisch“ entdeckt und abserviert, als unverbesserliche Bösewichte entpuppen und deren Tilgung aus der Gesellschaft somit hinreichend legitimiert ist.
Zwar ist der 2018er-„Death Wish“ nun nicht der große, reaktionäre Waffen-Lobbyisten- und Trump-Film, als den ihn bereits Einige im Vorhinein zu denunzieren versuchten (dafür ist er nämlich viel zu statisch und traditionsbewusst inszeniert und vorsichtig im Umgang mit dem 2. Verfassungs-Zusatzartikel), er ist aber, gerade in Anbetracht der jüngsten, teilweise sehr viel besseren Rächerfilme, auch überhaupt nichts Besonderes. Vielleicht ist gerade diese liderliche Vernachlässigung eines eigentlich verpflichtenden trademark das Enttäuschendste an diesem Film.

6/10

HOUSE BY THE RIVER

„You must be very, very ill, Stephen…“

House By The River (Das Todeshaus am Fluss) ~ USA 1950
Directed By: Fritz Lang

Der wenig erfolgreiche Autor Stephen Byrne (Louis Hayward) ist ein Hallodri, der immer wieder in Schräglage gerät, nur, um sich dann mal wieder von seinem immens pflichtbewussten Bruder John (Lee Bowman) aus der Patsche helfen zu lassen. Als John eines Tages das Hausmädchen Emily (Dorothy Patrick) zu vergewaltigen versucht, erstickte er die Hilfeschreie, indem er ihr die Kehle zudrückt. John lässt sich verzweifelt überreden, Stephen bei der Entsorgung der Leiche im benachbarten Fluss zu helfen.
Während John an seiner Schuld und Mitwisserschaft zu zerbrechen droht, entwickelt Stephen bessere Laune denn je und verleumdet die von ihm ermordete Emily sogar in aller Öffentlichkeit, indem er bekanntgibt, sie sei mit einigen Wertsachen seiner Gattin Marjorie (Jane Wyatt) durchgebrannt. Als der Fluss Emilys Leiche anspült, gerät John unter indizienbedingten Mordverdacht, kann jedoch in Ermangelung von Beweisen nicht verurteilt werden. Dennoch wird er zur persona non grata und verzweifelt immer mehr. Nur Marjorie hält noch zu ihm. Derweil wird Stephens Geisteszustand immer besorgniserregender…

Eine kleine Reise in den Wahnsinn: Langs weniger bekannter „House By The River“, den er ohne große Stars und für das kleine Studio Republic inszenierte, ist ein übersehenes Meisterwerk des expressionistischen film noir. Geflissentlich zeit- und ortsentrückt (es lässt sich lediglich mutmaßen, dass die Geschichte irgendwann um die Jahrhundertwende an der südlichen Ostküste angesiedelt ist) sind es vor allem die Spiele mit Licht und Schatten (dp: Edward Cronjaher), die dem Film seine entrückte irrealis verehren. Das titelgebende Haus des Ehepaars Byrne gleicht von Anfang an einer verwinkelten Mördergrube, die zudem innen sehr  viel größer zu sein scheint als außen. Eher vernachlässigt findet sich hingegen die psychologische Komponente, wobei davon ausgegangen werden darf, dass es Lang auch gar nicht so sehr um selbige ging. Gleich von Anfang an wird Stephen Byrne als latenter Psychopath exponiert; der Mord an dem unglückseligen Hausmädchen ereignet sich schon in den ersten fünf Minuten. Damit sind die Fronten einmal geklärt; die eigentliche Motivationslage jedoch mitnichten. Das Script macht schlussendlich lediglich Stephens Freigeistigkeit nebst seiner offen ausgelebten Affinität zur Existenz des Bohémien für seinen durch und durch schlechten Charakter verantwortlich; sein Bruder John, im Prinzip ein grauer, spießiger Buchhalter mit Klumpfuß und ohne echte Lebensfreude, entwickelt sich indes zur moralischen Instanz und gewinnt somit auch verdientermaßen das Herz seiner ebenso liebenswerten wie unglücklichen Schwägerin, die einmal sagt, dass sie naiverweise einst auf Stephens Blenderei hereingefallen sei und ihn lediglich daher geheiratet habe.
Der (namenlose) Fluss, wie bald darauf bei Renoir und bei Laughton Symbol einer vitalen, aber höchst eigensinnigen, zudem mysteriösen Naturgewalt, belässt es nicht bei seiner stummen Mitwisserschaft – er spuckt seine Geheimnisse über kurz oder lang wieder aus, unerbittlich. Dazu zählt am Ende selbst der von Stephen tot geglaubte John, der mitnichten als Geist zurückkehrt, Stephen jedoch in Todesangst versetzt und ihn schließlich, in der ausweglosen Sackgasse seines sittlichen Verfalls, vor sein verdientes, göttliches Gericht führt.

9/10

UNDERVERDEN

Zitat entfällt.

Underverden (Darkland) ~ DK 2017
Directed By: Fenar Ahmad

Zaid (Dar Salim) ist das, was der hellhäutige Westeuropäer gemeinhin gern als „erfolgreich angekommen“ bezeichnet: Er ist erfolgreicher Chirurg in einem Kopenhagener Krankenhaus, hat die einheimische Stine (Stine Fischer Christensen) geheiratet und sich von seinen nahöstlichen Flüchtlingswurzeln beinahe krampfhaft losgelöst. Doch die Vergangenheit ruht nicht: Während er und die schwangere Stine mit Freunden bei gutem Rotwein und gepflegter Konversation erlesen dinnieren, taucht Zaids jüngerer Bruder Yasin (Anis Alobaidi) auf und bittet ihn verzweifelt um Hilfe; es ginge um sein Leben. Zaid wiegelt entnervt ab und verweist Yasin der Tür – mit tatsächlich tödlichen Folgen für den Jungen, der am nächsten Tag mit irreparablen Hirnschäden auf der Intensivstation landet. Zwischen Selbstvorwürfen und Familienehre macht sich Zaid auf ins alte Viertel, erfährt rasch von Gangstergröße Semion (Ali Sivandi) nebst dessen Miniregime und hat damit auch gleich den an Yasins Tod Schuldigen. Körperlich ertüchtigt setzt sich Zaid einen schwarzen Motorradhelm auf und pflügt sich durch die Kopenhagener Unterwelt…

Spürbar nachhaltig beeinflusst von Michael Winners „Death Wish“ transponiert Fenar Ahmad das Sujet des sich von jedweder Vernunft loslösenden und damit zerreißenden Vigilanten in die Gegenwart und die dänische Hauptstadt. Dass diese eine hervorragende Kulisse für an die Nieren gehende Thriller- und Gangsterdramen bereithält, ist nun schon seit längerem kein Geheimnis mehr. Auch bei Ahmad gerät die 600.000-Einwohner-Metropole zu einem finsteren Schmelztiegel der Klassen und Kulturen, in dem nicht nur Migranten und Biodänen, sondern auch upper class und Prekariat mögliche soziale Berührungspunkte um jeden Preis vermeiden. Zaid repräsentiert da denkbar generisch den berühmten Wanderer zwischen den Welten – als Kind aus dem Irak hierhergelangt, gelang es ihm, sich von seinen Ghettowurzeln zu lösen und einen mehr denn respektablen gesellschaftlichen Status zu erlangen, was ihn wiederum zwangsläufig von seiner Herkunft wegtreibt. Job, Ehe und ein sündhaft teures Hochhaus-Appartement symbolisieren jene bewusste Abkehr auf das Deutlichste. Erst mit Yasins Tod wird ihm bewusst, dass Herz und Blut sich jedoch nicht so einfach verleugnen lassen und seine mäandernde Biographie treibt ihn zurück in dunkle, lange ignorierte Sphären. Die sich nun überaus gewalttätig und unter gezielter Zuhilfenahme von Steroiden entladenden Aggressionen, bezeichnenderweise praktiziert hinter der Tarnung einer Art selbstanonymisierenden „Superhelden-Kostüms“, entfremden ihm wiederum von allem, was er sich so mühselig vor Ort aufgebaut hat. Dennoch führt er seinen einmal eingeschlagenen Weg konsequent zu Ende.
Dass Ahmads ebenso schöner wie dunkler, durchaus vielschichtiger Film sich längst nicht allein als reines Genrewerk begreift, sondern zudem als eine soziokulturelle Bestandsaufnahme, die ebensogut auch in den meisten anderen mittelwesteuropäischen Großstädten Platz fände, verleiht ihm eine besondere Zusatznote.

8/10

AMERICAN HISTORY X

„Has anything you’ve done made your life better?“

American History X ~ USA 1998
Directed By: Tony Kaye

Nazi-Skin Derek Vinyard (Edward Norton) genießt eine massive Reputation in der „Szene“. Diese wächst nochmals tüchtig an, als er einen farbigen Einbrecher auf offener Straße erschießt und noch einen weiteren per Bordsteinbiss hinrichtet, um daraufhin drei Jahre wegen Totschlags in Chino abzusitzen. Besonders sein heimlicher Mentor Cameron Alexander (Stacy Keach), ein Vertreiber von Nazi-Musik und -Memorabilia schätzt ihn ebenso als intelligenten, eloquenten Vertreter rassistischer Ideologien und Hassbotschaften wie als gewaltbereite rechte Hand. Doch die drei Jahre Gefängnis machen aus Derek einen anderen Menschen: Das große Swastika-Tattoo auf der linken Brust ist zwar noch da, doch die Haare sind länger, das Auftreten deutlich milder, gefasster und ruhiger. Derek musste am eigenen Leibe erfahren, wie weit her es ist mit der Aufrichtigkeit der weißen Rasse; wie diese sich im Knast willfährig weiter kriminalisiert, dealt, vergewaltigt. Dereks dringendstens Ziel ist es nun, seinen zu ihm aufsehenden, jüngeren Bruder Danny (Edward Furlong) aus Alexanders Fängen zu befreien. Doch Danny hat sich andernorts bereits Todfeinde gemacht…

Unter all den jüngeren, sich (nicht nur) mit der Parallelkultur der (amerikanischen) Neonazis und rechtsextremen Skinheads befassenden Filmen genießt „American History X“ fraglos die größtflächige Beliebtheit. Die Userschaft der imdb sorgt dafür, dass er konstant unter den fünfzig renommiertesten Filmen verweilt und immer wieder ist er in Kanonisierungen zu finden, die sich mit Coming-of-Age-, Subkultur- oder ganz allgemein transgressivem Kino befassen. Dabei hatte Regisseur Tony Kaye schon während der Postproduktion die Schnauze gestrichen voll von „seinem“ Film und pausierte hernach erstmal neun Jahre, bevor er ein neues Kinoprojekt in Angriff nahm. Woher der Groll? Nachdem die Produktionsfirma New Line Kayes ursprüngliche Schnittfassung ablehnte, erstellte er eine extrem verkürzte Version, die wiederum schließlich von Hauptdarsteller Norton in ihre nunmehr bekannte Form gebracht wurde. Kaye lehnte und lehnt diese vehement ab, durfte nach Auflagen der DGA seinen Namen jedoch weder zurückzuziehen noch unkenntlich machen. Ob der von Kaye im Nachhinein veranstaltete Affenzirkus das ganze Drama um den Film in irgendeine positivere Richtung lenkte, darf bezweifelt werden. Dass er persönlich mit dem Thema noch nicht abgeschlossen hat, lässt sich einsichtsvoll an der Existenz der von ihm selbst erstellten, bisher jedoch noch nicht veröffentlichten Dokumentation „Humpty Dumpty“ festmachen.
Was bleibt unterm Strich? Der größte Verdienst von „American History X“ besteht darin, bei all dem Aufwerfen seiner komplexen Fragen keine billigen, moralinsauren Antworten zu liefern. Damit steht er am Ehesten in der Tradition von Spike Lees „Do The Right Thing“, der sich, obschon aus diametraler Perspektive heraus, zumindest ein wesentliches, finales Statement mit „American History X“ teilt: Gewalt ist keine Lösung.
„American History X“ ist kein pädagogischer und kein didaktischer Film. Er dürfte kaum dazu angetan sein, überzeugte Neonazis ad hoc zu leidenschaftlichen Aussteigern umzuerziehen, er erzählt lediglich eine – sehr tragisch und traurig verlaufende – Milieugeschichte mit einem konsequent offenen Ende. Eigentlich wäre zu erwarten, dass Derek Alexanders tumben Schlägern zum Opfer fällt und für seine Verfehlungen aus den eigenen Reihen heraus bestraft wird; stattdessen jedoch steht ein denkbar unschuldiges Opfer am Schluss – Danny, der sich bislang noch nicht offen kriminalisiert hat, wird ausgerechnet von einem afroamerikanischen Gangmitglied erschossen. Die Spirale findet kein Ende, sie dreht sich weiter, einem Perpetuum Mobile gleich, und wird dies vermutlich auch bis ans Ende aller Zeiten, weil Hass, Vorurteile und rassistisch motivierte Gewalt einer multikulturellen Gesellschaft wesentlich inhärent sind. Dieses doch sehr finstere conclusio gilt es zu schlucken, und sie erfüllt ihren Auftrag. Sie macht betroffen und schmerzt. Leider schafft es der Film bei all dieser unweigerlich ausgestellten streetwiseness nicht, gängige Klischees zu ignorieren. Nebenfiguren wie der gebildete, farbige Lehrer Bob Sweeney (Avery Brooks), der sich nebenbei als leidenschaftlicher Sozialarbeiter und bei allem Engagement zur Machtlosigkeit verdammter, sisyphosische Weltenretter hervortut, muss man ebenso in Kauf nehmen wie Elliot Gould als verprellten, jüdischstämmigen Freund der tuberkulösen und überforderten Familienmutter (Beverly D’Angelo) und wie, ganz besonders ärgerlich, Ethan Suplee als tumben, fetten Klischee-Skinhead Seth Ryan, der offenbar demonstrieren soll, in welchen sozialen Gewässern Nazi-Rattenfänger am Erfolgreichsten fischen können. Einem Typen wie Seth wäre ein Szeneausstieg nach dem Vorbild Derek Vinyards, zumindest suggeriert das der Film unweigerlich, erst gar nicht möglich. Dafür ist er letztlich zu hässlich, zu unsportlich, zu dick, zu dumm und infolge dessen zu stark fanatisiert. Aufgrund dieser Eigenschaften taugt Seth nicht zum Helden und damit auch nicht zur Identifikationsfigur und schon gar nicht zum Freidenker, anders als eben Vineyard, der im Gegenzug hinreichend „positive“ Qualitäten besitzt. An diesen Stellen erscheint „American History X“ mir nach wie vor verlogen und inkonsequent, weil er als Film, der sich genau dessen enthalten müsste, einen mehr oder weniger subtilen Persönlichkeits-, ja, Führerkult betreibt. Damit zerstört er sich nicht gleich, beschädigt sich jedoch irreparabel. Und das kann nicht im Sinne des Erfinders sein – abschließendes Lincoln-Zitat hin oder her.

7/10

CHILDREN OF THE CORN III: URBAN HARVEST

„Let the harvest begin!“

Children Of The Corn III: Urban Harvest (Kinder des Zorns III – Das Chicago-Massaker) ~ USA 1995
Directed By: James D.R. Hickox

Zwei der überlebenden Gatlin-Kinder, Eli (Daniel Cerny) und sein älterer Stiefbruder Joshua (Ron Melendez), werden Hals über Kopf von dem kinderlosen Ehepaar Porter aus Chicago adoptiert. Während der weltoffene Joshua sich rasch an die juvenilen Gepflogenheiten der Großstadt anpasst und Freunde findet, pflegt Eli weiterhin die alten „Gewohnheiten“, zu denen auch der umgehend erfolgende Anbau einer Maiskultur auf einem leerstehenden, an den Familiengarten angrenzenden Fabrikgelände gehört. Während Amanda Porter (Nancy Lee Grahn) rasch Angst vor Elis auffälligem Verhalten bekommt, ist ihr Gatte William (Jim Metzler) höchst begeistert von dem widerstandsfähigen Getreide, das hinter seinem Haus wächst und stielt bereits einen Deal ein, selbiges in alle Welt zu verschiffen. Derweil schart Eli eine neue Kultgemeinde um sich und huldigt mit dieser dem bereits lauernden Maisdämon „Der, der hinter den Reihen wandelt“.

Ein ordentlicher Schwung aufwärts gelang Anthony-Bruder und Douglas-Sohn James D.R. Hickox hinsichtlich des „Corn“-Serials nach David Prices eher unmotiviertem, müden Erstsequel mit dieser zweiten, um einiges spektakuläreren Fortsetzung. Die Grundidee, den Maiskult aus der ruralen Umgebung des Mittleren Westens in die Großstadt zu hieven, erweist sich als sinnstiftend und treffend und findet sich durch den Einfall, den Mais auf einer Industriebrache anzupflanzen, wiederum hübsch angereichert. Mit dem von dem dreizehnjährigen  Jungdarsteller Daniel Cerny angemessen diabolisch gespielten Eli gibt es einen würdigen Nachfolger zum seligen Isaac, dessen bösartiger Habitus hervorragend mit seinem netten Erscheinungsbild kontrastiert. Besonders der schwelende Konflikt zwischen Eli und dem Schulpfaffen Nolan (Michael Ensign), der ihn bald durchschaut und dessen Kirche Eli später übernimmt, weiß zu gefallen, bis es im Finale dann ordentlich kracht: Endlich bekommt man „Den, der hinter den Reihen wandelt“ zu Gesicht – ein gewiss nicht durchweg ganz reibungslos animiertes, aber vielleicht gerade deswegen besonders illustres, unförmiges Monster, das sich rigoros durch die Belegschaft seiner verblendeten Anhänger pflügt. Eine konkreter bebilderte Warnung vor kritiklosem Sektierertum wird man im Genrefilm schwerlich finden.

5/10