WIND RIVER

„Luck don’t live out here.“

Wind River ~ USA/CA/UK 2017
Directed By: Taylor Sheridan

Nachdem die Arapaho-Indianerin Natalie (Kelsey Asbille) tot im winterlichen Wind-River-Reservat aufgefunden wurde, nehmen sich der ortskundige Jäger und Fährtenleser Cory Lambert (Jeremy Renner) und die FBI-Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen) des Falles an. Denn obschon kein direkter Beweis für einen Mord vorliegt, gibt es deutliche Anzeichen für eine Vergewaltigung sowie dafür, dass Natalie in Todesangst um ihr Leben gerannt und dann infolge der Eiseskälte gestorben sein muss…

Das Finale der von Taylor Sheridan gescripteten „border trilogy“ nach „Sicario“ und „Hell Or High Water“ und außerdem der einzige Film jener kleinen Reihe, den der Autor selbst (als zweite Regiearbeit nach sechs Jahren) inszeniert hat, fällt zugleich leider auch am Schwächsten von den Dreien aus. Dieser – wenngleich auf recht hohem Niveau zu äußernde – Vorwurf betrifft Buch und Story gleichermaßen. Sheridan versucht hier, eine Allegorie die fortwährende völkische Misshandlung der amerikanischen Ureinwohner betreffend zu konstruieren. Wie das sich zu Tode rennende, brutal vergewaltigte Opfer, so die relativ grob formulierte Metaphorik des Films, werden die natives nunmehr seit Jahrhunderten in die Knie gezwungen, geschunden und gehetzt. Kulturelle Durchweichung, Bildungsferne, Armut, Alkohol- und Drogenmissbrauch sind die Folgen der zum Großteil noch immer in Reservaten wie Wind River, Wyoming dahinsiechenden Menschen. Diesem unbestreitbar fürchterlichem Zustand wurden schon häufiger Genrefilme gewidmet. „Wind River“ steht also als jüngster Beitrag einer bisweilen stolzen Ahnenreihe. Ob er es als solcher noch immer nötig hat, einen Weißen in der modernisierten Tradition von Lederstrumpf und Old Shatterhand als ethnischen Stellvertreter in den heroischen Mittelpunkt seiner Story zu stellen, halte ich für fragwürdig bis kontraproduktiv. Den ansonsten im Film vorkommenden Indianern fehlt wahlweise Kraft, Legitimation oder Ehrgeiz um die am Ende zur Selbstjustiz ausartenden Bestrafung des bzw. der feigen Mörder Natalies und ihres Freundes (Jon Bernthal) selbst durchzuführen. An deren Statt muss Jeremy Renner etwas wichtigtuerisch jenen Vergeltungsakt übernehmen, der als Ex-Mann einer Stammeszugehörigen (Julia Jones) und Vater einer einst gestorbenen Tochter, die zugleich Natalies beste Freundin war, passend dazu hinreichend Handlungsmotivation auf den Leib geschrieben bekam. Doch nicht nur im Hinblick des kritikwürdigen Plots, auch was die Schaffung involvierender Atmosphäre anbelangt, bleibt „Wind River“ hinter seinen beiden meisterhaften Vorgängern zurück.
Gewiss ist „Wind River“ all meinem obigen Geunke zum Trotz keinesfalls als missglückt zu bezeichnen – seine karge Grundierung und einzelne Szenen wie der shoot out im Camp der Ölraffinerie-Arbeiter lassen ihn in seiner Gesamtheit bestimmt noch immer als sehenswert dastehen. Nur dem sich zwangsläufig stellenden Vergleich mit zwei anverwandten veritablen Kinogroßtaten, dem hält Sheridans Film am Ende nicht ganz stand.

7/10

Advertisements

TATTOO

„Sind Sie ein Sammler?“

Tattoo ~ D 2002
Directed By: Robert Schwentke

Der junge Berliner Kommissar Marc Schrader (August Diehl) muss gezwungenermaßen mit dem älteren Minks (Christian Redl) zusammenarbeiten. Diesem ist seine Tochter Maya (Nadeshda Brennicke) weggelaufen, die Minks nun im Rotlichtmilieu vermutet und verzweifelt sucht. Schrader und Minks‘ hochnotbrisanter Fall dreht sich derweil um einen Serienmörder, der seinen Opfern besondere Tätowierungen aus der Haut schneidet, um diese offenbar einer privaten Sammlung einzuverleiben. Die beiden ungleichen Ermittler stoßen auf immer mehr Leichen und Hinweise, derweil sich auch die Kreise um sie selbst immer enger ziehen, denn Maya, die Schrader bald ausfindig macht, ist auf ganz besondere Weise tätowiert…

Der düstere bis apokalyptische, extrem durchstilisierte Serienkillerfilm erlebte in den Jahren nach Finchers „Se7en“ eine zuvor nie gekannte Blüte und Hochphase, die bis weit in den Mainstream hineinreichte und nicht nur im eigenen Lande, sondern auch international viele, viele Ableger fand. Besondere Kennzeichen jener Spielart bestanden vor allem darin, die jeweils zum ausweglosen Mikrokosmos heruntergebrochene Realität der Polizisten und Kriminellen zu einer höllischen Spielwiese bar jeder Ethik und Moral verkommen und die nicht selten genialisch charakterisierten Gewalttäter am Ende als überlegene, wahlweise heimliche Gewinner in einer infernalischen Welt am Abgrund dastehen zu lassen. Derlei begab sich abseits des „Tatort“ bald auch hierzulande, wo sich der erwartungsgemäß bald darauf in Hollywood tätige Robert Schwentke an dieser ganz speziellen Abseitigkeit mörderischer Bestrebungen versuchte.
Grundsätzlich ist hiesiges Genrekino, zunächst einmal immer zu begrüßen, und handele es sich lediglich um einen seriösen Versuch, Entsprechendes aufzuziehen. Nun ist jedoch ausgerechnet das Serienkillermotiv eines, das, zumal hinsichtlich Form und Atmosphäre, bereits 2002 im Prinzip erschöpfend durchprobiert und -exerziert worden war, was es „Tattoo“ nicht eben leicht machte. Die Pfade, auf denen Schwentke ergo zu wandeln hatte, waren bereits hinreichend ausgelatscht, was seinen Film somit a priori zum Mosaiksteinchen innerhalb einer ziemlich übermächtig bedienten Thriller-Spielart werden lässt. Vor allem an Fincher wird einmal mehr ordentlich Tribut bezahlt, wenn einer der Ermittler selbst zur Schachfigur des Mörders wird, sein Liebstes auf die denkbar brutalste Weise verloren erkennt und den Kampf gegen das übermächtige Böse daraufhin aufgibt.
Diese Einordnung außer Acht gelassen, bleibt eine insgesamt solide Arbeit, die zumindest halbwegs spannend über ihre Runden trägt und trotz des sich hier und da etwas albern gerierenden Leitfadens um prachtvolle Tätowierkunst (aus dem japanischen Raum vornehmlich; wohl, um das Ganze noch etwas exklusiver abzufassen) immer noch recht ordentlich deckt. Gute DarstellerInnen tragen neben Schwentkes ordentlichem Handwerk Sorge dafür. Ferner ein – wenn auch kleiner – Lichtblick im ewigen, immergleichen deutschen RomCom-Allerlei.

7/10

THE PUNISHER: SEASON 1

„Welcome home, Frank.“

The Punisher: Season 1 ~ USA 2017
Directed By: Tom Shankland/Andy Goddard/Antonio Campos/Kevin Hooks/Marc Jobst/Jim O’Hanlon/Kari Skogland/Stephen Surjik/Dearbhla Walsh/Jeremy Webb/Jet Wilkinson

Nachdem Frank Castle (Jon Bernthal) die mutmaßlich letzten der an der Ermordung seiner Familie beteiligten Gangster erledigt hat, fristet er erin tristes, einsames Leben als Bauarbeiter „Peter Castiglione“. Es dauert jedoch nicht lang, bis er neuerlich in Reichweite des organisierten Verbrechens gerät und das zu tun gezwungen ist, was er am Besten beherrscht. Durch seine Aktion wird der im Untergrund lebende Hacker David Lieberman (Ebon Moss-Bachrach) auf ihn aufmerksam und Frank damit mit ganz neuen, unbekannten Fakten über den gewaltsamen Tod seiner Lieben aufgeklärt: Offenbar ist er während seiner Zeit als US-Marine bei einem verdeckten Einsatz in Kandahar Zeuge höchst illegaler Militäroperationen geworden und sollte als unliebsamer Mitwisser beseitigt werden. Doch nicht nur sein bald von Franks Überleben in Kenntnis gesetzter, früherer Vorgesetzter Rawlins (Paul Schulze) wird zu einem Problem, auch die umtriebige Militärpolizistin Madani (Amber Rose Revah) und ein durchgedrehter Veteran (Daniel Webber) machen dem Punisher zu schaffen. Zeit, das Totenkopf-Symbol zu reaktivieren…

Den Punisher, eine von Marvels beliebtesten Figuren, zum Hauptcharakter einer eigenen Serie zu machen, erweist sich rückblickend als mäßig dankbarer und sehr viel mehr rein kommerziellen Erwägungen geschuldeter Einfall. Das sich ferner als problematisch herausstellende Formgerüst der sich auf dreizehn Episoden kaprizierenden MCU-Serien versagt hier zudem noch mehr als ohnehin schon. Dennoch lässt sich mit „The Punisher“ insgesamt wieder ein wenn auch kleiner Aufschwung im Vergleich zu den jüngsten, entsprechenden Formaten verzeichnen.
Die eine große Schwäche des Netflix-Projekts, und diesbezüglich haben alle drei Kinofilme die Nase eindeutig vorn, liegt darin, Frank Castle ein psychologisch facettenreiches Fundament zu verschaffen. Das jedoch hatte der Autor Garth Ennis im Zuge seiner kürzeren und längeren „Punisher“-Strecken bereits allumfassend besorgt: Bei ihm zeigte sich, dass Castle ein prinzipiell grundgestörter Mensch war, der nicht erst durch die Ermordung seiner Frau und der beiden Kinder zum Killer wurde, sondern der sich bereits im Kriegskontext, einer Situation also, die Massenmord gewissermaßen legitimiert, als viehischer Schlächter erwiesen hatte und für den das heimatliche Verlusterlebnis lediglich eine finale Sollbruchstelle darstellte, um seinen beispiellosen Vigilantenkrieg zu entfesseln. Das organisierte Verbrechen hat Frank Castle erst gar nicht zu suchen, um mit ihm auf Konfrontationskurs zu gehen; das besorgt er nunmehr seit langem selbst. Des Punishers langfristiges Ziel besteht nicht in privater Rache, sondern in nichts weniger als darin, das Verbrechen auf globaler Ebene auszurotten; eine Mission, die gezwungenermaßen mit Bergen von Leichen einhergeht. Der Serien-Punisher pflegt ein solches Denken nicht – oder zumindest noch nicht, wie die eine oder andere Ableitung es nahelegt. Hierin sind die Motive für Frank Castles mörderischen Aktionismus (ähnlich wie in Jonathan Hensleighs 04er-Adaption) noch rein persönlicher Natur. Hinter der tödlichen Eiseskälte verbirgt sich noch immer ein menschliches, verletzliches Wesen, das Nähe begreift, zulässt und einstigen Emotionen und Intimitäten zumindest noch in Geist und Herzen nachhängt. Mit Ausnahme einer grandiosen Schlüsselsequenz in der dritten Episode, die während des Afghanistan-Einsatzes den schlummernden Psychopathen hinter der Fassade des Familienvaters zeigt und weiteren, kleineren hints, die das zunehmende Übergewicht einer längst latent vorhandenen PTBS (ohnehin ein zentrales Thema der Reihe) pronocieren, lässt hier noch vergleichsweise wenig auf die wortkarge Killermaschine schließen, zu der der Comic-Punisher (und übrigens auch der bei Goldblatt und Alexander) längst geworden ist.
Die Subplots um Agent Madani, Franks einbeinigen Mitveteranen Curtis Hoyle (Jason R. Moore), Franks merkwürdige Annäherung an Liebermans permanent von ihm überwachte Familie und vor allem jener um den verwirrten Bombenleger Lewis Walcott verlangsamen indes das pacing beträchtlich, rauben ihm einen Großteil seiner Konzentration und Wirkmacht. Ganze Episoden bleiben blass bis fad, während andere zum Besten zählen, was das Netflix-MCU bis dato überhaupt zu bieten hat. Erst gegen Ende, wenn sich die schwelenden Konfrontationen endlich entladen, Frank sich „seinen“ neuen Jigsaw (Ben Barnes) kreiert, der ihm dann wohl in Season 2 das Leben schwermachen dürfte und der Punisher endlich zu sich und seiner ursprünglichen Mythologisierung findet, entwickelt das Format eine Sogkraft, die man sich in dieser Intensität schon sehr viel früher gewünscht hätte. Glücklicherweise nehmen die entsprechenden Höhepunkte in der etwas distanzierten Erinnerung die überwältigende Majorität ein und lassen „The Punisher“ schlussendlich und unter dem Strich als überzeugend dastehen. Dennoch bleibt die Serie in der Summe recht weit unter ihren Möglichkeiten, die sich eben nur in Form einzelner gesetzter Spitzen äußern. Etwas schade ist das schon.

7/10

THE LOST EMPIRE

„I hate robot spiders!“

The Lost Empire (Drei Engel auf der Todesinsel) ~ USA 1984
Directed By: Jim Wynorski

Eher durch Zufall wird die knallharte Polizistin Angel Wolfe (Melanie Vincz) auf einen bizarren Kult um einen rotglühenden Diamanten aufmerksam, dem zuvor ihr jüngerer Bruder (Bill Thornbury) im Zuge eines Einsatzes zum Opfer gefallen ist. Offenbar hat ein gewisser Lee Chuck einen Pakt mit Satan persönlich geschlossen und kann dessen Einforderung seiner Seele nur dadurch verhindern, dass er jenen magischen Edelstein mit seinem Gegenstück vereint und dadurch unendliche Macht erlangt. Um Selbiges zu verhindern, folgt Angel mit ihren zwei oberweitenbegüterten Freundinnen Whitestar (Raven De La Croix) und Heather McClure (Angela Aames) einer heißen Spur zur Insel „Golgatha“, auf der der geheimnisvolle Dr. Sin Do (Angus Scrimm) martialische Turniere mit leichtgeschürzten Damen veranstaltet…

Jim Wynorski ist zusammen mit seinem Kumpel Fred Olen Ray über die letzten 35 Jahre hinweg zu einer Art Synonym für lustvoll aufbereitete, amerikanische Exploitation- und Sleaze-Filmerei geworden. Über Umwege aus dem kreativen Dunstkreis Roger Cormans stammend, an dessen Produktion „Forbidden World“ er als Scriptautor mitwerkelte, legte Wynorski mit „The Lost Empire“ 1984 seine erste eigene Regiearbeit vor. Diese zeigt sich, lange vor Tarantino und dessen häufig ermüdenden Epigonen, als schwungvoll-kunterbuntes, ironisches Zitatekino voller augenzwinkernder Reminiszenzen, das seine Wurzeln allerdings nie denunziert, sondern sich dem umfangreichen Vorbildfundus nahtlos anschließt. Ob Russ Meyer, Don Coscarelli, Andy Sidaris, Cop- und Cannons Ninja-Filme, indonesischer Nägelzieher, Bruce Lee oder phantastischer B- und C-Film – „The Lost Empire“ lässt von nichts die Finger, zeigt unentwegt, dass die inspirativen Hausaufgaben mit Fleißsternchen gemacht wurden und explodiert stets aufs Neue in einer Vielzahl bald infantiler, bald verblüffender Einfälle: In stolzem Scope zur Musik von Alan Howarth präsentiert, gibt es grandiose Dekors und matte paintings zu bestaunen, die sich die Klinke reichen mit Schlammcatchereien und ordentlichem Geballere, zwischen denen die Superladys allenthalben ihre massiven Dekolletés vor die Linse halten und einen unglaublichen Fundus halbgarer Sprüche zum Besten geben müssen. Interessanterweise sind die Geschlechterrollen bei allem gebotenen Tittenfetischismus durchweg vertauscht; in einer etwas „handelsüblicher“ dargebotenen Story solcher Provenienz sollte man davon ausgehen, dass die Frauenparts für Männer geschrieben sind und vice versa.
Vermutlich stellt „The Lost Empire“ trotz seines Debütstatus‘ bis heute Wynorskis dedizierteste Arbeit dar – bei bislang knapp 100 weiterer Regie-Credits (die just vielsagende Titel wie „Monster Cruise“, „Piranhaconda“, „CobraGator“ oder „Shark Babes“ vorweisen) eigentlich ein kleines Wunder. Damit zu tun haben wird auch die Tatsache, dass das hier noch vitales Kino war, das seinem Schöpfer fraglos dazu diente, ein Hochmaß an aufgestauten Kreativideen zu realisieren.
Bombe.

7/10

THE HARD WAY

„Oh man, this is too real.“

The Hard Way (Auf die harte Tour) ~ USA 1991
Directed By: John Badham

Der verwöhnte Hollywood-Star Nick Lang (Michael J. Fox) will in seinem nächsten Film unbedingt einen realitätsnahen Großstadtcop spielen. Ganz im Sinne des method acting plant er zu Studienzwecken zuvor einen echten Cop auf Streife zu begleiten. Dieser findet sich in dem unkonventionellen New Yorker John Moss (James Woods), der gerade einem verrückten Serienkiller, dem „Party Crasher“ (Stephen Lang) auf den Fersen ist. Lang wirbelt daraufhin nicht nur das Privatleben des ihn hassenden Moss gehörig durcheinander, er muss auch lernen, dass Film und Wirklichkeit selten einhergehen.

„Mein“ John Badham war immer der der siebziger und achtziger Jahre; seine Arbeiten nach dem tollen „Stakeout“ empfand ich, sofern überhaupt gesehen, stets als eher beliebiges, wenn auch routiniert gefertigtes Gebrauchskino. Seit immerhin fünfzehn Jahren hat Badham nunmehr nicht fürs Kino gearbeitet, sondern begnügt sich seither damit, einzelne Episoden für TV-Serials zu inszenieren.
„The Hard Way“ ist ein recht gutes Beispiel für Badhams Weg in Richtung Beliebigkeit und gleichermaßen auch für die sich immer weiter manifestierende Art der Studios, in den Neunzigern zunehmend formelhaftes Kommerzkino zu kultivieren: Als komplett entwichtete Action-, oder auch Buddy-Komödie funktioniert der Film durchaus. Fox und Woods sind als sich mehr denn zaghaft annäherende Antipoden so typengerecht besetzt, wie es eben geht und die ihnen zugedachte Geschichte völlig reißbretthaft. Als Hollywood-Satire indes ist „The Hard Way“ ebenso antiquiert und naiv wie Nick Langs intrafilmische Vorstellungen authentischer Polizeiarbeit. Zu keiner Sekunde ist die Geschichte bereit, sich auf ein wie auch immer geartetes Meta-Terrain zu begeben, alles bleibt flach und stereotyp. Seine dennoch nicht abzuleugnende Vitalität bezieht der Film neben der illustren Schar an Nebendarstellern tatsächlich einzig aus Badhams inszenatorischer Professionalität, die erwartungsgemäß vor allem in den spektakulären Actionsequenzen zur Geltung kommt. Ohne sie wäre „The Hard Way“ heute noch mehr Fußnote als er es ohnehin schon ist.

6/10

ZANNA BIANCA

Zitat entfällt.

Zanna Bianca (Wolfsblut) ~ I/E/F 1973
Directed By: Lucio Fulci

Yukon zur Zeit des großen Goldrauschs: Das Schürferstädtchen Dawson leidet unter der Knute des despotischen Banditen Beauty Smith (John Steiner), der dafür sorgt, dass alle Funde der Claimbesitzer sofort in seinen Amüsierbetrieben landen. Ihm in die Quere kommen die beiden befreundeten Abenteurer Kurt (Raimund Harmstorf) und Jason (Franco Nero), die nicht nur den Mord an dem mit ihnen befreundeten Indianer Charlie (Daniel Martín) aufklären, sondern sich auch des treuen Schäferhundmischlings Wolfsblut annehmen, der Charlies Sohn Mitsah (Missaele) das Leben gerettet hat.

Überaus frei nach Jack Londons zugrunde liegendem Abenteuerstoff wurde hier verfahren, um ein wie es zu dieser Zeit üblich war, übernational-gemeinschaftliches Kinoprojekt zu stemmen, bei dem die Produktionsgelder aus allen möglichen Ländern kamen und schätzungsweise mindestens dreiundzwanzig verschiedene Sprachen zugleich am Set gesprochen wurden. Das hieraus zweifelsohne entstehende, heillose Chaos merkt man den Endresultaten stets nur selten an, was für die Routine und Professionalität spricht, mit der die Beteiligten regelmäßig zu Werke gegangen sein dürften. „Zanna Bianca“ (dessen Außenaufnahmen natürlich nicht in Nordwest-Kanada, sondern in Norwegen und Spanien entstanden), verfügt mit seiner Besetzung um Nero, Harmstorf, Steiner und darüberhinaus Virna Lisi, Carole André, Fernando Rey und Rik Battaglia also über ein kleines who’s who der damaligen Publikumslieblinge; deftige Auseinandersetzungen und ein schroffer, am harten Leben der Goldgräber orientierter Stil, der noch ein bisschen mit den letzten Euro-Western-Ausläufern liebäugelt, sorgten dafür, dass die angebliche „Familienfreundlichkeit“, die man einem London-Stoff ja irgendwie bereits gemeinhin unterstellt, mit obachtsvoller Vorsicht zu genießen war. Die Brunnemann-Synchro auf der anderen Seite lockerte mit ihren vertrauten, kleinen Flapsigkeiten die etwas dunkleren Momente des Films auf.
„Zanna Bianca“ wurde auch dank fortwährender TV-Einsätze ein schätzenswerter Achtungserfolg und vermutlich einer von Fulcis einträglichsten Filmen. Darüber, warum er in seiner Funktion als Regisseur, zumal etwa im Vergleich mit der direkten Vorgängerarbeit, dem Giallo „No Si Sevizia A Un Paperino“ bestenfalls eine verwässerte, dünne Signatur hinterlässt, bleibt mir heuer nur zu spekulieren bzw. durch das Fachpersonal zu erläutern. Vermutlich war er hier einfach zu sehr eingeschränkt durch Produktionsägide nebst Logistik und äußeren Bedingungen, um seine ganze ihm eigene, kreative Feuerkraft entfalten zu können.

6/10

THE WILD NORTH

„You’re not a bad guy for a murderer.“

The Wild North (Gefährten des Grauens) ~ USA 1952
Directed By: Andrew Marton

Der Trapper Jules Vincent (Stewart Granger) kommt im Spätsommer aus der kanadischen Wildnis-Saison nach Hause, um einen Teil seines Gewinns zu verprassen. Bei einer gemeinsamen Kanufahrt mit einer am Vorabend kennengelernten Mestizin und dem unwirschen Brody (Howard Petrie) kommt es zu einem tragischen Unfall: Vincent sieht sich gezwungen, Petrie zu erschießen, weil dieser das Boot grundlos durch unwegsame Stromschnellen lenken will. Von den Mounties gesucht, sucht Vincent Schutz in seiner entlegenen Jagdhütte, doch der zielstrebige Constable Pedley (Wendell Corey) spürt ihn dort auf, verhaftet ihn und zwingt ihn zur Rückkehr. Der mittlerweile eingebrochene Winter nimmt Pedley allerdings jede Orientierung; er verirrt sich, während der ortskundige Vincent sich ins Fäustchen lacht. Nach einer Attacke durch ein Wolfsrudel verfällt Pedley schwer verletzt in Apathie. Anstatt ihn zurückzulassen bringt Vincent ihn zurück in die Zivilisation und sorgt für eine antitraumatische Radikalkur.

Flamboyanter Abenteuerwestern und wunderbares Kino bietet Martons Fährtensucher-Drama, gegen das, man verzeihe mir meinen bewusst provokanten Reaktionismus, „The Revenant“ mal ganz gepflegt einpacken kann. Allein Grangers Porträtierung des bewusst vom Script mit einer semimythischen Aura aufgeladenen Super-Trappers Jules Vincent würde eine ganze Serie von Filmen füllen; mit dieser Erzählung der Geschichte um eine zunächst widerwillige, dann zweckmäßige und zuletzt aufrichtige Partnerschaft zweier gar nicht mal so ungleicher Individuen gibt man sich umso satter zufrieden. „The Wild North“ markiert absolut stimmiges und passgenaues Profihandwerk, etliche Szenen sind außerhalb der Ateliers entstanden und wirken für die Entstehungszeit des Films geradezu ungewohnt authentisch, rasante Actionsequenzen, von einer herniedergehenden Lawine über den Wolfsangriff bis hin zu der knotenlösenden Wiederholung der selbstmörderischen Rafting-Tour erweisen sich als brillant inszeniert und selbst Vincents Entwicklung vom etwas zynischen, selbstbesoffenen Einzelgänger hin zum mitfühlenden Moralmenschen wirkt zu keiner Sekunde aufgesetzt oder unpassend. Dem gebürtigen Ungarn Andrew Marton ist mit „The Wild North“ inmitten seiner überschaubaren Filmographie ein kleines, beinahe intimes Meisterwerk gelungen, das insbesondere seinem Hauptdarsteller zur Zierde gereicht und darüber hinaus sicherlich eine inoffizielle Blaupause für spätere, beleumundetere Klassiker wie „Shoot To Kill“ bot.
Durch und durch großartig.

10/10