BLACKSNAKE!

„Your God, not my God, old man.“

Blacksnake! ~ USA 1973
Directed By: Russ Meyer

Im Jahre 1835 haben die Briten der Sklaverei in ihren Westindischen Kolonien bereits weitgehend entsagtm einzig auf dem kleinen Eiland San Cristobal herrscht die Zuckerrohrbauerin Susan Walker (Anouska Hempel) weiterhin mit eiserner Hand und schwarzlederner Knute. Da von ihrem Gatten Lord Jonathan (David Prowse) bereits seit Längerem nichts zu hören ist, begibt sich dessen Bruder Charles (David Warbeck) in cognito als neuer Buchhalter Sopwith nach San Cristobal, um vor Ort selbst nach dem Rechten zu sehen. Dort wird er umgehend Zeuge von Lady Susans Schreckensregime, das von ihren sadistischen Aufsehern Joxer Tierney (Percy Herbert) und Raymond Daladier (Bernard Boston) unterstützt wird. Doch die Revolte brodelt bereits vor sich hin…

Bereits ein Jahr vor Richard Fleischers Skandal-Studioepos „Mandingo“ ließ Russ Meyer diesem seinem weitaus bekannteren Epigonen gar nicht mal unähnlichen, kleinen Schweinehund von Film von der Leine. Das historische Sujet der Sklaverei im 19. Jahrhundert diente auch „Blacksnake!“ vornehmlich dazu, einen waschechten Exploiter fürs Midnight Cinema zu kreieren, wobei einzuräumen ist, dass von Meyers üblichem, anarchischen Stil im Gegenzug zu einer in diesem Fall eher konventionellen Inszenierung vergleichsweise wenig übrigbleibt. Erst im letzten Viertel genehmigt der Regisseur sich einige wenige, surreale Metalepsen und versichert dem angesichts des zuvor Bezeugten möglicherweise noch unschlüssigen Publikum mit seinem Finale, in dem allerlei Pärchen unterschiedlicher Hautfarbe zu den beruhigenden Worten des Off-Sprechers fröhlich durch ein Flussbett hüpfen, dass sein ruppiges Werk natürlich ganz und ausschließlich im Zeichen liberaler Werte entstand.
Nun, trotz seiner recht räudigen Atmosphäre nimmt sich „Blacksnake!“ nicht gar so bitterböse aus wie Fleischers Film, entbehrt jedoch auch mancher dessen wirksamer Ingredienzien wie etwa eines Hauptdarstellers vom Kaliber James Mason. Auch mit für seine persönliche Proveninenz berüchtigten Sexszenen hält sich Meyer merklich zurück, für ein paar wenige, tatsächlich kaum schlüpfrige Bilder um Anouska Hempel musste sichtlich ein Body Double herhalten. Seine nichtsdestotrotz eklatanten Grindhouse-Elemente bezieht „Blacksnake!“ eher aus dem räudigen, vornehmlich mit Rassistenschimpf gesäumtem Dialog und einigen visuellen Barbareien wie einer Kreuzigung oder den titelgemäßen Auspeitschungen. Der breitschultrige Bodybuilder und spätere Darth Vader David Prowse springt zuweilen als wahnsinnig gewordener, gewaltsam um Zunge und Hoden erleichterter Adliger durch die Szenerie, dem wegen einer vormaligen Eifersuchtsgeschichte seitens Lady Walker noch übler mitgespielt wurde als manchen Sklaven. Die interessanteste, vielschichtigste Figur indes verkörpert der ansonsten leider wenig beleumundete Bernard Boston als Captain Raymond Daldier – ein wohlerzogener, hochgebildeter, impotenter, sadistischer Opportunist, der permanent mit wohlfeil formulierten, altklugen Standesdünkeleien um sich wirft und seine versklavten Pigmentierungsgenossen aus unerfindlichen Gründen noch weitaus mehr hasst als die rassistischen Weißen, denen er untersteht. Ihm gegenüber steht der grundsätzlich natürlich verlässliche David Warbeck als braver, plottragender Humanist geradezu blass da.

7/10

WIZARDS OF THE LOST KINGDOM

„Thrilling, isn’t it?“

Wizards Of The Lost Kingdom ~ USA/AR 1985
Directed By: Héctor Olivera

Axeholme ist ein friedliebendes Königreich der Magie. Simon (Vidal Peterson), Sohn des Hofzauberers (Edgardo Moreira) wird dereinst die Königstochter Aura (Dolores Michaels) ehelichen und alle sind glücklich und zufrieden. Alle…? Nicht ganz, denn Auras böser Stiefmutter Acrasia (Maria Socas) ist die viele Harmonie vor Ort ein Dorn im Auge und so ermöglicht die verräterische Schlange dem bösen Hexer Shurka (Thom Christopher) und seinem zwergenwüchsigen Gefolge die Übernahme Axeholmes. Aura (auf die Shurka seinerseits ein Auge geworfen hat) wird eingekerkert, derweil Simon und seinem pelzigen Faktotum Gulfax (Edgardo Moreira) die Flucht gelingt. Sie begegnen dem wackeren, aber weinaffinen Krieger Kor (Bo Svenson), der sich überreden lässt, ihnen gegen Shurka beizustehen. Zuvor gilt es jedoch, manches andere Abenteuer zu (ü)be(r)stehen…

1985 konnte man noch ein klein wenig Sword & Sorcery unters Kinovolk bringen, wenngleich schon längst nicht mehr so erfolgversprechend wie noch zwei, drei Jahre zuvor. Hinter „Wizards Of The Lost Kingdom“ (der zu seiner deutschen Videopremiere wundersamerweise den langen Originaltitel verehrt bekam und allein deshalb eine Ausnahmeposition auf diesem Sektor bekleidet) verbarg sich, Trommelwirbel, natürlich niemand Geringerer als (ein vorsorglich unkreditierter) Roger Corman, der mit dieser Leuchtgranate eine seiner legendären Patchwork-und Abschreibungsproduktionen betreute. (Als eines von ganzen neun Corman-Werken jener Tage) Entstanden und belichtet in Argentinien, belief sich der am Ende übrige, verwertbare Netto-Erzählrahmen auf eine Spielzeit von 59 Minuten. Diese wurden dann um 20 Minuten Filmschnipsel aus „Sorceress“ und „Deathstalker“ angereichert, was in einem völlig belanglosen Subplot mündete, der wiederum sich mittels viel Spucke, Mühe, Not und Voiceover in den Rest integriert fand. Auch einen Score wusste man sich zu sparen und nutzte kurzerhand James Horners musikalische Einspielungen aus „Battle Beyond The Stars“. Dass das „Resultat“ hinter dem immerhin wunderhübsch gemalten Kinoposter (auf dem Simon als mittelalterlicher Luke Skywalker auf einem schicken, geflügelten Raubkatze zur Attacke bläst) als denkbar absurdes, hanebüchenes Flickwerk verkauft zu werden hatte, folgt aus der Natur der Sache, lässt sich mit der rosarot eingefärbten Nostalgiebrille jedoch zumindest als halbwegs liebenswerte Kuriosität und Erinnerung an eine heuer undenkbare Art des Filmschaffens goutieren. Immerhin: Bo Svenson hat den Spaß mitgemacht, ob allzeit nüchtern, sei herzlichst in Frage gestellt, und man lacht und leidet gewissermaßen mit ihm. Jeder, der Papp und Plaste belächelt oder gar atemringend scheut, sei indes tunlichst gewarnt!

3/10

LA CASA DELLA PAURA

Zitat entfällt.

La Casa Della Paura (Das Haus der Angst) ~ I 1974
Directed By: William Rose/Robert H. Oliver

Nach einem kurzen Gefängnisaufenthalt kommt die junge, zuvor unschuldig wegen Drogendealerei verurteilte Margaret Bradley (Daniela Giordano) im Haus von Mrs. Grant (Giovanna Galletti) unter. Darin fühlt sie sich jedoch alles andere als wohl: Nicht nur dass die aufdringliche Gastwirtin einen sehr konservativen Gerechtigkeitssinn pflegt, gehen auch sonderbare Personen wie der mysteriöse Mr. Dreese (Raf Vallone) dort ein und aus und scheint auch Mrs. Grants Filius Frank (Angelo Infanti) nicht ganz richtig im Kopf zu sein. Abhilfe verspricht der junge Amerikaner Jack (John Scanlon), der auf eigene Faust den angeblichen Suizid seiner Schwester nachspürt: Auch sie hatte zuvor bei Mrs. Grant gewohnt. Gemeinsam mit Jack kommt Margaret einer bizarren Glaubensvereinigung auf die Spur…

Dieser aus kognitiver Perspektive etwas bis ziemlich (je nach individueller Wohlmeinung) schwachbrüstige Italo-Exploiter könnte ebenso gut auch von Massimo Pupillo oder Renato Polselli stammen; ein paar wohlvertraute Ingredienzien aus Arbeiten dieser lustig zu Werke gehenden Filmemacher begegnen einem in „La Casa Della Paura“ nämlich wieder. So treibt ein geheimnisvoller, rotmaskierter Sadist sein Unwesen in einem alten Provinzgemäuer (s. „Il Boia Scarletto“), es wird sich garstiger Foltermethoden befleißigt und ein Muskelmann (diesmal Brad Harris anstelle von Mickey Hargitay) erhält einen prominenten Auftritt. Der Plot ist so obskur wie gnadenlos – eine Sekte alttestamentarisch belesener Selbstjustizler entführt vom rechten Wege abgekommene, junge Frauen und führt sie eigenmächtig und unter großem, allseitigen Hallo der nachträglich verordneten Todesstrafe zu. Welche Motive die fanatischen Beteiligten, allen voran den am Ende überraschungsvoll demaskierten Henker, umtreibt, bleibt derweil der Zuschauerphantasie überlassen. Damit das Ganze zumindest einen zeitgemäß-internationalen Touch erhält, verpasste man albernerweise sämtlichen Hauptrollen (vermeintlich) wohlklingende, amerikanische Namen und setzte ferner einen inhaltlichen Nebenstrang hinzu, der garantierte, dass der bärige Brad Harris und ein eilends hinzugeschalteter Kumpel am Ende als flotte Tagesretter mit ihrem Käfer angebraust kommen können, um der Sektenbrut mit gezielten Fausthieben den Garaus zu machen. Die Regie ist denn auch weniger beflissen oder gar ausgefallen denn vielmehr, sagen wir, „funktionalistisch“ geraten. Illuster in jedem Fall die weitere Besetzung, die neben der inhaltlich völlig redundant, aber immerhin hübsch frisiert eingeflochtenen Karin Schubert noch Hollywood-Veteran Frank Latimore als ungeschickten Enthüllungsjournalisten vorschützt, einen der vielen in Südeuropa gestrandeten US-Darsteller, die nach einer vielversprechend begonnen Karriere in Übersee hier ihr weiteres Auskommen fanden und erst nach dem großen Studioumbruch jenseits des Teichs wieder ihr US-amerikanisches Gnadenbrot einnehmen durften.

6/10

DER FLUCH DER GRÜNEN AUGEN

„Sie nix glauben an Vampire? Ich schon!“

Der Fluch der grünen Augen ~ BRD/YU 1964
Directed By: Ákos Ráthonyi

Der kriminalistische Tausendsassa Inspektor Frank Dorin (Adrian Hoven) wird zu einem kleinen Balkandorf beordert, in dem sechs junge Frauen auf mysteriöse Weise ihr Leben lassen mussten. Vor Ort angelangt, gibt es gleich in der ersten Nacht von Dorins Anwesenheit eine weiteres Opfer. Der ängstliche Hotelwirt (n.n.) insistiert, zumal in Anbetracht der zwei typischen Bisswunden am Hals der Toten, dass dahinter nur Vampire stecken können, die tagsüber in einer unterirdischen Grotte hausen sollen. Dorin hält das zunächst für abergläubisches Geschwätz, doch die alte Kräuterhexe Nani (n.n.) und eine Begegnung mit dem mysteriösen Professor von Adelsberg (Wolfgang Preiss), der auf einem nahegelegenen Schloss Experimente mit Blut veranstaltet, lassen ihn seine Meinung bald ändern…

Der Horrorfilm bildete im leinwandlich von „Opas Kino“ geprägten Wirtschaftswunder-Deutschland eine absolute Ausnahmeerscheinung, das Publikumsgros verlangte vielmehr zunächst nach Heimatfilmen, dann musikalischen Komödien und wurde hernach genrediätetisch mit Wallace-Krimis und den Karl-May-Filmen von Wendlandt und Brauner abgespeist. Natürlich gab es auch die im Nachhinein eher im apokryphen Sektor anzusiedelnden, mutigeren Filmemacher, die ihrem Metier mit klugen, ansprechenden Geschichten und stilistisch unkoventionellerem Eigensinn frönten. Waschechten Horrorfilmen aus deutschsprachiger Produktion jedoch blieben eben absoluter Exklusivitätsstatus vorbehalten. Neben Victor Trivas‘ absolut wunderbarem „Die Nackte und der Satan“ gab es noch Fritz Böttgers lustigen „Ein Toter hing im Netz“ und später dann Harald Reinls „Die Schlangengrube und das Pendel“. Dazwischen lag/liegt noch „Der Fluch der grünen Augen“, ein rares Quartett, womit der deutsche Gruselliebhaber sich dann binnen zehn Jahren auch zu bescheiden hatte.
Nach einem schillernden Vorleben unter anderem als Priester und Missionar in Indien landete der gebürtige Ungar Ákos (von) Ráthonyi beim Film, wo er in unterschiedlichen Funktionen zunächst in England, dann in Hollywood und schließlich wieder in Ungarn tätig wurde. Sein Freund Alexander Korda verschaffte ihm dann nach dem Krieg Zugang zum deutschen Film, wo er bis zu seinem Tod 1969 aktiv blieb, und, anders als man es von einem studierten Theologen erwarten mag, zunehmend und vornehmlich Unterhaltungs- sowie Sleazekino inszenierte. Eines der entsprechenden Exponate ist „Der Fluch der grünen Augen“, eine mit Kriminalfilm-Elementen „angereicherte“ Dracula-Variation, in der der in jener Ära omnipräsente Wolfgang Preiss den Obervampir gab und Adrian Hoven, in Ermangelung eines Van-Helsing-Pendants, eine Art Superpolizist, der seinen Widersacher am Ende mit überaus konventionellen Mitteln den Garaus macht. Dabei zieht Ráthonyi alle der wenigen, ihm obliegenden Formregister vom wabernden Vollmond über wehende Vorgänge bis hin zu expressionistischen Schattenspielen. Als wunderbare set pieces fungieren unter anderem eine Tropfsteinhöhle und ein angebliches Schloss, das von innen eher einem in rohen Fels gehauenen Verlies gleicht.
Rückblickend problematisch fällt indes der (einmal mehr) rassistische Einsatz von John Kitzmiller als von Adelsbergs farbiger Diener John aus. Wie üblich hat Kitzmiller (kurz darauf als Titelfigur in Géza von Radványis „Onkel Toms Hütte“-Adaption zu sehen) den radebrechenden, leicht dümmlichen Neger im schlecht sitzenden Livree zu geben, der aber natürlich herzensgut ist und dem Inspektor und seiner neuen Freundin (Erika Remberg) die Flanke hält. Immerhin setzt Ráthonyi eine schöne Szene hinzu, die verdeutlicht, dass die provinziell vorgeschädigten Dorfrednecks, allen voran ein tumber, tauber Grobian (n.n.) als weltverschlossene Rassisten noch weitaus tiefer in der menschlichen Hierarchie anzusiedeln sind. Nun muss man solcherlei Unbill verknusen können, wenn man sich mit betagteren Filmpreziosen wie dieser auseinandersetzen möchte – umso reicher wird man von all dem, was an diesem Film stimmt und ihn in seiner selbstbewussten, trivialen Gestaltung so liebenswert macht.

7/10

THE BARBARIANS

„Who you calling fatty, moosehead?“

The Barbarians (Die Barbaren) ~ I/USA 1987
Directed By: Ruggero Deodato

Die verwaisten Zwillinge Kutchek (Pasquale Bellazecca) und Gore (Luigi Bellazecca) haben es nicht leicht: Nachdem sie von dem reisenden Zirkusvölkchen der Ragnicks aufgenommen wurden, geraten sie kurz darauf in die Gewalt des bösen Despoten Kadar (Richard Lynch), als dieser die Ragnicks aufmischt und ihnen ihre Königin Canary (Virginia Bryant) raubt. Ferner interessiert Kadar sich für einen mächtigen, verschollenen Rubin, den die Ragnicks zuvor in ihrem Besitz hatten und der den Schlüssel zu ewiger Glückseligkeit beinhaltet. Zu muskulösen Recken herangereift, sollen Kutchek (Peter Paul) und Gore (David Paul) sich im Duell gegenseitig töten, erkennen sich jedoch wieder und suchen gemeinsam mit der Diebin Ismene (Eva LaRue) den Edelstein, um ihn den Ragnicks zurückzugeben.

Wie den meisten anderen italienischen Explotation-Regisseuren gelang es Ruggero Deodato in den achtziger Jahren, mit US-Darstellern aus der zweiten und dritten Reihe zu arbeiten und, im Falle von „The Barbarians“ sogar eine Kollaboration mit Cannon Films aus der Taufe zu heben, nachdem er den zunächst designierten Regisseur des Films, den Serben Slobodan Šijan, abgelöst hatte.
1987 war die Zeit der John Milius‘ „Conan The Barbarian“ referenzierenden Italo-Barbaren-Plagiate, in denen oftmals Pietro Torrisi alias Peter McCoy zu sehen gewesen war, eigentlich längst abgelaufen und anderweitige Hollywood-Erfolge zum Beräubern auserkoren. „The Barbarians“ fällt also etwas aus dem periodischen Rahmen, begegnet seiner Exotik jedoch mit einem ganz einfachen Rezept: Humor. Anstatt sich abermals an einer düster-archaischen Blutoper zu versuchen, erkannte Deodato das komische Potenzial der beiden Bodybuilder-Zwillinge Peter und David Paul und ließ sie als herzensgute, bärenstarke aber eben auch ziemlich tumbe Gesellen durch seinen gut aufgelegten Film stolpern. Die zwei beiden sind dann auch eine echte Schau: Mittels gutturaler offenbar noch aus frühester Kindheit herrührender Grunzlaute (von Baby-Zwillingen weiß man, dass sie sich in den ersten Lebensmonaten zuweilen tatsächlich einer eigene, sprachähnlichen Kommunikation befleißigen), imaginärer Rasierklingen unter den Achseln und silberrückenähnlicher Körperhaltung kloppen die beiden steroidgestählten Klöpse durch dieses wilde Märchen, das nicht allein von Deodatos Könnerschaft profitiert. Tatsächlich scheinen sich sämtliche Beteiligten mehr oder weniger stillschweigend darin einig gewesen zu sein, gute Miene zum komischen Spiel und aus „The Barbarians“ eine anarchische Parodie zu machen, die nur bedingt einem inhaltlichen roten Faden folgt, in der aber grundsätzlich alles möglich ist. Das hat zur Folge, dass der Film oft über Gebühr albern und dabei möglicherweise nicht immer freiwillig komisch ist sowie vermutlich das Gros seiner Laufzeit über die allermeisten Zuschauer zwischen staunendem bis ungläubigen Kopfschütteln changieren lässt, macht ihn aber gleichermaßen zu so ehrlichem wie einzigartigen Handwerk, liebenswert in seiner pappmachéigen Herzensgüte und entrückten, infantilen Fabulierfreude.

6/10

MR. SARDONICUS

„I’m not a man who’s affectionate in the morning hours.“

Mr. Sardonicus (Der unheimliche Mr. Sardonicus) ~ USA 1961
Directed By: William Castle

London, 1880. Der renommierte Arzt Sir Robert Cargrave (Ronald Lewis) erhält einen Brief seiner früheren Geliebten Maude (Audrey Dalton), die mittlerweile verheiratet ist und im fernen Rumänien lebt. Darin bittet sie Robert, möglichst bald zu ihr zu reisen. Robert tut umgehend, wie ihm geheißen und trifft vor Ort auf Maudes Gatten, den mysteriösen Baron Sardonicus (Guy Rolfe). Dieser trägt eine Wachsmaske, weil sein Gesicht schwer entstellt ist und pflegt, wie Robert bald feststellt, mithilfe seines ihm treu ergebenen Faktotums Krull (Oskar Homolka) auch sonst höchst sonderbare Praktiken. So werden dem Hausmädchen (Lorna Hanson) allenthalben zu Sanktionszwecken Blutegel angesetzt oder hübsche junge Damen gegen Entgelt auf das Schloss des Barons eingeladen, um unter Todesängsten und Geschrei dessen Fratze präsentiert zu bekommen. Als Roberts homöopathische Heilmethode beim Baron keinen Erfolg zeigt, droht jener, Maude zu seinem grausligen Ebenbild zu machen, wenn Robert nicht eine neue, wesentlich risikoreichere Kur bei ihm probiere…

In „Mr. Sardonicus“, Castles bereits sechstem Horrorthriller binnen drei Jahren, geht der godfather of gimmicks mit willfähriger Unterstützung seines erstmals für ihn schreibenden Autoren Ray Russell (dessen ganz spezielles Steckenpferd physisch und/oder psychisch entstellte Wahnsinnige auf dem Weg ins Verderben bildeten) abermals in die campigen Vollen. Castles besondere Überraschung fürs Kinopublikum bestand diesmal darin, selbiges eine beim Einlass erhaltene Karte („punishment poll“) nutzen zu lassen, die dann kurz vorm Finale benutzt werden sollte, um über das Schicksal des Barons Sardonicus entscheiden zu lassen. Die beiden Alternativen standen dabei ganz in der Tradition antiker römischer Zirkusspiele und bestanden aus „thumb up“ für die Rettung des Barons und „thumb down“ für dessen Bestrafung. Castle, der bereits zu Beginn (auch das kennt man von ihm) höchstpersönlich ein etwas wirres Entrée liefert, in dem er etwas von leichenfleddernden Ghouls erzählt, erscheint also kurz vorm Showdown nochmals auf der Leinwand, um die Publikumsabstimmung anzuleiten. Natürlich fällt diese – a priori alternativlos – zu Ungunsten des Barons aus.
Abseits von diesem lustigen Varietéspaß erweist sich „Mr. Sardonicus“ als ein Konglomerat diverser klassischer respektive viktorianischer Schauermotive. Allen voran wäre das gewiss Bram Stokers „Dracula“, dessen Reise Jonathan Harkers zu einem diabolischen transsylvanischen Gastgeber auch hier die narrative Ausgangslage bildet. Doch auch Victor Hugos, dessen entstellter Protagonist Gwynplaine aus „L’Homme Qui Rit“ sich zumindest physiognomisch in der Person des Barons widerspiegelt und gewiss der Marquis De Sade bilden mehr oder minder eindeutige Vorbilder für den Titelcharakter. Obgleich dieser, wie sich herausstellen wird, eine halbwegs tragische origin vorweisen kann, die auf die monetäre Gier seiner unentwegt nörgelnden, ersten Ehefrau (Erika Peters) zurückzuführen ist und in der Folge zum Opfer seiner eigenen Psychopathologie wurde, gönnt man ihm sein abschließendes, stummes Schicksal. Er ist nämlich, das lernt der Rezipient mit einiger, konsequenter Gewissheit, im Laufe der Jahre zu einem dermaßenen Hundsfott avanciert, dass selbst die via Schocktherapie forcierte Begradigung seiner Gesichtsmuskulatur keinen Philanthropen mehr aus ihm machen wird. Ein paar erzählerische Unsinnigkeiten, nachlässige Charakterzeichnung (vor allem in Bezug auf die Person des einäugigen Hausdieners) sieht man dem Film gutherzig nach – denn man befindet sich ja bei Castle und der legte es bekanntermaßen selten darauf an, mit intellektueller Perfektion oder gar eherner Logik zu glänzen, sondern hatte ganz anders gelagerte Intentionen auf seiner künstlerischen Agenda.

7/10

SAFARI

„Memsahib be careful! Bwana no longer dumbhead!“

Safari (König der Safari) ~ UK/USA 1956
Directed By: Terence Young

Kenia, während der Mau-Mau-Aufstände: Der landeskundige Amerikaner Ken Duffield (Victor Mature) leitet trotz der Unruhen weiterhin Safaris für reiche Weiße. Während einer seiner Touren ins Landesinnere wird Duffields Farm überfallen. Sein Hausangestellter Jeroge (Earl Cameron) entpuppt sich als Mau-Mau-Offizier und ermordet kaltblütig Duffields kleinen Sohn Kenny (Christopher Warbey). Als Duffield davon erfährt, schwört er blutige Rache an Jeroge, wird jedoch von der Polizei in seinem aufgebrachten Tatendurst gebremst. Da kommt ihm der Zufall zuhilfe: Der reiche Engländer Sir Vincent Brampton (Roland Culver) will Duffield unbedingt als Führer für eine Löwenjagd, was diesem wiederum die Chance eröffnet, näher an den sich versteckenden Jeroge heranzukommen. Begleitet wird Brampton von seinem Faktotum Sinden (John Justin) und seiner Verlobten, dem Showgirl Linda (Janet Leigh), die bald ein Auge auf Duffield wirft…

66 Jahre nach seiner Entstehung lässt sich Terence Youngs „Safari“ nurmehr als einen Film „mit G’schmäckle“ konsumieren. Gewiss, er verfügt über all die Attribute, die man am klassischen Abenteuerkino so sehr schätzt: Zwei liebenswerte Hollywood-Stars in Hochform, ausladende, bunte CinemaScope-Bilder, schickes on-location-shooting nebst allerlei exotischem Wildgetier, wilde Romantik, sorglosen Umgang mit Alkohol und einen stark angefilzten Humor. Gleich die Anfangssequenz weist jedoch die ideologische Richtung des Films: Ein prächtiger Elefantenbulle wird per Kopfschuss erlegt. Kolonialistische Arroganz und Sorglosigkeit setzen sich dann stetig fort, sei es im Transport der stereotypen Rollenbilder oder im nicht minder latenten Rassismus. Janet Leigh verfällt als dralles, amerikanisches Blondchen natürlich umgehend dem kernigen Testosteroncharme Victor Matures (in den Fünfzigern mehrfach unter Young im Einsatz), der wiederum als Amerikaner vor Ort eine heroisch-imperialistische Exklusivposition einnimmt. Die beiden beteiligten Briten sind ein dekadenter, eitler Fatzke (Culver), der der Ortsfremdheit insgeheim mit unmäßigem Pillenkonsum beizukommen versucht und sein unterfuchtelter, duckmäuseriger Adlatus (Justin), dem es zum Glück mit Duffields Hilfe gelingt, sich mehr und mehr zu emanzipieren. Dem stets gern gesehenen John Justin ist es dann auch vergönnt, den interessantesten Charakter des Films darzubieten. Die Eingeborenen derweil sind wahlweise, im sympathischen Falle, lustige, laute, herzensgute Gesellen, die gern singen, Musik machen, ihre Unbildung zur Schau stellen und den Weißen den Arsch nachtragen, oder, in der Rolle als antiimperialistische Rebellen, blutrünstige Kindermörder und Fanatiker, die berechtigterweise in hoher Quantität als Kanonenfutter enden dürfen. Dazu gibt es als comic relief den debil lachenden, sansibarischen Knaben Odongo (Juma), der am Ende immerhin den Tag retten darf. Käme noch ein schlecht als Gorilla kostümierter Statist vor, könnte man „Safari“ als Exploiter insgesamt weniger ernst nehmen, so jedoch muss er sich als formal patent gestaltete, gelackte A-Produktion die gewiss nicht allein revisionistisch zu formulierende Kritik gefallen lassen, ein unangenehm tradiertes Weltbild zu transportieren.
Dennoch muss ichletzten Endes zugeben, mich aufgrund eingangs genannter Attribute trotz aller Unbill nett unterhalten zu haben. Gut, dass man das Ding heuer wohlwollend als gesinnungsbezogen unseriöses Zeitdokument ablegen kann.

6/10

HIGH SCHOOL CONFIDENTIAL!

„Tomorrow is a king-sized drag.“

High School Confidential! (Mit Siebzehn am Abgrund) ~ USA 1958
Directed By: Jack Arnold

Tony Baker (Russ Tamblyn) ist der Neue an der städtischen High School und er macht sogleich keinen Hehl daraus, was für ein Zahn er ist: Der Obermotz will er werden, der heißeste Typ der Schule und vor allem neuer Chef der hiesigen Gang „Wheelers & Dealers“, die mit allerlei krummen Aktionen wie etwa Drogenhandel ihr Taschengeld aufbessert. Tony kennt sich aus in der Szene. Wenn von „Gesundheitstee“, „Mary Jane“, einer „Fahrt ins Grüne“ oder „Erfischungsstäbchen“ die Rede ist, dann weiß er als Insider genau, wovon er spricht. Tatsächlich gelingt es Tony, der bei seiner ebenso üppig ausgestatteten wie nymphomanen Cousine Gwen (Mamie Van Doren) eingezogen ist, bald, Fuß in der Szene zu fassen. Er macht sich bei den Lehrern der Schule unmöglich und gewinnt damit den Respekt der anderen Kids, arrangiert sich mit seinem „Vorgänger“ J.I. (John Drew Barrymore), bendelt mit der marihuanasüchtigen Joan (Diane Jergens) an und knüpft bald Kontakt zum heimlichen Oberdealer Mr. A (Jackie Coogan) und dessen florierendem Heroingeschäft. Dass Tony in Wahrheit der Undercover-Cop Mike Wilson ist, ahnt zu diesem Zeitpunkt noch niemand…

Beware the Reckless Youth! Noch vor seinem letzten phantastischen Universal-Film „Monster On The Campus“ inszenierte Akkordfilmer Jack Arnold dieses weniger bekannte Kleinod für Albert Zugsmith und die MGM. Darin greift er mit Unterstützung einer exemplarischen Besetzung den in jenen Tagen vor allem dem B-Film vorbehaltenen Themenkomplex der lotterlebigen juvenile delinquents auf, der zuvor vor allem von den notorischen Klassikern des Subgenres wie „Rebel Without A Cause“ oder „The Blackboard Jungle“ aus der Kinotaufe gehoben und bravourös kultiviert worden war. Jenes Filmsegment, zu dem entsprechend seiner Topoi unweigerlich auch der Schau- bzw. Kampfplatz „High School“ obligatorisch zählte, bot sich an, um einerseits die Kids in den Drive-In-Kinos jubeln und knutschen zu lassen und andererseits die Elterngeneration darüber aufzuklären, wie weit es mit ihren suf das Furchtbarste gefährdeten Sprösslingen bereits gekommen war. Dieser Zielpublikums-Maxime entsprechend bedient „High Schoolm Confidential!“ jeden einzelnen erforderlichen Stereotypen mit laut kolportierender Grandezza. Wir erleben sie alle: das noch nicht zur Gänze verlorene, Marihuana-Zigaretten rauchende Mädchen (Sterling) aus bourgeoisem Hause nebst ihrem verblendeten, gleichgültigen Vater (James Todd), den greisen, überforderten Schulrektor, die erziehungsberechtigte Sexbombe ohne Übersicht (Van Doren), den Schuldealer (Barrymore), den Möchtegern-Mitläufer (Michael Landon), den diffusen Boss (Coogan) und sogar die Vertreter der existenzialistischen Gegenkultur (u.a. Philippa Fallon), die moralisch entrückten Vorboten von sozialer Zersetzung und Gammlertum! Jerry Lee Lewis kommt persönlich mitsamt Piano vorbei, um das Titelstück zu schmettern und Russ Tamblyn überrascht im weiteren Verlauf als unvermuteter verdeckter Ermittler, der das ganze Wespennest von innen aushebt.
Es muss kaum extra erwähnt werden, dass ein schmissiges Camp-Spektakel das wohlschmeckende Resultat aus all dieser biederen Kleingeistigkeit ist, die die porträtierten Rauschmittel kaum besser denn vom Hörensagen kennt und in all den Klischees badet, denen man sechzig Jahre später nurmehr mit herzhaftem Gelächter zu begegnen angetan ist. Unbedingt hörenswert auch die (authentische) deutsche Kino-Synchronisation, die mit den Starsprechern der damaligen Zeit aufwartet und verkrampft versucht, alles Mögliche zu teutonisieren, um das Dargestellte mit bundesdeutschen Verhältnissen zu analogisieren. Da wird aus Tony Baker ein „Tony Becker“ und aus „Mr. A“ – natürlich – ein „Herr X“. Wirklich formidabelst, das alles.

7/10

VIVRE POUR SURVIVRE

Zitat entfällt.

Vivre Pour Survivre (White Fire – Der Todesdiamant) ~ F/TR/UK 1984
Directed By: Jean-Marie Pallardy

Nachdem Bo (Robert Ginty) und Ingrid Donnelly (Belinda Mayne) als kleine Kinder den gewaltsamen Tod ihrer Eltern mit ansehen müssen, nimmt sie der Partisan Sam (Jess Hahn) unter seine wohlmeinenden Fittiche. Zwanzig Jahre später arbeiten sie noch immer für ihren liebevollen Ersatzvater und stehlen in der Gegend um Istanbul vornehmlich Diamanten aus der Mine des skrupellosen Olaf (Gordon Mitchell), mit dem im Entdeckungsfalle wenig gut Kirschen essen ist und der ein schmieriges Auge auf Ingrid geworfen hat. Doch auch das italienische Ganovenpaar Sophia (Mirella Banti) und Barbossa (Benito Stefanelli) interessiert sich übermäßig für die Klunkern und wird daher zu erbitterten Rivalen der Geschwister. Einer von Olafs Arbeitern findet derweil in einer freigelegten Höhle den legendären „White Fire“, einen riesigen, lumineszierenden Diamanten, von dem allerdings auch eine tödliche Strahlung ausgeht und hinter dem urplötzlich alle her sind.
Als Ingrid von den Italienern im Zuge einer Racheaktion umgebracht wird, ist Bo am Boden zerstört. Bei der Ex-Prostituierten (?) Olga (Diana Goodman) findet er dann vorübergehenden Trost. Dem alten Sam fällt prompt die verblüffende Ähnlichkeit Olgas mit Ingrid auf und er entwickelt die grandiose Idee, Olga von einer mysteriösen, lesbischen (?) Chirurgin (n.n.) endgültig in Ingrids Ebenbild verwandeln zu lassen, wozu Olga denn auch prompt bereit ist, denn sie hat sich längst unsterblich in Bo verliebt. Dummerweise ist ihr zugleich ihr früherer Arbeitgeber Noah Barclay (Fred Williamson) mit seinen Vasallen auf den Fersen und bildet eine vierte Interessenspartei. Olga nimmt derweil Ingrids Identität (Belinda Mayne) an und verwirrt alle, die glaubten, sie sei tot. Im Abbaugebiet von Olaf kommt es schließlich zur finalen Schlacht um den White Fire und auch um Olga/Ingrid II.

„Vivre Pour Survivre“ ist ein schier unglaubliches, unikales, apokryphes Stück Film aus den seligen Achtzigern, dessen Wiederentdeckung (und, was noch schöner wäre, qualitativ adäquate Digitalisierung) einer Menge geneigter Cinephiler ganz gewiss große Freude bereitete. Bei der Betrachtung dieses völlig wahnwitzigen Stücks exaltierter Loslösung von allem Räsonablen musste ich mich jedenfalls permanent der sicheren Bodenhaftung versichern, so gänzlich abgefuckt ist diese Preziose. Bereits die oben abgerissene Synopse sollte einen kleinen Eindruck dessen vermitteln, was der vormalige Pornofilmer und Ex-Dressman Jean-Marie Pallardy, mutmaßlich entweder komplett vom wilden Affen gebissen oder ein heimliches Genie, da in geistiger Alleinarbeit vom Stapel gelassen hat. Mit offenbar vornehmlich türkischer Finanzierung drehte Pallardy seinen enzigartigen Exploiter am und um den Bosporus, wofür die ständige, penible Abfilmung der Hagia Sophia ebenso garantiert wie die Besetzung ausnahmslos sämtlicher bit parts mit schnauzbärtigen Repräsentanten der lokalen Laiendarstellergewerkschaft. Dazwischen tummeln sich der ebenso unablässig wie meist unpassend eingespielte „Titelsong“, Robert Ginty, der sich zu jener Zeit ja immer mal wieder Gast im internationalen Filmgeschäft blicken ließ, (der wie immer bestens aufgelegte) Fred „The Hammer“ Williamson, bis heute ebenfalls cineastischer Kosmopolit, der bereits über sechzigjährige Gordon Mitchell und die wohlgeformte, den schattigeren Seiten des Kinos ebenfalls stets zugeneigte Londonerin Belinda Mayne.
Nicht nur dieser illustren Besetzung wegen ist „Vivre Pour Survivre“ allerdings eine Schau; es gibt wohltemperierte, splattrige Gewaltspitzen, so unter anderem eine bereits legendäre Szene gleich im ersten Viertel, in der die wehrhaften Geschwister ihren Widersachern mit Kettensäge und Enterhaken zu Leibe rücken, Belinda Mayne bekam eine ausgiebige Nacktszene am Swimming-Pool und Olaf (Mitchell) nebst seinen henchmen erhielten ihre lustig ausschauenden Kostüme fraglos allesamt aus dem Verbleibsfundus deine der diversen italienischen „Star-Wars“-Rip-Offs.
Doch markiert all das noch nichteinmal der Gipfel der bereitwillig-ostentativ ausgestellten Absurdität; Pallardy entblödet sich nicht, eine unverhohlene Inzestromanze als emotionalen Hauptmotivator für den Aktionismus seines Protagonisten zu installieren. Daraus, dass Bo Donnelly seine Schwester weit über die familiäre Verbindung hinaus „werschätzt“, stellen sich spätestens angesichts o.a. Pool-Sequenz (Zitat Bos angesichts der von ihm geifernd bewunderten, entkleideten Figur Ingrids: „Warum musst du bloß meine Schwester sein?“) keinerlei Zweifel mehr ein und auch die bei „Vertigo“ entlehnte, morbide Ummodelung der später kennengelernten Olga, die sich willfährig in Ingrids Ebenbild verwandeln lässt und die darüberhinaus keinerlei Besorgnis hegt angesichts der Tatsache, dass Bo sie hernach noch viel geiler findet als vorher (was Pallardy wiederum ganz unumwunden darstellt) trägt dieser wenig subtil veräußerten Form der Paraphilie mehr denn hinreichend Rechnung. Die Einpflegung von Williamsons Figur in den ohnehin wirren Plot ist derweil ganz offensichtlich der bloßen Tatsache geschuldet, dass der Akteur eben just zur Verfügung stand und unter Vertrag genommen werden konnte.
Ein abschließendes Wort noch zur deutschen Veröffentlichungsphilologie: Das originär veröffentliche Videotape (Constantin) mit Münchener Synchronisation ist um satte 14 Minuten gekürzt. Zwei Jahre später erschien in der Schweiz (bzw. in Österreich, je nach Quelleninformation) eine ungekürzte Cassette mit Hamburger Synchronisation. Dieser Fassung ist ganz ohne Frage der Vorzug zu geben, denn jedes zusätzliche Frame Wahnsinn dieses Ausnahmewerks macht es nur umso kostbarer.

6/10

UNTAMED

„Why not Australia or America? Why South Africa?“

Untamed (Die Unzähmbaren) ~ USA 1955
Directed By: Henry King

Kapstadt, 1847: Im Zuge der großen Hungersnot in Irland migriert die Jungfamilie Kildare, Katie (Susan Hayward), Shawn (John Justin) und Söhnchen Terence, nach Südafrika, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Dabei hat Katie eine geheime, zusätzliche Motivation für die Einreise: Sie hofft, den Afrikaaner Paul Van Riebeck (Tyrone Power) wiederzusehen, mit dem sie einst bei dessen Besuch in Irland ein heftiges Techtelmechtel hatte. Die Kildares schließen sich einem Siedlertreck ins Landesinnere an und geraten mitten in einen Zulu-Aufstand. Shawn wird dabei getötet, während Paul und seine Rebellenmiliz den Eingeschlossenen zur Hilfe eilen. Die Liebe zwischen Katie und Paul entflammt aufs Neue, ganz zum Leidwesen des Treckvorreiters Kurt Hout (Richard Egan), eines Freundes von Paul, der selbst ein Auge auf Katie geworfen hat. Ein Peitschenduell entscheidet Paul für sich und gründet mit Katie eine Farm, nur um sie, in Unkenntnis ihrer zweiten Schwangerschaft, einige Wochen später wieder zu verlassen und zu seiner Truppe zurückzukehren. Auf die enttäuschte Katie warten Jahre der Entbehrung und des Glücksritterinnentums, das sie kurzweilig sogar zu einer reichen Frau werden lässt. Schließlich doch wieder verarmt, trifft Katie ein letztes Mal auf den nach wie vor gekränkten Kurt, der mittlerweile zum kriminellen Despoten geworden ist und wird von dem herbeieilenden Paul gerettet. Diesmal bleibt er bei seiner Familie.

Neben Gregory Peck war Tyrone Power der bevorzugte leading man des über 47 Jahre in Hollywood tätigen Regieprofis Henry King. Diverse Abenteuerfilme und Dramen realisierte das Duo zusammen, einer davon der eher auf dem Abstellgleis des cineastischen Kollektivgedächtnisses befindliche „Untamed“. Dieser bildete nach der Hemingway-Adaption „The Snows Of Kilimanjaro“ einen weiteren inszenatorischen Ausflug Kings auf den Schwarzen Kontinent und nach „King Of The Khyber Rifles“ seine zweite Arbeit im von seinem Hausstudio Fox frisch lancierten CinemaScope-Format. Entsprechend ausladend gestalten sich die Bildkompositionen, denen die jüngste Restauration nochmals sichtbar Ehre macht. Doch hat „Untamed“, abgesehen von seiner geringfügig betagt wirkenden Romantikerzählung, deren ausladende und überaus wendungsreiche Gestaltung ein wenig an die ebenfalls von historischen Schicksalsschlägen heimgesuchte On/Off-Beziehung von Scarlett O’Hara und Rhett Butler erinnert, seine kleinen Schwächen. Sei es der zwar aufwändig, aber wenig glaubhaft oder gar packend choreographierte Kampf gegen die Zulu (King war, das veranschaulicht er hier nur zu deutlich, alles, bloß kein Actionregisseur), sei es das zickige Kleinmädchengehabe von Haywards (an diverse Maureen O’Hara-Rollen erinnernde) Figur, die sich eine Menge Unbill durch einen kühleren Kopf ersparen könnte und daher nicht eben sympathisch anmutet oder einflach bloß das große Hauptproblem des gesamten Films: Der Schauplatz Südafrika trägt darin lediglich der Romanvorlage Rechnung, ansonsten ist „Untamed“ ein luprenreiner frontier western, der in etlichen kleinen und großen Details an diverse Beiträge zu jenem Genre gemahnt. Man könnte die meisten Einstellungen, ja, ganze Sequenzen, in denen nicht gerade typisch afrikanische Klischeerequisiten oder afrikanische Ureinwohner zu sehen sind, unverändert aus dem Kontext ziehen und sie als Fragmente eines x-beliebigen Siedlerwestern veräußern. Damit zählt „Untamed“ wohl zu den „unafrikanischsten“ Filmen aller Filme über Afrika, die ich kenne. Als etwas überteuertes, vergessenes Camp-Kleinod indes, etwas, was man mit diesem Regisseur a priori keinesfalls zu assoziieren geneigt wäre, lässt sich „Untamed“ aber noch recht unkompliziert goutieren.

6/10