FANGO BOLLENTE

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Fango Bollente (Die grausamen Drei) ~ I 1975
Directed By: Vittorio Salerno

Dem in einem Wissenschaftszentrum bei Turin angestellten Ovidio Mainardi (Joe Dallsandro) reißt eines Tages eine für das friedvolle soziale Miteinander unabdingbare Sicherung und er beginnt mit seinen zwei Kollegen Giacomo (Gianfranco De Grassi) und Peppe (Guido De Carli), seine tiefschlummernden Aggressionen rücksichtslos auszuleben. Nachdem das Trio eine Massenschlägerei im örtlichen Fußballstadion initiiert, kommt es erst recht auf den Geschmack: Mord und Vergewaltigung werden zur liebsten Freizeitbeschäftigung der grausamen Drei…

Was, wenn das Über-Ich plötzlich seinen Dienst versagt und das Es im dichten Gefolge Libido und Thanatos die Herrschaft ergreift? Auftritt Joe Dallesandro, dem man seinen sukzessiven, mit seelenruhigem Gestus präservierten Amoklauf sowie seine höchst spezifische Auslegung des ohnehin diskutierbedürftigen Gesellschaftsmodells „Anarchie“ nur allzu gern abkauft. Niemand konnte so eiskalt lächeln, bitterböse agieren und dabei so gut aussehen wie er, was Dallesandro im italienischen Genrekino jener Tage ja gleich mehrfach eindrucksvoll unter Beweis stellen konnte. In „Fango Bollente“ allerdings kultivierte er jenes persönliche Spezialfach zu schweißtreibender Perfektion. Gemeinsam mit zwei nicht minder kurzluntig bestückten Adlati verabreicht er dem jüngst wieder in so traurige Mode gekommenen Terminus des „Wutbürgers“ eine gänzlich authentische Inkarnation, wenn er seinem ihm offenbar persönlichkeitsstrukturell innewohnenden Habitus des Sadisten freien Lauf lässt und in der Folge jedem einzelnen Provokateur seines Alltagsumfelds umgehend die wortwörtliche Rote Karte zeigt. Seien es ein frecher LKW-Fahrer, eine Hure und ihr messerschwingender Zuhälter, ein Taxi-Chauffeur, zwei Society-Schnepfen, ein Verkehrspolizist oder gar die eigene Gattin: Vor Ovidio Mainardi und seinen beiden Erfüllungsgehilfen ist fortan niemand mehr sicher.
Natürlich gibt es ein bereits dramaturgisch unabdingbares Gegenwicht in der Person des klugen, jedoch ebenfalls zur situativbedingten Aggression neigenden Polizisten Santagà (Enrico Maria Salerno), der hinter Mainardis stoisch-unterkühlter Fassade schon früh eine unheimliche Diabolik wittert und sich nach und nach an dessen Fersen haftet.
Salernos kleines Meisterwerk „Fango Bollente“ markiert eine innerhalb der Grenzen des Poliziottesco eher ungewöhnlich sozialkritische Studie, die von der Explosivität urbaner Einpferchung berichtet und zu dem ebenso erschreckenden wie einleuchtend-nüchternen Schluss kommt, dass eine wachsende Menschenansammlung einzelne Miglieder zwangsläufig über den schmalen Grat der Sozialräson stolpern lässt, je dichter sie nur besiedelt ist (parallel zu Mainardis kleinem Ad-Hoc-Experiment mit weißen Ratten zu Beginn der Geschichte).
Ein wenig erinnern der Film und seine beiden Antagonisten an Lenzis ein Jahr zuvor entstandenen  „Milano Odia: La Polizia Non Può Sparare“, in dem sich Henry Silva und Tomas Milian in analoger Konstellation gegenüber standen. Und auch, wenn Salerno diesen Vergleich nach eigenem Bekunden überhaupt nicht mochte (wer könnte es ihm verdenken?), kann „Fango Bollente“ zumindest eine prinzipielle Beeinflussung durch Kubricks Burgess-Adaption „A Clockwork Orange“ nicht fortleugnen, obschon sich im vorliegenden Falle kein dystopisches, sondern ein fatalistisches (wenngleich weithin entpolitisiertes) Gegenwartsbild der blutigen, italienischen anni di piombo gezeichnet findet.

8/10

NO IL CASO È FELICEMENTE RISOLTO

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No Il Caso È Felicemente Risolto (Betrachten wir die Angelegenheit als abgeschlossen) ~ I 1973
Directed By: Vittorio Salerno

Während eines Angelausflugs vor Rom erlebt der kleine Angestellte und Familienvater Fabio Santamaria (Enzo Ceruscio) zu seinem Entsetzen einen gräulichen Mord mit: Ein älterer Mann verfolgt eine halb entkleidete, um Hilfe schreiende Frau durch das Schilf. Mit einer Eisenstange schlägt er immer wieder auf sie ein, bis sie schließlich tot zusammenbricht. Verstört entflieht Fabio, den der Mörder zuvor noch entdeckt, der Szenerie mit seinem Wagen, irrt durch die Provinz, und findet angesichts seiner ungeordneten Gedanken nicht den Weg zu einem Polizeirevier. Stattdessen dreht der Verbrecher, ein Eliteschullehrer namens Eduardo Ranieri (Riccardo Cucciolla), den Spieß um und hängt den – wie sich herausstellt – Prostituiertenmord dem ihm unbekannten Fabio an. Als dieser erkennt, in welcher Situation er sich nunmehr befindet, treibt ihn die Angst vor Entdeckung in typische Täter-Verhaltensschemata, die ihn sukzessive immer verdächtiger werden lassen, obschon er doch eigentlich unschuldig ist.

„Das habe ich getan, sagt mein Gedächtnis. Das kann ich nicht getan haben, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich“, heißt es in Nietzsches „Jenseits von Gut und Böse“. Ebenso geht es Professor Ranieri, der die Fortsetzung jenes Aphorismus‘, „endlich gibt das Gedächtnis nach“, jedoch nur unzureichend bedient. Er stellt sich seiner Schuld, wie es nur ein feiger Intellektueller vermag, der es vorzieht, seine Überhand nehmenden Abgründe soweit zu abstrahieren, dass er die gesetzliche kurzerhand durch eine persönliche Gewissensstrafe substituiert. In dem Katz-und-Maus-Spiel, das Ranieri ganz bewusst initiiert, als er den einzigen Zeugen seiner Tat identifiziert hat und um dessen Passivität weiß, ist Sanatamaria von Anfang an hoffnungslos unterlegen. Zwar gelingt es auch ihm, Ranieri durch diverse Zufälle auf die Spur zu kommen und ihn zu stellen, doch er ist der durchtriebenen Cleverness des sinistren Gegners zu keiner Sekunde gewachsen. Stattdessen geht Ranieris sorgfältiger Plan auf: Nach dem Gespräch mit seinem Pfarrer (Umberto Raho), der ihm eindringlich ins Gewissen redet, ist Fabio endlich bereit, zur Polizei zu gehen und die Wahrheit vorzubringen. Doch diese hat zu jenem Zeitpunkt längst den Platz mit der Lüge getauscht; Ranieris Version gilt als hieb- und stichfest, Fabios vorherige Bemühungen, sich „unsichtbar“ zu machen werden ihm folgerichtig als Vertuschungsversuche ausgelegt. Und ausgerechnet der kluge Redakteur Giannoli (Enrico Maria Salerno), der einzige Mensch, der tatsächlich Ranieri für den Täter hält, vermittelt Fabio durch die Veröffentlichung eines einfältigen Artikels zusätzlich ein falsches Sicherheitsgefühl. Am Ende wird Fabio unschuldig zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, sämtliche Indizien sprechen gegen ihn. Der einzige Hoffnungsschimmer besteht darin, dass Ranieri in dem Journalisten Giannoli einen Intimfeind hat, der ihn von nun an nicht mehr aus den Augen lassen wird – und eines Tages vielleicht einen Unschuldserweis zugunsten Fabios beibringen kann. Doch diese Hoffnung überlässt Salerno dem Publikum.
„No Il Caso È Felicemente Risolto“ ist ein bedeutsamer, vielschichtiger Kriminalfilm innerhalb des italienischen Kinos. Ohne über größere Stars verfügen zu können und insbesondere für ein Regiedebüt ist er tadellos gefertigt, wenngleich hier und da geringfügige Kürzungen einzelner Abschnitte nicht geschadet hätten. Der Topos des unschuldig in eine Verbrechensaffäre verwickelten und selbst verdächtigten Kleinbürgers ist klassisches Hitchcock-Terrain, man denke besonders an „The Wrong Man“, in dem die Justiz ebenfalls auf nur einem Auge sieht und dadurch die Existenz zweier Ehepartner zertrümmert. Salerno geht allerdings noch einen Schritt weiter: Bei ihm wird die Krimigeschichte zu einem Abbild des Klassenkampfes und der politischen Situation seines Landes. Der kultivierte Bildungsbürger ist zwar ein triebgesteuertes Monster und moralisch einwandfrei schuldig; im Gegensatz zu seinem Opponenten verfügt er jedoch über genau jene aktivistische Triebfeder, die es den Mächtigen schon immer erlaubten, die Unteren zu knechten. Auch Fabio Santamaria macht sich nämlich schuldig. Schuldig der Passivität, der Faulheit, der Angst, der Gleichförmigkeit. Ein rechtzeitiges, korrektes Handeln hätte ihm möglicherweise den Hals gerettet. So ist Salernos Film unter seiner Oberfläche höchst politisch konnotiert und gleichermaßen ein stiller Aufruf an das Proletariat: Denke, erhebe dich, sei wachsam und lass dich nicht zur Marionette der Oberklasse machen!

8/10

BISTURI, LA MAFIA BIANCA

Zitat entfällt.

Bisturi, La Mafia Bianca (Die weiße Mafia) ~ I 1973
Directed By: Luigi Zampa

Professore Daniele Vallotti (Gabriele Ferzetti) genießt als „Gott in weiß“ eine außerordentliche Reputation. Als Leiter einer Privatklinik mit diversen, exklusiven Patientinnen und Patienten, die sich von ihm ihre mitunter sehr hochtrabenden Wehwehchen behandeln lassen, lässt er es sich nicht nehmen, nebenbei auch mittellosen Arbeitern zu helfen, was seinem Ruf wiederum alles andere als abträglich ist.
Tatsächlich jedoch ist Vallotti nichts weiter als ein Repräsentant der katastrophalen Gesundheitssituation in Italien: Während er selbst sich und seinem Sohn ein Leben in höchstem Luxus finanzieren kann, fallen diverse Schweienereien, die in seinem Hause an der Tagesordnung sind, unter den Tisch: Dem Tode nahe Patienten werden kurzfristig medikamentös aufgepäppelt und entlassen, damit sie nicht innerhalb der Klinik sterben, zwielichtige Präparate mit bekannten Nebenwirkungen allein der hohen Dotierung durch die Pharamaunternehmen wegen eingesetzt. Buchhalter und Laboranten werden bestochen und andauernde Kunstfehler führen zu tragischen, eigentlich vermeidbaren Todesfällen. Allein Vallottis Kollege Giordani (Enrico Maria Salerno) und die Krankenschwester Maria (Senta Berger) wagen sich, gegen den Partriarchen im weißen Kittel zu erheben, doch auch sie bekommen bald Vallottis Skrupellosigkeit zu spüren. Dennoch neigt sich dessen Despotismus dem Ende entgegen – aus ganz natürlichen Gründen…

Dem Regieroutinier Luigi Zampa ist mit „Bisturi, La Mafia Blanca“ noch ein später Höhepunkt gelungen, der ganz besonders durch ein hervorragend ausgewogenes Script besticht und durch die penible Observierung seines Sujets stark an die Nieren geht. Das staatliche Sozialsystem befindet sich zu Entstehungszeiten des Films in einem desolaten Zustand, während hochstehende Ärzte das uneingeschränkte Vertrauen ihrer oftmals bildungsrückständigen Patientenschaft genießen. Daniele Vallotti weiß diese seine Position auf das Schamloseste auszunutzen und sonnt sich in der Stellung, die er unter den kleinen und großen Leuten genießt. Während die Einen in ihm einen gottgesandten Samariter wähnen, schmücken sich die anderen damit, zum erlauchten Kreise seiner ausgequetschten Patientenschaft zählen zu dürfen. Aber: Vallotti kann mit den Leuten – ob er Kindern im Beisein ihrer verzweifelten Mütter väterlichen Mut zuspricht oder vermeintlich milzkranken Signoras aus der Oberschicht Komplimente zusäuselt – alle lieben ihn. Bis auf Dottore Giordani, der Vallotti seit Jahrzehnten kennt und über die Einblicke in dessen höchst opportunistischen Karrierismus irgendwann selbst zum abgestumpften Alkoholiker geworden ist. erst durch die wechselseitig erblühte Sympathie zwischen ihm und Schwester Maria, die sich ebenfalls ohne Scheuklappen durch Vallottis Klinikum bewegt, wagt Giordani ein verzweifeltes Aufbegehren. Doch der Gigant lässt sich nicht einfach so fällen, schon gar nicht mit Ankündigung.
Teils intimes Charakterdrama, teils sozialkritischer Kriminalfilm bester italienischer Provenienz – „Bisturi, La Mafia Blanca“ ist ein unbedingt sehenswerter Beitrag zum lokalen Kino dieser fruchtbaren Jahre und steht heuer dankenswerterweise zur Wiederentdeckung bereit.

8/10