SHANG-CHI AND THE LEGEND OF THE TEN RINGS

„Welcome to the circus.“

Shang-Chi And The Legend Of The Ten Rings ~ USA/AUS 2021
Directed By: Destin Daniel Cretton

Wie seine jüngere Schwester Xialing (Meng’er Zhang) stammt Shang-Chi (Simu Liu) aus der märchenhaften Verbindung des uralten Eroberers und Meisters der Zehn Ringe, Xu Wenwu (Tony Leung), und der aus der magischen Zwischendimension Ta Lo stammenden Wächterin Li (Fala Chen). In San Franciscos Chinatown lebt Shang-Chi, seine Vergangenheit ignorierende, unter dem unverbindlichen Alias Shaun ein unspektakuläres Leben als Servicekraft – bis sich sein Vater auf brutale Weise zurück in seine Existenz mischt. Der trauernde Xu Wenwu glaubt, einen Hilferuf seiner bereits vor Jahren getöteten Li aus Ta Lo zu vernehmen. Dass sich dahinter tatsächlich ein weltenbedrohender Seelenfänger-Drache verbirgt, der mit Xu Wenwus Hilfe aus seinem Gefängnis entfliehen will, möchte dieser nicht wahrhaben. Es ist daher an Shang-Chi, seine beträchtlichen Fähigkeiten als Kung-Fu-Meister zu perfektionieren und seinem Vater gemeinsam mit seinen Verbündeten Einhalt zu gebieten, bevor der Seelenfresser den Weg in die Menschenwelt findet.

In der vierten MCU-Phase, die ja zu nicht unerheblichen Teilen auch von ihren bis dato durchweg gelungenen Serials zehrt und lebt, treten nunmehr auch weniger populäre HeldInnen in Aktion, darunter der 1973 debütierte „Master Of Kung Fu“ Shang-Chi. Dieser war, ähnlich wie zuvor Black Panther und Luke „Powerman“ Cage“ als Repräsentanten des new black consciousness, konzipiert als Comic-Antwort auf die vor allem durch Bruce Lee personifizierte Martial-Arts-Welle. Während damals noch diverse Verknüpfungen mit der Pulp-Figur Dr. Fu-Manchu, als dessen Sohn Shang-Chi vorgestellt wurde, in den Vordergrund gerückt wurden, hat der 25. MCU-Film derlei hausbackene Klischees nicht mehr nötig. Tatsächlich scheint man sich – soweit ich als diesbezüglicher Volllaie das beurteilen kann – um die eine oder andere ernstzunehmende Verbeugung vor der reichhaltigen chinesischen Mythologie bemüht zu haben und lässt dazu passend auch manch attraktives Wuxia-Element mit einfließen, freilich nicht, ohne die diversen obligatorischen Zwinkerer Richtung comicgeschultes Publikum zu vergessen. Ganz hübsch nehmen sich etwa die Reaktivierung des verschollen geglaubten Akteurs Trevor Slattery (Ben Kingsley) oder der überraschende Gastauftritt von Emil „Abomination“ Blonsky (Tim Roth) aus. Continuity wird weiterhin groß geschrieben im MCU, auch in der vermeintlichen Peripherie.
„Shang-Chi And The Legend Of The Ten Rings“ ist resümierend kein wirklich besonderer oder gar großartiger Film, er gefällt jedoch als farbenprächtiges und bildgewaltiges Fantasyspektakel, das auch Kindern Freude bereiten soll und dürfte. Ich persönlich hätte mir im Gegenzug vielleicht einen etwas erwachseneren, möglicherweise finstereren Ansatz gewünscht, aber man kann ja nicht alles haben.

7/10

THE SUICIDE SQUAD

„Nom-nom?“

The Suicide Squad ~ USA/CA/UK 2021
Directed By: James Gunn

Die aus im Gefängnis einsitzenden, kriminellen oder geistesgestörten Metawesen bestehende, von Agent Amanda Waller (Viola Davis) rekrutierte „Task Force X“ aka „Suicide Squad“ erhält in weitgehend neuer Zusammensetzung einen weiteren Auftrag: Die Truppe soll auf der von einer Militärjunta beherrschten Karibikinsel Corto Maltese einfallen und eine von Regierungstruppen schwer bewachte Festung namens „Jotunheim“ zerstören, in der ein mysteriöses Forschungsprojekt names „Starfish“ beheimatet ist. Die Suicide Squad landet in zwei Abteilungen an der Küste von Corto Maltese, wobei die erste, mit Ausnahme von Colonel Rick Flag (Joel Kinnaman) und der verrückten Harley Quinn (Margot Robbie), unmittelbar aufgerieben wird. Die kleinere, aber deutlich wehrhaftere Abordnung besteht aus dem Söldner Robert DuBois (Idris Elba) alias „Bloodsport“, dem selbsternannten „Peacemaker“ Christopher Smith (John Cena), dem irren Laborexperiment Abner Krill (David Dastmalchian) alias „Polka-Dot-Man“, dem maritimen Halbgott Nanaue (Sylvester Stallone) alias „King Shark“ und der mit absoluter Macht über Ratten ausgestatteten Cleo Cazo (Daniela Melchior) alias „Ratcatcher II“. Gemeinsam arbeitet sich das Team bis in die Hauptstadt vor, nimmt den Projektleiter Gaius Grieves (Peter Capaldi) alias „Thinker“ gefangen und gelangt mit dessen Hilfe in die Mauern von Jotunheim. Die ursprüngliche Mission kann unter Verlusten erfüllt werden, doch mit der Einebnung des Gebäudes wird zugleich eine neue, furchtbare Gefahr entfesselt. Von nun an muss die Suicide Squad auf eigene Rechnung arbeiten…

Wie der „Guardians Of The Galaxy“-Betreuer James Gunn zu seinem Zwischenspiel beim DCEU kam, dürfte ja hinlänglich bewusst sein. Dass damit zugleich ein kleiner, kreativer Brückenschlag zwischen den beiden Comicfilm-Riesen vollzogen wurde, erweist sich als so gleichermaßen reizvoll wie schadenfreudig: Während Disney und MCU-Mastermind Kevin Feige Gunn vormals eher in weitgehend domestizierten Schranken arbeitenund seine bekanntermaßen im derberen Filmschaffen wurzelnde Kreativenergie sich in psychedelischen Space-Gags sublimieren ließen, konnte er bei DC zum ersten Mal seit seinem zweiten Film „Super“ wieder vollends die Sau durchs Dorf und es gerade so bunt treiben, wie ihm der freche Schnabel gewachsen ist. Das Resultat ist die erste echte splatter comedy im großbudgetierten High-End-Superheldenfilm, eine liebenswert-böshumorige Burleske, in der geholzt wird, dass die Schwarte kracht. Dabei wird die makrokosmische Anbindung an Zack Snyders DC-Trilogie aufrecht erhalten und es handelt sich tatsächlich auch nicht, wie gelegentlich aufzuschnappen war, um ein Reboot von David Ayers „Suicide Squad“, sondern um ein echtes Sequel, das zur gleichen Zeit allerdings eine umfassende Renovierung des Originals betreibt. Bekanntermaßen wurde Ayer damals gehörigst in die Schranken gewiesen und dazu angehalten, seine Vision dieses verlottertsten aller Heldenteams so jugendfrei als möglich abzuliefern. Die Gags darin nahmen sich dementsprechend eher durchgemangelt aus und der overfiend wenig denkwürdig. Mit all diesen kleinen und großen Faux-pas räumt Gunn in seiner sehr persönlich gefärbten Vision der Squad rigoros auf: Ihren selbstmörderischen Beinamen trägt die Task Force X nunmehr völlig zu Recht; unmittelbar zu Beginn wird der gewissermaßen zur Ablenkung der Kerngruppe dienenden Vorhut der Garaus gemacht, als gäbe es kein Morgen mehr und die Marschrichtung des Films damit auch gleich unumwunden vorgegeben. Der im Folgenden von Gunn ausgerollte Irrsinnsteppich besteht aus einem Füllhorn mitunter brillanter visueller Einfälle, kleinen, manchmal etwas überschmückt scheinenden Nebenepisödchen [über Wert und Nutzen der als Bypass eingeflochtenen Kurzromanze zwischen Harley Quinn und dem Inseldespoten Luna (Juan Diego Botto) ließe sich etwa diskutieren – zweifelsohne dient sie in erster Linie dazu, Robbie Screentime zu verschaffen] und natürlich dem famosen Endkampf gegen den klassischen JLA-Gegner Starro, einen gewaltigen, außerirdischen Seestern, der sich seine Untertanen mittels kleiner Versionen seiner selbst, die er auf deren Gesichter pflanzt, gefügig macht. Wenn man es recht bedenkt, konnte der in Gestalt und Ausprägung nicht mehr ganz zeitgemäße Starro auch nur von einem wie Gunn zum Leinwandleben erweckt werden, die meisten anderen Filmemacher hätten sich vermutlich bis auf die Knochen blamiert. Schließlich lassen sich Gebrauch und Kompilierung der Figuren als gehörig sarkastisches Statement begreifen – die zur neuen Suicide Squad zählenden Charaktere sind, natürlich mit Ausnahme von Fanliebling Harley Quinn, die, ohne allzu augenfällige Beschränkungen zu erfahren, im Prinzip das einzig greifbare räsonistische Bindeglied zwischen dem etablierten DCEU und Gunns abgefucktem Grand-Guignol-Zirkus darstellt, allesamt letztklassige Seitenfüller, an die sich in erster Linie wohl nur wandelnde Comic-Enzyklopädien erinnern werden. Dass es zugleich aber nur solche vergessenen TertiärschurkInnen sein können, mit denen Gunn ins Feld zieht, ist letzten Endes so evident wie eigentlich alles andere auch an diesem rüpelhaft-spaßigen Film.

8/10

BLACK WIDOW

„It still fits!“

Black Widow ~ USA 2021
Directed By: Cate Shortland

Während Black Widow Natasha Romanoff (Scarlett Johansson) wegen ihrer Verstöße gegen das Sokovia-Abkommen weltweit von den US-Militärs gesucht wird und sich in Norwegen versteckt, spüt sie eine martialisch kostümierte, schwerbewaffnete Attentäterin namens „Taskmaster“ (Olga Kurylenko) auf, die ein unbewusst in Natashas Besitz befindliches Köfferchen sucht. Darin finden sich wiederum einige Phiolen mit einem roten Gas mysteriösen Ursprungs. Natasha kann Taskmaster mitsamt den Gasphiolen entkommen und reist nach Budapest, wo sie ihre vormalige „Pseudoschwester“ Yelena Belova (Florence Pugh) wiedertrifft, die von dem russischen General Dreykov (Ray Winstone) wie Natasha seit frühester Kindheit zu einer Superspionin ausgebildet wurde. Yelena klärt Natasha auf, dass der von ihr totgeglaubte Dreykov noch lebt und weiterhin rund um den Globus kleine Mädchen entführt, um sie in seinem geheimen „Red Room“ zu Widows der neuesten Generation heranzuzüchten. Dazu macht er sie mittels einer Suggestivchemikalie zunächst hörig und willenlos. Bei dem Gas in den Phiolen handelt es sich um ein Antidot, das den Mädchen, wie kurz zuvor auch Yelena, ihr eigentliches Bewusstsein zurückgibt. Gemeinsam mit zwei alten Bekannten, dem sowjetischen Captain-America-Gegenstück „Red Guardian“ Aleksej Shostakov (David Harbour) und der mit Dreykov zusammenarbeitenden Wissenschaftlerin und früheren Black Widow Melina Vostokoff (Rachel Weisz), infiltriert Natasha Dreykovs fliegende Festung.

Mit den Miniserienformaten erschließen sich die Marvel Studios unter Disney just ja ganz neue Vertriebswege. Zumindest die ersten beiden Serials, „WandaVision“ und „The Falcon And The Winter Soldier“ („Loki“ sehe ich mir erst an, wenn die Verfügbarkeit komplett ist), weisen im Prinzip sämtliche Qualitäten der gelungeneren Kinowerke auf und gefallen selbst mir als weitgehendem Serienignoranten ausnehmend gut. Als erster Filmbeitrag zur Phase 4 im MCU bildet „Black Widow“ ergänzend dazu zugleich eine ökonomische Reaktion Disneys auf das globale Pandemiegeschehen und die damit verbundene Kinoregression: Cate Shortlands Werk startet zeitgleich im Stream und auf der Leinwand. Da die Figur der Natasha Romanoff sich in „Avengers: Endgame“ so tapfer anstelle von „Hawkeye“ Clint Barton geopfert hatte, konnte sie nurmehr im Zuge eines Prequels wiederauftreten und damit zugleich den Weg für ihre potenzielle Nachfolgerin Yelena Belova bereiten. Scarlett Johannson verleiht ihrer Titelrolle trotz deren tödlichen Aktionismus‘ wiederum jene entspannte, klug dosierte Sanftmut, die man von ihr seit ihrem charismatischen Debüt in „Iron Man 2“ kennt. Innerhalb der Filme stellte Natasha Romanoff als erste und weitgehend einzige Frau im Bunde stets das moralisch integre Rückgrat der Avengers dar, das wesentliche Stabilitätsgarant und gewissermaßen zugleich Mutter- und Schwesterfigur. Ihr „eigenes“ Abenteuer fungiert insofern auch als verspätet nachgereichte, psychologische Blaupause, in der Biographie, Motivations- und Emotions-Motoren zumindest grob skizziert werden. Die originäre Comicfigur war ein mäßig interessant eingeführtes Produkt des Kalten Krieges, das irgendwann von den Sowjets zu den Amerikanern (nominell S.H.I.E.L.D.) überlief und dann diversen Heldenteams zugehörig, ebenso häufig jedoch in solitären Abenteuern umtriebig war. Anders als im MCU verbindet sie darin elementare Liebesbeziehungen mit Clint Barton und vor allem „Daredevil“ Matt Murdock, mit dem sich ihre Wege immer wieder kreuzten. Ihr Film-Alias musste aus naheliegenden Gründen ja gezwungenermaßen umstrukturiert werden; so ist der Red Guardian (der in vorhandener Ausprägung auch gut von Will Ferrell hätte gespielt werden können) hier nicht wie ehedem Natashas Ehegatte, sondern ihr auf die dreijährige Zeit einer längewierige Spionagemission begrenzter Quasi-Adoptivvater. Unter anderem diese ungewöhnliche Konstellation nutzt „Black Widow“, um gezielt dem der Widow-Historie wesentlich inhärenten Pfad immer wieder aufploppender Melodramatik zu entsagen und stattdessen jenem eigenwilligen, manchmal gar ins Groteske abschweifenden Humors zu folgen. So kerntragisch sich die Schicksale der von Dreykov gekidnappten, gewaltsam ihren eigenen Vitae entledigten und zu bloßen Marionetten verformten Mädchen ausnehmen – wenn sich die zersprengte, vierköpfige Spionfamilie von einst wiedervereint, hat das annähernden Sitcom-Charakter und greift damit die unberechenbare, humorige Leichtigkeit von „WandaVision“ auf. Die Plotstruktur indes gleicht auffallend der von „The Falcon And The Winter Soldier“ – zwei dickköpfige PartnerInnen wider Willen raufen sich zusammen, um weltweit einem handlungsspendenden Macguffin nebst verdeckt operierendem Overfiend nachzujagen und ihre eigentlich doch offensichtliche Freundschaft zu kultivieren. Die gebürtige Australierin Shortland macht daraus in ihrem vierten Film den ersten zumindest annähernd feministischen Beitrag zum MCU und koppelt daran scriptbedingt zugleich klassische Pulpphantasien um Finsterlinge mit tödlichen Mädchenarmeen, wie sie der geneigte Filmhistorienwühler noch aus Mottenkugeln wie „Deadlier Than The Male“, den „Dr. Goldfoot“- oder den „Sumuru“-Filmen in Erinnerung haben mag. Auch der deutlich jüngere „Red Sparrow“ liegt als Inspirationsquell freilich nicht fern. Ein diesbezüglich hübsches Bonmot leistet sich „Black Widow“ zudem und spannt damit zugleich den Bogen zum Fallschirm-Showdown: Bei Natasha Romanovs augenscheinlichem Lieblingsfilm, den sie sogar auswendig mitsprechen kann, handelt es sich um keinen geringeren als den stets gern belächelten Bond-Querschläger „Moonraker“.

7/10

SNOWPIERCER

„We go forward.“

Snowpiercer ~ KR/CZ 2013
Directed By: Joon-ho Bong

Wieder einmal erweist sich ein radikaler, wissenschaftlich implizierter Schritt zur Weltenrettung nurmehr als Beschleuniger des Armageddon: Nach Einsatz eines chemischen Kältemittels erstarrt der gesamte Globus zu einer einzigen Eiswüste. Die letzten etwa eintausend Überlebenden rasen in einem gewaltigen Zugungetüm, dem „Snowpiercer“, in endloser Umrundung um die Erde. Alles in dieser letzten großen Arche funktioniert scheinbar autark, der Antrieb, die Ernährung der Passagiere. Allerdings bleibt die Menschheit auch nach 17 Jahren „Snowpiercer“ strikt ihren althergebrachten Sozialstrukturen verhaftet: Das in Dreck, Dunkelheit und Gestank hausende Prekariat pfercht sich, ernährt von faden Proteinregeln und unter permanenter Knechtung von Wachtposten und der die Zugspitze repräsentierenden, unleidlichen Ministerin Mason (Tilda Swinton) in die hinteren Waggons, derweil die Oberklasse im vorderen Bereich ihren eigenen, sorgsam bewahrten Luxusgeschäftigkeiten nachgeht. Natürlich hat die revolutionäre Gärung unter den Armen längst eingesetzt, zumal ständig Kinder ohne weitere Erklärung mit nach vorn genommen werden und ein unbekannter Gesinnungsgenosse geheime Informationen aus dem Vorderzug absetzt. Diese gelangen in die Hände des Chefauständlers Curtis (Chris Evans), der schließlich die Rebellion wagt und sich mit seinen ihn begleitenden Leuten sowie der unverzichtbaren Unterstützung des unterdessen aus dem Tiefschlaf befreiten Ingenieurs Namgoong Minsoo (Kang-ho Song) immer weiter durch den Snowpiercer kämpft – bis ihn an dessen Spitze eine unerwartete Überraschung empfängt…

Joon-ho Bongs erster anglophoner Film mit einer sehr prominenten Besetzung basiert auf einer vierteiligen französischen Comicalbenreihe, die zwischen 1982 und 2015 erschien. Der Finalband wurde mit fünfzehn Jahren Abstand von einem anderen Autoren nachgesetzt, worauf wiederum mutmaßlich die vorliegende Adaption nachhaltigen Einfluss hatte. „Snowpiercer“ geriert sich auf den ersten Blick als relativ klassische Dystopie. Der Mensch erweist sich abermals als des Menschen Wolf und sorgt zunächst durch den von ihm selbst induzierten Klimawandel und hernach durch den verzweifelten Versuch, ebendiesen abzuwenden, für das (vorübergehende) Aus all seiner Existenzgrundlagen. Die vormalige Hierarchie zwischen Arm und Reich, Knechtschaft und Herrschertum projiziert sich auf die letzten Überlebenden. Wie in allen gegenwärtigen Hierarchien zeigt sich dabei schlussendlich, dass die dekadente Elite lediglich durch die „Pflege“ der Ärmsten ihren gewohnten Lebensstil pflegen und vor der totalen Derangierung bewahrt werden kann; ein Paradoxon, zumal die tote Außenwelt sich insgeheim bereits stellenweise zu erholen beginnt. Wie ebenfalls aus dem Plexus dystopischer Phantasien gewohnt, muss auch in „Snowpiercer“ der wohl nicht von ganz ungefähr mit Captain-America-Darsteller Evans besetzte Held eine verlustintensive Erkenntnisreise auf sich nehmen, um dem Ungeheuerlichen, das jene verwerflichen Systematiken am Laufen hält, auf die Spur zu kommen. Ebendiese Reise führt durch den „Snowpiercer“, einmal von ganz hinten bis nach ganz vorne und aus ebender Fragmentierung dieses Trips, die mit der sukzessiven „Erschließung“ immer weiterer, immer bizzarerer, physikalischen Gesetzmäßigkeiten von Raum und Begrenzung scheinbar immer weniger gehorchenden Waggons einhergeht, liegt zugleich der Hauptreiz des Films. Curtis und seine Getreuen beteugen in symbolhafter Darstellung gewissermaßen die gesamte maslowsche Bedürfnispyramide in aufsteigendem Durchsturm, bis der gerecht zürnende Dissident, der die letzten zweieinhalb Dekaden von drögen, aus Ungeziefer bestehenden Proteinregeln leben musste, schließlich an des Großen Bruders Milfords (Ed Harris) Tafel sitzt, ein edles Filet auf dem kostbaren Teller. Der besagte Weg, der dorthin führt, erschließt in durchaus geschickter Weise, was die allermeisten von uns antreibt. Unabhängig von den aktionsreichen, natürlich stets aufregend bebilderten Kämpfen und Erleuchtungen, deren Bestreiten eher als schicke Makulatur im Gedächtnis bleibt, subsummiert sich Bongs Film auf die große, kosmische Wahrheit: Die einen fressen Scheiße, während die anderen Partys feiern in Saus und Braus. Der „Snowpiercer“ liefert für diese jahrtausendealte lediglich ein weiteres, postmodernes Bild – wobei es davon ja im Prinzip nie genug geben kann.

8/10

THE EMPTY MAN

„Already you’re startin‘ to lose me.“

The Empty Man ~ USA/UK/SA 2020
Directed By: David Prior

Der Ex-Polizist James Lasombra (James Badge Dale) muss sich mit einer traumatischen jüngeren Vergangenheit herumschlagen. Als seine Bekannte Nora (Marin Ireland) ihn verzweifelt darüber informiert, dass ihre Tochter Amanda (Sasha Frolova) unter merkwürdigen Umständen verschwunden ist, betätigt Lasombra sich als Detektiv in eigener Sache. Er stößt auf einen sonderbaren Legendenkult, der etwas mit dem „Empty Man“, offenbar eine Art mysteriöser, dämonischer Entität, zu tun hat sowie eine sektenähnlichen Gemeinschaft namens „Pontifex Institute“, die auf übersinnlichem Wege mit ebenjenem Wesen in Verbindung steht. Gleich mehrere Jugendliche aus Amandas Umfeld werden tot aufgefunden, einige davon von Lasombra selbst. Seine weiteren Ermittlungen führen ihn schließlich zu einem höchst unerwarteten Ziel.

Über „The Empty Man“ zu stolpern, erfordert schon eine gewisse Koinzidenz. Der eigentlich bereits vor vier Jahren gedrehte und für ein verspätetes, halsbrecherisches Release im Oktober 2020 avisierte Film hatte nämlich denkbar viel Pech, von seinem Regisseur ganz zu schweigen: es handelte sich bei „The Empty Man“ um eine der letzten Produktionen, die bei 20th Century Fox vor der Übernahme durch den Disney-Konzern entstanden und deren klägliches Veröffentlichungsschicksal auf unglücklich verlaufene test screenings, rein monetär orientierte Gewinnabwägungen und natürlich die ganz allgemein rekurrierenden Auswirkungen der Pandemie zurückzuführen sind. Für David Prior, ein Protegée von David Fincher und über Jahre hinweg vor allem als emsiger Making-Of-Dokumentarist für Heimkino-Releases umtriebig, sollte „The Empty Man“ das erste große Eigenprojekt darstellen. Der jenem zugrunde liegende Stoff kapriziert sich dabei auf eine in drei Etappen veröffentliche Mystery-/Horror-Comicreihe des renommierten Autors Cullen Bunn, wobei der Film keine direkte Adaption bildet, sondern einzelne Motive aus Bunns dystopischen Universum aufgreift und weiterverarbeitet.
Dabei heraus kam ein ungewöhnlich aufgezogener, verschachtelter Film, dessen Narrativ auf eine ganze Menge an Vorbildern zurückgreift und daraus am Ende doch etwas unerwartet Genuines destilliert. Auf knappe 140 Erzählminuten legt Prior sein Werk an, darunter eine rund 25-minütige, 23 Jahre in der filmischen Vergangenheit angesiedelte Exposition, die in Bhutan spielt und in der gewissermaßen der Einzug des Empty Man in die postmoderne Realität geschildert wird. Der nachfolgende Sprung macht uns dann umgehend mit dem Protagonisten vertraut, an dessen Seite wir den Rest der zermürbenden Geschichte bezeugen werden. Prior erweist sich dabei als ein in Sachen Genrehistorie beschlagener Aficionado, dessen Einflüsse notorische Lovecraft-Mythen über Urban-Legend- und jüngeren Sektenkulthorror sowie neo noir bis hin zu Alan Parkers „Angel Heart“ umspannen und den rätselnden Rezipienten ebenso häufig ins Leere laufen lassen wie sie ihn mittels kluger Kompaktheit überraschen. Die verfrühte und in der desinteressierten Werbung suggestierte Annahme, hier abermals mit einem weiteren, dullen „Kausaldämon“ konfrontiert zu werden, der durch die Neugier ein paar gelangweilter Stadtteenies heraufbeschworen wird, könnte dabei falscher kaum sein und führt trotz entsprechender Ansätze glücklicherweise bald ins Leere. Die entsprechende Ebene verfolgt „The Empty Man“ als eine von vielen anfangs zwar durchaus, lässt sie dann aber bald fallen, wie sich am Ende die gesamte erzählte realis als großes, in weiten Teilen rein illusorisches Mosaik offenbaren wird. Es gilt vielmehr, die kleinen Zeichen zu beachten, derer sich Prior geschickt befleißigt – die graphischen Darstellungen an den Wänden etwa, die leere Flasche als zweckentfremdetes Gefäß, die Brücke als permanentes Symbol der Wahrnehmungserweiterung und der damit verknüpfte Begriff des „Pontifex“ (etymologisch „Brückenbauer“), der Nachname des Protagonisten, der auf spanisch „der Schatten“ bedeutet, die anfangs als Investigativziel aufploppende, nach Derrida, dem Begründer der Dekonstruktion, benannte Highschool von Amanda und ihren Freunden. Analog dazu gerät „The Empty Man“ mehr und mehr zu einer hermeneutischen (Selbst-)Reflexion. Prior unternimmt seine Reise also auf sehr viel komplexeren Pfaden als es zunächst den Anschein hat, weshalb ich auch nicht glaube, seinem Film nach einmaliger Betrachtung vollumfänglich gerecht werden zu können. Es lohnt sich insofern, ihm auf seine Brücke ins Irgendwo zu folgen.

7/10

ZACK SNYDER’S JUSTICE LEAGUE

„I’m not broken. And I’m not alone.“

Zack Snyder’s Justice League ~ USA/UK 2021
Directed By: Zack Snyder

Steppenwolf (Ciarán Hinds), ein kriegerischer Halbgott von der dem puren Bösen anheim gefallenen Welt Apokolips, will sich nach früherer Verstoßung infolge allzu eigenmächtigen Verhaltens wieder bei seinem Herrn und Meister Darkseid (Ray Porter) einschmeicheln und fällt zu diesem Zwecke mit seinen fliegenden Paradämonen auf der Erde ein. Hier lagern nämlich seit Urzeiten drei Mutterboxen, lebende Computer, die sich nach äonenlangem Schlaf just reaktiviert haben und die den Schlüssel zur von Darkseid ersehnten „Anti-Lebens-Gleichung“ in sich tragen. Bruce Wayne (Ben Affleck) ahnt um die drohende Gefahr und schart mit der Amazon-Prinzessin Diana (Gal Gadot), dem Atlanter-/Mensch-Mischling Arthur Curry (Jason Momoa), dem superschnellen Barry Allen (Ezra Miller) und dem Cyborg Victor Stone (Ray Fisher) vier Mitstreiter um sich, die den einfallenden Horden die Stirn bieten und die Erde möglicherweise retten können. Schon bald wird dem ungleichen Quintett klar, dass selbst seine geballte Macht nicht gegen Steppenwolf ausreicht und die Idee reift, den im Kampf gegen Doomsday getöteten Kal-El (Henry Cavill) wieder zum Leben zu erwecken. Nachdem der Plan gelingt und der zunächst amnesische, letzte Kryptonier wieder zu Sinnen gekommen ist, zieht man gemeinsam in die Schlacht gegen die bösen Aliens.

Ob die letzten Endes nun doch in Erfüllung gegangene Existenz von „Zack Snyder’s Justice League“ wirklich das Resultat unbeugsamen Fan-Engagements ist oder lediglich ein cleverer Schachzug von Warner und DC, deren noch jungen Bezahlsender HBO Max zu lancieren und die stiefmütterlich verschmähte, nach Snyders (durch bekannte, tragisch-persönliche Gründe erfolgtem) Ausscheiden von Joss Whedon fertiggestellte Kinoversion nachträglich zu amnestieren, wissen vermutlich nur die New Gods.
Wie dem auch sei, ich fand „Justice League“ nicht so übel, wie er allerorten gehandelt wurde, mir gefielen die kunterbunten, saturierten Leuchtfarben des vormaligen Finales durchaus, wenngleich die Zäsur zu den von Snyder ja auch als Vorbereitungsfilme inszenierten „Man Of Steel“ und „Batman V Superman: Dawn Of Justice“ schon überdeutlich wurde. Dass Snyder bei seinen DC-Superhelden-Adaptionen eher auf Bierernst und existenzialistische Schwere setzt, war ja längst offenkundig und dazu mochte Whedons in der von ihm verantworteten Postproduktion umgepolter Karneval nicht wirklich passen. Nun also Snyders eigene, prononciert epische Version, die nicht nur für ein hörbares globales Aufatmen der dedizierten Fangemeindesorgte, sondern auch in manch anderer Hinsicht als große Wiedergutmachung gekränkter Befindlichkeiten fungiert (dafür, dass ich selbst zur zeitgenössisch sogar zweimal betrachteten Erstfassung keinen Text verfasste, gibt es übrigens keinen veritablen Grund außer mutmaßlich jenen, dass es mir an Zeit und/ oder Inspiration gefehlt haben wird). „Zack Snyder’s Justice League“ ist, alles andere zu behaupten wäre jawohl auch albern, tatsächlich besser als die von der naseweisen Netz-Intelligenzia abschätzig als „Josstice League“ bezeichnete Whedon-Version, aus naheliegenden Gründen. Nicht zuletzt die um das Doppelte verstärkte Erzählzeit gewährt dem Ganzen zunächst eine sehr viel komplexere und umfassendere Herangehensweise, was sich insbesondere in der Charakterisierung der Figuren niederschlägt. Die bislang ja ohne „eigene“ Filme auskommen müssenden Barry Allen und Victor Stone erhalten nun wesentlich plastischere Hintergründe, die jeweils in unterschiedlich geprägten Vater-/Sohn-Konflikten wurzeln und die ihnen inhärente Tragik (insbesondere im Falle des letzteren) deutlich nachvollziehbarer machen. Während vor allem Flash in Whedons Schnittfassung zu einem, um den unausweichlichen MCU-Vergleich zu ziehen, flapsig-spaßigen Spider-Man-Youngster frisiert wurde (nebenbei eine Wandlung, die zu seiner originären Comic-Persona als eher biederem Polizeiwissenschaftler überhaupt nicht passen wollte), gestattet der Snyder-Cut sich einige schöne bis nachgerade poetisch inszenierte Augenblicke um den Blitzflitzer. Mögliche künftige Helden wie der Martian Manhunter (Harry Lennix) oder Ryan „Atom“ Choi (Ryan Zheng) können eingeführt werden und Darkseid, der im DC-Universum das Gegenstück zu Marvels Thanos darstellt, erhält nun wesentlich mehr Raum. Ein neuer Score (von Junkie XL statt Danny Elfman) erklingt, diverse fomale (Kadrage-Verschmalung auf das 4:3-IMAX-Format, merkliche Ausdünnung der Farb- und Kontrastpalette) und kosmetische (Supermans Dress ist jetzt der schwarze aus der „Return“-Comic-Strecke von 1993) Modifikationen brechen sich Bahn. Zudem findet ein großzügiger Epilog Platz, der auf das hinweist, was Snyder für die zunächst geplanten „JL“-Sequels vorschwebte; Darkseids künftige Eroberung der Erde und Supermans Hinwendung zur Dunklen Seite, die, wie in einem wohlbewussten Vorbild, am Ende nurmehr durch eine Rückreise in der Zeit ungeschehen gemacht werden kann. Da ja irgendwie nun doch alles möglich ist, werden wir vielleicht in ein paar Jahren auch noch jener Vision(en) ansichtig. Das Durchhaltevermögen hartnäckiger Geeks stirbt zuletzt.

8/10

THE NEW MUTANTS

„All of you are dangerous. That’s why you’re here.“

The New Mutants ~ USA 2020
Directed By: Josh Boone

Nachdem das Reservatsdorf der jungen native Danielle Moonstar (Blu Hunt) von einer unerklärlichen, monströsen Katastrophe heimgesucht und alle Einwohner außer ihr selbst getötet werden, erwacht Dani in einer von der Außenwelt abgeschirmten Anstalt mitten im Nirgendwo. Ihre für eine mysteriöse Organisation tätige Therapeutin Dr. Reyes (Alice Braga) eröffnet Dani, dass sie eine Mutantin ist. Mit ihren vier MitinsassInnen Rahne Sinclair (Maisie Williams), Illyana Rasputin (Anna Taylor-Joy), Charlie Heaton (Sam Guthrie) und Roberto da Costa (Henry Zaga) ebenfalls MutantInnen in ihrem Alter, knüpft Dani nur zögerlichen Kontakt. Auch um deren Fähigkeiten und persönliche Traumata erfährt sie erst nach und nach. Die Jugendlichen raufen sich aber dennoch zusammen, um jener gewaltigen Bedrohung, die von niemand Geringerem ausgeht als Dani Moonstar selbst, gemeinsam entgenzutreten.

Mit der originalen 1982er Graphic Novel „The New Mutants“ von Chris Claremont, die die NachwuchsmutantInnen Psyche, Wolfsbane, Cannonball und Sunspot als X-Men-Youngsters als Nachfolger der mittlerweile selbst erwachsen gewordenen Originale einführte, sowie deren nachfolgender Serie, hat Josh Boones produktionsgebeutelte Adaption nicht mehr allzu viel zu tun. Die Anbindung an den X-Men-Kosmos ermangelt etwa den obligatorischen Mentor Charles Xavier und noch weitere handlungstragende Details, ebenso wie sie aus mir etwas unerfindlichen Gründen die eigentlich erst später hinzustoßende Colossus-Schwester Magik hinzusetzt, die in den Comics eigentlich etwas anders verangelt ist. Dennoch werden Geist und Atmosphäre der frühen „New Mutants“-Ausgaben recht adäquat eingefangen und wiedergegeben. Die zeitweilig von dem avantgardistischen Genie Bill Sinkiewicz gezeichnete Reihe verstand sich rasch als noir-affine teenage-angst-variation der klassischen Superheldentypologien wesentlich zugetaneren X-Men mit modernen Coming-of-Age- und Horror-Elementen sowie deutlich intimeren storylines. Auch der Film grenzt sich insoweit stark von den bisherigen „X-Men“-Kinoabenteuern ab, indem er sich auf ein überschaubares Figurenensemble von sechs annähernd gleichrangigen ProtagonistInnen stützt, entwicklungspsychologische Ansätze in den Vordergrund rückt und einen hermetisch begrenzten Schauplatz an die Stelle von gewaltigen Schlachten gegen Superschurkenarmeen setzt. Davon fühlte sich das von rauschenden CGI-Orgien verwöhnte, ordinäre Superheldenfilm-Krawall-Publikum erwartungsgemäß vergrätzt. „The New Mutants“ bietet dann auch tatsächlich recht verschrobenen, eigenwilligen Fantasy-Horror fürs Pubertier, mit einem aufgrund des limitierten Budgets in punkto Effektarbeit eher mäßig bebilderten Showdown und firmiert zum gegenwärtigen Zeitpunkt, nach zigmal verschobenen Starts, wohl als das, was man gemeinhin als „Flop“ bezeichnet. Dass er nichtsdestotrotz um einiges beseelter, schöner und interesanter ausfällt als der zwar deutlich teurere, zugleich aber wesentlich flachere „Dark Phoenix“ spricht wiederum für ihn. Ob aus diesem stiefmütterlich behandelten „Corona-Opfer“ noch die ursprünglich geplante Trilogie wird, darf bezweifelt werden. Ich wäre jedoch an Bord.

7/10

WONDER WOMAN 1984

„It’s all art.“

Wonder Woman 1984 ~ USA/UK/CA/MEX/E 2020
Directed By: Patty Jenkins

Die von der göttlichen Pardiesinsel Themyscira stammende Amazone Diana (Gal Gadot) lebt und arbeitet im Jahre 1984 unter dem „irdischen“ Namen Diana Prince in Washington D.C.. Wenn nötig, schmeißt sie sich auch kurzerhand in ihre goldene Rüstung und wird als „Wonder Woman“ aktiv; ihre Rettungsaktionen bleiben jedoch stets inoffiziell und werden nie wirklich publik. In dem unmittelbar vor dem wirtschaftlichen Aus stehenden Borrkonzessions-Makler Maxwell Lord (Pedro Pascal) und der sympathischen, aber schüchternen Barbara Minerva (Kristen Wiig) erwachsen ihr jedoch bald zwei ernstzunehmende Gegner: Über Umwege bringt sich Lord in den Besitz eines uralten, mystischen Artefakts, den einst der böse Gott Dolos erschuf. Dabei handelt es sich um einen Stein der jedem seiner wechselnden Besitzer einen innigen Wunsch erfüllt, jedoch stets um einen unwägbaren persönlichen Preis. Als Lord sich wünscht, mit dem Stein eins zu werden, setzt er eine Ereigniskette in Gang, die die im Kalten Krieg befindliche Welt endgültig an den Abgrund führt. Nur Diana und der durch ihren persönlichen Wunsch wieder ins Leben zurückgefundene Pilot Steve Trevor (Chris Pine) können Lord und die sich langsam in ein Monster verwandelnde Barbara Minerva aufgehalten und der Dritte Weltkrieg abgewendet werden.

Groß angekündigt und dann irgendwie doch relativ sang- und klanglos in den Streaming-Weiten von HBOMAX verkluckt, muss „Wonder Woman 1984“ derzeit recht viel Schelte einkassieren. Zugegeben – das wiederum von Patty Jenkins inszenierte Sequel zum deutlich positiver aufgenommenen Original von vor drei Jahren macht es potenziellen Kritikern recht leicht, es zu zerrupfen. Der Film ist, ausgehend von einer halbwegs kommerziell tragfähigen Gestaltung eines potenziellen „Blockbusters“, für das, was er zu erzählen und zu bieten hat, vermutlich deutlich zu lang geraten, leistet sich allerlei kleine bis mittelschwer wiegende Unebenheiten [katastrophal schiefliegend und fremdschamgesäumt z.B. die Szenen mit Lords Sohn Alistair (Lucian Perez)] und pfeift das von Gald Gadot bis dato kultivierte Imaginat einer feministisch tragfähigen Vorzeigeprotagonistin im genderbezogen nach wie vor höchst ungleich gewichteten Superhelden-Makrokosmos zugunsten konservativer Geschlechterbilder zurück. Irgendwo habe ich etwa neulich gelesen, dass Dianas Wunsch, ihre große Lebensliebe Steve Trevor im Angesicht der angespannten globalen Lage anno 84 doch wohl ein völliger Schuss in den ideologischen Ofen sei und dass ihre Antagonistin Barbara Minerva alias „Cheetah“ sich insgeheim mittels hoffnungslos überkommener Geschlechterbilder definiere. Nun; das kann man dem von Jenkins und DC-Mastermind Geoff Johns ersonnenen Script gewiss zum Vorwurf machen – muss man aber nicht. Gald Gadots WW-Nimbus wird nach meinem Dafürhalten hier keinesfalls geschmälert, sondern vielmehr auf eine wohltuend romantische Weise durchaus humanisiert. Auch stahlharte Amazonen haben ein Recht auf Liebe, Privatheit und Träume, selbst, wenn Pentagon und Kreml der nukleare Finger bereits beträchtlich zuckt. So betrachtet es zumindest meine möglicherweise etwas tradierte Comicfantasie. Und dass die gute Barbara Minerva vor und nach ihrer Metamorphose von mancherlei Neurosen gepiesackt wird, ist nicht minder literary fact. Gal Gadot jedenfalls ist abermals über jeden Zweifel erhaben und erweist sich abermals als die wahrscheinlich bestmögliche Wonder Woman zur Zeit. Durch Johns‘ Scriptbeteiligung erwachen zudem einige Persönlichkeiten und kleine Facetten der 80er-Jahre-DC-Publikationen zum Leben – so der von seinem Erfinder Keith Giffen ursprünglich durchaus komisch angelegte Maxwell Lord, der übereifrige Magnat Simon Stagg, der fiktive Nahost-Terrorstaat Bialya oder WWs unsichtbarer Jet. Viel spaßiges Geek- und Fanfutter also, insbesondere das mit dem Midpost-Credit-Gastauftritt der sich als Amazonenkriegerin Asteria offenbarenden TV-Original-Wonder-Woman Lynda Carter. Alles soweit prima. Nun lehnt sich der reichlich comiceske Hauptplot um die große, alte Weise „be careful what you wish for“ neben Jacobs‘ berühmter Kurzgeschichte „The Monkey’s Paw“ natürlich auch – ob zufällig oder nicht – recht deutlich an die kleine, aber feine Horrorsause „Wishmaster“ von 1997 an und zumindest meiner Wenigkeit rückte in Anbetracht des von seiner Macht zunehmend korrumpierten Max Lord respektive seinem Interpreten Pedro Pascal allenthalben Andrew Divoffs Djinn ins Gedächtnis. Eine recht kulturaffine Story ergo mit all ihren kleinen Fallschlingen. Dennoch hat mir „Wonder Woman 1984“ recht gut gemundet und ich fand ihn nur unwesentlich schwächer als den Erstling. Andersgläubige mögen mir das nachsehen oder auch nicht.

7/10

SIN CITY: A DAME TO KILL FOR

„This rotten town… it soils everybody.“

Sin City: A Dame To Kill For ~ USA 2014
Directed By: Robert Rodriguez/Frank Miller

Drei weitere Geschichten aus Basin „Sin“ City mit dem nicht klein zu kriegenden, kurzzeitamnesischen Eisenkinn Marv (Mickey Rourke) als narrativem Bindeglied: Der Zocker Johnny (Joseph Gordon-Levitt), ein uneheliches Kind des diabolischen Senators Roark (Powers Boothe), begeht den tödlichen Fehler, sich mit seinem Vater anzulegen; der Privatschnüffler Dwight McCarthy (Josh Brolin) wird zum Spielball seiner ihn als Mordwerkzeug benutzenden, ehemaligen Flamme Ava (Eva Green); die Stripperin Nancy (Jessica Alba) hat den Tod ihres Beschützers John Hartigan (Bruce Willis) auch Jahre später nicht überwunden und beweist Senator Roark, dass selbst er nicht allmächtig ist.

„Sin City: A Dame To Kill For“ war der falsche Film zur falschen Zeit am falschen Platz. Nachdem ich mit dem immerhin neun Jahre älteren Vorgänger, zu dem es mich, aus mir unerfindlichen Gründen wieder und wieder hinzieht (scheinbar geht es mir da ähnlich wie Marv, der jeden Abend obsessiv zu Nancys Auftritten rennt), mittlerweile immer besser zurechtkomme, habe ich den Nachfolger nun mit einiger Verspätung erstmals geschaut. Durch die relative Zeitnähe zur „Sin City“-Betrachtung konnte ich mich an das nach wie vor konsequent durchgezogene Stil-Potpourri aus Colorkey-Technik, Greenscreen, Scherenschnitt und Brutalkontrastierung recht umweglos adaptieren und es durchaus genießen. Inhaltlich nicht mehr ganz so sleazig und kaltschnäuzig wie in den Episoden des Vorgängers nehmen sich die wahlweise als Pre- und/oder Sequel fungierenden Segmente in „A Dame To Kill For“ aus; Elemente wie Kannibalismus, Kindesmissbrauch und Folter werden, analog zu Frank Millers Vorlagen freilich, fallengelassen. Stattdessen findet sich eher der klassisch-/traditionelle Noir-Faktor genährt, was sich natürlich insbesondere in der titelgebenden Episode um Eva Green als teuflisch-verrückte, männerverschleißende femme fatale niederschlägt. Dass die korrekte Chronologisierung der Geschichten den Filmen beinahe schon aufreizend gleichgültig ist und sie stattdessen vollständig dem Rezipienten obliegt, ist ebenfalls Millers Phantasmagorien zuzuschreiben, deren Veröffentlichungen sich auch nie um zeitliche Konstanz scherten, sondern längst totgeglaubte Figuren stets wieder auftauchen ließen durch den „Kniff“, sich keiner Chronologie zu versklaven. So kann sich unter anderem Mickey Rourke trotz seiner Hinrichtung im Original auch im zweiten Teil noch als Marv durch die Reihen seiner Feinde holzen und so erklärt sich auch, warum Dwight hier zunächst aussieht wie Josh Brolin und nicht wie Clive Owen. Das Blut, das vor allem die Katana-Schwingerin Miho (Jamie Chung) beim höchst opferintensiven Angriff auf Avas Witwenvilla fließen lässt, spritzt zumeist in leuchtendem Weiß und hielt darob auch die Zensoren im Zaum; leider aber nicht nur diese. „A Dame To Kill For“ schmierte in kommerzieller Hinsicht recht gnadenlos ab; neun Jahre später war das formalistisch brillante, intellektuell dafür grenzdebil exekutierte, filmische Kunstkonzept „Sin City“ offenbar nicht mehr gefragt bzw. erwünscht. Dabei ergänzen sich beide Filme beinahe ohne jedwede Trennschärfe und bestätigen ihre jeweilige Qualitäten mittels einer sich beinahe völlig nahtlos abwickelnden Wechselwirksamkeit. Damit ist „A Dame To Kill For“ so funktional, wie es eine Fortsetzung überhaupt nur zu sein vermag – sie könnte mit „Sin City“ theoretisch sogar den Platz bzw. Status tauschen.

8/10

EXTRACTION

„You drown not by falling into the river, but by staying submerged in it.“

Extraction ~ USA 2020
Directed By: Sam Hargrave

Der Privatkrieg zwischen dem einsitzenden indischen Drogenbaron Ovi Mahajan (Pankaj Tripathi) und seinem in Dhaka wirkenden Intimfeind Amir Asif (Priyanshu Painyuli) erklimmt eine neue Stufe, als Asif Mahajans Sohn Ovi Jr. (Rudhraksh Jaiswal) kidnappen lässt. Da Mahajan Sr. die Verantwortung für die Geiselaffäre vornehmlich Ovis Leibwächter Saju Rav (Randepp Hooda) anlastet und nun seinerseits dessen Familie bedroht, muss sich Saju etwas einfallen lassen: Er lässt den Söldner Tyler Rake (Chris Hemsworth) rekrutieren, ohne ihn bezahlen zu können. In Dhaka angelangt, gelingt Rake zwar Ovis Befreiung, mit der massiven Gegenwehr Asifs, der den gesamten, korrupten Polizeiapparat in der Tasche hat, rechnet Rake allerdings nicht. Nachdem Rake sich mit seinem Schützling angefreundet und mit Saju verbündet hat, steht ihm ein letzter, gewaltiger Kampf bevor.

High Octane Action bietet das Regiedebüt des vormalig als stunt coordinator tätigen Sam Hargrave, der sein Können insbesondere für diverse Marvel-Produktionen unter Beweis stellen konnte. Die Hauptfigur des Films, Tyler Rake, sowie die Grundzüge der Story verdankt Hargrave der 2014 erschienenen Graphic Novel „Ciudad“, die neben Ande Parks auch die Russo-Brüder Joe und Anthony ersonnen haben. Darin muss Rake ein junges Mädchen aus der paraguayischen Ciudad del Este heraushauen. Den Reviews zum Comic lässt sich entnehmen, dass sich darin bereits diverse klare Bezüge und Avancen zu respektive für eine(r) mögliche(n) Filmadaption auftun, die ja nun tatsächlich existiert. Rake gesellt sich in typologischer Hinsicht zu den schießenden und prügelnden Kino-Killersupermännern der jüngeren Zeit, von Robert McCall über Jack Reacher und Christian Wolff bis hin zu John Wick, die die Genicke ihrer multipel einfallenden Gegnerschaften quasi im Vorbeigehen brechen und jede Feuerwaffe als naturgegebene Armprothese zu nutzen wissen. Chris Hemsworths beeindruckende Physis gemahnt wiederum stark an die körperbetonten Action-Heroen der Achtziger. Eine vielversprechende Mixtur, die sich dann auch tatsächlich als höchst funktional erweist. Anders als in der Vorlage die bezüglich der Beziehung der beiden Hauptcharaktere zueinander dem Vernehmen nach wiederum von Luc Bessons „Léon“ und insbesondere den beiden „Man On Fire“-Verfilmungen zehrt wurde nun aus dem Mädchen ein teenage boy und aus Südamerika Südasien, im Speziellen Bangladeschs Hauptstadt Dhaka. Dieser im Hinblick auf einen westlich produzierten Genrefilm doch recht ungewohnte Schauplatz erweist sich immer wieder als grandiose Kulisse für die brillant choreographierten Sequenzen in „Extraction“, in deren Zentrum neben dem bleihaltigen Finale auf einer der Brücken über den die Metropole flankierenden Dhaleshwari-Mündungsarm eine atemlos montierte Plansequenz von elfeinhalb Minuten Länge steht, die so geschickt geschnitten ist, dass selbst die wenigen cuts kaum auffallen, unter anderem eine Verfolgungsjagd im Auto und per pedes beinhaltet und die andererseits wesentlich bodenständiger inszeniert ist als die mich grundsätzlich enervierenden Zirkusnummern asiatischer Produktionen.
Man darf annehmen, dass dies trotz einiger physiologischer Entbehrungen seitens unseres neuen Helden nicht Tyler Rakes letzter Filmauftritt gewesen sein dürfte; darauf lässt einerseits die letzte, sich ein wenig eingmatisch ausnehmende aber doch erwartungsgemäße Einstellung schließen und andererseits die sich a priori seriell gestaltende Einführung und Kultivierung Rakes, der als „zeitgenössischer Rambo“ (auch dies ist hier und da immer mal wieder nachlesbar) für ein solitäres Abenteuer viel zu schade wäre. Ich bin jetzt schon bereit für alles, was da in der development pipeline liegen mag…

8/10