SHIVA BABY

„This isn’t a party!“

Shiva Baby ~ USA/CA 2020
Directed By: Emma Seligman

Für die Studentin Danielle (Rachel Sennott) wird es ein vermaledeiter Tag: Nach einem Techtelmechtel mit ihrem deutlich älteren, dafür jedoch spendablem Liebhaber Max (Danny Deferrari) begleitet sie ihre Eltern (Polly Draper, Fred Malamed) zu einer Shiv’a, einer der jüdischen Beerdigung folgenden Trauerfeier im häuslichen Rahmen. Solche familiären Ereignisse kommen für Danielle stets einem Spießrutenlauf gleich; man mästet sich am kalorienreichen Buffet, wird über Beziehungsleben und Karrierepläne ausgefragt und lästert kreuz und quer über sämtliche Anwesende in wechselnden Konstellationen. Mit ihrer ebenfalls vor Ort befindlichen, langjährigen Freundin Maya (Molly Gordon) verbindet Danielle zudem noch eine ihrerseits mühevoll ignorierte, romantische Beziehung. Als dann auch noch Max nebst Gattin (Dianna Agron) und Baby auftaucht, avanciert der Leichenschmaus endgültig zum Albtraum für Danielle…

A damsel in distress: Emma Seligmans liebenswertes Debüt erzählt einen im Prinzip klassischen Coming-of-Age-Stoff in frischer Gewandung und ließe sich in etwa als eine Art feministisches, jiddisches Kammerspiel-Gegenstück zu Judd Apatows „The King Of Staten Island“ bezeichnen. Wie dessen Protagonist mag auch die wohlbehütet aufgewachsene, von ihren Eltern stets klein gehaltene Danielle sich nicht recht dem fügen, was alle Welt und allen voran die eigene Mischpoke von ihr erwartet. Kein Wunder, denn die entsprechenden Bilder sind von geradezu destruktiver Konventionalität, die so ziemlich allem widerspricht, was die kluge, junge Frau in ihrem Innersten wirklich umtreibt. Nicht nur, dass sie keinem erfolgs- oder vielmehr karriereorientierten Studiengang nachgeht, sondern irgendwas mit Genderforschung, derweil die in sämtlichen Belangen deutlich gefestigtere Maya im Rechtswesen Fuß fassen wird, ist sie auch noch auf der Suche nach ihrer sexuellen Identität. Bi, lesbisch gar? Das weiß Danielle selbst nicht so recht, als „Sugar Baby“ (so der Name einer einschlägigen Dating-App) lässt sie sich für entsprechende Dienstleistungen jedenfalls regelmäßig von älteren Herren wie Max entlohnen; zu einer potenziell durchaus stabilen Beziehung mit Maya zu stehen, wäre ferner kaum im Sinne eherner traditioneller Werte.
Den daraus resultierenden Spießrutenlauf erzählt Emma Seligman binnen knapp achtzig Minuten und unter Konzentration auf einen Handlungsschauplatz als eine Art emotionales „High Noon“, als Konflikt zwischen innerer und äußerer Welt – von Scham- und Panikattacken gebeutelt bersucht die arme Danielle, das beste aus ihrer sich zuspitzenden, misslichen Lage zu machen, die sich zusätzlich noch sukzessiv dadurch verschärft, dass manch unangenehme Wahrheit wegen ihrer eigenen Ungeschicklichkeit (sie lässt ihr Handy ungesperrt auf der Toilette liegen) ans Tageslicht kommt. Die daraus resultierende, glänzende Komik ist gleichermaßen Seligmans wunderbar scheinchaotischer (Dialog-)Dramaturgie wie Rachel Sennotts exzellenter Performance zuzuschreiben. In seinen schönsten Momenten erinnerte mich „Shiva Baby“ zudem an Altmans Meisterwerk „A Wedding“ – beileibe nicht die schlechteste Referenz.

8/10

THE DARE

„I could’ve had what you had…“

The Dare ~ USA/UK/BG 2019
Directed By: Giles Alderson

Eines Abends wird Jay Jackson (Bart Edwards), Ehemann und Vater zweier kleiner Töchter, aus seinem Vorstadthäuschen entführt und erwacht später angekettet in der Ecke eines maroden Raumes. Mit ihm gefangen sind noch drei andere Personen etwa gleichen Alters, die jeweils in den anderen Ecken der Kammer kauern: Der Wachmann Adam (Richard Short), die abgeklärt wirkende Kat (Alexandra Davis) und der übel zugerichtete Paul (Daniel Schutzmann). Wie der verstörte Jay erfährt, sind alle vier Opfer eines mysteriösen Kidnappers (Robert Maaser), der seine Gefangenen rohes Fleisch essen lässt und sie immer wieder mittels perverser Aktionen quält, die sie sich gegenseitig zufügen müssen. Es dauert eine Weile, bis man auf ein Ereignis in der Vergangenheit stößt, das die vier miteinander verbindet: Einst als Kinder haben sie während eines Sommerurlaubs einen kleinen Jungen namens Dominic (Mitchell Norman) gemeinsam gequält und einer „Mutprobe“ unterzogen: Dominic sollte in das Haus eines lokal berüchtigten Farmers (Richard Brake), dem man nachsagte, seinen eigenen Sohn ermordet zu haben, eindringen und dort zwanzig Minuten ausharren. Der Junge wurde danach nie mehr gesehen und die Vier haben niemandem je davon erzählt. Wie sich herausstellt, ist ihr muskelbepackter, maskierter Entführer und Marterer der mittlerweile erwachsene Dominic, dessen bisherige Biographie mit Grauen und Blut angefüllt ist und der nun Rache will für alles ihm Widerfahrene…

Kinder, frohlocket, der Folterporno lebt!
Die filmhistorischen Vorbilder zu Giles Aldersons durchaus ordentlich inszeniertem Regiedebüt sind evident: „The Dare“ orientiert sich formal an der entsprechenden Genrewelle der nuller Jahre und explizit dem von James Wan inszenierten Startschuss des „Saw“-Franchise, verquickt dessen Szenario mit dem Slasher-Klassikern wie Maylams „The Burning“ oder Hiltziks „Sleepaway Camp“ und setzt noch eine gehörige Prise „Sonny Boy“ hinzu. Es gibt, um das Ganze nochmal kurz abzureißen, also einen wahnsinnigen Maskenmann, der als Kind von Gleichaltrigen misshandelt, dann durch deren Schuld von einem geisteskranken Hillbilly-Widerling (Richard Brake in einer denkwürdigen Performance) gekidnappt und großgezogen wurde und sich nun für alles Erlittene – und selbiges ist nicht von Pappe – rächen will. Man darf Alderson bescheinigen, dass er sich zumindest redlich müht, bei allen, im Laufe seines Films wohldosiert aufgebotenen, ostentativen Widerwärtigkeiten die einem solchen Plot inhärente Kaspar-Hauser-Tragik nie ganz aus dem Blick zu verlieren und seinem Film damit auch ein psychologisch fundiertes Profil zu verabreichen. Dies soll durch einen steten Wechsel aus Gegenwartsgeschehen und Rückblenden erfolgen, gelingt allerdings nur in wenig überzeugendem Maße – allzu augenfällige Klischees, holzschnittartige Charakterisierungen und nicht zuletzt die teils immens unglaubwürdige Konstruktion der immerhin zwei Erzähljahrzehnte umspannenden Story löchern „The Dare“ beständig und höhlen ihn letztlich soweit aus, dass man letzten Endes nie gänzlich in ihn hineinzufinden vermag. Dass es durchaus auch kleine, augenzwinkernde Reminiszenzen an massenkulturelle Phänomene wie den Superhelden-Film gibt (Dominics Geschichte hat etwas von einer auf den Kopf gestellten comic origin, die dann ja am Ende sogar ein entsprechendes Endprodukt hinterlässt; zudem stellt der ausnahmsweise ausschließlich psychisch entstellte, physiognomisch jedoch gutaussehende Killer einen bewusst arrangierten Gegenentwurf zur Genretradition dar) verhindert nicht, dass Aldersons Film sich letztlich dann doch primär auf seine sorgfältig arrangierten, natürlich an Ekelintensität zunehmenden Foltereien reduziert, einen ziemlich dämlichen Epilog inbegriffen.
Ich finde „The Dare“ fazitär nicht gänzlich misslungen, aber er bleibt doch weit hinter seinen selbstgesteckten, hohen Ansprüchen zurück. Dennoch, vielleicht geht bald auch der gute Dominic dereinst in Serie. Das haben ja vor ihm schon ganz andere geschafft.

5/10

VUELVEN

Zitat entfällt.

Vuelven (Tigers Are Not Afraid) ~ MEX 2017
Directed By: Issá López

Die kleine Estrella (Paola Lara) lebt mit ihrer alleinerziehenden Mutter (Viviana Amaya) in einem der Stadtbezirke von Mexico City. Als es eines Vormittags eine der üblichen Schießereien zwischen den rivalisierenden Narcos gibt, endet die Schule früher. Doch Estrellas Mutter ist nicht zu Hause und sie wird auch nie mehr kommen. Die Wohnung bleibt verlassen und das Mädchen ist von nun an auf sich gestellt. Jedoch scheint der Geist von Estrellas toter Mutter sie fortan überallhin zu verfolgen. In vier obdachlos lebenden Jungen, Shine (Juan Ramón López), Tucsi (Hanssel Casillas), Pop (Rodrigo Cortes) und Morro (Nery Arredondo), die ähnliche Schicksale wie Estrella durchleben, findet Estrella zunächst zögerliche Freunde. Für ihre jeweiligen Verluste machen die Kinder die Huascas verantwortlich, ein von mehreren Brüdern geleitetes Menschenhändler-Syndikat, dessen Kopf Caco (Ianis Guerrero) der Schlimmste von ihnen sein soll. Um den mittlerweile ebenfalls gekidnappten Morro zu befreien und sich der Mitgliedschaft in der Jungenbande als würdig zu erweisen, soll Estrella Caco in seinem Haus erschießen – mit dessen eigener Pistole, die Shine ihm ein paar Nächte zuvor mitsamt seinem Handy gestohlen hat. Estrella findet Caco bereits ermordet vor, kann Morro jedoch nebst ein paar anderen Kindern herausholen. Durch die Aktion ziehen die Kinder nunmehr erst Recht die Aufmerksamkeit der Huascas auf sich, denn auf dem gestohlenen Handy findet sich ein Video, das den in der Politik aufstrebenden Chino (Tenoch Huerta) beim Foltermord an einer Frau zeigt – wie sich herausstellt, Estrellas Mutter…

Durch ihre Aufnahme in das Portfolio des US-Horror-Streaming-Anbieters Shudder konnte Issá López mit bescheidenen Mitteln hergestellte Indie-Produktion „Vuleven“ zwar noch nicht die ihr gebührende, globale Aufmerksamkeit erzielen, sich jedoch zumindest einen kleineren Bekanntheitsgrad auch im anglophonen Raum erschließen. Das traurige, höchst sozialrelevante Thema spurlos verschwindender und/oder auf sich selbst gestellter Kinder in Mexiko diente der üblicherweise im bekömmlicheren Komödienfach tätigen López nach eigenem Bekunden dabei als Aufhänger, um auch persönliche Traumata aufarbeiten zu können. Dass etwa ihr Landsmann Guillermo del Toro „Vuelven“ besonders schätzt (dies wird in einem von ihm mit der Regisseurin geführten Podiumsinterview beim TIFF deutlich, das auf der unbedingt empfehlenswerten US-Blu-ray-Veröffentlichung enthalten ist), verwundert dabei kaum – auch in seinen Filmen „El Espinazo Del Diablo“ und „El Laberinto Del Fauna“ ging es um die Konfrontation kindlicher Seelenwelten mit dem überaus realen Horror erwachsener Gewalt und wie sie diese mittels Realitätsfluchten unbewusst zu bewältigen versuchen. Mit der Gewissheit darüber, dass sie ihre Mutter nie wiedersehen und sich fortan niemand aus der Welt der Schutzbefohlenen mehr um sie kümmern wird, nimmt Estrella Kontakt mit dem Übersinnlichen auf; bald ist es nicht nur ihre Mutter, sondern auch die vielen anderen ungesühnten Opfer von Cacos Entführungen und Chinos Perversionen, die sie als Medium anflehen: „Bring ihn zu uns!“ Estrella vertraut auf die Macht von Wünschen und Märchen, ist jedoch am Ende, nachdem zunächst der kleine Morro und schließlich auch Shine zu Opfern der omnipräsenten Gewalt geworden sind, gezwungen, ihr Kindsein und ihre moralische Unschuld für immer aufzugeben und selbst zu einer Hauptakteurin im ewigen Zirkel des Tötens zu werden.
Issá López nutzt als Narrativ für ihr hochdramatisches Stück klugerweise die reine Kinderperspektive und schildert die Ereignisse durch die Augen von Estrella sowie des sensiblen Shine, die mit ihren etwa zehn Lebensjahren noch die Abstraktionsfähigkeit besitzen, das Ungeheuerliche, dem sie ausgeliefert sind, in Form von Mutproben und Abenteuerspielen zu abstrahieren. Doch sie sind und bleiben Kinder und somit der brachialen, erwachsenen Gewalt, die sie ihrer Menschlichkeit entledigt und zu lästigem Ungeziefer degradiert, weitestgehend schutzlos ausgeliefert. López scheut sich nicht, diese Tatsache kompromisslos zu bebildern und erreicht damit trotz Estrellas poetisch visualisierten Übergängen in parallele Wahrnehmungsdimensionen mit Sühne fordernden Geistern und lebendig werdenden Stofftieren einen überaus harten, tragischen Realismus. Es ist schon ungerecht: Wo nur ein Jahr nach der Entstehung von López‘ Coming-of-Age-Manifest die Feuilletons der Welt und sogar die Academy breitgefächert über Alfonso Cuarons gewiss meisterhaften „Roma“ sprachen, wurde und wird ersterer geflissentlich ignoriert. Dabei hätte er zweifellos denselben Aufmerksamkeitsgrad verdient.

9/10

HEARTS IN ATLANTIS

„Just passing through, that’s all.“

Hearts In Atlantis ~ USA 2001
Directed By: Scott Hicks

Im Anschluss an die Beerdigung seines Kindheitsfreundes Sully erfährt der gesetzt lebende Familienvater Bobby Garfield (David Morse) zugleich vom Tode seiner ersten großen Liebe Carol. Wehmütig reist Bobby hernach in jene einstmals beschauliche Kleinstadt in Connecticut, in der er (Anton Yelchin), Carol (Mika Boorem) und Sully (Will Rothhaar) 1960 einen ganz besonderen Sommer erlebten und erinnert sich:
Der alternde, geheimnisvolle Ted Brautigan (Anthony Hopkins) zieht als Untermieter bei Bobbys verwitweter Mutter Liz (Hope Davis) ein und nimmt den Jungen unter seine ersatz(groß)väterlichen Fittiche. Bobby findet schon bald heraus, dass Ted nicht nur auf der Fluch vor „mysteriösen Männern in dunklen Autos und Anzügen“ ist, sondern auch über telepathische Fähigkeiten verfügt. Die tiefe Freundschaft zu Ted hilft Bobby, wesentliche Dinge über das spätere Erwachsenendasein zumindest ansatzweise zu begreifen, eröffnet ihm aber zugleich auch viele Schattenseiten des Ältwerwerdens. Am Ende dieses Sommers wird Bobby traurig, sehr viel weniger naiv, aber auch innerlich gestählt daraus hervorgehen.

Scott Hicks‘ Filmadaption der 1999 veröffentlichten Kurzgeschichte „Low Men In Yellow Coats“ von Stephen King, die aus naheliegenden Gründen den Titel der Gesamtanthologie verpasst bekam, erweist sich in Inhalt und Form gleichermaßen als prototypischer, king’scher Coming-of-Age-Stoff. Die für ein entsprechendes mediales Konglomerat wesentlichen Aspekte, wie man sie etwa aus Rob Reiners „Stand By Me“ und auch aus den beiden „It“-Adaptionen kennt, sind durchweg vorhanden; Kindheitserinnerungen an die Schwelle zum Erwachsenwerden; voll von nostalgischen Ingridienzien wie zeitgenössischer Musik, Autos, der ersten Romanze, älteren Bullys, Foot- und Baseball-Memorabilia, frühen Erfahrungen mit Literatur und natürlich der unbedingt zu misstrauenden Elterngeneration, deren einstige, eigene Unschuld längst durch reaktionäre Politik und private Traumata unwiederbringlich korrumpiert wurde. Nicht zu vergessen natürlich der neuenglische, kalendarische Sommer, der allmählich in die herbstlich-bunten, stets aber auch den Tod ankündigenden Wochen des indian summer überwechselt.
Dreh- und Angelpunkt für Bobby Garfields letzten Kindheitssommer ist die Ankunft jenes beeindruckenden Ted Brautigan, eines ebenso belesen wie müde wirkenden älteren Herrn, der allerdings ein aufrichtiges Herz für Kinder und im Speziellen Bobby besitzt (ganz zum unwirschen Misstrauen von dessen Mutter). Ted liebt Root Beer und seine Chesterfields und lenkt Bobbys künftige Biographie an ein paar entscheidende Abzweigungen. Dazu gehört gezwungenermaßen auch, dass Bobby bittere Erfahrungen mit den jedweder Unschuld entledigten Resultaten des Älterwerdens sammeln muss: Die beginnenden 1960er, nach wie vor eine Phase mannigfaltiger gesellschaftlicher Repression, stehen noch immer im Schatten des bereits versandet geglaubten McCarthyismus; offenbar befleißigt sich Hoover mittlerweile einer geheimen Sonderabteilung (jene titelgebenden „low men“), die „psychische Talente“ wie Ted Brautigan nötigt, für sie subversive Elemente ausfindig zu machen und auch ihm unerbittlich nachstellen. Verdachtsmomente und Denunziation bestimmen auch das Leben von Bobbys seit dem Tod ihres Mannes orientierungslos vor sich hin lebender Mutter, die am Ende ihre persönliche, tiefe Schmach gegen Brautigan umlenkt und damit beinahe auch die letzten Vertrauensfäden zu ihrem Sohn kappt. Ältere Jungen wie der (unschuldig?) bösartige Harry Doolin sehen sich indes vor der Welt und vor allem sich selbst gezwungen, ihre individuelle Sexualität zu unterdrücken und kanalisieren ihren Frust, indem sie kleine Mädchen mit Baseballschlägern verprügeln. Dennoch liebt King diese Zeit seiner eigenen Kinder- und Jugendtage ungebrochen; das wird allein darin deutlich, wie Hicks diese Ära mit der Gegenwart konterkariert. Von 1960 ist in der Gegend um Bobbys Elternhaus vierzig Jahre später nichts mehr übrig. Alles vor Ort ist nurmehr schmutzig, kalt, farblos und verfallen und nur ein altes, rostiges Windspiel erinnert noch an den unumstößlichen sense of woner glorreicher Kindertage. Carols zufällig vorbeischlendernde Tochter (Mika Boorem) ist ihrer Mutter zwar wie aus dem Gesicht geschnitten, wirkt mit ihrer Emo-Schminke aber glatte fünf Jahre älter.
Gewiss, „Hearts Of Atlantis“ ist alles andere als frei von Kitsch und Klischees; ganz im Gegenteil befleißigt er sich eben aller Elemente, die für sein Vorhaben naheliegend sind. Zugleich bereitet er damit jedoch auch einen bequemeren Zugang zu den tiefliegenderen Schichten seines Wesens, die Abgründigkeit und den sublimen Horror, die stets vor allem hinter der am weißesten getünchten Fassade zu finden sind. Ob man das so akzeptiert, steht ja glücklicherweise frei. Ich finde auch diese King-Adaption trotz manch offenkundiger Schwäche sehr schön.

8/10

LOVE AND MONSTERS

„Don’t settle. You don’t have to. Even at the end of the world.“

Love And Monsters ~ CAN/USA/AUS 2020
Directed By: Michael Matthews

In Abwendung eines drohenden Meteoriteneinschlags schießt die Menschheit biochemische Raketen ins All. Der anschließende Fallout sorgt dafür, dass sämtliche kaltblütigen Tiere zu gewaltigen, fressgierigen Monstern mutieren und die Erdbevölkerung von diesen dann doch noch stark dezimiert wird. Die verbliebenen Überlebenden schließen sich zu Kolonien zusammen, die sich, stets auf der Hut vor den Kreaturen, in hermetisch abgeriegelten Verstecken verbarrikadieren. Sieben Jahre nach der Apokalypse lebt der Midtwen Joel (Dylan O’Brien), der einst seine Eltern verloren hat, als einziger Single bei einer Kolonie unterirdisch hausender, junger Leute und begnügt sich dort mit einem eher ereignislosen Dasein als Suppenkoch. Als er eines Tages per Funk seine frühere Freundin Aimee (Jessica Henwick) aufspürt, reift in ihm der Wunsch, zu ihr zu gelangen, um die alte Liebe neu zu entflammen. Schließlich macht er sich zu Fuß auf die gefährliche Reise durch die Monsterwelt und findet am Ende etwas ganz anderes, als er erwartet hätte…

Nachdem ich bereits drauf und dran war, „Love & Monsters“ nach den ersten Minuten, in denen er sich geriert wie eine postapokalyptische nerd comedy im Stil des fürchterlichen „Zombieland“, flugs abzuhaken, holte mich Michael Matthews zweite Feature-Regie dann doch noch amtlich ab und nahm mich mit sich auf seine liebenswerte Reise. Spätestens in dem Moment, in der Joel seinen Hund Boy trifft und fortan mit ihm durch Dick und Dünn geht, hatte das hübsche Fantasymärchen auch euren Chronisten auf seiner Seite, bekanntermaßen ja großer Hundeliebhaber und insofern daraufhin voll bei der Stange. Doch natürlich ist der prächtige Boy nicht die einzige Attraktion, mit der der in Australien on location formidabel photographierte „Love And Monsters“ aufzuwarten weiß. Die glücklicherweise nicht inflationär, sondern als wohltemperierte Höhepunkte gesetzten Monsterkreationen gestalten sich durchweg grandios und sind von einer herzerfrischenden Kreativität, wie man sie im entsprechenden CGI-Bereich so selten findet. Dass die Viecher, zu denen man weitestgehend auch einen lädierten, Joel im Mittelteil über eine emotionale Durststrecke hinweghelfenden Roboter zählen kann, dann auch keinesfalls eindimensional, sondern sogar regelrecht nuanciert charakterisiert werden, zeugt von der gemeinhin recht anthroposophischen Weltsicht, die der Film trotz seines oberflächlich fatalistischen Themas zu transportieren schafft. Er liebt mit Ausnahme von den paar obligatorischen Bösewichtern am Ende seine menschlichen und tierischen Figuren und sogar seine Ungeheuer durch die Bank und setzt dem Zynismus der meisten Endzeitfilme damit ein geradezu kontrapunktives Signal. Auf blutige Details verzichtet „Love And Monsters“ dabei trotz deren eigentlich naheliegender Verwendung beinahe vollkommen und bietet sich somit gar als lohnenswertes Programm für etwas reifere Kinder an. Mein 9- oder 10-jähriges Ich hätte er jedenfalls zu frenetischen Begeisterungsstürmen hingerissen, doch auch die Fantasie im reiferen Manne kommt durchaus zu ihrem abenteuerlustigem Recht.
Dass Matthews – ob nun bewusst oder nicht – ganz nebenbei ein gar nicht mal so sehr auf den Kopf gestelltes Remake von Rob Reiners immergrünem Coming-of-Age-Klassiker „The Sure Thing“ liefert, welches aus Daphne Zunigas damaligem Part kurzerhand einen Australian Kelpie macht, ist ein weiterer Bonus dieses unerwartet schönen Films. Two thumbs up.

8/10

SONNY BOY

„You’re truly a man of vision, Slue.“

Sonny Boy (Satanic – Ausgeburt des Wahnsinns) ~ USA/I 1989
Directed By: Robert Martin Carroll

Der Psychopath Slue (Paul L. Smith) hat die gesamte Wüsten-Gemeinde Harmony unter seiner Fuchtel. Zusammen mit seinen beiden Liebhabern Pearl (David Carradine) und Weasel (Brad Dourif) bewohnt er eine kleine Farm unweit des Ortskerns, von der aus das Trio seine miesen Hehlereigeschäfte organisiert. Stets behilflich dabei ist ihnen der nicht minder abgründige Charlie P. (Sydney Lassick). Als Weasel eines Tages ein junges Ehepaar ermordet und unwissentlich dessen Baby mitnimmt, kann Pearl Slue nur mit Mühe überreden, den Kleinen nicht gleich zu entsorgen. Stattdessen komplettiert „Sonny Boy“, wie der Junge getauft wird, bald das dysfunktionale Familienleben. Zu einer Art Kampfhund-Ersatz trainiert und seiner Zunge entledigt, haust Sonny Boy fortan zeitlebens in einem Getreidesilo und wird, zum jungen Mann (Michael Boston) herangewachsen, nur herausgelassen, wenn Slue ihn für spezielle Killerjobs benötigt. Als Sonny Boy eines Tages entwischt und mit einem ungehalten reagierenden Rockerpärchen (Christopher Bradley, Samantha Phillips) konfrontiert wird, wollen die Leute von Harmony Slues Treiben nicht länger zusehen und bilden, unter der Führung der resoluten Sandy (Savina Gersak), einen Lynchmob um der Clique ein für allemal den Garaus zu machen. Einzig der versoffene Doc Bender (Conrad Janis) und die junge Rose (Alexandra Powers) haben ein Herz für Sonny Boy.

Ein hübsch verrücktes, dabei sehr poetisches Stück Film, so abseitig und zielgenau am Massengeschmack vorbei, dass es ihm nie leicht fiel, sich irgendwo dauerhaft setzen zu können. Herstellungsgeleitet von Ovidio G. Assonitis, bevor dieser kurz darauf CEO bei Cannon wurde und versuchte, sich mit oftmals etwas seltsamen, italienisch-amerikanischen Co-Produktionen für den US-Markt zu empfehlen, ist „Sonny Boy“ ein Film, der mit breit ausgestelltem Selbstbewusstsein zwischen allen Stühlen Platz nimmt und sich folglich auch einer eindeutigen Genre-Kategorisierung verweigert. Western, Horror, Terror- Gangsterfilm gar? Spielt keine Rolle. Ein bisschen was von allem findet man ohne es zu suchen in dieser bizarren Kaspar-Hauser-Paraphrase, wobei man sie wohl noch am ehesten als Groteske oder auch als schwarze Komödie bezeichnen könnte. New Hollywood blitzt hier und da auf; Dennis Hopper oder Carl Reiner, derwel Philip Ridley und Rob Zombie antizipiert zu werden scheinen. Carrolls Werk spielt in einer Art gegenwärtigem, nichtsdestotrotz aber postapokalyptischem Metaamerika, in dem der dicke, schwitzende Protagonist Paul Smith, den man als Second-Hand-Bud-Spencer aus den Siebzigern kennt, als widerwärtigen Gefängnisboss in „Midnight Express“ und aus zig anderen, sonderbaren Nebenrollen, wiederum wirkt wie ein aus seiner Zeit gerissener Al Swearengen, ein frontier badman, der sich bequem in seinem kleinen, vom Rest der Welt losgelösten Mikrokosmos eingerichtet hat. So, wie sie es sich machen, gestaltet sich das Leben durchaus idyllisch für Slue und seine Transgender-Frau Pearl, die David Carradine mit ganz viel abgründiger Hingabe interpretiert. Mit Pearl, dem vom wie immer zuverlässigen Brad Dourif gespielten, tatsächlich wieselhaften Wüstenpunk Weasel und ergänzt um den nicht minder unverkennbaren Sydney Lassick als verschlagenem Gernegroß Charlie P. ergibt sich ein anarchisches quartet infernal, das keinerlei gesellschaftliche Normen und Dogmen für sich gelten lässt. Slue betätigt sich nebenbei als Maler interessanter Gemälde wie überhaupt das Meiste auf der Farm, die Türme alter Schwarzweiß-Fernseher oder eine Plastikpyramide, in der die Männer ihr Zeug horten, etwas von Installationskunst besitzt. Die den Plot begründende Tatsache, dass die kleine Gang mal ebenso nebenbei den Lebensweg eines Babys umleitet, den Jungen hernach einer lebenslangen psychischen und physischen Tortur aussetzen und ihn zum Killer machen, hindert den Film allerdings nicht, ihnen verquere Sympathien zu lassen, was es ihm zusätzlich schwer gemacht haben wird. Auf die Titelfigur fokussiert „Sonny Boy“ sich dann erst mit zunehmender Erzählzeit, wobei auch das im Prinzip völlig nebensächlich, weil nicht minder entrückt ist als andere in Carrolls Film. Am Ende, wenn der trotz seines Martyriums stets hübsch gebliebene Sonny Boy eine neue Zunge erhält und die verbale Kommunikation zurückgewinnt, erhält das Ganze sogar noch märchenhaftere Züge als ohnehin schon. Nicht das Ziel zählt hier, sondern der behaglich-wahnsinnige Weg dorthin. Der wunderbare, von David Carradine geschriebene und gesungene Titelsong beschreibt das eigentlich schon ganz passend.

7/10

THE KING OF STATEN ISLAND

„I’m on drugs.“

The King Of Staten Island ~ USA 2020
Directed By: Judd Apatow

Erwachsenwerden mit 24 – geht das überhaupt? Schwerlich, wie sich anhand des bei seiner verwitweten Mutter Margie (Marisa Tomei) eingenisteten Spätadoleszenten Scott Carlin (Pete Davidson) erweist. Als Existenzversager – zumindest im neoliberalen Sinne – kann Scott wenig und hat gar nichts. Auch wenn er davon träumt, auf Staten Island als renommierter Tattoo-Künstler zu reüssieren, halten ihn allerlei psychosomatische Wehwehchen, darunter ADHS, Morbus Crohn und konstanter Marihuana-Konsum, davon ab, sich auf eigene Füße zu stellen. Stattdessen gammelt er mit seinen nicht minder verpeilten Kumpels (Ricky Velez, Lou Wilson, Moises Arias) herum und fällt Margie und seiner jüngeren Schwester Claire (Maude Apatow) auf den Wecker. Als sich Margie infolge eines ausgerechnet durch Scott selbst herbeigeführten Zufalls in den geschiedenen Feuerwehrmann Ray (Bill Burr) verliebt und zum ersten Mal überhaupt seit dem Tod von Scotts Dad (der ebenfalls Feuerwehrmann war und im Einsatz gestorben ist) wieder ein wenig persönliches Glück findet, investiert der eifersüchtige Filius fortan sämtliche Energie darin, Ray zu torpedieren, mit dem Erfolg, dass nicht nur dieser, sondern auch Scott selbst bei seiner Mom rausfliegt. Der vorübergehend Obdachlose findet ein Heimdach bei der Feuerwehr, die ihn als Faktotum akzeptiert und Scott zumindest die Gelegenheit bietet, ein wenig Selbstreflexion zu üben.

Judd Apatow hatte ich lange nicht mehr auf dem Schirm – der letzte Film vor „The King Of Staten Island“, den ich von ihm gesehen hatte, war der nunmehr rund elf Jahre alte „Funny People“. Seine aktuelle Regiearbeit zeigt, dass ihn noch dieselben Topoi umtreiben wie eh und je – spätes Erwachsenwerden es sich in ihren gepflegten Neurosen bequem machender Kindmänner und natürlich der Mut zur aufrichtigen Liebe als Lebensretter in allen Lagen sind davon die vordringlichsten. Auch in der Tradition des Frühwerks von Kevin Smith, der eben Brooklyn statt Staten Island zum Mikorokosmos seiner damaligen Generation Slack kürte, kann man „The King Of Staten Island“ zumindest in Teilen verhaftet sehen; kiffende Hänger, deren mittelfristige Lebensziele sich im Stopfen des nächsten Pfeifchens erschöpfen, kennt man daher noch recht gut. Der mit einem feisten Überbiss gesegnete SNL-Komiker Pete Davidson re-erfindet seine Figur in ebenjust dieser Tradition, wobei zumindest die psychologische Skizzierung, Apatows eigenem Alter geschuldet, doch ein wenig nuancierter ausfällt. Ein Held, geschweige denn ein König, ist Scott Carlin weder innerhalb der Realität des Films, noch wird das Publikum genötigt, ihn als solchen in Empfang zu nehmen. Gleich seine Einführung macht deutlich, dass man es in den kommenden zwei Stunden mit einem jungen Mann zu tun bekommen wird, der es weder sich selbst noch seinem Interaktionsradius leicht macht. Und tatsächlich entwickelt sich die Beziehung zwischen Scott und uns zu einer veritablen Hassliebe. Einerseits hat der Typ ja durchaus witzige bis geisteshelle Momente und Qualitäten [die nebenbei immer dann hervortreten, wenn man es am wenigsten erwartet – etwa im ihm aufgenötigten Umgang mit Rays kleinen Kindern (Luke David Blumm, Alexis Rae Forlenza)], andererseits fühlt man sich allenthalben genötigt, ihm eine autoritäre Tracht Prügel zu verabreichen. Und natürlich ist Apatow gut genug zu uns und vor allem zu Scott, ihn am Ende existenzielle Teilsiege erringen zu lassen. Ein durchaus liebenswertes Feel-Good-Movie ist das erfreuliche Resultat, eine Hommage an die Freundschaft wider alle Barrieren sowie die überschaubare Heimeligkeit von Suburbia im Schatten des Molochs Großstadt zudem und – natürlich – an die Romantik.

8/10

THE NEW MUTANTS

„All of you are dangerous. That’s why you’re here.“

The New Mutants ~ USA 2020
Directed By: Josh Boone

Nachdem das Reservatsdorf der jungen native Danielle Moonstar (Blu Hunt) von einer unerklärlichen, monströsen Katastrophe heimgesucht und alle Einwohner außer ihr selbst getötet werden, erwacht Dani in einer von der Außenwelt abgeschirmten Anstalt mitten im Nirgendwo. Ihre für eine mysteriöse Organisation tätige Therapeutin Dr. Reyes (Alice Braga) eröffnet Dani, dass sie eine Mutantin ist. Mit ihren vier MitinsassInnen Rahne Sinclair (Maisie Williams), Illyana Rasputin (Anna Taylor-Joy), Charlie Heaton (Sam Guthrie) und Roberto da Costa (Henry Zaga) ebenfalls MutantInnen in ihrem Alter, knüpft Dani nur zögerlichen Kontakt. Auch um deren Fähigkeiten und persönliche Traumata erfährt sie erst nach und nach. Die Jugendlichen raufen sich aber dennoch zusammen, um jener gewaltigen Bedrohung, die von niemand Geringerem ausgeht als Dani Moonstar selbst, gemeinsam entgenzutreten.

Mit der originalen 1982er Graphic Novel „The New Mutants“ von Chris Claremont, die die NachwuchsmutantInnen Psyche, Wolfsbane, Cannonball und Sunspot als X-Men-Youngsters als Nachfolger der mittlerweile selbst erwachsen gewordenen Originale einführte, sowie deren nachfolgender Serie, hat Josh Boones produktionsgebeutelte Adaption nicht mehr allzu viel zu tun. Die Anbindung an den X-Men-Kosmos ermangelt etwa den obligatorischen Mentor Charles Xavier und noch weitere handlungstragende Details, ebenso wie sie aus mir etwas unerfindlichen Gründen die eigentlich erst später hinzustoßende Colossus-Schwester Magik hinzusetzt, die in den Comics eigentlich etwas anders verangelt ist. Dennoch werden Geist und Atmosphäre der frühen „New Mutants“-Ausgaben recht adäquat eingefangen und wiedergegeben. Die zeitweilig von dem avantgardistischen Genie Bill Sinkiewicz gezeichnete Reihe verstand sich rasch als noir-affine teenage-angst-variation der klassischen Superheldentypologien wesentlich zugetaneren X-Men mit modernen Coming-of-Age- und Horror-Elementen sowie deutlich intimeren storylines. Auch der Film grenzt sich insoweit stark von den bisherigen „X-Men“-Kinoabenteuern ab, indem er sich auf ein überschaubares Figurenensemble von sechs annähernd gleichrangigen ProtagonistInnen stützt, entwicklungspsychologische Ansätze in den Vordergrund rückt und einen hermetisch begrenzten Schauplatz an die Stelle von gewaltigen Schlachten gegen Superschurkenarmeen setzt. Davon fühlte sich das von rauschenden CGI-Orgien verwöhnte, ordinäre Superheldenfilm-Krawall-Publikum erwartungsgemäß vergrätzt. „The New Mutants“ bietet dann auch tatsächlich recht verschrobenen, eigenwilligen Fantasy-Horror fürs Pubertier, mit einem aufgrund des limitierten Budgets in punkto Effektarbeit eher mäßig bebilderten Showdown und firmiert zum gegenwärtigen Zeitpunkt, nach zigmal verschobenen Starts, wohl als das, was man gemeinhin als „Flop“ bezeichnet. Dass er nichtsdestotrotz um einiges beseelter, schöner und interesanter ausfällt als der zwar deutlich teurere, zugleich aber wesentlich flachere „Dark Phoenix“ spricht wiederum für ihn. Ob aus diesem stiefmütterlich behandelten „Corona-Opfer“ noch die ursprünglich geplante Trilogie wird, darf bezweifelt werden. Ich wäre jedoch an Bord.

7/10

WAVES

„All we have is now.“

Waves ~ USA 2019
Directed By: Trey Edward Shults

Die in Florida lebende, wohlhabende Familie Williams besteht aus Vater Ronald (Sterling K. Brown), einem unbeugsamen Ehrgeizling, seinen beiden Kindern Tyler (Kelvin Harrison Jr.) und Emily (Taylor Russell) sowie Ronalds zweiter Frau Catherine (Renée Elise Goldsberry), die die beiden Kids liebt als wären es ihre eigenen. Erfolg und gesellschaftliches Renommee sind besonders für Ronald von unschätzbarem Lebensrang und so erzieht er vor allem Tyler, der als Ringer in der High-School-Mannschaft Erfolge feiert, ganz nach diesem Gusto. Der Junge, der eine glückliche Beziehung mit seiner Freundin Alexis (Alexa Demie) führt, verschweigt seinem Vater deshalb, dass er eine schwere Schulterläsion hat, die ihn eigentlich dazu zwingt, sofort mit dem Sport aufzuhören. Stattdessen entwickelt er allmählich eine Sucht nach starken Schmerzhemmern und zeigt sich auch anderen Rauschmitteln nicht abgeneigt. Als Alexis Tyler die Nachricht überbringt, dass sie von ihm schwanger ist, bedeutet dies den Beginn einer furchtbaren Verkettung von Tragödien, die die Williams‘ in den Abgrund zu reißen droht…

Mein persönliches Filmjahr 2021 hat mit Trey Edwards Shults‘ dritter Regiearbeit „Waves“ sein erstes veritables Meisterwerk zu verbuchen – und wie schön, dass es sich dabei sogar um ein aktuelles Werk handelt! Unweigerlich drängte sich mir der eigentlich gar nicht mal so evidente Vergleich zu Nolans „Tenet“ auf: hier hätten wir zwei (rein zufällig) pandemieflankierende Filme im finalen Jahr der Ära Trump mit afroamerikanischen Protagonisten von jeweils weißen Filmemachern. Wo ersterer ein sich sukzessiv selbst vergrabendes, kryptovulgäres Genremedley ohne wirkliche Nachhaltigkeit darstellt, bietet „Waves“ formal durchdachtes, ebenso aufregendes wie bittersüßes Erzählkino von selbst hohem literarischen Rang, das den Spagat zwischen modellhaft-klassisch konnotiertem Dreiakter-Drama und innovativer Frische scheinbar mühelos vollzieht. Mit der Verdichtung des Inhalts vollzieht sich bei Shults zugleich kaum merklich eine Verengung des Bildkaders – wo Nolan seine Formate und Maskierungen zunehmend willkürlich wechselt, hat hier all dies Hand, Fuß und vor allem Geist und Herz. Auf die unweigerliche, erschütternd zäsurische Klimax hinaus- und hernach in die dringend nötige, kathartische Heilung zurücklaufend berichtet „Waves“ nicht nur von zwei miteinander verknüpften Geschwisterschicksalen vor maroder Familienkulisse, sondern auch von etlichen, zeitgenössischen Problemen der amerikanischen Bevölkerung. Auf den tiefen, berdrückenden Fall Tylers folgt das geradezu phoenixhafte Aufblühen seiner jüngeren Schwester Emily, die im universalen Gefüge gewissermaßen all das wieder richtet, was ihr Bruder (und mittelbar auch ihr Vater) zuvor zerstört haben. In Emily, von der wunderbaren Taylor Russell gespielt und eine der größten Lichtbringergestalten im jüngeren US-Film, liegt, das darf man nach der leuchtend bunten, warmen Post-Credit-Melange von „Waves“ wohl mit Fug und Recht behaupten, alle nur denkbare Hoffnung für eine rosigere Zukunft der Menschheit. Emily überwindet. Sie überwindet Rassenschranken, Hass, Angst, Trauer, Entfremdung und Entzweiung, wie es sonst nur die Zeit selbst vermag. Sie zeigt, wie es richtig geht, zeigt es Alt und Jung. Sie salbt, verbindet und pflegt, einer sakrosankten Krankenschwester gleich. Wo „Tenet“ permanent nach wokeness strebt und viel behauptet, veräußert „Waves“ sie ganz einfach so – unaufdringlich, authentisch und gewissermaßen gefühlsecht.
Eine junge, farbige Frau wächst in jedweder Hinsicht über sich selbst und ihre ganze, von tiefen Gräben durchzogene Nation hinaus und benötigt dazu lediglich eins: ihr goldenes, leuchtendes Herz.
Nur Liebe; für Emily, für Taylor Russell und am allermeisten für diesen beinahe beängstigend perfekten Film.

10/10

KIM

„The sky is the same color wherever you go.“

Kim ~ USA 1950
Directed By: Victor Saville

Indien in den 1890ern. In den Slums von Lahore schlägt sich Kim (Dean Stockwell), ein irischstämmiger Waisenjunge, mit allerlei Keckheit und Finesse durchs Straßenleben. Stark angepasst an die landeseigene Kultur spielt sein Erbe als Sohn weißer Eltern nurmehr eine untergeordnete Rolle für ihn. Zwei besondere Freundschaften zu erwachsenen Männern bestimmen bald seine künftige Existenz: Die zu dem rotbärtigen, für die Briten arbeitenden Agent Mahbub Ali (Errol Flynn), der Kim als Spitzel anlernt und die zu einem alten tibetanischen Lama (Paul Lukas), der zu Kims spirituellem Ersatzvater wird. Nachdem Kim seine wahre Herkunft – sein verstorbener Vater stand als Soldat im Dienste der Armee – sowie seinen echten Namen Kimball O’Hara jr. entschlüsselt hat, kommt er an ein renommiertes Internat. Die Ferien jedoch verbringt er wieder mit seinen alten Freunden, wobei ein gefährliches Abenteuer mit zwei russischen Spionen (Roman Toporow, Ivan Triesault) auf ihn wartet…

Die nach Rudyard Kiplings berühmtem Roman entstandene Adaption ist einer der schönsten und prächtigsten Abenteuerfilme seiner Ära und wohl auch überhaupt. Das Verfilmungsprojekt schlummerte bereits Jahre zuvor in der development hell bei MGM, bis es dann schließlich unter der Regie des Engländers Victor Saville zum Leben erweckt werden konnte. Unter anderem sorgte der Zweite Weltkrieg nebst seiner politischen Ausgangssituation dafür, dass die antirussische Haltung von Roman und Film, deren Geschichte der stark imperialistisch geprägte Kipling zwischen dem zweiten und dritten afghanischen Krieg angesiedelt hatte, sich zuvor nicht komplikationslos hätte umsetzen lassen. Mit dem nunmehr beginnenden Kalten Krieg hatten sich die Verhältnisse bekanntermaßen gedreht. Freilich verzichtet Savilles Werk auf einige der episodisch angelegten Nebenmstränge des Buchs und setzt ganz auf Technicolor-Pracht und einen sehr romantisierenden, durch subjektive Kinderaugen eingefangenen sense of wonder in Anlehnung an Alexander Kordas Produktionen mit dem jungen Sabu. Dennoch bleibt er vornehmlich für erwachsene Betrachter interessant, indem er die durch seinen Autoren geprägte, kolonialistische Historizität präserviert. Darin verweben sich das vormalige Indien, die britische Vormacht, die exotischen Mysterien und die Multireligiosität Südasiens zu einem Abenteuerwundeland, das sich eben am Vortrefflichsten durch eine unschuldige Protagonistenperspektive examinieren lässt.
Seine vordringliche emotionale Spannkraft bezieht der Film zudem aus der Dreiecksgeschichte Kim – Mahbub Ali – Lama, dreier ja vollkommen unterschiedlicher Protagonisten, die sich spirituell immer weiter annähern. Vor allem die Beziehung zwischen dem Jungen und dem einerseits weltfremd erscheinenden und doch so weisen Alten rührt zu Tränen, zumal der Film letzterem kein so hoffnungsvolles (oder besser: ein endgültigeres) Finale gönnt wie der Roman.
Victor Saville, der bald darauf mit dem Großprojekt „The Silver Chalice“ dermaßen crashte, dass seine Karriere abrupt beendet war, erlangte niemals das Renommee vergleichbarer Regisseure seiner Ära, was man zumindest in Anbetracht der Formvollendung von „Kim“ nur als höchst bedauerlich bezeichnen kann.

9/10