THE BROWNING VERSION

„Just once I’ll say ‚No‘.“

The Browning Version (Schrei in die Vergangenheit) ~ UK 1994
Directed By: Mike Figgis

Nach 18 Jahren im Schuldienst wird Andrew Crocker-Harris (Albert Finney), Lehrer für klassische Sprachen an einem altehrwürdigen englischen Internat für Jungen, von der Leitung geschasst, vorgeblich wegen seiner schlechten gesundheitlichen Verfassung. Die wahren Gründe sind nicht ganz eindeutig, könnten aber vielerlei Natur sein. Crocker-Harris wird nebst seinem Unterrichtsfach vom zumeist deutlich jüngeren, sportlich aktiven Kollegium eher als trauriges Fossil betrachtet, seine Unter-Sekunda-Schüler mögen ihn nicht sonderlich und begegnen seiner trocken-resoluten, überstrengen Art mit einer Mischung aus Furcht und Respekt.
Crocker-Harris‘ deutlich jüngere Frau Laura (Greta Scacchi) erträgt indes das stets gefasste, kontrollierte Wesen ihres Gatten nicht und betrügt ihn, auch das ein mehr oder werniger offenes Geheimnis, mit Frank Hunter (Matthew Modine), einem amerikanischen Austauschlehrer für Chemie, der auch bei den Kids extrem beliebt ist.
Am Vortag seiner Verabschiedung erhält Crocker-Harris von Taplow (Ben Silverstone), einem der wenigen Schüler, die Sympathien für ihn hegen, eine antiquarische Ausgabe von Aischylos‘ „Agamemnon“ in der Übersetzung eines gewissen Robert Browning, mitsamt persönlicher Widmung des Jungen. Dieses Geschenk rührt Crocker-Harris zutiefst und zwingt ihn zur Reflexion.

„The Browning Version“ ist die neunte und bis dato jüngste von insgesamt neun filmischen Adaptionen des 1948 uraufgeführten Bühnenstücks nach Terence Rattigan. Zusammen mit der zeitgenössisch entstandenen 1951er-Version von Anthony Asquith dürfte Figgis‘ Arbeit zudem die populärste unter den zumeist fürs Fernsehen umgesetzten Verfilmungen bilden.
Da ich Asquiths Werk leider noch nicht kenne, kann ich diesbezügliche Vergleiche nicht anstellen, was Figgis und sein Autor Ronald Harwood jedoch aus Rattigans Vorlage herausholen, liefert in rund 90 Minuten eine ebenso messerscharfe wie vielschichtige Charakterisierung des Protagonisten. Andrew Crocker-Harris ist in vielerlei Hinsicht das, was man als „erhern britisch“ bezeichnen möchte: ein stets auf die Sekunde pünktlicher, steifer, immens pflichtbewusster Lehrer, der Emotionalität und vor allem deren Zurschaustellung verabscheut und die Widernisse seines Lebens an sich abperlen lässt wie ein Fels die Brandung. Seine Liebe zu latein und altgriechisch wirkt analog zu Crocker-Harris‘ ganzem Wesen aus der Zeit gefallen. Im Prinzip verkörpert er zwar genau jenen Ausbund an Tradition, für den seine Schule seit rund dreihundert Jahren steht, muss sich jedoch längst von der (post-)modernen Realität überholt wähnen (ein Faktum, das Figgis/Harwood besonders gut prononcieren, indem sie den mutigen Schritt gingen, die Geschichte kurzerhand in die Jetztzeit zu transponieren). Die „toten“ Sprachen und ihr rundum klassizistischer Impetus haben keinen Platz mehr in der Lebenswirklichkeit der Schüler, die jetzt viel lieber die jüngeren Kollegen anhimmeln, die erfolgreiche Cricket-Spieler sind, oder, wie Frank Hunter mit seinen chemikalischen „Zaubertricks“, zumindest Unterrichtsstoffe behandeln, die den Jungs etwas bedeuten. Crocker-Harris muss sich die bittere Wahrheit eingestehen, versagt zu haben. Nicht nur als Lehrer, der sowohl methodisch-didaktisch als auch erzieherisch seit Jahren an seinen Schülern „vorbeiunterrichtet“ hat, sondern zudem als Ehegatte, der stets, bewusst oder unbewusst, die Bedürfnisse seiner Frau überhörte und schließlich als Mann, der nicht die Integrität besitzt, sich gegen die Ungerechtigkeiten wider seine Person zu behaupten. Dennoch vollzieht Albert Finney das bravouröse Kunststück, diesem intellektuellen Lebensverlierer sämtliche Sympathien zufliegen zu lassen. Man spürt seine Traurigkeit und seine Enttäuschung mit jeder Faser und vergegenwärtigt sich gemeinsam mit ihm, dass individuelles Glück nicht in stoischer Verwegerungshaltung liegt, sondern darin, Liebe, Freundschaft und Sympathie zu geben und zu empfangen. Damit erzählt „The Browning Version“ zugleich weitaus mehr über den Lehrerberuf und seine persönliche Tragweite als es viele „aktuellere“ Stoffe vermögen.

8/10

MÄDCHEN MÄDCHEN

„Warum sagt’n ihr gar nichts?“

Mädchen Mädchen ~ BRD 1967
Directed By: Roger Fritz

Andrea (Helga Anders) wird aus einer Erziehungsanstalt für Mädchen entlassen, in der sie die letzten 17 Monate verbracht hat. Der Grund für ihren Aufenthalt dort war, dass sie mit ihrem wesentlich älteren Chef Ernst (Hellmut Lange), Besitzer einer Kiesfirma und Aristokrat, angebandelt hatte, der seinerseits aufgrund dieser Affäre wegen Unzucht mit Schutzbefohlenen ins Gefängnis musste. Der bloße Zufall führt Andrea statt wie geplant nach Hause zurück zu Ernsts wegen dessen Abwesenheit von seinem Sohn Junior (Jürgen Jung) geleiteten Firma. Junior ist ebenso alt wie Andrea. Die beiden jungen Leute lernen sich kennen (Ernst hatte Junior zuvor immer den Kontakt zu Andrea untersagt), finden schnell Gefallen aneinander und verlieben sich. Erste Pläne für eine gemeinsame Zukunft werden geschmiedet, da taucht Ernst, der just ebenfalls wieder freigekommen ist, zu Hause auf. Weder Andrea noch Junior finden den Mut, ihm die Wahrheit über sich zu sagen.

Roger Fritz‘ erstes Langwerk als Regisseur, nachdem er bereits einige Erfolge als Photograph und Erfahrungen beim Film mit Luchino Visconti in Italien sammeln konnte. An der Oberfläche zunächst einmal einer jener typisch wilden Aufbrauchsfilme, wie sie insbesondere die Schwabinger Clique als emotional basierten, antithetischen Entwurf zum Oberhausener Manifest mehrfach inszenierte, erweist die oben zu lesende, sich eher spekulativ ausnehmende Synopse bald als nachgerade unzureichend.
Vielmehr geht es um tieferliegende, dabei durchaus zeitgenössisch-immanente und -eminente Topoi; den schwelenden Generationenkonflikt im Widerstreit mit bourgeoiser Bequemlichkeit etwa oder die am Ende ziemlich frustrierende Erkenntnis, dass selbst die scheinbar entschlossenst wirkende Aufbruchsstimmung im Angesicht von Standesdünkel und der alten Weise vom Blut, das dann doch dicker ist als Wasser, mit Pauken und Trompeten scheitern mag.
Die im Mittelpunkt des Geschehens stehende, aus kleinbürgerlichem Hause stammende Andrea hat der zwischen Selbstverständnis und Bange oszillierenden, jeweiligen Willkür von Vater und Sohn nichts entgegenzusetzen. Während „Mädchen Mädchen“ uns, dem Publikum, im Zuge seiner nur von wenigen, eher von narzisstischen Kränkungen bestimmten Grübeleien Juniors durchbrochenen Verbalattacken gegen Andrea immer stärker des Eindrucks versichert, das junge Paar sei doch stark genug, sich passierbare Weichen für sein künftiges Zusammensein zu stellen, straft Ernsts Rückkehr diese schöne Utopie auf durchaus schmerzliche Weise Lügen. Mit der Rückkehr des Patriarchen, des „Barons“, nebst seinem freundlichen, aber bestimmten Wesen der Unantastbarkeit, verstummt Juniors verlässlich erscheinende Aufsässigkeit ebenso rasch wie sie zuvor noch aufgebrandet war. Analog dazu ebbt auch der romantische Sturm im Wasserglas wieder ab. Andrea, die jetzt weder den alten Filou mehr will, noch „seinen“ Junior, der enttäuschenderweise nicht die Chuzpe besitzt, offen zu ihr zu stehen, verschwindet sang- und klanglos aus beider Leben und stattdessen – vielleicht, die Möglichkeit besteht – zu dem virilen LKW-Fahrer Schorsch (Klaus Löwitsch). Eine optionale, befreiende Tragödie (man rechnet bereits, einer Spur Suspense hält Fritz hier bereit, damit, dass Junior seinem Vater einen tödlichen Unfall bescheren könnte) bleibt aus, gerade wie im richtigen Leben. Stattdessen fügt sich alles regressiv, zum überraschungsfreien Vorher. Papa und Sohnemann werden wieder abends gemeinsam Schach spielen, den Sekretärinnen hinterhergeifern, abwechselnd mit der desillusionierten, aber auf seltsame Weise zufriedenen Haushälterin Anna (Renate Grosser) in die Kiste hüpfen und weitere Geweihe toter Waldtiere an die Wände ihrer biederen Villa nageln.
Der Titel des Four-Tops-Song „Reach Out I’ll Be There“, dessen Rechte sich Fritz zuvor sichern konnte und der in zig, oftmals jazzig-entfesselten Variationen über den gesamten Film hinweg gespielt wird, erweist sich indes als denkbar bitter konnotiert in Anbetracht ehedem noch immer okulierter bundesdeutscher Realitäten.

8/10

JENSEITS DER STILLE

„Ich will micht nicht mehr verabschieden müssen. Ich hab‘ genug davon.“

Jenseits der Stille ~ D 1996
Directed By: Caroline Link

Lara (Tatjana Trieb) wächst als hörendes Kind ihrer zwei taubstummen Eltern Martin (Howie Seago) und Kai (Emmanuelle Laborit) auf. Trotz ihrer unüberbrückbaren Differenzen lebt die Familie sehr harmonisch zusammen, wobei Martin seiner Tochter die Fähigkeit des Hörens insgeheim neidet. Früh lernt Lara, die Behinderung ihrer Eltern auch als Chance für sich selbst zu begreifen, indem sie etwa als naseweise Dolmetscherin fungiert. Ein alter, schwelender Konflikt zwischen Martin und seiner Schwester Clarissa (Sibylle Canonica) kocht indes schließlich wieder hoch, als die sich als Bohèmienne exponierende, selbst kinderlose Clarissa ihrer Nichte zu Weihnachten eine Klarinette schenkt. Rasch lernt Lara unter Clarissas wachsender Einflussnahme die Liebe zum Instrument und zur Musik kennen, zum heimlichen Leidwesen ihres später infolge eines tragischen Unfalls verwitweten Vaters. Als junge Erwachsene (Sylvie Testud) plant Lara, am Konservatorium in Berlin zu studieren. Hier lernt sie auch ihre erste große Liebe, den Lehrer Tom (Hansa Czypionka), kennen, ebenso wie die Schattenseiten der insgeheim doch fragilen Clarissa. Martin durchbricht derweil ganz sachte seine Sturköpfigkeit…

Das von Luggi Waldleitner mitproduzierte Langfilmdebüt der damals 31 Jahre jungen Caroline Link weist in vielfacher Hinsicht den Weg, den die Filmemacherin hernach einschlagen sollte: Geschichten um Kinder, das Aufwachsen unter nicht alltäglichen Bedingungen, Biographisches, aber auch der Umgang von Menschen miteinander in Grenzsituationen treiben sie um. „Jenseits der Stille“, der aus einer Zeit stammt, in dem das deutsche Kino kommerziell vornehmlich von dullen Yuppie- und Beziehungskomödien zehrte und ernste oder bewegende Themen abseits von Vergangenheitsbewältigung im Mainstream eine Ausnahmeerscheinung darstellten, bildete, gewiss auch derart kalkuliert, damals ein warmes Leinwandlichtlein im Winter- und Weihnachtsgeschehen 96 (mein erstes Semester) und zeigte, dass auch mit emotional mitreißenden Geschichten – und dazu zählt „Jenseits der Stille“ mit seinen vielen (nicht immer wirklich befriedigend konkludierten) durchrüttelnden Momenten ohne Zweifel – hierzuland noch zu rechnen war. Mit der kraftvollen, teils geradezu explosiven Darstellung des US-Schauspielers Howie Seago in der Rolle des Martin landete Link einen veritablen Glückstreffer, ebenso mit der sinnlichen Sibylle Canonica, die die innere Zerrissenheit Clarissas zwischen sensationshungriger Lebefrau und garstiger, verletzter Ränkeschmiedin grandios interpretiert. Czypionka und Matthias Habich, der Clarissas langmütigen Gatten Gregor spielt, sehe ich jeweils immer gern und seit diesem Film ohnehin noch mehr.
Ich hatte „Jenseits der Stille“ mittlerweile lange nicht geschaut und muss einräumen, dass er mir nicht mehr ganz so uneingeschränkt gut gefiel wie noch vor vielleicht zwanzig Jahren – man bemerkt dann doch den einen oder andere  kleineren dramaturgischen Schnitzer oder einzelne Dialogsequenzen, die sich mit etwas mehr Mut zur Konsequenz oder Elaboration vielleicht noch wesentlich prägnanter hätten lösen mögen. Dennoch bleibt eine über weite Strecken schön finalisierte, ungewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte, die eben insbesondere von ihrer formidablen Besetzung zehrt.

8/10

STRAIGHT ON TILL MORNING

„I do not want you to go out.“

Straight On Till Morning (Ehe der Morgen graut) ~ UK 1972
Directed By: Peter Collinson

Brenda Thompson (Rita Tushingham) ist ein junges, bei seiner Mutter (Claire Kelly) lebendes Naivchen aus Liverpool, das sich gern einfältige Märchengeschichten zusammenträumt – mit sich höchstpersönlich als Protagonisten-Prinzessin, die ihren Traumprinzen findet. Um sich selbst zu verwirklichen, lügt die nicht allzu attraktive Brenda ihrer Mom eines Tages vor, dass sie schwanger sei und geht nach London. Während sie bei der promisken Hipster-Bohèmienne Caroline (Katya Wyeth) unterkommt, sucht sie verzweifelt nach einem potenziellen Partner. Den findet sie schließlich in dem etwas sonderbaren, aber engelsgleich aussehenden Peter (Shane Briant). Nach einem kleinen Dognapping-Manöver erhält sie dann auch Gelegenheit, Peter kennenzulernen. Doch was zunächst die große Erfüllung  verspricht, zerschellt bald in tausend Scherben, denn Peter heißt in Wahrheit Clive und entpuppt sich als sadistischer Psychopath und Frauenmörder.

Wie kein anderer mir bekannter Film der Hammer steht „Straight On Till Morning“, die einzige Regiearbeit Peter Collinsons für das Studio, für die sich zunehmend verzweifelt ausnehmenden Versuche der Traditionsgesellschaft, neue und zeitgemäßere Bahnen einzuschlagen. Statt sich in der Viktorianischen Ära oder in verwunschen, osteuropäischen Fantasiedörfchen anzusiedeln, setzt sich „Straight On Till Morning“ regelrecht breitärschig mitten in das bereits angrauende Swinging London der Gegenwart nebst seinen von Alkohol, Drogen und unverbindlichem Sex geschwängerten Subkulturen, in denen die graue Maus Brenda, die eigentlich gern Rosalba hieße, sich vorkommt wie Alice im Wunderland. Und just ebenso überfordert mit dem sie urplötzlich umgebenden Anti-Establishment, das sie aus ihrer bunten Kleinkinder-Traumwelt mitten in die Seitenstraßen der Realität katapultiert, gerät Brenda erwartungsgemäß an und in den größtmöglichen Albtraum. Dabei sind es eigentlich weniger Plot und Setting, die „Straight On Till Morning“ antizyklisch erscheinen lassen, denn vielmehr seine Form. Ist man bei Hammer üblicherweise solide, handwerklich geradlinige Traditionsarbeit gewohnt, stellt Collinson plötzlich all das radikal auf den Kopf. Wilde jump cuts und Stakkatomontagen, Ellipsen, einstellungsüberlagernde Dialoge sowie stream of consciousness kennzeichnen die Beinahe-Anti-Dramaturgie der ansonsten durchaus konventionellen Story und folgen damit moderneren Genre-Strömungen, die man in ähnlicher Ausprägung vielleicht bestenfalls bei Polanski oder Peckinpah erwarten würde. Selbst rückblickend scheint man mit dem akzentuiert-exaltierten Stil des Films nicht warmgeworden zu sein; vielerorts ist zu lesen, „Straight On Till Morning“ wirke verhoben, manieriert, oder (besonders böses Attribut:) prätentiös. In der Tat macht der Film es einem nicht immer leicht – er missachtet vorsätzlich Konventionen, schürt für einen Thriller keinen wirklichen Spannungsbogen und scheint sich den eigentlichen, destruktiven Irrsinn Clives, seine tiefe, narzisstische Bosheit nebst der Entledigung jedweder Empathie erst für den Schluss aufzubewahren, der dann noch nichtmal eine zufriedenstellende conclusio bereithält. Kein Wunder ergo, dass dieses mattschimmernde, unikale, unfreundliche Rohdiamantlein weniger Freunde denn Gegner kennt.

8/10

WIZARDS OF THE LOST KINGDOM

„Thrilling, isn’t it?“

Wizards Of The Lost Kingdom ~ USA/AR 1985
Directed By: Héctor Olivera

Axeholme ist ein friedliebendes Königreich der Magie. Simon (Vidal Peterson), Sohn des Hofzauberers (Edgardo Moreira) wird dereinst die Königstochter Aura (Dolores Michaels) ehelichen und alle sind glücklich und zufrieden. Alle…? Nicht ganz, denn Auras böser Stiefmutter Acrasia (Maria Socas) ist die viele Harmonie vor Ort ein Dorn im Auge und so ermöglicht die verräterische Schlange dem bösen Hexer Shurka (Thom Christopher) und seinem zwergenwüchsigen Gefolge die Übernahme Axeholmes. Aura (auf die Shurka seinerseits ein Auge geworfen hat) wird eingekerkert, derweil Simon und seinem pelzigen Faktotum Gulfax (Edgardo Moreira) die Flucht gelingt. Sie begegnen dem wackeren, aber weinaffinen Krieger Kor (Bo Svenson), der sich überreden lässt, ihnen gegen Shurka beizustehen. Zuvor gilt es jedoch, manches andere Abenteuer zu (ü)be(r)stehen…

1985 konnte man noch ein klein wenig Sword & Sorcery unters Kinovolk bringen, wenngleich schon längst nicht mehr so erfolgversprechend wie noch zwei, drei Jahre zuvor. Hinter „Wizards Of The Lost Kingdom“ (der zu seiner deutschen Videopremiere wundersamerweise den langen Originaltitel verehrt bekam und allein deshalb eine Ausnahmeposition auf diesem Sektor bekleidet) verbarg sich, Trommelwirbel, natürlich niemand Geringerer als (ein vorsorglich unkreditierter) Roger Corman, der mit dieser Leuchtgranate eine seiner legendären Patchwork-und Abschreibungsproduktionen betreute. (Als eines von ganzen neun Corman-Werken jener Tage) Entstanden und belichtet in Argentinien, belief sich der am Ende übrige, verwertbare Netto-Erzählrahmen auf eine Spielzeit von 59 Minuten. Diese wurden dann um 20 Minuten Filmschnipsel aus „Sorceress“ und „Deathstalker“ angereichert, was in einem völlig belanglosen Subplot mündete, der wiederum sich mittels viel Spucke, Mühe, Not und Voiceover in den Rest integriert fand. Auch einen Score wusste man sich zu sparen und nutzte kurzerhand James Horners musikalische Einspielungen aus „Battle Beyond The Stars“. Dass das „Resultat“ hinter dem immerhin wunderhübsch gemalten Kinoposter (auf dem Simon als mittelalterlicher Luke Skywalker auf einem schicken, geflügelten Raubkatze zur Attacke bläst) als denkbar absurdes, hanebüchenes Flickwerk verkauft zu werden hatte, folgt aus der Natur der Sache, lässt sich mit der rosarot eingefärbten Nostalgiebrille jedoch zumindest als halbwegs liebenswerte Kuriosität und Erinnerung an eine heuer undenkbare Art des Filmschaffens goutieren. Immerhin: Bo Svenson hat den Spaß mitgemacht, ob allzeit nüchtern, sei herzlichst in Frage gestellt, und man lacht und leidet gewissermaßen mit ihm. Jeder, der Papp und Plaste belächelt oder gar atemringend scheut, sei indes tunlichst gewarnt!

3/10

DARLIN‘

„There can be no after without a before.“

Darlin‘ ~ USA 2019
Directed By: Polyanna McIntosh

Jahre nachdem die kleine Darlin‘ Cleek den Klauen ihres perversen Vaters entkommen konnte und in der von ihm gekidnappten Frau (Polyanna McIntosh) aus den Wäldern ihre Ersatzmutter gefunden hat, wird sie, nunmehr selbst ein Teenager (Lauryn Canny), von der Frau zu einem Hospital geleitet. Dort kümmert sich zunächst der homosexuelle Krankenpfleger Tony (Cooper Andrews) rührend um das verwilderte Mädchen, muss seine wohlausgefüllte Verantwortung jedoch erzwungenermaßen bald an den eine katholische Mädchenschule namens ‚St. Philomena’s‘  leitenden Bischof (Bryan Batt) abgeben. Dieser verspricht sich von der (sorgsam dokumentierten) Resozialisierung Darlin’s eine erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit. Nach und nach adaptiert sich Darlin‘ an die strengen Erziehungsmethoden der Schule und des Bischofs, blickt jedoch alsbald hinter dessen saubere Fassade. Der daraus folgende, innere, seelische Widerstreit zwischen (forciertem) christlichem Gewissen und den blutigen Erinnerungsfetzen an das frühere Leben harrt seiner Entscheidung, derweil die Frau sich auf die Suche nach ihrer „verschleppten“ Darlin‘ macht…

„Darlin'“ bildet nach zehn Jahren den (vorläufigen) Abschluss einer Trilogie um eine aus einer verwilderten Kannibalensippe New Englands stammende, von Polyanna McIntosh gespielte Frau und ihre seltsamen Berührungspunkte mit einer hoffnungslos entmenschlichten „Zivilisation“. Die literarischen Wurzeln der Geschichte gehen auf den 1981 erstveröffentlichten Roman „Off Season“, das Debüt des vor rund zwei Jahren verstorbenen Horrorautors Dallas William Mayr alias Jack Ketchum, zurück. Darin wird eine Gruppe New Yorker Wochenenurlauber zu Opfern jenes in Maine beheimateten Kannibalenstamms. Ketchum schrieb bis 2010 noch zwei Fortsetzungen, „Offspring“ und „The Woman“, die im Gegensatz zum Auftaktroman beide 2009 bzw. 2011 adaptiert wurden. Letzterer der beiden Filme, inszeniert von Lucky McKee, avancierte zu einem Genre-Meisterwerk, einer tiefschwarzen, feministischen Groteske, einem buchstäblich wilden Pamphlet gegen das patriarchalische Selbstverständnis unserer gobalen Sozietät. Nachdem es nach dem recht zufriedenstellenden Showdown jenes wilden Ritts vorübergehend still um die titelgebende Frau und ihre neuadoptierte Familie wurde, nahm sich Polyanna McIntosh höchstselbst ein weiteres Mal ihres Erzählkosmos an und schrieb und inszenierte, unter produzierender Flankierung der früheren Mitstreiter Andrew van den Houten, McKee und Ketchum (dessen Andenken „Darlin'“ erwartungsgemäß gewidmet ist), ein Coming-of-Age-Drama. Vom letzthin übriggebliebenen Personal sind nurmehr die Frau und Darlin‘ übrig, letztere vor allem in der Funktion als Stammhalterin. Die junge Frau ist nämlich schwanger und dies zugleich der Grund, warum überhaupt die Geschichte um ihre Konfrontation mit der Kirche stattfinden kann. Das Baby soll nämlich unter sanitär-hospitalitären Umständen zur Welt kommen, aber dann verläuft alles doch ganz anders. Darlin‘ landet nämlich beim Bischof, einem weiteren Widerling maskuliner Austriebe, dem sein theologisches Gewissenspolster lediglich als Feigenblatt für die eigene, tiefverwurzelte Niedertracht fungiert. „Darlin'“ reitet also wiederum zu Kreuze, diesmal gegen den Klerus und sein (glücklicherweise) ohnehin im Bröckeln befindliches Antlitz. Das macht ihn schonmal nachgerade und wesentlich sympathisch. Die transgressive Kraft von „The Woman“ kann das Quasi-Sequel indes nicht mehr präservieren, daran ist ihm aber auch nicht gelegen. Der Plot dient McIntosh vielmehr dazu, ihre (ja nun doch sehr karriereeminenten) Geschichte als wilde Frau mit der ihr offenbar dräuenden Agenda der Kirchenkritik zu polstern. Das Resultat entspricht in etwa einer Melange aus „The Woman“ und Schraders „First Reformed“, der vor allem dem angemessen groben Finale bewusst oder unbewusst Pate steht. Als Regiedebüt beachtlich, solitär betrachtet sehens- und als conclusio seiner losen Trilogie anerkennswert.

7/10

THE LIGHTSHIP

„Freedom is the greatest prize of all. Why shouldn’t the cost be high?“

The Lightship (Das Feuerschiff) ~ USA 1985
Directed By: Jerzy Skolimowski

Der Weltkriegsveteran Miller (Klaus Maria Brandauer) ist ein paar Jahre später Captain eines vor der Küste Virginias vor Anker liegenden Feuerschiffs, einer Art „mobilen Leuchtturms“, das die Verkehrsseefahrt im Nebel vor Riffen warnt. Miller befehligt eine kleine Besatzung von fünf Männern. Eines Tages muss er seinen delinquenten Sohn Alex (Michal Skolimowski) unter seine Fittiche nehmen. Nur kurz nach dessen Ankunft landen zudem drei Gangster, die nach einem Banküberfall auf See geflüchtet sind, auf dem Feuerschiff: Der exaltierte Caspary (Robert Duvall) und die beiden soziopathischen Brüder Gene (William Forsythe) und Eddie (Arliss Howard). Das ziellose Trio setzt die Mannschaft unter Druck und spielt zusehends genüsslich mit den ungleich verteilten Machtverhältnissen. Vor allem Caspary versucht unentwegt, den durch nichts aus der Ruhe zu bringenden Utilitaristen Miller aus der Reserve zu locken. Die übrige Besatzung, darunter auch Alex, fasst derweil den Plan, gewaltsam gegen die drei Kriminellen vorzugehen…

„The Lightship“ ist die zweite Verfilmung der gleichnamigen Novelle von Siegfried Lenz nach Ladislao Vajdas Erstadaption von 1963. Auch „Das Feuerschiff“ zählt, wie „Deutschstunde“ und „Heimatmuseum“, bereits seit Jahrzehnten zum Kanon nationaler Schulliteratur. Skolimowskis Ansatz, respektive der des vom Script gezielt modifizierten Scripts, konzentriert sich allerdings nahezu gänzlich auf das psychologische Duell zwischen Miller (im Buch Freytag) und dem zu dessen Nemesis avancierenden Caspary. Zwei höchst unterschiedliche Männer von ganz ähnlicher Intelligenz, die sonst jedoch nichts verbindet, finden sich dabei antagonisiert: Dem durch seine Kriegserlebnisse geläuterten, Ruhe und Frieden im Pflichtbewusstsein suchenden Miller, einem stets abwägenden, in sich ruhenden Menschen, setzt die Geschichte den zutiefst amoralischen, sozial entkernten Caspary entgegen, dessen Hauptbestreben bald darin liegt, Miller zu blindem Aktionismus anzustacheln. Freilich forciert sich jener Widerstreit der beiden Patriarchen zugleich auch zum unweigerlichen Schaulaufen der zwei Hauptdarsteller und ihrer jeweils gewiss genialischen Talente. Brandauer und Duvall stacheln sich wechselseitig zu spezifischer Höchstform an und bilden – natürlich – den Hauptgrund für den Genuss dieses sich oftmals zwischen Stühle setzenden Werkes. Den symbolischen, um nicht zu sagen, literarischen Charakter der Vorlage kann „The Lightship“ allerdings nie ganz abschütteln; die sich hauptsächlich durch die Vertiefung von Miller und Caspary via Dialog schürende Spannung wird allenthalben unterbrochen durch Szenen, die wiederum dem klassischen Terror- und Thrillerkino abgeschaut sind; so etwa eine Sequenz, in der der psychotische Gene die geliebte Krähe des Smutjes Nate (Badja Djola) massakriert und im Anschluss auch noch eine verbale rassistische Attacke gegen diesen fährt – hier wirkt der gezielte, zäsurische Einsatz urplötzlich stattfindender Affektion unpassend und sogar ein enig vulgär.
Nichtsdestotrotz bleibt „The Lightship“ ein spannendes, wohltuend unzeitgemäß wirkendes Werk seiner sonst doch so bereitwillig auf Oberflächen setzenden Ära.

8/10

TSCHICK

„Ohne Sinn.“

Tschick ~ D 2016
Directed By: Fatih Akin

Maik Klingenberg (Tristan Göbel) ist 14 und kommt aus Marzahn. Sein Vater (Uwe Bohm) hat sein beträchtliches Vermögen als Immobilienmakler erwirtschaftet, seine Mutter (Anja Schneider) säuft wie ein Loch. Unter seinen Mitschülern gilt Maik als verschrobener Außenseiter, was ihm insbesondere deshalb zu schaffen macht, weil ihn Stufenschwarm Tatjana (Aniya Wendel) links liegen lässt. Als eines Tages der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Spätaussiedlerjunge Andrej (Anand Batbilek Chuluunbaatar) in die Klasse kommt, hat Maik als ignorierter Sonderling zumindest keinen Exklusivstatus mehr. „Tschick“, so Andrejs Spitzname, schert sich noch weniger als Maik um das schulische Tagesgeschäft. Anstelle eines Rucksacks schleppt er eine Plastiktüte mit sich herum, in der sich zumeist auch eine halbleere Flasche Vodka befindet. Zum Auftakt der Sommerferien sind weder Maik noch Tschick zu Tatjanas Geburtstagsparty eingeladen. Zudem ist Maiks Mutter in der Entziehungskur, derweil sein Vater mit der wesentlich jüngeren Kollegin Mona (Xenia Assenza) eine „Geschäftsreise“ begeht. Da kommt Maik Tschicks Einfall, mit einem bereits vorsorglich geklauten Lada Niva in die Walachei zu reisen, gerade recht…

Wolfgang Herrndorfs gleichnamiger Jugendroman, die Vorlage zu Fatih Akins achtem Spielfilm, dem ersten nach Vollendung seiner „Liebe, Tod & Teufel“-Trilogie mit „The Cut“, zog quasi unmittelbar nach seinem Erscheinen vor neun Jahren in den Lehrplankanon der Schulliteratur ein. Tatsächlich entpuppt sich „Tschick“ auch auf den zweiten Blick als einer langen, „anerkannten“ Tradition von Nöstlinger, Härtling, von der Grün oder später Giordano folgende, typische deutsche Coming-Of-Age-Geschichte.
Um zwei eigentlich sehr gegensätzliche juvenile outcasts geht es darin, einer aus der upper class, einer aus dem Prekariat, um deren eigentlich unmögliche Freundschaft, das „coping“ mit der dysfunktionalen Familie, die Herausbildung von Individualität, erste Sexualität. Rise & shine. Gekleidet wird das Ganze, gewissermaßen a priori filmkopatibel, in ein abenteuerliches und romantisches Road-Movie-Szenario, an dessen vorläufigem Ende natürlich auch der kathartische Ärger mit der Justiz steht – immerhin dürfen zwei Vierzehnjährige, zumindest erlaubt das nicht die Schulbuchmoral, kein Auto klauen und damit langfristig durchkommen. Einige Szenen des Buchs (etwa Tschicks Fußunfall) finden sich variiert oder gerafft, andere, wie die um eine matriarchalisch geprägte, nur auf den ersten Blick sonderbar erscheinende Ökofamilie in der ostdeutschen Provinz, vergnüglich ausformuliert. Bei diesen handelt es sich vornehmlich um jene, die unterschwellige didaktische Prinzipien beinhalten – im erwähnten Fall staunen Maik und Tschick über die umfassende Allgemeinbildung der durchweg jüngeren Kinder und das zwar eklig aussehende, aber köstlich schmeckende Risi-Bisi, das es zum Mittag gibt.
Eine besonders schöne, auch visuelle, Poesie entfaltet „Tschick“ im Segment um die tschechische Aussteigerin Isa (Mercedes Müller), die Maik die Augen darüber öffnet, wie anziehend Weiblichkeit wirklich sein kann, abseits von pubertärer Schwärmerei.
Als problematisch empfand ich den Umgang des Narrativs mit Maiks Alkoholikermutter, da dieser im Rahmen des Plots zwar hübsch unkonventionell gehandhabt wird, Buch und Film hier jedoch ein wenig mit der irrealis durchgehen. Die Gründe Frau Klingenbergs, zu saufen, mögen angesichts ihres widerwärtigen Gattenverständlich sein, die angeteaserte Tendenz jedoch, dass ein langfristig tragfähiges Zusammenleben Maiks mit seiner offensiv schluckenden Mutter (die erst nach einer Flkasche Vodka richtig gut Tennis spielt) nicht nur möglich scheint, sondern durch das Ende geradezu herbeiparaphrasiert wird, kann ich nur unter überflüssig bis naiv verbuchen. Dann doch lieber teenage anarchy. Glücklicherweise beschädigt jene Unachtsamkeit zumindest Akins insgesamt wieder einmal sehr gelungenen, kunterbunten Film nicht nachhaltig.

8/10

BRIGHTBURN

„Who am I?“

Brightburn ~ USA 2019
Directed By: David Yarovesky

Tori (Elizabeth Banks) und Kyle Breyer (David Denman), ein kinderloses, braves Farmerehepaar aus dem Kleinstädtchen Brightburn in Kansas, ist selig, als eines Tages in Grundstücksnähe eine kleine Raumkapsel niedergeht, in der sich ein menschlich aussehendes Baby befindet. Der Kleine wird kurzerhand Brandon getauft und von den überglücklichen Breyers insgeheim an Kindesstatt angenommen. Der Bengel entpuppt sich als wonniges Wunderkind, das seinen terrestrischen Adoptiveltern viel Freude bereitet. Zwölf Jahre lang geht das Spiel gut, bis Brandon (Jackson A. Dunn) urplötzlich Stimmen hört, in fremden Zungen spricht und ungekannte Aggressionen an den Tag legt Darüberhinaus entwickelt er gewaltige, übermenschliche Fähigkeiten. Als Tori dem Jungen die wahren Umstände seiner Herkunft offenbart, reift in ihm endgültig die Erkenntnis, dass er zu weitaus Höherem bestimmt ist…

In den achtziger Jahren entwickelte DC Comics mit „Elseworlds“ ein außerserielles Format, das die beliebten Heldenfiguren aus dem gewohnten zeitlichen, gesellschaftlichen und/oder lokalen Kontext heraus und in eine bisweilen gänzlich ungewohnte Umgebung hineinkatapultierte. Wobei der Terminus „entwickelte“ nicht ganz passend ist, denn dem „Haus der Ideen“, Marvel, war dieselbe Idee bereits eine gute Dekade zuvor entsprungen und erlebte in Form der „What If…“- Reihe, die den Beobachter Oatu von alternativen Realitäten berichten ließ, einen mehrjährigen Lauf. Manchmal waren die jeweiligen  Modifikationen bloß geringfügig, manchmal gewaltig. Vor allem Superman erlebte in den Spätneunzigern und diesseits der Jahrtausendwende viele jener miniseriellen Umwälzungen, landete als Baby in seiner Rakete statt bei den Kents in Kansas bei den Amish, im mittelalterlichen England,  in einer sowjetischen Kolchose, bei Erzfeind Darkseid, den Waynes, oder wie einst Tarzan bei Affen im Dschungel. Immerhin liefen die Storys meist darauf hinaus, dass die Kal-Els all dieser mehr oder weniger phantasievollen Visionen irgendwann doch ihren klassischen Erlösernimbus fanden und ihre eherne ursprüngliche Bestimmung, für das Gute, die Menschheit sowie den Schutz der Erde einzutreten, wahrnahmen.
In anderen, in der Regel verlagsfremden Publikationen ging man indes soweit, Stellvertreter-Supermen zu kreieren, eindeutige Variationen des Originals, die mal moralisch flexibel, mal sozial unangepasst oder gleich von Grundauf böse waren.
Just diese ergo nicht mehr ganz frische Idee (eine Coming-of-age-Geschichte um einen bösen Super“helden“ hatten wir in nicht ganz unähnlicher Form vor ein paar Jahren schonmal in Josh Tranks „Chronicle“) griff nun der Gunn-Klan um den berühmtesten Familienvertreter James auf in Form von „Brightburn“. Der mehrdeutige Titel erweist sich als Substitut für das Örtchen Smallville, lokalisiert sich freilich in Kansas und bei Jonathan und Martha Kent quasi identisch paraphrasierten, braven amerikanischen Eheleuten. Über die wahre Herkunft ihres Ziehsohnes erfahren wir nur wenig, außer dass es sich bei ihm eben um ein humanoid wirkendes Alien handelt, das jedoch offenbar mit einer für uns Terrestrier recht unangenehmen Agenda geschickt wurde: „Take the world“ hämmert es mit beginnender Geschlechtsreife irgendwann unablässig in Brandons Kopf, zunächst in außerirdischer, dann in englischer Sprache. Dass der junge Brandon Breyer nun keine Naturkatastrophen abwendet oder schutzsuchenden Personen zur Hilfe eilt, sondern diese im höchst persönlichen Interesse strategischer Anonymität zu Hackfleisch macht, unterscheidet seine Persona eben deutlich vom großen rotblauen Vorbild.
Diese Idee im Film zu sehen, ist grundsätzlich reizvoll, hält jedoch nicht durchweg, was sie verspricht und schreit am Ende (möglicherweise wurde sie auch a priori so konzipiert?) geradezu nach unvermeidbaren Fortsetzungen, wobei sich der Epilog um Michael Rooker auch ebensogut als augenzwinkernder Gag in Richtung „Batman V Superman“ begreifen ließe.
Was mir nun insgesamt gefallen hat, wäre schonmal primär die Entscheidung, sich nach R-Rating-Vorgaben zu richten, so dass insbesondere die exploitativen Resultate von Brandons Attacken hübsch fies bis derb splattaterig dastehen. Hier und da wird’s für Sekundenbruchteile gar ein bisschen spannend und ein paar gelungene Einstellungen verankern sich positiv im Gedächtnis. Das verhältnismäßig kleine Budget wurde weithin ordentlich gesteckt und verplant, so dass man sich von etwaigen Albernheiten bei der Effektarbeit flächig verschont findet.
Weniger aufregend gestalten sich indes die sich alles andere als innovativ gerierende, stark generische Dröhnmusik (Tim Williams), die zunehmend hilflos inszeniert wirkenden, nach antiquierter Slashermanier eingeflochtenen Präludien vor Brandons spektakulären kills sowie die eine oder andere Regieschlamperei. Die Besetzung (nebenbei auch insgesamt leicht schludrig wirkend)  der mir persönlich sowieso kreuzunsympathischen Elizabeth Banks erweist sich zudem als verhängnisvoller Fehlentscheid, wo ihr Charakter doch eigentlich recht viel hergegeben hätte. Man stelle sich vor, was eine Jennifer Connelly aus dem Part hätte machen mögen. Aber das sind eh so Kleine-Jungs-Phantasien…

5/10

SUSPIRIA

„Are you this pale all the time?“

Suspiria ~ I/USA 2018
Directed By: Luca Guadagnino

Berlin, Herbst 1977. Während die junge Amerikanerin Patricia Hingle (Chloë Grace Moretz), Elevin der international renommierten Helena-Markos-Tanzakademie für Mädchen, spurlos verschwunden ist, kommt mit ihrer Landsmännin Susie Bannion (Dakota Johnson) just eine neue Schülerin dort an. Als Tochter einer mennonitischen Farmersfamilie aus Ohio hat sich Susie, die sich seit frühester Kindheit magisch von der Mauerstadt angezogen fühlt, ihren Weg hierher auf eigene Faust bewältigt. Madame Blanc (Tilda Swinton), die Leiterin der Akademie, ist von Susies Fähigkeiten begeistert und setzt sie schon bald für die Hauptrolle der geplanten Aufführung des Stücks „Volk“ ein. Susies Mitschülerin Sara (Mia Goth), die sich mit ihr rasch angefreundet hat, bemerkt derweil bald schon seltsame Wesensveränderungen bei der Neuen. Zudem nimmt der alte Psychiater Dr. Klemperer (Tilda Swinton), bei dem zuvor Patricia in Behandlung war und der sich um den Verbleib seiner Patientin sorgt, Kontakt zu Sara auf. Offenbar war Patricia der Meinung, die Belegschaft der Akademie bestünde aus einem Hexenzirkel, der einer uralten, dämonischen Entität, Mater Suspiriorum, oder auch der „Mutter der Seufzer“, huldigte. Unter den Lehrerinnen schwelt darüberhinaus ein Konflikt darum, wer künftig ihren Vorstand innehaben soll: Weiterhin die uralte Helena Markos (Tilda Swinton), die noch irgendwo in den Eingeweiden des labyrinthischen Gebäudes (dem „Mütterhaus“) verborgen lebt, oder doch die vitale Madame Blanc…

Nachdem das „Suspiria“-Remake, nebenbei die erste Neuinterpretation eines Films von Dario Argento, bereits jahrelang in der Präproduktionsphase steckte, wurde es letzthin schlussendlich doch noch realisiert. Der Regisseur Luca Guadagnino schien dabei nicht unbedingt die offensichtlichste Wahl für einen Genrefilm zu sein, dessen Original sich allerorten nicht nur höchster Beliebtheit erfreut, sondern zudem einer vergleichsweise stark ergebenen Liebhaberschaft zu versichern weiß, deren wachsende Zahl sich über die Jahrzehnte immer tiefer und bis hinein in die sogenannte „anerkannte“ Filmkritik und unter renommierten Filmhistorikern und – Analytikern zu verwurzeln weiß.
Dass Argentos „Suspiria“ weit über das übliche horrornerd-fandom einen Status als immens einflussreiches Gesamtkunstwerk genießt, beweist auch Guadagninos Ansatz, den Stoff auf- und umzubereiten. Anders als ehedem Argento und seine Gattin Daria Nicolodi, deren Grundwerk sich als erster Teil einer (mittlerweile vollendeten) Trilogie um die „Drei Mütter“ begriff und das vor allem im Hinblick auf seine formale Ausgestaltung (saftige Primärfarbkompositionen, Architektur und Raumkonstruktion) sowie die Schaffung einer eher diffusen, kaum greifbaren Atmosphäre des Unheils und Schreckens reüssierte, setzt Guadagnino andere Schwerpunkte, die das Vorbild einerseits ergänzen, es andererseits aber auch bewusst diametralisieren. Dem trägt insbesondere die Entscheidung Rechnung, den neuen „Suspiria“ zur gleichen Zeit spielen zu lassen wie den alten, 1977 also, allerdings nicht im württembergischen Freiburg, sondern im geteilten Berlin, rückblickend die ultimative (gegen-)kulturelle Keimzelle der gesamten Republik. 1977, das war auch das Jahr des „Heißen Herbsts“, in dem die RAF implodierte, nachdem die zweite Generation Schleyer entführt, die sympathisierende PFLP die Landshut gehijackt und die in Stammheim einsitzende Führungsspitze Kollektivsuizid verübt hatte. Alle diese Ereignisse finden, mal am Rande, mal zentralisierter und gezeichnet in bleiernen Pastell- und Sepiatönen auch bei Guadagnino Platz (die verschwundene Patricia wird mehrfach als RAF-Sympathisantin exponiert). Nicht von ungefähr tauchen mit Angela Winkler und Ingrid Caven zwei wichtige Protagonistinnen des Neuen Deutschen Films als Hexen auf. Die Hexen, das sind in „Suspiria“ 2018 zugleich dedizierte Feministinnen; Frauen, die für Selbstbestimmung, die Abschottung vor dem Patriarchat und seinen politischen Auswüchsen stehen und die vor allem die Autonomie ihres Geschlechts zu stärken trachten. Doch gibt es freilich wie überall so auch hier den schwelenden Generationskonflikt, der sich schlussendlich im Duell entscheiden soll. Im Gegenzug findet sich ergänzend dazu die Schuldfrage der (maskulinen) Kriegsgeneration inhaltlich eingewoben in der Person des zwischen West- und Ost-Berlin umherpendelnden Dr. Klemperer, dessen Frau Anke (Jessica Harper) 1943 auf der Flucht von den Nazis gefasst und in Theresienstadt ermordet wurde und der am Ende, nach einem finalen Martyrium, endlich Freiheit und Erlösung vom lebenslangen Gram finden darf.
Der neue „Suspiria“ ist somit weniger Horrorfilm denn phantastisch konnotiertes Zeit- und Landes- (bzw- Stadt-) Porträt mit einigen gattungsgerechten Einsprengseln. Nicht jede inszenatorische Entscheidung wirkte dabei auf mich auf Anhieb zuträglich, so etwa die, Tilda Swinton in gleich drei Rollen auftreten zu lassen (wobei besonders die Maskerade als Dr. Klemperer, die ich ohne Vorwissen unmittelbar durchschaut habe und über deren vormaliges Verschleierungsgewese ich erst im Nachhinein las, mir künstlerisch missglückt erscheint). Dennoch scheint mir das Experiment als artifiziell potente Versuchsanordnung in seiner Gesamtheit durchaus gelungen und honorabel. Vor allem, zumal hier wirklich kreative Fruchtbarkeit zu spüren ist und nicht der bloße, öde Ansatz, einen populären Traditionstitel einer nachwachsenden Generation von leicht affizierbaren Popcornfressern konsumierbar zu machen.

8/10