THE SWORD IN THE STONE

„I’m not a squirrel! I’m a boy!“

The Sword In The Stone (Merlin und Mim) ~ USA 1963
Directed By: Wolfgang Reitherman

Im frühen Mittelalter: Während der englische Thron seit dem Tode Uther Pendragons unbesetzt steht, wächst der Waisenjunge Arthur, genannt „Floh“, bei dem Adligen Sir Ector und dessen Sohn Kay auf. Eines Tages lernt Arthur dann den Zauberer Merlin und dessen sprechenden Kauz Archimedes kennen. Fortan übernimmt Merlin die Erziehung des Jungen, dessen größter Traum es ist, Schildknappe zu werden und der von Haus aus klein gehalten wird. Der zeitreisende Merlin jedoch weiß bereits längst um die legendäre Zukunft seines Eleven, auf den bereits das im Stein steckende Schwert König Uthers wartet.

Einer meiner Lieblings-Zeichentrickfilme von Disney, den ich mir, nicht zuletzt, da das Free-TV ihn zeigen durfte, in früheren Jahren so oft angesehen habe, dass er mir zu den Ohren rauskam. Was mich anbelangt, so stimmt nach meinem Dafürhalten ergo so ziemlich alles an „The Sword In The Stone“: Das mediävistisch-historische Sujet rund um die Artussage finde ich prinzipiell interessant und diese wird von Disney vorbildlich assimiliert. Es gibt ein paar schöne Songs (vor allem „That’s What Makes The World Go Round“) und der Film erspart sich größenteils die Sentimentalitäten anderer Vertreter seiner häuslichen Zunft. Stattdessen setzt „The Sword In The Stone“ hier und da sogar auf den Slapstick der Cartoon-Konkurrenz, etwa, wenn er einen Wile E. Coyote nicht unähnlichen, ausgehungerten Wolf bemüht, der wegen seiner Tölpelhaftigkeit permanent in irgendwelche Fettnäpfchen tritt. Eigentlich ist bis auf eine kleine, tragisch endende Liebesgeschichte zwischen dem in ein Eichhörnchen verwandelten Floh und einem „echten“ Eichhorn-Mädchen so gar nichts vorhanden, was die Mundwinkel je gen Süden sinken lassen müsste. Das ist freilich kein Qualitätsmerkmal, tut aber auch mal gut. Weil ein veritabler Bösewicht in Arthurs Jugendjahren noch fehlt (Morgana le Fay und Mordred kamen erst später), erfanden die Mickymäuse noch die lustige Hexe Madame Mim (die allerdings weit weniger diabolisch und bedrohlich wirkt als andere berühmte Disney villains), die sich mit Merlin ein Verwandlungsduell um das Leben des kleinen Arthur liefert, das am Ende der Cleverere für sich entscheidet. Die Bilder strotzen nur so vor urkomischem Einfallsreichtum, wunderhübsch gemalten Hintergründen und Animationen und die deutsche Synchronfassung mit Hans Nielsen und Hans Hessling ist einer der schönsten des Studios.

9/10

SING STREET

„Ce n’est pas le nom du groupe.“

Sing Street ~ IE/UK/USA 2016
Directed By: John Carney

Dublin, 1985. Für den Teenager Conor Lalor (Ferdia Walsh-Peelo) werden die kommenden Monate hart. Seine Familie zerbricht, die Eltern (Aiden Gillen, Maria Doyle Kennedy) leben sich mehr und mehr auseinander. Aus Ersparnisgründen muss Conor seine Privatschule verlassen und künftig auf ein staatliche, katholische Schule gehen. Ein Hoffnungsschimmer winkt in Form der Musik und der Gründung einer Band. Und dann ist da noch die hübsche, aber etwas selbstvergessene Raphina (Lucy Boynton), die Conors Herz zum Flattern bringt.

Ich empfand „Sing Street“ als herbe Enttäuschung und einen der ärgerlichsten Filme der letzten Monate. Ein um zeitgenössische Popmusik kreisendes Coming-Of-Age-Drama kredenzt John Carney da, das wirklich nicht ein Klischee, das man a priori von solch einem Film erwarten würde, ausspart. Da ist der musikverständige, libertine, ältere Bruder (Jack Reynor), der dem Protagonisten pubertären Halt und Trost spendet; da ist das modernisierungsfeindliche, klerikal geprägte Umfeld nebst bösartigem Rektor (Don Wycherley), das eine teenage rebellion geradezu heraufbeschwört. Selbst auf den guten, alten Skinhead-Bully (Ian Kenny), der bloß deshalb so eine arme, prügelnde Wurst ist, weil sein Alter ihn verdrischt und der am Ende natürlich zum Band-Roadie wird, mag „Sing Street“ nicht verzichten. Die erste, turbulente Liebe, die etwas geekigen Boys aus der Band. Garantiert alles da. Die Truppe, die Schwierigkeiten hat, sich einen schicken Namen zu verpassen, nimmt jede semialternative musikalische Welle mit und ändert dementsprechend Stil und Aussehen. Mal orientiert man sich an Duran Duran, mal an The Cure. Dass die Kids trotz ihrer Jugend und mangelnder Erfahrung beinahe so virtuos klingen wie ihre großen Vorbilder gehört zum ebenso naiven wie auf zuschauerlichen good will angewiesenen Rezept des Films. Als hätte sein Publikum all die vielen Filme um blutsverwandte Topoi, auf die „Sing Street“ mit seinem unerschütterlichen Selbstverständnis zurückgreift, noch nie gesehen, klebt Carney deren sämtliche Versatzstücke aneinander und baut darauf, das man das lau aufgebackene Konglomerat ob seiner ach so entwaffnenden Gutherzigkeit kritiklos schluckt. Manch einer mag sich davon geschmeichelt fühlen (die imdb-Durchschnittswertung finde ich ehrlich gesagt erschreckend), ich finde ein solch freimütig ausgespieltes Maß an Plagiatismus hart an der Grenze zur Unverschämtheit, wenn diese nicht bereits hinter sich lassend. Daran ändert selbst die Liebeserklärung an „Rio“ nichts.

3/10

EVERYBODY WANTS SOME!!

„We came for a good time, not for a long time.“

Everybody Wants Some!! ~ USA 2016
Directed By: Richard Linklater

Texas, 1980. Der junge Jake (Blake Jenner), ein Baseball-Talent, bezieht eine von Sportsgenossen bewohnte WG, um sich binnen weniger Tage als Erstemester-Student am College einzuschreiben, wo er zudem als Pitcher das hiesige Team unterstützen wird. Gemeinsam mit seinen neuen Freunden erlebt er ein ereigniseiches Party-Wochenende und lernt sogleich seine neue Liebe Beverly (Zoey Deutch) kennen.

Ich habe fürs Erste für mich beschlossen, Richard Linklater weder zu den verpflichtenden, noch zu den vordringlichen amerikanischen Gegenwartsregisseuren zu zählen. Verantwortlich dafür ist „Everybody Wants Some!!“. Der Filmtitel mitsamt seinen beiden Aurufezeichen rekurriert auf einen gleichnamigen Song vom 1980er-Van-Halen-Album „Women And Children First“. Nicht nur dadurch ergibt sich ein Bezugspunkt zu dem 23 Jahre zuvor entstandenen „Dazed And Confused“, der mir allerdings zumindest ein wenig besser gefällt. Dafür, dass Linklater unter anderem von großen Zeiträumen und dem Wechsel von Lebensphasen und/oder Beziehungsgefügen sowie der Porträtierung und nostalgischen Verklärung von bestimmten Phasen bewegt wird, künden ergänzend bereits diverse andere seiner Arbeiten. Hier bleibt er abermals bei jenem für sich bewährten Leisten.
Sein aktuelles Baby, „Everybody Wants Some!!“, besetzt mit ausgesucht schöngesichtigem Film- und Fernseh-Nachwuchs, präsentiert sich als spektakulär unspektakuläres Kino, das seine unbedingte Realitätsanbindung mit einiger Überzeugung vor sich her trägt. Der Film begreift sich als beinahe semidokumentarische Bestandsaufnahme seines Spieljahres, zehrt offenbar stark von autobiografischen Elementen und gibt sich so betont unaufregend und antiklimaktisch, dass mich bald vehement das unbestimmte Gefühl beschlich, eine Vermisstenmeldung machen zu müssen: Diese paar uramerikanischen Jungs taumeln so vorhersehbar durch ihre dreieinhalb Tage Vor-Semester-Zeit, wie es jeder typischen Coming-Of-Age-Geschichte im Collegemilieu ziemt. Dazu zählen diverse Obligatoria wie der Disco-Besuch mit dazugehöriger Musik, eine Trainingsstunde auf dem Baseball-Feld, eine ausufernde Hausparty, ein gemeinsames Bad im nahen Tümpel, eine von Pink Floyd untermalte Kifferrunde und so fort. Der offenbar nach wie vor als für p.c.-Gründe notwendig erachtete Quoten-Afro-Amerikaner (J. Quinton Johnson) ist dabei, die liebenswerte Liebesromanze mit dem noch liebenswerteren Mädel darf ebensowenig fehlen. Alles wie gehabt und gefühlte tausendmal anderswo und mit weitaus kernigeren Figuren augestattet bereits gesehen. Was alles gewiss nicht bedeutet, dass „Everybody Wants Some!!“ ein schlechter oder über Gebühr durchkalkulierter Film wäre. Ich glaube im Gegenteil, dass Linklater sehr viel an Herzblut in seinen Jüngsten gesteckt hat. Die Songsammlung ist prima, das Zeitkolorit passt. Allein mir fehlt der passende Adapter, fazitär mehr denn ein gepflegtes „Nett“ für mich herauszuquintessenzieren. Stattdessen möchte ich viel lieber auf authentisch Zeitgenössisches wie Yates‘ „Breaking Away“ oder Kaplans „Over The Edge“ verweisen.

6/10

DIE KÜKEN KOMMEN

„Null gleich null!“

Die Küken kommen ~ BRD 1985
Directed By: Eckhart Schmidt

Der Wehrdienst ist passé, ab heute kann die Bundeswehr sie mal: Sechs Freunde, der ewig renitente Anarcho Kid (Max Tidof), der ruhige, noch im Jungfrauenstatus befindliche Thomas (Frank Meyer-Brockmann), der vor keiner flotten Biene sichere Casanova Baby (Mark Altner), der vom Militär hirnverätzte Bulle Bund (Andreas Jung), der Opernfan Tristan (Joachim Bernhard) und der verfressene Brummi (Hans Schödel) sind raus aus der Uniformitätsmühle und wollen an ihrem ersten Tag in Freiheit München unsicher machen. Dummeweise hat Bulle sämtliche Freundinnen der Herren von den gemeinsamen Plänen in Kenntnis gesetzt, so dass es ersteinmal gilt, die treudoofen Damen abzuhängen. Am Bahnhof verliebt sich Thomas sogleich in die niedliche Florence (Christine Röthig), die just heute ihren ersten Tag als Mietdame im Puff „1001 Nacht“ begehen soll. Viel Stress für unser Sextett, zumal plötzlich ihr Herr Major (Ludwig Haas) im Bordell aufkreuzt…

Dass Anouschka Renzi, als Max Tidofs Freundin zu sehen, als 20-jährige noch erfrischend human und ein nettes Mädchen war, ohne jedwede Botoxbehandlungen und monströse Kunstzüge, hat mich an „Die Küken kommen“ sicherlich am prägnantesten überrascht. Ansonsten führt Eckhart Schmidts Versuch, eine mit den klamaukigen Disco- und Sexkomödien der produzierenden Lisa-Film aus den Spätsiebzigern und Frühachtzigern kompatible Kommisskomödie zu kredenzen, zunächst geradewegs ins irrgewaltige Nirwana der Ratlosigkeit. Tatsächlich ist „Die Küken kommen“ nicht nur zu keiner Sekunde auch nur annähernd witzig oder auch bloß geringfügig komisch, es nimmt sich auch noch nachgerade anstrengend aus, ihn von Anfang bis Ende und somit komplett durchzuhalten. Schmidts Plan, so es denn überhaupt jemals einen gegeben hat, lässt sich nicht im Ansatz nachvollziehen. Der Soundtrack liefert eine repräsentative Zusammenstellung von ganzen 16 zeitgenössischen Popsongs, darunter diverse ernsthafte Verbrechen an Kunst und Geschmack. Angeschimmelte Reste von Euro- und Italopop finden sich da neben ersten Gehversuchen von Stock/Aitken/Waterman und der artifiziellen Blaupausen-Kirmesmusik von Dieter Bohlen, „Cheri, Cheri Lady“ inbegriffen; schließlich das fürchterliche, notorische „Shanghai“ von Lee Marrow, das mantragleich immer wieder eingespielt wird. Genau ein angenehmes Stück ist dabei, nämlich Phil Carmens „On My Way In L.A.“. Irgendwo lässt Schmidt zwischen all dieser kognitiven und akustischen Konfusion die sympathische, wenngleich etwas einfältige Botschaft hervorschimmern, dass die Autoritäten von Armee, Bund und Bullerei grundsätzlich scheiße und was für graue Gemütszombies sind, die das selbstständige Denken grundsätzlich lieber anderen überlassen. Ein wenig Coming-of-Age-Thematik lässt sich erahnen, immerhin verliert der bislang ehern gebliebene Thomas nach hartem Kampf um seine Angebetete endlich seine Jungfräulichkeit, ansonsten fragt man sich jedoch nahezu permanent, welch defekter mentaler Backautomat einen Film wie diesen hervorbringen mag. Und doch, er hat was. Genau nämlich diese Kratzbürstigkeit, die untalentiert wirkenden Darsteller und vielleicht sogar eine (allerdings bestenfalls erahnbare, vielleicht einem interpretatorischen Wunschkonstrukt entspringende) Anklage an die Bildungsferne und Oberflächlichkeit einer Generation, deren Horizont bei der Buchstabierung des Wortes „Disco“ endet. Tatsächlich verschließt auteur Schmidt, der hier unter dem schönen Pseudonym „Raoul Sternberg“ firmierte, sich fast zur Gänze den üblichen, schlüpfrigen Lisa-Mechanismen, wie man sie von deren Masterminds Karl Spiehs und Otto W. Retzer gewohnt ist und kredenzt stattdessen so etwas wie eine vorsätzlich als solche arrangierte Antikomödie, nebst bombig passendem Kinoplakat von TKKG-Covergestalter Reiner Stolte.
Sibylle Rauch und Isa Haller sind noch zu sehen als Profesionelle. Auch das repräsentiert gewissermaßen recht hübsch den sich just vollziehenden, dräuenden Lisa-Niedergang, den dann erst „Ein Schloss am Wörthersee“ wieder auffing.

5/10

BADLANDS

„Kit was ten years older than me and came from the wrong side of the tracks so called.“

Badlands ~ USA 1973
Directed By: Terrence Malick

South Dakota, 1959. Die junge Holly Sargis (Sissy Spacek) lebt mit ihrem verwitweten Vater (Warren Oates), einem Maler von Werbeplakatwänden, in der Kleinstadt Fort Dupree. Per Zufall begegnet sie dem etwas älteren, hübschen Kit Carruthers (Martin Sheen), der als Müllmann arbeitet. Hollys Vater akzeptiert Kits Werben um seine Tochter nicht. Als Kit schließlich mit dem Mädchen durchbrennen will und sich ihnen der Alte in den Weg stellt, knallt Kit ihn beinahe reglos ab und zündet das Haus an. Gemeinsam fliehen sie zunächst in den Wald und richten sich dort mit dem Notwendigsten häuslich ein. Eine ihnen auf der Spur befindliche Gruppe von Kopfgeldjägern erschießt Kit, als es für ihn brenzlig wird. Er bricht zusammen mit Holly in Richtung der Badlands in Montana auf, kein wirkliches Ziel vor Augen. Kit genießt die mediale Berichterstattung über ihn und fühlt sich als Rebell. Als Holly ihn kurz vor dem Ziel verlässt und sich den Behörden stellt, wird auch Kit des dauernden Flüchtens müde. Er inszeniert seine eigene Verhaftung durch zwei Provinzpolizisten als einer letzte, kurzen Verfolgungsjagd. Die Todesstrafe wegen mehrfachen Mordes erwartet ihn, ohne, dass ihm das recht klar zu sein scheint.

Terrence Malicks Regiedebüt weist den merkwürdigen kreativen Weg dieses höchst eigenwilligen Filmemachers, einem der wenigen außerhalb des kommerziellen Scheinwerferfokus, die New Hollywood überlebt haben. Bereits hier setzt er auf einen poetischen Voiceover, gesprochen von einer zurückblickenden Holly Sargis, die aus der Zukunft selbst nicht mehr recht begreift, worin die einstige Verbundenheit zu dem aus dem Ruder geratenden Massenmörder Kit Carruthers eigentlich bestand. Ihr junges Selbst, ein fünfzehnjähriges Mädchen in der Pubertät, die aufrichtige Liebe mit all ihren Wechselwirkungen und Zugehörigkeiten noch gar nicht recht einzuschätzen vermag, folgt Kit, weil ihr letzten Endes wenige Alternativen bleiben. Der hassenswerte, autoritäre Vater (als Strafe für Hollys Romanze mit Kit tötet er ihren Hund) ist infolge Kits radikaler Intervention fort, sie damit verwaist, einsam und orientierungslos. Die folgenden Wochen gleichen einem in groteske Länge gezogenen, romantischen Kinderspiel. Kit erweist sich mehr und mehr als ungebildeter, fast infantlier Delinquent und Soziopath, der nur für den nächsten Tag lebt, während Hollys Perspektive vielschichtiger wird und die Ausweglosigkeit seines Tuns begreift. Irgendwann ist die Liebe, oder das, für das Holly sie gehalten hat, einfach weg und ihr Charakter reif für dringend notwendige Veränderungen.
Malick interessiert sich schon in seinem Erstlingswerk nicht für oberflächliche Spannungsdramaturgie. Natur und Umwelt fungieren in „Badlands“ in all ihrer erhabenen Allgegenwärtigkeit als stumme Zeugen, hier: einer zerstörerischen Fahrt ins Nichts, die gleich von Beginn an ohne jedwede Zukunftsperspektive angetreten wird und demzufolge in einer Sackgasse enden muss. Ihr reales Vorbild hat diese Geschichte in einem wesentlich brutaleren und kaum mit märchenhafter Transzendenz zu assoziierenden Kriminalfall, nämlich dem um Charlie Starkweather und seine Freundin Caril Ann Fugate, die im Winter 1957/58 eine elf Todesopfer fordernde Blutspur durch Nebraska zogen. Malick weicht bewusst davon ab, die Figur des Kit Harrington allzu analog zu Starkweather anzulegen. Aus dem bestialisch zu Werke gehenden Serienkiller, zu dessen Opfern auch Caril Anns zweijährige Halbschwester gehörte und der nebenbei noch genüsslich mehrere Hunde strangulierte wird hier ein nicht unromantischer Delinquent, der weder ein aufbrausendes noch sonstwie aus der Fassung geratendes Wesen besitzt und dessen Opfer (im Film sind es sieben) eher das Pech haben, seinen unbestimmten Weg zu kreuzen, respektive diesen zu verstellen oder zu gefährden. Holly bleibt derweil stets teilnahmslos oder erweckt zumindest diesen Eindruck. „Badlands“ vermeidet es, Hass- oder Angstgefühle hinsichtlich dieser Figur zu evozieren, wie sie eine authentischere, explizitere Darstellung Starkweathers und seiner Taten zwangsläufig hervorgerufen hätte, und zieht stattdessen den weitaus komplexeren Weg vor, dem vorsorglich auf emotionaler Distanz gehaltenen Zuschauer das Urteil über das Verhalten und den kurzen, zerstörerischen Werdegang der Protagonisten zu überlassen. So ist „Badlands“ angesichts seiner formalästhetischen Eigenständigkeit und trotz seines finsteren Sujets tatsächlich das, was man landläufig als einen „schönen Film“ bezeichnet. Malick hat daraus seine ganz private Kunstform gemacht.

9/10

IDI I SMOTRI

Zitat entfällt.

Idi I Smotri (Komm und sieh) ~ CCCP 1985
Directed By: Elem Klimov

Weißrussland 1943. SS, SD und einheimische Kollaborateure überziehen das Land mit ethnischen Säuberungen, lediglich versprengte Partisanengruppen leisten ihnen verzweifelten Widerstand.
Nachdem er beim Spielen ein Gewehr gefunden hat, schließt sich der etwa fünfzehnjährige Florya Gaishun (Aleksey Kravchenko) einer Miliz an und zieht mit ihr in die Wälder. Nach einem Angriff durch deutsche Fallschirmspringer flüchtet sich der Junge gemeinsam mit der hübschen Glasha (Olga Mironova), der Geliebten des Partisanenchefs Kosach (Liubomiras Laucevicius), ins Dickicht. Der Weg zurück zu seinem Heimatdorf endet mit einem Schock. Die Deutschen haben etliche der Bewohner ermordet, darunter auch Floryas Familie.
Auf der Suche nach Nahrung kommt Florya gegen Abend in die Nähe des Dorfes Perekhody, das schon am nächsten Morgen von einem deutschen Bataillon heimgesucht wird. Unter gewaltigem Gejohle pferchen die Soldaten die angsterfüllten Menschen, vornehmlich Greise, Kinder und Jugendliche, in die Kirche und stecken sie in Brand. Florya überlebt das Massaker nur infolge eines grausigen Zufalls. Derangiert von seinen Eindrücken begegnet Florya zunächst einem entsetzlich zugerichteten, vergewaltigen Mädchen und dann Kosach und seinen Männern, die die Führungsspitze der Deutschen in ihrer Gewalt haben. Nachdem sie exekutiert wurden, entdeckt Floria in einem naheliegenden Tümpel ein propagandistisches Hitler-Porträt, das er mit seinem wiedergefundenen und notdüftig reparierten Gewehr zerschießt.

„Idi I Smotri“, noch unter sowjetischer Ägide entstanden, hat sich mittlerweile ein berechtigtes internationales Renommee als einer der bedeutendsten Kriegsfilme überhaupt erarbeitet. Von den mit spektakulärem Glanz und Gloria inszenierten Materialschlachten dessen, was das filmische Massenverständnis üblicherweise mit dem Genre zu assoziieren pflegt, bleibt in den kargen Einstellungen Klimovs nichts übrig. In groben, ausgewaschenen Vollbildern fängt Klimov die unwirtliche Landschaft ein, fernab jedweder oberflächlichen Schönheit und fast ohne Totalen. Floryas Gesicht und wie es sich angesichts seiner Erlebnisse verändert hingegen wird per langer, schmerzerfüllter Close-ups zum Zentrum der Kadrage und zum visuellen Hauptmotiv. Aus dem fröhlichen Kind, das den unmittelbar vor der Haustür befindlichen Krieg wie viele Jungen seines Alters als Abenteuerspiel wähnt, wird im Laufe der nächsten paar Tage ein desillusionierter, verzweifelter Mann. Der Ekel und das Entsetzen über all das, wozu Menschen fähig sind, gräbt sich in seine Züge wie die Spuren eines Brandeisens. Von dem naiven Florya von vor einer Woche ist nichts mehr übrig.Mit Ausnahme der Tatsache, dass er sein nacktes irdisches Leben noch behalten hat, ist er an Geist und Seele so verstümmelt wie die verbrannten Körper der Ermordeten, die unter den Trümmern der kleinen Kirche von Perekhody vor sich hindampfen.
„Idi I Smotri“ ist voll von gnadenlosen, unvergesslichen Bildern und Eindrücken. Am nachhaltigsten empfand ich Floryas Konfrontation mit dem gerahmten Hitler-Bild, auf dem in kyrillischer Schrift ‚Hitler – Der Befreier‘ steht. Parallel zu jedem Schuss, den er wutentbrannt auf das Porträt des tatsächlich doch unerreichbaren Monsters aus dem Westen abgibt, lässt Klimov authentische Bilder und Filmaufnahmen von Hitlers militärischem und politischem Werdegang per rückwärtigem Zeitraffer laufen. Der verzweifelte Junge versucht, die auf diesen einen Mann zurückgehenden Grausamkeiten und Schrecken aus seinem Gedächtnis und dem der ganzen Welt zu tilgen, sie schlicht ungeschehen zu machen; ein verzweifelter Versuch der persönlichen und globalen Radikaltherapie, das letzte Aufbäumen des Restkindes in Florya. Am Ende, Florya hat die letzte Patrone noch im Lauf, erscheint ein (montiertes) Foto, das Hitler als Kleinkind im Arm seiner Mutter zeigt. Da ist sie, geschält und gepellt, die buchstäbliche „Banalität des Bösen“. Selbst der inkarnierte Satan hat den Beginn seines Lebens dereinst in reiner Unschuld beschritten, so schwer zu akzeptieren dies fällt. Zeigt der Film schon in der Szene zuvor den gefangen genommenen SD-Beamten als kriechenden Feigling, der nach seinen Gräueltaten die eigene Haut herauszureden versucht mit der erbärmlichen Ausflucht, er persönlich habe nie auch nur einer Fliege etwas zu leide getan (derweil sein SS-Pendant unbeirrt zu seinem antisemitischen Fanatismus steht), entdiabolisiert (und, noch wichtiger: entmystifiziert) er mit der Reduktion Hitlers auf sein noch gänzlich unschuldiges, kindliches Selbst den Massenschlächter. Am Ende bleibt die Welt wie sie ist, respektive wie sie war nebst all ihrer bodenlosen Unfairness. Klimov überlässt seinem Publikum, was es daraus macht.

10/10

DIRTY DANCING

„Go back to your playpen, Baby.“

Dirty Dancing ~ USA 1987
Directed By: Emile Ardolino

Im Sommer 1963 macht die vierköpfige Familie Houseman Urlaub im Wellness-Resort Kellerman, das einem alten Freund (Jack Weston) des Vaters (Jerry Orbach) gehört. Die jüngere Tochter Frances (Jennifer Grey), genannt „Baby“, hat eine grundgütige, aber etwas naive Weltsicht: Sie will der Friedensbewegung beitreten, etwas für hungernde Kinder tun und so fort. Ihre Backfisch-Hormone in übergebührliche Wallung bringt derweil der Tanzlehrer und Gigolo Johnny Castle (Patrick Swayze), ein schmucker, junger Mann, der gern körperbetonte Tänze tanzt und koitiert und sonst eigentlich wenig bis gar nichts kann. Als Johnnys Ex-Freundin Penny (Cynthia Rhodes) von dem schmierigen Kellner Robbie (Max Cantor) schwanger wird, springt Baby für sie in die Bresche und belatschert ihren Vater, ohne ihn ins Bild zu setzen, das nötige Geld für eine Abtreibung zur Verfügung zu stellen. Als selbige obendrein schiefläuft, muss der Mediziner Dr. Houseman auch noch unentgeltlich die Nachbehandlung übernehmen. Während seines sauer verdienten Urlaubs! Klar, dass er auf Baby sauer ist, umso mehr, als er von ihrem mittlerweile laufenden Techtelmechtel mit dem flotten Johnny erfährt. Doch dieser tanzt, und da können sich alle ruhig anschnallen, immer den letzten Tanz der Saison!

„Dirty Dancing“ ist wohl das im Nachhinein beschämendste Kulturphänomen der achtziger Jahre. Sollte feindlich gesinnten Aliens jemals eine Kopie dieses Films als repräsentatives Exempel für irdische Zerstreuung in die Hände fallen, würden sie uns ohne zu zögern angreifen. Und zu Recht – wie gottverdammt dämlich, müssten die grünen Männchen sich denken, sind die da unten eigentlich?
In Dinslaken haben wir seit Jahrzehnten nurmehr ein kleines Kino mit drei Leinwänden, die Lichtburg, nicht zu verwechseln mit ihrer großen Essener Schwester. „Dirty Dancing“ lief pünktlich im Oktober 1987 bei uns an und alle Leserinnen und Leser der „BRAVO“ und ihrer diversen Konkurrenzblättchen kreuzte stante pede vor dem Kino auf, um jenen viel beworbenen Film zu sehen, der, das stellte sich dann ganz flugs heraus, im Hinblick auf Inhalt und Narration ziemlich exakt einer Doppelseite der beliebten Rubrik „Mein erstes Mal“ entsprach. Umso dankbarer die An- und Abnahme seitens uns Kids, die wir, zwischen elf und vierzehn, uns im Folgenden nach „Dirty Dancing“ verzehrten. Der Film brachte es in der Lichtburg auf einen bis heute ungeschlagenen Aufführungsrekord von weit über einem Jahr und ich möchte behaupten, dass der Anteil damals pubertierender Dinslakener, die „Dirty Dancing“ nicht mindestens einmal auf der Leinwand gesehen haben, unter fünf Prozent liegen dürfte. Natürlich war das ein bundesweites Phänomen, knapp neun Millionen Eintrittskarten wurden für Ardolinos kleines period piece gelöst, davon mutmaßlich acht Millionen von Unter-16-jährigen und von jenen in den meisten Fällen mehrfach. Ich selbst komme auf zwei oder drei Kinobesuche, das kann ich nicht mehr genau eruieren. Jedenfalls waren bei jedem Mal Mädchen dabei, natürlich. Im Grunde war das für viele von uns Jungs ja auch der Hauptgrund, mehrfach „reinzugehen“. Die beiden Soundtracks waren als LP oder MC überall dabei; keine Klassenparty, die ohne eine der begleitenden Singles auskam. Dass die Songkompilation auch grandiose Soulperlen enthielt, darunter von Otis Redding, den Shirelles, Drifters oder Solomon Burke oder dass der Film gar, genau wie Scorseses „Mean Streets“ zu „Be My Baby“ von den Ronettes beginnt, was unter Umständen als kleine Hommage durchgehen könnte, das war uns kleinen Säuen damals weder bewusst noch hätte es uns auch nur im Mindesten interessiert. Nein, Bill Medley & Jennifer Warnes, Eric Carmen, und natürlich Swayze selbst hatten die „interessanteren“ Songs zu verbuchen – modernen, uramerikanischen, weißen Popmüll von anno 87 in einem 1963 spielenden Film; ein glatter, dazu noch hochnotpeinlicher Kulturbolschewismus. Doch ist dies nur eine der vordringlichsten unter den vielen, lächerlichen Fehlleistungen, die diese spatzenhirnige, tatsächlich schäbige Mär sonst noch bei dreistestem Selbstbewusstsein auftischt. Von bleibendem Wert ist mit Ausnahme besagter klassischer Musikstücke an „Dirty Dancing“ bei Licht besehen rein gar nichts, diesem Film, der etwa gelebten Feminismus mit der jungfräulichen Mission parallelisiert, den ersten Sexpartner frei wählen zu dürfen (solang der’s nur hinreichend patent „bringt“) und der scheinheilig das Establishment veralbert, nur um es am Ende umso lauter abzufeiern; es sei denn als Negativbeispiel voller „Don’ts“ in einem unterhaltsamen Filmschulseminar oder als Exempel für eine wissenschaftliche Abhandlung, wie haltloser, künstlerischer Dünnpfiff in einem verlängerten Zeitraum zu einem unkalkulierten Massenerfolg avancieren kann.
Und doch und noch immer lieben die Leute ihn, manche abgöttisch. Warum aber, im Namen der Gestirne, setzte sich der Chronist dem Ding dann aus? Abermals? Nachdem ich mir hinreichend Mut angetrunken hatte, ritt es mich, allein im stillen Kämmerlein. Dass ich dann trotzdem nie recht wusste, was jetzt im Angesichte dieses oder jenes der ungefähr 235 Faux-pas des Films angebrachter wäre – hysterisches Gekicher oder raunendes Kopfschütteln – schwieg ich bloß betreten. Und lauscht am Ende der ultraextended version von „(I’ve Had) The Time Of My Life)“, die die ganze Menschheitsevolution kurzerhand auf einen Bums reduziert und dafür noch einen Oscar bekam.
Ein langer Bericht für ein solches Manifest des vergeistigten Elends. Und wohl der Beweis, dass auch mich „Dirty Dancing“, dieses Ekel von Film, seit knapp dreißig Jahren in der klauenbewährten Hinterhand hat – und vermutlich nie wieder ganz daraus hervorlassen wird.

3/10