AMERICAN HISTORY X

„Has anything you’ve done made your life better?“

American History X ~ USA 1998
Directed By: Tony Kaye

Nazi-Skin Derek Vinyard (Edward Norton) genießt eine massive Reputation in der „Szene“. Diese wächst nochmals tüchtig an, als er einen farbigen Einbrecher auf offener Straße erschießt und noch einen weiteren per Bordsteinbiss hinrichtet, um daraufhin drei Jahre wegen Totschlags in Chino abzusitzen. Besonders sein heimlicher Mentor Cameron Alexander (Stacy Keach), ein Vertreiber von Nazi-Musik und -Memorabilia schätzt ihn ebenso als intelligenten, eloquenten Vertreter rassistischer Ideologien und Hassbotschaften wie als gewaltbereite rechte Hand. Doch die drei Jahre Gefängnis machen aus Derek einen anderen Menschen: Das große Swastika-Tattoo auf der linken Brust ist zwar noch da, doch die Haare sind länger, das Auftreten deutlich milder, gefasster und ruhiger. Derek musste am eigenen Leibe erfahren, wie weit her es ist mit der Aufrichtigkeit der weißen Rasse; wie diese sich im Knast willfährig weiter kriminalisiert, dealt, vergewaltigt. Dereks dringendstens Ziel ist es nun, seinen zu ihm aufsehenden, jüngeren Bruder Danny (Edward Furlong) aus Alexanders Fängen zu befreien. Doch Danny hat sich andernorts bereits Todfeinde gemacht…

Unter all den jüngeren, sich (nicht nur) mit der Parallelkultur der (amerikanischen) Neonazis und rechtsextremen Skinheads befassenden Filmen genießt „American History X“ fraglos die größtflächige Beliebtheit. Die Userschaft der imdb sorgt dafür, dass er konstant unter den fünfzig renommiertesten Filmen verweilt und immer wieder ist er in Kanonisierungen zu finden, die sich mit Coming-of-Age-, Subkultur- oder ganz allgemein transgressivem Kino befassen. Dabei hatte Regisseur Tony Kaye schon während der Postproduktion die Schnauze gestrichen voll von „seinem“ Film und pausierte hernach erstmal neun Jahre, bevor er ein neues Kinoprojekt in Angriff nahm. Woher der Groll? Nachdem die Produktionsfirma New Line Kayes ursprüngliche Schnittfassung ablehnte, erstellte er eine extrem verkürzte Version, die wiederum schließlich von Hauptdarsteller Norton in ihre nunmehr bekannte Form gebracht wurde. Kaye lehnte und lehnt diese vehement ab, durfte nach Auflagen der DGA seinen Namen jedoch weder zurückzuziehen noch unkenntlich machen. Ob der von Kaye im Nachhinein veranstaltete Affenzirkus das ganze Drama um den Film in irgendeine positivere Richtung lenkte, darf bezweifelt werden. Dass er persönlich mit dem Thema noch nicht abgeschlossen hat, lässt sich einsichtsvoll an der Existenz der von ihm selbst erstellten, bisher jedoch noch nicht veröffentlichten Dokumentation „Humpty Dumpty“ festmachen.
Was bleibt unterm Strich? Der größte Verdienst von „American History X“ besteht darin, bei all dem Aufwerfen seiner komplexen Fragen keine billigen, moralinsauren Antworten zu liefern. Damit steht er am Ehesten in der Tradition von Spike Lees „Do The Right Thing“, der sich, obschon aus diametraler Perspektive heraus, zumindest ein wesentliches, finales Statement mit „American History X“ teilt: Gewalt ist keine Lösung.
„American History X“ ist kein pädagogischer und kein didaktischer Film. Er dürfte kaum dazu angetan sein, überzeugte Neonazis ad hoc zu leidenschaftlichen Aussteigern umzuerziehen, er erzählt lediglich eine – sehr tragisch und traurig verlaufende – Milieugeschichte mit einem konsequent offenen Ende. Eigentlich wäre zu erwarten, dass Derek Alexanders tumben Schlägern zum Opfer fällt und für seine Verfehlungen aus den eigenen Reihen heraus bestraft wird; stattdessen jedoch steht ein denkbar unschuldiges Opfer am Schluss – Danny, der sich bislang noch nicht offen kriminalisiert hat, wird ausgerechnet von einem afroamerikanischen Gangmitglied erschossen. Die Spirale findet kein Ende, sie dreht sich weiter, einem Perpetuum Mobile gleich, und wird dies vermutlich auch bis ans Ende aller Zeiten, weil Hass, Vorurteile und rassistisch motivierte Gewalt einer multikulturellen Gesellschaft wesentlich inhärent sind. Dieses doch sehr finstere conclusio gilt es zu schlucken, und sie erfüllt ihren Auftrag. Sie macht betroffen und schmerzt. Leider schafft es der Film bei all dieser unweigerlich ausgestellten streetwiseness nicht, gängige Klischees zu ignorieren. Nebenfiguren wie der gebildete, farbige Lehrer Bob Sweeney (Avery Brooks), der sich nebenbei als leidenschaftlicher Sozialarbeiter und bei allem Engagement zur Machtlosigkeit verdammter, sisyphosische Weltenretter hervortut, muss man ebenso in Kauf nehmen wie Elliot Gould als verprellten, jüdischstämmigen Freund der tuberkulösen und überforderten Familienmutter (Beverly D’Angelo) und wie, ganz besonders ärgerlich, Ethan Suplee als tumben, fetten Klischee-Skinhead Seth Ryan, der offenbar demonstrieren soll, in welchen sozialen Gewässern Nazi-Rattenfänger am Erfolgreichsten fischen können. Einem Typen wie Seth wäre ein Szeneausstieg nach dem Vorbild Derek Vinyards, zumindest suggeriert das der Film unweigerlich, erst gar nicht möglich. Dafür ist er letztlich zu hässlich, zu unsportlich, zu dick, zu dumm und infolge dessen zu stark fanatisiert. Aufgrund dieser Eigenschaften taugt Seth nicht zum Helden und damit auch nicht zur Identifikationsfigur und schon gar nicht zum Freidenker, anders als eben Vineyard, der im Gegenzug hinreichend „positive“ Qualitäten besitzt. An diesen Stellen erscheint „American History X“ mir nach wie vor verlogen und inkonsequent, weil er als Film, der sich genau dessen enthalten müsste, einen mehr oder weniger subtilen Persönlichkeits-, ja, Führerkult betreibt. Damit zerstört er sich nicht gleich, beschädigt sich jedoch irreparabel. Und das kann nicht im Sinne des Erfinders sein – abschließendes Lincoln-Zitat hin oder her.

7/10

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LEATHERFACE

„You messed with the wrong family.“

Leatherface ~ USA 2017
Directed By: Alexandre Bustillo/Julien Maury

Texas, 1955. Als die durchweg aus Psychopathen bestehende Familie Sawyer unter dem Vorsitz von Matriarchin Verna (Lili Taylor) ausgerechnet Betty (Lorina Kamburova), die Tochter des hiesigen Sheriffs Hal Hartman (Stephen Dorff), auf ihre Speisekarte setzt, sieht der bereits seit Langem nach Gerechtigkeit strebende Gesetzeshüter rot und sorgt dafür, dass Vernas Jüngster, der kleine Jedidiah (Boris Kabakchiev), in der geschlossenen Nervenheilanstalt landet. Zum jungen Mann (Sam Strike) herangereift, gelingt Jed, der sich nun Jackson nennt, gemeinsam mit drei anderen Insassen (Sam Coleman, James Bloor, Jessica Madsen) und einer gekidnappten Krankenschwester (Vanessa Grasse) die Flucht aus jener Institution, derweil Sheriff Hartman bereits darauf lauert, den Sawyers endgültig den Garaus zu machen…

Die Auslöschung von Identitäten zugunsten unguter Substitute schwebt allgegenwärtig dräuend über „Leatherface“. Um es gleich vorwegzunehmen ist dieser jüngste Beitrag zum langlebigen Chainsaw-Franchise nach Kim Henkels drittem 94er-Sequel zugleich der bis dato schwächste, was sich besonders in Anbetracht einiger dem Projekt zur Verfügung stehender, personeller Ressourcen sehr bedauerlich ausnimmt. Mit Bustillo und Maury gewann man immerhin zwei mehr denn vielversprechende Repräsentanten der harten Horror-Nouvelle-Vague und mit Lili Taylor und Stephen Dorff darüber hinaus auch recht ungewohnte darstellerische Prominenz. Was die so durchaus vielversprechend gestartete Chose dann aber so überaus unelegant durchkreuzt, ist das magere Script des Newcomers Seth M. Sherwood, der seinen Ansatz, dem ikonischen Character Leatherface einen psychologisch fundierten Unterbau zu verabreichen, völlig vergeigt.
Zu Beginn nutzt der Film nahezu exakt dieselbe Startbahn wie Rob Zombies „Halloween“-Remake; ein durch sein dysfunktionales Familienumfeld nachhaltig gestörter Junge kommt in ein infolge inkompetenter Belegschaft extrem kontraproduktiv geführtes Sanatorium für psychisch kranke, juvenile Gewaltverbrecher und bricht als junger Erwachsener dort aus. Doch damit ist der Werdegang hin zum späteren, verstummten Sägenschwinger Leatherface noch längst nicht vollendet – der gewaltsame Tod des besten Freundes, die Verbissenheit des ihn jagenden Sheriffs, schließlich eine unfällige Verunstaltung seines hübschen Antlitzes und ein schwelender Mutterkomplex ergeben schlussendlich jene ungute Mixtur, die den als Kind noch in „errettbarer Verfassung“ befindlichen Jed Sawyer zu unser aller liebstem Hautmaskenträger avancieren lässt. Das alles wird so forciert, hanebüchen und demystifizierend aufgetragen, so ohne Gespür für die die Chainsaw-Filme üblicherweise kennzeichnende, pathologische Atmosphäre oder für das ursprünglich so maßgeblichg apostrophierte Zeitkolorit (dem ja selbst herbeibeschworenen Umstand, dass die ganze Geschichte sich 1965 ereignen soll, wird letzten Endes zu keiner Sekunde Rechnung getragen), dass selbst die gewohnt gediegene und eigentlich treffliche Inszenierung der beiden „Exil-Franzosen“ das immens eklektische Konglomerat zu keiner befriedigenden Gesamtbilanz zu führen vermag. Es hat indes fast den Anschein, als wäre die (häufig dem DTV-Segment zuzurechnende) Wahl kostensparender Produktionsmittel, die Bulgarien als Drehort nebst vornehmlich einheimischem Stab, symptomatisch für das beinahe allseitige Misslingen.
Vor allem um Bustillo und Maury, deren stilistische Signatur trotz allem noch immer präsent scheint, muss es einem leid tun – man kann nur hoffen, dass die beiden sich nicht wie so viele immigrierte Filmkreative vor ihnen vom Moloch Hollywood aufzehren lassen und sich stattdessen in Zukunft wieder ihren sehr viel fruchtbareren Wurzeln als auteurs besinnen.

4/10

VERÓNICA

Zitat entfällt.

Verónica ~ E 2017
Directed By: Paco Plaza

Madrid, 1991. Die fünfzehnjährige Schülerin Verónica (Sandra Escacena) übernimmt für ihre drei jüngeren Geschwister, die Zwillinge Lucía (Bruna González) und Irene (Claudia Placer) sowie den kleinen Antoñito (Iván Chavero) häufig die Rolle der Ersatzpflegerin, da ihre verwitwete Mama Ana (Ana Torrent) den ganzen Tag über in einer Kneipe arbeitet. Veró, wie sie von allen genannt wird, vermisst ihren Vater und beraumt daher mit zwei Freundinnen (Ángela Fabián, Carla Campra) während einer Sonnenfinsternis auf dem Schuldachboden eine Séance mit dem Ouija-Brett an. An deren Ende kollabiert Veró und beobachtet in den nächsten Tagen zunehmend Seltsames. Offenbar hat sich im Zuge des übersinnlichen Happenings eine dämonische Entität aus dem Jenseits herübergeschlichen, die es auf die Veró und ihre drei Geschwister abgesehen hat. Eine alte, blinde Nonne (Consuelo Trujillo) weiß mehr…

„[Rec]“-Regisseur Paco Plaza hat dem Geister- und Besessenheitsgenre mit seinem jüngsten Werk auf den ersten Blick zwar wenig Innovatives hinzuzufügen, kann sich jedoch gleich zu Beginn bereits aufs Fähnchen schreiben, auch abseits des unruhigen Found-Footage-Segments einen überaus ordentlichen und gepflegten Inszenierungsstil vorweisen zu können. Seine Hauptdarstellerin Sandra Escacena, von der man hoffentlich noch viel sehen und hören wird, erweist sich zudem hervorragend als verunsichertes Mädchen, die zwischen strengkatholischem Schulsystem und ihrer Gefangenschaft in der mehr oder weniger unfreiwilligen Rolle der Ersatzmutter keinerlei Möglichkeit zur altersgerechten Entfaltung erhält, deren Adoleszenz durch die äußeren Umstände ins Stocken gerät und die daher zum willkommenen Opfer für paranormale Einflussnahme avanciert. So fällt der Coming-of-Age-Anteil der dramatisch aufgezogenen Geschichte der handelsüblichen Poltergeistiade rund um herabfallende Kruzifixe und sich verrückende Möbel mindestens ebenbürtig aus. Ganz bei sich ist Verónica nur dann, wenn sie auf dem Bett liegend ihren Héroes del Silencio auf dem Walkman lauschen (denen Plaza ganz nebenbei ein spätes Denkmal setzt) und wenigstens einmal am Tag für kurze Zeit in ihrer eigenen, geheimen Welt der Träume und Wünsche versinken kann.
Gegen Ende, als die dramatischen Ereignisse ihren bereits angekündigten Verlauf vollzogen haben, entpuppt sich „Verónica“ dann endgültig keineswegs als der möglicherweise antizipierte, breitärschige Schocker, sondern ganz im Gegenteil still und traurig als psychologisches, höchst intim konnotiertes Drama um Aufopferung, vielleicht Verschwendung und um ungehört verhallte, erstickte Lebensenergie. Gerade dieser unerwarteten Doppelbödigkeit wegen am Ende doch ein überdurchschnittlicher Gattungsbeitrag.

8/10

IT

„Time to float.“

It (Es) ~ USA/CAN 2017
Directed By: Andy Muschietti

In der Kleinstadt Derry, Maine macht sich im Herbst 1988 das Böse breit. Zumeist erscheint es seinen vornehmlich juvenilen Opfern als diabolischer Clown Pennywise (Bill Skarsgård), kann jedoch auch alle möglichen anderen Formen annehmen oder horrible Szenarien vortäuschen, die die Angst seiner unfreiwilligen Klientenschaft verstärken.
Eine siebenköpfige Gruppe von sich sowohl von Gleichaltrigen als auch von der Elterngeneration im Stich gelassen fühlenden Kids stellt sich dem dämonischen Treiben mit aller Entschiedenheit entgegen.

Viel Essenzielles gibt es nicht zu berichten über Andy Muschiettis ersten Teil der Neuverfilmung von Stephen Kings opus magnum. Wie schon Tommy Lee Wallaces vor siebzehn Jahren entstandene TV-Adaption transponiert er den in der kindlichen Vergangenheit der Protagonisten spielenden, ersten Aufzug, um die narrative Gegenwart später der eigenen Entstehungszeit angleichen zu können. Dies folgt einem derzeit schwer angesagten und dementsprechend breit bedienten, unterhaltungsmedialen Trend, zugeschnitten auf die quantitativ wohl nicht eben gering ausfallende Publikumsschicht von Konsumenten, die wesentliche Teile ihre Kindheit in den Mitt- bis Spätchtzigern verlebt haben und jener Periode somit auch entscheidende Prägungsfaktoren ihrer Vorlieben „verdanken“. Titel wie „The Goonies“, „Stand By Me“, „The Explorers“ und alles mögliche Anverwandte fallen in diesem Bezugsrahmen immer und immer wieder. Die Netflix-Serie „Stranger Things“ bedient diese offenbar einen zeitgeistlichen Nerv treffende Nostalgiesparte seit nunmehr zwei Staffeln bereits mit immensem Erfolg und es steht zu erwarten, dass auch das Kino mit „It“ noch lange nicht seinen letzten Repräsentanten jener Flashback-Avancen hervorgezaubert hat. Abgesehen von diesem alles in allem wenig spannenden Pseudophänomen, das wohl am Ehesten dazu angetan ist, den ungeheuerlichen, kommerziellen Erfolg des Films zu erklären, präserviert Muschiettis Film, der Nachfolger seines doch sehr mediokren Geisterstreifens „Mama“, durchaus nett daherkommendes Entertainment, bei dem sich bessere inszenatorische Ideen mit halbwegs lässlichen Redundanzen die Waage halten. Dass „It“ mit seinen Mehrfach-Showdowns deutlich übers Ziel hinausschießt und Erzählzeit schindet, wo es längst keiner mehr bedurft hätte, wäre er bloß konzentrierter korsettiert, dürfte noch der größte Faux-pas sein; zu deutlich potenterer Stärke findet Muschietti wiederum, wenn er (trotz der albernen Affinität eines der Helden zu der Affentruppe New Kids On The Block) unerwartet schöne Songs aus dem Ärmel zaubert und sich auf die intimeren Coming-of-Age-Momente konzentriert. Leider hat es derlei Momente vor allem im Direktvergleich allzu wenige und so kommt am Ende wenig mehr denn ein doch ziemlich gemischtgeschrotetes Unternehmen heraus, dessen demoskopisches Analysepotenzial letzten Endes interessanter ausfallen dürfte als es selbst.

6/10

IT

„I am eternal, child. I am the eater of worlds, and of children. And you are next!“

It (Es) ~ USA 1990
Directed By: Tommy Lee Wallace

Derry, Maine im Frühherbst 1960. Sieben durch ganz unterschiedliche Handycaps geprägte Kids im Alter von zwölf Jahren gründen den „Loser’s Club“, eine Clique, die ihnen nicht nur Zusammenhalt und Stärke verleiht gegen die alltäglichen Bedrohungen durch fehlgeleitete Erwachsene und halbstarke Bullys, sondern auch gegen eine paranormale, böse Entität, die Derry offenbar alle dreißig Jahre heimsucht und vornehmlich kleine Kinder verzehrt, um sich zu stärken. Es gelingt dem „Loser’s Club“ unter Aufbietung größtmöglicher Energien schließlich, jenes „Es“, das sich gern als Clown (Tim Curry) zeigt, in die Schranken zu weisen. Drei Jahrzehnte später beginnt in Derry erneut eine Serie von Kindermorden. „Es“ ist zurück. Mike Hanlon (Tim Reid), der als Einziger der sieben Kinderfreunde auch als Erwachsener in Derry geblieben ist, alarmiert den mittlerweile in ganz neuen Individualnöten befindlichen Loser’s Club, um der gemeinsamen alten Nemesis endgültig das Handwerk zu legen.

Tommy Lee Wallaces zweiteilige Adaption von Stephen Kings massivem Erfolgswälzer konnte sich über die Jahre eine für einen TV-Film ungewöhnlich große, cinephile fanbase sichern, was wohl neben einigen wenigen wirklich konstituierenden Augenblicken insbesondere der ikonographischen Darstellung des Clowns Pennywise durch Tim Curry zuzuschreiben ist. Und tatsächlich ist es vor allem Currys exaltierte Interpretation, die das ansonsten biedere, seinem Format gemäß stark korsettierte Werk immer wieder über seine ansonsten mediokre Präsentation hinaushebt und in Erinnerung bleiben lässt. Immerhin gelingt es Script und Film, auch die Metaebene von Kings allegorischer Kleinstadtmär aufrecht zu erhalten – im Grunde geht es ja gar nicht um dieses übermächtige, furchtbare Wesen unbekannter Herkunft, sondern um den Wert beständiger Freundschaft und den gemeinsamen, schließlich erfolgreichen Kampf um das Recht, in einer von Widerständen geprägten Umwelt überleben zu können. Um eine solche Geschichte umfassend erzählen zu können, bedurfte es offensichtlicher Klischees, die der Plot dann auch relativ behende bedient: Bill Denbrough (Jonathan Brandis/Richard Thomas) stottert, wenn er nervös ist und leidet unter übermächtigen Schuldgefühlen betreffs des Todes seines kleinen Bruders Georgie (Tony Dakota); Ben Hanscom (Brandon Crane/John Ritter), als adipöses Kind permanent gehänselt, ist als Erwachsener beziehungsunfähig und dem Alkohol verfallen; Eddie Kaspbrak (Adam Faraizl/Dennis Christopher) steht unter ewiger Bevormundung seiner selbstsüchtigen Helikoptermutter (Sheila Moore) und ist eingebildeter Asthmatiker; hinter der Fassade des vorlauten Richie Tozier (Seth Green/Harry Anderson) verbirgt sich ein von permanenten Selbstzweifeln heimgesuchter Schwächling; der intelligente Stanley Uris (Ben Heller/Richard Masur) kann nicht verwinden, dass es Dinge gibt, die nicht seiner jüdischen Schulweisheit unterliegen; Beverly Marsh (Emily Perkins/Annette O’Toole), das einzige Mädchen im Bunde, sucht sich als Erwachsene unbewusst genau solche Arschlochmänner, wie sie in Kindheitstagen ihr alleinerziehender, gewalttätiger Vater (Frank C. Turner) repräsentierte und Mike Hanlon (Marlon Taylor/Tim Reid) schließlich unterliegt primär dem gewaltigen, sozialen Nachteil, ein intelligenter, selbstbewusster Afroamerikaner zu sein. Den Kindern erwachsen all ihre von ihrem jeweiligen (zunächst unfreiwillig, später selbstgewähltem) Umfeld forcierten „Behinderungen“ zu ausgewachsenen Traumata, deren Symptome sie zwar zum Schein beiseite schieben können, deren tieferen, eigentlichen Ursachen sie sich jedoch nie wirklich zu stellen vermochten (und die in krassem Kontrast zu ihren jeweiligen, oberflächlichen Erfolgskarrieren stehen).
Der Kampf gegen „Es“ ist also vor allem eine extrem aktionistisch arrangierte Gruppentherapie, die der Bezwingung von Ängsten und Barrieren dient – ein klassischer Coming-of-Age-Stoff. Damit das auch der Dümmste versteht, schafft es Bill am Ende sogar, seine von Pennywise entführte, schwer traumatisierte Frau Audra (Olivia Hussey) aus ihrem katatonischen Zustand zurückzuholen – der finale Durchbruch gelingt und trotz zweier bedauernswerter Todesopfer (Stanley & Eddie) wird der Rest des „Loser’s Club“ nunmehr ein freieres Leben führen können.
Ich bin gespannt auf den ersten Teil der Neuinterpretation (demnächst hier).

6/10

DEATH NOTE

„You humans are so interesting!“

Death Note ~ USA 2017
Directed By: Adam Wingard

Der just wegen eines Gewaltverbrechens zur Halbwaise gewordene Light Turner (Nat Wolff) gerät buchstäblich aus heiterem Himmel an ein betagt aussehendes Notizbuch, das „Death Note“. Damit einhergehend erscheint ihm der spöttische Dämon Ryuk (Willem Dafoe), der ihm – natürlich sehr eigenwillige – Tipps und Hinweise zum Umgang mit dem Büchlein gibt. Jenes hat nämlich die besondere Bewandnis, dass jeder, dessen Name der gegenwärtige Besitzer des „Death Note“ schriftlich in ihm verewigt, alsbald eines urplötzlichen Todes stirbt. Light Turner macht sich selbst zu einem irdischen Superrichter, der überall auf der Welt Menschen sterben lässt, die es seiner Meinung nach verdient haben. Doch ist ihm schon ein hellseherischer Detektiv namens L (Lakeith Stanfield) auf den Fersen, der Light bald zum Umdenken bewegt…

Ich mag Adam Wingard als Regisseur (trotz nicht hinfortzuleugnender, geringfügiger Ausfälle letzthin noch immer) sehr gern und halte daher bis aufs Weitere an seinem unermüdlichen output fest. „Death Note“, das muss ich absolut und nichtsdestotrotz einräumen, darf man jedoch getrost als gescheitert einordnen, als bisher schwächsten Film mit seiner Beteiligung, den ich überhaupt kenne gar. Ich wusste zuvor überhaupt nichts über diese Netflix-Produktion, weder, dass Warner die zuvor bei ihnen liegenden Filmrechte (offenbar wohlweislich) veräußert hatte, noch, dass das Ganze auf einer Manga-Serie gleichen Namens beruht, die wiederum bereits eine ganze japanische Filmreihe mit bis dato vier Vertretern hervorgebracht hatte. Nach meinen entsprechenden Erfahrungen hätte ich angesichts dieser Informationen vielleicht bereits rechtzeitig abgewunken. Vielleicht aber auch nicht; und da kommt dann wieder Adam Wingard ins Spiel, dem hier allerdings sein ansonsten obligatorischer, kongenialer Part Simon Barrett ganz immens abgeht. Wingard ist dann auch einer der wenigen Kreativbeteiligten, dem man Können und sichere Hand im Umgang mit dem Fach bescheinigen möchte. Formal nämlich gibt es an „Death Note“ überhaupt nichts auszusetzen, ganz im Gegenteil: Von der Entdeckung des Buches über die Einführung des Ryuk bis hin zum Riesenrad-Finale entwickelt Wingard eine ganze Anzahl hübscher visueller Einfälle, präsentiert hier und da treffende Song-Einspieler und zeigt erneut, dass er sich aufs Horrorgenre versteht wie momentan nur wenige andere seiner Filmemachergeneration. Gegen die sich zu völlig idiotischer Redundanz entwickelnde Story, sprich: das hoffnungslos verfahrene Script, das geradezu aufreizend darum buhlt, sich jedewedem aufrechten Zuschauerinteresse entgegenzustellen, kann jedoch auch Wingard nichts ausrichten. Das Ganze wirkte auf mich bereits recht früh, schätzungsweise so ab Minute 20, wie eine nippongetunte „Donnie Darko“-Variation, wie überdrehtes, ziellos dahinwaberndes Mysterientheater für aufmerksamkeitsdefizitäre Tokyoter Schuluniformträger. Einer der globalkulturellen Auswüchse also, zu der ich niemals Anschluss finden werde, sooft ich’s auch probiere. Bis auf die immerhin bis zum Ende hin wach gebliebenen Augen und die überraschten Reaktionen auf die drei, vier schönen musikalischen Zitate (v.a. INXS‘ „Don’t Change“ im Zuge der natürlich unverzichtbaren High-School-Ballsequenz und das schön schmalzige „The Power Of Love“-Cover von Air Supply zum Abschluss) hat mich „Death Note“ so kalt und unbeteiligt zurückgelassen wie schon lange kein Film mehr. Schade um das derart rückhaltlos verschwendete Talent Wingards.

4/10

GRAVE

Zitat entfällt.

Grave (Raw) ~ F/BE/I 2016
Directed By: Julia Ducournau

Die behütete Justine (Garance Marillier), zeitlebens Vegetarierin, tritt in die Fußstapfen ihres Vaters (Laurent Lucas) und beginnt, wie ihre große Schwester Alexia (Ella Rumpf) zuvor, Veterinärmedizin zu studieren. Immerhin ist Alexias Anwesenheit vor Ort insofern hilfreich, als dass die albernen bis abartigen Initiationsriten der höheren Semester Justine nicht ganz unvorbereitet treffen. Überhaupt gestalten sich die ersten Tage an der Uni nicht eben einfach für die noch sehr mädchenhafte Justine. Einer der Professoren gibt ihr zu verstehen, dass er „Streberinnen wie sie“ verabscheue; Alkohol, Drogen und hemmungslose Promiskuität unter den KommilitonInnen sind ihr in solch farbenfroher Praxis unbekannt, ihren selbstbewussten, schwulen Mitbewohner Adrien (Rabah Nait Oufella) indes findet sie zunehmend anziehend. Als sie im Zuge einer der Radikalaktionen für die Neuankömmlinge gezwungen wird, rohe Kaninchennieren zu essen, reagiert ihr Körper zunächst höchst allergisch. Damit nicht genug, entwickelt Justine plötzlich ein inniges, suchtähnliches Verlangen nach rohem Fleisch und warmem Blut. Für Alexia sind derlei ungewöhnliche Triebe zu Justines Überraschung nichts Neues…

Dass „Grave“ einer der besten jüngeren Horrorfilme ist, lässt sich schon seit Längerem mehrerorts nachprüfen. Nach der Betrachtung kann ich diese Einschätzung nur nachdrücklich bekräftigen. Nicht nur, dass Julia Ducournaus intelligentes Kinodebüt von seiner dezidiert femininen Perspektivierung profitiert, verleiht es dem zuletzt ja wieder etwas revitalisierten Kannibalen-Topos im Genre neue Impulse und gibt berechtigte Hoffnung zu der Annahme, dass die belgofrankische Hardcore-Welle nach doch noch nicht ganz abgeebbt ist. Vor allem entpuppt sich „Grave“ sehr schnell als luzide Satire auf den Habitus der Generation der um zwanzigjährigen Studierenden „von heute“: Auf bekümmernde Weise entpolitisiert, hedonistisch bis ins Mark, instinktiv enthemmt bis zur Schmerzgrenze, führt uns Ducournau eine scheinliberale peer group junger Erwachsener vor, die Anarchie mit „Jackass“-Humor verwechselt und gesellschaftliche Rebellion mit unkontollierter Intoxinierung, dabei jedoch ganz im Gegensatz zu ihren phrasenhaften Dogmen bloß für eine gezielt uminterpretierte Form von Uniformiertheit und Gleichförmigmachung steht. Selbst Adriens stets wichtig-apostrophiert gelebte Homosexualität scheint vielmehr ein Ausdruck antibourgeoiser Revolte zu sein als eine echte Herzensangelegenheit. Sowohl von der gängigen Schönheitsnorm abweichende Mitmenschen als auch Verweigerer der gezielten Deprivation der Jungstudierenden landen ganz am unteren Ende der Hierarchie und sind somit gezwungen, ein langfristig freudloses Außenseiterdasein zu führen. Ein leicht übergewichtiges Mädchen (Danel Utegenova) gibt Justine auf der Damentoilette Tipps zum effektiveren Übergeben; die Justine wegen ihres Ausschlags behandelnde Ärztin (Marion Vernoux) erzählt ihr von dem schlimmen Los einer stark adipösen Kommilitonin. Da sind berüchtigte Kommissstrukturen nicht mehr weit – und dass innerhalb der selbsternannten intellektuellen Elite von morgen.
Es geht in dem nebenbei exzellent inszenierten „Grave“ also weniger um das zunächst Offensichtliche, – anthropophagische Gelüste also, – denn vielmehr um die alte, allgegenwärtige teenage angst, sich der Aufstellung normativer Maßregeln stellen zu müssen. Dass das Ganze einen dann doch noch geflissentlich mit der Phantastik liebäugelnden Abschluss erhält, der zudem nach einer potenziellen Fortsetzung schielt, sei Ducornau als kleines Zugeständnis an die Gattungsstrukturen nachgesehen.

9/10