RECKLESS

„I don’t want to calm down. I’m sick of calming down. I’m sick of everything being okay!“

Reckless (Jung und rücksichtslos) ~ USA 1984
Directed By: James Foley

Eine stinkende, grau in graue Schwerindustriestadt in Ohio: Zwei High-School-Teenager, der aus einer Arbeiterfamilie stammende Johnny Rourke (Aidan Quinn) und die Upper-Class-Schönheit Tracey Prescott (Daryl Hannah), verlieben sich heftig ineinander. Obwohl der allzeit omnipräsente Standesdünkel ihnen alle möglichen Steine in den Weg legt, gelingt ihnen nach allerlei Irrungen und Wirrungen doch noch die gemeinsame Flucht aus dem miefigen Kleinstadtmilieu.

Love conquers all: James Foleys Regiedebüt lädt dazu ein, die vielversprechend anmutenden ersten Schritte eines jungen Filmemachers zu beobachten, der, ähnlich wie seine Protagonisten, einst eine Menge romantischer Wut im Bauch trägt. Im (amerikanischen) Teenager-Film des Jahrzehnts nimmt „Reckless“ dann auch eine vergleichsweise (obschon nicht solitäre) gesonderte Position ein: Nicht nur, dass komödiantische Elemente darin keinerlei Rolle spielen, geht es zwar auch hier um eine bestimmte Form des Sieges; diese formuliert sich allerdings nicht wie üblich in Form karrieristischer Bestrebungen und Gewinne oder gar einer Eingliederung in Establishment-Strukturen. Wo üblicherweise Sportevents, Schulabschlüsse oder Prüfungen, die Manifestierung von Individualität innerhalb einer bourgeois-gleichgeschalteten Jugend oder die umwegsgesäumte Erkenntnis der wahren Liebe im Vordergrund standen, sieht sich „Reckless“ eher als rückwärtsgewandte Hommage an die Juvenile-Delinquent-Dramen der fünfziger Jahre. So steht Aidan Quinns Figur nicht nur als Motorradliebhaber eindeutig in der Tradition der grenzverzweifelten angry young men, die Brando und Dean in jener Ära gaben, als Aufbegehrer gegen einen dem Suff und der Desillusionierung verfallenen Vater (Kenneth McMillan), dessen Malochertod schließlich die letzte noch existente Vernabelung zwischen Johnny und seiner Heimstatt kappt. Obwohl einem gänzlich diametralen Haushalt entstammend, erkennt durch seinen mittelbaren Einfluss auch Tracey, dass ihr ausschließlich aus zu befriedigenden Erwartungshaltungen bestehendes Erwachsenwerden sie alles andere als glücklich macht. Gegen alle Widerstände schafft das Paar es schließlich, sich nicht nur zusammenzuraufen, sondern auch den gemeinsamen Schritt in die Unabhängigkeit und weg von den Wurzeln zu meistern, ein verdientes, auch den Zuschauer glücklich stimmendes happy end inbegriffen.
Wie im Falle des Regisseurs bildet „Reckless“ zugleich ebenso die Leinwandpremiere Quinns wie auch das Scriptdebüt des späteren Spielberg-Adlatus und Familien-Mainstream-Regisseurs Chris Columbus, der nachträglich gegen den Foley wetterte, meinte, dieser habe sein Drehbuch massakriert und er selbst fände sich im fertigen Werk nicht mehr wieder. Über die Ausprägung Columbus‘ ursprünglicher Zeilen muss zumindest in der oberflächlichen Frage nach Gelungenheit allerdings kaum weiter nachgedacht werden, denn „Reckless“ ist auch ohnedies ein beachtliches, mitreißendes Coming-of-Age-Drama, dessen diverse Qualitätsfacetten – darunter Michael Ballhaus‘ exzellente Photographie, die hübsche Song-Zusammenstellung oder, ganz profan, Daryl Hannahs atemberaubende Sexyness zu einem durchaus geschlossenen Ganzen finden.

8/10

TSCHICK

„Ohne Sinn.“

Tschick ~ D 2016
Directed By: Fatih Akin

Maik Klingenberg (Tristan Göbel) ist 14 und kommt aus Marzahn. Sein Vater (Uwe Bohm) hat sein beträchtliches Vermögen als Immobilienmakler erwirtschaftet, seine Mutter (Anja Schneider) säuft wie ein Loch. Unter seinen Mitschülern gilt Maik als verschrobener Außenseiter, was ihm insbesondere deshalb zu schaffen macht, weil ihn Stufenschwarm Tatjana (Aniya Wendel) links liegen lässt. Als eines Tages der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Spätaussiedlerjunge Andrej (Anand Batbilek Chuluunbaatar) in die Klasse kommt, hat Maik als ignorierter Sonderling zumindest keinen Exklusivstatus mehr. „Tschick“, so Andrejs Spitzname, schert sich noch weniger als Maik um das schulische Tagesgeschäft. Anstelle eines Rucksacks schleppt er eine Plastiktüte mit sich herum, in der sich zumeist auch eine halbleere Flasche Vodka befindet. Zum Auftakt der Sommerferien sind weder Maik noch Tschick zu Tatjanas Geburtstagsparty eingeladen. Zudem ist Maiks Mutter in der Entziehungskur, derweil sein Vater mit der wesentlich jüngeren Kollegin Mona (Xenia Assenza) eine „Geschäftsreise“ begeht. Da kommt Maik Tschicks Einfall, mit einem bereits vorsorglich geklauten Lada Niva in die Walachei zu reisen, gerade recht…

Wolfgang Herrndorfs gleichnamiger Jugendroman, die Vorlage zu Fatih Akins achtem Spielfilm, dem ersten nach Vollendung seiner „Liebe, Tod & Teufel“-Trilogie mit „The Cut“, zog quasi unmittelbar nach seinem Erscheinen vor neun Jahren in den Lehrplankanon der Schulliteratur ein. Tatsächlich entpuppt sich „Tschick“ auch auf den zweiten Blick als einer langen, „anerkannten“ Tradition von Nöstlinger, Härtling, von der Grün oder später Giordano folgende, typische deutsche Coming-Of-Age-Geschichte.
Um zwei eigentlich sehr gegensätzliche juvenile outcasts geht es darin, einer aus der upper class, einer aus dem Prekariat, um deren eigentlich unmögliche Freundschaft, das „coping“ mit der dysfunktionalen Familie, die Herausbildung von Individualität, erste Sexualität. Rise & shine. Gekleidet wird das Ganze, gewissermaßen a priori filmkopatibel, in ein abenteuerliches und romantisches Road-Movie-Szenario, an dessen vorläufigem Ende natürlich auch der kathartische Ärger mit der Justiz steht – immerhin dürfen zwei Vierzehnjährige, zumindest erlaubt das nicht die Schulbuchmoral, kein Auto klauen und damit langfristig durchkommen. Einige Szenen des Buchs (etwa Tschicks Fußunfall) finden sich variiert oder gerafft, andere, wie die um eine matriarchalisch geprägte, nur auf den ersten Blick sonderbar erscheinende Ökofamilie in der ostdeutschen Provinz, vergnüglich ausformuliert. Bei diesen handelt es sich vornehmlich um jene, die unterschwellige didaktische Prinzipien beinhalten – im erwähnten Fall staunen Maik und Tschick über die umfassende Allgemeinbildung der durchweg jüngeren Kinder und das zwar eklig aussehende, aber köstlich schmeckende Risi-Bisi, das es zum Mittag gibt.
Eine besonders schöne, auch visuelle, Poesie entfaltet „Tschick“ im Segment um die tschechische Aussteigerin Isa (Mercedes Müller), die Maik die Augen darüber öffnet, wie anziehend Weiblichkeit wirklich sein kann, abseits von pubertärer Schwärmerei.
Als problematisch empfand ich den Umgang des Narrativs mit Maiks Alkoholikermutter, da dieser im Rahmen des Plots zwar hübsch unkonventionell gehandhabt wird, Buch und Film hier jedoch ein wenig mit der irrealis durchgehen. Die Gründe Frau Klingenbergs, zu saufen, mögen angesichts ihres widerwärtigen Gattenverständlich sein, die angeteaserte Tendenz jedoch, dass ein langfristig tragfähiges Zusammenleben Maiks mit seiner offensiv schluckenden Mutter (die erst nach einer Flkasche Vodka richtig gut Tennis spielt) nicht nur möglich scheint, sondern durch das Ende geradezu herbeiparaphrasiert wird, kann ich nur unter überflüssig bis naiv verbuchen. Dann doch lieber teenage anarchy. Glücklicherweise beschädigt jene Unachtsamkeit zumindest Akins insgesamt wieder einmal sehr gelungenen, kunterbunten Film nicht nachhaltig.

8/10

THE MAN WHO LOVED CAT DANCING

„Never try to bribe a man with something he can take anyway.“

The Man Who Loved Cat Dancing (Der Mann, der die Katzen tanzen ließ) ~ USA 1973
Directed By: Richard C. Sarafian

Nach einem Zugüberfall stoßen der Ex-Knacki Jay Grobart (Burt Reynolds) und seine Kumpanen in der Prärie eher zufällig auf die alleinreisende Catherine Crocker (Sarah Miles). Diese ist ihrem Mann, dem Rancher Willard (George Hamilton) davongelaufen, weil sie es bei und mit ihm nicht mehr aushielt. Grobarts Männer machen keinen Hehl daraus, dass sie die vom Regen in die Traufe geratene Catherine bei der nächstbesten Gelegenheit vergewaltigen werden, derweil Willard Crocker Catherine gemeinsam mit dem Bahndetektiv Lapchance (Lee J. Cobb) nachspürt. Diverse gruppenin- und externe Konflikte mitsamt einigen Todesopfern führen dazu, dass Grobart und Catherine bald allein sind und Zeit haben, sich ineinander zu verlieben. Dabei erfährt Catherine von Grobarts bewegter Vergangenheit: Seine erste Frau, die Schoschonin Cat Dancing, wurde einst vergewaltigt und von Grobart selbst, der sie in blinder Eifersucht des Fremdgehens verdächtigte, missverständlich getötet. Auch seinen Sohn ließ Grobart daraufhin im Stich. Crocker und Lapchance kommen indes immer näher…

Die ihrem reichen Ranchersgatten abtrünnige Ehefrau war ein beliebter Topos im und um den Spätwestern der Ära New Hollywood. Nachdem Richard Brooks in „The Professionals“ noch eine sehr romantische Herangehensweise an diesen Themenkomplex wähnte – eine feurige Claudia Cardinale präferiert darin Jack Palance als mexikanischen Revoluzzer anstelle ihres faltigen Ehemanns Ralph Bellamy -, verdanken wir Don Medford und seinem „The Hunting Party“ die schwärzeste und räudigste Variation des Stoffes: Gene Hackman ist hier eine durch und durch böse und sadistische Kapitalistensau, deren frustrierte Frau Candice Bergen quasi überhaupt keine andere Option hat, als davonzulaufen und sich in den struppigen Outlaw Oliver Reed zu verlieben, der seine wüste Zuneigung wiederum auf eher unerfreuliche Weise verdeutlicht. Medford hinterließ dann am Ende im wahrsten Sinne auch nurmehr verbrannte Erde. Sarafians Adaption eines als eher schmalzig geltenden Liebesromans wählte dann eine Art Mittelweg aus beiden Anordnungen. Über die dysfunktionale Beziehung der Crockers erfährt man eher wenig, wenngleich bereits George Hamiltons blasiertes Auftreten mancherlei Rückschlüsse zulässt. Im Zentrum steht vielmehr die innerlich schwer zerrissene Figur des Jay Grobart, von Burt Reynolds in einer seiner humorlosesten Charakterisierungen als stilles Wasser mit gewaltigen Untiefen feilgeboten. Die Welt, in der der dieses ungleiche Paar zusammenfindet, erscheint dabei ebenso ungehalten wie lebensfeindlich. Neider und Verfolger befinden sich da überall, sei es unter Grobarts ungeschlachtem Haufen oder in Form der ihnen von „Rechtswegen“ nachstellenden Posse. Während Grobarts Kompagnons Bowen (Bo Hopkins) und Dawes (Jack Warden) wie Schakale um Catherine herumschleichen, besteht kein Hehl darin, dass auch Crocker kaum zimperlich mit den Flüchtenden umzugehen gedenkt. Erst im weiteren Verlaufe der Geschichte, die ihre bitteren Wahrheiten erst nach und nach preisgibt, offenbart sich zugleich auch das eigentliche Bestiarium der ungleichen Männer, die darin vorkommen. Ich kann mich zum Beispiel nicht erinnern, den (zumindest in späteren Jahren) gewöhnlich doch beinahe stets in positiven, onkelhaften Rollen besetzten Jack Warden schon einmal als einen solch widerlichen Schweinehund gesehen zu haben.
Was den deutschen Titel – glücklicherweise nicht jedoch die Vertonung – anbelangt, so hat man hier einmal mehr schwer daneben gehauen. Katzen tanzen lässt hier jedenfalls niemand.

9/10

WILD AT HEART

„We got some dancin‘ to do.“

Wild At Heart ~ USA 1990
Directed By: David Lynch

Leben und Lieben könnten schön sein für Sailor Ripley (Nicolas Cage) und Lula Fortune (Laura Dern) – wäre da nicht Lulas böse, intrigante Mama Marietta (Diane Ladd) und ihre beständige Angst davor, dass Sailor einst mitbekam, wie sie gemeinsam mit dem Gangster Marcellos Santos (J.E. Freeman) ihre Gatten in Brand gesteckt hat. Nun sind Sailor und Lula auf der Flucht nach Kalifornien, ein paar gefährliche Auftragsmörder auf den Fersen.

Seinem damaligen Kunstideal, die amerikanische Kitschkultur zu redefinieren und ihr dann den Spiegel der eigenen Monstrosität vor Augen zu halten, kam David Lynch nie näher. Basierend auf einem für sein Vorhaben wie geschaffenen Roman von Barry Gifford ließ Lynch in sein exaltiertes Werk um ein nicht eben bildungsnahes, dafür aber umso emotionskräftigeres Liebespaar wider alle Schranken Sex, jeweils eine Menge Kettenrauchertum, Elviskult, irre Verbrecher und vor allem eine Menge „Wizard Of Oz“ einfließen. Seine beiden Protagonisten Sailor und Lula oszillieren dabei wild umher zwischen belustigender Einfalt, klebrigen Liebesbekenntnissen, erschreckender Gewaltbereitschaft und beneidenswert ekstatischem Sex. Ähnlich wie „Blue Velvet“ legt Lynch den Rahmen der Geschichte als Reise in ein finstereres Herz Amerikas an. Die konstitutionelle Vorgabe des road movie erlaubt ihm hier zudem, den gesamten Film als pathologische Americana zu gestalten, als verzerrtes Porträt einer Nation, aus deren bei aller inneren Verseuchung unerschütterlichem Selbstverständnis sich gleichermaßen Ekel und Faszination beziehen lassen. Dass Lynch es dabei nie wirklich ernst meint, zeigt seine konsequente Ironisierung der herben Gewaltspitzen: Nachdem Sailor gleich am Anfang einem von Marietta gezielt eingesetzten agent provocateur (Calvin Lockhart) das Gehirn aus dem Schädel geprügelt hat, steckt er sich erstmal eine postorgiasmische Zigarette an; zwei mit der Schrotflinte bearbeitete Bankangestellte krabbeln auf dem Boden herum, um die abgeschossene Hand eines der beiden zu suchen, mit der sich unterdessen ein fröhlich schwanzwedelnder Hund um die Ecke verdrückt. Am Ende kassiert dann auch der bis dahin zumeist in cooler Passivität verharrende Sailor endlich seine Tracht Prügel von ein paar wortkargen Straßenschlägern, die ihm die finale Erleuchtung beschert, kredenzt durch den längst überfälligen Auftritt einer guten Hexe (Sheryl Lee): „Don’t turn away from love, Sailor.“ Zeit für ein extrem überzuckertes happy end, das „Wild At Heart“ sich da schon längst verdient hat. Und umgekehrt.

10/10

BADLANDS

„Kit was ten years older than me and came from the wrong side of the tracks so called.“

Badlands ~ USA 1973
Directed By: Terrence Malick

South Dakota, 1959. Die junge Holly Sargis (Sissy Spacek) lebt mit ihrem verwitweten Vater (Warren Oates), einem Maler von Werbeplakatwänden, in der Kleinstadt Fort Dupree. Per Zufall begegnet sie dem etwas älteren, hübschen Kit Carruthers (Martin Sheen), der als Müllmann arbeitet. Hollys Vater akzeptiert Kits Werben um seine Tochter nicht. Als Kit schließlich mit dem Mädchen durchbrennen will und sich ihnen der Alte in den Weg stellt, knallt Kit ihn beinahe reglos ab und zündet das Haus an. Gemeinsam fliehen sie zunächst in den Wald und richten sich dort mit dem Notwendigsten häuslich ein. Eine ihnen auf der Spur befindliche Gruppe von Kopfgeldjägern erschießt Kit, als es für ihn brenzlig wird. Er bricht zusammen mit Holly in Richtung der Badlands in Montana auf, kein wirkliches Ziel vor Augen. Kit genießt die mediale Berichterstattung über ihn und fühlt sich als Rebell. Als Holly ihn kurz vor dem Ziel verlässt und sich den Behörden stellt, wird auch Kit des dauernden Flüchtens müde. Er inszeniert seine eigene Verhaftung durch zwei Provinzpolizisten als einer letzte, kurzen Verfolgungsjagd. Die Todesstrafe wegen mehrfachen Mordes erwartet ihn, ohne, dass ihm das recht klar zu sein scheint.

Terrence Malicks Regiedebüt weist den eigenwilligen kreativen Weg dieses höchst sonderbaren Filmemachers, eines der wenigen außerhalb des kommerziellen Scheinwerferfokus, die New Hollywood überlebt haben. Bereits hier setzt er auf einen poetischen Voiceover, gesprochen von einer zurückblickenden Holly Sargis, die aus der Zukunft selbst nicht mehr recht begreift, worin die einstige Verbundenheit zu dem aus dem Ruder geratenden Massenmörder Kit Carruthers eigentlich bestand. Ihr junges Selbst, ein fünfzehnjähriges Mädchen in der Pubertät, die aufrichtige Liebe mit all ihren Wechselwirkungen und Zugehörigkeiten noch gar nicht recht einzuschätzen vermag, folgt Kit, weil ihr letzten Endes wenige Alternativen bleiben. Der hassenswerte, autoritäre Vater (als Strafe für Hollys Romanze mit Kit tötet er ihren Hund) ist infolge Kits radikaler Intervention fort, sie damit verwaist, einsam und orientierungslos. Die folgenden Wochen gleichen einem in groteske Länge gezogenen, romantischen Kinderspiel. Kit erweist sich mehr und mehr als ungebildeter, fast infantlier Delinquent und Soziopath, der nur für den nächsten Tag lebt, während Hollys Perspektive vielschichtiger wird und die Ausweglosigkeit seines Tuns begreift. Irgendwann ist die Liebe, oder das, für das Holly sie gehalten hat, einfach weg und ihr Charakter reif für dringend notwendige Veränderungen.
Malick interessiert sich schon in seinem Erstlingswerk nicht für oberflächliche Spannungsdramaturgie. Natur und Umwelt fungieren in „Badlands“ in all ihrer erhabenen Allgegenwärtigkeit als stumme Zeugen, hier: einer zerstörerischen Fahrt ins Nichts, die gleich von Beginn an ohne jedwede Zukunftsperspektive angetreten wird und demzufolge in einer Sackgasse enden muss. Ihr reales Vorbild hat diese Geschichte in einem wesentlich brutaleren und kaum mit märchenhafter Transzendenz zu assoziierenden Kriminalfall, nämlich dem um Charlie Starkweather und seine Freundin Caril Ann Fugate, die im Winter 1957/58 eine elf Todesopfer fordernde Blutspur durch Nebraska zogen. Malick weicht bewusst davon ab, die Figur des Kit Harrington allzu analog zu Starkweather anzulegen. Aus dem bestialisch zu Werke gehenden Serienkiller, zu dessen Opfern auch Caril Anns zweijährige Halbschwester gehörte und der nebenbei noch genüsslich mehrere Hunde strangulierte, wird hier ein keinesfalls unromantischer Delinquent, der weder ein aufbrausendes noch sonstwie aus der Fassung geratendes Wesen besitzt und dessen Opfer (im Film sind es sieben) eher das Pech haben, seinen unbestimmten Weg zu kreuzen, respektive diesen zu verstellen oder zu gefährden. Holly bleibt derweil stets teilnahmslos oder erweckt zumindest diesen Eindruck. „Badlands“ vermeidet es, Hass- oder Angstgefühle hinsichtlich dieser Figur zu evozieren, wie sie eine authentischere, explizitere Darstellung Starkweathers und seiner Taten zwangsläufig hervorgerufen hätte, und zieht stattdessen den weitaus komplexeren Weg vor, dem vorsorglich auf emotionaler Distanz gehaltenen Zuschauer das Urteil über das Verhalten und den kurzen, zerstörerischen Werdegang der Protagonisten zu überlassen. So ist „Badlands“ angesichts seiner formalästhetischen Eigenständigkeit und trotz seines finsteren Sujets tatsächlich das, was man landläufig als einen „schönen Film“ bezeichnet. Malick hat daraus seine ganz private Kunstform gemacht.

9/10

BONNIE E CLYDE ALL’ITALIANA

Zitat entfällt.

Bonnie E Clyde All’Italiana (Bonnie und Clyde auf italienisch) ~ I 1982
Directed By: Stefano Vanzina

Der einsame Pechvogel und Scherzartikel-Vertreter Leo Gavazzi (Paolo Villaggio) und die kurzsichtige Flughafen-Ansagerin Rosetta Foschini (Ornella Muti) sind, ohne voneinander zu wissen, Nachbarn in einem seelenlosen Tranbanten-Hochhaus-Vorort Roms. Durch Zufall kreuzen sich mehrfach ihre Wege, bis sie schließlich gemeinsam bei einem Banküberfall als Geiseln genommen werden. Von nun an sind ihre Schicksale untrennbar miteinander verbunden, wobei sie in ein Fettnäpfchen nach dem anderen geraten, bald selbst polizeilich gesucht werden und sich irgendwann ihrem neuen Los als Gangster wider Willen fügen. Und dann ist da noch die Liebe.

Stenos bezaubernde Komödie mit Musik von den Onion-Olivers habe ich als Kind geliebt und etliche Male gesehen, bis der Lauf der Zeit und die mangelnde Verfügbarkeit mich ihn für viele Jahre aus den Augen verlieren ließen. Jetzt habe ich ihn wiederentdeckt und finde ihn gleich noch schöner als dunnemals. Ich muss dazu sagen, dass ich eine besondere Schwäche habe für Geschichten, in denen grandios scheiternde Verlierertypen ihre Herzdame treffen und dann auch noch bei dieser landen dürfen. Ein größerer outcast als Italiens Slapstick-König Paolo Villaggio (dessen „Fantozzi“-Filme in ihrem Heimatland gigantische Erfolge erzielten, der jedoch bei uns nie den Popularitätsgrad diverser anderer Italo- und Frankoexporte erklomm) ist kaum vorstellbar, zumal in der Rolle des Leo Gavazzi. Gavazzi ist einer, der morgens gewohnheitsmäßig der Regenschirm aufspannt, weil ihm regelmäßig ein Straßenköter durch das Fenster seiner Kellerwohnung schifft. Er hat kaum Geld, ist dicklich und äußerlich wenig attraktiv, trägt eine billige Frisur und einen schlecht sitzenden Anzug spazieren. Sein Auskommen verdient er mit Scherzartikeln von anno Asbach, darunter fünf verschiedene Sorten künstlicher Scheiße, die beim Draufdrücken quietschen. Soziale Kontakte scheint er keine zu pflegen, dennoch ist er ein steter Ausbund an Fröhlichkeit, Nachgiebigkeit, Empathie und Ehrlichkeit, kurzum: einer mit einem goldenen Herzen. Ihm gegenüber steht Rosetta Foschini, die mit Ornella Muti eine der medial hochkultivierten Traumfrauen dieser Zeit als kongeniale Interpretin fand. Auch Rosetta, genannt Giada, ist nicht eben vom Glück verfolgt. Jeder Mann, dem sie begegnet, interessiert sich lediglich für ihre körperlichen Attribute, hält sie ansonsten jedoch für ein naives Dummerchen und übersieht die Frau hinter dem Dekolleté. Durchaus vorteilhaft für Leo, dass im Zuge der Kidnapping-Aktion, die ihn und sie zusammenführt, ihre Brille kaputtgeht und sie ihn nur verschwommen sehen kann, denn so hat sie Gelegenheit, ihn wirklich kennenzulernen und sich aller Wahrscheinlichkeiten zum Trotze auch in ihn zu verlieben. Der unschlagbare Beweis kommt schließlich in Person von Jean Sorel, der als schmieriger Superbulle (mit anfänglicher Gangstertarnung und wundervoll synchronisiert von Wolf Martienzen) bei Giada zu landen versucht, von ihr zugunsten des bereits resignierenden Leo (und der sträflich ungesicherten Diebesbeute) jedoch eiskalt abserviert wird. Am Ende darf eines der schönsten Liebespaare mindestens der Achtziger ins wohlverdiente Happy End abzwitschern, nachdem dem Zuschauer eine neunzigminütige tour de force von nicht immer geschmackssicheren bis oftmals infantilen (nichtsdestotrotz meistz witzigen) Gags zwischen Erwachsenenmärchen, Road Movie, Romantik und Actionkomödie kredenzt wurde.
Wunderhübsch!

8/10

THELMA & LOUISE

„You get what you settle for.“

Thelma & Louise ~ USA 1991
Directed By: Ridley Scott

Die beiden mehr oder weniger in ihren jeweiligen Alltagsgefängnissen arretierten Freundinnen Thelma (Geena Davis) und Louise (Susan Sarandon) planen einen Wochenendtrip in die Berge. Ihre kleine Reise findet jedoch einen jähen Kurswechsel, als Louise nach einem kurzfristig zwischegeschalteten Kneipenbesuch einen Schmierlappen (Timothy Carhart), der Thelma vergewaltigen will, über den Haufen schießt. Im Nullkommanichts werden aus den eher biederen Frauen zwei Outlaws, die in Richtung der mexikanischen Grenzen flüchten, dabei immer mehr zu sich selbst finden. Das FBI und vor allem der den Frauen gewogene Detective Slocumb (Harvey Keitel) sehen das jedoch ganz anders und begeben sich auf ihre chaotische Spur.

Wenn man von Ridley Scotts Meisterstücken spricht, fallen ganz zu Recht im Regelfalle zumeist die beiden offenkundigen Titel „Alien“ und „Blade Runner. Sein „Gladiator“ erfreut sich ebenfalls noch eines relativ ordentlichen Renommees, aktiviert jedoch bereits recht viele kritische Stimmen, die sein zuweilen sicherlich aufdringliches Pathos oder seine historische Ungenauigkeit in Zweifel ziehen. Mit „Thelma & Louise“ jedoch ist Scott seine in just diesem Wortsinne womöglich schönste Arbeit geglückt, ein sehr herzlicher, warmer, komischer und auch dramatischer Film mit zwei großen Heldinnen, der das alte Couple-on-the-run-Sujet neu entdeckt und unter einem offen feministischen Überbau neu strukturiert. Ein bisschen countryfarbige Neowestern-Romantik ist dabei, wenn die beiden Freundinnen, im Grunde stinknormale, amerikanische Allerweltsdamen, sich von ihrer vormals kontrollierten, einschlägigen Existenz emanzipieren und damit zu vom dominanten Männerkosmos nicht tolerierbaren Gesetzesbrecherinnen werden.
Erst nach und nach erfährt man ein wenig mehr über Thelma und Louise: Die eine ist ein biederes Hausmütterchen, die es ihrem widerwärtigen Ehemann (Christopher McDonald), der sie nicht ansatzweise verdient, tagtäglich rechtzumachen versucht und sich dabei von ihm Respektlosigkeit, Erniedrigung und Betrug bieten lassen muss. Daraus sind längst sexuelle Frustration und gärende Unzufriedenheit erwachsen, die sich über kurz oder lang onehin Bahn gebrochen hätten. Louise indes wirkt wesentlich selbstbestimmter, doch auch sie hat ihre Tiefen: Einst ist sie vergewaltigt worden, ohne die ihr zustehende Rechtsprechung erfahren zu können; sie hängt ihrer sich langsam verflüchtigenden Jugend nach und rennt trotz ihres ausgeprägten Selbstbewusstseins gängigen Schönheitsidealen hinterher. Im Laufe der Geschichte gleichen die beiden Frauen sich immer mehr an und wechseln sogar die vormals aufgestellten Charaktermerkmale: Die vormals verweichlichte, affirmative Thelma avanciert irgendwann zur mindestens gleichberechtigt treibenden Kraft ihrer Tour de force, an deren Ende einer der am kraftvollsten inszenierten Freitode der gesamten Filmgeschichte steht; zugleich ein wunderbarer Befreiungsschlag und ein Fanal nicht nur für die Freiheit der Frau, sondern für die Freiheit des Individuums an sich.
Doch auch sonst ist „Thelma & Louise“ vreich an magischen Augenblicken. Der Südwesten mit seinem blauen Firmament sah vielleicht seit Ford nicht mehr so  wunderschön aus auf der Leinwand und die nächtliche Fahrt in Louises Thunderbird (den Wagen wechseln die Frauen nie, obwohl ihnen das Einiges erleichtern würde) zu Marianne Faithfulls elegischer „Ballad Of Lucy Jordan“ ist eine unvergessliche Bild-/Musik-Komposition. Der kiffende Biker (Noel Walcott), der dem im Kofferraum gefangenen, um Hilfe schreienden Cop (Jason Beghe) kurzerhand eine Graswolke durchs Einschusslock exhaliert, wäre allerdings nicht minderen Goldes wert.
Doch eben auch in Gänze ein wahrhaftiger, fabelhafter Film, der sich seinen Platz neben den oben Erwähnten ganz umweglos verdient.

10/10