LAW ABIDING CITIZEN

„I need a shower, Warden.“

Law Abiding Citizen (Gesetz der Rache) ~ USA 2009
Directed By: F. Gary Gray

Die zwei Raubeinbrecher Darby (Christian Stolte) und Ames (Josh Stewart) zerstören in einer Nacht gewaltsam die Familienidylle der Sheltons, indem sie Mutter (Brooke Stacy Mills) und Kind (Ksenia Hulayev) ermorden und Vater und Ehemann Clyde (Gerard Butler) schwer verletzt zurücklassen. Doch der Albtraum ist für Clyde Shelton noch nicht vorbei: Anstatt beide Verbrecher ihrer gerechten gerichtlichen Strafe zuzuführen, lässt sich der aufstrebende Staatsanwalt Nick Rice (Jamie Foxx) in Darbys Fall auf einen Deal ein: Der passive Ames landet zwar in der Todeszelle, der tatsächliche Mörder Darby jedoch, ein widerlicher Sadist vor dem Herrn, bekommt mangels profunder Beweise lediglich ein paar Jahre Gefängnis.
Zehn Jahre vergehen, bis zum Tag, da Ames mit der Giftspritze hingerichtet wird. Die Exekution verläuft überaus unschön, da das Todesserum gegen eine andere Chemikalie ausgetauscht wurde. Damit nicht genug, wird Darby entführt und bestialisch zu Tode gefoltert. Der Verursacher beider Ereignisse ist rasch gefunden. Niemand anderes als Clyde Shelton steckt dahinter. Dieser lässt sich zwar brav festnehmen und ins Gefängnis sperren, doch sein eigentlicher Rachefeldzug fängt damit erst an…

In Erwartung eines „klassisch“ arrangierten Vigilantenthrillers widmete ich mich dem „Director’s Cut“ dieses sich selbst doch weitaus wichtiger nehmenden, mit den moralgetünchten Serienkillerfilmen der Vorjahre von „Se7en“ über die „Saw“-Reihe bis hin zu „WΔZ“ liebäugelnden Machwerks. Und ein Machwerk, das ist „Law Abiding Citizen“ im allerschlechtesten Sinne, mit allen Schikanen sozusagen. Denn die handelsübliche Rache- und Selbstjustizstory muss nichts Geringerem weichen denn einem sich höchst clever wähnenden Plot um die Ad-Absurdum-Führung des gesamten Justizsystems. Nicht von ungefähr spielt die von Kurt Wimmer erdachte Story in Philadelphia, der „City of Brotherly Love“, Nationalheiligtum als ehemalige Hauptstadt der USA und jener Ort, an dem 1787 die Unabhängigkeitserklärung verabschiedet wurde. 2009 war es dann an an Gerard Butler aka Clyde Shelton, dem maroden Jurisdiktionsapparat dessen Schwächen mit aller nach dem Dafürhalten des moralisch Gewappneten gebotenen Härte vor Augen zu führen und eine Sanierung anzustoßen. Doch ein ordinärer Bürger, wie der Originaltitel es suggeriert, ist Shelton – natürlich – mitnichten. Ein solcher könnte ja auch gar nicht solch verzwickte Ideen aushecken wie Shelton es tut. Stattdessen entpuppt er sich im weiteren Verlauf als höchst versierte und professionelle Mordmaschine der CIA und naturgemäß Bester seiner Zunft, dessen biblischen Zorn besser niemand entfesselt hätte. Denn Shelton ist auch ein brillanter Stratege und seinen Gegnern stets zehn Züge voraus. Jamie Foxx als Butlers Widersacher muss also erst lernen, im Sinne seiner Nemesis umzudenken, bevor der vielbeschäftigte Staatsdiener, nachdem er den Kontrahenten schlussendlich doch noch (mit dessen „Waffen“ freilich) besiegen kann, endlich einmal seine eigene kleine Tochter (Emerald-Angel Young) beim Cello-Auftritt besuchen darf. Der Weg dahin ist gepflastert mit allerlei Meilensteinen der Dämlichkeit.
„Law Abiding Citizen“ ist so unfassbar schlecht, löchrig und dumm geschrieben, dass die imdb-Durchschnittswertung von tagesaktuellen 7.4 Punkten anmutet wie ein schlechter Witz. Überhaupt scheint Butler, den ich mehr und mehr geringschätze, sich nur allzu gern auf dümmliche Projekte wie dieses einzulassen. Hätten Gray und Wimmer den Mut oder auch die Chuzpe besessen, die fiese Schlachtplatte der ersten halben Stunde irgendwie auf 90 Minuten auszudehnen, ohne sich in vermeintlich komplexen Narrationsvolten und, noch viel schlimmer, in abgeschmackten Ethikdiskursen zu verlieren, „Law Abiding Citizen“ hätte zumindest als halbgescheite Exploitatongranate reüssieren können. So jedoch wird aus der ganzen Chose ein reichlich reflexiver Schildbürgerstreich, der im Nachinein bestenfalls dazu taugt, die mitleiderregende Blödheit seiner Produktionsbeteiligten und die seines applaudierenden Publikums gleichermaßen zu illustrieren.
Schlimm.

3/10

THE ART OF LOVE

„Are you still not satisfied?“

The Art Of Love (Bei Madame Coco) ~ USA 1965
Directed By: Norman Jewison

Die beiden Freunde Paul Sloane (Dick van Dyke) und Casey Barnett (James Garner) könnten eigentlich unterschiedlicher nicht sein: Zwar bewohnen sie gemeinsam eine Dachwohnung im Pariser Montmartre und zählen sich stolz zur hiesigen Bohème, doch während der Maler Paul mit seiner Erfolglosigkeit nicht zurechtkommt und es leid ist, sich von der reichen Familie seiner in den Staaten lebenden Verlobten Laurie Gibson (Angie Dickinson) aushalten zu lassen, liebt der wiederum von Paul mit durchgefütterte Autor Casey das Lotterleben des Libertins. Zu Caseys Bedauern gelingt es ihm nicht, Paul, der von Paris genug hat und zurück in die USA will, um Laurie endlich zu heiraten, zum Bleiben zu überreden. Aus einer volltrunkenen Laune heraus und der These, dass erst ein toter Künstler wirklich erfolgreich sein kann, schreiben die beiden gemeinsam einen Abschiedsbrief für Paul. Als dieser auf dem Nachhauseweg die in die Seine springende Selbstmörderin Nikki (Elke Sommer) erblickt, hüpft Paul hinterher, um sie zu retten. Seine am nächsten Morgen gefundenen Kleider veranlassen Casey und die Polizei dazu, zu glauben, Paul habe sich ertränkt. Urplötzlich erzielen seine Gemälde tatsächlich Höchstpreise, was der „hinterbliebene“ Casey mit einigem Wohlwollen zur Kenntnis nimmt. Darum überredet er den sich ihm wieder als höchst lebendig präsentierenden Paul, noch eine Weile „tot“ zu bleiben, um den willkommenen Reibach noch etwas zu verlängern. Paul soll getarnt als Maler „Toulouse“ im Nachtclub von Madame Coco (Ethel Merman) untertauchen und dort weiterarbeiten. Auch Nikki lebt mittlerweile bei Madame Coco und arbeitet für sie als Hausmädchen. Während Paul und Nikki sich ineinander verlieben, taucht Laurie in Paris auf und wird von Casey über die „traurigen  Neuigkeiten“ in Kenntnis gesetzt, während er ihr frontal den Hof macht und den Löwenanteil des Erlöses für Pauls Werke einstreicht. Als Paul davon erfährt, heckt er einen nicht minder hinterhältigen Rachestreich gegen Casey aus, der beinahe in die Hose geht…

Obschon Norman Jewisons wunderbare Komödie nicht mit trefflichem Humor und einer Menge prickelnder Romantik geizt, empfand man sie zu ihrer Veröffentlichungszeit vielerorten als zu „schwarz“ und zu gallig, so dass ihr guter Ruf – die bis dato vorherrschende Veröffentlichungslage (es gibt scheinbar nur Bootlegs und eine semilegale australische DVD-Veröffentlichung) spricht Bände – nachhaltig geschädigt wurde. Dafür verantwortlich waren offenbar die als unerschütterliche Wahrheit umrissene Annahme, dass ein bildender Künstler erst zu sterben hat, bevor sein Renommee astronomische Höhen erreichen kann und ferner das im letzten Drittel des Films handlungstragende Element der Todesstrafe, die man in Frankreich damals noch mit der Guillotine zu praktizieren pflegte und die absolut trefflich in das Script eingearbeitet wurde. Wie kommt dies zustande? Der sich zu Recht von seinem Freund Casey durchaus berechtigt verraten fühlende Paul Sloan sorgt mittels einiger cleverer Schachzüge dafür, dass alle Welt Casey verdächtigt, Pauls Mörder zu sein und er dafür sogar vor Gericht zum Tode verurteilt wird. Paul kostet diesen Umstand bis aufs Letzte aus und kommt beinahe zu spät, um die Exekution noch rechtzeitig zu verhindern. So viel bitterböser Realismus war für Kritik und Publikum offenbar zu viel des Guten und so fristet „The Art Of Love“ schändlicherweise ein Nischendasein. Dabei ist er in vielerlei Hinsicht ganz exzellent – on location in Paris gefilmt (der Jewison vor Ort beratende Yves Boisset gab – laut imdb-Trivia – zu Protokoll, dass Jewison weniger an einer modern-realistischen Präsentation der Stadt interessiert war, denn an einer möglichst klischeehaft-historistischen Darstellung, wie man sie aus hier spielenden Hollywood-Filmen gewohnt war – eine Herangehensweise, die nebenbei wunderbar aufgeht) präserviert der Film ganz gezielt ein klischiertes Bohèmien-Musical-Flair Marke „An American In Paris“. Das von Carl Reiner (der auch eine tolle Nebenrolle als auf Abstand gehender Verteidiger von James Garner abbekam) mitgeschriebene Buch strotz vor superben Einfällen, Figuren und Dialogen und die beiden Hauptdarsteller entwickeln eine grandiose Chemie. Alles in allem eine mustergültige Feelgood-RomCom ihrer Ära, die – ich weiß, ich sage das gern und oft, aber hier stimmt es wie selten – einer dringenden Revision bedarf.

9/10

NEVER TAKE SWEETS FROM A STRANGER

„This isn’t an ordinary crime.“

Never Take Sweets From A Stranger (Vertrau keinem Fremden) ~ UK 1960
Directed By: Cyril Frankel

Peter Carter (Patrick Allen) zieht mit Frau Sally (Gwen Watford) und der neunjährigen Tochter Jean (Janina Faye) nach Nova Scotia, um dort in einer Kleinstadt den Posten als Schulleiter anzutreten. Nach einem herzlichen Empfang folgt rasch der Schock: Jean und ihre neuen Freundin Lucille (Frances Green) waren im Haus des hiesig als pädophil bekannten, alten Clarence Olderberry (Felix Aylmer), der sie um die Belohnung von ein paar Süßigkeiten veranlasst hat, nackt vor ihm zu tanzen. Die kleine Jean zeigt sich zeitnah traumatisiert von den Ereignissen und die Carters sind fest entschlossen, den zudem senilen Olderberry gerichtlich zu belangen und so weitere Taten dieser Art zu verhindern. Der Haken: Die Olderberrys sind die erste und mächtigste Familie am Platz, die gesamte Stadt konnte einst allein wegen ihrer hier gegründeten Fabrik prosperieren. Olderberrys Sohn (Bill Nagy) kündigt erbost an, die nahende Verhandlung mit allen mitteln für sich zu entscheiden und tatsächlich wird die Anzeige, nachdem Lucilles für die Olderberrys arbeitender Vater (Robert Arden) eingeknickt ist und der Verteidiger (Niall McGinnis) Jean vor Gericht rücksichtslos ins Kreuzverhör nimmt, fallengelassen. Die Carters wollen die Stadt daraufhin umgehend wieder verlassen, doch zuvor treffen die Mädchen im Wald abermals auf den Alten…

Diese leider weitgehend übersehene und vergessene Produktion der britischen Hammer zählt zu den bestechendsten, spannendsten und engagiertesten Arbeiten des Studios. Der Horror rekurriert hier ausnahmsweise einmal nicht aus den Auftritten übernatürlicher Monster oder konspirativer Intriganten, sondern aus einer zwar furchtbaren, im Grunde jedoch alltäglichen Tragödie: Sexueller Missbrauch von Kindern im Verbund mit sich pathologisch äußernder Pädophilie sind die vor allem in Anbetracht der Entstehungszeit herausfordernden Themen des wie bei Hammer üblich in knappster Erzählzeit und dabei kompakt abgehandelten Dramas, das Cyril Frankel mit ebenso schmuckloser wie vorbildlicher Kompetenz inszenierte.
Eine zusätzliche, jedoch geschickt umschiffte Klippe erwächst aus der Darstellung des Täters (wobei hier wiederum zugleich die vielleicht einzige relevante Schwäche der Handlung erwächst): Der altehwürdige englische Akteur Felix Aylmer spielt den alten, schwerkranken Mann ohne jedwede Dialogzeile und mit der analog dazu umso diffizileren Aufgabe, ihn als bar jeder Sinne und somit auch Sozialkompetenz, Mündigkeit und Selbstverantwortung darzustellen, ohne ihn zu dämonisieren. Gewiss macht das Script es sich hier streckenweise relativ leicht, wenn es als letztmögliche Lösung das komplette Fortsperren des alten Olderberry wähnt („eine Therapie“, so wird einmal gesagt, sei „in seinem Falle sowieso nicht mehr möglich“). Umso aufrüttelnder gestaltet es sich in der Zeichnung der bürgerlichen Korruption; letzten Endes üben nicht die Staatsgewalten die Macht in der kanadischen Kleinstadt aus, sondern die Reichen, die Gründerväter, von deren Wohlmeinen alles andere vor Ort abhängt. Die eigentlich Schuldigen sind demnach nicht der längst verwirrte Greis, sondern einerseits sein Sohn, der Skandal und Schande scheut und den Dingen somit ihren schlussendlich katastrophalen Hergang erst ermöglicht, sowie die allgemein vorherrschende Korrumpiertheit der bourgeoisen Kleinstädter.

9/10

THE PROFESSOR AND THE MADMAN

„Every word in action becomes beautiful in the light of its own meaning.“

The Professor And The Madman ~ IE/UK/USA/F/IS/BE/HK/MEX 2019
Directed By: Farhad Safinia

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzt sich der Philologe James Murray (Mel Gibson) das ehrgeizige Ziel, mit dem „Oxford English Dictionary“ das erste, umfassende Wörterbuch der englischen Sprache abzufassen und herauszugeben – ein ungeheuer ehrgeiziger Plan, der, wie sich rasch herauskristallisiert, selbst für ein größeres Mitarbeitergremium kaum zu bewältigen ist. Ein öffentlicher Beteiligungsaufruf erreicht schließlich auch den nach einem Mord in geistiger Umnachtung in der Broadmoor-Psychiatrie einsitzenden, ehemaligen Militärarzt William C. Minor (Sean Penn). Der nach Feldeinsätzen im Sezessionskrieg unter einem schweren, sich in Psychosen und schizophrenen Episoden äußerndem PTBS leidende Minor erweist sich als einer der wertvollsten Lieferanten für Murrays Wörtersammlung. Die beiden ungleichen Männer treffen und freunden sich an. Während Minor sich bei der Witwe (Natalie Dormer) seines vormaligen Opfers (Shane Noone) entschuldigen und schließlich sogar deren Verständnis und Liebe für sich erobern kann, schlimmern sich seine Leiden und Schuldkomplexe zusehends, was wiederum die kontraproduktive Hilflosigkeit seines Therapeuten Dr. Brayn (Stephen Dillane) verstärkt. Unter Murrays Mithilfe kann Minor schließlich entlassen und in die USA überstellt werden.

Das von Mel Gibson bereits seit langen Jahren vorbereitete, auf Simon Winchesters 1998 erschienenem „The Surgeon Of Crowthorne“ basierende Biopic endete in einer sehr unrühmlichen Postproduktionsphase und in diesbezüglichem Zusammenhang sogar vor Gericht. Weil die beteiligte Produktionsgesellschaft Voltage Pictures Gibson und seinem Regisseur Safinia sowohl das Recht auf den final cut als auch erwünschte Nachdrehs verweigerten, distanzierten sich beide öffentlich von dem schließlich veröffentlichen Resultat und nannten es eine „bittere Enttäuschung“. Safinia firmiert in den credits schließlich unter Rückzug seines Namens als sein Pseudonym „P.B. Shemran“.
Ich finde es ja immens seltsam, dass es trotz so vieler medienhistorischer Lektionen in mehr oder minder regelmäßigen Abständen dazu kommt, dass selbst kleinere Produzenten ihre kreativen Kräfte, allen voran den Regisseur, am Ende auflaufen lassen, nur weil ihnen die wie auch immer geartete finanzielle Muffe geht. Da werden gewünschte Schnittfassungen abgesägt, abgelehnt und nach jeweiligem Gutdünken verlängert oder verkürzt, ganze Scores ausgewechselt, colour gradings gezielt verändert. Vor allem aber wird unter dem Strich eine künstlerische Vision barsch mit Füßen getreten. Selbst renommierteste Filmemacher von Brian De Palma bis hin zu Paul Schrader müssen immer wieder entsprechende Enttäuschungen und Einbußen hinnehmen, tun dies anschließend gerechtermaßen lauthals kund und sorgen damit wiederum für eine Abkehr ihrer treuen Anhängerschaft und damit des potenziell größten Publikums. Auch das Feuilleton hat mit dem, was schließlich hinten rauskommt, stets seine liebe Not – der endgültige kommerzielle Todesstoß ist somit niet- und nagelfest. Dass die Produktionen derlei Negativentwicklung bei ihren Nickeligkeiten nicht nur schlichtweg ignorieren, sondern ihre Kompromisslosigkeit lieber mit noch höheren Verlusten sowie reziproker Rufschädigung bezahlen, mag mir nicht einleuchten. Aber ich bin eben auch kein Kapitalist.
Im Falle von „The Professor And The Madman“ habe ich mich erst nach der Betrachtung eingehender mit dessen unschöner Entstehungsgeschichte befasst und konnte ihn so weithin ungetrübt genießen. Möglicherweise bleibt einem das vollendete Meisterwerk vorenthalten – einen guten Film jedoch bekommt man auch so noch immer kredenzt. Kein Wunder, bei den reichhaltigen Topoi, die das unter anderem von John Boorman geschriebene Script vorschützt – zwei hochinteressant gezeichnete (und jeweils famos bespielte) Protagonisten mit ihren jeweiligen Obsessionen hat es darin, die wundervolle viktorianische Epoche natürlich; die ganz allmählich ihren misanthropischen Kinderschuhen entwachsende Geschichte der Psychiatrie, den Zauber von etymologischen Studien im Verbund mit irrwitzigem Komplettierungsstreben. Gewissermaßen als topping steht noch eine der unmöglichsten, bittersüßesten Liebesgeschichten des Kinojahres bereit – allesamt Faktoren, die mich etwas stutzend all die Negativwertungen, die „The Professor And The Madman“ zuteil wurden, zur Kenntnis nehmen lassen. Ich selbst fand Safinias Film auch in der vorliegenden Form noch sehr schön, wenngleich nicht makellos. Aber welches Werk kann mit einem derart astronomischen Qualitätsprädikat in der heutigen Zeit überhaupt noch reüssieren?

8/10

BOMB CITY

„They’ve gone too far, man.“

Bomb City ~ USA 2017
Directed By: Jameson Brooks

Amarillo, Texas, 1997: Nach einem Trip an die Ostküste kehrt Punk Brian (Dave Davis) in seine Heimatstadt und zu seiner Familie zurück. Die Subkultur und seine alten Kumpels empfangen ihn mit offenen Armen, doch ein friedliches Auskommen ist Brian nicht vergönnt: die Jocks des lokalen High-School-Football-Teams, allen voran der latent aggressive Cody Cates (Luke Shelton) akzeptieren das unangepasste Auftreten und die Verweigerungshaltung der Punks nicht. Damit erfreuen sie sich immerhin der Sympathie der Polizei, die die beiden Cliquen mit höchst unterschiedlichen Handschuhen anfasst. Immer wieder kommt es zu sich intensivierenden Scharmützeln zwischen den jungen Leuten, bis Cody eine Sicherung reißt und die Katastrophe da ist.

Der Mord an Brian Deneke, einem neunzehnjährigen, ursprünglich aus Wichita stammenden Punk, bewegte und bewegt nicht nur die globale Szene der bunten Mohawks und abgewetzten Lederklamotten. Er ist ein bleibendes Beispiel dafür, mit welcher Bigotterie in den USA Minoritäten jedweder Kuleur behandelt und auch bestraft werden. Am 12. Dezember 1997 wurde Brian Deneke von dem zwei Jahre jüngeren Nachwuchs-Football-Star Dustin Camp nach einer Auseinandersetzung zwischen seinen und Brians Freunden gezielt überfahren. Vor, während und nach der Tat stieß Camp triumphierende Sprüche betreffs seiner Aktion aus, die mit ihm im Wagen sitzende Freunde gerichtlich bezeugten und die seine absichtsvolle Handlungsweise nachwiesen.
Jameson Brooks spinnt seine Geschichte um dieses erschütternde Ereignis und widmet sich dabei auch der nachfolgenden Gerichtsverhandlung und den sich daraus ergebenden Folgen für Dustin Camp, indem er die zu Brians Ermordung führenden Ereignisse in Rückblenden nacherzählt. Rasch wird eines offensichtlich: Camps Verteidigung bestand vor allem in der Strategie, Brian trotz seiner Ermordung nachträglich noch sozial zu diskreditieren, ihn aus Gründen der möglichen späteren Urteilsaufweichung unmöglich zu machen. Dieser Plan ging gründlich auf – Camp wurde wegen „Totschlags im Affekt“ zu einer lächerlich niedrigen Geldbuße und einer Bewährungsstrafe verurteilt. 2001 verstieß er infolge von Alkoholkonsum als Minderjähriger gegen die Auflagen, wurde inhatiert und wiederum verfrüht aus der Haft entlassen.
Brooks‘ Hauptverdienst besteht, neben den Tatsachen, das spannende Portrait einer sich in widerborstigem Umfeld behauptenden Jugend-Subkultur geliefert und die ohnehin allzu spärlich besetzte Gattung der punk movies um einen eminenten Beitrag bereichert zu haben, darin, Brian Denekes Geschichte zwanzig Jahre nach ihrem traurigen Ende nicht dem Vergessen anheim fallen zu lassen, sondern sie in dieser besonders haltbaren Kunstform für künftige Generationen konserviert zu haben. Chapeau! dafür.

8/10

KIND HEARTS AND CORONETS

„After using the silken rope… never again be content with hemp.“

Kind Hearts And Coronets (Adel verpflichtet) ~ UK 1949
Directed By: Robert Hamer

Weil seine Mutter (Audrey Fildes) einst einen nicht standesgemäßen, italienischen Tenor (Dennis Price) geheiratet hatte, muss Louis Mazzini (Dennis Price), Spross der adligen D’Ascoyne-Sippe, erleben, dass sie, ebenso wie er selbst, von dem Rest der Familie, allen voran von dem altehrwürdigen Duke (Alec Guinness), verstoßen wurde. Nicht mal eine Grabstätte in der Familiengruft billigt man Louis‘ Mutter zu, obschon dies ihrem letzten Wunsch entsprochen hätte. Dass dem als kleinen Miederwarenverkäufer arbeitenden Louis zudem auch seine Jugendliebe Sibella (Joan Greenwood) entsagt, bringt den jungen Mann noch mehr in distinguierte Rage. Er beschließt, sich für die erlittene Schmach an sämtlichen noch lebenden Mitgliedern der D’Ascoynes zu rächen, indem er sie einen nach dem anderen ermordet…

Robert Hamers schwarze Komödie gilt als einer der besten und schönsten britischen Filme überhaupt und verzeichnet eine entsprechend große Zahl an Liebhabern – berechtigterweise, denn „Kind Hearts And Coronets“ kommt dem, was man als „perfekten Film“ zu bezeichnen geneigt ist, beträchtlich nahe. Bewundernswert elegant, konzentriert und voll von geistreichen AperçusParvenu berichtet Hamer Biographie und Werdegang des bereits zu Beginn der Geschichte in der Todeszelle sitzenden Louis Mazzini, gewandet in ein geschliffenes Memoiren-Voice-Over. Daran, dass Mazzini, der als Serienmörder eine stattliche Anzahl an Familienmitgliedern und Unbeteiligten mittels inszenierten Unfällen, Vergiftungen, Bombenattentaten und Erschießungen (zweimal kommt ihm der Zufall zur Hilfe) zu verzeichnen hat, in Kürze gerechtermaßen dem Scharfrichter (Miles Malleson) vorgeführt werden wird, hat der Zuschauer bereits nach dem ersten Akt keinen Zweifel mehr; dass er just für einen Tod, an dem er keine Schuld trägt und für den er lediglich infolge eifersüchtiger Intriganz verurteilt wurde, zieht einen aber dennoch auf seine Seite. Eine weitere brillante Geschicklichkeit: Price spielt Mazzini nämlich als einen überaus sympathischen, formvollendeten Gentleman voller noblesse oblige, dessen sich sukzessive steigernde Gier als Emporkömmling ein Widerhall des ihn seit Anbeginn seiner Geburt heimsuchenden Standesdünkels ist und somit zumindest in Ansätzen eine Art sozial gerechtfertigter Zorn. So sind die von ihm beseitigten, durch die Bank von Alec Guinness gespielten D’Ascoynes auf die eine oder andere Weise allesamt mehr oder weniger große Nervensägen und gewissermaßen von humanistischer Redundanz; eingebildete Filous, trinkende Pantoffelhelden, halbidiotische Geistliche, verkrachte Bonzen, radikale Suffragetten, eiserne Kommissköpfe oder schlicht arrogante Aristokraten finden sich darunter und der Tod jedes Einzelnen von ihnen markiert ein höchst vergnüglich inszeniertes Kabinnettstückchen. Wie bereits angedeutet, geht Hamer keineswegs so verlockend oberflächlich zu Werke, nicht auch seinem Protagonisten einen bitteren Spiegel vorzuhalten. Im Laufe seiner kriminellen Karriere entwickelt sich Mazzini selbst zu dem, was er zuvor so sehr verachtete – einem zynischen Snob und Parvenu, dem Geld und Stellung bald zumindest mit seiner vormaligen privaten Agenda gleichauf sind.
Ob er am Ende Engelchen oder Teufelchen wählt, die beide in einem Einspänner auf ihn warten, oder seine verschriftlichten Memoiren ihm doch noch den Strick drehen, überlässt „Kind Hearts And Coronets“ schließlich, ganz seiner übrigen Hellsichtigkeit entsprechend, der moralischen Sensitivität seines Publikums.

10/10

UNA FARFALLA CON LE ALI INSANGUINATE

Zitat entfällt.

Una Farfalla Con Le Ali Insanguinate (Das Messer) ~ I 1971
Directed By: Duccio Tessari

Im Stadtpark von Bergamo wird die junge Studentin Françoise Pigaut (Carole André) ermordet. Sämtliche Beweise deuten felsenfest auf den vormals unbescholtenen TV-Journalisten Alessandro Marchi (Giancarlo Sbragia) hin, der Fall scheint eindeutig. Doch kurz nach dessen lebenslänglicher Aburteilung und Inhaftierung geschehen zwei weitere Morde nach exakt demselben Schema. Offenbar handelt es sich um einen Serientäter. Der Fall wird von Marchis Anwalt Cordaro (Günther Stoll) neu aufgerollt, um entlastende Indizien ergänzt und Marchi freigesprochen. Doch ist Marchi wirklich unschuldig? Und wie passt der junge, exzentrische Pianist Giorgio (Helmut Berger) ins Bild, der mit Marchis Tochter Sarah (Wendy D’Olive) liiert ist, die ihrerseits wiederum mit Françoise befreundet war?

„Una Farfalla Con Le Ali Insanguinate“ sollte ursprünglich in der Wallace-Reihe der Rialto veröffentlicht werden, musste dann am Ende jedoch auf die Schirmherrschaft der deutschen Produktionsbeteiligung verzichten. Zumindest erklärt jenes ursprüngliche Vorhaben die Beteiligung der deutschen Akteure Berger, Stoll und Wolfgang Preiss, der sich als Staatsanwalt die Ehre gibt. Den anderen zeitnah entstandenen, co-italienisch hergestellten Beiträgen zur Wallace-Serie wie „L’Uccide Dalle Piume Di Cristallo“Sette Orchidee Macchiate Di Rosso“ und „Cosa Avette Fatto A Solange?“ steht Tessaris ebenso wie jene dem Giallo anverwandter Kriminalfilm nicht nach – seine sich sonst vergleichsweise selten dem Thriller-Segment widmende Inszenierungskunst präsentiert sich als so mitreißend, vereinnahmend und vital, wie es der Gattung gemeinhin zukommt. Gewiss erfordert die nebst minutiös durchgespielter Gerichtsverhandlung und Polizeiarbeit dargestellte Aufbereitung des Falles nebst seiner zunächst kaum erahnbaren Auflösung und den psychologisch nicht immer gänzlich stimmigen Portraits der Beteiligten die übliche kognitive Nachsicht des Publikums; ebenso bestimmend lässt sich jedoch konstatieren, dass davon noch keiner der wirklich guten Italokrimis dieser Ära irreparabel beschädigt worden wäre.
Erfreulicherweise lässt Tessari sich im Zuge seiner konzentrierten Arbeit weder dazu hinreißen, seine Inzenierung der übermäßigen Grelle zu überantworten noch sonstwie exploitativ zu Werke zu gehen. Diese Entscheidung belässt dem Film einiges an sich positiv ausnehmender Seriosität. „Una Farfalla“ (wer nebenbei mit der Titelbezeichnung des „Schmetterlings mit blutigen Flügeln“ gemeint sein soll, darf der Zuschauer am Ende selbst entscheiden) bleibt ruhig, bei sich und besonnen. Es gibt drei unspektakuläre Mordopfer und später noch einen ebenfalls visuell gemäßigten, finalen Gewaltakt; die beunruhigendsten Momente gehören vielmehr Giancarlo Sbargia, der sich vom zunächst unscheinbaren bis zurückhaltenden, sogar sympathisch anmutenden Fernsehmacher, dem man seine Unschuld geradezu instinktiv einräumt, im weiteren Verlauf immer mehr das Bild des veritablen maniaco sessuale vervollständigt, der infolge all seiner moralischen Verworfenheit wohl tatsächlich einer höher insinuierten Form der Rechtsprechung bedarf…

8/10

THE BOUNTY

„It’s not a threat, it’s a warning.“

The Bounty ~ UK/USA/NZ 1984
Directed By: Roger Donaldson

London im Oktober 1790: Lieutenant Captain William Bligh (Anthony Hopkins) von der Royal Navy soll vor Gericht die Umstände um die Meuterei auf dem zuvor von ihm befehligten Kreuzers Bounty darlegen und infolgedessen die Frage seiner persönlichen Schuld an den Verkommnissen geklärt werden.
Drei Jahre zuvor bricht die Bounty von Portsmouth nach Tahiti auf, um von dort Brotfruchtschößlinge als billige Nahrungsmittelquelle für jamaikanische Sklaven mitzunehmen. Mit Ausnahme einer misslungen Umsegelung von Kap Hoorn und einigen wenigen Konflikten innerhalb der Besatzung und unter den Offizieren verläuft die Hinreise weitgehend unkompliziert. Vor Ort jedoch ändern sich bald die Verhältnisse. Diverse Mitglieder der Mannschaft gewöhnen sich rasch an das müßige Südseeleben und verfallen dem Charme der paradiesischen Insel und ihrer überaus freundlich gesonnenen Einwohner. Einige, darunter der von Bligh zum Ersten Offizier beförderte Fletcher Christian (Mel Gibson), heiraten sogar und träumen von einer Familiengründung. Der erste Versuch einer Desertation dreier Männer scheitert kläglich und das Trio wird hart bestraft. Bligh zieht schließlich die disziplinäre Reißleine und lässt Segel für die Rückkehr setzen. Die Fronten an Bord beginnen sich nunmehr rasch zu verhärten: Blighs Versuche, die Besatzung mit straffer, manchmal überharter Autorität auf andere Gedanken zu bringen, beantwortet diese nur mit noch mehr Aggression. Als Bligh eine erneute Umsegelung der südamerikanischen Spitze plant, lässt sich Christian zur Meuterei überreden. Er übernimmt das Kommando, setzt Bligh und seine verbliebenen Gefolgsleute auf hoher See aus und segelt zurück nach Tahiti, um die Frauen der Männer und einige freiwillige Begleiter an Bord zu nehmen. Gemeinsam erreicht man die Pitcairn-Inseln, versenkt die Bounty und versteckt sich dort vor möglichen Verfolgern.

Roger Donaldsons fünfte und bis dato letzte Verfilmung der Ereignisse um die berühmteste Meuterei der Seefahrtsgeschichte rühmt sich des nicht unbeträchtlichen Vorteils, die historisch vermutlich akkurateste Adaption der Geschehnisse zu liefern. Anders als in beiden, filmgeschichtlich wiederum wesentlich anerkannteren und berühmteren Versionen von 1935 und 1962 werden hier vor allem die Beziehung der beiden Antagonisten Bligh und Christian zueinander, sowie deren jeweilige psychologische Disposition und Handlungsmotivation wesentlich nachvollziehbarer und unaufgeregter dargelegt. Vor allem die Person Blighs, die hier zum narrativen Dreh- und Angelpunkt erhoben wird, erfährt eine im Vergleich zu den früheren Interpretationen deutliche Erdung. Stellten Trevor Howard und vor allem Charles Laughton ihren Bligh noch als einen zum Diabolischen tendierenden, unerbittlichen Despoten dar, dessen permanter Hang zur Ahndung und Bestrafung oftmals nicht auf genuines Seerecht, sondern lediglich seinen Hang zum Sadismus und/oder seinen profilneurotisches Wesen zurückzuführen ist, liefert Hopkins ein differenzierteres Bild. Sein Bligh, ein pflichtbewusster Offizier, macht gar keinen Hehl daraus, mit dem Ruhm und der gesellöschaftlichen Anziehungskraft zu liebäöugeln, den sein Freund, der aus aristokratischen Verhältnissen stammende Dandy und Salonlöwe Fletcher Christian längst genießt. Bligh räumt ein, dass gleich sein erster versuchter nautischer Heldenakt, die Umrundung Kap Hoorns, zu einem selbstgerechten Fehlschlag wird und besitzt später sogar noch soviel personellen Weitblick, seinen ursprünglichen Ersten Offizier Fryer (Daniel Day-Lewis), einen kriecherischen Schinder, zu Christians Gunsten zu degradieren. Später sind es dann weniger Blighs verzweifelte Versuche, seine dem der Krone so diametral gegenüberstehenden Südeseeflair verfallenen Männer zur Räson zu bringen, denn deren persönliche Gelüste, die das Fass zum Überlaufen bringen – das Resultat eines sich beidseitig gleichermaßen hochschaukelnden und schließlich dramatisch eskalierenden Gesinnungskonflikts. Obgleich Mel Gibson den romantischen Helden eine sehr passable und authentische Gestalt verleiht, ist er vermutlich der im rein figuralen Sinne blasseste Fletcher Christian von allen. Ohne den moralisch gerechten, rebellischen Gestus Clark Gables und ohne die hochmütige Arroganz Marlon Brandos, die dieser ja bekanntlich am (historisch verfälschten) Ende mit dem Flammentod zu bezahlen hat, ist sein Heros ein allzu emotionaler, verliebter Mann, dessen innerer Widerstreit um berufliche Pflichterfüllung und persönliches Gut schließlich zu letzterem him ausschlägt. Eine eindeutigen Trennung in „Gut und Böse“ enthält sich „The Bounty“ somit ganz bewusst bezieht daraus seine klare Zielsetzung.
Andererseits mangelt es ihm im Gegenzug an der filmischen Flamboyanz seiner Vorgänger, dem aufgeheizten Abenteuerduktus Frank Lloyds und der epischen, bunten Breite Lewis Milestones. Donaldsons Fassung ist daher sehr viel weniger ein klassischer Hollywood-Film denn ein primär um realistische Akkuratesse bemühter Abriss, wie er eben auch sehr viel treffender seiner Entstehungszeit reflektiert; ein nichtsdestotrotz schöner, reicher Film, der das Können aller an ihm Beteiligten erschöpfend präserviert.

8/10

CRY FREEDOM

„I just expect to be treated like you expect to be treated.“

Cry Freedom (Schrei nach Freiheit) ~ UK 1987
Directed By: Richard Attenborough

East London, Südafrika, in den frühen siebziger Jahren: Der liberale Journalist Donald Woods (Kevin Kline) trifft sich auf Initiative der Bürgerrechtlerin Dr. Mamphela Ramphele (Josette Simon) hin mit dem unter Bann stehenden BCM-Aktivisten Steve Biko (Denzel Washington), den der trotz seiner systemkritischen Auffassung voreingenommene Woods als schwarzen Rassisten einschätzt.
Die beiden Männer lernen sich gegenseitig schätzen, kommen sich bald näher und sie und ihre Familien werden gute Freunde. Als Biko, der ohnehin permanent von den Repräsentanten der Apartheidsregierung schikaniert wird, ankündigt, zu einem BCM-Treffen in Kapstadt zu reisen, wird er unterwegs von uniformierten Ordnungshütern gestellt und in der nachfolgenden Gefangenschaft fast zu Tode gefoltert. Der polizeilich angeordnete Transport in ein weit entferntes Hospital kostet ihn schließlich das Leben. Der zutiefst empörte Woods, der sich zuvor infolge seiner Sympathiebekundungen für Biko bereits den Polizeipräsidenten Kruger (John Thaw) zum persönlichen Feind gemacht hat, plant eine Vortragsreihe in den USA, wird jedoch an der Ausreise gehindert und selbst unter Bann gestellt. Als ein offensichtlich von radikalen Beamten initiierter Säureanschlag auf Woods Kinder stattfindet, beschließt der Journalist, mit seiner gesamten Familie am Silvestertag 1977 endgültig die Flucht aus Südafrika anzutreten.

Richard Attenboroughs erste Regiearbeit nach „Gandhi“ packt wiederum ein heißes historisches Eisen an: das – damals noch existente – Apartheidssystem Südafrikas. Für den dramaturgischen Überbau seines Films ließen sich Attenborough und sein Scriptautor John Briley von den später erschienen Sachbüchern Donald Woods‘ inspirieren und der Autor selbst nebst seiner Frau Wendy ließ es sich nicht nehmen, dem Projekt als enger Berater zur Seite zu stehen.
„Cry Freedom“ ist ein kluger, episch ausladender Film der gerechten Empörung, ein aufrichtiges Plädoyer für Verständigung und Freundschaft. Ich erinnere mich an (zeitgenössische) Kritiken, die ihm vorwarfen, im letzten Viertel (das primär die Fluchtumstände Donald Woods‘ und seiner Familienangehörigen schildert) Konventionen zu bedienen und „Cry Freedom“ somit stark in seinem ursprünglichen Ansinnen abzuschwächen. Dem halte ich entgegen, was ich den meisten Verurteilern von humanistischen Stoffen im westlichen Mainstreamkino (die Beispiele dafür sind ja Legion) entgegenhalte: Jeder einzelne (junge?) Zuschauer, der sich, vielleicht erstmals in seinem Leben überhaupt, infolge der Betrachtung eines Films wie diesem mit derlei dunklen Menschheitskapiteln auseinandersetzt und sich vielleicht von persönlichen Studien im Anschluss daran weiterführen lässt, sie vertieft, intensiviert; jeder Zuschauer, dessen Verstand und Seele, und sei es nur ein kleines bisschen, infolge eines Films wie „Cry Freedom“ in Bewegung gerät, jeder, der sich, wenngleich möglicherweise zunächst zaghaft, Reflexion und Diskussion öffnet, dessen späteres Engagement oder dessen Haltung vielleicht in der Rezeption dieses Films wurzelt, rechtfertigt nicht nur seine bloße Existenz, sondern bestätigt zugleich auch die Berechtigung der gewählten Form. Natürlich erzählt Attenborough auch eine dramatische, spannende Geschichte und wählt dafür die klassische Dramaturgie des Unterhaltungskinos. Natürlich gibt es kalkulierte Suspense-Momente, wenn man mit dem als Geistlicher verkleideten Woods/Kline bangt bei seinen Grenzübertritten. Was aber soll daran bitte verwerflich sein? Wo steht geschrieben, dass Betroffenheitskino (ich wähle diesen anrüchig konnotierten Terminus ganz bewusst und ohne Anführungszeichen, denn ich habe seine ja sehr käsige Konnotation eh noch nie begriffen) dröge, langweilig und elliptisch-verschwurbelt erzählt daherkommen muss? Aus „Cry Freedom“ kann man lernen. Man kann lernen, dass es großartige Menschen wie Bantu Stephen Biko gab, von dem, mit Ausnahme von Peter Gabriel vielleicht, etliche Allerweltsleute zuvor nie gehört hatten und ohne Attenboroughs Film auch nie gehört hätten? Menschen, die unter widrigsten Umständen gelebt und gelämpft haben und die für ihre gerechte Überzeugung sterben mussten, auch wenn sie später in Biopics von reichen und berühmten Hollywoodstars wie Denzel Washington dargestellt werden. Das enthebt sie keinesfalls ihres historischen Status‘, sondern verschafft ihnen im Gegenteil weitflächigere, höchst verdiente Reputation. Ein eminentes – ich sage das nicht leichtfertig – Meisterwerk.

10/10

LA VÉRITÉ

Zitat entfällt.

La Vérité (Die Wahrheit) ~ F/I 1960
Directed By: Henri-Georges Clouzot

Die junge Dominique Marceau (Brigitte Bardot) steht vor Gericht. Sie hat den Dirigenten Gilbert Tellier (Sami Frey), ihren früheren Liebhaber und späteren Verlobten ihrer Schwester Annie (Marie-José Nat) erschossen. Der öffentlichkeitswirksame Prozess soll klären, welche Motivation Dominique zu der Tat getrieben haben mag und ob diese möglicherweise im Affekt verübt wurde. Im Laufe der Verhandlung wird Dominiques Lebensgeschichte aufgerollt und sie selbst durch die vielfachen Denunziationen ihrer Person mehr und mehr gedemütigt.

In seinem formal strengen Gerichtsdrama (das eigentlich sehr viel mehr als Porträt der Kollateralopfer einer verlorenen Generation gelten mag) inszeniert Henri-Georges Clouzot seinen Star Brigitte Bardot gerade so, wie das Kinopublikum sie vergötterte: Als promisk-verführerischen Sex-Maniac von stellarer Schönheit und Erotik, triebgesteuerte Nymphomanin und doch bedauernswertes Opfer ihrer Umstände. Doch halt – ganz so einfach macht es sich Clouzot dann doch wieder nicht. Vielmehr transzendiert er genau dieses öffentliche Image der Hauptdarstellerin, indem er unter der allseits begehrten und bewunderten Fassade einen schwachen Charakter herausschält, der Sex (stets verfügbar) mit Zuwendung (stets versagt) verwechselt und somit zu dem wird, was im neopsychiatrischen Jargon als „Borderline-Persönlichkeit“ bezeichnet wird. Dominiques Leben ist eine Ansammlung von – zumeist eher halbherzig und als Hilferuf inszenierten – Suizidversuchen. Von Familie und Pädagogen primär als zur Subordination unfähige, renitente Göre erlebt, zieht es das schöne Mädchen noch in den Teenagerjahren vom bürgerlichen Elternhaus in Rennes geradewegs in die verruchte Pariser Bohème, wo Studenten und Nachwuchsexistenzialisten sich im Quartier Latin die Nächte mit allem um die Ohren schlagen, was dazu angetan ist, die Bourgeoisie gegen sich aufzubringen. Die mit ihrer biederen, Musik am Konservatorium studierenden Schwester geteilte Wohnung verlässt sie, nachdem sie Annies Kommulitonen Gilbert kennenlernt, der ihrer offenen Verführungskunst mit Haut und Haaren verfällt. Die sich rasch entwickelnde Liaison erweist sich jedoch als höchst toxisch; während Dominique noch nicht bereit ist, ihr vormaliges Lotterleben einfach hinter sich zu lassen und eine nach klassischem Muster modulierte Beziehung einzugehen, erwartet Gilbert von ihr bedingungslose Treue, die er auf jede denkbare einzufordern versucht. Nachdem sie ihm jedoch immer wieder die kalte Schulter zeigt, löst er sich endgültig von ihr. Es kommt zur Gewalttat, einem Akt der Hilflosigkeit, der im Grunde Dominiques ganze soziale Unangepasstheit zur Kulmination führt. Das sich durchweg aus saturiertem Bürgertum zusammensetzende Gericht, allen voran der Anwalt der Nebenklage, Éparvier (Paul Meurisse), sieht in ihr nurmehr das Sinnbild einer undisziplinierten, verachtenswert aufmüpfigen Junggeneration, die aus dem Ruder zu laufen droht. Die Rekapitulation ihres Lebens, die unentwegte Konfrontation mit all ihren Fehlern, lässt Dominique das Ende der Verhandlung nicht mehr erleben – ihr letzter Selbstmordakt ist erfolgreich. Ihr Verteidiger Guérin (Charles Vanel) ist davon überraschend wenig affiziert. „Das sind die Schattenseiten unseres Berufs“, meint er zu Éparvier, mit dem er sich in den Tagen zuvor erbitterte Wortgefechte geliefert hat, und klopft ihm freundschaftlich auf die Schulter.
Gerade diese letzte Geste zeigt unmissverständlich, dass der ewig schwelende Generationskonflikt von einer Vehemenz ist, die sich kaum jemals endgültig lösen lassen wird.

8/10