100 FEET

„You wouldn’t believe me anyhow…“

100 Feet ~ USA 2008
Directed By: Eric Red

Die letzten Monate ihrer dreijährigen Freiheitsstrafe darf die Witwe Marnie Watson (Famke Janssen) unter strengem Hausarrest in jener Immobilie verbringen, in der sie zuvor ihren Ehemann, den Polizisten Mike (Michael Paré) in Notwehr erstach – Mike hatte sie während ihrer Ehe permanent geschlagen und Marnie nach Einreichung der Scheidung gedroht, sie endgültig umzubringen, weswegen ihr einzig dieser letzte Ausweg blieb. Nunmehr muss Marnie eine Fußfessel tragen, die ihr nicht erlaubt, sich für einen längeren Zeitraum mehr als 100 Fuß von einem im Haus angebrachten Sender zu entfernen. Mikes früherer Partner Shanks (Bobby Cannavale) ist zudem der festen Überzeugung, dass Marnie etwas verbirgt und beschattet sie daher nahezu pausenlos. Was er nicht ahnen kann: Mikes Geist wandelt noch immer durchs Haus und vergreift sich trotz seines Ablebens weiter an Marnie, deren nunmehr einziger zwischenmenschlicher Kontakt zu dem Botenjungen Joey (Ed Westwick) sich mehr und mehr intensiviert – eine Entwicklung, die Mikes Geist so gar nicht schmeckt…

Marnie’s late revenge: Eric Reds bis dato letzte Regiearbeit fürs Kino (ihrerseits nach einer Pause von 12 Jahren) ist ein angesichts seiner Doppelbödigkeit nicht uncleveres und zugleich an pulpige EC-Wurzeln erinnerndes Spuk-Kammerspiel mit einem ungewohnt aktiven und zu überaus manifesten Aktionen im Stande befindlichen Rachegeist, den Michael Paré (der bereits in „Bad Moon“ als übellauniger Werwolf reüssierte) leider nur schemenhaft mit seiner Präsenz bereichert. Sehr viel mehr zu tun hat da die dauerpräsente Famke Janssen in einer ihrer, wie ich finde, dankbarsten Rollen als zu dessen Lebzeiten und eben auch darüber hinaus von ihrem Gatten geplagte Ehefrau, die, von ihrem gesamten Umfeld missverstanden und geächtet, aller Verzweiflung zum Trotze immer neue Gipfel emanzipatorischer Wehrhaftigkeit erklimmen muss. Ihr dabei zuzusehen, wie sie zunächst bemüht ist, sich aller Relikte ihres früheren, undankbaren Ehelebens zu entledigen, nur um dann umso härter von dem toten Mike für ihre fortwährende „Untreue“ bestraft zu werden, das wird von Red, der sich selbst den singulären Schauplatz als Handlungsträger auferlegt, sehr einnehmend und spannend inszeniert. Subtile Gespensterattacken sind des Regisseurs Sache nicht; sein wutschnaubender Poltergeist geht in die Vollen wie kaum einer seiner bekannten Artgenossen, bis er, nach einem vermeintlichen kathartischen koitalen Intermezzo mit seiner Witwe, den juvenilen Nebenbuhler Joey im Zuge einer recht heftigen Sequenz praktisch jeden Knochen einzeln umdreht. Es erweist sich als im Sinne klimaktischen Turmbaus durchaus erfreulich, dass Red sich diese gewaltvolle Entladung und Demonstration von Mikes tatsächlichen Fähigkeiten für eine späte Handlungsminute aufbewahrt und darauf dann sogleich den Showdown folgen lässt, anstatt sein F/X-Pulver allzu früh zu verballern, aber das ist ja stets eines seiner Markenzeichen geblieben. Allzu ernst nehmen sollte man diese Mär am Ende des Tages jedenfalls nicht. Red arbeitet just an einem Bigfootploitation movie, dem ich nach der Betrachtung von „100 Feet“ und somit der Bestätigung, dass mit Red immer noch zu rechnen ist, durchaus frohgemut entgegensehe.

7/10

Werbeanzeigen

APOSTLE

„This island is our paradise.“

Apostle ~ UK/USA 2018
Directed By: Gareth Evans

Das Vereinte Königreich im Jahre 1905: Der vormalige Missionar Thomas Richardson (Dan Stevens) hat Gott und seinem Glauben entsagt, nachdem er während des Boxer-Aufstandes in China an seine physischen und psychischen Grenzen getrieben wurde. Zurück daheim erhält er eine Nachricht seines Vaters, derzufolge seine Schwester Jennifer (Elen Rhys) von einem auf einer walisischen Insel ansässigen, aus Gesetzlosen bestehenden Naturkult um eine Lösegeldforderung gefangengehalten wird. Thomas, mittlerweile schwer laudanumsüchtig, bereist die Insel in cognito und schließt sich vorgeblich dem Kult an. Dieser, angeführt von Malcolm Howe (Michael Sheen), Quinn (Mark Lewis Jones) und Frank (Paul Higgins), einem Trio einstmals Schiffbrüchiger, verehrt einen weiblichen Naturdämon (Sharon Morgan), der sich von Blut ernährt und im Gegenzug Pflanzen sprießen lässt und den die Drei gefangenhalten. Da der Geist jüngst jedoch seine Kraft zu verlieren scheint, benötigen die Kultisten andere Mittel und Wege, um sich über Wasser halten zu können. Mit der Ankunft von Thomas bahnt sich schließlich zugleich eine Katastrophe an: Der blutrünstige Quint will um jeden Preis die Herrschaft über das Eiland an sich reißen…

Nachdem mir „Serbuan Maut“ von Gareth Evans nicht gefallen hat, ich seine Sekten- und Teufels-Episode in „V/H/S/2“ dafür jedoch umso beeindruckender fand, war ich durchaus gespannt auf „Apostle“, von dem ich mir meiner höchst oberflächlichen Annahme gemäß ein dem Embedded-Filming-Segment thamtisch ähnliches, nur eben auf abendfüllende Länge ausgeweitetes Werk versprach. Von apokalyptischem Ambiente jedoch keine Spur; vielmehr müht sich Evans, dem einst von der Tigon British kultivierten, klassischen Folk-Horrorfilm Marke „The Wicker Man“ seine Ehrerbietung zu erweisen und reichert seine Mär um konkrete phantastische Elemente, ein wenig körperbetonte Action und zwei, drei fiese Gore-Sequenzen an, die jedoch sehr lange auf sich warten lassen und aufgrund ihrer Loslösung vom Rest sowieso eher willkürlich bis unpassend daherkommen. Auch sonst wirkt der von Evans selbst geschriebene Film trotz manch guter Ansätze und immer wieder eingeflochtener, poetischer Momente (wie etwa der letzten, als Erfüllungsmoment zu begreifenden Einstellung) größenteils unausgewogen, verworren und unverständig zerdehnt. Dan Stevens in der Hauptrolle, der eigentlich als zerrissener Held wider Willen die Zuschaueremotionen binden soll, bleibt, zumal im Vergleich mit einigen deutlich interessanter angelegten, leider aber mit wesentlich weniger inhaltlicher Bedeutung bedienten Nebencharakteren in den allermeisten Phasen des Films erschreckend blass und egal, der Kult und auch die Dämonen jagen einem, trotz Mark Lewis Jones‘ finalem Amoklauf weder Respekt noch Angst ein und wirken eher wie Schmuckwerk aus einem larmoyanten Achtziger-Fantasyfilm.
Das war mir dann insgesamt eine allzu irrlichternde und inkonsistente Veranstaltung und besagter, positiver Aspekte entgegen blasser Durchschnitt.

4/10

THE NUN

„What’s the opposite of a miracle, Father?“

The Nun ~ USA 2018
Directed By: Corin Hardy

Zu Beginn der fünfziger Jahre stößt der in der rumänischen Provinz lebende, kanadische Aussteiger Frenchie (Jonas Bloquet) auf die Leiche einer Nonne (Jessica Hope), die sich vor den Mauern eines abgelegenen Klosters einem Mahnmal gleich erhängt hat. Der von jener suizidalen, höchst gotteslästerlichen Affäre Wind bekommende Vatikan entsendet zwei seiner Mitglieder, die mit dem zweiten Gesicht ausgestattete Novizin Irene (Taissa Farmiga) und den in parapsychologischen Angelegenheiten erfahrenen Vater Burke (Demián Bichir), um die Angelegenheit vor Ort zu untersuchen. Dass mit dem alten Gemäuer, das bereits seit mittelalterlichen Zeiten dort steht und dereinst einem vom Satanismus begeisterten Adligen (Mark Steger) gehörte, etwas nicht stimmt, wird den Investigatoren unmittelbar bewusst. Weder die mysteriöse Äbtissin (Gabrielle Downey) noch die ängstlichen Nonnen geben jedoch Aufschluss über das Schreckliche, das die Abtei heimsucht…

Der im „Conjuring“-Sequel eingeführte Dämon Valak (Bonnie Aaraons), ein besonders übler Höllenrepräsentant, bildet nach der besessenen Puppe „Annabelle“ (die es bereits auf bis dato zwei eigene Filme brachte) schon die zweite Nebenfigur jener Reihe, die für ein Spin-Off genutzt wurde. Die Macht der Franchises, im filmischen Sinne also expandierender Story-Universen, die immer neue Facetten eines ursprünglich in kleinerem Rahmen erdachten Werks mehr oder weniger planvoll ausweiten und weiterdenken, ist gegenwärtig ungebrochen stark in Hollywood. „The Nun“, der der assoziationsfreudigen Übersicht halber gleich Vera Farmigas jüngere Schwester Taissa in der Haupt- und Heldinnenrolle vorschützt, begreift sich demnach als fünfter Beitrag zum „Conjuring“-Franchise und schlägt zum Abschluss dann auch eine direkte Brücke zum Initialfilm. Er lässt sich allerdings auch ebensogut als freistehende Konstruktion erleben und konsumieren, was durchaus für ihn spricht.
Hardys zweiter Film nach dem solide geratenen „The Hallow“ liebäugelt dabei großzügig mit Altbekanntem und Etabliertem. Dass Rumänien und speziell seine auch als Transsylvanien berühmte und berüchtigte Region Siebenbürgen aller landschaftlichen Reize zum Trotze genau jenes Fleckchen Erde ist, an dem man am Allerehesten Vampire, Werwölfe und anderes Dämonengezücht erwarten würde, spielt „The Nun“ bereits a priori großzügig in die Karten. Ein wenig „Der Name der Rose“ steckt fürderhin ebenso in ihm wie ein gutes Häppchen „La Chiesa“ von Soavi. Garniert mit jenem fiesen Valak als Hauptprominenz ergibt all das ein erwartbar generisches, aber stets auch ansehnliches Genrestück, von dem man sich allerdings weder exorbitante Überraschungen noch anderweitig genialische Aspekte ausbeten sollte. Hardy ist sich über die Limitierungen seines Stoffs glücklicherweise ebenso bewusst und entspinnt demzufolge kein unverhältnismäßiges Brimborium, sondern einen im durchaus positiven Sinne planvollen, atmosphärisch angenehmen Grusler, der mit konzentriertem Personal auskommt und ein Herz für altmodischen Horrorkintopp mitbringt, von schaurigen Ruinen über windschiefe Grabsteine bis hin zu düsterfeuchten Labyrinthen. Nicht wesentlich mehr als eine traditionsbewusste Geisterbahnfahrt ergo, in deren Grenzen dafür allerdings eine wohlfeil arrangierte.

7/10

GHOST STORIES

„We have to be very careful what we choose to believe.“

Ghost Stories ~ UK 2017
Directed By: Jeremy Dyson/Andy Nyman

Der aus strenggläubigem jüdischen Elternhause stammende Professor Goodman (Andy Nyman) widmet sein Lebenswerk der Aufdeckung angeblicher Hellseher, Medien und anderer pseudoparpsychologischer Neppereien. Als er eines Tages eine Einladung seines großen Vorbilds Charles Cameron erhält, der mittlerweile ein desolates Leben als Einsiedler in einem Wohnwagen führt, erhält Goodmans stabiles Weltbild einen empfindlichen Dämpfer. Cameron konfrontiert ihn nämlich mit drei Fällen, die ihn selbst in die Verzweiflung trieben: Der Nachtwächter Tony Matthews (Paul Whitehouse) hatte einst eine erschütternde Begegnung mit einem Geistermädchen; der verschrobene Teenager Simon Rifkind (Alex Lawther) ist nachts im Wald einem Dämon begegnet und der superreiche, zynische Unternehmer Mike Priddle (Martin Freeman) musste gleichzeitig mit einem Poltergeist und mit dem Kindbetttod seiner Frau fertigwerden. Bevor Godman, der sich unterdessen selbst von einer finsteren Gestalt verfolgt wähnt, all diese Geschehnisse weiterleugnen kann, wird er selbst sich einer furchtbaren Wahrheit bewusst…

Dieser hübsche britische Genrebeitrag erfindet die Linsensuppe nicht neu, kann als kleine Reminszenz an die alten Amicus-Episodenfilme, der einen stilistischen Schulterschluss mit den jüngeren Blumhouse-Franchises sucht, jedoch recht gut bestehen. Es gibt eine ganze Stange mehr oder weniger wirksamer jump scares, die der ansonsten gediegenen Inszenierung regelmäßige Antriebsschübe verschaffen und die auf einen sich letzten Endes als relativ hausbackene Auflösung erweisenden, sich als nachhaltig von „Jacob’s Ladder“, „The Usual Suspects“ und „Shutter Island“ beeinflusst zeigenden twist der sonderbaren Ereignisse hinarbeiten. Wie die allermeisten Omnibus-Horrorfilme unterliegt dabei freilich auch „Ghost Stories“ dem unweigerlichen Gesetz der sukzessiven Steigerung seiner Einzelgeschichten, gestattet dem Zuschauer jedoch parallel dazu, sein persönliches Lieblingssegment zu küren. Mir gefiel am besten die mittlere Episode, da diese nicht nur mit einem veritablen Höllenbewohner (einige Inhaltsangaben sprechen gar vom Gehörnten persönlich, wofür ich jedoch keinen hundertprozentig verifizierbaren Anhaltspunkt ausmachen konnte) kokettiert, sondern zudem noch schön mysteriös, rätselhaft und mit aufreizend losen Enden aufwartet. Im Vergleich dazu fällt der nachfolgende Fall mit und um Martin Freeman, dem als prominentestem der besetzten Darsteller für den Rest des Films eine Art „Host“-Funktion zugedacht wird, in meiner Wahrnehmung wieder etwas ab. Ein wenig nachlässig in ihrem Aufbau erschien mir zudem die Psychologisierung des Protagonisten, über dessen persönliche Disposition und Motivationslage trotz emsiger, narrativer Bemühungen keine wirkliche Klarheit entstehen mochte. Vielleicht ist die Rahmenhandlung auch ganz einfach genau das eine, letztlich redundante Gran Zuviel des Guten. Eine grundsolide, altmodische Spukweise um einen Rationalisten, der das Fürchten lernt, scheint heutzutage scheint’s einfach nicht mehr ausreichend inhaltliche Erdung abzuwerfen. Schade drum, eigentlich.

7/10

THE BARRENS

„I’m so proud of you.“

The Barrens (Jersey Devil) ~ USA 2012
Directed By: Darren Lynn Bousman

Familienvater Richard Vineyard (Stephen Moyer) plant einen Campingausflug mit Frau Cynthia (Mia Kirshner), der siebzehnjährigen Tochter Sadie (Allie MacDonald) und Söhnchen Danny (Peter DaCunha) in die Barrens, ein gewaltiges Waldgebiet in New Jersey. Dort, so will es eine alte Legende, treibt schon seit Jahrhunderten der „Jersey Devil“ sein Unwesen – ein geflügelter Höllendämon mit gewaltigem Appetit. Vor Ort will Richard vor allem die Asche seines Vaters verstreuen, der die Gegend stets geliebt hat. Vom Beginn ihres Kurztrips an beginnt der eigentlich so ausgeglichene Richard, sich merkwürdig zu verhalten. Er explodiert aus nichtigen Anlässen, bekommt Fieber, scheint ernstlich krank zu werden. Zudem besteht er darauf, weitab von den übrigen Wochenendausflüglern zu campieren. Von diesen verschwindet bald einer mitten in der Nacht. Cynthia und Sadie kommt ein grauenvoller Verdacht…

Unerwartet qualitätsbewusstes und – dies sei bitte positiv aufgefasst – unangehmes Genrestück, das es versteht, seine diffus-ungemütliche Atmosphäre sukzessiv zu forcieren. Hat man sich einmal mit der (aus rein rationaler Perspektive zugegebenermaßen recht strapaziös hergeleiteteten) Prämisse abgefunden, dass die Ehefrau nicht sehr viel früher etwas gegen die irrationalen Verhaltensweisen ihres immer fahler werden Gatten unternimmt, läuft die Sache. Stephen Moyer, dessen Rolle als langsam durchdrehender Familienvater natürlich eine eindeutige Hommage an Jack Torrance in „The Shining“ darstellt, liefert eine wahrlich bravouröse Vorstellung ab, wenn er sich vom freundlich-biederen Vorstadt-Bourgeois ganz allmählich in einen schwitzenden, torkelnden und zähnefletschenden Berserker verwandelt, der sich im festen Glauben befindet, seine Familie vor dem Jersey Devil (der ihm dem Vernehmen nach bereits in Kindheitstagen begegnet ist) beschützen zu müssen. Parallel dazu schürt Bousman noch die Frage nach Richards tatsächlicher Schuld: Im Prolog wird bereits ein junges Pärchen (Shawn Ashmore, Athena Karkanis) von etwas Unbekanntem attackiert, das die hiesigen Ranger später als Bär zu identifizieren glauben. Zumindest kann Richard Vineyard also nicht das einzige Biest sein, das in den Barrens sein Unwesen treibt. Und würde er, bei aller Raserei, überhaupt so weit gehen, seine mutmaßlichen Opfer zu zerfleischen, respektive auszuweiden? Zwischenzeitlich erscheinen mehrere Lösungen probat, es könnte auch der spät ins Bild gerückte Puma sein, der hier etwas zuviel vom Guten nascht. Doch erst die letzten paar Einstellungen (sowie eine Post-Credit-Sequence, um die man bei der Betrachtung wissen sollte) geben dann endgültig Aufschluss über das wahrhaftig erfolgte, monströse Geschehen und halten sogar Potenzial für eine mögliche Fortsetzung bereit, die es leider bis dato nicht gibt. Ich täte mich ja freuen, wenn sich dies nochmal ändert.

7/10

PYEWACKET

„I can’t believe you want to kill your own mother.“

Pyewacket ~ CAN 2017
Directed By: Adam MacDonald

Für die pubertierende Teenagerin Leah Reyes (Nicole Muñoz) sind Schwarze Magie, gothic looks und Black Metal hauptsächliche Interessengebiete. Ihre depressive Mutter (Laurie Holden) kommt nicht über den Tod ihres Gatten und Leahs Vater hinweg, weshalb sie ihre Tochter nötigt, mit ihr in ein weit abgelegenes Haus in der Provinz umzusiedeln. Für Leah bedeutet das mittelfristig einen Schulwechsel und somit den Verlust ihrer Freunde. Nach einem heftigen Streit beschwört das Mädchen mithilfe eines ihrer Bücher einen Dämon, den Pyewacket, und beauftragt ihn, die Mutter zu töten. Es dauert nicht lang, bis Leah die überhastete Aktion bereut, doch der Pyewacket hat viele gemeine Tricks auf Lager.

Psychologisch konnotierte Horrorfilme über Teenager in der Identitätskrise gewinnen in jüngerer Zeit wieder besonders regen Zulauf. Der kanadische Schauspieler und Regisseur Adam MacDonald nimmt sich in seinem zweiten Kinostück nach dem an die Nieren gehenden „Backcountry“ genau dieses Themenkomplexes an und bringt ein Vexierspiel über das Verhängnis eskalierender Generationskonflikte sowie ein sich in ihrer Emotionalität verlierendes Mädchen, das eine verhängnisvolle, affektgesteuerte Entscheidung trifft und daran zerbricht. Ein veritabler Horrorfilm scheint mir „Pyewacket“ dabei allerdings bloß im übertragenen Sinne zu sein – MacDonalds Script ist so geschickt aufgebaut, dass bis zum Ende hin berechtigte Zweifel daran bestehen können (und vermutlich auch sollen), dass es den Pyewacket wirklich gibt. Schlüssiger erscheint mir da die alternative Option: Ihre psychische Zwangslage lässt Leah schizophren und jenen vermeintlichen Dämon zum Stellvertreter ihrer eigenen Aggressionen werden. Wir erfahren, dass Leah und ihr Vater eine besonders enge Beziehung zueinander hatten. Möglicherweise bildete die Mutter schon damals einen eifersuchtsbedingten Störfaktor für das Mädchen. Jetzt, da die männliche Ankerperson verlustig ist, bleibt nurmehr eine einzige, große Reibungsfläche zwischen den beiden Frauen, die sich immer wieder durch latenten Hass und böse Worte entlädt. Nun reicht allein der bloße, einmal formulierte und veräußerte Wunsch Leahs nach dem Tod der Mutter, um ihr auch noch das letzte Stück vorhandener Balance zu entreißen. Ohnehin spielt es am Ende eine untergeordnete Rolle, ob das Mädchen zur psychotischen Gewalttäterin wurde oder ein obskurer Dämon – Leah wird es so oder so auszubaden haben.
MacDonald vermag die nach seinem Erstling hoch gesteckten Erwartungen einzulösen. Auch sein Zweitwerk besticht durch inszenatorische Sorgfalt, aufrichtige Empathie für die Motivlagen seiner Figuren und eine großartige Schauspielführung. Tatsächlich könnte man nach meiner Wahrnehmung lediglich die etwas stereotyp gezeichnete Charakterisierung der Protagonistin und ihren Hang zu allerlei „verderblicher“ Subkultur in kritischeren Augenschein nehmen, aber das  ist letztlich Makulatur.
Schöner Film.

8/10

FALLEN

„Everything is personal – if you’re a person.“

Fallen (Dämon – Trau keiner Seele) ~ USA 1998
Directed By: Gregory Hoblit

Detective John Hobbes (Denzel Washington) vom Philadelphia P.D. muss sich schwer wundern. Obwohl er den Serienkiller Edgar Reese (Elias Koteas) dingfest machen und sogar dessen Hinrichtung beiwohnen konnte, geschehen weitere Morde, die genau Reeses Handschrift entsprechen. Die Trittbrett-Verbrecher scheinen sich darüberhinaus sogar gegenseitig umzubringen. Über einen kurz vor seinem Tod gemachten Hinweis von Reese stößt Hobbes schließlich auf Gretta Milano (Embeth Davidtz), die Tochter eines Kollegen, der vor Jahren, nachdem er des Mordes verdächtig wurde, Suizid begangen hat, sowie dessen okkulte Privatbibliothek. Gretta erklärt ihm, dass nicht Reese oder die anderen als solche vermuteten Killer, sondern der Dämon Azazel, der gestaltlos ist und in jeden beliebigen Körper springen kann, sein Unwesen in der Stadt treibt. Azazel hat sich Hobbes zum Privatgegner auserkoren und will ihn, wie einst Milano, öffentlich diskreditieren und in die Verzweiflung treiben. Doch Hobbes hat einen Plan, denn auch Dämonen kann man töten…

Manch einer von uns wird sich noch wohlfeil erinnern: Als Y2K sich näherte, war neben der massenmedial gehypten Euphorie auch die allgemeine, latente Besorgnis en vogue, dass mit dem Millenienwechsel auch die Erde ihrem Untergang geweiht sei. Biblische Endzeitszenarien, Johannes‘ Buch der Offenbarung, die vier Reiter und Luzifer mit seinen höllischen Horden wähnten die für derlei Spuk etwas anfälligeren Zeitgenossen allesamt schon um die nächste Hausecke, was selbstverständlich auch die Hollywood-Studios veranlasste, den Zeichen der Zeit Rechnung zu tragen. Nach (oftmals vorgeblich) hochkomplexen Schemata operierende, fanatische Serienkiller, infernalische Dämonen, Doomsday-Sekten und schließlich Mephistopheles selbst bevölkerten das apokalyptische Timbre etliche Filme jener Ära, so dass selbst hochrespektable Qualitätsakteure wie Denzel Washington als Vorsteher eines entsprechend erlesenen Ensembles sich plötzlich mit übernatürlichen Gegnern an der Schwelle zur Machtübernahme herumzuärgern hatten. Der Dämon Azazel, der auf eine lange, religiöse wie literarische Vorgeschichte und Tradition zurückblickt, ist einer der prominenteren Vertreter der „Gefallenen“, also jener Wesen, die wegen ihrer Verderbtheit von Gott des Himmels verwiesen wurden und seither ihr Dasein in der Unterwelt fristen müssen. Hoblits Film verzichtet (leider?) darauf, dem bocksbeinigen Gesellen eine konkrete Form zu verleihen. Stattdessen trittt er als unsichtbare, ätherische Kreatur an, die, soviel physikalische Erdung leistet sich das Werk dann doch, wenn nicht gleich durch direkte Berührung, so doch binnen einer bestimmten Frist in einem bestimmten Umkreis den Wirt wechseln kann. Nachdem er jenen dann wieder verlässt, kann der seelisch Missbrauchte sich, einem Blackout gleich, an nichts mehr erinnern. Um diese breit bepflügte Prämisse sowie um einen Stones-Klassiker herum baut das von Elia-Filius Nicholas Kazan ersonnene Script eine reichlich hanebüchene wie um den good will des Publikums buhlende Story zusammen, die, und darin liegt das ziemlich gewaltige Problem des Films, sich bei aller Stoffeligkeit bierernst nimmt. Der Regisseur macht einen sauberen Job, die Qualitätsdarsteller stehen in keinem Verhältnis zu dem eigentliche einer sehr viel unauffälligeren Genrearbeit gebührenden Plot. Aber auch darin stellt sich „Fallen“ sich den vielen erwähnten zeitgenössischen Gattungsproduktionen gleich – er zeigt, obschon auf rückblickend interessante Art und Weise, gewissermaßen exemplarisch auf, in welcher Sackgasse das Mainstream-Kino der späten Neunziger sich befand und, vor allem, wieviel besser das alles noch rund zwei Jahrzehnte zuvor funktioniert hatte.

5/10