KNIVES OUT

„It’s a weird case from the start.“

Knives Out ~ USA 2019
Directed By: Rian Johnson

Harlan Thrombey (Christopher Plummer), superfolgreicher Schriftsteller und wohlhabender Familienpatriarch, wird am Morgen nach seinem 85. Geburtstag tot aufgefunden. Was offenkundig und allen verfügbaren Indizien nach ein Suizid zu schein scheint, interpretiert der neben den ermittelnden Polizisten herbeigerufene Privatdetektiv Benoit Blanc (Daniel Craig) flugs als wohlfeil getarnten Mord. Obschon Blanc seinen Auftraggeber noch nicht kennt, ist ihm bereits nach den Kurzverhören von Thrombeys herumdrucksenden Sprösslingen und deren EhepartnerInnen klar, dass beinahe jede/r von ihnen ein hinreichendes Motiv hatte, den Alten um die Ecke zu bringen. Thrombeys junge Privatpflegerin und persönliche Vertraute Marta Cabrera (Ana de Armas) scheint der Schlüssel zur Lösung des Rätsels zu sein…

Ganz offensichtlich als Franchise-Starter angelegt, wird von Daniel Craig als Edelschnüffler Benoit Blanc in Kürze noch mehrfach zu sehen sein. Ein Sequel ist bereits jetzt in der Planungsphase und auf nicht eben unclevere Weise dazu angetan, Craigs dräuende Abkehr von James Bond abzufedern. Regisseur und Autor Rian Johnson jedenfalls hat die Figur als Hommage an klassische Privatdetektive, wie man sie vor allem von Agatha Christie her kennt, angelegt und ihr in diesem Zuge sogleich einen wohlklingenden französischen Namen Marke Hercule Poirot verehrt. Tatsächlich weckt das Konzept des Films recht unumwundene Assoziationen an die Poirot-Adaptionen mit Peter Ustinov, in denen der Ermittler und Bonvivant sich stets mit einem (initiierenden) Mordfall und einer Schar von prominenter Besetzung interpretierter Verdächtiger vor schickem Ambiente konfrontiert sah, von denen alle als potenzielle/r TäterIn in Frage kamen. „Whodunit“ nannte und nennt man bekanntermaßen derlei kriminalistische Verwirrspiele, in denen das Publikum auf Gedeih und Verderb die deduktiven Fähigkeiten des ihn leitenden Rätselknackers und die durch dessen inneres Auge zu sehenden Rückblenden angewiesen ist.
Nachdem Rian Johnson das vorletzte „Star Wars“-Epos inszeniert hatte und mit Sicherheit unter denkbar höchstem Liefer- und Erwartungsdruck gestanden haben wird, dürfte er sich mit dem vergleichsweise intimen „Knives Out“ ein hübsches, kleines Geschenk in eigener Sache verehrt haben. Sein mit einem überaus namhaften Ensemble ausgepolstertes, leichtfüßiges Genrestück steckt voller kleiner Drehbuchfinten, humoristischer Tangentiale und verwehrt sich ganz (selbst-)bewusst der in den letzten Jahren und Jahrzehnten florierenden, düsteren Serienkillerepen, indem er auf einen verschmitzten Detektiv (dessen genialisches Emittlerhirn allerdings weitgehend Behauptung bleibt und sich künftig noch erweisen muss) und eine sympathische Heldin setzt, deren reziprok-reaktionsaffines Bälle-Zuspiel ganz nebenbei als Empfehlung für den kommenden Bond-Film „No Time To Die“ fungieren darf. Die übrigen Stars spielen ihre Parts mit Lust und Verve. Vor allem dem ja schon seit längerem reaktivierten Don Johnson gönnt man seinen zweiten Frühling. Ansonsten ist Thrombeys New-England-Villa der heimliche Star des Films: Das Gebäude mit all seinem kosmopolitischen, überschwänglichem Ausstattungsfirlefanz und eklektischen Interieurs nebst Geheimfenster und Innenbüro ist ein das Auge zuckerndes Meisterstück architektonischer Designkunst.

7/10

UN DETECTIVE

Zitat entfällt.

Un Detective (Die Klette) ~ I 1969
Directed By: Romolo Guerrieri

Stefano Belli (Franco Nero), Commissario bei der römischen Fremdenministerium, nimmt hier und da gern lukrative Jobs abseits des offiziellen Dienstwegs an. Aktuell beauftragt ihn der reiche Advokat Fontano (Adolfo Celi) damit, einerseits Sandy Bronson (Delia Boccardo), der offenbar leichtlebigen aus England stammenden Freundin seines Sohnes Mino (Maurizio Bonuglia), den Aufenthalt zu erschweren und andererseits untersuchen, warum Fontanas Gattin Vera (Florinda Bolkan) ausgerechnet den schmierigen Musikproduzenten Romanis (Marino Masé) mit einer großzügigen Geldinvestition unterstützen möchte. Belli findet umgehend nicht nur einen bereits erschossenen Romanis vor, sondern zudem heraus, dass beide Fälle direkt zusammenhängen und ausschließlich jede/r der Beteiligten, darunter auch der Fotograf Claudio (Roberto Bisacco) und das drogensüchtige Schlagersternchen Emmanuelle (Susanna Martinková) auf die eine oder andere Weise Dreck am Stecken hat, oder nur die halbe Wahrheit sagt.

Guerrieris nach seiner eigenen Einschätzung gelungenste Regiearbeit erweist in allererster Instanz den harboiled noirs von Hammett, Chandler und Spillane Reverenz, indem er einen profitgierigen Schnüffler durch ein unentwirrbares Spinnennetz aus Intrigen stolpern und sich darin verheddern lässt. Wie oftmals auch ein Philip Marlowe müht sich der stets cool und situationsbestimmend bleibende Belli dabei, ebenso wie der Zuschauer den Überblick zu wahren, häufig jedoch umsonst: Die meisten seiner Spekulationen erweisen sich als unzutreffend und hinter jeder vermeintlich klärenden Wendung steckt nur wieder ein neues Rätsel. Das hat zur zwangsläufigen Folge, dass das Narrativ sich nur allzu häufig selbst zu verheddern droht, was jedoch, man denke nur an „The Big Sleep“, eine zunehmend untergeordnete Rolle spielt. Was vielmehr stets den Mittelpunkt einnimmt, ist die jeweils aktuelle Szene, deren Setting, deren Dialogwitz, deren inhärente Spannung und gegebenenfalls auch deren erotische Aufladung – als MacGuffin gibt es etwa eine Nacktaufnahme einer wohlgeformten Dame, auf der der identitätsstiftende Kopf weggerissen wurde. Vordringliche Agenda Bellis ist es demzufolge, über weite Strecken der Geschichte herauszubekommen, um welche der drei beteiligten femmes fatales es sich auf der hier abgelichteten wohl handeln möge. Am Ende erweist sich jedoch auch dieses symbolträchtige Bild als für die finale Aufklärung, die dann auch weniger überraschend denn lediglich mit noch mehr Fragezeichen behaftet daherkommt, als weitgehend unerheblich.
Guerrieri erweist sich als Regisseur dennoch als geschickt genug, den Plot eben Plot bleiben zu lassen und sich ganz auf die Kreierung von Atmosphäre zu verlagern, Räumen und urbanen Schauplätzen den Vorzug zu geben und sein erstklassiges Ensemble glaubhaft durch seine dramaturgischen Wirrnisse zu führen.
Erst gestern habe ich – rein zufällig – ein Werksinterview mit Walter Hill geschaut, in dem der Meister einmal die Aufgaben von Darstellern und Regisseur voneinander abgrenzt: Die Aufgabe des Regisseurs sei es, so Hill, den Film zu verstehen, die des Akteurs hingegen, seine Figur zu verstehen. Da musste ich gleich unwillkürlich an „Un Detective“ denken, anhand dessen sich just dieses Maxime geradezu exemplarisch nachzeichnen lässt.

8/10

MURDER MYSTERY

„You got to be the bad guy.“

Murder Mystery ~ USA 2019
Directed By: Kyle Newacheck

Weil er sich zum wiederholten Male als zu unfähig erweist, die Prüfung zum Police Detective zu meistern, schwindelt der New Yorker Cop Nick Spitz (Adam Sandler) seiner Gattin Audrey (Jennifer Aniston) kurzerhand vor, dass er sie längst bestanden habe. Zudem zwingt eine dumme Situation dazu, Audrey die seit Jahren versprochene Europareise zum jüngsten Hochzeitstag zu verehren. Aus der geplanten Bustour zu den großen südeuropäischen Schinkenräuchereien wird jedoch nichts, da Audrey im Flieger die Bekanntschaft des Milliardenerben Charles Cavendish (Luke Evans) macht. Dieser lädt die Spitzens – nicht ganz uneigennützig – zur Hochzeitsparty seines Onkels, des superreichen Malcolm Quice (Terence Stamp), auf dessen Luxusyacht ein. Nachdem dieser sämtlichen anwesenden Erbschleichern eröffnet, dass sie nichts von seinem Nachlass zu erwarten hätten, wird er umgehend ermordet. Der ebenso übereifrige wie inkompetente Polizist de la Croix (Dany Boon) hält trotz eindeutig fehlenden Motivs die Spitzens für die Täter, was diese in die Zwangslage setzt, ihre Unschuld zu beweisen.

Zumindest für des Sandmans Freunde durchaus liebenswert, wenngleich qualitativ eher in seinem mittleren Filmsektor schwimmend, entpuppte sich diese sechste und jüngste Netflix-Produktion als die bislang erfolgreichste Zusammenarbeit des Senders mit dem quirligen Adam. Angenehmerweise versucht „Murder Mystery“ erst gar nicht, sich zu etwas Besserem zu deklarieren als er es letzten Endes darstellt, sondern gibt sich mit seinem Status als gut gelaunte, in Teilen durchaus witzige Krimikomödie ohne besondere Ausreißer nach oben oder unten zufrieden. Für Sandler, der ausnahmsweise mal an der Riviera sein Unwesen treiben darf, ist das Ganze derweil eine sichtlich laxe Fingerübung, die ihn gut gelaunt und wie gehabt auch mal über die eigenen Gags lachen lässt. Garantiert überraschungsfrei, aber sympathisch wie immer. Das matte Fünkchen Reverenz an Agatha Christie und anverwandte Literatur bleibt schließlich bloße Behauptung.
Der kriminalistisch überbaute Hauptplot lässt sich, wie die Inszenierung in ihrer Gesamtheit, insofern völlig vernachlässigen; ganz ähnlich wie seinerzeit Woody Allen in seinem nicht nur titulär verwandten „Manhatten Murder Mystery“, geht es vielmehr darum, die eingeschlafene Liebe eines nurmehr gewohnheitsmäßig verheirateten Paares durch die Involvierung in einen – bzw. mehrere – Mordfall/-fälle sich neu entflammen zu lassen und alten Beziehungsballast somit beiseite zu schieben, im vorliegenden Stück natürlich betont unsophisticated. Dennoch und überhaupt sollte man die mir zunehmend offenkundigen Parallelen zwischen den Gesamtwerken von Allen und Sandler einmal näher untersuchen.

6/10

INCENDIES

Zitat entfällt.

Incendies (Die Frau die singt) ~ CA/F 2010
Directed By: Denis Villeneuve

Nachdem Nawal Marwan (Lubna Azabal), die einst aus einem kriesengeplagten Nahost-Staat nach Montréal emigrierte Mutter der beiden Zwillinge Jeanne (Mélissa Désormeaux-Poulin) und Simon (Maxim Gaudette), gestorben ist, verliest ihr Notar Lebel (Rémy Girard) ein höchst rätselhaftes Testament. Darin fordert Nawal die Geschwister auf, sich auf eine mühselige Suche zu begeben: Jeanne soll ihren den beiden zeitlebens unbekannten Vater ausfindig machen, derweil Simon mit der Recherche nach einem älteren Bruder betraut wird, von dem sie bislang nichts wussten. Vater und Bruder sollen dann jeweils einen von Nawal verfassten und an sie adressierten Brief erhalten. Zu Simons Unwillen begeben sich beide an ihre entbehrungsreichen Ermittlungen und machen sich in diesem Zusammenhang mit der Biographie ihrer Mutter vertraut, einen von den unbeschreiblichen Gräueln eines Bürgerkriegs geprägten Leidensweg…

Neben seinem makellosen Meisterwerk „Sicario“ ist „Incendies“ der bislang beste Film von Denis Villeneuve. In einer im Vergleich zu seinen späteren, sehr viel glamouröseren Hollywood-Arbeiten schmucklos gehaltenen Bildsprache begnügt sich der Regisseur hier noch damit, als auktorialer Inszenator vollkommen in den Hintergrund zu treten und seiner auf einem Stück des Dramatikers Wajdi Mouawad basierende Geschichte die gänzliche Führungsrolle abzutreten. Die erzählerische Perspekive changiert dabei primär zwischen den Erlebnissen von Mutter Nawal und Tochter Jeanne, wobei erstere sich in ihrer gezwungenermaßen stark gerafften Form etwa zwischen den Spätsiebzigern und Frühneunzigern datieren lassen. Das handlungsspendende Land, dessen Name nie erwähnt wird und das sich unschwer als der von den Wirren des Bürgerkriegs tief gezeichnete Libanon entschlüsseln lässt, erweist sich dabei auch in der filmischen Gegenwart noch als von unnachgiebiger Religiosität und Mentalität geknechteter Fleck Erde, innerhalb dessen blutgetränkter Geschichte das Schicksal Nawals am Ende doch nur eines von vielen ist, und an dem eine Überlebende, der eine entsetzliche Wahrheit selbst viele Jahre lang verborgen bleibt, zugrunde gehen muss zudem.
Auf narrative Details einzugehen, bedeutete, der geschätzten Leserschaft das potenzielle (unbekannte) Filmerlebnis seiner unglaublichen Kraft und erschütternder Wirkmacht zu berauben, daher halte ich mich diesbezüglich an gegebener Stelle ausnahmsweise streng zurück. Was mir insofern nurmehr am Herzen liegt und loszuwerden bleibt, wäre Folgendes: „Incendies“ ist einer jener raren Filme, die man uneingeschränkt als Pflichtveranstaltung für jedermann flankieren und bewerben muss, ein ungebrochen starkes kulturelles und philosophisches Großereignis; angetan zu schockieren, zu läutern und in meditative Klausur treten zu lassen; und mehr noch ein Fanal für Frieden und Vergebung; unvergesslich und uneingeschränkt randios. Wer glaubt, all diese Superlativen seien übertrieben, der möge versuchen, sich eines Besseren zu belehren. Er wird es nicht bereuen.

10/10

MURDER AHOY

„Who does she think she is, Neptune’s mother?“

Murder Ahoy (Mörder Ahoi!) ~ UK 1964
Directed By: George Pollock

Just während Miss Marples (Margaret Rutherford) erster Sitzung im Komitee der Jugendhilfestiftung „Kap der Guten Hoffnung“ segnet eines der arrivierten Vorstandsmitglieder, Ffolly-Hardwicke (Henry Longhurst), das Zeitliche, bevor er eine wichtige Neuigkeit kundtun kann. Entgegen Inspector Craddocks (Charles Tingwell) vorschneller Annahme, es handele sich um einen ordinären Herzinfarkt, findet Miss Marple umgehend heraus, dass Ffolly-Hardwickes Schnupftabak mit Strychnin versetzt war. Die Spur führt zum Erziehungssegler „H.M.S. Battledore“, der im Hafen eines Nachbarorts vor Anker liegt. Ganz zum Unwillen des enervierten Captain Rhumstone (Lionel Jeffries) lädt sich sich Miss Marple kurzerhand selbst zur Schiffsinspektion ein und hat den Mörder bald auf dem Präsentierteller…

Abgesehen von einem Mini-Cameo in Frank Tashlins Poirot-Groteske „The Alphabet Murders“ bildete „Murder Ahoy“ Margaret Rutherfords vierten und letzten Auftritt in der Rolle der gewieften Miss Marple. Die noch im vergleichsweise späten Alter von 71 Jahren oscargekrönte Darstellerin (für Anthony Asquiths ganz hübschen „The V.I.P.s“) verschaffte der Hobby-Detektivin ein auf lange Jahre hin gültiges Kino-Antlitz, das eigentlich gar nicht so recht zu der von Agatha Christie kreierten Figur passen mochte; diese war eherhochgewachsen, dünn und blässlich mit Hang zu Atemwegserkrankungen, derweil die Rutherford eher als gedrungene, nassforsche, aber physisch durchaus fitte ältere Dame mit rüstigem Habitus ihren oftmals verbrecherischen Gegenübern Respekt einflößte. Am Ende von „Murder Ahoy“ hat sie sogar ein Fechtduell im Tonus klassischer swashbuckler auszutragen.
Feinsinniger britischer Humor gehörte insofern ebenso zum Konzept der Tetralogie wie die kriminalistische Komplexität und Logik der Geschichten. Gleichfalls (psychologische) Konterparts und zum Ende hin dann stets respektvolle Freunde der schrulligen Dame bildeten zum Einen der (Ober-)Inspector Craddock, der trotz Miss Marples immer wieder unter Beweis gestellten Verstandesschärfe nie bereit ist, deren deduktive Fähigkeiten anzuerkennen und sie lieber dort sähe, wo alte Frauen seiner bourgeoisen Auffassung nach hingehören: Strickend vor dem heimischen Kamin. Zum anderen darf nie das patriarchalisch konnotierte Oberhaupt der von Miss Marples Ermittlungsleidenschaft heimgesuchten Institution fehlen. In „Murder Ahoy“ handelt es sich dabei um den ebenso witzigen wie miesepetrigen Kapitän der Battledore, dem Lionel Jeffries ein wunderbar komisches Auftreten verabreicht. Ob es angesichts der formalen und konzeptuellen Analogien der vier Filme im Nachhinein zu begrüßen ist, dass es bei dieser ihrer überschaubaren Anzahl geblieben ist, lässt sich kaum abschließend festhalten; sicher ist derweil, dass zumindest keiner der vier vorhandenen Vertreter des Quartetts kein Iota an Charme, Intelligenz und Spaßigkeit eingebüßt hat.

8/10

MURDER MOST FOUL

„It may irritate you, Inspector, but sometimes women have superior minds. You’ll simply have to accept it.“

Murder Most Foul (Vier Frauen und ein Mord) ~ UK 1964
Directed By: George Pollock

Als einzige von zwölf Geschworenen weigert sich Miss Marple (Margaret Rutherford), die Schuld des wegen Mordes an der Bardame Margaret McGinty angeklagten James Bentley anzuerkennen. Sie glaubt vielmehr, dass die McGinty einen Unbekannten erpresst hat und dieser sich ihrer auf gewaltvolle Weise entledigte. Die Spur führt zu einer Gruppe von Theaterschauspielern, die unter deren Leiter Driffold Cosgood (Ron Moody) im Nachbarstädtchen auftritt. Miss Marple erschleicht sich als Nachwuchs-Actrice Zutritt zu dem Ensemble und hat bald ebenso mehrere Verdächtige im Blick wie weitere Leichen am Hals, ganz zum Unwohlsein ihres etwas kurzsichtigen Rivalen Inspector Craddock (Charles Tingwell).

Ihr dritter Fall führt die unverwüstliche Margaret Rutherford als noch unverwüstlichere Amateurdetektivin Miss Jane Marple in die Welt des Theaters. Gemeinsam mit dem ihr in Freud und Leid zugetanen, ein wenig trottelig angehauchten Alt-Junggesellen Jim Stringer (Stringer Davis, im wahren Leben Rutherfords Ehegatte) hat sie es wie üblich mit einem in der Lektüre kriminalistischer Unterhaltungsliteratur hochbewanderten Täter zu tun, der sich ausgebufftester Methoden bedient, um seine Spuren zu verwischen.
Dass George Pollocks inszenatorische Herangehensweise bei seiner Fertigung der insgesamt vier Miss-Marple-Filme nicht nur extrem homogen war, sondern zudem auch die gesamte Nomenklatur der Fälle sich stets verblüffend ähnelte, schadete der Qualität der kleinen Reihe nicht im Mindesten. Gut, die ersten beiden Abenteuer „Murder She Said“ und „Murder At The Gallop“ nehmen sich jeweils noch ein klein wenig schöner aus, was allerdings weniger der narrativen Ver- und Abwicklung der Fälle geschuldet ist, sondern vielmehr deren Schauplätzen (altehrwürdiges Landgut bzw. Gestüt) und Nebenbesetzungen mit grandiosen Darstellern wie James Robertson Justice, Arthur Kennedy, Robert Morley oder Flora Robson, die allesamt für eine Art zusätzlicher Goldkante sorgten. Ansonsten bleibt alles im gewohnten Rahmen und strikt dem einmal etablierten Fünfakter verpflichtet: Erster Mord nebst Involvierung Miss Marples / polizeiermittlungswidrige Erkenntnis Miss Marples über das wahre Tatmotiv / Pseudoengagement  Miss Marples in einem jeweils überschaubaren Mikrokosmos aus Hauptverdächtigen nebst garantiert unverdächtigem Patriarchen / gezielte Untersuchung sowie Einkreisung des/der TäterIn unjd schließlich eine wohlweislich gestellte Falle mitsamt der Überführung. Dabei ist Agatha Christies Vorlage eigentlich ein Poirot-Fall, was man jedoch dank des wie gewohnt cleveren Drehbuchs zu keiner Sekunde bemerkt und ohnehin bei einer späteren Adaption im Rahmen der TV-Serie mit David Suchet quasi wieder berichtigt wurde.

8/10

NON HO SONNO

Zitat entfällt.

Non Ho Sonno (Sleepless) ~ I 2001
Directed By: Dario Argento

Siebzehn Jahre nachdem in Turin der sogenannte „Zwergenkiller“ sein Unwesen trieb, der mehrere Frauen auf dem Gewissen hatte, beginnt eine neue Mordserie nach analogem Muster. Der mittlerweile retirierte Polizeibeamte Moretti (Max von Sydow), der den von ihm untersuchten, damaligen Fall abgeschlossen glaubte und mit einer beginnenden Demenz sowie Herzproblemen zu kämpfen hat, nimmt sich eher zum Unwohlsein der Offiziellen erneut an. Gemeinsam mit dem jungen Giacomo (Stefano Dionisi), dessen Mutter (Francesca Vittori) zu den einstigen Opfern des Mörders zählt, kommt er dem offenbar mitnichten toten Gewaltverbrecher immer dichter auf die Fersen.

Sein erster Film im neuen Jahrtausend führte Dario Argento wieder weg vom barocken Überschwang seiner zuletzt inszenierten Leroux-Verfilmung „Il Fantasme Dell’Opera“ und zurück zu alten Giallo-Leisten, wie sie ihm in den siebziger Jahren, so etwa im Zuge seiner „Tier-Trilogie“, seine mit erfolgreichsten Meriten eintrugen. Entsprechend vielleicht seiner eigenen, wachsenden Anzahl an Lebensjahren zentriert Argento als Haupthelden einen körperlich wie geistig etwas angeschlagenen Kriminaler, den Max von Sydow absolut maßgeschneidert als leicht kauzigen, grauen Fuchs mit Papagei als privatem Ansprechpartner und Lebensgefährten interpretiert. Das übrige Darstellerpersonal lässt sich derweil relativ problemlos vernachlässigen, wie auch die gewohntermaßen etwas umständliche (und, seien wir ehrlich: mäßig interessante) Auflösung, die von Sydows Charakter leider erst gar nicht mehr miterleben darf, kein unbedingtes Qualitätstopping markiert.
Doch, und auch das hat bei Argento Tradition, ist ohnedies der Weg das eigentliche Ziel: Der ruchlos-brutale Aktionismus des Killers, gleich mehrere psychologische Aufarbeitungen der Vergangenheit, ein zu Unrecht beschuldigter Haupttäter. Für das anno 01 im Vergleich zu den Siebzigern deutlich langweiliger ausfallende Zeitkolorit kann Signore Argento nichts, damit hat er sich ebenso zu arrangieren wie sein Publikum. Dass derweil zahlreiche seiner glühendsten Verehrer den Maestro nach „Non Ho Sonno“ bereits abzuschreiben gedachten, mag ich nicht begreifen. Urplötzlich erging man sich in akribischer Suche nach Logiklöchern, monierte Zähig- und Beliebigkeiten, als sei Argento in der Vergangenheit der ungeschlagene Schwergewichtsweltmeister plausibler Narration gewesen. Vor Meisterwerken wie „Tenebre“ müsse „Non Ho Sonno“ zu Staube kriechen, hieß es da etwa – was ich für keine faire Einordnung halte, sondern lediglich als einen weiteren Beweis dafür erachte, dass gerade die selbsternannten „größten Genrefans“ oftmals Ewiggestrige sind.

7/10

MORTELLE RANDONNÉE

Zitat entfällt.

Mortelle Randonnée (Das Auge) ~ F 1983
Directed By: Claude Miller

Der einsam lebende belgische Privatdetektiv Beauvoir (Michel Serrault), genannt „Das Auge“, soll im Auftrag seiner Chefin (Geneviève Page) die junge Braut (Isabelle Adjani) eines Millionärssohnes beschatten, die von ihren Schwiegereltern für eine Heiratsschwindlerin gehalten wird. Tatsächlich beobachtet Beauvoir die Dame bei der Ermordung des Bedauernswerten. Anstatt sie zu verraten, heftet sich Beauvoir an die Fersen der Mörderin, in deren Person er mit zunehmender Obsession seine ihm stets unbekannt gebliebene Tochter projiziert, beginnt sogar, sie bei ihren verbrecherischen Reisen quer durch Europa heimlich zu unterstützen und ihr Schicksal maßgeblich zu beeinflussen.

Ich empfinde Millers „Mortelle Randonnée“ als eine durchaus elegante, rein formalästhetisch betrachtet sogar ziemlich exzellente Versuchsanordnung einer psychologischen Fallstudie, die mir auf emotionaler Ebene allerdings keinerlei Zugang bieten mag und mich auf eine begfremdliche Weise kaltgelassen hat wie schon lange kein Film mehr. Ich mache das retrospektiv an der bedingungslosen, allumfassenden Distanziertheit fest, mit der Miller sein Personal und seine Geschichte inszeniert: Man wird Zeuge der sich im Laufe der Jahre, die die erzählte Zeit des Films umfasst, zunehmend pathologisierenden, psychischen Verdrehung und Verkantung eines Mannes, dessen Ehe dereinst in die Brüche gegangen ist, der seine Tochter nie kennenlernen durfte und das aus mutmaßlich signifikanten Gründen. „Auge“ Beauvoir, der sich im Fortgang der Geschichte als eine Art französische, kriminalistisch angelegte Melange aus der Nabokov-Figur Humbert Humbert und dessen ewigem Widersacher und Verfolger Clare Quilty erweist, wird durch seine manipulatives und zugleich devotes Wesen recht früh als armseliger Verlorener charakterisiert, dem es auf seinen Irrwegen durch Südwesteuropa und denen in die eigene Psyche zu begleiten eben dezidiert wenig Vergnügen bereitet. Serrault spielt diesen Sklaven seiner Schuldkomplexe und Hirngespinste, die sich nach und nach in einer tief verwurzelten, inzestuös gefärbten Obsession kanalisieren, in zugegebenermaßen brillanter Weise zwischen Ironie und Bedauerungswürdigkeit. Isabelle Adjani, die in diesen Jahren bekanntermaßen ja beinahe ausschließlich auf die eine oder andere Weise entrückte, enigmatische Frauenfiguren gab, entwickelt sich unter Beauvoirs Observation (und parallel dazu natürlich auch der des Publikums) von der mörderischen femme fatale zu einem Opfer ihrer tatsächlich berechtigten Paranoia, die sie, sehr viel mehr noch als jede offene Attacke oder mögliche Denunziation Beauvoirs, angreifbar macht, zermürbt und schließlich in den Tod treibt. Damit verliert auch „Das Auge“ seinen letzten Existenzzweck.

7/10

SMILLA’S SENSE OF SNOW

„The Devil assumes many forms.“

Smilla’s Sense Of Snow (Fräulein Smillas Gespür für Schnee) ~ D/DK/SW 1997
Directed By: Bille August

Die in Kopenhagen lebende Smilla Jaspersen (Julia Ormond) ist das, was man einen unbequemen Menschen nennen könnte: Als Tochter einer bereits vor längerer Zeit verstorbenen Inuit und eines renommierten dänischen Arztes (Robert Loggia) steckt sie nicht nur zwischen den Kulturen fest – sie schottet sich auch systematisch von ihren Mitmenschen ab, lässt keinerlei Gefühle, Nähe oder Wärme an sich heran und betrachtet die Welt durch beinahe autistisch-angewandte, zutiefst verhärtete Augen. Als ihr einziger Freund, der Nachbarsjunge Isaiah (Clipper Mirano), vom Hausdach in den Tod stürzt, glaubt Smilla nicht an einen Unfall. Sie beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln und stößt mithilfe ihres eigenbrötlerischen Nachbarn und den gesellschaftlichen Verbindungen ihres alten Herrn schließlich auf den Multi „Greenland Mining“ und dessen Chef Tork (Richard Harris), der im Begriff ist, eine mysteriöse Expedition in die Arktis durchzuführen…

„Smilla’s Sense Of Snow“, also der dem Film zugrunde liegende, gleichnamige Roman des Dänen Peter Høeg, zählte in den Früh- und Mittneunzigern zu jener Art Buch, die man in mutmaßlich jedem anderthalbsten europäischen Buchregal vorfinden konnte. Es lässt sich weiterhin annehmen, dass dessen Kriminalgeschichte mit leichtem SciFi-Einschlag nicht unwesentlich mitverantworlich zeichnet für den bis heute andauernden, skandinavischen Thriller-Boom sowohl auf dem Belletristik-, als auch dem Film- und TV-Sektor. Die eigenwillige Story um die gleichsam selbstbewusste und doch bindungsunfähige Privatdetektivin wider Willen bewegte und begeisterte jedenfalls ein literarisches Massenpublikum und wurde somit ganz schnell zu einem Fall für den umtriebigen Constantin-Chef Bernd Eichinger, der es wohl als eine seiner karrieristischen Hauptmissionen ansah, sich die Rechte für massive Bucherfolge zu sichern und diese dann mit internationalen Stäben und Besetzungen für das Kino aufbereiten zu lassen. Insofern lag der Fall betreffs „Fräulein Smilla“ relativ schnell klar und der Film, unglaublich toll gecastet und von Bille August zu einer schicken Augenweide mit nur allen denkbaren Weißabstufungen für die zig Sorten Eis und Schnee geformt, entspricht dann auch recht exakt jenem „Qualitätskino“-Schema, das Business und Kunst überdeutlich kombiniert und für etliche Filmliebhaber zum Ssynonym für Filme zum Abgewöhnen avancierte. Tatsächlich entdeckt man hinter Eichinger-Produktionen stets Eichinger, respektive spürt seine Gegenwart oder glaubt zumindest, sie zu spüren, während „seine“ Regisseure von Petersen, Edel und Annaud bis hin zu August eher wirken, als erfüllten sie vornehmlich repräsentatorische Statthalter-Funktionen. Ich muss zugeben, dass ich dennoch die meisten der entsprechenden Filme trotz breiter Vorwurfsbasis aus unterschiedlichen Gründen gern bis sehr gern mag; sie bildeten über zwei Jahrzehnte hinweg den kleinsten Nenner von Glamour und Megalomanie im deutschen Kino, schämten sich nicht für das, was sie repräsentierten und lieferten vor allem regelmäßig augenbezuckerndes Entertainment. Dass sie die literarischen Vorlagen häufig begradigten oder im schlimmsten Falle verwursteten und nicht selten Zeugnisse der multilpen Eitelkeiten ihres Produzenten wurden, gehörte zum Spiel.
Ich mag Smilla, auch und sogar besonders mit dem Gesicht von Julia Ormond, und würde gern mal mit ihr einen trinken. Wahrscheinlich söff sie mich unter’n Tisch.

7/10

WHO’S HARRY CRUMB?

„You don’t know anything about this case, do you?“

Who’s Harry Crumb? (Wer ist Harry Crumb?) ~ USA/CA 1989
Directed By: Paul Flaherty

Leider verfügt Privatdetektiv Harry Crumb (John Candy) mit Ausnahme geschickter In-Cognito-Verkleidungen nicht ganz über die brillanten, deduktiven Fähigkeiten seiner Ahnherren, die einst die renommierte Detektei „Crumb & Crumb“ aufgebaut haben. Darum sitzt er auch in einer abgeschlagenen Außenfiliale des Hauptbüros in Los Angeles, dessen Vorsitzender Eliot Draisen (Jeffrey Jones) Harry eines Tages ganz bewusst „zur Hilfe“ ruft, um einen Kidnapping-Fall zu lösen, hinter dessen Einfädelung Draisen selbst steckt. Er hat die ältere Tochter (Reneé Colman) des Millionärs Downing (Barry Corbin) entführt. Mit dem Lösegeld will er seine alte Flamme Helen (Annie Potts) zurückerobern, die ihrerseits jetzt Downings zweite Frau ist und ihn ermorden will, um an das beträchtliche Erbteil zu gelangen. Zu Draisens Zufriedenheit erweist sich Harry rasch als viel zu dämlich, um auch nur eine der sich ihm bietenden Spuren korrekt zu interpretieren…

Es gibt ein paar wirklich witzige Stellen in „Who’s Harry Crumb?“ und John Candy müht sich nach Kräften, die auf seinen Schultern lastenden Erwartungen nicht zu enttäuschen. Leider jedoch praktiziert Flahertys Film die in den Spätachtzigern und Frühneunzigern praktisch permanent durchexerzierte Unart, ein erfolgreiches Konzept einfach aufzugreifen und ohne allzu umständliche Modifikationen einfach dreist wiederzuverwerten. In diesem Falle sind es sogar gleich drei eindeutige Vorbilder, nach denen frech geschielt wurde: Zum Ersten mit Peters Sellers‘ Inspector Clouseau natürlich der Ahnherr aller tölpelhaften, tarnungsaffinen Schnüffler, ferner, und besonders offensichtlich, Michael Ritchies „Fletch“, der bereits Candys Kollegen Chevy Chase als investigativ tätigen Verkleidungskünstler vorwies und schließlich „The Naked Gun“ des Trios ZAZ, in dem der vertrottelte Polizist Frank Drebbin (Leslie Nielsen) voll von satter Selbstsicherheit in jedes sich bietende Fettnäpfchen trat und dessen anarchischen Slapstick-Humor, wenngleich in sehr viel klobigerer und augenfälligerer Manier, auch „Harry Crumb“ immer wieder kultiviert. Eine Szene, in der sich ein aggressiver Aquariumsfisch am Finger des Ermittlers festbeißt, wurde sogar annähernd exakt kopiert. Dennoch langt es wie eingangs erwähnt noch immer auch für einige brauchbare Gags, zu denen vor allem Candys (dramaturgisch herrlich unnütze) Sitzung auf einem Fitness-Fahrrad gehört. Da zeigt man sich dann zwischenzeitlich sogar kurz mal hinreichend großmütig, den Flinkfingern aus der Scriptschmiede ihre umtriebigen Unverschämtheiten nachzusehen.

6/10