AMERICAN MADE

„I’m the gringo who always delivers.“

American Made (Barry Seal: Only In America) ~ USA/J 2017
Directed By: Doug Liman

Der etwas einfältige TWA-Pilot Barry Seal (Tom Cruise) wird in den frühen Achtzigern eines Tages überraschend von einem CIA-Agenten namens Monty Schafer (Domhnall Gleeson) rekrutiert. Seal soll heimlich illegale Erkundungsflüge über Nicaragua durchführen und dabei Fotos von Sandinisten-Camps schießen. Vor Ort kommt er bald in Kontakt mit dem Medellín-Kartell und lässt sich von diesem als Kokainschmuggler anheuern. Die CIA bekommt bald Wind von Seals Doppeltätigkeit. Anstatt ihn jedoch fallenzulassen, verschafft ihm die Behörde einen abgelegenen Flughafen in Arkansas, den Seal ganz bequem als Umschlags-Hauptquartier für Escobars Kokain nutzen kann. Im Gegenzug für seine Schmuggelaktivitäten muss Seal Contra-Guerilleros aus Nicaragua zur militärischen Ausbildung in die Staaten und danach wieder zurückbringen. Es dauert nicht lange, bis Seal und seine Familie im Geld schwimmen. Als das Weiße Haus vorschnell von Seal gemachte Photos veröffentlicht, die eine klare Verbindung zwischen Medellín-Kartell und den Contras offenlegen, steht der einstige Schmuggelkönig auf der Abschussliste von Escobar. Trotz zunächst erfolgreicher Fluchtmaßnahmen wird Seal bald aufgespürt…

„American Made“ lohnt sich vor allem im Doppelpack mit dem zuvor aufgefrischten „Blow“ von Ted Demme; die beiden Filme weisen nicht nur eine starke thematische Konnexion zueinander auf, sondern sind auch strukturell recht eng miteinander verwandt. Wie George Jung war auch Barry Seal nicht nur Familienvater, sondern auch einer der national erfolgreichsten Kokain-Importeure der frühen achtziger Jahre; wie Jung scheffelte Seal Millionen und Abermillionen, die er teils in Panama deponierte, teils bar zu Hause hortete und nach seiner Dingfestmachung verlor. Beide Filme funktionieren nach dem etablierten „Rise-&-Fall“-Prinzip; typische Handlungsraffungen und Überblendungssequenzen werden, auch das längst Standard, mit exquisit kompilierten, zeitgenössischen Musikstücken unterlegt und es bereitet natürlich insgeheim diebische Freude, den beiden Antihelden jeweils beim Scheffeln, Anhäufen und Ausgeben ihrer Koksmillionen zuzuschauen. Allerdings gibt es ebenso klare Unterschiede, die vor allem in der direkten Verwebung Seals in die illegalen Interventionsaktivitäten der Reagan-Administration liegen. Während Jung sich quasi völlig autark und aus eigenem Antrieb zum Koksbaron hochgearbeitet hatte, waren Seals Anstrengungen in diesem Metier nicht nur eine indirekte Folge seiner vom Geheimdienst eingeforderten Aufklärungsflüge, sondern wurden zudem noch geduldet und stellenweise sogar forciert. Dass Seal schließlich ein eher typisches zeitnahes, gewaltsames Ende erwartete, zeigt indes, wieviel Glück im Unglück sein „Kollege“ Jung eigentlich hatte.
Wie man es von Liman gewohnt ist, bereitet er seine stark satirisch gefärbte Geschichte ferner hübsch temporeich, angemessen poppig und mit hoher Schnittfrequenz auf. Seine zweite Kollaboration mit Scientology-Sunnyboy Cruise verzichtet demzufolge auf die „Blow“ inhärente Tragik des kriminellen Irrläufers wider Willen – Barry Seal hat keine Zeit zur Reue, er betrachtet sich selbst vielmehr als unkonventionellen Dienstleister in einer moralisch ohnehin übersättigten Welt. Da gibt es dann doch noch die nötige Trennschärfe, die Limans Werk ihren für einen wirklich durchweg sehenswerten Film notwendigen, unikalen Status sichert – sofern man bereit ist, über die historisch nicht immer akkurate Legendenbildung, derer sich „American Made“ befleißigt, großzügig hinwegzusehen, zumindest.

7/10

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BLOW

„Everything I love in my life goes away.“

Blow ~ USA 2001
Directed By: Ted Demme

Gemeinsam mit seinem besten Freund Tuna (Ethan Suplee) geht der aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammende George Jung (Johnny Depp), angewidert von den banalen Spießerstreitigkeiten seiner Eltern (Ray Liotta, Rachel Griffiths) und besonders der herrischen Art seiner Mutter gegen Ende der sechziger Jahre von Massachusetts nach Kaliofornien. Dort lernt er bald die Stewardess Barbara Buckley (Franka Potente) und die Vorzüge von cannabinoiden Rauschmitteln kennen. Mit der Unterstützung des ortskundigen Derek Foreal (Paul Reubens) entwickelt George sich rasch zu einem der führenden Grasdealer der Westküste und fährt gewaltige Gewinne ein. Doch mit der Idylle iust es bald vorbei: Barbara stirbt an Krebs und George landet im Knast, wo er Freundschaft mit seinem Zellengenossen Diego Delgado (Jordi Mollà) schließt. Dieser pflegt wiederum Kontakte zum Medellín-Kartell und damit zu Pablo Escobar (Cliff Curtis). Nach seiner Entlassung zieht George gemeinsam mit Delgado und Foreal als geheimem Verteiler eine Kokain-Connection für Escobar auf, die ihm und seiner neuen Frau Mirtha (Penélope Cruz) und Töchterchen Kristina (Emma Roberts) immense Gewinne bescheren. Doch auch dieser flüchtige Traum vom sorglosen Leben endet jäh…

Der noch immer lebende, reale George Jung ist einer der zahlreichen Repräsentanten des glamourösen Lebensstils und anschließenden, tiefen Falls, den anfällige US-Kriminelle, die in den siebziger und achtziger Jahren in den Dunstkreis des Medellín-Kartells gerieten und für Escobar Kokain in die USA schafften beziehungsweise dort verkauften, zu durchleben hatten. Jungs spezieller Fall als vermutlich arbeitsamster Koksschmuggler seiner Ära wird dabei von der Tragik überschattet, ein im Grunde herzlicher Charakter zu sein, der bis zu einem gewissen Grad auch ein Opfer seiner persönlichen Disposition wurde: Die Kleingeistigkeit seines Elternhauses, die Verlockungen des schnellen Geldes und schließlich der eigene Drogenkonsum in Verbindung mit falsch gelagerter Vertrauensseligkeit brachte ihn schließlich für Jahrzehnte ins Gefängnis und kostete ihn die Liebe seiner Tochter. Anders als frühere große Filmepen um Kokainzaren und allgemein drogenaffine Gangster wie „Scarface“ oder „Goodfellas“, deren gesetzter Typologien und Formalia sich „Blow“ als einer ihrer späten Erben recht behende bedient, rückt „Blow“ die Vulnerabilität und Fragilität seines Protagonisten durchweg überproportional in den Mittelpunkt. Schicksalsschläge wie der Krebstod Barbara Buckleys oder der der Verlust guter Freunde, den George Jung im Laufe seines Lebens aus unterschiedlichsten Gründen immer wieder durchlebt machen ihn psychisch anfällig, depressiv und zum Opfer seines zunehmenden, eigenen Unvermögens, Kausalitäten abzuwägen. Schneller Reichtum und Erfolgslügen erweisen sich indes als die maßgeblichen Motivationsfaktoren seiner Lebensgestaltung. Demme und Co-Autor Nick Cassavetes, die, ebenso wie Depp vor, während und nach der Entstehung seines letzten Films permanent intensive Gespräche mit Jung führten und versuchten, zum Menschen hinter den vielen, reizvollen Geschichten und Anekdoten vorzustoßen, können zwar der Verlockung zeitweiligen Enthusiasmus‘ angesichts Jungs Geldscheffeleien und dreister Schmuggelaktionen nicht ganz widerstehen, tragen im letzten Viertel des Films jedoch ebenso seinem Versagen auf ganzer Linie Rechnung, wenn sie den immer weiter Scheiternden am Boden liegend zeigen. Nach der Absetzung Noriegas verliert Jung sein bei einer panamaischen Bank liegendes Millionenvermögen; er wird zum ärmlichen Schatten seiner Selbst, versucht, mit Mühe und Not einen Neuanfang für sich und Kristina möglich zu machen, geht dem FBI ins Netz und verliert darüber hinaus Freiheit und das letzte Quäntchen Zuneigung seiner Tochter. Jung überlebt als einer der Wenigen seine Zeit, ist jedoch ein gebrochener Mann.
Insofern ist „Blow“ trotz seiner höchst kinetischen, ersten drei Akte wahrscheinlich ein sehr viel moralischerer Gangsterfilm als es das Gros der Gattung von sich behaupten darf.

7/10

DIRTY GRANDPA

„Party till you’re pregnant!“

Dirty Grandpa ~ USA 2016
Directed By: Dan Mazer

Nach dem Tod seiner Großmutter und kurz vor der eigenen Hochzeit soll der erfolgreiche Nachwuchsadvokat Jason Kelly (Zac Efron) seinen Opa Dick (Robert De Niro) nach Florida chauffieren. Der betagte Herr erweist sich jedoch mitnichten als greiser Trauerkloß, sondern als höchst alkoholaffiner, verbalviriler Frechdachs, der auf seine alten Tage nochmal die Party seines Lebens feiern will und ausgerechnet den spießigen Enkelsohn als partner in crime auserkoren hat. Bei den diversen Fettnäpfchen, in die Jason und Dick im Zuge ihrer turbulenten Reise treten, ist die beinharte CIA-Ausbildung des Letzteren den beiden nicht selten behilflich. Zudem steckt hinter Dicks Roadtrip natürlich ein handfester Plan für seinen biederen Übersprungsspross.

„Dirty Grandpa“ ist wohl die Art von Film, die De Niro heute macht. „Wohl“, weil ich mit dem jüngeren output dieses einstmals als Speerspitze seines Fachs geltenden Schauspielers kaum mehr vertraut bin. Den Film habe ich mir tatsächlich auch nicht seines Hauptdarstellers wegen angesehen, sondern weil ich eine Partykomödie sehen wollte. Als solche funktioniert „Dirty Grandpa“ innerhalb seiner ihm inhärenten Einfalt eigentlich auch ganz gut. Und selbst De Niro geht als buchstäblicher Titelcharakter völlig in Ordnung, auch wenn sein inflationärer Gebrauch von Vier-Buchstaben-Wörtern zunächst etwas übertrieben, um nicht zu sagen albern wirkt. Aber dies entpuppt sich ja am Ende als Teil seiner von seiner Film-Persona höchstselbst entwickelten Erweckungskur und geht daher halbwegs in Ordnung.
Ansonsten haben wir hier ein ausgewiesenes Fast-Food-Produkt, das die Welt sich weder schneller drehen lässt, noch nie sie verlangsamt. Die Script-Prämisse, die Witze vor allem aus der Perspektive des dezidiert aus seiner sozialen Rolle fallenden Senioren politisch unkorrekt dastehen zu lassen, wirkt nach einer Weile allerdings leicht verkrampft und gibt eher insofern Anlass zur Besorgnis, dass vermutlich ein Großteil der avisierten Zuschauerschaft, die sich primär fraglos durch die verspießte, verhuschte, entpolitisierte Generation Smartphone repräsentiert finden dürfte, tatsächlich mild schockiert auf den im Film präservierten, libertinen Lebensgeist reagiert. Insofern bildet „Dirty Grandpa“ vor allem einen Film für Zeitgenossen, deren Arschbacken vom vielen Zusammenkneifen bereits erstarrt sind. Das geht einerseits in Ordnung, gibt aber andererseits Anlass zur Besorgnis: Menschen, die sich eine optionale Realität über Werke wie dieses erschließen, können einem leid tun. Macht mal lieber selber.

6/10

BANSHEE CHAPTER

„It will be an experience you won’t forget.“

Banshee Chapter ~ USA 2013
Directed By: Blair Erickson

Anne (Katia Winter) und James (Michal McMillian) sind dem Wahrheitsgehalt von Gerüchten um geheime Drogenexperimente auf der Spur, die die US-Regierung und die CIA über Jahre hinweg an mehr oder weniger freiwilligen Probanden durchgeführt haben soll. Nachdem James in einem Selbstversuch das geheimnisvolle Serum DMT-19 testet, verschwindet er bald darauf spurlos. Anne folgt James‘ Quelle und stößt auf den psychotischen Autor Thomas Blackburn (Ted Levine), der in Arizona lebt und Erfahrungen mit unterschiedlichsten Rauschmitteln hat. Gemeinsam stellen die ungleichen Partner fest, dass die Einnahme von DMT-19 die Wahrnehmungskanäle seiner Konsumenten erweitert und sie, ähnlich einem Radioempfänger, Frequenzen empfängen lässt, die den normalen Sinnen verborgen bleiben. Tatsächlich scheinen jedoch nicht nur die User des DMT-19 diese geheimnisvolle Sensibilisierung zu erfahren, sondern über kurz oder lang auch die Menschen, die mit ihnen in engem Kontakt stehen…

Daraus, dass „Banshee Chapter“ sich an H.P. Lovecrafts Idee zu der Kurzgeschichte „From Beyond“ orientiert, die ja von Stuart Gordon auch verfilmt wurde, macht er erst gar kein großes Mysterium, sondern gibt dies im letzten Drittel als Inhaltsbestandteil selbst preis. Die Kenntnis des entsprechenden Werks ist daher durchaus hilfreich, wenn es um das Verständnis des inhaltlich durchaus spannenden, formal jedoch etwas allzu wirr gewobenen „Banshee Chapter“ geht. In „From Beyond“ erfindet ein Wissenschaftler eine Maschine, die die Zirbeldrüse im menschlichen Gehirn aktiviert und den Empfänger damit in eine Art Paralleldimension versetzt, die von merkwürdigen Kreaturen bewohnt ist. Das in Ericksons Film als MacGuffin bemühte DMT-19 existiert indes tatsächlich – es handelt sich um ein synthetisierbares Halluzinogen, das, je nach Dosis, das visuelle Erleben des Konsumenten modifiziert. In „Banshee Chapter“, das decken Anna und James auf, wird in Geheimlabors die Droge aus der Zirbeldrüse menschlicher Leichen extrahiert und den Probanden dann injiziert, woraufhin diese zunächst Geräusche (eine Spieluhr, zählende Kinderstimmen, Radiorauschen) wahrnehmen, sodann die Annäherung irgendwelcher diffuser Kreaturen, um sich bald darauf selbst in gespenstische Zerrbilder zu verwandeln, die fortan in einer Art Zwischendimension umherirren.
Daraus spinnt der Film eine überaus interessante Verwurzelung im verschwörungstheoretischen Spektrum, die ergänzend recht geschickt in ein paar dokumentarische Interviewszenen eingebettet wird. Eine echte Schau ist der leider in den letzten Jahren etwas rar gewordene Ted Levine, der als unverhohlene Hunter-S.-Thompson-Hommage durch den Film wankt, stets Kippchen und Flachmann in Reichweite und oftmals unverständlich daherlallend. Levines Performance hebt den Film auf eine Ebene, die er als rein investigativ angelegtes Schauermärchen sonst nie erreicht hätte. Überhaupt muss man wie bereits erwähnt Ericksons Regie, die auf die Prononcierung von Wirrnis und Chaos setzt, statt etwas mehr Mut zur Stringenz zu zeigen, als hauptsächlichen Schwächefaktor von „Banshee Chapter“ identifizieren. Die jump scares sind schlecht inszeniert, die Kamera allzu vorsätzlich verwackelt und die viel zu vertrauensselig in diffusen Verhältnissen schwelgende Beleuchtung ist mithin eine Katastrophe. Hätte Ericksson sich hier und da etwas mehr Vertrauen in klassischere, dramaturgische Strukturen und schnörkellose Klarheit gestattet – „Banshee Chapter“ hätte das Zeug gehabt zu einem regelrechten Genre-Meilenstein. So aber langt es leider nur zur Mittelpracht.

6/10

VALLEY OF THE DOLLS

„I’ll plant my own tree. My own tree! And I will make it grow!“

Valley Of The Dolls (Das Tal der Puppen) ~ USA 1967
Directed By: Mark Robson

Die drei jungen Damen Anne (Barbara Parkins), Neely (Patty Duke) und Jennifer (Sharon Tate) lernen sich in New York kennen und werden Freundinnen. Ihre Schicksale, die sie allesamt zur Westküste und nach Hollywood führen, werden in den kommenden Jahren von immer größeren Krisen und Sturmtiefs durchgeschüttelt, bis zumindest Anne begreift, dass wahres Glück nichts mit Glanz und Glamour zu tun hat.

Jacqueline Susanns ein Jahr zuvor entstandener, gleichnamiger Roman wurde ein solch gewaltiger Bestseller, dass eine Filmadaption flugs zur beschlossenen Sache wurde. In ihrem Buch zeichnet die selbst showbiz-erfahrene Susann den zerstörerischen Einfluss insbesondere der Filmmetropole Hollywood auf junge, naive Damen nach, wobei sie auf diverse, inoffiziell zu Bewusstsein kommende Vorbilder von Frances Farmer über Betty Hutton, Judy Garland, Marilyn Monroe, Carole Landis und Ethel Merman, zurückgreift deren Personae und Biographien allesamt zumindest teilverwurstet wurden. Das Script veränderte allerdings das zeitliche Setting der Vorlage und versetzte es um zwei Dekaden in die Zukunft, um eine dichtere, realitätsnähere Anbindung zu schaffen.
Mit Ausnahme der als Erzählerin fungierenden Anne Welles, die als Provinzblümchen von Neuengland über New York nach Hollywood und wieder zurück tingelt und deren private Medienkarriere sich auf eine kurze Karriere als Werbemodel beschränkt, erleben die Protagonistinnen reichlich Schaden an Leib und Seele; die stimmgewaltige Neely O’Hara avanciert nach ihrer „Veredelung“ zum Superstar zu einer herrischen, selbstsüchtigen und medikamentenabhängigen Trinkerin, die sich von ihrem Jugendfreund (Martin Milner) trennt und schließlich in einer Entzugsklinik landet; Jennifer Norths einziges Kapital besteht derweil in ihrer physischen Schönheit und speziell ihren wohlgeformten Brüsten. Zunächst erkrankt ihr Mann, der Starsänger Tony Polar (Tony Scotti), an einer geisteszersetzenden Krankheit, dann erhält sie selbst die Diagnose Brustkrebs und nimmt sich das Leben.
Es geht also höchst turbulent zu in „Valley Of The Dolls“, der sein autoritäres Ausrufezeichen permanent über den gar so schrecklichen Ereignissen aufleuchten lässt und dabei mit zunehmender Erzählzeit immer mehr wie eine schulmeisterliche Warnung für potenzielle Starlets daherkommt. Formvollendete, naive Kolportage ist das und nicht selten fühlt man sich an ministerial subventionierte „Aufklärungsfilme“ für Schulen erinnert. Camp ist das, nicht ganz freiwillig vielleicht, dafür reinkulturell in Form und Finish, von einem Regisseur, der zum Entstehungszeitpunkt von „Valley Of The Dolls“ seine originären künstlerischen Wurzeln, die zu Orson Welles und Val Lewton zurückreichen, bereits weit hinter sich gelassen hatte und insbesondere in Anbetracht seiner einstmaligen Meriten eher bizarres Kinogut inszenierte. Was nicht bedeutet, dass es deshalb weniger sehenswert wäre – es ist bloß… anders.

7/10

NAKED

„A cliché is full of truth, otherwise it wouldn’t be a cliché….“  – „Which is in itself a cliché.“

Naked (Nackt) ~ UK 1993
Directed By: Mike Leigh

Mit einem geklauten Auto flieht Johnny (David Thewlis), nachdem er eine Frau vergewaltigt hat, Hals über Kopf von Manchester nach London, wo er die WG seiner Exfreundin Louise (Lesley Sharp) aufsucht. Louises dauerbekiffter Mitbewohnerin Sophie (Katrin Cartlidge) begegnet er als erstes, Sandra (Claire Skinner), die Dritte im Bunde, befindet sich gerade auf einer Afrika-Reise. Schon die Gegenwart der beiden anwesenden Frauen ist für Johnny zuviel des Guten. Statt in der Wohnung zu bleiben, begibt er sich auf einen ziellosen Trip durch London, wobei er diversen gescheiterten Zeitgenossen begegnet, die es nicht besser getroffen als er, der sich in einer formvollendeten Mischung aus Misanthropie und Selbstmitleid gern zum ultimativen Opfer stilisiert. Schließlich bezieht er eine gewaltige Tracht Prügel und kriecht blutend zu der Damen-WG zurück, wo ihn die Fürsorge Louises zumindest vorübergehend aufbaut. Parallel dazu stromert der reiche Yuppie Jeremy (Greg Cruttwell) durch die Stadt, der eine noch schärfere Misogynie als Johnny pflegt und im Gegensatz zu ihm vollends die Brücken zur Menschlichkeit abgebrochen zu haben scheint. Auch er landet irgendwann bei Louise und Sophie…

No future for you, no future for me. Mike Leighs empathiesperriges Porträt eines heimatlosen Arschlochs zählt zum Zwingendsten, was das britische Kino in den neunziger Jahren ausgespieen hat. „Naked“ ist ein Film der Nacht und der Kälte, er zeigt beinahe ausschließlich Menschen, die in multiplen Formen der Isolation vor sich hinexistieren, kein greifbares Ziel vor Augen. Beziehungsunfähigkeit und Sackgassen bestimmen das durch Drogen, Alkohol und paraphile Ausbuchtungen eträglicher gemachte Lebensspektrum, das Leigh uns hierin vorführt; ein verirrtes Pärchen (Ewen Bremner, Susan Vidler) läuft aneinander vorbei, ein einsamer Nachtwächter (Peter Wight) beobachtet eine alternde Säuferin (Deborah MacLaren) im Haus gegenüber, eine Serviererin (Gina McKee) ist schwer traumatisiert. Johnny, gewissermaßen ein Erbe all der zornigen, maskulinen Kitchen-Sink-Charaktere aus der dreißig Jahre zurückliegenden Hochphase jener Kinowelle, hat für sie alle garantiert ein böses Wort parat und lässt sie an seinen verqueren, selbsträsonistischen Lebensweisheiten teilhaben, die sich in einem oftmals wirren Konglomerat aus Zynismus und Endzeitphantasien äußern. Hoffnung oder gar Trost wären Termini, angesichts derer Johnny bestenfalls höhnisches Gelächter parat hätte. Dass sein von ihm so wunderbar gepflegter Sarkasmus indes nicht mehr ist denn ein ungehört verhallender Hilfeschrei nach Zwischenmenschlichkeit, macht seine ausgestellte Abgründigkeit kaum genießbarer. Der zumindest liquide Jeremy (Greg Cruttwell spielte drei Jahre später nochmal eine wunderbare Ergänzung zu diesem Part in John Herzfelds nach wie vor sträflich ignoriertem „2 Days In The Valley“) ist da nicht viel mehr als sein betuchtes Pendant und nebenbei der zwingend erbrachte Beweis dafür, dass auch Geld keine großen Männer macht; bei ihm kennzeichnen sich Egomanie und Frauenhass vielmehr durch unverhohlen ausgestellte, sadomasochistische Gelüste, die er dann mit hilflos wirkendem Gekicher kommentiert. Eine probate Identifikationsfigur in „Naked“ zu finden, wird einem nur schwerlich gelingen, selbst die noch am Ehesten als halbwegs vernunftbegabt durchgehende Louise ist nicht in der Lage, eine klare Linie zu verfolgen.
So jagt Leigh uns rundheraus durch gut sechzig erzählte Stunden menschlicher Schlingfesseln und Abgründe, die sich durch regelmäßig durchblitzende Schwarzhumorigkeit immerhin auf emotionaler Ebene etwas besser ertragen lassen. Andererseits ist „Naked“ ohnehin ein Werk, das man vielleicht am Besten im Spätherbst bei Dunkelheit und abgedrehter Heizung genießen sollte.

9/10

I DRINK YOUR BLOOD

„I’m only a veterinarian, Pete. Your sister’s not an animal.“

I Drink Your Blood (Die Tollwütigen) ~ USA 1970
Directed By: David E. Durston

Der Teufelspriester Horace Bones (Bhaskar Roy Chowdhury) und seine Gruppe von Satanisten-Hippies fallen, nachdem sie die Teenagerin Sylvia (Iris Brooks), die sie bei einem ihrer nächtlichen Rituale beobachtet hat, vergewaltigen, in ein beschauliches Provinznest ein, um dort das zu tun, was sie am Besten beherrschen: die Bürger erschrecken. Man besetzt ein leerstehendes Haus, bettelt, was das Zeug hält und pfeift sich Gras und LSD bis zum Abwinken in die Windungen. Nachdem sie Sylvias erbosten Großvater Dr. Banner (Richard Bowler), der sich bei ihnen beschwert, kurzerhand unter Acid setzen, wird der kleine Pete (Riley Mills), Sylvias Bruder, grantig. Er erschießt einen tollwütigen Hund, zapft ihm Blut ab und mischt es den garstigen Brüdern und Schwestern unter ein paar Fleischpasteten. Die Satansbrut erlebt daraufhin den Trip ihres Lebens, verfällt durch die Bank der Tollwut und attackiert geifernd alles, was sich bewegt.

David E. Durstons rotznäsiger, kleiner Reißer bietet gleich mehrerlei an dickem Plus: er ist eine echte Wundertüte des apokryphen Frühsiebziger-Kinos, ein Inbegriff des Terminus „Exploitation“ und vor allem: ein ganz gewaltiger, unappetitlicher Spaß, der seinen Zuschauer auf eine Achterbahn der Unfassbarkeiten verfrachtet.
Der Satansanbeter Horace Bones, gespielt von dem indischstämmigen Maler und Tänzer Bhaskar Roy Chowdhury oder kurz Bhaskar, ist der Inbegriff der kleinbürgerlichen, amerikanischen Vorstellung von gesellschaftszersetzendem Abschaum – ein auf sämtliche Normen und Werte pfeifendes Subjekt von einem Gammler, dazu noch eine Art Nachwuchs-Manson. Fehlt quasi bloß noch das Bekenntnis zum Kommunismus, aber für ein solches müsste man ja Bücher lesen. In Ermangelung von heißen Motorrädern fallen Horace und seine Mädels und Jungs, die neben hochfrequentem Drogenkonsum auch noch wilde Promiskuität pflegen, also ausnahmsweise nicht unter das zu jener Zeit allseits beliebte Rocker-Stigma, sondern sind zunächst in einem psychdelisch bemalten Kleinbus unterwegs. Nachdem dieser den Geist aufgibt, sitzen sie also erstmal fest in unserer liebenswerten, repräsentativen Kleinstadt, machen sich es dort jedoch gleich mal, breitärschig, wie sie so sind, ordentlich bequem. Diese Bequemlichkeit geht natürlich schwer zu Lasten der nervlichen (und übrigen) Gesundheit der Einwohner, aber das gehört ja zum üblen Ton von derlei humanem Unrat. Zeit, dass auch ihnen mal einer einen Streich spielt und der (offenbar selbst nicht ganz dichte) Lausbub Pete kommt da gleich mit drakonischen Maßnahmen. Der vom Acid angefressene Cortex und die mit Tollwutbakterien kontaminierten Fleischpastetchen gehen eine unheilvolle Verbindung ein und schon hat man eine Horde sabbernder Wilder, die sich sogar noch irrationaler verhalten als vorher und gegen die nurmehr bloß noch mit Schusswaffe und Heugabel beikommen kann – und mit fließend Wasser natürlich, denn solches, das versichert Doc Banner, hat auf Rabiespatienten denselben Effekt wie geweihtes Nass auf den Gehörnten. Zumindest, was die Angst vor selbigem anbelangt.
Es gibt also eine ordentliche Menge Holz in diesem durchweg liebenswerten, weil nicht zuletzt gepflegt ironischem Aggroheimer von anno 70, der, so wahr ich dies hier tippe, ein legitimes Bindeglied zwischen den beiden Midnight Specials „Night Of The Living Dead“ und „The Last House On The Left“ bildet.
Ganz, ganz feiner Stoff und spitzenmäßig im Abgang!

8/10