COPYCAT

„I’m not on duty. Neither is my brain.“

Copycat (Copykill) ~ USA 1995
Directed By: Jon Amiel

Nachdem die Psychologin und Serienkiller-Spezialistin Helen Hudson (Sigourney Weaver) kurz nach einer Vorlesung trotz Polizeischutzes von dem wirren Daryll Lee Cullum (Harry Connick Jr.) attackiert und beinahe getötet wird, verschanzt sie sich in ihrer Wohnung. Fortan leidet sie unter Agoraphobie und heftigen Panikattacken, die sie mit Alkohol, Medikamenten und der Unterstützung ihres treuen Faktotums Andy (John Rothman) in Schach zu halten versucht. Ein gutes Jahr nach ihrem Erlebnis – Cullum sitzt mittlerweile in der Todeszelle – macht ein neuer Serienmörder namens Peter Foley (William McNamara) San Francisco unsicher. Trotz ihrer Handicaps fühlt Helen sich in der Verantwortung, sich bei der Polizei zu melden, um ihre Profiling-Expertise abzugeben, was das Ermittlerduo MJ Monahan (Holly Hunter) und Ruben Goetz (Dermot Mulroney) veranlasst, Helen wider Willen auch zur weiteren Zusammenarbeit zu nötigen. Bald findet man gemeinsam heraus, dass der Nachwuchskiller sich als emsiger Epigone populärer Vorbilder von Albert de Salvo bis hin zu Jeffrey Dahmer befleißigt und es längst auch auf Helen abgesehen hat…

Experimenteller Revisionismus bei der Filmbetrachtung ist zuweilen, eigentlich sogar meistens, eine lohnenswerte Angelegenheit, denn mit der Rezeption von Kunst im Allgemeinen und Film im Besonderen ist es ja wie mit dem sprichwörtlichen Fluss: so wie man nie zweimal in denselben springt, sieht auch dieselbe Persönlichkeit nie zweimal dasselbe Artefakt. Allzu viele Einflüsse verhindern diese Option, das eigene Älterwerden und Altern; die zahllosen äußeren und inneren Umstände der Wahrnehmung. Oftmals gewährt einem die Erfahrung neue, andere, tiefere Einblicke und Verständnisebenen, was gleichsam eine differenziertere Auseinandersetzung ermöglicht. Ebenso kommt es jedoch vor, dass vermeintlich obsolete Urteile sich nochmals manifestieren. Jon Amiels „Copycat“, nach 25 Jahren nun zum zweiten Mal geschaut, ist und bleibt ein hoffnungslos unterprivilegiertes, um nicht zu sagen: zutiefst unsympathisches Unterfangen. Das Script kokettiert mit seiner sich offenbar „brillant“ wähnenden Prämisse, den Killer als emsigen Studenten und Fan prominenter Vorgänger zu Werke gehen zu lassen. Amerika liebt ja seit eh und je seine Serienmörder und damit einhergehend deren kulturellen Impact, was sich nicht allein anhand breit gefächerter literarischer Abhandlungen, sondern vor allem diverser, häufig biographisch angelegter Kino- und TV-Filmproduktionen sowie mehr oder weniger reißerischer Dokumentarformate ablesen lässt. So dürfte das Wissen um Menschen wie David Berkowitz, Ted Bundy, Henry Lee Lucas oder John Wayne Gacy und auch deren Modi Operandi insbesondere beim potenziellen Zielpublikum von Filmen wie „Copycat“ zur Weltbildung gehören. Wohl als zusätzliches Insider-Bonmot pflegte man noch den Namen des deutschen Peter Kürten ein. Soweit die inhaltliche Konstruktion, vor der eine ganze Riege von Protagonisten bar jeder Inspiration agiert. Jede einzelne Figur wirkt wie ein gewaltiger Klischeefokus, allen voran die ebenso geniale wie psychisch gebeutelte Helen Hudson, die unentwegt mit einem halbgefüllten Cognac-Schwenker durch ihre schnieke Wohnung tigert. Holly Hunter als selbstbewusste Polizistin MJ Monahan muss sich indes permanent gegen ein sie schon von Berufswegen unterschätzende und geringschätzende Patriarchat zur Wehr setzen, wobei ihr Partner, der von Dermot Mulroney gespielte, smarte ladies‘ man Ruben Goetz sie durchaus auch erotisch attrahiert (wie übrigens auch die sexuell darbende Helen) , schließlich aber durch ihre Teilschuld das Zeitliche zu segnen hat. Komplett aus ist der Ofen jedoch in Anbetracht der Charakterisierungen der beiden Serienmörder – der eine ein hässlicher, perverser und gar nicht mal allzu bildungsentlehnter Hillbilly mit Gottkomplex, der andere ein hübscher, jedoch von tiefer pathologischer Misogynie gebeutelter Computernerd, der bereits das Machtpotenzial des Internet ausreizt, bevor die meisten überhaupt wussten, was das ist. Thomas Harris‘ Hannibal-Romane (oder deren Adaptionen?) ferner wurden offenbar nicht nur einmal durchgeackert; so findet sich der einsitzende Cullum, der nicht nur mit Foley brieflich korrespondiert, wie weiland Dr. Lecter zum großen Killerpaten stilisiert, der immer weiter fleißig danach trachtet, seine reziproke Nemesis Helen Hudson noch vor sich selbst tot zu sehen.
Viel gestohlen, viel plagiiert ergo, „Copycat“ eben. Das Ganze auch noch ohne jedweden Witz oder Esprit, ohne jemals einen Hauch echter Originalität zu entwickeln; ein gleichsam geradezu aggressiv spannungsloser Beitrag zu seinem Subgenre, der zumindest mich auch beim Wiedersehen weitaus mehr verägert hat als zufriedenzustellen.

3/10

VENOM: LET THERE BE CARNAGE

„Something wicked this way comes…“

Venom: Let There Be Carnage ~ USA 2021
Directed By: Andy Serkis

Eddie Brock (Tom Hardy) und der mit ihm verbundene Alien-Symbiont Venom leben ihre fusionierte Existenz mittlerweile wie ein altes Ehepaar. Als sich Brock die Chance eröffnet, durch ein Interview mit dem im Todestrakt von San Quentin einsitzenden Serienmörder Cletus Kasady (Woody Harrelson) seiner Reporterkarriere neuen Schub zu verleihen, nutzt er diese – zunächst erfolgreich. Ein weiteres Treffen mit Kasady kurz vor dessen Hinrichtung endet jedoch katastrophal: es gelingt dem Killer, sich ein Stück von Venom einzuverleiben, womit eine neue, todbringende Kreatur namens Carnage geboren ist. Kasady/Carnage entkommt, um sich mit seiner in der Anstalt Ravencroft einsitzenden Jugendliebe, einer mörderischen Mutantin namens Frances Barrison (Naomie Harris) alias Shriek, wiederzuvereinen und gemeinsam ihr früheres Kinderheim „St. Estes“ dem Erdboden gleichzumachen. Derweil trennen sich Brock und Venom nach einem heftigen Streit vorübergehend voneinander, müssen sich aber schließlich doch wieder zusammenraufen, um gemeinsam Carnages und Shrieks Amoklauf Einhalt zu gebieten.

Zu den eklatanten, aber noch langmütig aushaltbaren Problemen des Vorgängers gesellen sich im nunmehr von Andy Serkis inszenierten Sequel noch ein paar weitere hinzu. „Let There Be Carnage“ begreift sich primär als fröhlicher monster mash mit Partyallüren und leidet wiederum nachhaltig unter seiner erklärten Jugendfreundlichkeit, die selbst einem blutrünstigen Massenmörder wie Cletus Kasady noch den sinistren Nimbus nimmt. Mit seiner allenthalben überhasteten Dramaturgie und dem seine selten geistreichen Dialoge unter Dauerfeuer ausspeienden Script erinnert der zweite „Venom“ eher an die beiden sträflich missglückten „Batman“-Filme, die Joel Schumacher in den Neunzigern inszenierte und die den Dunklen Ritter nebst seiner finsteren Genesis zu einer bunten Zirkusattraktion aufweichten. Als hätte es sie letzten zwei Jahrzehnte Genrebildung im Superhelden-Adaptionsfach nicht gegeben, pfeift „Let There Be Carnage“ zu obigen Vorbildern passend auf jedwede Ernsthaftigkeit und tritt sowohl die existenzialistische Schwere der Snyder-Filme fürs DCEU als auch die zunehmende inhaltliche Komplexität des MCU so dreist wie lustvoll mit Füßen – es braucht dann auch nicht mehr die gewohnte Überlänge, um flaue Gags, Computerspielästhetik und entseelte CGI-Superwesen-Kloppereien in solch konzentrierter, dabei jedoch völlig unsubstanzieller Form aufzubieten. Ob man diesen buchstäblichen Affront gegen so ziemlich alles, was dem Superheldenfilmfan mittlerweile lieb und teuer ist, als notwendige Stilprovokation zu goutieren bereit ist oder eher genervt mit den Augen rollt, mag zu einem Teil reiner Rezeptionsdialektik geschuldet sein – offenkundige Schwächen wie die, kein konzises Gesamtbild hinterlassen zu können, lassen sich jedoch so oder so nicht fortleugnen. Der vermeintlich größte Clou findet sich dann erwartungsgemäß während der end credits, die, ermöglicht durch die Einführung des Multiverse-Konzepts drüben bei Disney, eine Brücke zum dort installierten „Spider-Man“ schlagen, was Sony in Kürze selbst unter nochmaliger Befleißigung dieses albernen Titelhelden neue Zuschauerrekorde bescheren wird.

4/10

ROB ROY

„Honor is a man’s gift to himself.“

Rob Roy ~ UK/USA 1995
Directed By: Michael Caton-Jones

Schottland, 1713. Während das altehrwürdige Clansystem allmählich zerfällt, spielt der als Rob Roy bekannte Hochland-Patriarch Robert Roy MacGregor (Liam Neeson) den Privatpolizisten für den Edelmann Marquess of Montrose (John Hurt). Nachdem er eiune gestohlene Rinderherde zurückbringen kann, erbittet MacGregor einen stolzen Kredit beim Marquess, um sich selbst einen Viehbestand zulegen und diesen hinterher wieder gewinnbringend veräußern zu können. Doch Montroses gieriger Verwalter Killearn (Brian Cox) und die exzentrische Hofschranze Archibald Cunningham (Tim Roth) durchkreuzen MacGregors Pläne, töten den Geldboten (Eric Stoltz) und kassieren die geliehene Summe selbst. Der über den Verlust ungehaltene Marquess nötigt MacGregor, den Herzog von Argyll (Andrew Keir) als Jakobiten zu verleumden, was dieser jedoch ablehnt und sich somit Montrose zum Intimfeind macht. MacGregor flüchtet in die Berge, derweil Cunningham dessen Frau Mary (Jessica Lange) vergewaltigt und seinen Besitz niederbrennt. Später kommt noch MacGregors aufsässiger, jüngerer Bruder (Brian McCardie) zu Tode. Erst die Intervenierung des Herzogs sorgt für MacGregors Freispruch und gibt ihm die Chance zur Rache an Cunningham.

Im unabdingbaren Vergleich mit Mel Gibsons oscarprämiertem, im selben Jahr entstandenem Mittelalter-Epos „Braveheart“ erwies sich die Publikumsaufmerksamkeit um die gut 4 Jahrhunderte später angesiedelte, ebenso prominent besetzte Mär um einen weiteren schottischen Geschichtshelden und Aufständischen als eher instabil. Tatsächlich geht Caton-Jones wesentlich weniger grell und flamboyant zu Werke; die von Gibson präservierte, in vielerlei Hinsicht mediävistische Heldenverehrung seines in Schlachtfeldblut watenden Titelhelden William Wallace weicht einem eher traditionell erzählten Abenteuerstoff, der in ähnlicher Auprägung auch zwanzig oder dreißig Jahre früher seinen Weg auf die Leinwand hätte finden mögen. Das Konzept „Musketen statt Breitschwertern“ geht in diesem Zusammenhang nur bedingt auf: mit Ausnahme des von Tim Roth vorzüglich-überkandidelt gespielten Adelsgünstlings und Bösewichts Cunningham, der mit seiner sadistischen, fiesen Charakteristik im Grundsatz ebenso vortrefflich in das Figurenensemble von „Braveheart“ gepasst hätte, bewegt sich alles in einem wohlbewährten Rahmen, der im Irgendwo zwischen cleaner Highland-Romantik und Robin-Hood-Varianz changiert. Freilich geriert das finale Klingenduell der beiden Antagonisten nicht von ungefähr zur unangefochtenen Klimax. Neeson war in dieser Karrierephase beinahe schon darauf abonniert, markige historische Persönlichkeiten dazubieten, seien es Oskar Schindler, Michael Collins oder Jean Valjean. Entsprechend routiniert fällt auch seine vorliegende Leistung aus, die im Großen und Ganzen ironischerweise als farbloseste von den für „Rob Roy“ wesentlichen bezeichnet werden kann. Carter Burwells Dudelsäcke dröhnen sich derweil mit Volldampf durch die knapp 140 zumindest bildgewaltigen Minuten, die alles in allem jedoch den kraftvollen Narzissmus sowie das brachial-verkitschte Selbstverständnis eines entfesselten Mel Gibson ermangeln.

7/10

HALLOWEEN KILLS

„Evil dies tonight!“

Halloween Kills ~ USA/UK 2021
Directed By: David Gordon Green

Dank der eilends eintreffenden Feuerwehr kann Michael Myers (Nick Castle/James Jude Courtney) seinem Kellergefängnis in Laurie Strodes (Jamie Lee Curtis) brennendem Haus entkommen, derweil Laurie, ihre Tochter Karen (Judy Greer) und ihre Enkelin Allyson (Andi Matchiak) auf dem Weg ins Krankenhaus sind. Nachdem Michael sämtliche vor Ort befindlichen Feuerwehrleute massakriert hat, tritt er seinen leichengesäumten Rückweg nach Haddonfield an, wo alte Bekannte, darunter Tommy Doyle (Anthony Michael Hall), Lindsey Wallace (Kyle Richards) und Michaels frühere Krankenschwester Marion (Nancy Stephens) den vierzigsten Jahrestag von Michaels erstem Wiederauftauchen memorieren. Als sie von seinem neuerlichem Amoklauf erfahren, bildet man eilends eine Bürgerwehr, die sich im Krankenhaus zu einem blindwütigen Lynchmob formiert. Diesem fällt der zuvor mit Michael geflohene Psychiatrieinsasse Lance Tovoli (Ross Bacon) zum Opfer, derweil Myers, nachdem er seine Blutspur verlustreich fortsetzt, in sein altes Familienhaus zurückkehrt…

David Gordon Green setzt den mit seiner jüngsten Revitalisierung des „Halloween“-Franchise installierten Wiederbeginn fort und legt damit gleichfalls den Mittelteil seiner als Trilogie konzipierten Sequel-Reihe vor. Diese ignoriert bekanntermaßen sämtliche Fortsetzungen und Reboots, die nach Carpenters 78er-Original entstanden waren und knüpft inhaltlich unmittelbar an den monolithischen Klassiker an. Einige noch schuldige Rückblenden, die sich aus diesem Ansatz ergeben, legt „Halloween Kills“ nun nach; unter anderem erfahren wir, dass auch der damals noch als unangenehmer Bully gezeichnete Lonnie Elam (Robert Longstreet) auf Michael getroffen war, und dass Officer Hawkins (Will Patton) sich unmittelbar vor Michaels Festnahme in jener Nacht eine schwere Blutschuld aufgeladen hat. Das Script müht sich also nach Kräften, sowohl personelle wie inhaltliche Verknüpfungen zu arrangieren als auch verbliebene lose Fäden zu fixieren und legt sein Augenmerk auf ein multiples Ensemble, was wiederum die Gestaltung diverser, voneinander losgelöster Szenarien gestattet. Michael Myers‘ Motivation und Charakterisierung, um die sich frühere Beiträge der Serie immer wieder mehr oder weniger zielführende Gedanken gemacht haben, bleiben indes nebulös; einzig sein Status als mysteriöse, nicht aufzuhaltende Entität des ultimativ Bösen findet sich weiter zementiert, ebenso wie sein verzweifeltes Streben nach der unverzichtbaren, da identitätsspendenden Maske. Der effektaffine Horrorfreund wird in „Halloween Kills“ durch Myers‘ qualitativ wie quantitativ gesteigert-rabiates Vorgehen beschwichtigt, denn so blutrünstig wie hier hat sich „The Shape“ noch durch keines seiner vormaligen Abenteuer gemetzelt. Tatsächlich rahmen gleich zwei opferintensive Massenmorde, wie man sie in solch effektiver Ausprägung von dem eigentlich eher als träge bekannten Myers noch nicht gesehen hat, sein Treiben in diesem elften Derivat ein.
Mit dem mittelteils eingeschobenen, tragisch endenden Lynch-Subplot, der wohl irgendwie nachvollziehbar demonstrieren soll, wie die mit Michaels Rückkehr einhergehende Aura des Bösen die gesamte Kleinstadtbevölkerung von Haddonfield erfasst und zu mittelbaren Handlangern avancieren lässt, verhebt sich Greens Film allerdings tüchtig. Jene Episode – so sie denn überhaupt notwendig ist – hätte man auch deutlich pointierter unterbringen mögen. Ansonsten hält „Halloween Kills“, seinem eindeutigen Repetitierungsstatus gemäß, zumindest das leicht überdurchschnittliche Niveau seines Vorgängers, was ja auch schon mal was ist.

6/10

POSSESSOR

„Pull me out.“

Possessor ~ CAN/UK/USA/AU 2020
Directed By: Brandon Cronenberg

Die Kanadierin Tasya Vos (Andrea Riseborough) hat einen ganz besonderen Job: Sie arbeitet für einen geheimen Übernahmekonzern als Auftragskillerin. Doch betätigt sie persönlich nie den Abzug oder vielmehr die Klinge – mittels einer Gedankenübertragungsmaschine kann sie ihren Geist vorübergehend in den Körper eines potenziellen Wirts übertragen, wobei dessen eigene Persönlichkeit, zur Untätigkeit verdammt, nurmehr passiv und hilflos in ihm schlummert. Der Wirt erledigt sodann unter Tasyas Führung ihren schmutzigen Auftrag und nimmt sich hernach stets auch das eigene Leben. Doch geht jene blutige Tätigkeit an Tasya keineswegs spurlos vorüber; sie erlebt zunehmend häufig Momente der Transzendenz und Deprivatisierung, verliert sich in fremden, bluttriefenden Gedanken und Flashbacks. Ihren nichtsahnenden Mann Michael (Rossif Sutherland) und ihren kleinen Sohn Ira (Gage Graham-Arbuthnot) hat Tasya um des schmutzigen Geschäfts Willen bereits verlassen, tendiert jedoch immer wieder zur Rückkehr, ganz zum Unwohlsein ihrer Chefin Girder (Jennifer Jason Leigh). Tasyas jüngster Auftrag erweist sich schließlich als ebenso heikel wie destruktiv: Sie soll im Körper des Yuppies Colin Tate (Christopher Abbott) dessen künftigen Schwiergervater, den superreichen CEO John Parse (Sean Bean), und dessen Tochter Reeta (Kaniethiio Horn) töten. Bevor Tate sich nach erfüllter Mission jedoch selbst ausschalten kann, übernimmt er wieder phasenweise die Kontrolle über sein Selbst. Tasya und Tate kämpfen nun in dessen Körper um die mentale Vorherrschaft…

Well done, Filius. David Cronenbergs Sohn Brandon hat seine Hausaufgaben zumindest im Falle von „Possessor“ mehr denn zufriedenstellend erledigt, denn sein zweiter Langfilm könnte prinzipiell auch als Frühwerk des brillanten Papas durchgehen. Was so gemeinhin gern als „body horror“ tituliert wird, also ein Potpourri an Topoi, die sich mit der Zweckentfremdung, Pervertierung, Verformung und dem forcierten Selbstbetrug von Körper und Geist befassen und die sich wie ein buchstäblicher roter Faden durch Cronenberg Sr.s Œuvre mindestens (eindeutig nachvollziehbar) bis 1999 ziehen, greift auch der Junior auf. Vor allem das beängstigend zeitlose Meisterwerk „Videodrome“, in dem der Fernsehmacher Max Renn zum sich physisch und psychisch verformenden Attentäter wird, dürfte Brandon Cronenberg als entscheidende Inspirationsquelle gedient haben, wenngleich er von dem darin konsequent finalisierten Radikalismus seines Vaters dann doch noch ein wenig entfernt ist. Nichtsdestotrotz finden sich dessen Tropen um die in rückhaltlos in den Dienst des Kapitalismus bzw. Neoliberalismus gestellte und daraus resultierend zersplitternde Persönlichkeit auch in „Possessor“ wohlfeil ausformuliert: die sich äußerlich so sanft ausnehmende Tasya Vos wird zu einem mehr und mehr im Sinne ihrer „Erfinder“ agierenden Monster, das schlussendlich dazu getrieben wird, die letzten Verbindungen zur eigenen Humanität zu kappen, um weiterhin so effektiv wie möglich funktionieren zu können und sich mit seinem zerstörerischen Schicksal zu arrangieren. Den katastrophalen Pfad in diese endgültige Negierung alles vermeintlich Lebenswerten illustriert Cronenberg wiederum mit den ihm familiär anheim gestellten, transgressiven Mitteln; gewaltige Lachen von Blut, die aus Tasyas emsig durchgeführten Aktionen resultieren, überschwemmen oftmals den Boden, auf dem die Figuren stehen – im abjekten, wenngleich besonders poetisch arrangierten Finale vermischt sich schließlich der abermals gewaltsam extrahierte Lebenssaft einer ganzen Familie. Tasya Vos kann und wird künftig umso reueloser zur Tat schreiten.

8/10

TITUS

„Rome is but a wilderness of tigers.“

Titus ~ UK/I/USA 1999
Directed By: Julie Taymor

Der Feldherr Titus Andronicus (Anthony Hopkins) kehrt siegreich nach Rom zurück, die gefangene Gotenkönigin Tamora (Jessica Lange), ihre Söhne und ihren heimlichen Galan Aaron (Harry Lennix), Tamoras Liebhaber, im triumphalen Schlepptau. Den Gebräuchen gemäß lässt Titus Tamoras Ältesten Alarbus (Raz Degan) im Gegenzug für den Verlust vieler seiner eigenen, auf dem Schlechtfeld gefallenen Söhne opfern und beschwört damit den grenzenlosen Zorn Tamoras herauf. Dadurch, dass Titus selbst auf den just freigewordenen Thron des Kaisers verzichtet und für dessen Sohn Saturninus (Alan Cumming) wirbt, beeinflusst er zugleich nachhaltig sein eigenes Schicksal: Saturninus ehelicht Tamora, die mithilfe Aarons und ihrer anderen zwei Söhne Demetrius (Matthew Rhys) und Chiron (Jonathan Rhys Meyers) Titus das meiste von alldem nimmt, was ihm lieb und teuer ist. Schließlich ist es an Titus und den Seinen, sich grausam für die erlittene Schmach zu rächen.

Die Shakespeare-Expertin Julie Taymor inszenierte dieses als besonders blutrünstig geltende Stück des Meisters als ihre erste reguläre Spielfilmarbeit (ihr eigentliche Debüt „The Lion King“ bildete zwei Jahre zuvor eine abgefilmte Bühnenadaption des gleichnamigen Stoffs). Während „Titus Andronicus“ zeitgenössisch erfolgreich gespielt wurde, wandte das Theater sich in den folgenden Jahrhunderten von ihm ab – allzu geschmacklos erschienen die befleißigten Topoi und Motive, die Shakespeare hier in farbigster Exploitation auszuformulieren pflegte.
Taymor indes kombinierte kurz vor der Millenienwende Bühne und Film in durchaus aufregender Weise – an „Originalschauplätzen“ entstanden, wählte sie für das Setting eine alternierende Phantasierealität, die sich als eine Art Kaleidoskop aus spätem Römischen Reich, der Mussolini-Ära und einer verqueren, postapokalyptischen Ästhetik präsentiert, die Originaldialoge stets akribisch berücksichtigend. Aus der entsprechenden Gemengelage resultiert zugleich ein tiefschwarzer Humor, der sich immer wieder Bahn bricht und die Artifizialität seiner Wurzeln lustvoll prononciert. Schließlich werden selbst aktuelle popkulturelle Referenzen eklatant, wenn Anthony Hopkins als seine Rache vollendender Titus Andronicus im Finale eine eindeutige Brücke zu seiner Lebensrolle des Hannibal Lecter schlägt. Indes bildet der erzählerische Rahmen bei Taymor, die ihren „Titus“ primär aus der Perspektive von dessen Enkelsohn Lucius (Osgeen Jones) schildern lässt, ein versöhnliches Element, das das düstere Originalstück seinem Publikum stets vorenthielt: Während darin auch das in Unehre geborene Bastardkind von Tamora und Aaron sterben muss, offeriert im der Film eine mögliche, bessere Zukunft, indem es von Lucius dem Sonnenaufgang eines neuen Tages entgegengetragen wird – hier, im Zuge dieses hoffnungsvollen Schlussbildes, darf die friedvolle Zukunftsvision unverdorbener Jugend über den Defätismus von Usurpation und Faschismus obsiegen.

8/10

THE RECRUIT

„Nothing is what it seems.“

The Recruit (Der Einsatz) ~ USA/CH 2003
Directed By: Roger Donaldson

Den junge Computer-Spezialisten James Douglas Clayton (Colin Farrell) treibt wenig um, mit Ausnahme des ungeklärten Todes seines Vaters vor dreizehn Jahren. Ansonsten lebt er in den Tag hinein und jobbt als Kellner, bis ihm eines Tages der mystrerlöse Walter Burke (Al Pacino) aus heiterem Himmel das Angebot unterbreitet, sich der CIA als Auszubildender anzufangen. Burke ködert den zunächst uninteressierten James mit der Eröffnung, dass möglicherweise auch sein Vater einst als Agent bei der Erfüllung seiner Dienstpflicht gestorben sei und diesbezügliche Geheiminformationen existierten. Also heuert James bei der „Firma“ an und wird gemeinsam mit seinen neuen Mit-Azubis auf die „Farm“ geschickt, eine Ausbildungsstätte für vielversprechenden Spionage-Nachwuchs unweit von Langley. Hier wird James, der sich rasch in seine Kommilitonin Layla (Bridget Moynahan) verguckt, von Burke an seine physischen und psychischen Obergrenzen getrieben, bevor dieser ihn offiziell aus dem Trainingsprogramm ausscheiden lässt und ihn statddessen als „NOC“, als verdeckt arbeitenden Sonderermittler, ins Feld schickt: Layla, so Burke, arbeite in Wahrheit für die Gegenseite und habe den Auftrag, ein Computervirus namens „ICE-9“ aus dem Hauptquartier zu stehlen…

„The Recruit“ erweist sich unversehens als eine relativ sichere Kiste für alle Beteiligten. Es gibt einen ordentlichen Thriller-Plot mit allerlei inhaltlichen Unwägbarkeiten und Twists, die der Zuschauer an der Seite des unsicheren Protagonisten James Clayton zu durchlaufen hat, diverse Inneneinblicke in die Ausbildungspraktiken und Arbeitsweise der nicht eben sympathisch dargestellten CIA, eine hübsche Romanze mitsamt einem intrigengespickten Katz-und-Maus-Spielchen, drei erstklassige HauptdarstellerInnen, und mit Donaldson einen Regisseur, der das Ganze so routiniert wie formal geschlossen in Szene setzt. Gewiss kommt man nicht umhin, das Ganze unter Voraussetzung entsprechender Kenntnis als eine irdische(re) Variation von Taylor Hackfords „The Devil’s Advocate“ wahrzunehmen, der Einfachheit halber wiederum mit Pacino als böser Spinne im Netz, die sich die Instabilität eines aufstrebenden Jünglings zunutze macht. Nun ist Pacino in diesem Fall bloß kein Höllenfürst, sondern ein ausgebrannter, abgelegter Scheinheld früherer Tage, bei dem sich, wie die Conclusio erweisen wird, infolge schlechter Bezahlung und ausbleibender Belobigung ein gewaltiger Frustrationsstau angesammelt hat und der sich deswegen vom Feind kaufen ließ. Sein als von ihm als Marionette herangezogenes Mündel erweist sich am Ende dann aber doch als allzu tefflicher Schüler und somit cleverer denn der falsche Mentor, woraufhin Pacino einen ähnlichen furiosen Abgang wie einst Tony Montana hinlegt. Im Alter, das muss man trotz der natürlich gewohnt exzellenten Leistung des großen Schauspielers sagen, ist auch ein Pacino nurmehr ein Opfer des type casting, was es ihm möglicherweise erleichtert, den traurigen Zynismus seiner Figur Walter Burke geradezu plastisch spürbar zu machen. „The Recruit“ ist auch ein Herbst-/Winter-Film; eine permanente Wolkendecke hängt grau und bleiern über Virginia und damit gleichermaßen den Machtzentren des Landes, was die Photographie (Stuart Dryburgh) zu monochromen, tristen Bildern hinreißt, die die von Misstrauen und Identitätssuche geprägte Atmosphäre des Ganzen nurmehr forciert. Dass am Ende dann doch noch aufrichtige Liebe und damit einhergehend der Keim eines stabilen Neuanfangs über das hinterhältige Ränkespiel der falschen Vaterfigur triumphieren, wirkt dann allerdings ein wenig zugestanden. Ein konsequent fataler Ausgang hätte da möglicherweise für mehr Nachhall gesorgt, aber die richtig große Packung Tristesse mutet Donaldson seinem Publikum ja eigentlich ohnehin nie zu.

7/10

WHITE SANDS

„This isn’t about sides. This is about confusion. This is about creating enemies where there aren’t any.“

White Sands ~ USA 1992
Directed By: Roger Donaldson

In Torrance County, New Mexico werden im Bezirk des braven Kleinstadt-Deputys Ray Dolezal (Willem Dafoe) eine männliche Leiche und ein Koffer mit einer halben Million Dollar Cash gefunden. Ray, dessen Abenteuergeist geweckt ist, schickt sich an, auf eigene Faust das sich auftuende Rätsel um beides zu lösen und gerät unversehens in einen Intrigenstrudel, in dem korrupte Geheimdienstler, Waffenhändler und eine schöne Millionärin (Mary Elizabeth Mastrantonio) sich gegenseitig zu übervorteilen versuchen.

Dass der gebürtige Neuseeländer Roger Donaldson ein Filmemacher ist, der seine Arbeiten stets gern unter besonderer Berücksichtigung phasenabhängiger Stilmodi inszenierte, macht auch „White Sands“, sein neuntes Werk, sehr deutlich. Der Narration des wohlfeil mit dem neo noir liebäugelnden, übergebührlich kompliziert erzählten Wüstenkrimis zu folgen, ermüdet indes rasch und erweist sich auch als relativ nebensächlich für die qualitative Einordnung des Films. Auch Donaldson scheint bereits während der Fertigung um diese Lässlichkeit geahnt zu haben und überließ „White Sands“ somit vor allem anderen Maßgaben: Als geschlossene Regiearbeit ist er von höchster formaler Integrität, als Happening für seine erstklassige Besetzung überzeugt er nicht minder. Ferner sind es die immer wieder hervorstechenden Chiffren und Subtexte, die das Hin und Her zwischen den agencies nebst ihren abtrünnigen und/oder inoffiziellen Mitarbeitern eher unsubstanziell erscheinen lassen: Genau diese exotisch scheinende Unübersichtlichkeit, das von der Öffentlichkeit rigoros abgschottete, längst eigenen Regeln folgende Milieu der US-Geheimdienste karikiert „White Sands“ nämlich mit einem wohlweislichen Augenzwinkern. Inoffizieller Waffenhandel, Militärberatung und Korruption verkleistern sich zu einem kaum mehr durchschaubaren Sumpf. Wenn dann inmitten des Films noch eine groteske Rodeoszenerie, im Zuge derer eine überkandidelte Sängerin (Meredith Marshall) in höchsten Tönen „The Star-Spangled-Banner“ schmettert und die Flagge dazu berittenerweise durch die Arena weht, dann ahnt man, was der Film wirklich im Sinn haben könnte.
Nachdem ich Mickey Rourkes zumindest mental ungebrochen großer Könnerschaft erst letzthin noch mit fasziniertem Entsetzen in Matt Earl Beesleys Actionfarce „Point Blank“ beiwohnen durfte, war ich angesichts seines noch im „früheren Rourke-Universum“ verankerten Auftritts als freidrehender CIA-Mann Gorman Lennox gleich noch ein wenig betrübter in Anbetracht seiner späteren Veränderung. Hier in „White Sands“ ist er auch äußerlich noch ganz das brillante Ein-Mann-Kunstwerk, das man aus seinem Karrierehoch in den Achtzigern schätzt und liebt, eine universelle Coolness transportierend, die nach ihm kein Schauspieler mehr auch nur annähernd in dieser Form erreichte. Obschon er in Donaldsons Film nur vergleichsweise wenige Szenenauftritte absolviert, reißt er jeden einzelnen davon komplett an sich und überstrahlt das gesamte übrige Ensemble geradezu mühelos. Welch ein wunderbarer Künstler war dieser Mensch doch einst.

7/10

BLACK WIDOW

„It still fits!“

Black Widow ~ USA 2021
Directed By: Cate Shortland

Während Black Widow Natasha Romanoff (Scarlett Johansson) wegen ihrer Verstöße gegen das Sokovia-Abkommen weltweit von den US-Militärs gesucht wird und sich in Norwegen versteckt, spüt sie eine martialisch kostümierte, schwerbewaffnete Attentäterin namens „Taskmaster“ (Olga Kurylenko) auf, die ein unbewusst in Natashas Besitz befindliches Köfferchen sucht. Darin finden sich wiederum einige Phiolen mit einem roten Gas mysteriösen Ursprungs. Natasha kann Taskmaster mitsamt den Gasphiolen entkommen und reist nach Budapest, wo sie ihre vormalige „Pseudoschwester“ Yelena Belova (Florence Pugh) wiedertrifft, die von dem russischen General Dreykov (Ray Winstone) wie Natasha seit frühester Kindheit zu einer Superspionin ausgebildet wurde. Yelena klärt Natasha auf, dass der von ihr totgeglaubte Dreykov noch lebt und weiterhin rund um den Globus kleine Mädchen entführt, um sie in seinem geheimen „Red Room“ zu Widows der neuesten Generation heranzuzüchten. Dazu macht er sie mittels einer Suggestivchemikalie zunächst hörig und willenlos. Bei dem Gas in den Phiolen handelt es sich um ein Antidot, das den Mädchen, wie kurz zuvor auch Yelena, ihr eigentliches Bewusstsein zurückgibt. Gemeinsam mit zwei alten Bekannten, dem sowjetischen Captain-America-Gegenstück „Red Guardian“ Aleksej Shostakov (David Harbour) und der mit Dreykov zusammenarbeitenden Wissenschaftlerin und früheren Black Widow Melina Vostokoff (Rachel Weisz), infiltriert Natasha Dreykovs fliegende Festung.

Mit den Miniserienformaten erschließen sich die Marvel Studios unter Disney just ja ganz neue Vertriebswege. Zumindest die ersten beiden Serials, „WandaVision“ und „The Falcon And The Winter Soldier“ („Loki“ sehe ich mir erst an, wenn die Verfügbarkeit komplett ist), weisen im Prinzip sämtliche Qualitäten der gelungeneren Kinowerke auf und gefallen selbst mir als weitgehendem Serienignoranten ausnehmend gut. Als erster Filmbeitrag zur Phase 4 im MCU bildet „Black Widow“ ergänzend dazu zugleich eine ökonomische Reaktion Disneys auf das globale Pandemiegeschehen und die damit verbundene Kinoregression: Cate Shortlands Werk startet zeitgleich im Stream und auf der Leinwand. Da die Figur der Natasha Romanoff sich in „Avengers: Endgame“ so tapfer anstelle von „Hawkeye“ Clint Barton geopfert hatte, konnte sie nurmehr im Zuge eines Prequels wiederauftreten und damit zugleich den Weg für ihre potenzielle Nachfolgerin Yelena Belova bereiten. Scarlett Johannson verleiht ihrer Titelrolle trotz deren tödlichen Aktionismus‘ wiederum jene entspannte, klug dosierte Sanftmut, die man von ihr seit ihrem charismatischen Debüt in „Iron Man 2“ kennt. Innerhalb der Filme stellte Natasha Romanoff als erste und weitgehend einzige Frau im Bunde stets das moralisch integre Rückgrat der Avengers dar, das wesentliche Stabilitätsgarant und gewissermaßen zugleich Mutter- und Schwesterfigur. Ihr „eigenes“ Abenteuer fungiert insofern auch als verspätet nachgereichte, psychologische Blaupause, in der Biographie, Motivations- und Emotions-Motoren zumindest grob skizziert werden. Die originäre Comicfigur war ein mäßig interessant eingeführtes Produkt des Kalten Krieges, das irgendwann von den Sowjets zu den Amerikanern (nominell S.H.I.E.L.D.) überlief und dann diversen Heldenteams zugehörig, ebenso häufig jedoch in solitären Abenteuern umtriebig war. Anders als im MCU verbindet sie darin elementare Liebesbeziehungen mit Clint Barton und vor allem „Daredevil“ Matt Murdock, mit dem sich ihre Wege immer wieder kreuzten. Ihr Film-Alias musste aus naheliegenden Gründen ja gezwungenermaßen umstrukturiert werden; so ist der Red Guardian (der in vorhandener Ausprägung auch gut von Will Ferrell hätte gespielt werden können) hier nicht wie ehedem Natashas Ehegatte, sondern ihr auf die dreijährige Zeit einer längewierige Spionagemission begrenzter Quasi-Adoptivvater. Unter anderem diese ungewöhnliche Konstellation nutzt „Black Widow“, um gezielt dem der Widow-Historie wesentlich inhärenten Pfad immer wieder aufploppender Melodramatik zu entsagen und stattdessen jenem eigenwilligen, manchmal gar ins Groteske abschweifenden Humors zu folgen. So kerntragisch sich die Schicksale der von Dreykov gekidnappten, gewaltsam ihren eigenen Vitae entledigten und zu bloßen Marionetten verformten Mädchen ausnehmen – wenn sich die zersprengte, vierköpfige Spionfamilie von einst wiedervereint, hat das annähernden Sitcom-Charakter und greift damit die unberechenbare, humorige Leichtigkeit von „WandaVision“ auf. Die Plotstruktur indes gleicht auffallend der von „The Falcon And The Winter Soldier“ – zwei dickköpfige PartnerInnen wider Willen raufen sich zusammen, um weltweit einem handlungsspendenden Macguffin nebst verdeckt operierendem Overfiend nachzujagen und ihre eigentlich doch offensichtliche Freundschaft zu kultivieren. Die gebürtige Australierin Shortland macht daraus in ihrem vierten Film den ersten zumindest annähernd feministischen Beitrag zum MCU und koppelt daran scriptbedingt zugleich klassische Pulpphantasien um Finsterlinge mit tödlichen Mädchenarmeen, wie sie der geneigte Filmhistorienwühler noch aus Mottenkugeln wie „Deadlier Than The Male“, den „Dr. Goldfoot“- oder den „Sumuru“-Filmen in Erinnerung haben mag. Auch der deutlich jüngere „Red Sparrow“ liegt als Inspirationsquell freilich nicht fern. Ein diesbezüglich hübsches Bonmot leistet sich „Black Widow“ zudem und spannt damit zugleich den Bogen zum Fallschirm-Showdown: Bei Natasha Romanovs augenscheinlichem Lieblingsfilm, den sie sogar auswendig mitsprechen kann, handelt es sich um keinen geringeren als den stets gern belächelten Bond-Querschläger „Moonraker“.

7/10

THE FOUNDER

„One word: persistence.“

The Founder ~ USA/GR 2016
Directed By: John Lee Hancock

Um die Mitte der 50er Jahre verkauft der emsige Klinkenputzer Ray Kroc (Michael Keaton) mit eher mäßigem Erfolg Milchshake-Automaten an Drive-In-Restaurants. Als eine ungewöhnlich große Bestellung aus San Bernadino bei ihm eingeht, macht er sich auf den Weg nach Kalifornien, um sich vor Ort ein Bild des offenbar überaus gut gehenden Schnellrestaurants zu machen. Die Inhaber desselben, die Brüder Richard (Nick Offerman) und Maurice McDonald (John Carroll Lynch) wiederum sind angetan von der Bewunderung Krocs betreffs ihres speziellen Konzepts und weihen ihn in ihre innovative Geschäftsidee ein: Höchste Effektivität in Form von blitzschneller Bedienung, stabiler Qualität, einer schmalen Produktpalette und steter Kundenfreundlichkeit haben „McDonald’s“ in der Region ein besonderes Renommee verschafft. Kroc ist der Überzeugung, dass diese Idee auch andernorts Erfolg haben muss und überredet die Brüder trotz einiger Bedenken ihrerseits dazu, ihr Restaurant zu einem Franchise-Unternehmen zu machen. Krocs nachfolgende Anstrengungen, Investoren zu finden, laufen zunächst nicht ganz problemlos vom Stapel; die Voraussetzung, das Konzept „McDonald’s“ unverändert und im Sinne seiner Begründer zu übernehmen, irritiert die Franchisenehmer teilweise. Dock Kroc setzt seine Pläne mit unbeirrbarem Stoizismus und bald gigantischem Erfolg durch. Dass dabei die zusehends besorgten Urheber ddes Ganzen auf der Strecke bleiben und irgendwann sogar das Recht an der Verwendung ihres eigenen Familiennamens einbüßen, nimmt Kroc mit dem gelassenen Habitus des selbstberauschten Großunternehmers billigend in Kauf.

Die Gründerväter des zwanzigsten Jahrhunderts waren die Pioniere des global funktionierenden Kapitalismus und eines dessen größter Sinnbilder sind die goldenen Bögen. McDonald’s steht wie keine andere weltweit operierende Marke mit Ausnahme vielleicht von Coca Cola für Vertrauen, Sicherheit und zivilisatorische Anbindung. Wer eine der weltweit knapp 40.000 McDonald’s-Filialen betritt, weiß im Regelfall, was er dort bekommt und was ihn erwartet und auch wenn milliarden von Menschen den Multi und seine rigoros ausbeuterische Funktionalität zurecht verdammen, lässt sich eine andere Milliarde tagtäglich von ihm ernähren. Das Biopic „The Founder“ berichtet mit sanfter Ironie und ansonsten völlig unaufgeregt davon, wie es rund sechzig Jahre zuvor dazu kommen konnte, dass „McDonald’s“ zu dem wurde, als das es heute die allermeisten Kinder kennen und lieben. Dafür sind zwei Faktoren von Bedeutung: zum einen Ray Kroc und zum anderen dessen gleichermaßen zündende wie verderbliche Mixtur aus Gier und Unternehmergeist. Gewiss erzählt „The Founder“ zuallererst auch eine exemplarische Kapitalismusstory, wie sie in dieser Form wohl annähernd originär für das Amerika der Nachkriegsära sein dürfte: aus einem kleinen Vertreter mit gesteigerter Tendenz zum Alkoholismus wird ein Selfmade-Millionär, dessen Vorgehensweise in Relation zu seiner Vermögensmehrung zunehmend rigoros wird. Greed is good. Am Anfang stehen zwei naive Brüder als stolze Existenzgründer mit ihrer sorgsam gehüteten, gleichsam uramerikanischen Idee, am Ende stehen sie als lachhaft abgespeiste Verlierer da. Der Gewinner indes hat ihr Baby zu einem Monster herangezüchtet, das die einstigen Väter nicht mehr begreifen.
Dass der in seiner Rolle exzellent aufspielende Michael Keaton Ray Kroc keineswegs als Ritter in schimmernder Rüstung bespielt, steht angesichts einer derartigen Prämisse wohl außer Frage. Obgleich praktisch keine Szene des Films ohne seine Präsenz auskommt, macht der Protagonist sich auch das Publikum nicht zu Freunden. Sein Narzissmus und seine Egozentrik wachsen parallel zu Einfluss und Geld, wobei auch Krocs Privatleben genau diese Entwicklung widerspiegelt. Seine erste Frau Ethel (Laura Dern) verliert den Bezug zu ihm, da sie weder fähig noch Willens ist, seiner selbstauferlegten Mission zu folgen; an ihre Stelle tritt die von Krocs machthungrigem Charme faszinierte Joan Smith (Linda Cardellini), die wiederum ihren vormaligen Gatten (Patrick Wilson) für ihn verlässt. Ein Schelm, wer darin den Verlust von Integrität zugunsten persönlicher Korruption reflektiert gefunden glaubt.

8/10