MILANO VIOLENTA

Zitat entfällt.

Milano Violenta (Die letzte Rechnung schreibt der Tod) ~ I 1976
Directed By: Mario Caiano

Der als bombensicher geplante Überfall eines Gangsterquartetts auf das Lohnbüro einer Mailänder Firma läuft keineswegs so reibungslos ab wie gedacht: Während des Coups erscheint flugs die Polizei; die Ganoven müssen voneinander getrennt fliehen. Während Walter (Vittorio Mezzogiorno) und Tropea (Biagio Pelligra) mit der Beute fliehen und sich verstecken können, sind Raul (Claudio Cassinelli) und Fausto (John Steiner) gezwungen, eine Geisel mitzunehmen. Während Fausto durchdreht und das Zeitliche segnet, versucht Raul, den Aufenthaltsort seiner Kumpanen und somit den des Geldes herauszubekommen, doch Walter und Tropea sind überhaupt nicht mehr daran interessiert, mit ihm zu teilen. Hinzu kommt, dass die beiden Polizisten Foschi (Elio Zamuto) und Tucci (Salvatore Puntillo) Raul dicht auf den Fersen sind…

Ein klein wenig an den seligen Heinz Klett erinnert Claudio Cassinelli als Raul Montalbani in diesem italienischen Genrestück, da auch in seiner Divergenz als halber Poliziottesco und halber Gangsterfilm noch eine gute Figur macht. Rolf Olsens „Blutiger Freitag“ lässt hier nicht allein seiner bloßen Provenienz wegen grüßen und ebensowenig, weil Cassinelli mit demselben Synchronsprecher wie ehedem Raimund Harmstorf, nämlich Klaus Kindler, ausgestattet ist. Vielmehr sind beide Filme Brüder im Geiste, berichten von einem zunehmend in die Enge getriebenen Ganoven, der in wachsender Bedrängnis immer tollwütiger wird, bis nurmehr eine Überzahl an Feuerwaffen ihn aufzuhalten vermag. Dabei ist Raul Montalban gar nicht mal der Böseste unter den Bösen in „Milano Violenta“; sein vormaliger Kompagnon Walter entwickelt nach der Zwangsabnabelung des kriminellen Mastermind Raul ein immer fortschreitenderes Gier- und Gewaltpotenzial, das ihn gegen Ende noch zu einem finalen Duell gegen den bereits totgeglaubten Ex-Partner führt. Was „Milano Violenta“ dann aber vom blutigen Freitag unterscheidet, ist neben einer sich ernstlich gestaltenden Romanze des Haupthalunken die im italienischen Sleazethriller der Siebziger gewohnheitsmäßig anberaumte Präsenz des beschirmten Rechtsauges, hier repräsentiert durch zwei sympathische poliziotti, die ausnahmsweise mal nicht den kernbeißerischen Gestus eines Maurizio Merli oder Luc Merenda teilen, sondern vergleichsweise geerdet daherkommen und sich daher als narrative Stichwortgeber gut einpflegen.
Ganz phantastisch im Übrigen der Score von Gianfranco Plenizio mit hohem Ohrwurmcharakter. Kann man alles so im Komplettpaket mitnehmen.

8/10

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SPIDER-MAN: HOMECOMING

„If you’re nothing without the suit, then you shouldn’t have it.“

Spider-Man: Homecoming ~ USA 2017
Directed By: Jon Watts

Nach seinem von Tony Stark (Robert Downey Jr.) initiierten Europa-Einsatz gegen Captain America (Chris Evans) und seine Verbündeten träumt der New Yorker Teenager Peter Parker (Tom Holland) allenthalben von weiteren weltrelevanten Missionen als Spider-Man. Doch sowohl Tony Stark als auch dessen Adlatus Happy Hogan (Jon Favreau) reagieren eher genervt auf die fortwährenden, lästigen Anfragen Peters. Da erscheint mit dem früheren Unternehmer und Familienvater Adrian Toomes (Michael Keaton), der seit dem Kampf der Avengers gegen die Chitauri in Manhattan vor dem wirtschatlichen Ruin steht und daher mithilfe etwas von ihm entwendeter Alien-Technologie zum Superverbrecher geworden ist, ein lokaler Schurke auf der Bildfläche, den es zu stoppen gilt. Dumm nur, dass sich ausgerechnet Peters großer High-School-Schwarm Liz (Laura Harrier) als Toomes‘ Tochter entpuppt…

„Homecoming“, das bedeutet in diesem Falle natürlich: heim unter Dach und Fach, unter die Ägide des MCU und hinein in das „richtige“ filmische Marvel-Kontinuum. Es bedarf keines Abakus‘ um sicherzugehen, dass der von Disney und dem vormaligen Rechteinhaber Sony bezüglich der Figur Spider-Man und der entsprechenden Nebencharaktere ausgehandelte Multideal zu einem allseitig befriedigenden, wirtschaftlichen Konsens geführt haben dürfte. Trotz dieser nunmehr bereits dritten Neuinterpretation des beliebten Superhelden binnen nur 15 Jahren sollte ihr Gewinnpotential noch immer beträchtlich genug sein, um einen kapitalen Reibach nicht nur an den Kinokassen einzufahren. Die globalen Vermarktungsrechte für die Heimeditionen teilen Disney und Sony sich sorgsam und der Fan freut sich, dass Spidey nun endlich auf kostümierte Freunde und Bekannte treffen darf, wie er es etwa Monat für Monat in den allermeisten Ausgaben der in den Siebzigern und Achtzigern veröffentlichten Serie „Marvel Team-Up“ zu tun pflegte. Lediglich vermeintlicher Einzelgänger gehörte es im Prinzip stets zur guten Tradition Spider-Mans, dass er regelmäßig auf die Unterstützung anderer New Yorker Superhelden zurückgriff – oftmals etwa die von Human Torch, der ja mit seinen drei FamiliengenossInnen noch immer bei Fox herumdümpelt und dort bereits seines nächsten, gewiss wiederum kläglich versagenden Auftrittes harrt. In „Captain America: Civil War“ deutete es sich dann bereits auch im Film an: Strippenzieher Tony Stark versorgte Peter Parker mit einem von ihm selbst entworfenen High-Tech-Anzug, der seine Spinnenkräfte nochmals hervorragend ergänzte, respektive zur Geltung brachte. Nunmehr hat man sich nicht allein daran zu gewöhnen, dass just diese technische Innovation einen nicht unwesentlichen Teil von Spider-Mans Können mitbestimmt. „Homecoming“ greift auch weit zurück in der Charakterhistorie und macht aus Peter wieder einen fünfzehnjährigen Schüler, der sich von dem ewigen Bully Flash Thompson (Tony Revolori) nerven lassen muss und etwas nerdig daherkommt. Tante May (Teresa Parker), bei der Peter aufwächst, ist, aber auch dies war ja bereits bekannt, nunmehr kein schrumpeliges Mütterlein, sondern eine (noch) überaus gut bei Figur befindliche, knackige Frühfünfzigerin. Selbige bewohnt zudem kein Vorstadthäuschen, sondern ein zeitgemäßeres Hochhaus-Appartement.
Ein Latexkostüm und selbsterfundene Netzflüssigkeit für den Titelhelden sind angesichts solcherlei Modifikation ohnedies kaum mehr up to date; insofern passt die Renovierung und heimliche Mentorisierung durch Stark durchaus und bettet sich ordentlich in die erneuerte Kontinuität ein. Besonders wusste mich allerdings Michael Keaton als Vulture zu begeistern, der zwar auch nicht allzu viel mit seinem Comic-Vorbild gemein hat, dafür jedoch infolge seiner kantigen, zwischen sympathisch und diabolisch pendelnden Interpretation eine sehr schöne Filmpräsenz entwickelt und nach Alfred Molina als bis dato bester Leinwandgegner durchgeht. Was den ja unweigerlich zu begutachtenden Aktions- und Kinetikfaktor anbelangt, so verbleibt dieser an einer Hand abzählbaren Höhepunkten vorbehalten, somit angenehm moderat und weniger übersteigert denn in anderen jüngeren MCU-Produktionen; man möchte meinen, dass hier ein adäquates Maß gefunden wurde.

8/10

 

 

RIDING SHOTGUN

„I didn’t want to draw, especially against the law, but nobody was taking my gun away from me.“

Riding Shotgun (Dieser Mann weiß zuviel) ~ USA 1954
Directed By: André De Toth

Gunman Larry Delong (Randolph Scott) arbeitet als Postkutschen-Eskorteur, sucht privat jedoch in erster Linie nach dem Mörder seiner Schwester und seines Neffen, dem Outlaw Dan Marady (James Millican), der sich mit seiner Gang im Hinterland versteckt. Als Maradys Leute just die Kutsche überfallen, die Delong momentan bewacht, den Fahrer töten und Delong gefangensetzen, gelingt es diesem zunächst zu entkommen. Im Städtchen Sweet Water ist man jedoch durchweg davon überzeugt, der Tote ginge auf Delongs Konto, wobei auch dessen eminenteste Beteuerungen, dass Marady plane, das örtliche Casino zu überfallen, die engstirnigen Bewohner nicht überzeugen können. Delong ist schließlich gezwungen, sich in einer kleinen Cantina zu verschanzen, während Marady in aller Seelenruhe das Casino ins Visier nehmen kann…

Im vorletzten Film seines sechsteiligen Westernzyklus mit und um Randy Scott griff Genre-Pro André De Toth das um die Zeit des McCarthyismus immer wieder beliebte und häufig bediente Motiv der in einer üblen Kombination aus Feigheit und Misstrauen gefangenen Kleinstädter auf, die den wahren Helden der Geschichte nicht nur verkennen, sondern ihm und seinem Gerechtigkeitspfad zudem noch gewaltige Steine in den Weg rollen und ihn gar abzuservieren trachten. Die vielsagend betitelte Stadt Sweet Water scheint voll von stieseligen, alten Männern, die ihr Hab und Gut in Gefahr sehen und deren faktisch grundloses Misstrauen gegen Larry Delong sich von Minute zu Minute mehr hochschaukelt, bis sie vereint zu offener Lynchjustiz bereit sind. Als problematisch für den zu Unrecht beschuldigten erweist sich zudem die Tatsache, dass der Sheriff der Stadt, ein Freund Delongs, mit einigen Männern unterwegs ist, um den Postkutschenüberfall vor Ort zu untersuchen und dieser daher nur auf eine verschwindend kleine Handvoll vernünftig bleibender Alliierter zählen kann.
Überhaupt liegt die große Stärke des Belagerungswesterns „Riding Shotgun“ in der sorgfältigen bis sanft ironischen Zeichnung seiner oftmals lustvoll unsympathischen Nebencharaktere; als da wären der hilflose, verfressene Deputy Murphy (Wayne Morris), dem es an der rechten Chuzpe mangelt, im entscheidenden Moment Vehemenz zu zeigen oder der kleingeistige, mexikanische Kneipier Fritz (Fritz Feld), dessen unendlicher Stolz einem ordinären Barspiegel gilt und der als beredter Opportunist selbst seine Mutter verraten würde. Auch Charles Bronson ist wieder an Bord als Bandit Pinto, der sich zu Delongs Glück zu dämlich anstellt, um diesen rechtzeitig aus dem Wege zu schaffen.
Dieses Panoptikon stetig nörgelnder, allzu impulsiver Dummköpfe, die den Revolver sehr viel lockerer sitzen haben als ihnen guttut, mag man durchaus als eine kleine, aber spitze Bestandsaufnahme quasi uramerikanischer Befindlichkeiten erachten, die sich auch heute noch, in Zeiten, in denen niemand Geringer denn der US-Präsident persönlich als repräsentstiver Bewohner Sweet Waters durchginge, ungebrochener Aktualität erfreut. Einziges Manko dieser ansonsten wiederum gelungenen De Toth/Scott-Kollaboration: Das ziemlich redundante, manchmal allzu geschwätzig wirkende voiceover des Helden, das de facto niemand braucht.

8/10

NORTH SEA HIJACK

„We drink Scotch here the way it should be drunk – neat.“

North Sea Hijack (Sprengkommando Atlantik) ~ UK 1980
Directed By: Andrew V. McLaglen

Eine Gruppe von bestens vorbereiteten Verbrechern unter der Führung des zu Wuatausbrüchen neigendem Amerikaners Lou Kramer (Anthony Perkins) versieht zwei Bohrinseln im Nordatlantik mit hochempfindlichen Zeitbomben und verlangt von der britischen Regierung 25 Millionen Pfund zur Entschärfung derselben. Die Premierministerin (Faith Brook) will sich im Sinne der Staatsräson als unerpressbar erweisen – gut, dass es den exzentrischen Schotten Rufus Excalibur ffolkes (Roger Moore) gibt, der nicht nur als strategisches Genie gilt, sondern zudem eine Gruppe hochspezialisierter Navy-Taucher trainiert. ffolkes reist, getarnt als Adjutant des Offiziers Brinsden (James Mason) zum Einsatzort und zeigt Kramer klare Kante.

Gegen Mitte der siebziger Jahre vollzog sich nach und nach ein spürbarer Wandel im Œuvre des Regisseurs Andrew V. McLaglen, ehemals Schüler von John Ford und Sohn von dessen britischem Stammschauspieler Victor McLaglen: Seine Filme wurden zunehmend härter, ungeschliffener, roher und zynischer. Wenngleich „North Sea Hijack“, dessen alternativen (tatsächlich minusklisch geschriebenen) Titel „ffolkes“, der sich auf den Helden bezieht, ich ja sehr viel hübscher finde, nicht mehr die offene, visuelle Brutalität mancher seiner Vorgängerfilme präserviert, ist er doch noch mindestens von deren stoischer Trockenheit beseelt. Diese subsummiert sich faktisch beinahe ganz und gar in der von Roger Moore (in seiner zweiten und vorletzten Zusammenarbeit mit McLaglen zu sehen) interpretierten Hauptrolle, die durchaus auf Fortsetzungspotenzial hin ausgerichtet wurde: Sein ffolkes ist in jeder nur denkbaren Hinsicht der Inbegriff schottischen Starrsinns. Starker Trinker, misogyner Solipsist, Egomane, Katzenliebhaber, stystemtreu, tabakrauchhassend und frech zu jedem, der ihm nicht in den Kram passt (und das sind die Allermeisten) empfindet er seinen militärischen Einsatz durchweg als Herausforderung seines unleugbaren strategischen Genius‘ und erweist sich am Ende natürlich als unfehlbarer Planer. ffolkes bewegt sich gleichsam antipodisch fernab von der dandyhaften Attitüde eines James Bond, wie ihn vor allem Moore zu interpretieren pflegte; einem Typen, den ffolkes vermutlich abgrundtief hassen würde. Insofern ist es umso bewundernder, mit welch behender Überzeugungskraft Moore, ja nicht eben als Weltklasseakteur bekannt, seine Figur zum Leben erweckt.
Inszenatorisch erweist sich „North Sea Hijack“ als durchweg professionell, jedoch gleichfalls routiniert und überraschungsarm – ein Film für ein sich selbst als gediegenes und gesetzteres erachtendes und vermutlich vor allem männliches Publikum. Als sehr viel nachhaltiger erweist sich da sein genealogischer Status als einer der offensichtlichsten Wegbereiter für das später vor allem mittels „Die Hard“ rekultivierten Genremotivs rund um (zumeist) profitorientierte Erpressungsaktionen. Diesbezüglich erweist sich McLaglens Werk als historisch unbedingt wertvoll.

7/10

THE LAST HARD MEN

„I’m not dead. I’m retired.“

The Last Hard Men (Der Letzte der harten Männer) ~ USA 1976
Directed By: Andrew V. McLaglen

Der in Yuma einsitzende Mestize Zach Provo (James Coburn) sinnt auf Rache – et macht den retirierten Ranger Sam Burgade (Charlton Heston) für den Tod seiner Frau verantwortlich. Gemeinsam mit fünf Mitinsassen gelingt Provo eines Tages die Flucht aus dem Strafvollzug und er beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel mit dem zwar älter gewordenen, aber keinesfalls zum alten Eisen gehörenden Burgade. Als Provo dessen Tochter Susan (Barbara Hershey) entführt und sie ins Indianerreservat verschleppt, setzt Burgade alles daran, ihm und seiner Gang endgültig den Garaus zu machen.

Nach einer ganzen Reihe von Western mit den Altstars John Wayne und James Stewart, die man wohl gemeinhin als eher beschaulich und „old fashioned“ bezeichnen kann, stellte sich auch Ford-Eleve Andrew V. McLaglen den Zeichen der Zeit, holte den Knüppel aus dem Sack und begab sich auf die Spuren Peckinpahs, indem er mit Unterstützung des entsprechenden Schauspielpersonals einen harten Spätwestern inszenierte, in dem sich die Einschüsse blutig und das Sterben unschön gestalten. McLaglens vormaliges Faible für charmante, alte Raubeine, die vor romantischem Ambiente ihre letzten großen Einsätze vollziehen, weicht nunmehr einer höchst pessimistisch geprägten Endzeitstimmung, die sich weniger in einer tristen Bildsprache (Duke Callaghans Kamera weist vielmehr einen klaren, wohlbeleuchteten Strich auf), denn in einem recht zynisch eingefassten, omnipräsenten Nihilismus äußert – es geht um aus ihrer Zeit gefallene, grau gewordene gunslinger, die die Zeichen der Moderne, Automobile und Telefonleitungen, mit dem Blei und der mittlerweile zum Atavismus gewordenen Brutalität ihrer Tage kommentieren. Das Duell zwischen dem Analphabeten Provo und dem von seinen Nachfolgern geflissentlich belächelten Burgade ist nicht nur ein persönliches Geschäft, sondern zugleich ein Abgesang auf ihre eigene Generation, der am Ende keinen Sieger kennt. McLaglen hatte unterdessen gewiss ein paar italienische Genrevertreter gesehen und  auch die dazugehörigen Repliken seiner hauseigenen Berufsgenossen – jedenfalls lässt es sich als einigermaßen bezeichnend erachten, dass „The Last Hard Men“ sein letzter von insgesamt fünfzehn Kinowestern sein sollte, dem lediglich noch ein paar TV-Produktionen nachfolgten. Auch für einen relativen Spätzünder wie Andrew V. McLaglen war die Zeit gekommen, sich „zivilisierten“ Dingen zuzuwenden, die sich in seinem Falle vor allem als Abenteuer- und Kriegsfilme äußerten – vorenehmlich natürlich mit alten Raubeinen auf ihren letzten Missionen.

8/10

UN POLIZIOTTO SCOMODO

Zitat entfällt.

Un Poliziotto Scomodo (Convoy Busters) ~ I 1978
Directed By: Stelvio Massi

Commissario Olmi (Maurizio Merli) vom römischen Morddezernat eckt seiner rüden Methoden wegen immer wieder bei Vorgesetzten und Staatsanwaltschaft an. Ist etwa ein wichtiger Zeuge, so der juvenile Fatzke Marcello Degan (Marco Gelardini), einmal weniger gesprächig als es ihm zukommt, setzt es Hiebe, bis die Zunge sich lockert – doch unter Zwang abgegebene Aussagen sind nichts wert, und wenn sie noch so sehr der Wahrheit entsprechen. Degan senior (Massimo Serrato), Zollbeamter, umtriebiger, Diamantenschmuggler, Mörder und Vater Marcellos, kann also weitermachen wie bisher, doch Olmi hat ohnehin bereits den großen Hintermann im Auge. Dieser sitzt in Person des nicht ganz so sauberen Geschäftsmannes Corchi (Mimmo Palmara) in unmittelbarer Küstennähe und betreibt dort einen florierenden Waffenschmuggel, der sich wohlfeil hinter einer Spedizionsfirma und einem lokalen TV-Sender tarnt. Wie gut, dass Olmi just dorthin versetzt wird und mit der feschen Anna (Olga Karlatos) gleich noch eine nette Hupfdohle kennenlernt.

Und nocheinmal Maurizio Merli, der gutaussehende Mann mit blauem Schnäuz und blondem Auge und viel Haarlack, der Kämpfer für Witwen und Waisen, der garibaldische Patriot und Kommissar aus Eisen! Was ich letzthin schrieb, gilt in so ziemlich allen Belangen auch für „Un Poliziotto Scomodo“, nur, dass diesmal Stelvio Massi die Regie übernehmen durfte und mir die flötenbewährte Musik von Stelvio Cipriani besonders viel Freude bereitete.
Die böse Fügung, dass der Kommissar zwischendrin an so ziemlich allem scheitern muss; am eigenen Anspruch, an der Gewieftheit seiner Widersacher, vor allem aber an der Unflexibilität des Rechtsstaats, trifft auch den armen Olmi, als er hilflos zusehen muss, wie der üble Degan sich in letzter Minute mit einem Flieger in die höchst unverdiente Freiheit absetzen kann. Zäsur, Versetzung, Provinz. Die ansonsten stets locker sitzende Handfeuerwaffe landet zuallererst bedeutungsschwer in der Schublade, wo sie zunächst auch bleiben kann, denn hier an der See bekommt es Olmi bestenfalls mit ein paar großmäuligen Rüpeln zu tun, die auch im Sechserpack ganz schnell abgefertigt werden. Und doch – wo Olmi ist, da ist auch das organisierte Verbrechen nicht fern und es lauert , seelisch erstarkt durch freundliche Kollegen, wesentlich mehr Handlungsfreiheit und vor allem eine schnieke Dame im Bettchen, für Olmi die Gelegenheit, die letzte Schlappe wieder auszuwetzen. Sein neuer Gegner Corchi weiß nämlich nicht, mit wem er es hier zu tun bekommt.
Es ist zwar etwas Schade, dass Massimo Serrato, gerade, als man ihn als bösen Hundsfott so richtig ins Herz geschlossen hat, schon wieder so rasch aus dem Film verschwinden muss und mit Mimmo Palmara einen eher blassen Ersatz hinterlässt, doch „Un Poliziotto Scomodo“ liefert unter Aufendung der allseits gewohnten Meriten trotzdem die volle Merli-Dröhnung: Es gibt reichlich Action, Spaß und diesmal mehr Hiebe als Patronen, was aber auch in Ordnung geht. Olmi vor!

7/10

ITALIA A MANO ARMATA

Zitat entfällt.

Italia A Mano Armata (Cop Hunter) ~ I 1976
Directed By: Marino Girolami

Commissario Betti (Maurizio Merli) von der römischen Mordkommission sieht sich wie üblich mit einer Welle des Verbrechens konfrontiert, die von Albertelli (John Saxon), dem großen Boss im Hintergrund, geplant und koordiniert wird. Vor allem Banküberfälle mit Scheingeiselnahmen gehören zum Konzept seiner Gang. Dennoch bleiben Albertellis Hände stets blütenrein, so dass Betti, der genau Bescheid weiß, dem großen Hai nichts nachweisen kann. Als in Albertellis Auftrag eine Gruppe von Schulkindern entführt wird, eine Aktion, bei der ein kleiner Junge serben muss, ist Betti sowohl sich als auch Luisa (Mirella D’Angelo), der Schwester des Jungen, schuldig, Albertelli endgültig dingfest zu machen.

Nach Marino Girolamis „Roma Violenta“ und Umberto Lenzis „Napoli Violenta“ nahm abermals Signore Girolami das Heft zur Hand und inszenierte mit „Italia A Mano Armata“ den letzten Teil der binnen rund einem Jahr entstandenen Trilogie um das römische Callahan-Pendant Betti, einem Typen, der gern dazu neigt, weniger auf das hoffnungslos korrumpierte System, denn auf die eigene Schlagkraft und Rechtsprechung zu setzen. Ursprünglich war Merli als Franco-Nero-Substitut engagiert worden und „Roma Violenta“ als nachgeschobener Profiteur zu Enzo Castellaris höchst erfolgreichem „La Polizia Incrimina La Legge Assolve“ gedacht, der dem Poliziottesco seinerseits erst den ursprünglichen Zunder verliehen hatte. Bei Girolami und Merli wurde dann der Exploitationfaktor nochmal zünftig angeschraubt, die Schurken wesentlich roher und unmenschlicher und die Gewaltszenen intensiver, womit die Gattung dann ihre eigentliche, finale Form zuteil wurde, die dann neben Merli, dem ungekrönten König des Poliziottesco, noch weitere Protagonisten in Luc Merenda, Henry Silva oder Marcell Bozzuffi hervorbrachte. Ob Merli sich nun Betti, Tanzi oder Ferro nannte; er spielte im Prinzip die immerselbe Figur vor dem immerselben Konzept. Manchmal, wie auch in „Italio A Mano Armata“, musste seine Figur dann am Ende noch urplötzlich als großer Verlierer gegen die allumfassende Systemfäule dann doch noch überraschend den Löffel abgeben (auch das nach Nero-Vorbild) und der Zuschauer mit einem gehörigen Schreck das Kino verlassen.
So wenig vielgestaltig wie seine insgesamt elf Polizeifilme ist auch deren ihnen immanente Qualitätsspanne; wenn man sich einen Merli vornimmt, dann weiß man in der Regel, was man zu erwarten hat. Das kommt einem mustergültigen Gütesiegel gleich, auf das man zählen kann und das keinen, der einmal seine Freude daran gefunden hat, je wirklich enttäuschen dürfte. „Italio A Amano Armata“ ist mit sorgsam verteilten, kernigen Actionszenen und etablierten Mustern nun weder der beste noch der schwächste Beitrag zu diesem insgesamt sehr schönen Zyklus. Man fühlt sich zu Hause in ihm und das ist gut.

7/10