Вий

Zitat entfällt.

Вий (Wij) ~ CCCP 1967
Directed By: Konstantin Yershov/Georgi Kropachyov

Während einer sommerlichen Prozessionsreise übernachtet der Theologie-Student Khoma (Leonid Kuravlyov) auf dem Hof einer knarzigen Alten (Aleksei Glazyrin), die sich bald als Hexe herausstellt. Als Khoma sich ihr nicht gefügig macht, reitet sie auf dem angsterfüllten Überrumpelten wie auf einem fliegenden Besen durch die weißrussische Nacht. Endlich gelingt es ihm, die Alte zur Landung zu zwingen, worauf er sie halbtotschlägt. Als Khoma von ihr ablässt, hat sie die Gestalt eines schönen jungen Mädchens (Natalya Varley). Am nächsten Tag wird Khoma zum Gutsbesitz eines reichen Kosaken (Vadim Zakharchenko) gerufen. Dessen Tochter Pannochka (Natalya Varley) liegt im Sterben und hat namentlich nach Khoma verlangt, um ihr die letzte Ölung zu geben. Als der widerwillig folgende Khoma vor Ort anlang, ist das Mädchen bereits gestorben. Der Kosak nötigt ihn, drei nächtliche Totenwachen bei der Verblichenen zu halten, die Khoma als die erschlagene Hexe wiedererkennt. Drei Nächte des Grauens stehen ihm bevor.

Basierend auf Nikolai Gogols 1835 erstveröffentlichen, gleichnamigen Erzählung gilt „Вий“ gemeinhin als Musterbeispiel des in der Sowjetunion entstandenen phantastischen bzw. Horrorfilms. Tatsächlich erweist sich die Verfilmung in der Verwendung von Bild und Ton als den ebenfalls um diese Ära entstandenen Ausflügen eines Mario Bava (dessen sieben Jahre älterer „La Maschera Del Demonio“ ja selbst als sehr freie Adaption von „Вий“ firmiert) in die gotische Mythen- und Sagenwelt als nicht nur thematisch, motivisch und stilistisch sehr anverwandt, sondern ebenbürtig. Es ist der Grenzgang zwischen dem noch kindlichen sense of wonder mit eher spielerischer denn schockierender visueller Effektarbeit einerseits und dem eindeutig als Erwachsenenmärchen identifizierbaren, philosophisch unterbauten Surrealismus auf der anderen Seite, der jenen Werken ihre ganz spezielle, heute noch ebensogut wie damals atembare Magie verleiht. Zwar wird man Bavas spätere, charakteristisch-expressive Farbgestaltung bei „Вий„vergebens suchen; die Seele vieler seiner Arbeiten findet man hier jedoch auch ohne Gebrauch einer Lupe wieder.
Вий“ erzählt davon, wie ein Gott kaum zugewandter, lauter Student unter Aufbietung des höchsten aller Preise letzten Endes zum Glauben findet (und am Ende gegen Geister und Dämonen doch scheitert). Der Protagonist Khoma Brut, ein Waisenjunge, ist vor allem stolz auf sein kosakisches Erbe und auf seine stets großzügig ausgereizte Trinkfestigkeit. Das Jenseitige, Spirituelle existiert für ihn höchstens im Geiste des Vodka, ansonsten reizen ihn höchstens noch die anderen, irdischen Genüsse. Nach der nächtlichen Begegnung mit der Hexe, die sich an dem ihren Schabernack mit panischer Gewalt begegnenden Khoma umgehend zu rächen trachtet, wird der junge Mann binnen drei schlafloser Nächte zum Teufel gejagt und verschwindet schließlich spurlos. Die eilends und ängstlich bemühten Bannkreise, Beschwörungszauber und Gottanrufe, die er wider den verjüngten Sukkubus anwendet, können ihm am Ende, da die Hexe den „Wij“, den König der Erdgeister mit seinen schaurigen Vasallen des Schreckens herbeiruft, nicht helfen. Ob sein Glaube zu schwach, seine Furcht zu groß, sein Frevel zu despektierlich oder möglicherweise auch die Hölle mächtiger ist als der Himmel, bleibt ein Mysterium.

9/10

THE LAST VALLEY

„There is no Hell. Because there is no God. There never was.“

The Last Valley (Das vergessene Tal) ~ UK/USA 1971
Directed By: James Clavell

Während der Wirren des Dreißigjährigen Krieges erlebt der umherwandernde, aus Deutschland stammende Lehrer Vogel (Omar Sharif) in mannigfaltiger Weise, zu welchen Grausamkeiten der Mensch fähig ist. Durch Zufall führt ihn sein zielloser Weg in ein entlegenes Provinzdörfchen, auf das sich just auch ein marodierender Trupp aus Söldnern und Renegaten zubewegt. Als die überaus gewaltbereiten Männer kurz nach Vogel unter dem „Hauptmann“ (Michael Caine) vor Ort eintreffen, kann der des Grauens müde Lehrer sie überzeugen, die Bewohner des Dorfes zu verschonen und es stattdessen als Winterquartier zu nutzen. Es ergeben sich bald mehrerlei Konflikte – so akzeptiert der streng katholische Priester (Per Oscarsson) nicht, dass sich unter den Belagerern auch Protestanten befinden und macht der Hauptmann dem wohlhabenden Dorfpatriarchen Gruber (Nigel Davenport) seine Geliebte, die mysteriöse Angelika (Florinda Bolkan), abspenstig. Hansen (Michael Gothard), einer der vormaligen Untergebenen des Hauptmanns, flieht derweil nach einer missglückten Vergewaltigung, verrät seine vormaligen Kumpane und schließt sich einem anderen Söldnertrupp an, den man jedoch vereint zurückschlagen kann. Als der Hauptmann sich zur verlustreichen Schlacht bei Rheinfelden aufmacht, überträgt er Vogel das Kommando während seiner Abwesenheit. Dieser kann nicht verhindern, dass Angelika als Hexe angeklagt und verbrannt wird. Tödlich verletzt kehrt der Hauptmann schließlich zurück. Vogel, der selbst im Begriff ist, das Dorf für immer zu verlassen, enthält ihm die Wahrheit über Angelika wohlweislich vor.

James Clavells letzte Regiearbeit, bevor er sich endgültig auf das Schreiben und Veröffentlichen historischer (oftmals asienlastiger) Romane und Bücher verlagerte, firmiert filmgeschichtlich als recht eindeutiger Flop und scheint noch bis heute zwischen allen Stühlen zu sitzen. Mit Ausnahme von Großbritannien, wo er zumindest halbwegs einträglich lief, missachtete ihn das internationale Kinopublikum weitflächig. Die amerikanische, coproduzierende Firma ABC Pictures International, einstiger Kino-Ableger des damaligen Fernseh-Multis, plante, mit „The Last Valley“ endgültig  groß herauszukommen und sich in der Folge als bedeutender Player auf dem Markt zu etablieren. Sogar das aufwändige Todd-AO-70mm-Verfahren durften Clavell und seine dps nutzen (es kam für diesen Film zum letzten Mal überhaupt zur Anwendung). Am Ende bildete das verlustintensive Resultat einen der Hauptgründe dafür, warum ABC Pictures seine Tätigkeit zwei Jahre später wieder einstellen musste.
Betrachtet man nun den tatsächlich höchst solitären „The Last Valley“, der auf einem etwa zehn Jahre zuvor veröffentlichten Roman von J.B. Pick basiert, erscheint diese Ignoranz kaum verwunderlich. Da wäre zunächst der historische Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges: mit Ausnahme des 1933 von Rouben Mamoulian inszenierten Garbo-Vehikels „Queen Christine“ gab es bis dato keine internationale (Groß-)Produktion, die sich überhaupt jenes Sujets angenommen hatte. Über die Gründe dafür lässt sich hinlänglich spekulieren – in der Tat war und ist der chaotische Verlauf jenes als Glaubenskonflikt begonnenen, das kontinentale Europa allumfassend überziehenden Gewaltscharmützels insbesondere für den oberflächlich interessierten Laien nur schwer zu durchblicken und transportiert(e) somit hinsichtlich seiner kommerziellen Auswertbarkeit gewissermaßen bereits ein immenses script- bzw. plotinhärentes Risiko. Hinzu kam die kaum einzuordnende, atmosphärische Ausrichtung von Clavells Arbeit. Wer möglicherweise romantisch konnotiertes Monumentalkino Marke David Lean erwartete, musste sich von der oftmals grellen, campigen Garstigkeit des Films abgestoßen fühlen, für bloße Exploitation-Apologeten, die möglicherweise nach einem Nachfolger zu Armstrongs „Hexen bis aufs Blut gequält“ fahndeten, dürfte „The Last Valley“ wiederum zu sperrig und intellektuell ausgefallen sein. Tatsächlich monierte die zeitgenössische Kritik das „schleppende“ bis „langweilige“ Pacing des Films und übersah damit sein wahres und wichtigstes Verdienst – das nämlich, eine überaus eigenwillige Allegorie auf das Wesen des Krieges und auch das des Glaubens vollzogen zu haben, eine pralle, schmerzhafte Lektion darüber, wozu jene beiden Triebfedern der Weltgeschichte ihre vielen Teilhaber machten und was sie hinterließen. Tatsächlich erinnerte mich „The Last Valley“ nicht selten an Reeves‘ „The Witchfinder General“, der ja drüben gewissermaßen nach einem bürgerkriegsgeschüttelten England schielte, derweil hüben der Westfälische Friede in nicht mehr allzu weiter Zukunft lag. Auch darin geht es um Opportunismus und Kriegsgewinnlerei zugunsten von Humanität und Integrität in „Ausnahmezeiten“, die den menschlichen Atavismus aus dräuenden Tiefen zurück an die Oberfläche zerren. Getragen von der wunderbaren Musik John Barrys muss Omar Sharif als Vogel, wenn man so will, eine neuerliche Schiwago-Variation, als sanftmütiger Gelehrter hilflos miterleben, wie alle Welt sich selbst zum Teufel jagt. Sein Antagonist, der von Michael Caine gespielte, namenlose „Hauptmann“, hat über die vielen von ihm mitbegangenen Massaker (Magdeburg nennt er selbst als Schlüsselereignis) derweil den Glauben an alles Übrige verloren und gibt sich mit dem Mäandern zwischen den Tagesaktualitäten zufrieden. Erst die Bekanntschaft mit Vogel und die auf Gegenseitigkeit beruhende Liebe zu Angelika wecken wieder den Mann in ihm, der er vermutlich einst war, können auch sein Opfer am Ende jedoch nicht verhindern. Selbst die vermeintlich friedliebende Dorfgemeinde nebst wütendem Kleriker und gierigem Wucherer an der „ehrwürdigen“ Doppelspitze offenbart ihr rachsüchtiges Antlitz und lässt den Zweifler Vogel erkennen, dass der Krieg menschengemacht ist – nicht umgekehrt.

9/10

WIZARDS OF THE LOST KINGDOM

„Thrilling, isn’t it?“

Wizards Of The Lost Kingdom ~ USA/AR 1985
Directed By: Héctor Olivera

Axeholme ist ein friedliebendes Königreich der Magie. Simon (Vidal Peterson), Sohn des Hofzauberers (Edgardo Moreira) wird dereinst die Königstochter Aura (Dolores Michaels) ehelichen und alle sind glücklich und zufrieden. Alle…? Nicht ganz, denn Auras böser Stiefmutter Acrasia (Maria Socas) ist die viele Harmonie vor Ort ein Dorn im Auge und so ermöglicht die verräterische Schlange dem bösen Hexer Shurka (Thom Christopher) und seinem zwergenwüchsigen Gefolge die Übernahme Axeholmes. Aura (auf die Shurka seinerseits ein Auge geworfen hat) wird eingekerkert, derweil Simon und seinem pelzigen Faktotum Gulfax (Edgardo Moreira) die Flucht gelingt. Sie begegnen dem wackeren, aber weinaffinen Krieger Kor (Bo Svenson), der sich überreden lässt, ihnen gegen Shurka beizustehen. Zuvor gilt es jedoch, manches andere Abenteuer zu (ü)be(r)stehen…

1985 konnte man noch ein klein wenig Sword & Sorcery unters Kinovolk bringen, wenngleich schon längst nicht mehr so erfolgversprechend wie noch zwei, drei Jahre zuvor. Hinter „Wizards Of The Lost Kingdom“ (der zu seiner deutschen Videopremiere wundersamerweise den langen Originaltitel verehrt bekam und allein deshalb eine Ausnahmeposition auf diesem Sektor bekleidet) verbarg sich, Trommelwirbel, natürlich niemand Geringerer als (ein vorsorglich unkreditierter) Roger Corman, der mit dieser Leuchtgranate eine seiner legendären Patchwork-und Abschreibungsproduktionen betreute. (Als eines von ganzen neun Corman-Werken jener Tage) Entstanden und belichtet in Argentinien, belief sich der am Ende übrige, verwertbare Netto-Erzählrahmen auf eine Spielzeit von 59 Minuten. Diese wurden dann um 20 Minuten Filmschnipsel aus „Sorceress“ und „Deathstalker“ angereichert, was in einem völlig belanglosen Subplot mündete, der wiederum sich mittels viel Spucke, Mühe, Not und Voiceover in den Rest integriert fand. Auch einen Score wusste man sich zu sparen und nutzte kurzerhand James Horners musikalische Einspielungen aus „Battle Beyond The Stars“. Dass das „Resultat“ hinter dem immerhin wunderhübsch gemalten Kinoposter (auf dem Simon als mittelalterlicher Luke Skywalker auf einem schicken, geflügelten Raubkatze zur Attacke bläst) als denkbar absurdes, hanebüchenes Flickwerk verkauft zu werden hatte, folgt aus der Natur der Sache, lässt sich mit der rosarot eingefärbten Nostalgiebrille jedoch zumindest als halbwegs liebenswerte Kuriosität und Erinnerung an eine heuer undenkbare Art des Filmschaffens goutieren. Immerhin: Bo Svenson hat den Spaß mitgemacht, ob allzeit nüchtern, sei herzlichst in Frage gestellt, und man lacht und leidet gewissermaßen mit ihm. Jeder, der Papp und Plaste belächelt oder gar atemringend scheut, sei indes tunlichst gewarnt!

3/10

THE ROYAL HUNT OF THE SUN

„How can the Sun have a child?“

The Royal Hunt Of The Sun (Der Untergang des Sonnenreiches) ~ UK/USA 1969
Directed By: Irving Lerner

Spanien, 1532. Der Abenteurer Francisco Pizarro (Robert Shaw) überredet König Carlos (James Donald), ihm eine weitere Expedition in die Neue Welt zu genehmigen, unter der Bedingung allerdings, dass Pizarro die Reise selbst finanziert und plant sowie dass Vertreter von Klerus und Krone ihn begleiten. Nach seiner Ankunft in Peru und einer fußläufigen Weiterreise durch die Anden organisiert Pizarro ein Treffen mit dem selbsternannten Gottkönig Atahualpa (Christopher Plumer) in dessen Festung Cajamarca. Jenes endet in einem Massaker an Atahuallpas unbewaffneten Gefolgsleuten durch die Spanier und seiner anschließenden Geiselnahme. Nur gegen Gold soll der Inka-Herrscher wieder freikommen, doch die spanischen Eroberer werden abermals wortbrüchig.

Basierend auf Peter Shaffers fünf Jahre älterem, gleichnamigen Theaterstück inszenierte Irving Lerner dieses kolonialismus- und zivilisationskritische Drama formal eher zurückhaltend und mit vergleichsweise spartanischer Ausstattung. Im Mittelpunkt steht die Beziehung zwischen Pizarro und Atahualpa, zwei ebenso unterschiedlichen wie sich wechselseitig attrahierenden Charakteren, die nach anfänglicher Distanzierung die Zeit haben, reziprok Akzeptanz Respekt und später Verständnis und gar so etwas wie Freundschaft füreinander zu entwickeln. Beiden Männern wohnt eine tiefliegende, jeweils anders geartete Form der Hybris inne; Pizarro, weil er sich als gesellschaftliche persona non grata unterhalb der Krone vehement gegen die Autoritäten auflehnt und Atahualpa, indem er sich als legitimen Gott und Sohn der Gestirne wähnt. Über ihre kulturellenund mentalen Schranken hinweg entdecken Eroberer und Geisel jedoch mancherlei Parallelen, die sie einer wie den anderen auch zu Gefangenen ihrer spezifischen Lebensumstände macht. Am Ende stehen, wie es typisch war für die Conquista und alle späteren imperialistischen Bestrebungen in der Weltgeschichte Verrat, gebrochene Versprechungen und der naive, enttäuschte Glaube geknechteter indigener Völker an so etwas wie überirdische Gerechtigkeit.
Ganz bewusst weckt Lerner regelmäßig Erinnerungen an größenwahnsinnig verschwenderisches Hollywood-Kino vom Schlage eines „Cleopatra“, zeigt im Gegenzug aber ebenso süffisant die Redundanz von Pomp und Luxus auf, wenn er etwa die Massakrierung der Inkas durch die Spanier zu einem Bolero ohne einen sichtbaren Blutstropfen stilisiert oder sich über weite Strecken auf Shaffers philosophisch überbaute Dialogaufzüge sowie dessen omnipräsente, feine Ironie konzentriert. Hier wird nicht nur mittels symbolischer Strahlkraft die hoffnungslose Überkommenheit des im Sterben liegenden Studiosystems aufgezeigt; „The Royal Hunt Of The Sun“ geriert diesbezüglich ungeachtet seines historischen Sujets zu einem Ensemblefilm und Kammerspiel, das primär von den darstellerischen Aufwändungen seiner Akteure zehrt anstelle von Produktionsmegalomanie. In erster Linie wären da gewiss der vor Wut brodelnde Shaw und der nahezu unirdisch kieksende, augenrollende und tänzelnde Plummer (der seine Rolle zuvor bereits am Broadway gespielt hatte) zu nennen, die sich, einem unablässigen Schlagabtausch gleich, eindrucksvoll die Seele aus dem Leib spielen. Aber auch der Support um Nigel Davenport als Pizarros Gönner Hernando de Soto oder Andrew Keir als fanatischem Inquisitor Valverde liefert Exzellenz.

8/10

THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI

„All this anger, man, it just begets greater anger.“

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri ~ USA/UK 2017
Directed By: Martin McDonagh

Eines Tages kommt Mildred Hayes (Frances McDormand) auf die Idee, die drei großen Werbeleinwände an einer Landstraße unweit ihres Hauses für einen ungewöhnlichen Zweck zu mieten: Mildreds Tochter Angela (Kathryn Newton) wurde sieben Monate zuvor just unter einer jener Leinwände vergewaltigt und ermordet. Die hiesige Polizei unter Chief Willoughby (Woody Harrelson) hat bislang keinerlei Indizien, die zu dem Täter führen – also formuliert Mildred eine bittere, diesbezügliche Anklage gegen den Chief und lässt sie auf die Leinwände plakatieren. Damit beschwört Mildred allerdings zugleich eine Menge Unbill herauf – ihre Aktion wird zum Politikum, das die meisten Leute der Gegend, allen voran Willoughbys Untergebener Officer James Dixon (Sam Rockwell), harsch gegen sie aufbringt.

Vor knapp zwei Jahren redete alle Welt über Martin McDonaghs dritten Film, wobei die meisten ihm sehr positiv zugewandt waren. Wie das in meinem Fall häufiger vorkommt, hatte ich infolge des unausweichlichen Hypes rasch keine Lust mehr, „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ anzusehen und schob ihn bis dato auf die lange Bank.
Nun also die Nachrüstung. Zugute legen muss man dem Werk wohl zuallererst, dass es nicht den Fehler begeht, seine binnen der ersten Erzählminuten installierten, figuralen Klischees stoisch durchzuexerzieren. Im Gegenteil scheint es McDonagh vielmehr darum zu gehen, primär etablierte und tradierte Charakterisierungen sowie die dazugehörigen Publikumsantizipationen zu unterminieren und entsprechende Konventionen zu sprengen. Aus dem designierten, einsamen Kampf einer verzweifelten Frau und Mutter gegen den Filz der sie umgebenden, allgegenwärtigen Provinzialität, wie man sie als mitteleuropäischer Zuschauer aus den allermeisten Filmen über Südstaatenkaffs hinlänglich kennt, erwächst nach und nach das mit unerwartbaren Wendungen gespickte Porträt zweier einsamer Menschen, die weitaus mehr gemeinsam haben, als sie wahrhaben wollen. Was sich sukzessiv, einer klassisch-westernanalogen Intimfeindschaft gleich, zu einem Privatkrieg jener beiden Individuen hochzuschaukeln verspricht, hebelt McDonagh durch den Kniff einer geschickten narrativen Zäsur aus: Der unheilbar an Krebs erkrankte Chief wählt den Freitod – und hinterlässt nicht nur seiner Witwe (Abbie Cornish) einen Abschiedsbrief, sondern auch Mildred und Dixon. Besonders letzteren bewegen Willoughbys unerwartet bestärkende Worte in Kombination mit einem durch Mildred verursachten Brandanschlag zum Umdenken. Mit Dixons Läuterung, die ihn vom versoffenen, stupiden Kleinstadtrassisten mit Mutterkomplex, von einem rundum hassenswerten Arschloch also, zu einem reflektierten, denkenden Menschen werden lässt, legt McDonagh eine recht wahghalsige inhaltliche Wendung vor, die später sogar in der zuvor undenkbaren Annäherung zwischen Dixon und Mildred führt, ohne, dass ihre ab diesem Zeitpunkt gemeinsame Geschichte konsequent zu Ende geführt würde. Diese Fantasie bleibt dann dem Zuschauer überlassen. Vorformuliertes ignoriert McDonagh jedoch auch in anderer, struktureller Hinsicht. Ein wesentlicher Faktor der Geschichte ist Mildreds Suche nach Erlösung, die sich oberflächlich ganz einfach einstellen könnte: in der Aufspürung und Bestrafung des Mörders ihrer Tochter nämlich. Doch auch diesbezüglich zeigt der Film eine lange Nase. Auf den sich zuspitzenden, üblicherweise gangbaren Thrill(er) werden jedenfalls eine Menge Leute umsonst gewartet haben.

8/10

IT CHAPTER TWO

„Time to sink.“

It Chapter Two (Es – Kapitel 2) ~ USA 2019
Directed By: Andy Muschietti

Aus Kindern werden Leute und auch der einstige „Club der Verlierer“ hat seine horrible Vergangenheit in Derry, Maine lange hinter sich gelassen. 27 Jahre nachdem die Kids seinerzeit „Es“ in Gestalt des Clowns Pennywise (Bill Skarsgård) den Garaus gemacht haben, fängt das Morden wieder an. Für Mike Hanlon (Isaiah Mustafa), der als einziger der damaligen Clique in Derry geblieben ist und sich als Bibliothekar und Chronist seither eingehend mit jenem namenlosen Schrecken befasst hat, der Anlass, seine früheren Freunde zu mobilisieren und zurückzubeordern, um das Grauen diesmal ein für allemal zu beenden.

Als designiertes Sequel setzt „It Chapter Two“ Andy Muschiettis Initialschuss der Zweitadaption von Stephen Kings 1986 erschienenem Wälzer fort. Darin widmet man sich den mittlerweile erwachsen gewordenen Kindern von einst, die, über die USA verstreut, als Frühvierziger nunmehr allesamt erfolgreiche Karrieren als Drehbuchautor, Entertainer, Manager oder Modedesignerin eingeschlagen haben, sich kaum mehr an die Geschehnisse von einst erinnern können, ihre jeweiligen Neurosen und Traumata jedoch nicht wirklich besiegt, sondern sie lediglich verdrängt und weggesperrt haben. Mit Mikes Anrufen brechen zugleich auch die alten, nur oberflächlich vernarbten Wunden wieder auf – für Stanley Uris (Andy Bean) in besonders markanter Weise: er wählt den umgehenden Suizid anstatt sich abermals dem inkarnierten Schrecken stellen zu müssen. Die übrigen Fünf kehren indes zurück nach Derry, wo Pennywise ihnen ohne großes Federlesens verdeutlicht, dass er diesmal nicht so klein beigeben wird wie noch vor 27 Jahren.
Muschietti nimmt sich alle Zeit der Welt für seine Fortsetzung, die es für sich auf stattliche 169 Minuten und damit fast allein auf die komplette Erzählzeit von Tommy Lee Wallaces TV-Fassung bringt. Das gesamte, neuverfilmte Opus, das insgesamt betrachtet dann auch Wallaces Version locker in den Sack steckt, erstreckt sich somit summa summarum auf runde fünf Stunden, wie man meinen möchte also hinreichend Zeit, um Kings Roman selbst in Details weithin gerecht werden zu können. Tatsächlich wächst der zweite Teil gegenüber dem ersten, da er die Bürde des Achtziger-Kids-Retro-Abenteuers nunmehr getrost ad acta legen und klassisches Genrekino präservieren darf. Dieses wahrt nunmehr noch immer den liebenswerten, manchmal etwas campigen Charme früherer King-Adaptionen, scheut sich nicht, hier und da zur Auflockerung kleine Humorsprenkler zu setzen und begreift sich ganz als lustvoller Ausflug in eine gewaltige Geisterbahn mit allen nur möglichen Registern. Zwischendurch scheint „It Chapter Two“ zwar ein wenig an Geschlossenheit einzubüßen, wenn er seine Protagonisten sich in aller narrativen Ruhe nacheinander ihren inneren Dämonen stellen lässt, die Pennywise natürlich allerbestens kennt und sie entsprechend lustvoll drangsaliert, andererseits verzeiht man Muschietti die entsprechend genommenen Freiheiten gern – man muss einfach honorieren, dass einem Filmemacher hier offensichtlich die Chance eingeräumt wurde, dem Publikum seine Vision halbwegs unberührt darbieten zu dürfen und sich im Gegenzug nicht hat mäßigen oder einschränken müssen. Sowas stellt ja, zumal im Vergleich zu früher, nunmehr eine Rarität im Kino dar.

7/10

DARK PHOENIX

„I’ve seen evil… and I’m looking at it now.“

Dark Phoenix (X-Men: Dark Phoenix) ~ USA/CAN 2019
Directed By: Simon Kinberg

Die „neue Vergangenheit“, 1992: Ein Rettungseinsatz im All konfrontiert die X-Men mit einer gewaltigen außrirdischen Macht, die sich mit der Telepathin Jean Grey (Sophie Turner) verbindet. Zurück auf der Erde ergreift jene Entität mehr und mehr Besitz von der ohnehin mächtigen Mutantin, derweil Charles Xavier (James McAvoy) alles dafür tut, sie zu retten und das zuletzt durch sein Insistieren hart erarbeitete, positive Renommee des homo superior zu wahren. Als durch Jeans Verschulden jedoch die Gestaltwandlerin Mystique (Jennifer Lawrence) zu Tode kommt, geht ein Riss durch die X-Men – Hank McCoy (Nicholas Hoult) verbündet sich mit Erik Lehnsherr (Michael Fassbender), die die immer wütendere Jean geneinsam aufhalten wollen. Doch sind da noch die D’Bari – Aliens, die der Jean inhärenten „Dark Phoenix“-Macht den Verlust ihres Heimatplaneten anlasten und sich nun mit dessen Hilfe auf der Erde ein neues Zuhause schaffen wollen. Dafür müssten Menschen und Mutanten jedoch aus dem Weg geräumt werden…

Um es kurz zu machen – „Dark Phoenix“, sowohl Sequel als auch Reboot, ist alles in allem der enttäuschendste aller bislang erschienen „X-Men“-Filme und unterbietet damit sogar noch Gavin Hoods erstes „Wolverine“-Solo. Bereits die Wahl des Regisseurs sät a priori berechtigte Zweifel am Gelingen des Projekts – mit Simon Kinberg entschied man sich für jemanden, der seit Brett Ratners „X-Men: The Last Stand“, also dem ursprünglich im Film erzählten Niedergang der damals noch von Famke Janssen gespielten Jean Grey, als Scriptautor und/oder Produzent an den meisten der seither erschienen Mutanten-Abenteuer beteiligt war, bis dato jedoch keinerlei inszenatorische Erfahrung aufwies. A posteriori zeigt sich bestätigend, dass ausgerechnet die von Kinberg geschriebenen X-Storys stets die schwächeren waren, was seiner Verpflichtung als Vorarbeiter ein nachgestelltes Stirnrunzeln abverlangt.
Ala Adaption der Comic-Original-Strecke von Chris Claremont und John Byrne, die zuerst 1980 in den Ausgaben 129 bis 138 der Serie „Uncanny X-Men“ erschien und seither als ewiger Klassiker zigmal neu ediert wurde, scheitert Kinberg jedenfalls nochmals genauso pompös wie bei seinem ersten Versuch mit „The Last Stand“. Auf wesentliche Elemente wie die Shi’ar und deren (mit Xavier nicht nur romantisch verbundenen) Herrscherin Lilandra Neramani oder das außerirdische Tribunal, dem sich Jean Grey und ihre Freunde stellen müssen, wurden aus Gründen der Komplexitätsreduktion verzichtet. Stattdessen bietet der Film vor allem seinen Stars Jennifer Lawrence, die (aus naheliegenden Gründen) offenbar keinen Bock mehr auf ihre „X-Men“-Beteiligung hatte und sich somit kurzerhand aus dem Franchise pfählen ließ sowie „Game-Of-Thrones“-Entdeckung Sophie Turner (die der charismatischen Janssen in keinster Weise das Wasser reichen kann) hinreichend Onscreen-Plattform und flicht außerdem noch den anscheinend zwingend zu beteiligenden Fassbender alias Magneto mit ein. Als wild fightender Wolverine-Ersatz muss im Showdown ausgerechnet der als höflich und liebenswert bekannte Kurt „Nightcrawler“ Wagner (Kodi Smit-McPhee) herhalten – eine wenig akzeptable Wendung für diese doch so konträr gelagerte Figur. Und die schöne Jessica Chastain? Die wird bloß unbekümmert verheizt.
Was ich mit alldem bereits zu verdeutlichen versuche, zeichnet sich anhand des gesamten Films ab – er wirkt von vorn bis hinten wie eine mühselige, für alle Beteiligten verpflichtende Plackerei, eine hochbudgetierte Pflichtübung, deren einziger Existenszweck ihre kommerzielle Spannweite zu sein scheint. Es gibt nur wenige schöne oder spannende Momente von der Art etwa, die Jean ihren (für sie überraschend überlebenden) Vater (Scott Shepherd) aufsuchen und zur Rede stellen lässt, sie bleiben Mangelware in diesem zwar professionell gefertigten, am Ende aber doch sich selbst und seinem Publikum gegenüber spürbar gleichgültig auftretenden, mediokrem Spektakel. Dass hier ein paasgetreuer Punkt erreicht wäre, um aufzuhören, wage ich in Anbetracht vieler schöner früherer Stunden mit den „X-Men“ nicht zu konstatieren; zudem ist „Dark Phoenix“ dafür doch noch nicht genug veritable Katastrophe. Ob die Super-Mutanten demnächst dann auch ihr eigenes „Homecoming“ in den Schoss des MCU erleben werden, mag sich ja ferner noch erweisen.

5/10