NUR GOTT KANN MICH RICHTEN

„Das is Business, Dicker.“

Nur Gott kann mich richten ~ D 2017
Directed By: Özgür Yildirim

Nach fünf Jahren im Knast wegen eines vergeigten Bruchs kommt der Kriminelle Ricky (Moritz Bleibtreu) raus. Für seinen Traum, seinen dementen Vater (Peter Simonischek) aus Frankfurt rauszuholen und ein Café auf Cabrera zu eröffnen, braucht er allerdings Startkapital. Dies erhofft er sich durch einen von seinem alten Kumpel Latif (Kida Khodr Ramadan) vermittelten Coup für den Albaner Branko (Cem Öztabakci) zusammenklauben zu können. Rickys jüngerer Bruder Rafael (Edin Hasanovic), selbst auf Bewährung und von eigenen Problemen gebeutelt, steigt widerwillig als dritter Mann ein. Natürlich geht alles schief; Ricky und Rafael werden von der Polizistin Diana (Birgit Minichmayr) gestellt und verlieren das gestohlene Heroin, das wiederum Diana, die dringend Geld für eine Herzoperation ihrer kleinen Tochter benötigt, an sich bringt, um es auf dem Schwarzmarkt abzustoßen. Dabei gerät sie über Umwege an Latif…

Bevor Özgür Yildirim zwei Episoden für die zweite Staffel der sehr einnehmenden Serie „4 Blocks“ inszenierte, ließ er diesen von ihm selbst gescripteten, nachtschwarzen Gangsterfilm vom Stapel, der der nunmehr ergiebigen Tradition des ins ethnische Milieu abtauchenden, deutschen Genrestücks folgt und ihr ein neues, matt schimmerndes Juwel hinzufügt. Dass die hierin vorkommenden Araber, Albaner und auch deutschstämmigen Szenegestalten keinesfalls über den eleganten Habitus ihrer globaler operierenden Berufskollegen verfügen, sondern viel eher dem kulturmuslimisch konnotierten Asisprech und Choleriker-, Bedrohungs- und Beleidigungsmachsismo Marke deutsches Großstadtghetto frönen, gilt es wie stets in diesen Fällen zu schlucken, auch, wenn es sich als nicht immer einfach erweist. Jedwede alternative Darstellung wäre aber vermutlich auch gestelzt bis unrealistisch. Ohne „Wallah!“ und Gangsterrap geht’s nicht.
Um einen pädagogischen Zeigefinger ist Yildirim kaum (weiter) bemüht. Seine Figuren stehen da, wo sie stehen, nämlich an der Wand. Sie können nichts anderes und sind durch ihren sozialen Mikrokosmos und die unweigerliche, permanente Konfrontation mit dem Rechtsstaat bereits einschlägig geprägt und können nur auf ihre Eins-zu-Einer-Million-Chance hoffen, die ihnen, das wissen wir schon seit Cagney und Robinson, am Ende sowieso verwehrt bleiben wird. Doch ist „Nur Gott kann mich richten“ nicht bloß eine weitere Rise-and-Fall-Studie. Er geht tiefer, entspinnt ein komplexes Geflecht aus Koninzidenzen, Schuld, Sühne und Gewaltkausalität, dass in seinen besten Momenten an den klassischen französischen Gangsterfilm gemahnt.
Jeder getane Schritt, zumal vom Protagonisten Ricky, führt eine Sprosse weiter abwärts, zum Privatschafott. So sehr er sich auch bemühen mag; Unbeherrschtheit, Gewaltbereitschaft und Boshaftigkeit zählen unweigerlich zu seinem Naturell. Im Gegensatz zu seinem Bruder Rafael, dessen Abwärtsspirale eher seiner postpubertären Unbeholfenheit zuzurechnen, der jedoch kein wirklich schlechter Kerl ist und selbst zu seinem Kumpel Latif und dessen mangelndem Durchblick, bleibt Ricky ein auch moralisch perspektiviert hoffnungsloser Kapitalverbrecher, der einen Fehler begeht, um den nächsten zu machen. Als interessantester Charakter erweist sich allerdings die Polizistin Diana. Selbst von teilweisen migrantischen Wurzeln geprägt, ist ihr gegenwärtiges Leben eine Müllhalde: Verlassen vom hochverschuldeten Mann und Vater des Kindes, das wiederum herzkrank ist und dringend ein Spenderorgan benötigt, vollzieht auch sie den Schritt auf die dunkle Seite, ein Changieren, das sie kaum minder als Ricky am Ende beinahe alles kosten wird.
Stark.

8/10

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ERCOLE E LA REGINA DI LIDIA

Zitat entfällt.

Ercole E La Regina Di Lidia (Herkules und die Königin der Amazonen) ~ I/F/E 1959
Directed By: Pietro Francisi

Herkules (Steve Reeves), seine Angetraute Iole (Sylva Koscina) und sein junges Mündel Odysseus (Gabriele Antonini) kehren von Ithaka nach Theben zurück, wo die Freunde die Stadt unter einem Bruderzwist ächzend vorfinden: Der halbwahnsinnige Eteokles (Sergio Fantoni) enthält seinem Bruder Polyneikes (Mimmo Palmara) die Herrschaft über Theben vor. Herkules will vermitteln, fällt jedoch einem Zauber der atlantischen Königin Omphale (Sylvia Lopez) zum Opfer, verliert das Gedächtnis und wird von der Mannstollen zum willenlosen, tumben Liebhaber umfunktioniert, derweil die arme Iole von Eteokles als Faustpfand gefangengehalten wird. Glücklicherweise gelingt es Odysseus, seinen Vater (Andrea Fantasia) herbeizurufen und Herkules wieder zur Räson zu bringen. Währenddessen spitzt sich die Situation zwischen den verfeindeten thebanischen Brüdern weiter zu…

An Pietro Francisis recht schick arrangiertes Scope-Sequel zu seinem Herkules-Startschuss „La Fatiche Di Ercole“ wirkte, hier und da immer wieder gut sicht- und spürbar, auch Mario Bava als Co-Regisseur, dp und S-F/X-Designer mit. So ist etwa Omphales gespenstische Ménagerie ihrer einbalsamierten Verflossenen ganz zweifellos das visuelle Werk des Maestro. Ansonsten verlässt sich der Plot im Wesentlichen auf den wie üblich beeindruckenden Steve Reeves und wie er dicke Steine zur Seite rollt, allerlei Eisenstäbe verbiegt und Tigern im Duell das Genick bricht. Camp, und ein bisschen doof dazu? Geschenkt. Darstellerische Hauptattraktion ist in jedem Falle Sergio Fantoni, der bevorzugt unschuldige Tröpfe an seine drei gestreiften Großkatzen verfüttert oder Jungfrauen von der Stadtmauer stößt und sich dann jedesmal tierisch ob seiner diebischen Boshaftigkeit kaputtlacht. Seien wir mal ehrlich: Hemmungslos overactendes Personal wie Fantoni ist es doch eigentlich, warum man Pepla so sehr mag und weniger die sich recht problemlos substituieren lassenden Muskelmänner in der Vorderfront. Dennoch, ohne bleckende Albi-Prachtkerle wie Steve Reeves kein Herkules, Maciste oder Ursus – und somit kein lustvoll daherfabulierter Unfug wie dieser.

6/10

36.15 CODE PÈRE NOËL

Zitat entfällt.

36.15 Code Père Noël (Deadly Games) ~ F 1989
Directed By: René Manzor

Thomas de Frémont (Alain Lalanne) ist neun Jahre alt, liebt reaktionäre amerikanische Actionfilme, Spiele aller Art und betätigt sich bereits als Nachwuchsprogrammierer. Thomas‘ Mutter Julie (Brigitte Fossey) arbeitet als Kaufhausmanagerin und ist daher auch an Weihnachten noch schwer beschäftigt, sein Großvater (Louis Ducreux) kümmert sich jedoch rührend um den Jungen. Thomas‘ größte Herausforderung zum Fest der Liebe besteht darin, die Existenz des Weihnachtsmannes zu beweisen. Zu diesem Zweck hat der Tüftler die gesamte, heimische Provinzvilla mit Kameras versehen. Der Herr (Patrick Floersheim) jedoch, der im Nikolauskostüm durch den Kamin herabkommt, ist mitnichten der liebe „Père Noël“, sondern ein mörderischer Psychopath, der just zuvor wegen einer Übergriffigkeit von Julie entlassen wurde. Allein in dem riesigen Anwesen muss sich Thomas gegen den tödlichen Weihnachtsmann zur Wehr setzen…

Als finsteres Märchen mit kindlichem Protagonisten, das sich dennoch an ein primär erwachsenes Publikum richtet, verortet sich „36.15 Code Père Noël“ irgendwo in der Genealogie zwischen Filmen wie „Night Of The Hunter“, „Something Wicked This Way Comes“, „Lady In White“ und „The Reflecting Skin“, in denen jeweils halbwüchsige Helden mit furchtbaren Erfahrungen und somit traumatischen Erkenntnissen über die Schattenseiten der Existenz konfrontiert werden. Auch Manzors Film, für dessen Genuss man als mündiger Zuschauer ein gerüttelt‘ Maß an Akzeptanzflexibilität aufbringen muss, gestattet sich dabei trotz aller Konsequenz immer wieder auch notwendige, ironische Brüche. Schon die Anfangssequenz, die mit einer abgewandelten Variation von „Eye Of The Tiger“ unterlegt ist, zeigt Thomas, wie er sich am Heiligmorgen martialisch ausstaffiert, um im Zuge eines seiner Kriegsspiele (die heimische Villa fungiert dabei für ihn wie ein gigantischer Abenteuerspielplatz) den Hund als Gegner zu jagen. Die Sequenz verbindet in einer Eins-zu-Eins-Montage einstellungsgetreu die beiden „Präparationsszenen“ aus „Rambo: First Blood Part II“ und „Commando“, in denen sich Stallone bzw. Schwarzenegger unter schwitzigem Muskelspiel waffenstarrend ausstaffieren, um sich hernach ihrer jeweiligen Mission widmen zu können. Zugleich ist Thomas bei aller technischen wie intellektuellen Hochbegabung jedoch auch noch ganz kleiner Junge, der sich den Zauber des Weihnachtsfests durch den festen Glauben an Père Noel, wie der Nikolaus in Frankreich gerufen wird, weiterhin präserviert. Sein ehrgeiziger Versuch, dessen Existenz zu beweisen, endet jedoch in der schlimmstmöglichen Bestrafung, die ein derartiger Frevel, also die radikale Konfrontation von Glauben und Vernunft, nach sich zu ziehen vermag: Die erste Handlung des eingedrungenen, psychotischen Weihnachtsmanns besteht darin, Thomas‘ Hund abzustechen. Was Manzor bereits zuvor als latente Bedrohlichkeit zeichnete, bricht sich hier endgültig Bahn; der Killer, der zu diesem Zeitpunkt bereits die Familie des Verwalters auf dem Gewissen hat, wird nicht davor zurückschrecken, in mörderischer Absicht auch auf Thomas und seinen halbblinden Großvater loszugehen. Einzig die Findigkeit des Jungen und seine wiederum kindlich bedingte Gabe, das Duell gegen den Irren wie eine seiner vielfach erprobten, kombattanten Spielsituationen zu begehen, helfen ihm, den Kampf erfolgreich durchzustehen. Wie und ob Thomas sich nach dieser gewaltsam-abrupten Negation aller infantilen Magie psychisch gesund weiterentwickeln soll, daran dürften nach Filmende berechtigte Zweifel bestehen.

7/10

LA LEGGENDA DI ENEA

Zitat entfällt.

La Leggenda Di Enea (Äneas – Held aus Troja) ~ I/F/YU 1962
Directed By: Giorgio Venturini

Sieben Jahre nach dem Tode seiner geliebten Krëusa, der Flucht aus dem von den Spartanern niedergebrannten Troja und einer anschließenden, entbehrungsreichen Odyssee landet Aeneas (Steve Reeves) mit seinen Leuten in Latium, wo er eine neue Heimat errichten will. Während der Segen des regierenden Königs Latinus (Mario Ferrari) ihm sicher ist, sieht der machthungrige Despot Turnus (Gianni Garko) in Aeneas einen lästigen Konkurrenten, den es flugs zu vertreiben gilt. Doch Aeneas‘ Pläne stehen bereits auf festem Boden und so bedarf es einiger Intrigen des bösen Turnus, sich der Neuankömmlinge zu entledigen. Der nachfolgende Konflikt kostet Aeneas viele Verbündete, doch beschert er ihm zugleich die Liebe einer neuen Zukünftigen, Latinus‘ Tochter Lavinia (Carla Marlier). Schließlich gelingt es Aeneas mithilfe der Etrusker, die feindlichen Heere zu vernichten und Turnus im Zweikampf zu besiegen. Der Grundstein für seine erste Stadt Lavinium kann gelegt werden.

Obschon das Sequel zu Giorgio Ferronis „La Guerra Di Troia“ sich augenscheinlich noch etwas kostengünstiger als der Vorgänger ausnimmt, die Kulissen (so etwa Aeneas‘ Ansiedlung, die aus ein paar notdürftig zusammengekloppten Holzverschlägen und einem ziemlich albernen Wehrzaun besteht) noch ein wenig billiger erscheinen und eine geringere Anzahl an Komparsen zur Verfügung stand, ist „La Leggenda Di Enea“ der eindeutig schönere Film der beiden. Steve Reeves rückt als Titelheld weiter ins Zentrum und spielt – freilich wieder mit derselben neckischen Bartfrisur ausgestattet – tatsächlich um Einiges dedizierter denn im Original; mit der aparten Carla Marlier steht ihm eine ausgesprochen reizende Gespielin zur Seite und mit Gianni Garko ein hervorragender, seine Diabolik genüsslich ausspielender Antagonist gegenüber. Vor allem Venturinis Regiekunst ist es jedoch, die „La Leggenda Di Enea“ zugleich zu einem der schönsten Reeves-Filme und damit folglich zugleich auch zu einem der schönsten mir bekannten Pepla macht: Der Mann bewies hier ein ausgezeichnetes Gespür für die Inszenierung von Schauplätzen, Räumen und Atmosphäre; allein die finale Konfrontation zwischen Aeneas und Turnus, die die beiden Kontrahenten auf ihren Streitwagen unter anderem durch ein pollengesäumtes Wäldchen führt, weit eine geradezu poetische visuelle Qualität auf und steckt jeden Aufzug aus Ferronis Film locker in die Tasche. Witzige trivia: Der zehnjährige Charles Band, dessen zu jener Zeit in Italien weilende Vater Albert an Script und Produktion mitwerkelte, spielt (unkreditiert) Aeneas‘ Sohnemann Ascanius.
Da die den Brückenlag zwischen griechischer und römischer Mythologie wagende Aeneas-Sage über einige Generationsumwege schließlich zu dessen Nachkommen Romulus und Remus führt, bietet sich der gleichnamige Film von Sergio Corbucci, der eigentlich noch vor „La Leggenda Di Enea“ entstanden ist, bestens zur weiteren Beschau an. Dem werde ich unlängst Rechnung tragen müssen.

8/10

AMERICAN RISCIÒ

Zitat entfällt.

American Risciò (American Rikscha) ~ I 1989
Directed By: Sergio Martino

Coconut Grove, Florida. Der Student Scott Edwards (Mitch Gaylord) bessert WG-Kasse und körperliche Fitness durch einen Nebenjob als Rikschafahrer auf. Als er eines regnerischen Tages die alte Chinesin Madame Luna (Michi Kobi) nach Haus fährt, erwartet ihn eine unglaubliche Reise in die Welt fernöstlicher Magie und in die guter wie böser Mächte in ewigem Widerstreit.

Sergio Martinos „American Risciò“ ist ein recht sonderbarer, oftmals surreal anmutender Vertreter im späteren Schaffen des Regisseurs. Das italienische Genre- und Plagiatskino darbte zum Ende der achtziger Jahre hin bekanntermaßen bereits beträchtlich und hatte sich dem allmählichen Siechtum zu überantworten. Einerseits bedauerlich, andererseits jedoch auch der periodische Wegbereiter für mitunter unfasslich Delirierendes wie diesen, auch „American Tiger“ titulierten, ominösen Gattungshybriden, der stilgerecht einmal mehr etliche US-Vorbilder aus jüngerer Entstehungszeit verwurstet und rezitiert und seine wüste, kaum nachvollziehbare Story dabei mit traumwandlerischer Selbstsichherheit präsentiert. Die beiden Hauptdarsteller Mitch Gaylord, Ex-Olympia-Goldmedaillengewinner im Geräteturnen, und die ansonsten unbekannte Victoria Prouty als Striptease-Animateuse nehmen sich in punkto darstellerischer Ohnmacht wenig und chargieren sich so durch die Szenen. Donald Pleasence spielt den Ober-Villain, einen bösartigen Fernsehprediger, der gierig ist nach Macht und Moneten und sich im Todeskampf in ein Wildschwein verwandelt. Dann hätten wir noch den sympathischen Daniel Greene, hier ausnahmsweise als ebenso miesgelaunter wie inkompetenter Sekten-Adlatus und Berufskiller am Start. Von Greene bin ich ja seit meiner Kindheit und seit dem damals gesehenen „Hands Of Steel“, ebenfalls von Maestro Martino, heimlicher Fan. Wie Reb Brown und Lou Ferrigno gehörte er zu jenen muskelbepackt-bärigen, amerikanischen Filmheroen der eighties, die wohl schlicht zu brav und zu nett waren, um in Hollywood langfristig Fuß zu fassen, daher die Traditionsnachfolge ihrer Peplum-Vorväter Steve Reeves oder Mark Forest antraten, ihr Glück in Italien versuchten, um dort billigen Variationen von Schwarzenegger- und Stallone-Krachern vorzustehen. Was Greene, wie auch seinen Kollegen, an schauspielerischem Können abging, machten sie durch Präsenz und Charisma wett und bereicherte somit manchen potenziellen römischen Heuler. So auch diesen. Die Szenen, in denen eine imaginäre Kobra Greene vom Vollzug seiner blutigen Profession abhält, oder sich ein verhexter Schlüssel durch seine Hand frisst, sind die heimlichen Höhepunkte dieses – höflich ausgedrückt – obskuren Films. Fairerweise muss man Martino jedoch zugestehen, dass er als Regisseur hier abermals einen durchaus ordentlichen Job macht – für das ganze, bizarre Brimborium drumherum mag man ihm so gar keine Schuld geben.

5/10

INSOMNIA

„You’re about as mysterious to me as a blocked toilet is to a fucking plumber.“

Insomnia ~ USA 2002
Directed By: Christopher Nolan

Die Police Detectives Will Dormer (Al Pacino) und Hap Eckhart (Martin Donovan) vom LAPD reisen in die Kleinstadt Nightmute, Alaska, um mithilfe der hiesigen Kollegin Ellie Burr (Hilary Swank) vor Ort den Mord an der 17-jährigen Kay aufzuklären. Gegen Dormer laufen daheim interne Ermittlungen wegen unsauberer Diensterfüllung, was den alternden Beamten neben der unablässigen Helligkeit durch die Mitternachtssonne nicht schlafen lässt. Auch Hap ist in die Untersuchung eingebunden. Im Zuge einer Tatortbegehung erschießt Dormer seinen Kollegen, den er für den ebenfalls dort befindlichen Mörder hält, im dichten Nebel und lässt hernach den Unfall so aussehen, als sei wiederum der Unbekannte der Täter. Als dieser, ein Kriminalschriftsteller namens Walter Finch (Robin Williams), sich Dormer zu erkennen gibt, beginnt ein Duell mit programmiert tödlichem Ausgang.

In Anbetracht von Nolans drittem Langfilm kommt man kaum umhin, selbigen seiner originären Vorlage, einem fünf Jahre älteren, norwegischen Thriller gleichen Titels, dessen Remake „Insomnia“ darstellt, gegenüberstellen. Nolans Film bildet gewissermaßen ein – im Guten wie im Schlechten – musterhaftes Beispiel der Hollywood-Adaption eines in Übersee gefertigten, innovativen Stoffs, der für das amerikanische und letzten Endes somit auch für das infolge sehr viel umfangreicherer PR wesentlich besser erreichbare, globale Publikum neu aufbereitet wird. Dazu gehören nicht einmal unbedingt der mit Alaska nunmehr bemühte US-Schauplatz, sondern vielmehr eine Starbesetzung, eine deutlich spürbar gefälligere, konsumierbarere Inszenierung und Dramaturgie und das trotz aller noch beibehaltenen Schwärze aufgeweichte Ende, das die Zuschauer sehr viel entspannter nach Hause zu schicken weiß. In Erik Skjoldbjærgs Original verliert der von Stellan Skarsgård still, aber ungeheuer beeindruckend interpretierte Kommissar Jonas Engström im Laufe der Geschichte jeglichen Sympathiebonus sowie jedwede Form moralischer Integrität. Engström, der im Gegensatz zu Will Dormer nicht mit Heldentod und Erlösung davonkommt, erweist sich schlussendlich als verwerflicher denn der ursprünglich gesuchte Verbrecher. Er avanciert zum verdienten Opfer seines eigenen Schuldkomplexes, der ihn ganz allmählich qualvoll auffressen wird. Eine solch finstere Conclusio mochte man der potenziell weitaus umfangreicheren Adressatenschaft der vorliegenden Hochglanzproduktion dann doch nicht zumuten. Nolans dennoch recht ansehnliche „Insomnia“-Revisite punktet stattdessen mit einem formidabel aufspielenden Antagonisten-Duo, das gleichfalls mit einem von Pacino gewohnt erstklassig gegebenen, immens sühnebedürftigen Antihelden auf der einen, wie Robin Williams im Zuge der damals just akuten Unterminierung seines zuvor so sorgsam gepflegten Image als Lieblingsonkel der Nation auf der diametralen Seite ins Rennen geht. Diese deutlich traditioneller angelegte, narrative Facette erleichtert einerseits den Zugang zum Topos, weicht ihn jedoch andererseits etwas unschön auf. Skjoldbjærgs Film sieht zwar nicht so chic aus wie Nolans, bleibt am Ende aber der eindeutige Sieger.

7/10

MANDY

„I’m your God now.“

Mandy ~ USA/UK/B 2018
Directed By: Panos Cosmatos

1983, irgendwo abgeschlagen in einem parallelen Amerika. Eine Gruppe satanistischer LSD-Hippies unter dem Vorsitz des größenwahnsinnigen Jeremiah Sand (Linus Roache) entführt mithilfe einer Gruppe durch Drogenexperimente derangierter Motorradfreaks den Waldarbeiter Red Miller (Nicolas Cage) und seine Freundin Mandy (Andrea Riseborough). Letztere soll sich Sand sexuell gefügig machen, was jedoch völlig in die Hose geht. Aus verletzter Eitelkeit heraus lässt Sand Mandy bei lebendigem Leibe verbrennen und den vermeintlich tödlich verletzten Red dabei zusehen. Dieser kann sich jedoch befreien und begibt sich auf einen blutigen Rachefeldzug gegen die esoterische Brut.

In den letzten Monaten führte in den Reihen der Online-Cinephilie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein Wahrnehmungsweg an „Mandy“ vorbei. Die zweite Regiearbeit von Panos Cosmatos, Sohn des 2005 verblichenen Filmemachers George Pan Cosmatos, wird von etlichen Filmfreunden allenthalben gralsartig vergöttert und verklärt. Dies sei Nicolas Cages großes Comeback nach einem langsam aber sicher besorgniserregenden Loch der DTV-Unebenheiten heißt es da, oder dass „Mandy“s wabernde Audiovisualität, die sich mit Nachdruck vor allem in seiner blutrotgefilterten Photographie und dem typisch dröhnenden Score des just verstorbenen, isländischen Komponisten Jóhann Jóhannsson expediert, bahnbrechend frisch und unverbraucht wirke.
Am Ende, das ist ja meistens so, kann die finale Begegnung der zuvor befeuerten, unbändigen Euphorie natürlich nicht das Wasser reichen. Das Meisterwerk, das manche in ihm sehen, dürfte „Mandy“ keineswegs sein, vielmehr eine in ihren tieferen Seelenebenen überaus schlichte Grindhouse-, Exploitation- und Zeithommage, ein (sehr vorsätzliches) trip movie, das Acidrausch und Wahnwitz kalkuliert verbindet und mich vornehmlich an Jason Eiseners ganz ähnlich getrimmten und gestimmten „Hobo With A Shotgun“ erinnerte. Cosmatos verquirlt alles Mögliche, was ihm in an Verquerem und Verrücktheiten in den Sinn kommt aus Comic, Musik, Film, Literatur und lässt seinen wild irrlichternden Metzger-Orpheus Nicolas Cage ins LSD-getränkte Schneekugel-Inferno abtauchen, ohne dass dieser je die Chance zu erlösender Glückseligkeit in Aussicht gestellt bekäme. Das ist natürlich alles von vergnüglicher Abseitigkeit, oftmals von grotesker Komik und entfaltet seine vermutlich größtmögliche Wirkung vor allem beim selbst intoxinierten Rezipienten. Dieser findet dann auch erstmal recht erschlagen von dem Frontalangriff auf Sinne und Impression, vermag die Quelle der Überwältigung tags darauf jedoch unter Umständen wie jede Art von Droge als dem Glück des Moments geschuldet einordnen.
„Mandy“ ist ein guter, ambitionierter, kleiner Schweinehund von einem Film, einer jedoch, dessen Bärbeißigkeit man nicht etwa den Fehler begehen sollte, als uneingeschränkt meisterlich einzuordnen. Einer solchen Qualitätsmaßgabe wird er auf lange Sicht nämlich nicht standhalten.

7/10