HOSTILES

„If I did not have faith, what would I have?“

Hostiles (Feinde – Hostiles) ~ USA 2017
Directed By: Scott Cooper

New Mexico, 1892. Kurz vor seiner Retirierung erhält der Indianerhasser Captain Joseph Blocker (Christian Bale) den Auftrag, den sterbenden Cheyenne-Häuptling Yellow Hawk (Wes Studi) und seine Familie zu den heiligen Stammesgründen in Montana zu eskortieren. Höchst widerwillig nimmt Blocker die Mission an. In der Prärie stößt man auf die verstörte Rosalee Quaid (Rosamund Pike), die just ihre gesamte Familie durch einen Überfall von Komantschen verloren hat. Blocker nimmt sie mit sich. Die folgende Reise konfrontiert die ungleiche, zunehmend dezimierte Gruppe nicht nur mit den rachedürstigen Indianern, sondern zudem mit gesetzlosen Trappern, dem Familienschlächter Wills (Ben Foster), den Blocker überführen soll, und rassistischen Ranchern. Dennoch gelangt man gemeinsam ans Ziel und, gewissermaßen, sogar darüber hinaus.

Ganz abgesehen davon, dass „Hostiles“ ein wunderschöner Genrefilm geworden ist, verlangt er hinsichtlich der Glaubwürdigkeit seiner Figurenentwicklung vielleicht das eine oder andere Zugeständnis – im Kern geht es schließlich um die, vielleicht gezwungenermaßen etwas einfältige, Menschwerdung eines unverbesserlich scheinenden Veteranen und Rassisten; darum, dass sich manchmal auch nach noch so prägenden und furchtbaren Ereignissen ein Schritt in die sehr viel humanistischere Gegenrichtung lohnt, den süßen Taumel der Erlösung von Geist und Seele inbegriffen. Wie Captain Joseph Blocker in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten mit seinen erklärten Widersachern, den amerikanischen Ureinwohnern, umgesprungen ist, lässt sich nur mutmaßen. Andeutungen und angerissene Anekdoten lassen jedoch darauf schließen, dass er seinem späteren Gefangenen Mills wenn überhaupt nur wenig nachstand. Dass Gewalt und Hass ihn zu allem anderen denn zu einem zufriedenen Menschen gemacht haben, lässt sich jedenfalls an seinem verhärmten Gesicht und seiner Reaktion auf den unliebsamen Geleitsauftrag ablesen. Doch selbst einer wie Blocker lernt noch dazu. Vergebung ist möglich, blindwütige Generalisierung kontraproduktiv, Integrität keine Frage von Herkunft oder Hautfarbe. Auch dass es moralische Konflikte geben kann und muss, wird der einstige, grantelnde Kommisskopf schließlich begreifen, wenn er ein letztes Mal die Waffe erhebt – diesmal gegen weiße Siedler und zum Schutze von Yellow Hawks Familie. Über den (trotz allem wahrscheinlich sehr viel ehrlicheren/authentischeren) Fatalismus eines „Ulzana’s Raid“ sind wir hier hinfort.
Mit „Hostiles“ wagt Scott Cooper neben der Ausleuchtung vieler anderer Gattungsexemplare auch eine Ehrerbietung an und für Ford, im Speziellen seinen „The Searchers“ und die Figur des Suchenden Ethan Edwards, der schließlich, am Ende seiner Suche und vor seiner Auflösung im Mythenpool des Westens, wenn vielleicht auch nur für einen kurzen Moment, das Licht findet. Kann auch einer wie Blocker, verblendet und verbohrt, über seinen Schatten springen? Wenn sich am Ende die letzte Tür schließt, weiß man diese Frage zu beantworten. Nur dass Joseph Blocker hineingeht und nicht, wie einst Ethan Edwards, heraus.

8/10

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THE WEEK OF

„Why the giggling?“

The Week Of ~ USA 2018
Directed By: Robert Smigel

Für den Familien- und Brautvater Kenny Lustig (Adam Sandler) wird’s eng: In einer knappen Woche steht die Hochzeit seiner Ältesten (Allison Strong) auf dem Plan. Bei dem Schwiegerpapa in spe handelt es sich um Kirby Cordice (Chris Rock), Promi-Chirurg und Societylöwe aus L.A. mit etwa dem hundertfachen Vermögen von Kenny, der dennoch darauf besteht, die Heirat, wie es die Tradition nunmal gebietet, selbst auszurichten. Bereits deren Prolog artet zum Riesendebakel aus: Weil das von Kenny ausgewählte Hotel alles andere als luxuriösen Ansprüchen genügt und dort zudem eine Panne nach der anderen um sich greift, muss Kenny sämtliche der von auswärts anreisenden Hochzeitsgäste in seinem doch recht beengten Haus unterbringen. Turbulenzen und Konflikte sind vorprogrammiert, zumal Kenny und Kirby sich ganz allmählich einen latenten Konkurrenzkampf zu liefern beginnen…

Des Sandmans neuester Netflix-Streich, der seine alten Eidgenossen Chris Rock und Steve Buscemi wieder ins Boot holt, fügt sich nicht nur völlig organisch und nahtlos in das mittlerweile wohl tatsächlich beispiellose Œuvre des Hauptdarstellers ein, sondern ist auch sonst eine formvollendete Komödie, die zu den besten Werken Sandlers zählt und ein veritables Geschenk für jeden erklärten Freund des Künstlers darstellt. Gut, als innovativ darf sich der Aufzug nicht eben bezeichnen, dafür sind die großen Vorbilder von Minnellis „Father Of The Bride“ bis hin zu Altmans „A Wedding“ dann doch zu präsent, und das nicht allein in ihrer inhaltlichen Grundierung. Man darf sich „A Week Of“ vielmehr so vorstellen, dass der entsprechende Inspirationsfundus kreativ genutzt wird, um sich in Sandlers seit eh und je etabliertes, amerikanisch-jüdisches Mittelklasse-Parallel-Universum zu assimilieren und gänzlich darin aufzugehen. Ein gewaltiges, liebenswertes Chaos mit etlichen, noch liebenswerteren Fremdschämmomenten entspinnt sich daraus, das zwar recht keck, aber niemals über Gebühr unappetitlich oder auch nur im Entferntesten misanthropisch daherkommt. Für jede einzelne Figur dieses an Charakteren alles andere als armen Kaleidoskops ist viel Liebe und/oder aufrichtige Sympathie vorhanden, die am Ende der Geschichte selbst noch die vermeintlichen Verlierer als Gewinner dastehen lässt. Die Gagdichte ist enorm und, was noch schöner ist, die allermeisten sitzen auch, und zwar am rechten Fleck.
Das Finale ist dann wie es sich ja letzten Endes ziemt, ein klein wenig weinerlich geraten – die zwei Antagonisten respektive (Schwieger-)Väter raufen sich zusammen und erkennen jeweils an, was der Konterpart dem Gegenüber voraus hat und dürfen die gewaltige Erkenntnis für sich in Anspruch nehmen, dass der materiell Unvermögendere keinesfalls der Ärmere der beiden ist. Diese kleine, nicht unbedingt weise umrahmte Sozialfabel gehört jedoch zwingend zum Gesamtbild, ebenso wie das in gegenwärtigen Zeiten scheinbar wieder nötige Versprechen von der interethnischen Verständigung. Dass ein weißes, jüdisches Mädchen den Spross eines reichen Afroamerikaners heiratet, sollte eigentlich längst eine Selbstverständlichkeit sein. Dass „The Week Of“ diese Kernprämisse als ebendies wahrnimmt, macht ihn nur noch schöner.

8/10

EIÐURINN

Zitat entfällt.

Eiðurinn (Der Eid) ~ IS 2016
Directed By: Baltasar Kormákur

Der in einem Hospital von Reykjavík tätige Chirurg Finnur (Baltasar Kormákur) ist völlig vernarrt in seine ältere Tochter Anna (Hera Hilmar), die ihm jedoch seit einiger Zeit mehr und mehr entgleitet. Anna pflegt eine Beziehung zu dem Kleindealer Óttar (Gísli Örn Garðarsson), der nicht nur Beziehungen zur Unterwelt pflegt, sondern auch Anna offensichtlich immer wieder mit Rauschmitteln versorgt. Finnur versucht alles, um das Mädchen von Óttar loszueisen, unter anderem setzt er einen anonymen Anruf bei der Polizei ab, die im Zuge einer Wohnungsdurchsuchung sämtlichen Stoff bei Óttar beschlagnahmt. Als der selbst zusehends unter Druck geratende Kriminelle eine Entschädigung für den erlittenen Verlust verlangt und Finnurs Familie bedroht, entwickelt der sich mehr und mehr in seine Aggressionen steigernde Arzt einen Plan, um Óttar endgültig verschwinden zu lassen…

Einer ganz ähnlichen Handlungsprämisse folgend wie der sehenswerte dänische Rachethriller „Underverden“, lässt Baltasar Kormákur seinen von ihm selbst interpretierten Protagonisten keinen Feldzug gegen die gesamte Unterwelt unternehmen (wobei auch „Eiðurinn“ zunächst diese Richtung einzuschlagen scheint), sondern belässt es bei einem gezielt durchgeplanten, qua aus der Not geborenem „Vergeltungskonzentrat“. Finnur weigert sich, das ohnehin allzu sehr mäandernde Leben seiner heißgeliebten Anna vollends in den Ausguss fließen zu lassen und kriminalisiert sich stattdessen zunehmend selbst. Seine Aktionen gegen den verhassten, immer weiter in die Enge getriebenen Óttar (den Kormákur zwar nicht völlig eindimensional, aber doch keinesfalls als potenziellen Sympathieträger dastehen lässt) werden immer entschiedener, die Gewaltspirale entfesselt sich. Schließlich verkehren sich die Vorzeichen; Óttar gerät in die zu allem entschlossenen Fänge Finnurs, der seinen dereinst geleisteten Hippokratischen Eid, der sich bekanntermaßen der Versicherung widmet, Leben unter allen Umständen zu schützen und zu bewahren, schließlich maßlos pervertiert, indem er seinen Gefangenen zunächst systematisch an den Rand des Todes treibt, um hernach einen öffentlichen Rettungsversuch auf dem OP-Tisch zu inszenieren, der jedoch nur misslingen kann. Finnur erweist sich daraufhin als intelligent und standfest genug, den Nachstellungen und Verdächtigungen der ermittelnden Polizisten zu trotzen, kann jedoch nicht verhindern, dass Anna, die Óttar inbrünstig geliebt hat, die Wahrheit in Erfahrung bringt. Seine Tochter hat Finnur damit endgültig verloren; sein Berufsethos entehrt und sich somit als sehr viel veritabler Verbrecher denn sein Opfer erwiesen.
Baltasar Kormákur, dessen filmkreativer Aktionsradius zwischen Hollywood und Island oszilliert, ist mit „Eiðurinn“ ein ungemein fesselndes Selbstjustizdrama gelungen, das vor allem von der eiskalten Kulisse des Inselstaats profitiert. Die der Aggressionsabfuhr dienenden Fahrradtouren Finnurs durch die kargen Landschaften außerhalb Reykjavíks erinnerten mich an Dumonts „L`Humanité“; die Hauptfigur mit sich und ihren widerstreitenden Emotionen in gezielter, selbstgewählter Isolation. „Eiðurinn“ macht nicht viele Worte, verzichtt auf Geschwätzigkeit und lässt Bilder und Stimmungen für sich kommunizieren. Dass die ihm inhärente Spannung und die Ungewissheit, wie es für die Beteiligten ausgehen wird, das Publikum spielend bei der Stange halten, ist ganz Kormákurs Verdienst.

8/10

LILIES OF THE FIELD

„I cannot see further and I cannot believe further.“

Lilies Of The Field (Lilien auf dem Felde) ~ USA 1963
Directed By: Ralph Nelson

Der farbige Gelegenheitsarbeiter Homer Smith (Sidney Poitier) ist mit seinem Wagen auf dem Weg durch die Wüste von Arizona. Um Kühlwasser nachzufüllen, macht er Station bei einer kleinen Gruppe Nonnen aus Europa, die mitten im Nirgendwo ein kleines, armseliges Konvent unterhalten. Für die Oberin Mutter Maria (Lilia Skala) ist Homer ein Geschenk des Himmels: Hier ist der Mann, der ihr die lang ersehnte Kapelle auf ihrem Grund bauen wird, damit die mexikanischen Einwanderer der Gegend ihre Sonntagsmesse endlich nicht mehr unter freiem Himmel besuchen müssen. Während Homer jedoch ein Entgelt für seine Mühen erwartet, über das die Schwestern nicht verfügen, nötigt Maria ihm geschickt Gewissen und Ehrgeiz ab, um das Projekt „Kapelle“ nach einigem Hin und Her doch noch in Angriff zu nehmen.

Nach seinem sogleich meisterhaften Leinwanddebüt „Requiem For A Heavyweight“ widmete sich Ralph Nelson einem etwas luftigeren, weniger schwermütigen Stoff mit einem bestens aufgelegten Sidney Poitier in der Hauptrolle. Vor allem der Hauptrollen-Oscar für Poitier, der erste und einer von bis heute lediglich Vieren für männliche afroamerikanische Darsteller, sorgte für nachhaltige Popularität für diese leise Komödie mit ernsten Untertönen hier und da. Seinen vornehmlichen Reiz bezieht „Lilies“ aus seiner Figurenkonstellation – sehr konträr angelegten Charakteren, deren Lebensziele letzten Endes identisch sind. Der Arbeiter-Tramp Homer Smith, ein intelligenter, vor Selbstbewusstsein strotzender Libertin, der sich die Welt macht, wie sie ihm gefällt und der sein Schlafgemach stets bei sich trägt, ist das Musterbeispiel für das neu erwachende, schwarze Selbstbewusstsein Amerikas. Homer ist keiner, der sich widerspruchslos „Boy“ nennen lässt und keiner, der es für selbstverständlich hält, dass seine Pigmentierung ihn minderwertiger dastehen lässt als irgendein hellhäutigeres Individuum.
Dem Nonnen-Quintett indes verlangt es nicht minder an Freiheit: Man erfährt, dass die fünf Frauen aus dem Ostblock, teils aus der DDR, stammen und den langen Weg nach Amerika mit einiger Not und unter Entbehrungen bewältigt haben, nur um schließlich am buchstäblichen Arsch der Welt ihr kärgliches Auskommen zu finden. Die zunächst imaginäre, später ansehnlich fertiggestellte Kapelle wird somit für die sich zu miteinander heimlich sympathisierenden Antagonisten Homer und Maria mehr und mehr zu einem Symbol für ihre jeweiligen Ideale und dafür, gegen alle Widerstände etwas zu schaffen, was zuvor niemand für möglich gehalten hätte. Der heimliche, nie gänzlich eskalierende Konflikt zwischen Arbeiter und Mutter Oberin befeuert und beflügelt den wechselseitigen Idealismus nur; es geht schließlich darum, der bzw. dem anderen zu zeigen, dass Aufgeben keine Option darstellt. Das Problem des unterschwelligen Alltagsrassismus klingt dabei immer wieder an; die beiden mentalen Kontrahenten bezeichnen sich jeweils gegenseitig als „Hitler“ (wobei es dabei weniger um menschliche Belange denn um Dominanzverhalten geht), der lokale Bauunternehmer Ashton (von Nelson unkreditiert selbst gespielt) hat erstmal den nötigen Respekt vor Smith zu erlernen. Homers wesentliches (und berechtigtes) Misstrauen gegen alle Weißen stößt bei den Nonnen von hinter dem Eisernen Vorhang derweil ins Leere, denn die Damen scheren sich nicht um Hautfarbe. Am Ende, der Plan ist aufgegangen, haben alle nach der einen oder anderen Turbulenz ihr individuelles Ziel erreicht. Fast wehmütig, aber doch in berechtigtem Stolz, geht man auseinander und hat mancherlei Lektion gelernt.

8/10

BLACK PANTHER

„It’s hard for a good man to be a king.“

Black Panther ~ USA 2018
Directed By: Ryan Coogler

Nachdem T’Challa (Chadwick Boseman), der mit der Nachfolge seines Vaters T’Chaka (John Kani) nicht nur die Königswürde über den westafrikanischen Staat Wakanda, sondern zudem auch den Status als dessen Beschützer Black Panther übernommen hat, sieht er sich sogleich einer ersten, großen Herausforderung gegenüber: Sein in Amerika aufgewachsener Cousin Erik Killmonger (Michael B. Jordan), dessen Vater N’Jobu (Sterling K. Brown) einst einen antirassistischen Guerillakrieg vom Stapel lassen wollte, will das Erbe seines damals von T’Chaka aufgehaltenen, alten Herrn antreten, T’Challa vom Thron stoßen und mithilfe der gewaltigen Vibranium-Vorkommen im Land einen globalen Krieg gegen die weiße Vorherrschaft anzetteln. Nach einem ersten Duellsieg über T’Challa sieht es beinahe so aus, als gelänge Killmonger sein Vorhaben…

Über vierzig Jahre, nachdem das black consciousness seine Spuren in Form mehrerer Superhelden bereits in den Comics hinterließ, holt das MCU jene Figuren nun auch auf Mattscheibe und Leinwand. Nach Luke Cage, ehedem noch „Power Man“ genannt, der bereits seit der ersten „Jessica Jones“-Season fester Bestandteil der Netflix-Serien-Abteilung ist, erhält nun also auch Black Panther, originär afrikanischer Held, der erstmals als Nebencharakter in „Captain America: Civil War“ zu sehen war,  seinen großen Kinoauftritt. Cooglers Film wurde ein unerwartet großer Box-Office-Hit, was ihm jedoch sehr zu gönnen ist. „Black Panther“ erweitert und öffnet das MCU in einige neue Richtungen; nicht nur regional, sondern auch im Hinblick auf Mentalitätsvielfalt und Figurenzeichnung. Es dürfte sich bis dato wohl um den „märchenhaftesten“ aller Marvel-Filmbeiträge handeln und damit zugleich auch um den familiengerechtesten. Ob die unübersehbaren Einflüsse typisch-klischierter Hollywood-Afrika-Folklore aus bereits klassischen Erzählrahmen wie „Coming To America“ oder „The Lion King“ mit der Übernahme der Marvel Studios durch den Disney-Konzern zusammenhängen, kann Zufall sein oder auch nicht. Wie ich gelesen habe, kreiden diverse Kritiker diese Naivität dem Film als campig und teils sogar unbesonnen an; er sei eine wohlkalkulierte Blockbuster-Antwort auf die neu aufgeflammten Gleichberechtigungsbestrebungen der letzten Jahre und damit verlogen und vermeidbar.
Ich finde solche Stimmen recht bedenklich. Hier werden in einem betont fiktionalen Erzählkosmos im Prinzip die gleichen Schritte nachvollzogen, wie sie auch im Vorbildmedium getan wurden. Dagegen ist nichts zu haben. „Black Panther“ präserviert einen coolen Helden, der Stolz, Würde und Identitätsfestigkeit transportiert, von denen angreifbare Charaktere wie Tony Stark oder Bruce Banner bestenfalls träumen können. T’Challa ist eben Aristokrat, kein Sprücheklopfer oder Possenreißer. Diesen Part übernimmt seine vorlaute kleine Schwester Shuri (zuweilen ein wenig enervierend: Letitia Wright), die dem Panther aufgrund ihrer naseweisen Cleverness dann auch gleich mal das gesamte, ausgeklügelte technische Equipment liefert. Ein wenig James Bond fließt gleich auch noch mit hinein, wenn der T’Challa in der ersten Filmhälfte einen farbenfrohen Ausflug nach Busan unternimmt, um sich dort den schurkischen, einarmigen Waffenhändler Ulysses Klaue (herrlich überdreht und leider allzu früh aus dem MCU getilgt: Andy Serkis, mal ohne Motion-Capture-Anzug) ins Netz zu holen, actionreiche Autoverfolgungsjagd inbegriffen.
An den CGI hätte man hier und da gewiss noch etwas feilen können; Gimmicks wie die hochtechnisierten Gleiter und die gepanzerten Streit-Nashörner meint man an anderer Stelle schon eleganter getrickst gesehen zu haben. Dies bleibt jedoch Makulatur und schadet dem Gesamteindruck wenig bis gar nicht: „Black Panther“ ist – schon wieder – ein bestens aufgelegter, schöner, vitaler Superheldenfilm mit dem Herzen am rechten Fleck.

8/10

BLADE RUNNER 2049

„Things were simpler then.“

Blade Runner 2049 ~ USA/UK/CAN/HU 2017
Directed By: Denis Villeneuve

Los Angeles, 2049. Dreißig Jahre, nachdem Rick Deckard (Harrison Ford) und die Replikantin Rachael verschwunden sind, stößt der Blade Runner K (Ryan Gosling), selbst ein Replikant der neueren Bauart „Nexus 9“, nach der Stilllegung eines seiner flüchtigen Artgenossen (Dave Bautista), die sich als Renegaten selbstständig gemacht haben und verstecken, auf ein Grab, in dem sich die Überreste einer Replikantin befinden, die offenbar während einer Niederkunft gestorben ist. Der hochbrisante Fund, der beweist, dass die künstlichen Wesen zur Fortpflanzung fähig sind, unterliegt einerseits strengster Geheimhaltung – K erhält den Auftrag, sämtliche mögliche Mitwisser ebenfalls in den Ruhestand zu versetzen – und erregt andererseits das Interesse des Großindustriellen Niander Wallace (Jared Leto), der die frühere Tyrell Corporation übernommen hat und nunmehr führender Magnat auf dem Konstruktionssektor künstlicher Intelligenz ist. Wallace will unbedingt herausbekommen, welcher auslösende Faktor für die Fruchtbarkeit der Replikantin, bei der es sich um Rachael handelte, verantwortlich ist und wo sich ihres und Deckards Kind mittlerweile erwachsenes Kind befindet. Er lässt sowohl K als auch Deckard, den K sucht und schließlich im verlassenen Las Vegas ausfindig macht, jagen.

Tja. Der großen Euphorie, die „Blade Runner 2049“ bei seiner Kinopremiere empfing, kann und mag ich micht nicht recht eingemeinden, letzlich aus primär subjektiven, stark emotional gefärbten Gründen, wie ich anschließen möchte. Vermutlich stellt Dennis Villeneuves Film die bestmögliche aller denkbaren Alternativen dar, nachdem man sich der zwangsläufigen Hypothese widmet, wie ein etwaiges Sequel, so man sich denn mit der Idee arrangiert, dass ein solches überhaupt eine Existenzberechtigung erhält, sonst noch ausgefallen sein könnte. Ich gelange im Zuge aller diesbezüglichen Überlegungen jedoch immer wieder in dieselbe gedankliche Sackgasse, die mich starken Zweifeln eben genau darüber aussetzt, ob eine Fortsetzung überhaupt nötig war und ist.
„Blade Runner“ ist für mich (ausschließlich eigenbiographisch betrachtet) das möglicherweise wichtigste Exponant der Siebenten Kunst überhaupt. In einigen der vulnerabelsten und sensibelsten Phasen meines Lebens hat Ridley Scotts unglaublich reichhaltiger Film mir elementare Antworten beschert und meiner Liebe zum Medium Film den unerschütterlichsten aller Sockel gegossen. Vielleicht gab es sogar Zeiten, in denen er mich buchstäblich gerettet hat. Wenn ich an meine Phase zwischen dem dreizehnten und zwanzigsten Lebensjahr zurückdenke, was grob der Spanne zwischen 1989 und 1996 entspricht, denke ich an viele wichtige charakteristische Ereignisse, unter denen die immer wieder erfolgenden, regelmäßigen Betrachtungen dieses Films auf den oberen Plätzen rangiert. Ich muss „Blade Runner“ damals gewiss um die fünfzig Male (oder öfter?) gesehen haben, in den unterschiedlichsten emotionalen, psychischen und Bewusstseinszuständen und habe ihn dabei so sehr durchdrungen und internalisiert, wie das bei und mit einem Film wohl überhaupt nur möglich ist.
Soviel zu der Frage, auf welchen Nährboden eine Fortsetzung in meinem Herzen und meinem Verstand stößt. Jener Nährboden ist über die Jahre kultiviert, beackert, zerfurcht wurden, hier und da zur Brache verödet, aber immer wieder zu neuer Blüte erwacht. „Blade Runner 2049“ hat insofern den ersten, nebligen Effekt auf mich, als versuchte jemand, mir den urplötzlich aufgetauchten Bruder eines immens wichtigen, alten, liebgewonnenen Freundes als gleichwertig vorzustellen und zu sagen: „Bitte, der ist jetzt da, finde ihn toll. Du kennst ihn zwar nicht, aber er kann und weiß alles, was dein Kumpel kann und weiß, ist aber viel jünger, jovialer und total selbstbewusst.“ Am Ende, nach einer gemeinsamen Kneipentour vielleicht, fand ich den Burschen eigentlich nicht mal unsympathisch, aber brüderliche Liebe? Von jetzt auf gleich noch dazu? Niemals.
Villeneuve spinnt also das originäre „Blade Runner“-Universum fort. Nicht das von Dick, sondern das von Scott, dezidiert das Kino-Universum. In der filmischen Realität ist etwas weniger Zeit vergangen als in der unsrigen, tatsächlichen, nämlich nur dreißig statt fünfunddreißig Jahren. L.A. ist noch immer ein gewaltiger, urbaner Moloch, mittlerweile so extrem vom Smog durchdrungen wie eine chinesische Großstadt bereits heute, dröhnen die Häuserschluchten nach wie vor vom cityspeak wieder. Die neueren Replikanten teilen sich ihren Status als künstlich intelligente, lebensechte Kreaturen mit holographischen Freunden und HausgenossInnen, die mögliche Einsamkeit kompensieren. Auch K gehört zu jener jüngeren Androidengeneration, die um ihre existzenziellen Wurzeln wissen und sich kritiklos mit ihnen abfinden können, um Rebellionen, wie es sie früher immer mal wieder unter ihren unzufriedenen Vorgängermodellen gab, vorzubeugen. K weiß, dass seine Kindheitserinnerungen artifizieller Natur sind. Sein Ich-Bild gerät zwar zwischenzeitlich zunehmend ins Wanken, rekonfiguriert sich jedoch nach der bitteren Desillusionierung, dass er doch nicht „mehr“ ist, als er kurzfristig zu sein glaubt.
Dennoch steht wie damals der große, philosophische Diskurs im Zentrum, was Menschlichkeit überhaupt ausmacht und ob sie sich zuverlässig definieren lässt. Die Antwort, die Villeneuves Film liefert, ist dabei sehr viel eindeutiger als damals die bei Scott. In einem Interview gab Villeneuve zum Besten, er „liebe Geheimnisse“. Dem trägt er dadurch Rechnung, dass die Frage nach Deckards Identität weiterhin unbeantwortet bleibt. Replikanten gibt es mittlerweile nämlich in den unterschiedlichsten Variationen. Manche, die mittlerweile als Fehlschlag kategorisiert sind und nach wie vor gejagt werden (warum K nebenbei nicht arbeitslos ist), haben eine unbeschränkte Lebensdauer, andere, wie K, sind zumindest augenscheinlich im Hinblick auf ihre reine Funktionalität hin, optimiert und problemlos, indem sie weder sich selbst, noch ihre Entstehung hinterfragen.
„How can it not know what it is?“ fragte Deckard den alten Tyrell einst, nachdem er die sich menschlich glaubende Rachael dem Voight-Kampff-Test unterzogen hatte und feststellte, dass sie künstlich sein muss. So tief geht „Blade Runner 2049“ nicht mehr. Die Revolte gegen ihre gottgleichen, menschlichen Schöpfer pflegt eine kleine Replikanten-Gruppe unter der geheimnisvollen Freysa (Hiam Abass), nun organisiert und aus dem Untergrund heraus. Eine vergleichsweise lose, inhaltliche Volte, die vornehmlich dazu dient, K, der mit Goslings schiefem Dackelblick immer konsequenter zum Humandasein schielt, gegen Ende doch noch den Boden unter der Füßen wegzuziehen. Ihm bleibt dann nur noch die überfällige Familienzusammenführung, bevor er zu Vangelis‘ Partitur (die jetzt von Hans Zimmer und Bejamin Wallfisch aufbereitet wird), im Schnee sitzt und (vermutlich) ausgeht, in den Ruhestand versetzt wird, sprich. Time to die. Again. Ob ich das sonderlich originell finden möchte, wie so viele andere Elemente, die Villeneuve siegesgewiss als genau das – nämlich originell – veräußert, kann ich noch immer nicht recht sagen.
„Blade Runner 2049“ ist gewiss kein schlechter Film. Er ist immer noch hinreichend visionär und von etlichen Meistern ihres Fachs in streckenweise gewiss bravourösem Zusammenspiel kreiert worden. Er macht seinem Vorbild keine Schande und erweist ihm seine Ehrerbietung, so gut es ihm möglich ist. Der göttliche Funke jedoch, jener manchmal winzig kleine Sprenkler, der schlussendlich veritables Genie vom zuverlässigen Gesellenstück abhebt, der fehlt.

8/10

SILENCE

„Go on, pray. But pray with your eyes open.“

Silence ~ USA/UK/I/J/TW/MEX 2016
Directed By: Martin Scorsese

Um den Verbleib des Missionars Cristóvão Ferreira (Liam Neeson) zu klären, reisen die zwei jungen, portugiesischen Jesuiten-Pater Sebastião Rodrigues (Andrew Garfield) und Francisco Garupe (Adam Driver) im Jahre 1638 nach Japan. Vor Ort erweist sich die Situation für Christen und einheimische Konvertiten als höchst brisant: Eine hiesige Inquisitionsabteilung betreibt eine gnadenlose Verfolgung der abendländischen Religionsstifter und der regionalen Christen und macht sich dafür Folter und Hinrichtungen zunutze. Das langfristige Ziel, die Wiederausrottung des Christentums in Japan, versucht der mächtige Inquisitor Inoue (Issei Ogata) durch die sukzessive Bekehrung der europäischen Missionare. Nach einer längeren Reise zwischen Versteck und Flucht gerät Rodrigues schließlich in die Hände Inoues, der ihn mit allerlei Zermürbungstaktiken zur Abkehr von seinem Glauben treiben will. Garupe stirbt derweil bei einem Versuch, das Ertränken japanischer Christen zu verhindern. Die Gerüchte um Ferreiras Apostasie erweisen sich indes als höchst zutreffend. Schließlich schwört auch Rodrigues nach immer harscher werdenden Folterungen öffentlich dem Christentum ab und ist fortan gezwungen, als Japaner und unter japanischem Namen zu leben.

Der Wunsch nach einer eigenen Filmadaption des Roman „Chinmoku“ von Endō Shūsaku trieb Scorsese bereits lange Jahre um, bevor er das Projekt nach einigen Fehlstarts endlich realisieren konnte. Scorsese, für den Wohl und Wehe des Christentums, des Glaubens und des Katholizismus stets ein künstlerisches Zentralmotiv bildete, konnte sich damit nach langer Zeit einen kreativen Traum erfüllen, dessen ehrgeizige Entschlossenheit im Rücken stets spürbar bleibt. Der Topos von der unerbittlichen Christenverfolgung im Japan des 17. Jahrhunderts, die vor allem aus außenpolitischen Gründen zunehmend radikal praktiziert wurde, erweist sich mit Betrachtung des Films denn auch tatsächlich als fruchtbarer Stoff für ein reiches Kinodrama. Wo frühere historische culture clash epics wie „Shogun“ oder „Tai-Pan“ versuchten, ein wechselseitiges Verständnis der globalkulturellen Antipoden zumindest im Keim zu evozieren, bemüht sich Scorsese um ein sehr viel realistischeres, gänzlich entromantisiertes Zeitporträt. Von Anfang an stehen die nach Japan entsandten, europäischen Glaubensstifter hier auf verlorenen Posten; nach einer vorausgehenden, anfänglichen Öffnung gegenüber dem westlichen Einfluss hatte Japan unter dem Feudalherrscher Tokugawa Ieyasu gegen sämtliche Missionierungsversuche vor allem seitens der Spanier und Portugiesen dichtgemacht und sorgte nun mithilfe inquisitorischer Organisation für eine großflächige Re-Konvertierung der Einheimischen, sowie, im besten Falle, die Apostasie der westlichen Immigranten. Diese wurde durch psychischen wie physischen Druck und Folter erreicht: Zum Zeichen ihres ernstgemeinten Glaubensverzichts hatten die abtrünnig gewordenen Christen auf ein Kruzifix zu treten oder ein Bildnis der Jungfrau Maria zu bespucken. Mit der späteren Einbürgerung und Assimilation der Abendländer erfolgte ein weiteres Signal des Triumphs der japanischen Unbeugsamkeit wider die missionarischen Bestrebungen der katholischen Kirche.
Gleichermaßen Leitmotiv wie interessante Figur in „Silence“ ist die des Japaners Kichijiro (Yôsuke Kubozuka), der vortreflich die Zerrissenheit zwischen den diametralen Oktroyanten Kirche und Feudalsystem personifiziert. Zunächst bekehrt, schwörte Kichijiro dem Christentum als einziges Mitglied seiner Familie wieder ab (die anderen wurden hingerichtet) und führt nun ein Leben als entwurzelter Entehrter, vom Paulus zum Saulus. Immer wieder begegnet Rodrigues Kichijiro, der ihn mal verrät und ihn mal um Absolution anfleht, je nach gegenwärtiger Lage. Bis zu seinem Ende wird er heimlich ein Kreuz bei sich tragen. Im Charakter Kichijiros findet sich ein waches Bild für die damalige Ausbreitung des Christentums: Einem exotischen Virus gleich sorgte es einst für Chaos und Identitätsverlust. Ob dies eines der von „Silence“ intendierten Postulate ist, weiß ich nicht recht. Empfangen habe ich die Botschaft so oder so.

8/10