THE NUN

„What’s the opposite of a miracle, Father?“

The Nun ~ USA 2018
Directed By: Corin Hardy

Zu Beginn der fünfziger Jahre stößt der in der rumänischen Provinz lebende, kanadische Aussteiger Frenchie (Jonas Bloquet) auf die Leiche einer Nonne (Jessica Hope), die sich vor den Mauern eines abgelegenen Klosters einem Mahmal gleich erhängt hat. Der von jener suizidalen, höchst gotteslästerlichen Affäre Wind bekommende Vatikan entsendet zwei seiner Mitglieder, die mit dem zweiten Gesicht ausgestattete Novizin Irene (Taissa Farmiga) und den in parapsychologischen Angelegenheiten erfahrenen Vater Burke (Demián Bichir), um die Angelegenheit vor Ort zu untersuchen. Dass mit dem alten Gemäuer, das bereits seit mittelalterlichen Zeiten dort steht und dereinst einem vom Satanismus begeisterten Adligen (Mark Steger) gehörte, etwas nicht stimmt, wird den Investigatoren unmittelbar bewusst. Weder die mysteriöse Äbtissin (Gabrielle Downey) noch die ängstlichen Nonnen geben jedoch Aufschluss über das Schreckliche, das die Abtei heimsucht…

Der im „Conjuring“-Sequel eingeführte Dämon Valak (Bonnie Aaraons), ein besonders übler Höllenrepräsentant, bildet nach der besessenen Puppe „Annabelle“ (die es bereits auf bis dato zwei eigene Filme brachte) schon die zweite Nebenfigur jener Reihe, die für ein Spin-Off genutzt wurde. Die Macht der Franchises, im filmischen Sinne also expandierender Story-Universen, die immer neue Facetten eines ursprünglich in kleinerem Rahmen erdachten Werks mehr oder weniger planvoll ausweiten und weiterdenken, ist gegenwärtig ungebrochen stark in Hollywood. „The Nun“, der der assoziationsfreudigen Übersicht halber gleich Vera Farmigas jüngere Schwester Taissa in der Haupt- und Heldinnenrolle vorschützt, begreift sich demnach als fünfter Beitrag zum „Conjuring“-Franchise und schlägt zum Abschluss dann auch eine direkte Brücke zum Initialfilm. Er lässt sich allerdings auch ebensogut als freistehende Konstruktion erleben und konsumieren, was durchaus für ihn spricht.
Hardys zweiter Film nach dem solide geratenen „The Hallow“ liebäugelt dabei großzügig mit Altbekanntem und Etabliertem. Dass Rumänien und speziell seine auch als Transsylvanien berühmte und berüchtigte Region Siebenbürgen aller landschaftlichen Reize zum Trotze genau jenes Fleckchen Erde ist, an dem man am Allerehesten Vampire, Werwölfe und anderes Dämonengezücht erwarten würde, spielt „The Nun“ bereits a priori großzügig in die Karten. Ein wenig „Der Name der Rose“ steckt fürderhin ebenso in ihm wie ein gutes Häppchen „La Chiesa“ von Soavi. Garniert mit jenem fiesen Valak als Hauptprominenz ergibt all das ein erwartbar generisches, aber stets auch ansehnliches Genrestück, von dem man sich allerdings weder exorbitante Überraschungen noch anderweitig genialische Aspekte ausbeten sollte. Hardy ist sich über die Limitierungen seines Stoffs glücklicherweise ebenso bewusst und entspinnt demzufolge kein unverhältnismäßiges Brimborium, sondern einen im durchaus positiven Sinne planvollen, atmosphärisch angenehmen Grusler, der mit konzentriertem Personal auskommt und ein Herz für altmodischen Horrorkintopp mitbringt, von schaurigen Ruinen über windschiefe Grabsteine bis hin zu düsterfeuchten Labyrinthen. Nicht wesentlich mehr als eine traditionsbewusste Geisterbahnfahrt ergo, in deren Grenzen dafür allerdings eine wohlfeil arrangierte.

7/10

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THE SATAN BUG

„Psychotics don’t generally engage in teamwork, Lee.“

The Satan Bug (Geheimagent Barrett greift ein) ~ USA 1965
Directed By: John Sturges

Station 3 ist ein strenggeheimes, abgesichertes Forschungslabor für biologische Kriegsführung in der kalifornischen Wüste. Dort wurde der tödliche und hochinfiziöse Kampfstoff Botulinus und noch ein weiteres, sogar noch weitaus gefährlicheres und unberechenbareres Nervengift, „die Zellenpest“, hergestellt. Als eine Gruppe Krimineller in Station 3 einbricht und Proben beider B-Waffen stiehlt, gerät die Regierung in höchste Alarmbereitschaft. Der fähige Agent Lee Barrett (George Maharis) wird mit der Aufgabe der Wiederbeschaffung beider Mittel betraut. Zunächst gilt es jedoch, die Tarnidentität des Drahtziehers des Anschlages aufzudecken, eines gewissen Charles Reynolds Ainsley,  der sich in cognito auf Station 3 eingeschlichen hat und der die Zellenpest über Los Angeles freisetzen will.

Mit „The Satan Bug“, einer Alistair-MacLean-Adaption, wagte sich John Sturges 1965 ungewöhnlich nah an einen lupenreinen Camp-Stoff heran. Geschichten um Superagenten und überqualifizierte G-Men zählten zu jener Zeit, als die Bond-Filme just dabei waren, das globale Actionkino zu revolutionieren, zu einer vergleichsweise sicheren Bank, was zur Folge hatte, das etliche Spoofs und Nachzieher, die den Kalten Krieg zur Basis oftmals hoffnungslos überhöhter fiktionaler Ausschweifungen benutzten, die Leinwände in aller Welt fluteten. Aus dem britischen Spezialisten der Vorlage, einem gewissen Pierre Clavell, wurde bei Sturges der Ex-Agent und Privatdetektiv Lee Barrett, der von dem vergleichsweise unbeschriebenen TV-Darsteller George Maharis besetzt wurde. Maharis‘ wesentliche Qualität bestand darin, gut auszusehen und dem Protagonisten (der der Komplexitätsreduktion halber im deutschen Titel gleich eine prominente Nennung erfuhr und von Connery-Stammsprecher Gert-Günther Hoffmann synchronisiert wurde) ein markantes, möglicherweise serientaugliches Antlitz zu verleihen. Über seine tatsächlichen Qualitäten als Akteur darf man jedoch getrost das Mäntelchen des Schweigens ausbreiten. Für diese waren ohnehin sehr viel mehr die prominent besetzten Nebenfiguren zuständig, von Richard Basehart als verrücktem Superbösewicht über Dana Andrews als graue Eminenz im Hintergrund und Mentor des Helden bis hin zu Anne Francis als dessen Teilzeitkonkubine und Andrews‘ Tochter.
Primär aufsehenerregend an „The Satan Bug“ nimm sich allerdings dessen Kameraarbeit von Robert Surtees aus, die die felsige Wüste Kaliforniens kurzerhand zum zusätzlichen Hauptdarsteller ernennt und ihr ganz wunderhübsche, leuchtende Bilder abtrotzt.
Der mysteriöse B-Kampfstoff „Satan Bug“, für die deutsche Fassung, wie erwähnt, überaus einfallsreich „Zellenpest“ getauft, kann ferner als Vorläufer unzähliger MacGuffins von auffallend ähnlicher Provenienz gewertet werden.
Damit jedoch begnügt sich das Innovationspotenzial dieses allzu gewschwätzigen und in Anbetracht seiner Substanzlosigkeit deutlich zu langen Films bereits. Heuer lässt sich „The Satan Bug“ immerhin noch als schickes Kuriosum innerhalb der Werksvita seines Regisseurs goutieren oder zumindest konsumieren, zumal die just erschienene, wie gewohnt erlesene Edition aus dem Hause Anolis sich dem willfährigen Betrachter nochmals gesondert attraktiv präsentiert.

6/10

FRACTURE

„Even a broken clock is right twice a day.“

Fracture (Das perfekte Verbrechen) ~ USA 2007
Directed By: Gregory Hoblit

Der ebenso steinreiche wie in Eifersucht gekränkte Flugzeugingenieur Ted Crawford (Anthony Hopkins) erschießt seine ihm Hörner aufsetzende Frau Jennifer (Embeth Davidtz), gibt die Tat zunächst zu und widerruft dann vor Gericht sein Geständnis mit der lässigen Begründung, er habe vor einem der ermittelnden Polizisten, Lt. Nunally (Billy Burke), Todesangst gehabt. Dass dieser ganz zufällig auch Jennifers Liebhaber war, verschweigt der sich selbst verteidigende Crawford zunächst noch. Dem Angeklagten gegenüber steht der arrogante, kurz vor einem finanzträchtigen Wechsel in die Privatwirtschaft stehende Staatsanwalt Willy Beachum (Ryan Gosling), der Crawfords perfides Plankonstrukt hoffnungslos unterschätzt. Es fehlt nämlich der entscheidende Beweis, um dessen Schuld wasserdicht erscheinen zu lassen: Die Tatwaffe…

Von hier an blöd: Zwar ist in „Fracture“ wiederum Gregory Hoblits Lieblingsthema der „reciprocally attracting rivals“ maßgende Antriebsfeder, das heißt aber nun mal eben nicht, dass damit auch ein guter Film einhergeht. Dem ist mitnichten so. „Fracture“ ist vielmehr ein infolge seiner alles durchdringenden Banalität auf Langeweilekurs befindlicher Schema-F-Streifen, aus dessen innerer Masse man alles schonmal gesehen hat – nur mitunter eben viel besser. Dass ich Ryan Gosling nicht sonderlich gut leiden kann, war mir instinktiv schon immer bewusst – nur haben die meisten Filme um ihn herum dies nicht wirklich deutlich werden lassen. Jetzt weiß ich aber wieder wieso, hier hat der mit einem sonderbar milchig-imbezilen Grundgesichtsausdruck versehene Akteur nämlich eine Rolle an der Hand, die ganz hervorragend zu ihm passt: Er spielt ein Yuppie-Arschloch erster Güte. Im Laufe des Films erkennt das Yuppie-Arschloch erwartungsgemäß, dass es moralisch dann doch sehr viel vertretbarer ist, einen schlecht bezahlten, aber ethisch stabilen Staatsanwalt im Namen von Recht und Ordnung abzugeben. Wow! Die Welt, wie wir sie kennen, ist gerettet!
Als Kontrahent hat es Sir Anthony Hopkins, der seinen leicht bekifften Hannibal-Lecter-SloMo-Augenaufschlag weiterhin zu perfektionieren sucht, obwohl das gar eigentlich nicht mehr geht, und – wie könnte es anders sein – hier abermals das sein zunehmend verzweifelndes Gegenüber an der Nase herumführende, diabolische Genie erster Garnitur verkörpert. Wirklich großartige Schauspieler wie David Strathairn oder Cliff Curtis werden derweil als bloße Stichtwortlieferanten gnadenlos verheizt. Und Hoblit? Der begeht den in Anbetracht des Resultats gewaltigen Fehler, seinen ach so tollen Hauptdarstellern und ihrem vermeintlichen „Psychoduell“ völlig das Feld zu über- und, anders als in sehr viel dedizierteren Arbeiten wie dem eigentlich sehr ähnlich gelagerten „Primal Fear“ oder „Frequency“, keinerlei inszenatorische Leidenschaft mehr aufblitzen zu lassen. Nicht nur ein überraschungsarmes, sondern darüber hinaus ein teilweise sogar aufreizend vorhersehbares Konfektionskino von der Stange ist die logische Folge aus alldem und vermutlich auch ein, wenn nicht der wesentliche(r) Markstein für den Regisseur, sich mittelfristig wieder dem sehr viel routinebedingteren Feld der TV-Serials zuzuwenden.  Eigentlich schade, aber meinen Segen hat er, wenn Film für ihn damit auserzählt ist.

4/10

HART’S WAR

„Strange thing about war wounds – the older you get, the less proud of them you become.“

Hart’s War (Das Tribunal) ~ USA 2002
Directed By: Gregory Hoblit

Augsburg, im Winter 1944. Der junge und unerfahrene, aber aus „gutem Hause“ stammende Lt. Thomas Hart (Colin Farrell) kommt, nachdem er in den Ardennen in feindliche Hände geraten ist, in das Kriegsgefangenenlager Stalag VI-A. Hier hat Colonel William McNamara (Bruce Willis) die Oberaufsicht über die US-Insassen, ein gefestigter, ruhig erscheinender und eher wortkarger Offizier, der deutlich mehr zu wissen scheint als er preisgibt. McNamara sorgt dafür, dass Hart, von dem er ahnt, dass er einem möglichen Verhör durch die Deutschen nicht standhalten kann, nicht in der Offiziersbaracke landet, sondern bei einfachen Gefreiten. Dorthin schickt der Colonel kurze Zeit später wiederum auch die beiden abgeschossenen, farbigen USAF-Offiziere Lt. Lincoln Scott (Terrence Howard)  und Lt. Lamar Archer (Vicellous Shannon). Der rassistische Barackeninsasse und Rädelsführer Bedford (Cole Hauser) sorgt schließlich dafür, dass Archer widerrechtlich von den Deutschen erschossen wird. Als man Bedford selbst bald darauf mit gebrochenem Genick findet, gerät Scott in unmittelbaren Verdacht. Hart, der vor dem Krieg ein Jura-Studium aufgenommen hat, soll Scotts Verteidigung übernehmen, während McNamara sich selbst mit dem richterlichen Vorsitz betraut. Lagerkommandant Visser (Marcel Iures), selbst studierter Advokat, versucht dem hin- und hergerissenen, jedoch fest von Scotts Unschuld überzeugtem Hart während des Prozesses Vorteile zu verschaffen. McNamara nutzt den Prozess derweil ganz bewusst zur Ablenkung, denn ein Fluchttunnel befindet sich just in der Fertigstellung…

Diese mit gepflegten Klischees angereicherte Mischung aus P.O.W.-, Rassismus- und Courtroom-Drama ist zwar grundsätzlich anschaubar, verhebt sich insgesamt allerdings etwas an sich selbst. Offenbar bekommt das Script die inhaltliche Komplexität der Vorlage des Vielschreibers John Katzenbach nicht ganz in den Griff, denn der oftmals auf den Überraschungs- und Späterkenntniseffekt hin ausgerichtete Plot mäandert häufig etwas ziellos über die Minuten, derweil der (wie in meinem Falle) ahnungslose Zuschauer sich selbst in der Ziellosigkeit gefangen wähnt.
Ich musste bereits während der Betrachtung und ganz besonders im Nachhinein wiederholt an zwei offensichtliche, große Klassiker des P.O.W.-Films denken und ganz besonders daran, was sie sehr viel besser und richtiger gemacht haben als „Hart’s War“: Zum Einen Billy Wilders „Stalag 17“, der sich ganz bewusst einer episodischen Erzählweise vertreibt und in dem sich die von berechtigter Paranoia geprägten Misstrauens-Emotionen der Gefangenen als hauptsächlicher, roter Faden erweisen. Zum anderen freilich „The Great Escape“ von John Sturges, der die Situation der P.O.W.s und ihre beständigen Ausbruchsversuche kurzerhand zur Seele eines großangelegten, perfekt inszenierten Actiondramas deklariert und der sich mühelos über seine keineswegs spärlich ausgefallene Laufzeit trägt. Man könnte auch, wenngleich vor differenter Kulisse spielend, noch „The Bridge On The River Kwai“ hinzuziehen, der seine gewaltige innere Spannung aus dem Mentalitäts- und Stolzduell zweier feindlicher Offiziere bezieht. Genau an diesen sowohl physisch wie auch psychisch unbedingt wertvollen Ingredienzien mangelt es „Hart’s War“, oder besser: er verfügt zwar über sie, nur behält er sie viel zu lange für und bei sich. Vielleicht ist das diesem im Gegenwartskino überall und unbedingt gehandhabten Mechanismus geschuldet, dass große Überraschungen und inhaltliche Aufklärung unbedingte Schlusspointen zu bilden haben. Twists nennt man das im neocineastischen Fachjargon. Man darf und soll in Gesprächen über Film nicht „spoilern“, sprich, narrative Überraschungen „verderben“, weil dies a priori mit einem unhaltbaren Interessenverlust einhergeht. Ich finde das ehrlich gesagt ziemlich furchtbar. Da werden die Siebente Kunst und ihr Genuss mit Geisterbahnfahrten und Fast-Food-Konsum verwechselt. Einmal gesehen, Knalleffekt erhalten und verraucht, nächster Film bitte. Das kann es doch nicht sein. Wo ist der Nachhaltigkeitsgedanke, wo das Interesse der Kunstschaffenden daran, ihr Werk nicht nur bei der dritten Betrachtung noch fruchtbar dastehen, oder gar noch wachsen zu lassen?
Immerhin schälte sich mir nunmehr ein wiederkehrendes Leitmotiv im hoblit’schen Schaffen heraus: Dass der sich attrahierenden Rivalen. Zwei klar voneinander getrennte Fronten – vor und hinter Gittern, dies- und jenseitig, durch Raum und Zeit, oder, wie hier in „Hart’s War“, durch Wissen und Nichtwissen. Einer der beiden Duellanten benutzt das Nichtwissen bzw. den Mangel an Fähigkeiten und somit den klaren Nachteil des Gegenübers, um sich am Ende den ganz persönlichen Sieg zu verschaffen, nicht, ohne sich dabei des ungeteilten Respekts des Übervorteilten (auf dessen Seite immer auch das Publikum steht) zu versichern.
In Hoblits nächstem Film wird diese Konstellation sogar nochmals eminenter…

6/10

FALLEN

„Everything is personal – if you’re a person.“

Fallen (Dämon – Trau keiner Seele) ~ USA 1998
Directed By: Gregory Hoblit

Detective John Hobbes (Denzel Washington) vom Philadelphia P.D. muss sich schwer wundern. Obwohl er den Serienkiller Edgar Reese (Elias Koteas) dingfest machen und sogar dessen Hinrichtung beiwohnen konnte, geschehen weitere Morde, die genau Reeses Handschrift entsprechen. Die Trittbrett-Verbrecher scheinen sich darüberhinaus sogar gegenseitig umzubringen. Über einen kurz vor seinem Tod gemachten Hinweis von Reese stößt Hobbes schließlich auf Gretta Milano (Embeth Davidtz), die Tochter eines Kollegen, der vor Jahren, nachdem er des Mordes verdächtig wurde, Suizid begangen hat, sowie dessen okkulte Privatbibliothek. Gretta erklärt ihm, dass nicht Reese oder die anderen als solche vermuteten Killer, sondern der Dämon Azazel, der gestaltlos ist und in jeden beliebigen Körper springen kann, sein Unwesen in der Stadt treibt. Azazel hat sich Hobbes zum Privatgegner auserkoren und will ihn, wie einst Milano, öffentlich diskreditieren und in die Verzweiflung treiben. Doch Hobbes hat einen Plan, denn auch Dämonen kann man töten…

Manch einer von uns wird sich noch wohlfeil erinnern: Als Y2K sich näherte, war neben der massenmedial gehypten Euphorie auch die allgemeine, latente Besorgnis en vogue, dass mit dem Millenienwechsel auch die Erde ihrem Untergang geweiht sei. Biblische Endzeitszenarien, Johannes‘ Buch der Offenbarung, die vier Reiter und Luzifer mit seinen höllischen Horden wähnten die für derlei Spuk etwas anfälligeren Zeitgenossen allesamt schon um die nächste Hausecke, was selbstverständlich auch die Hollywood-Studios veranlasste, den Zeichen der Zeit Rechnung zu tragen. Nach (oftmals vorgeblich) hochkomplexen Schemata operierende, fanatische Serienkiller, infernalische Dämonen, Doomsday-Sekten und schließlich Mephistopheles selbst bevölkerten das apokalyptische Timbre etliche Filme jener Ära, so dass selbst hochrespektable Qualitätsakteure wie Denzel Washington als Vorsteher eines entsprechend erlesenen Ensembles sich plötzlich mit übernatürlichen Gegnern an der Schwelle zur Machtübernahme herumzuärgern hatten. Der Dämon Azazel, der auf eine lange, religiöse wie literarische Vorgeschichte und Tradition zurückblickt, ist einer der prominenteren Vertreter der „Gefallenen“, also jener Wesen, die wegen ihrer Verderbtheit von Gott des Himmels verwiesen wurden und seither ihr Dasein in der Unterwelt fristen müssen. Hoblits Film verzichtet (leider?) darauf, dem bocksbeinigen Gesellen eine konkrete Form zu verleihen. Stattdessen trittt er als unsichtbare, ätherische Kreatur an, die, soviel physikalische Erdung leistet sich das Werk dann doch, wenn nicht gleich durch direkte Berührung, so doch binnen einer bestimmten Frist in einem bestimmten Umkreis den Wirt wechseln kann. Nachdem er jenen dann wieder verlässt, kann der seelisch Missbrauchte sich, einem Blackout gleich, an nichts mehr erinnern. Um diese breit bepflügte Prämisse sowie um einen Stones-Klassiker herum baut das von Elia-Filius Nicholas Kazan ersonnene Script eine reichlich hanebüchene wie um den good will des Publikums buhlende Story zusammen, die, und darin liegt das ziemlich gewaltige Problem des Films, sich bei aller Stoffeligkeit bierernst nimmt. Der Regisseur macht einen sauberen Job, die Qualitätsdarsteller stehen in keinem Verhältnis zu dem eigentliche einer sehr viel unauffälligeren Genrearbeit gebührenden Plot. Aber auch darin stellt sich „Fallen“ sich den vielen erwähnten zeitgenössischen Gattungsproduktionen gleich – er zeigt, obschon auf rückblickend interessante Art und Weise, gewissermaßen exemplarisch auf, in welcher Sackgasse das Mainstream-Kino der späten Neunziger sich befand und, vor allem, wieviel besser das alles noch rund zwei Jahrzehnte zuvor funktioniert hatte.

5/10

EXQUISITE TENDERNESS

„I think you’re nuts.“

Exquisite Tenderness ~ USA/UK/D 1995
Directed By: Carl Schenkel

Bevor die eifrige Chirurgin Theresa McCann (Isabel Glasser) ihrem mit unlauteren Heilmethoden experimentierendem Kollegen Dr. Stein (Malcom McDowell) ans Bein pinkeln kann, wird dieser auch schon brutal ermordet. Und es bleibt nicht bei diesem einen Opfer – der einst von McCann und Stein geschasste Dr. Julian Matar (Sean Haberle) dämmert mitnichten, wie allgemein vermutet, querschnittsgelähmt in einem Sanatorium in Colorado vor sich hin, sondern ist, mittlerweile körperlich wieder quietschfidel, aber geistig sogar noch zerrütteter als zuvor, an seine frühere Wirkungsstätte zurückgekehrt, um nicht nur blutige Rache zu üben, sondern zudem seine Zellerneuerungsversuche zu perfektionieren. Er benötigt zudem permanent ein frisch entnommenes Sekret aus der menschlichen Hypophyse, um fit bleiben zu können…

Was sich mit dem drei Jahre zuvor entstandenen „Knight Moves“ bereits andeutete, fand mit dem auch als „The Surgeon“ bekannten „Exquisite Tenderness“ (jener Begriff steht, wie uns der Film erläutert, im Ärztesprech für einen Zustand ganz besonders extremer Schmerzen beim Patienten) Carl Schenkels endgültige Hinwendung zu dem statt, was man landläufig als Kino der Kategorie B bezeichnen könnte. Vollzog der Plot des bereits stets eng an der Phantastik befindlichen und spätestens im Finale mit dem Horrorgenre liebäugelnden Vorgängers bereits einige höchst unglaubwürdige Volten, so wurde „Exquisite Tenderness“ schließlich ein lupenreiner Gattungsvertreter der zuletzt in den Achtzigern wohlfeil bedienten Subkategorie „Krankenhaus-Slasher“. Als mit einem völlig verrückten Weißkittel auf Metzeltour befindlichen Superbösewicht arbeitendes Werk erinnerte mich Schenkels ruppiger Film sogar ein wenig an Manny Cotos hübsch durchgemangelten „Dr. Giggles“, zu dem er wiederum einige mentale Parallelen aufweist. Interessanterweise strukturiert und komponiert Schenkel diese Arbeit ganz ähnlich wie seine letzte; es gibt zu Beginn beider Filme eine schwarzweiß bebilderte Rückblickssequenz, die jeweils die psychologische Disposition bzw. die Motivation des hier und dort aktiven Serienkillers erläutert, später wird aus der Identität des Mörders zunächst ein Geheimnis gemacht, derweil der Held bzw. die Heldin in Misskredit geraten. In beiden Filmen verbindet Killer und HeldIn eine gemeinsame Vergangenheit, in beiden Filmen ist Rache ein wesentlicher Antriebsfaktor für den Übeltäter. In beiden Filmen bildet sich ein Pärchen nach visuell anregend gestaltetem, koitalem Zwischenspiel und steht gemeinsam gegen den Bösewicht und beide Finalsequenzen kommen nicht ohne ein abermaliges, spektakuläres Wiederaufbäumen des Verbrechers aus, bevor dieser dann nochmal doppelt so blutig das Zeitliche zu segnen hat. Kurzum: „Exquisite Tenderness“ bildet gewissermaßen eine bucklige Alternativversion zu „Knight Moves“, mit Medizinern anstelle von Schachspielern, ohne die schöne Kameraarbeit eines Dietrich Lohmann, dafür deutlich deftiger, räudiger, zerlumpter und eigentlich auch ehrlicher zu allen Beteiligten als der Vorläufer. Der Spaßfaktor allerdings, der bleibt gleich hoch.

5/10

KNIGHT MOVES

„Eventually revenge is carefully arranged.“

Knight Moves ~ USA/D 1992
Directed By: Car Schenkel

Der Schachgroßmeister Peter Sanderson (Christopher Lambert), verwitweter, alleinerziehender Vater einer kleinen Tochter (Katherine Isabelle), nimmt an einem Turnier an der Küste von Washington State teil. Zeitgleich mit ihm treibt auch ein brutaler, seriell vorgehender Frauenmörder sein Unwesen in der Gegend, der bald dafür sorgt, dass Peter selbst zum Hauptverdächtigen der Polizei wird. Während die beiden ermittelnden Cops Sedman (Tom Skerritt) und Wagner (Daniel Baldwin) nicht recht wissen, wem oder was sie eigentlich glauben sollen, hält die hinzugezogene Psychologin Kathy Sheppard (Diane Lane) Peter für unschuldig. Als die merkwürdigen Verbalhinweise des Killers endlich entschlüsselt werden, ist es beinahe schon zu spät.

Da der Schweizer Carl Schenkel als ausgewiesener Genrefilmer zu jener Zeit keine Chance im deutschsprachigen Europa hatte, setzte er seine Regietätigkeit in den USA fort – mit mittelprächtigem künstlerischen Erfolg, wie ich meine. Zumindest hätten ihm bessere Scripts zur Verfügung stehen dürfen, denn aus den sukzessive gröber und, Verzeihung, zunehmend dämlicher werdenden Bücher, die er in filmische Rahmen zu setzen hatte, hätte kein noch so brillanter Filmemacher wesentlich mehr herausholen können. Ironischerweise bildete „Knight Moves“, ein völlig typischer Hochglanzthriller seiner Entstehungsperiode, Schenkels größten kommerziellen Erfolg – in Deutschland wohlgemerkt. In den USA blieb er hinter den Einspielerwartungen zurück.
Ungewöhnlich an „Knight Moves“ ist lediglich das Milieu, in dem er angesiedelt ist – das der Schachspieler, der großen Strategen und Denker, eines, das, wie der Film uns mehrfach versichert, vor Spinnern, Gestörten und Neurotikern nur so wimmelt. Nicht nur Protagonist Sanderson (für den Lambert eine herrliche Fehlbesetzung abgibt) bedarf dringend therapeutischer Unterstützung, auch seinen Sportgenossen fehlt durchweg mindestens eine Dattel an der Palme. Immerhin gelingt es Schenkel und seinem Autor Brad Mirman auf diese Weise, beim Zuschauer regelmäßige Unsicherheit bezüglich Sandersons wahren Seelenzustands zu evozieren – vielleicht ist er ja doch der Mörder? Nein, natürlich wendet sich zumindest in dieser Hinsicht alles zu Guten, wenngleich der wahre Täter sich schließlich als so dermaßen jenseits von Gut und Böse entpuppt, dass man sich leicht verdutzt fragt, wie er überhaupt so lange unentdeckt durch die Weltgeschichte (und den Film) bummeln konnte. Von derlei Illogismen und Ungereimtheiten findet sich „Knight Moves“, dem kein Groschenromanklischee zu abgestanden ist und der weder mit zeitgemäßen erotic attempts noch mit hemmungslosem overacting (Baldwin!) geizt, jedoch randvoll durchsetzt, so dass die eine oder andere weitere ohnehin nicht explizit ins Auge fällt.
Highly campy stuff!

6/10