LIVE BY NIGHT

„We’re all going to hell.“

Live By Night ~ USA 2016
Directed By: Ben Affleck

Boston, 1926. Seine blauäugige Affäre mit dem Gangsterliebchen Emma Gould (Sienna Miller) wird dem Ganoven Joe Coughlin (Ben Affleck) zum Verhängnis: Mafiaboss White (Robert Glenister) kommt hinter den Seitensprung seiner Mätresse und rächt sich, was Joe zwar nicht wie geplant das Leben, aber doch die Freiheit kostet – er landet nämlich im Gefängnis. Um sich an White zu rächen, läuft Joe zur italienischen Mafia über, deren Boss Pescatore (Remo Girone) ihn nach Tampa schickt, um dort die regionalen Geschäfte zu verwalten. Joe verliebt sich dort in die schöne Exilkubanerin Graciela Corrales (Zoe Saldana) und heiratet sie, derweil er zur lokalen Unterweltgröße aufsteigt und eigene Pläne für ein Casino entwickelt. Schwierigkeiten mit dem Ku-Klux-Klan und dem hiesigen Polizeichef Figgis (Chris Cooper) bringen Joe mehr und mehr in Bedrängnis, bis Boss Pescatore schließlich höchstselbst in Tampa erscheint und Joe mit einer unangenehmen Neuigkeit konfrontiert…

Ein wenig eitel geraten ist er wiederum schon, der aktuelle Affleck (damit meine ich ausdrücklich seine Regiearbeit), den er abermals kräftig um die eigene Person herum inszeniert. Dennoch darf man ihm durchaus bescheinigen, als Filmemacher mittlerweile ein wesentlich höheres  Niveau erreicht zu haben denn in seiner ursprünglichen Tätigkeit als Schauspieler. Damit wandelt er ein wenig auf den Spuren von Vorbildern wie Eastwood, Beatty oder Redford, die einst und bis heute ja höchst erfolgreich durchaus analoge Wege beschritten. Angesichts seiner bisherigen Ausbeute wünscht man Affleck durchaus, dass er in zwei Dekaden mal auf ganz ähnliche Meriten wird zurückblicken können.
„Live By Night“ liefert formelhaftes Gangsterkino der gehobenen Klasse, was sich bereits auf seine Darbietung als period piece zurückführen lässt: Die Prohibition bietet stets ein dankbares Zeitkolorit, die damit einhergehende Periode der Zwanziger entsprechend viele Möglichkeiten, Chic in der Wahl von Garderobe, Musik und Interieurs auszustellen. Audiovisuell geschmackvoll kommt Afflecks Film also ohne Frage daher, und die bislang eher selten geschilderte Konfrontation „Mafia vs. KKK“ gibt ihm gleichfalls inhaltlichen Auftrieb. Etwas blass dagegen bleibt – offensichtlich anderer Pläne zum Trotze – die Hauptfigur des Joe Coughlin. Seine phasenweise immer wieder hervortretenden Skrupel, die sich insbesondere in seiner Verbindung zu Figgis‘ gebeutelter Tochter Loretta (Elle Fanning) und den entsprechenden Szenen manifestieren, lenken ein klein wenig vom Wesen des Verbrechertums ab, das eben, um erfolgreich zu funktionieren, echte Schweinehunde benötigt. Vielleicht braucht Affleck noch ein paar Jahre, um sich selbst einmal als wirklich fiesen Patron ins Bild zu rücken. Auch das gehört gewissermaßen zur ganzheitlichen Emanzipation des veritablen actordirector.

7/10

ANTICHRIST

„I love you.“ – „You don’t.“

Antichrist ~ DK/D/F/S/I/PL 2009
Directed By: Lars von Trier

Der Unfalltod ihres kleinen Sohnes (Storm Acheche Sahlstrøm) während ihres eruptiven Koitus stürzt ein Ehepaar in eine tiefe Sinnkrise. Sie (Charlotte Gainsbourg) erleidet einen Nervenzusammenbruch, gefolgt von einer akuten Angststörung, woraufhin er – seines Zeichens Psychiater – sich ihrer annimmt, obschon eines seiner professionellen Dogmen vorsieht, dass Patient und Therapeut sich privat nicht nahestehen sollten. Um sie direkt mit ihren seelischen Wunden zu konfrontieren, reist er mit ihr in eine abgelegene Waldhütte genannt „Eden“, in der sie im Vorjahr im Beisein des Kindes an ihrer Dissertation gearbeitet hat und die im Rahmen ihrer Erkrankung offenbar eine besondere Sollbruchstelle einnimmt. Als er herausfindet, dass ihre Arbeit zum Thema „Hexenverfolgung“, einhergehend mit expliziten Studien zu Folter- und Exekutionsmethoden sie ehedem offenbar schwerer tangiert hat als zuvor angenommen, eskaliert die Situation.

Als Auftakt einer „Depressions-Trilogie“, die von Trier nach einer ihn höchstselbst betreffenden, entsprechenden Phase schuf, verfehlt „Antichrist“ – wenn auch nur knapp – die von ihm intendierte, niederschmetternde Wirkmacht. Kunstanspruch und surreale Überhöhungen stehen der notwendigen Erdung des ansonsten durchaus wagemutigen und phasenweise durchaus starken Stoffs im Wege. Der eigentliche Nukleus des in vier Akte unterteilten Ganzen, nämlich die thetische Unmöglichkeit einer langfristigen, glücklichen Beziehung zwischen Mann und Frau, verwischt sich durch seine Einbettung in eine wesentlich unschärfere Gemengelage, in der sich die zusätzlichen Motive Wahnsinn, Natursymbolik, Paganismus und Hexerei sich quasi die Kolinke reichen. Ich glaube, dass, hätte von Trier es bei dem inhaltlichen Grundstock der infolge barscher Schuldgefühle entgleisenden Ehe belassen, der Film also straighter und weniger verwinkelt geworden wäre, ein kohärenteres und vor allem konsequenteres Resultat hätte entstehen können. Mit Dafoe und vor allem der Gainsbourg stehen dem Filmemacher jedenfalls zwei Protagonisten zur Seite, die für ihn durchs Feuer gehen und die beide auf der absoluten Höhe ihrer Kunst agieren. Die gegen Ende durch ihre extremen Darstellungen beschwerten Bilder graben sich infolge ihrer erfreulichen Kompromisslosigkeit zudem tief ein beim Zuschauer und auch, dass von Trier zumindest auf formale Spielchen verzichtet, tut „Antichrist“ gut. Bleibt also der nach meinem Dafürhalten eine, große Makel der metaphorischen Verwässerung, über dessen Ursachen sich nur spekulieren lässt. Möglicherweise war die Angst davor ausschlaggebend, dass eine „begradigtere“, nahbarere Version dem Publikum allzu viel abverlangt hätte; möglicherweise wurde die Wahl der kombinierten Topoi auch einfach bloß als passend empfunden. Es könnte aber auch sein, dass der Film so ist, wie er ist, weil er von Lars von Trier stammt.

7/10

THUNDER OVER THE PLAINS

„You show your likes here again, I’m gonna kill you.“

Thunder Over The Plains (Donnernde Hufe) ~ USA 1953
Directed By: André De Toth

Nach offizieller Beendigung des Sezessionskriegs steht das nach wie vor anbindungsphobe Texas unter der Besatzungskontrolle von Truppen der Union, wobei Wucherer und Steuereintreiber unter der armen Landbevölerung nach Lust und Laune schalten und walten. Auch Captain David Porter (Randolph Scott), gebürtiger Texaner, repräsentiert gemeinsam mit seiner Frau Norah (Phyllis Kirk) den Norden vor Ort. Dabei gibt er sich stets Mühe, den aus dem Untergrund heraus arbeitenden Rebellen Ben Westman (Charles McGraw), für den er heimliche Sympathien hegt, immer wieder mit einem blauen Auge davon kommen zu lassen. Als der gierige Grundstücksspekulant Balfour (Hugh Sanders) von Westman und dessen Leuten gedemütigt wird, gibt es einen Toten, für dessen Ermordung wiederum Westman unschuldig in Verdacht gerät. Ein weiteres Problem für Porter ergibt sich in der Ankunft des ebenso ortsfremden wie inkompetenten Captain Hodges (Lex Barker), der Norah schöne Augen macht.

Reichlich handlungskomplex gibt sich dieser kleine, aber umso feinere Texas-Western, in dem der arme Randolph Scott es gleich von allen Seiten kriegt. Konflikte lauern für ihn als perplexerweise blauberockten aber graubeherzten Captain Porter quasi unter jedem Kieselstein am Wegesrand: Die Farmer bezeichnen ihn als Landesverräter, sein kurz vor der Pensionierung stehender Vorgesetzter Chandler (Henry Hull) verdächtigt ihn der Feindessympathie, seine Frau Norah hasst Texas und will schleunigst zurück an die Ostküste zu schmucken Offiziersbällen und Kaffeekränzchen, Hodges bereitet ihm andauernde Probleme nicht nur dadurch, dass er eine strategische Fehlentscheidung nach der anderen trifft, sondern vor allem durch seine unsittliche Annäherung an die einsame Norah. Und dann ist da das schlechte Gewissen: Als Ordnungsbeauftragter muss Porter mit ansehen, wie von Washington gedeckte Steuerbeamte wie der korrupte Joseph Standish (Elisha Cook Jr.) blanke Willkür bei ihrem ausbeuterischen Tun walten lassen und sich zudem noch mit Erpressern wie dem feisten Grundstücksaufkäufer Balfour fraternisieren. Ein reinigendes Gewitter wird fällig, dass De Toth seinem gebeutelten Helden und uns rezipierenden Leidensgenossen glücklicherweise nach diversen inneren und äußeren Scharmützeln sowie rund 80 spannenden, bunten Minuten als dringend überfällige Katharsis zuteil werden lässt.

8/10

WAKE WOOD

„Back to the trees and into the woods!“

Wake Wood ~ IE/UK 2009
Directed By: David Keating

Nachdem sie ihre kleine Tochter Alice (Ella Connolly) durch eine Hundeattacke verloren haben, ziehen Tierarzt Patrick (Aiden Gillen) und seine Frau Louise (Eva Birthistle) in das abgelegene Dörfchen Wakewood in der tiefsten irischen Provinz. Der Verlust sitzt ihnen noch immer tief im Nacken, zugleich spüren sie jedoch, dass in Wakewood nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Offenbar pflegen die Bewohner hier und da noch alte, paganistische Rituale und halten heidnische Beschwörungen ab. Louise findet heraus, dass der alte Arthur (Timothy Spall) die Fähigkeit hat, Tote für die begrenzte Zeit von drei Tagen zurück ins Leben zu holen, wo sie sich ihre Lieben nochmals von ihnen verabschieden können, bevor sie endgültig ins Jenseits übergehen – allerdings darf die betreffende Seele nicht länger als zwölf Monate verschieden sein. Louise und Patrick wollen auch Alice nochmal wiedersehen, verschweigen jedoch, dass sie bereits mehr als ein Jahr tot ist. Es kommt zur Katastrophe…

Überdeutlich orientiert an „Don’t Look Now“ und „Pet Sematary“ bringt Keating seine schöne, kleine Schauermär über Verlust und den maßvollen Umgang mit ihm in seine kontemplative Bahn. Zwar sind und bleiben die Vorbilder stets deutlich erkennbar, „Wake Wood“ ergeht sich jedoch niemals in deren bloßer Kopie, sondern zollt ihnen respektvoll Tribut, indem er sich ganz unspektakulär als Hommage begreift. Zudem hat mir gut gefallen, dass der Film die nicht immer einfache Gratwanderung zwischen der Schaffung einer unheimlichen Grundstimmung und der Hinzuziehung härterer Unappetitlichkeiten meistert, ohne je sein rechtes Maß einzubüßen. Die Idee, ein altes, irisches Dorf und seine Bewohner zu Überlieferern von paranormalen Geheimnissen aus uralter Zeit zu machen, erscheint mir darüberhinaus sehr reizvoll, wobei mit Timothy Spall sozusagen der rechte Anführer für das entsprechende Völkchen gefunden ward. Heimliche Höhepunkte stellen in diesem Zusammenhang die Wiedererweckungsszenen dar, die ihre gezielt unheilvolle Wirkung nicht verfehlen. Ein erfreulicher, kleiner Beitrag außerdem zum Subgenre „mordende Wechselbälger“.

8/10

THE GREEK TYCOON

„Let’s go and make love!“

The Greek Tycoon (Der große Tycoon) ~ USA 1978
Directed By: J. Lee Thompson

Der griechische Großreeder und Multimillionär Theo Tomasis (Anthony Quinn) lebt ein Leben in Saus und Braus, mit Wein, Weib, Gesang und Sirtaki. Seine Gattin Simi (Camilla Sparv), die ihn über alles liebt, leidet im Stillen, sein Sohn Nico (Edward Albert) ist hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, in die übergroßen Fußstapfen des mächtigen Vaters zu treten und seinem heimlichen Hass auf die Eskapaden des Moguls. Als Tomasis die Amerikanerin Liz (Jacqueline Bisset) kennenlernt, die mit dem Politiker und künftigen US-Präsidenten James Cassidy (James Franciscus) liiert ist, ist es einmal mehr um ihn geschehen. Der Weg wird frei, als Cassidy einem Attentat zum Opfer fällt. Derweil muss sich Tomasis wegen einer Korruptionsaffäre mit der amerikanischen Kartellaufsicht herumschlagen.

Das ist schon toll: Nico Mastorakis, der sich neben Morton Fine die Story mit“ausgedacht“ hat, berichtete auf Anfrage, „The Greek Tycoon“ sei gar kein inoffizielles Biopic über Aristoteles Onassis und Jackie Kennedy, sondern eine Bestandsaufnahme der Lebensweise sämtlicher griechischer Tycoons. Ein Blinder mit Krückstock könnte Mastorakis diesbezüglich Lügen strafen: zwar findet sich die Geschichte um Onassis und die Kennedy-Witwe in die damalige Gegenwart transponiert, zwar gibt es keine Christina Tomasis, die das väterliche Imperium dereinst erben wird, zwar sind einige Ereignisse wie der Absturz des Sohnes und der Selbstmord der vormaligen Ehefrau nicht in der authentischen Reihenfolge angeordnet und andere Fügungen aufgeweicht respektive leicht abgeändert, das alles ändert aber nichts an dem Status des Ganzen als recht prallem roman à clef: Onassis‘ Langzeitaffäre Maria Callas wird zu einer Schauspielerin namens Sophia Matalas (Marilù Tolo) umfunktioniert, statt in Dallas wird der fiktive Präsident Cassidy (!) am Strand seines Wochenendhaus erschossen. Anthony Quinn, seit „Zorba The Greek“ ohnehin die Weltprojektion des typisch griechischen Lebemannes in der Hauptrolle hätte niemals von wem anderen substituiert werden können, so sehr ist ihm die Rolle auf den Leib geschrieben. Der Camp-Faktor ist hoch und der Film in seiner aufreizend boulevard-artigen Gesamtheit im Nachhinein ein unbedingtes Vorbild für die diversen amerikanischen Familienserien der kommenden Dekade von „Dallas“ über „Dynasty“ bis hin zu „Falcon Crest“. Wer wie ich für diese ein Herz hat und protzige alte Herren, die meinen, sie thronten wie Zeus persönlich über dem  Dache der Welt und könnten Blitze verschießen, wie es ihnen beliebt, auch nur ansatzweise sympathisch findet, der wird sich in dieser herrlichen Mär vom guten alten J. Lee sehr fix zu Hause finden, auch wenn „The Greek Tycoon“ ansonsten keineswegs das ist, was man reinen Gewissens als „guten“ Film bezeichen würde.

7/10

LEPKE

„Everybody in town is gonna pay!“

Lepke (Der Gangsterboss von New York) ~ USA 1975
Directed By: Menahem Golan

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis im Jahre 1922 schließt sich Louis Buchalter (Tony Curtis), genannt „Lepke“, seinem alten Freund Jacob „Gurrah“ Shapiro (Warren Berlinger) an und zieht mit ihm eine Organisation zur Unterwanderung der New Yorker Geschaften durch Gangster und Streikbrecher auf. Durch seine Verbindungen zur Mafia und die Gründung des multiethnisch operierenden Exekutivorgans „Murder Inc.“ steigt Lepke zu einem der führenden Verbrecher Manhattans auf. Nach einem Zwist mit Dutch Schultz (John Durren) betreffs des Staatsanwalts Thomas Dewey (Richard C. Adams) sorgt Lepke für Schultz‘ Beseitigung. Nun hat Lepke selbst Dewey an den Hacken und ist bald gezwungen, unterzutauchen und seinen vormals großzügigen Lebensstil gegen die Existenz eines Flüchtlings einzutauschen. Als er schließlich die Sympathie seines alten Freundes Lucky Luciano (Vic Tayback) einbüßt, lässt die Verhaftung und Verurteilung Lepkes nicht mehr lang auf sich warten.

Unter all den mehr oder weniger stark mythisierten Gangstern der zwanziger und dreißiger Jahre wird Louis Buchalter alias Lepke manchmal gern unterschlagen, vermutlich zur Gänze unbewusst. An seiner jüdischen Herkunft kann es kaum liegen, da ja auch ein Dutch Schultz oder Meyer Lansky, Zeit- und Weggefährten Lepkes, sich ihr historisches Schärflein zu sichern vermochten. Womöglich lag es an der vergleichsweise unrühmlichen Spätkarriere Lepkes, die sich durch Flucht vor den Gesetzeshütern und einem damit verbundenen, eher erbarmungswürdiges Tingeln durch irgendwelche Rattenlöcher von Wohnungen kennzeichnete. Seine Ehefrau (Anjanette Comer) bekam er aus Gründen bloßer Vorsicht faktisch nicht mehr zu Gesicht und war auch sonst zur Einsamkeit in seinen Verstecken verdammt. Ein von Lucky Luciano angekündigtes Arrangement mit der Staatsanwalt platzte schließlich und Lepke wurde J. Edgar Hoover (Erwin Fuller) überstellt, was letzten Endes zu seiner Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl führte.
Anders als bei Coppola oder Scorsese findet Menhem Golan kaum glamouröse Zwischentöne für seine hervorragend inszenierte Mobster-Bio. Sein Lepke, von Tony Curtis durchaus beachtenswert dargeboten, ist kaum mehr als ein gewalttätiger Asozialer in der Tradition der Warner-Gangster aus den Dreißigern, der nie auch nur den leisesten Versuch macht, seiner Unterwelt-Karriere durch legale Gegengewichte auszubalancieren und sich stattdessen in seine Nische als Mörder und Gewalttäter fügt und sein zum Abschluss des Films recht gnadenlos dargestelltes Ende auf dem Stuhl auch in den Augen des Publikums durchaus verdient. Selbiges gilt für seinen ihm treu ergebenen Handlanger Tannenbaum (Simmy Bow), den Golan zuvor als den ewigen, stummen Todesengel auftreten lässt.
Bemerkenswert wäre noch, dass „Lepke“ mit Ausnahme des zu dieser Zeit zudem eher unterbeschäftigten Tony Curtis kaum bekannte Namen auf seiner Besetzungsliste aufwendet und einen Großteil des Budgets offenbar in die authentische Darstellung des Zeitkolorits investierte. Eine sich bezahlt machende Gleichung, denn gerade in Bezug darauf vermag Golans sehenswertes Miniepos zu punkten.

8/10

HANNA K.

„Could all three of you get out here, please?“

Hanna K. ~ F/ISR 1983
Directed By: Constantin Costa-Gavras

Als remigrierte, US-stämmige Jüdin hat die mäßig erfolgreiche Anwältin Hanna Kaufman (Jill Clayburgh) sich ihre romantische Perspektive auf den Staat Israel und seine Hauptstadt Jerusalem bislang bewahren können. Hanna hat mit Victor Bonnet (Jean Yanne) einen nichtjüdischen, intellektuellen und liberalen Ehemann in Paris und pflegt vor Ort eine Affäre mit dem Staatsanwalt Joshua Herzog (Gabriel Byrne), von dem sie ein Baby erwartet. Mit dem Tage, an dem sie den Palästinenser Selim Bakri (Mohammad Bakri) vor Gericht wegen des Verdachts auf Terrorismus pflichtverteidigt, ändert sich ihr vormals einfaches Leben. Bakri wird zunächst nach Jordanien abgeschoben, taucht jedoch einige Wochen später erneut in Israel auf. Ein Hinweis seinerseits an Hanna, das Dorf Kufr Rumaneh ausfindig zu machen, führt sie in die Provinz nach Kfar Rimon, einem teils von Neusiedlern bevölkerten Ort, der auf den Ruinen eines alten palästinensischen Dorfe erbaut wurde, von dem nurmehr Restspuren vorhanden sind. Hanna findet heraus, dass hier Bakris familiäre Wurzeln liegen und er nunmehr staatenlos ist. Bakri, der diesmal inhaftiert wird, tritt in Hungerstreik und wird daraufhin in Hannas Obhut übergeben. Jetzt steht sie zwischen drei Männern mit völlig unterschiedlichen Perspektiven.

In den Achtzigern zeigte Costa-Gavras sich zumindest in formaler Hinsicht als es wesentlich ruhiger angehen lassender, wenngleich nach wie vor strikt politischer Filmemacher, der sich mit „Hanna K.“ des heiße Eisens des Nahost-Konflikts annahm. Auch hier schwamm er gegen den allgemeinen Strom und wagte es als erster Spielfilm-Regisseur, die palästinensische und somit anti-israelische und gleichermaßen anti-amerikanische Sichtweise zu repräsentieren. Erwartungsgemäß formulierte er das Thema nicht zum plumpen Propagandapamphlet für schicke Hochrufe skandierende Palituch-Träger, sondern bemühte sich um ein differenziertes Bild, für dass er das Zentrum einer nicht nur politisch, sondern zugleich emotional zerrissenen Frau wählte. Aus der Dreiecksgeschichte wird so zusehends eine Vierecksgeschichte, die am Ende keinen befriedigenden Abschluss gewährleistet und Hanna allein und im Angesicht schwer bewaffneter Soldaten zurücklässt. Wen sollte sie wählen? Ihren deutlich älteren, eher väterlich-freundschaftlichen Ehemann mit der bequemen Sicht des westlichen Bildungsbürgers? Den leidenschaftlichen Zionisten und Vater ihres Sohnes oder doch den unter seiner ruhigen Oberfläche wütend brodelnden Entrechteten? Ebenso wie Hanna verzichtet am Ende auch Costa-Gavras auf ein eindeutiges Statement, wobei er wenig Zweifel daran lässt, dass die Zwei-Staaten-Lösung ihm am Wohlsten behagte. Der Regisseur lässt sich durch die Figur von Jean Yanne repräsentieren, des außenstehenden Linken, der am Ende zwar eine Meinung präferieren, sich jedoch stets auf das sichere Pflaster seiner Herkunft stützen kann. Diese Regisseur und Film inhärente Klugheit macht „Hanna K.“ noch immer zu einem der ausgeglichensten Filme zum Topos.

8/10