WE NEED TO TALK ABOUT KEVIN

„I am the context.“

We Need To Talk About Kevin ~ Großbritannien/USA 2011
Directed By: Lynne Ramsay

Der Teenager und Schüler Kevin Khatchadourian (Ezra Miller) landet im Gefängnis, nachdem er seinen Vater Franklin (John C. Reilly), seine jüngere Schwester Celia (Ashley Gerasimovich) und im Zuge einer sorgfältig geplanten Aktion diverse Mitschüler ermordet hat. Kevins Mutter Eva (Tilda Swinton), die von den meisten ihrer Mitbürger wie eine Aussätzige behandelt, bespuckt und tyrannisiert wird, nachdem sie mithilfe eines Anwalts ein offenbar günstiges Gerichtsurteil für Kevin erstritten hat, lässt nach und nach die gesamte Biographie ihres Sohnes Revue passieren.

Die britische Autorin Lionel Shriver schreibt vornehmlich über ebenso bewegende wie unangenehme Themen, denen sie häufig mit einer Mischung aus schwarzem Humor und einer analog dazu eher finsteren sozialen Prognostitzierung begegnet. Ihr 2005 erschienener Roman „We Need To Talk About Kevin“ wurde wie im Hinblick auf ihren kreativen Ausstoß üblich recht kontrovers aufgenommen und besprochen. Das Interesse an einer Filmadaption entbrannte quasi mit dem Veröffentlichungstag, wobei das folgende, unübersichtliche Hinundher die Produktion stark verzögerte.
„We Need To Talk About Kevin“ macht es weder sich noch seinen Protagonisten leicht; weniger als die psychologische Anamnese eines jugendlichen Massenmörders handelt es sich um die Charakterisierung seiner Mutter, einer Frau, die die Diskrepanz zwischen gesellschaftlichen und persönlichen Lebenserwartungen bereits mit der Geburt ihres Sohnes auf das Bitterste zu spüren bekommt. Es ist gut, dass sich die Geschichte nicht um den analytischen Blickwinkel oder gar um Antworten schert; sie observiert lediglich, wenngleich aus sehr zuspitzter Perspektive. Eva, eine weltoffene, libertine Frau, kann keine mütterliche Liebe für ihr Kind aufbringen, vielmehr symbolisiert es für sie den Beginn einer immensen Verantwortlichkeit, die sie in Ketten zu legen droht. Plötzlich ist da Familie, da sind Verbindlichkeiten, Dinge, die so gar nicht zu dem passen wollen, was sie unter „Freiheit“ versteht. Dass Kevin sich nebenbei schon früh zu einem wahren Wechselbalg entwickelt, das tatsächlich so etwas wie einen Hang zum Bösen kultiviert, könnte eine zusätzliche Verschärfung der Situation sein oder eine emotionale Reaktion des sensiblen Kindes auf die heimliche Ablehnung der Mutter. Auch hier verzichtet der Film stolz erhobenen Hauptes auf Paraphrasierung und Formelhaftigkeit, die sich doch so sehr anböten. Wo Kevin bei seiner Mutter vornehmlich Kälte erfährt, lässt er sie seinen ewig leuchtenden Protest spüren: er ist ein Schreibaby, weigert sich später vorsätzlich, trocken zu werden, macht Dinge kaputt, die seine Mutter liebt und wickelt den naiven Vater um den kleinen Finger. Später kommt es zu offenen Aggressionen und Verletzungen; als Kevins Schwesterchen Celia, nebenbei ein bezauberndes, kleines Mädchen und von allen (außer Kevin) geherztes „Wunschkind“, ein Auge verliert, weiß Eva instinktiv, dass es sich dabei nicht, wie allgemein angenommen, um einen Unfall gehandelt haben kann. Noch mehr als die Unfähigkeit, zärtliche Nähe zu Kevin aufzubauen, zermürben Eva jedoch die eben damit einhergehenden Schuldgefühle. Umso tapferer erträgt sie die sich nach Kevins furchtbarem Mordzug einstellenden Konsequenzen, die sie wie eine natürliche Strafe für alle früheren Versäumnisse annimmt – so es sich denn überhaupt um solche handelt. Am Ende haben diese beiden, sich seit jeher hassenden Menschen nurmehr einander: der Junge, der viele Menschen umgebracht hat und seine Mutter, die sich die Schuld dafür gibt. Zum ersten Mal glimmt so etwas wie Verständnis zwischen ihnen auf. Der Weg dorthin ist gepflastert mit Blut.

8/10

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FAT MAN AND LITTLE BOY

„It’s all about ass, isn’t it? Either you kick it… or you lick it.“

Fat Man And Little Boy (Die Schattenmacher) ~ USA 1989
Directed By: Roland Joffé

Ein knappes Jahr nach dem Angriff auf Pearl Harbor macht man sich in den USA zunehmend Sorgen um die einstmals als unantastbar gewähnte, nationale Sicherheit. Im Zuge des „Manhattan-Projekts“ soll daher in der Wüste von Los Alamos möglichst rasch die Atombombe entwickelt und konstruiert werden, um den in dieser Sache möglicherweise ebenfalls umtriebigen Achsenmächten zuvorzukommen. Unter der militärischen Ägide von General Leslie Groves (Paul Newman) arbeitet neben dem Physiker und Projektleiter Robert Oppenheimer (Dwight Schultz) noch eine ganze Anzahl weiterer renommierter Wissenschaftler in der öden Abgeschiedenheit an der Massenvernichtungswaffe. Das harte Reglement im Camp erlaubt den Männern faktisch kein unbeobachtetes Privatleben mehr; eine von Oppenheimer über Jahre gepflegte Affäre mit der Kommunistin Jean Tatlock (Natasha Richardson) endet tragisch. Schließlich können erste experimentelle Erfolge verzeichnet werden, die Oppenheimers Mitarbeiter Merriman (John Cusack) das Leben kosten. Obwohl Deutschland im Mai 1945 endgültig kapituliert, wird unter einigem Protest der Wissenschaftler die kurz bevorstehende, erste Erprobung der Bombe, der „Trinity-Test“, weiter forciert…

Gottgleiche Vernichtungsmacht und Schreckgespenst des Kalten Krieges: die Atombombe. Dass aus Krieg per se nichts Gutes erwachsen kann, ist eine stiefmütterliche Binsenweisheit, doch beflügelt der schlimmste aller Konflikte leider oftmals noch die allerärgste Perfidie. Mit den Abwürfen der als „Fat Man“ und „Little Boy“ titulierten Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945, drei Wochen nach der Testzündung der ersten Kernwaffe bei Alamogordo, hat die Menschheit sich ihre bis dato wohl furchtbarste Nemesis selbst entfesselt. Abgesehen von dem einzig nennenswerten Effekt, durch die erfolgte Massenvernichtung den Zweiten Weltkrieg auch im Pazifik beendet zu haben, spottet die Kreierung dieser und ähnlicher perverser Gerätschaften jedweder Menschlichkeit und tritt alle gesunde Vernunft mit Füßen.
Für seine Zusammenfassung der Geschichte um den Bau der Bombe wählte Joffé einen ebenso nüchternen wie konzentrierten, teils dokumentarisch anmutenden Erzählansatz. Da werden gebildete Männer zusammengetrieben, die in Abstraktion, Theorie und Wissenschaft zu Hause sind, denen eingeimpft wird, ihre patriotische Pflicht zu erfüllen und die es als einen gewissen Sport empfinden, ihren Geistegenossen von der gegnerischen Seite zuvorzukommen. Robert Oppenheimer steht diesem unheiligen Bund gewissermaßen als exemplarischer Charakter vor; mit der zunehmenden Zeit, die er sich dem Projekt widmet, mit den zunehmenden, vom Militär verordneten Geheimhaltungsmaßnahmen, verliert er sich mehr und mehr im Rausch des nahenden Erfolges. Wissenschaftlicher Fortschritt und gewinnorientierte Kriegsführung gehen eine höchst ungesunde Verbindung ein, an deren Ende das ultimative Mentekel wartet. Der Film endet mit dem Trinity-Test; der Einsatz der Bombe in Japan und ihre spätere Karriere als bislang nie wieder im Kriegsfalle eingesetztes Abschreckungsobjekt findet den üblichen Post-scriptum-Abriss. Den Effekt entfesselter Strahlung zeigt „Fat Man And Little Boy“ derweil nur einmal im Zuge eines fehlgeleiteten Experiments zur Bestimmung der kritischen Masse von Plutonium: Der Physiker Michael Merriman, ein sympathischer, junger Idealist, bekommt eine hohe Strahlendosis ab und stirbt binnen wenigen Tagen einen qualvollen, gar monströsen Tod. Dessen Darstellung tut ihr Dringlichstes, mehr möchte man nicht gar nicht sehen und doch soll in der Realität dasselbe noch hundertausendfach aufs Neue rekurrieren.
Möge uns Allen Vergleichbares auf ewig erspart bleiben.

8/10

PATERSON

„Poetry in translation is like taking a shower with a raincoat on.“

Paterson ~ USA/F/D 2016
Directed By: Jim Jarmusch

Paterson (Adam Driver), der Mann, der heißt, wie die Stadt in New Jersey, in der er lebt und als Busfahrer tagtäglich seine Runden zieht. Paterson, der Mann, ist verheiratet mit Laura (Golshifteh Farahani), die nicht ganz so gut backt und kocht, wie sie glaubt, was er ihr aber nie sagen würde. Laura liebt Paterson vor allem für seine Dichtkunst, die er jedoch lieber nicht zu veröffentlichen bevorzugt. Allabendlich trinkt Paterson ein Bier in seiner Stammkneipe, während Bulldogge Marvin draußen angebunden auf ihn wartet. Paterson liebt sein Leben, auch, wenn es gleichförmig und scheinbar ereignislos verläuft. Es sind die kleinen, kurzen Begegnungen und Episoden, die ihn glücklich stimmen: Die Leute, die mit dem Bus fahren, ein kleines Mädchen (Sterling Jeris), dass sich wie er selbst der Poesie verschrieben hat. Schießlich ein japanischer Dichter (Masatoshi Nagase), der ihm ein leeres Notizbuch schenkt.

Jim Jarmusch, unangefochtener amerikanischer Meister des stillen, kontemplativen Kinos, bleibt mit „Paterson“ seiner Linie nicht nur treu, sondern verlangsamt sein Tempo sogar nochmals, analog vielleicht zum eigenen Älterwerden. „Paterson“ erzählt den Abriss einer Woche im Leben des gleichnamigen Protagonisten in seiner gleichnamigen Stadt, die für ihre vergleichsweise bescheidene Größe eine erstaunliche Anzahl Prominenter und Kulturschaffender hervorgebracht und beherberht hat. Obwohl jene sieben Tage augenscheinlich wenige Höhepunkte vorweisen, geschehen für Paterson und seinen Lebensweg gleich mehrere elementare Begebenheiten, die ihn in allem, was er ist und was er sein will, bestätigen. Paterson hat seinen festen Platz in der Welt. Er ist ein heimlicher Intellektueller, ein Dienstleister, an den sehr heterogenen Menschen, denen er allenthalben begegnet und mit denen er täglich zu tun hat; sei es, indem er einen liebeskranken Kneipengast (William Jackson Harper) besänftigt, oder seine nervösen Fahrgäste angesichts einer Buspanne beruhigt. Sein Bücherregal ist nicht besonders groß, aber fein selektiert. William Carlos Williams steht darin, wie Paterson selbst ein schreibender Observierer, der einst eine Anthologie veröffentlicht hat, die – wie könnte es anders sein – den Namen „Paterson“ trägt. Äquivalenzen und Spiegelbilder ziehen sich leitmotivisch durch Patersons Alltag: Immer wieder und überall begegnet er Zwillingspärchen. Alles hat zwei Seiten. Als er einmal mit Laura ins Kino geht, um sich Erle C. Kentons Klassiker „Island Of Lost Souls“ anzuschauen, zerfetzt der eifersüchtige, alleingelassene Marvin sein Gedichtbuch derweil zu Haus Patersons handschriftlich geführten Gedichtband. Doch auch das wirft den Helden des Alltags nicht aus der Bahn. Dass es und alles, manchmal auf geradezu magische Weise, immer weitergeht, wird sich ihm kurz darauf offenbaren.

8/10

THE SPIRAL ROAD

„I believe in the strength of the human spirit.“

The Spiral Road (Am schwarzen Fluss) ~ USA 1962
Directed By: Robert Mulligan

1936 kommt der karrierebewusste, holländische Mediziner Anton Drager (Rock Hudson) nach Indonesien, um dort einige Zeit mit dem gesetzten Lepra-Experten Brits Jansen (Burl Ives) zusammenzuarbeiten und von dessen renommierten Studien und Erfahrungen zu profitieren. Dr. Jansen hat vor allem die hiesige Bevölkerung und ihre Art zu leben in vielen Jahren der Arbeit kennen und lieben gelernt und ist skeptisch, dass der geschniegelte Neuling seinen oft harten Aufgaben vor Ort gewachsen ist. Ein weiterer Konflikt ergibt sich durch Dragers unbedingten Atheismus, den Jansen immer wieder mit humanistischen Glaubenssätzen auszuhebeln versucht. Dennoch werden aus den beiden unterschiedlichen Männern Freunde, bis Drager durchblicken lässt, dass er weitaus weniger daran interessiert ist, den eingeborenen Patienten zu helfen, denn daran, sich zurück in der europäischen Heimat ein hohes Ansehen als Seuchenforscher zu erarbeiten. Es kommt zum Bruch zwischen den Ärzten und Drager begibt sich allein in den Dschungel, um es mit einem gefürchteten Schamanen (Reggie Nalder) aufzunehmen, dessen bedrohliche Praktiken er als reinen Blödsinn abtut…

Ein leicht zwiespältiges Abenteuerdrama, dessen aufwändige und epische Gestaltung zwar sehr gefallen, sich im Endeffekt jedoch an der christlich infizierten Botschaft messen lassen müssen, die am Ende, ganz nach „Ben-Hur“-Manier, natürlich doch noch greift und aus dem Saulus Rock Hudson einen gottesfürchtigen Paulus werden lässt.
Mir hat das ziemlich die zunächst noch sehr schmackhafte Petersilie verhagelt, nachdem ich mich zunächst ebenso sehr über Hudsons ungewohnt beeindruckende und sehr dedizierte Darstellung freute wie über den tollen Burl Ives, für den die Rolle des ginerprobten, schalkhaften Dr. Jansen eines der vielen Schauspielgeschenke seiner Laufbahn bot. Tatsächlich bildet Ives‘ liebenswerter Auftritt gewissermaßen das Herzstück von „The Spiral Road“, der im Laufe seiner Spielzeit mancherlei Haken schlägt. Neben seiner wohl eindeutigsten Zugehörigkeit zum Abenteuerfilm streift er auch Drama, Komödie, Romantik (mit seiner von Gena Rowlands gespielten Frau Els hat der gute Drager – wie auch mit sich selbst – etliche Höhen und Tiefen zu durchlaufen) und gegen Ende, als der unvergleichliche Reggie Nalder als einheimischer witch doctor Burubi auf den Plan tritt und dem ehrfurchtslosen Drager endlich mal zeigt, an welcher Fichte die Murmeln hängen, sogar das Horrorgenre. Diese nur scheinbare Orientierungslosigkeit tut dem Film tatsächlich sehr gut, da er dadurch die emotionalen Schlenker der Story angemessen involvierend nachvollziehbar macht. Das Spannungsfeld der Beziehung zwischen den beiden Ärzten findet sich ordentlich ausgearbeitet und es macht viel Freude, Hudson und Ives bei ihren Quasi-Vater-Sohn-Ersatzspielchen beizuwohnen. Hätte man diese ätzende Glaubenskiste weggelassen oder zumindest durch rein berufsethische bzw. kolonialpolitische Diskurse ersetzt – was „The Spiral Road“ nebenbei betrachtet wahrscheinlich ohnehin mit einem deutlich frischeren und nachhaltigeren Wind versorgt hätte, könnte man von einem annähernden Meisterstück sprechen. So aber gibt es leider (unnötige) Abzüge in der B-Note.

8/10

DEMONOID: MESSENGER OF DEATH

„You either cut off my hand, or I’ll kill you!“

Demonoid: Messenger Of Death (Macabra – Die Hand des Teufels) ~ MEX 1981
Directed By: Alfredo Zacarías

Nachde das Ehepaar Mark (Roy Benson) und Jennifer Baines (Samantha Eggar) all sein Sauerverdientes in den Erwerb einer mexikanischen Silbermine investiert hat, lässt der Ertrag auf sich warten, zumal die Arbeiter vor Ort allesamt Bammel haben, tiefer in den Stollen vorzustoßen. Bei einer eigenen Expedition in die Untiefen der Höhle stoßen die Baines‘ schließlich auf eine altertümliche Kultstätte mitsamt einem Grabmal. Mark bemächtigt sich darin einer silbernen Schatulle, die einer Hand nachempfunden ist. Im Hotel offenbart sich dann deren schreckliches Geheimnis: Der Staub aus dem Kästchen verwandelt sich eine knochige Hand, die von Mark Besitz ergreift. Dieser dreht daraufhin durch, jagt die Mine in die Luft und flieht. Jennifer kann später nurmehr seine verbrannte Leiche identifizieren, nachdem Mark in Las Vegas offenbar in Streit geraten ist. Sie wendet sich an Vater Cunningham (Stuart Whitman), der ihre Geschichte um die Teufelshand nicht glauben mag, sich schon bald jedoch eines Besseren belehrt findet…

Von übernatürlichen Mächten besessene Gliedmaßen, zumal Hände, bilden bereits seit Robert Wienes „Orlacs Hände“ und seiner bald erfolgenden Remakes einen unregelmäßig, aber stetig bemühten Nebenstrang im Horrorfilm nebst mancherlei oder weniger berühmten Ablegern. Auch „Demonoid: Messenger Of Death“ des mexikanischen Filmemachers Alfredo Zacarías, der um diese Zeit einen kurzfristigen Abstecher ins anglophone Genrekino mit den entsprechenden Darstellern wagte, zählt dazu. Sein Werk passt insofern ganz gut zu dem von den Cardonas, die ja ebenfalls in diesen Sphären umtriebig waren, oder entfernt auch zum italienischen Splatterfilm jener Tage. Dafür bürgt nicht zuletzt auch das Engagement Stuart Whitmans, der sich zu dieser Zeit zumindest im Kino für keinen noch so abstrusen, internationalen Heuler zu schade war, und mit seinem graumeliert gescheitelten Haupt so manches Gossenstück aufzuwerten wusste. Immerhin dürfte „Demonoid“, dem es sogar gelingt, ein bisschen den spirit des US-Horrorkinos der Früh- und Mittsiebziger zu präservieren, zu seinen etwas besseren Filmen der Ära gehören. Die böse Dämonenhand von anno dunnemals, die immer wieder neue Wirte findet und diese jeweils tot und energieentledigt (sprich: grau und verschrumpelt) hinterlässt, macht durch ihren beinahe episodsisch nachgezeichneten Werdegang jedenfalls allerlei Freude und hält den Zuschauer bei Laune bis hin zu ihrem unvermeidlichen Cliffhanger-Auftritt am Ende. Immer wieder hat es zwischendrin überdurchschnittliche Szenen wie etwa den beklemmenden Besuch der Baines in einem Mumienmuseum. Hinzu kommt noch das allenthalben eingespielte Ohrwurm-Titelthema von Richard Gillis und fertig ist die etwas absonderliche Laube.

6/10

AMERICAN GOTHIC

„I’m joining the clean plate club!“

American Gothic (Dark Paradise) ~ UK/CA 1988
Directed By: John Hough

Um die seit dem Tod ihres Babys schwer traumatisierte Cynthia (Sarah Torgov) auf andere Gedanken zu bringen, nehmen ihr Mann Jeff (Mark Erickson) und ein paar Freunde sie mit zu einem Campingtrip auf eine kleine Insel vor der Küste von Seattle. Doch das idyllische Eiland ist mitnichten unbewohnt; ein altes, strengchristliches Ehepaar (Yvonne De Carlo, Rod Steiger) lebt dort nicht weit vom Strand in einem kleinen Blockhaus. Wie sich umgehend herausstellt, hat dieses zudem drei erwachsene Kinder (Janet Wright, Michael J. Pollard, William Hootkins), die offenbar noch nie von der Insel weggekommen sind und sich nicht nur völlig infantil, sondern auch sonst sehr bizarr verhalten. Bald gibt es die ersten Verluste unter den Gästen zu beklagen und die ohnehin arg angegriffene Cynthia muss feststellen, dass die derangierte Familie buchstäblich noch mehr Leichen im Keller hat…

Das eine Zeichnung von Rod Steiger und Yvonne De Carlo zeigende Kinoplakat zu „American Gothic“ ist eine wunderbare Anlehnung an das berühmte, gleichnamige Gemälde von Grant Wood, das einen freudlosen Farmer mit Heugabel und eine Frau neben ihm zeigt, von der man nicht weiß, in welcher familiären Beziehung sie zu dem Mann steht. John Houghs Film wirkt wie eine bitterböse, schwarzhumorige Interpretation jenes Bildes, wobei auch dessen Geschichte nie die wahren verwandtschaftlichen Beziehungen der gesellschaftlich und auch technisch völlig isoliert lebenden Inselfamilie offenlegt. Es können jedoch kaum Zweifel daran bestehen, dass hier inzestuöse Kreuzverbindungen gepflegt werden. Höchstwahrscheinlich, jedenfalls ist eine solche „Erklärung“ für all die Seltsamkeiten rasch bei der Hand, sind „Ma“ und „Pa“, wie sie sich reduziert rufen, selbst Geschwister, die vor Jahrzehnten mit ihrer chaotischen Brut in dieses beschauliche Exil geflüchtet sind und aus Furcht vor Entdeckung jeden potenziellen Eindringling rigoros ausmerzen. Vor allem das mordlustige und zu noch ganz anderen Perversionen wie Nekrophilie neigende Nachwuchstrio spiegelt im Folgenden die zutiefst abartige Funktionalität wider, in der man sich hier ein einsames Sanktuarium vor der Zivilisation geschaffen hat: Seit jeher gehalten wie Kleinkinder und in Unkenntnis jedweder Moralbegriffe, begreifen die Drei ihre mörderischen Gewaltausbrüche wie lustige Streiche oder Spielchen, die Ma und Pa zudem noch gutheißen. Besonders Janet Wright, die ihr mumifiziertes Baby wie ein Püppchen überall mit hin schleppt, evoziert durch ihre wirklich grandiose Interpretation der komplett verrückten Fanny allerhöchsten Widerwillen beim Zuschauer.
Bemerkenswert an Houghs einnehmenden Film, einem genealogisch illegitimen Erben von Tobe Hoopers „The Texas Chain Saw Massacre“ nebenbei (wobei hierin wie vieles Andere auch das Kannibalismuselement in vager, mutmaßlicher Schwebe verbleibt) sind nicht nur seine inhaltliche und visuelle Kompromisslosigkeit, die sich in all ihrer unangenehmen Widerwärtigkeit geradezu lustvoll durchdekliniert finden, sondern in diesem Zusammenhang auch die Verpflichtung der zwei Weltklasse-Darsteller Steiger und De Carlo, die ihr Engagement einerseits und vermutlich in der Hauptsache wegen ihrer Gagen angenommen haben werden, andererseits jedoch all ihr Können in die Waagschale werfen und sich die dem Szenario akut innewohnende, bitterböse Komik vortrefflich zunutze machen.
Ein Juwel des Achtziger-Jahre-Horrorfilms.

8/10

CIRCLE OF POWER

„We’d all sell our souls for our fuckin‘ jobs.“

Circle Of Power (Gehirnwäsche) ~ USA 1981
Directed By: Bobby Roth

Einige mittelhohe Firmenangestellte, die allesamt mit wohldotierten Managerpositionen liebäugeln, werden von der Chefetage genötigt, an einem mehrtägigen Motivationsseminar teilzunehmen, ausgerichtet von der EDT-Corporation, die in Insider-Kreisen auch „Mystique“ genannt wird. Deren Vorsitzende Bianca Ray (Yvette Mimieux) empfängt sowohl die Bewerber als auch ihre Ehegattinnen und veranlasst diese nach einer freundlichen Begrüßung, eine Verzichtserklärung zu unterschreiben, derzufolge sie der EDT sämtliche Aktionen und Maßnahmen gestatten, auch, wenn sie über ihrem individuellen Wohl stehen. Männer und Frauen werden zunächst in zwei „Workshops“ separiert, um dann nach und nach die wahre Natur von Miss Rays „Erfolgsprogramm“ zu erkennen: Psychische und physische Folter, rigorose Bloßstellung und schließlich sogar Todesdrohungen sollen die beiden Gruppen vorgeblich dazu treiben, ein besseres Teamgefühl zu entwickeln, sind tatsächlich jedoch nichts anderes als zutiefst sadistische Maßnahmen, um sie alle funktionaler, sprich: obrigkeitshöriger zu machen. Schließlich weigern sich Jack Nilsson (Christopher Allport) und seine Frau Lyn (Cindy Pickett), weiter an dem Programm teilzunehmen, ganz zu Bianca Rays persönlicher Missbilligung…

Warum „Circle Of Power“ nicht einen weitaus umfangreicheren Popularitätsgrad genießt, ist mir schleierhaft. Vermutlich hängt dies nicht zuletzt mit seiner völlig fehlgeleiteten Vermarktung als Sleaze-Klopper (s. Kinoplakat „Brainwash“) zusammen. Stark orientiert an dem 1972 veröffentlichten Sachbuch „The Pit: A Group Encounter Defiled“, das sich mit real existierenden, zwielichtigen Motivations-Firmen und deren Arbeitsweisen befasste, inszenierte Bobby Roth diesen oft unwirklich anmutenden, tatsächlich jedoch auf authentische Praktiken zurückgehenden Film, der mich zumindest im Hinblick auf die ungeheure emotionale Involvierung des Zuschauers, sehr an Oliver Hirschbiegels fast zwanzig Jahre später entstandenen „Das Experiment“ erinnerte, der seinerseits vielleicht sogar zu Teilen an Bobby Roths dramaturgischer Herangehensweise partizipieren konnte.
Spätestens als die Seminarteilnehmer die Verzichtskontrakte unterschreiben, bereits eine geschickt aufgezogene Nötigungsaktion, schwant einem nichts Gutes mehr. Als es dann zur Sache geht – Yvette Mimieux, von der schnuckeligen Teenagerin der Fünfziger mittlerweile zu einer eiskalten femme fatale herangereift, leitet mit Bodybuilder-Unterstützung die Herrenriege, während die Damen von ihrem Adlatus Carelli (John Considine) „trainiert“ werden – wird „Circle Of Power“ höllisch unangenehm. Zunächst pickt Miss Ray sich das schwächste Glied in der Kette heraus, den fresssüchtigen, unter Kindheitstraumata und Neurosen leidenden Buddy Gordon (Walter Olkewicz) und macht ihn vor aller Augen auf das Unangenehmste zur Schnecke. Es folgen noch weitere, ähnliche Aktionen, die eher etwas mit den Foltermethoden in diktatorischen Staatsgefängnissen gemein haben als mit herkömmlichen Supervisionsanstrengungen. Entsprechend affektiv wie erwähnt die heftige Wirkung auf das (im besten Falle unvorbereitete) Publikum.
Das Hauspersonal von Miss Ray besteht übrigens ausschließlich aus Afroamerikanern (u.a. Julius Harris und Henry G. Sanders) mit etwas zwielichtigen Führungszeugnissen und merkwürdigen Privilegien. Die dazugehörigen Szenen ließen mich unweigerlich an „Get Out“ denken. Es lassen sich demnach eine Menge spannender Analogien zu ähnlich gefärbten Werken herstellen.
Als Satire oder Groteske auf den Albtraumkapitalismus und seine bizarren Auswüchse lässt sich Roths Film allerdings nicht lesen, schließlich ist der Methodenkatalog, dessen sich die EDT im Film befleißigt, ja nicht auf der Autoren Mist gewachsen, sondern hat verbriefte Vorbilder. Man möchte das Ganze auch unwillkürlich als Dystopie oder social fiction klassifizieren, doch auch das haut – aufrgrund gegebener Faktenlage – eben nicht hin. Was bleibt, ist eine filmische Zierde ihrer Kinoära, ein schwer einzuordnender, beklemmender und zutiefst mitreißender Film, von dem ich mir wünsche, dass er endlich entdeckt wird und allerorten die wertschätzende Behandlung und Rezeption erfährt, die ihm seit jeher zusteht!

8/10