UN DETECTIVE

Zitat entfällt.

Un Detective (Die Klette) ~ I 1969
Directed By: Romolo Guerrieri

Stefano Belli (Franco Nero), Commissario bei der römischen Fremdenministerium, nimmt hier und da gern lukrative Jobs abseits des offiziellen Dienstwegs an. Aktuell beauftragt ihn der reiche Advokat Fontano (Adolfo Celi) damit, einerseits Sandy Bronson (Delia Boccardo), der offenbar leichtlebigen aus England stammenden Freundin seines Sohnes Mino (Maurizio Bonuglia), den Aufenthalt zu erschweren und andererseits untersuchen, warum Fontanas Gattin Vera (Florinda Bolkan) ausgerechnet den schmierigen Musikproduzenten Romanis (Marino Masé) mit einer großzügigen Geldinvestition unterstützen möchte. Belli findet umgehend nicht nur einen bereits erschossenen Romanis vor, sondern zudem heraus, dass beide Fälle direkt zusammenhängen und ausschließlich jede/r der Beteiligten, darunter auch der Fotograf Claudio (Roberto Bisacco) und das drogensüchtige Schlagersternchen Emmanuelle (Susanna Martinková) auf die eine oder andere Weise Dreck am Stecken hat, oder nur die halbe Wahrheit sagt.

Guerrieris nach seiner eigenen Einschätzung gelungenste Regiearbeit erweist in allererster Instanz den harboiled noirs von Hammett, Chandler und Spillane Reverenz, indem er einen profitgierigen Schnüffler durch ein unentwirrbares Spinnennetz aus Intrigen stolpern und sich darin verheddern lässt. Wie oftmals auch ein Philip Marlowe müht sich der stets cool und situationsbestimmend bleibende Belli dabei, ebenso wie der Zuschauer den Überblick zu wahren, häufig jedoch umsonst: Die meisten seiner Spekulationen erweisen sich als unzutreffend und hinter jeder vermeintlich klärenden Wendung steckt nur wieder ein neues Rätsel. Das hat zur zwangsläufigen Folge, dass das Narrativ sich nur allzu häufig selbst zu verheddern droht, was jedoch, man denke nur an „The Big Sleep“, eine zunehmend untergeordnete Rolle spielt. Was vielmehr stets den Mittelpunkt einnimmt, ist die jeweils aktuelle Szene, deren Setting, deren Dialogwitz, deren inhärente Spannung und gegebenenfalls auch deren erotische Aufladung – als MacGuffin gibt es etwa eine Nacktaufnahme einer wohlgeformten Dame, auf der der identitätsstiftende Kopf weggerissen wurde. Vordringliche Agenda Bellis ist es demzufolge, über weite Strecken der Geschichte herauszubekommen, um welche der drei beteiligten femmes fatales es sich auf der hier abgelichteten wohl handeln möge. Am Ende erweist sich jedoch auch dieses symbolträchtige Bild als für die finale Aufklärung, die dann auch weniger überraschend denn lediglich mit noch mehr Fragezeichen behaftet daherkommt, als weitgehend unerheblich.
Guerrieri erweist sich als Regisseur dennoch als geschickt genug, den Plot eben Plot bleiben zu lassen und sich ganz auf die Kreierung von Atmosphäre zu verlagern, Räumen und urbanen Schauplätzen den Vorzug zu geben und sein erstklassiges Ensemble glaubhaft durch seine dramaturgischen Wirrnisse zu führen.
Erst gestern habe ich – rein zufällig – ein Werksinterview mit Walter Hill geschaut, in dem der Meister einmal die Aufgaben von Darstellern und Regisseur voneinander abgrenzt: Die Aufgabe des Regisseurs sei es, so Hill, den Film zu verstehen, die des Akteurs hingegen, seine Figur zu verstehen. Da musste ich gleich unwillkürlich an „Un Detective“ denken, anhand dessen sich just dieses Maxime geradezu exemplarisch nachzeichnen lässt.

8/10

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COUP DE TORCHON

Zitat entfällt.

Coup De Torchon (Der Saustall) ~ F 1981
Directed By: Betrand Tavernier

Französisch-Westafrika, 1938: Lucien Cordier (Philippe Noiret) betätigt sich als Polizist im von 1280 Seelen bevölkerten Kleinststädtchen Bourkassa Ourbanqui. Sein gesamtes Leben hier gleicht einer Posse. Lucien hat bislang weder jemals jemanden verhaftet noch jemals seine Waffe abgefeuert. Sämtliche Weiße, auch seine Frau Huguette (Stéphane Audran), sehen auf ihn herab und machen sich über ihn lustig. So lang das Pernod-Glas gut gefüllt ist, stört ihn das bislang wenig, oder zumindest lässt er es sich nicht anmerken. Als sich Lucien eines Tages doch aufrafft, dem Präfekten Chavasson (Guy Marchand) sein Leid zu klagen, verspottet dieser ihn ebenfalls und rät ihm, dem Nächsten, der ihm dumm kommt, „in den Arsch zu treten“. Lucien fackelt nicht lang, erschießt zunächst kaltblütig die beiden lokalen Zuhälter Le Peron (Jean-Pierre Marielle) und Leonelli (Gérard Hernandez) und sorgt dafür, dass Chavasson der Hauptverdächtige für deren „Verschwinden“ ist. Später knöpft er sich den brutalen Marcaillou (Victor Garrivier), den prügelnden Ehemann seines Betthäschens Rose (Isabelle Huppert), vor und lässt den arroganten Geschäftsmann Vanderbrouck (Michel Beaune) in seine eigene Latrine fallen. Als krönenden Abschluss entledigt er sich mit Roses unbeabsichtigter Hilfe seiner Gattin und deren Liebhaber und angeblichen „Bruder“ Nono (Eddy Mitchell). Da hat sich jedoch längst ein akuter werdender Größenwahn Luciens bemächtigt…

Betrand Taverniers gewaltige Kolonialismusfarce basiert auf dem Roman „Pop. 1280“ des amerikanischen Romanciers Jim Thompson, der seinerseits als transzendentaler Western angelegt ist. Die Transponierung auf ein Kaff in Französisch-Westafrika am Vorabend des Zweiten Weltkrieges, eine Periode, in der der gesamte Globus dabei ist, die Schwelle zum Wahnsinn zu übertreten, entpuppt sich in diesem Zusammenhang als genialischer Kniff. Die Figur Lucien Cordiers lässt sich dabei in vielerlei Weise interpretieren. Mir kommt er vor, wie der sich genügsame, knechten lassende und dabei doch längst zutief verletzte Narr einer hedonistischen Hofgemeinde, der, nachdem das Fass einmal übergelaufen ist, zu einer Art faschistischem Zerrbild wird; einem heimlichen Autokraten, der seinem Mikrokosmos die erlittene Schmach hochpotenziert zurückzahlt und darüber hinaus auch die eigene Bodenhaftung einbüßt.
Einzig die rassistisch drangsalierten Eingeborenen bringen mitleidiges Verständnis für Lucien auf, wie er zuvor dahinexistiert und in den Tag lebt, zumindest leiblich wohlgelitten, gut und umfangreich essend und trinkend, seinen längst tiefe Furchen treibenden Hass hinter einer Fassade des scheinbaren Gleichmuts verbergend.
Eine am Anfang des Films auftretende Sonnenfinsternis erscheint im Nachhinein als eine Art naturbedingtes, vielleicht gar sakrales Orakel für Lucien. Infolge geschickt eingeholter Absolution durch die weltlichen und geistlichen Autoritäten [sowohl der Polizeipräfekt als auch der örtliche Pastor (Jean Champion) lassen den geschickt agierenden Lucien unbewusst die „Genehmigungen“ für seine folgenden Gewaltakte aus sich herauskitzeln] wird aus dem trägen Dorfsheriff ein ebenso cleverer wie zynischer Vigilant in höchst eigener Sache, der seinem Sinneswandel eine umfassende Abrechnung folgen lässt, ein dem Originaltitel entsprechendes „Durchwischen“ oder „Großreinemachen“. Dass er dabei auch Grenzen überschreitet, die besser unüberschritten blieben, setzt ihn am Ende, nachdem man seiner Vergeltungsaktion mit einiger, boshafter Genugtuung gefolgt ist, jedoch endgültig ins moralische Unrecht. Ein einheimischer Zeuge (Samba Mané) seines Mordes an Marcaillou muss für seine naive Aufrichtigkeit mit dem Leben bezahlen. Vielleicht ist es dieser eine, in jedweder Hinsicht unberechtigte Gewaltakt, der Luciens Hybris am Ende die psychische Gesundheit kosten wird.
Tavernier legte mit „Coup De Torchon“ ein bitterböses Meisterstück vor, einen seiner schönste Filme und einer der definitivsten zum Thema Kolonialismus obendrein, ungeheuer reich an philosophischen Bonmots und Diskursen, seinen Weg so schräg wie geradlinig gehend.

9/10

MURDER MYSTERY

„You got to be the bad guy.“

Murder Mystery ~ USA 2019
Directed By: Kyle Newacheck

Weil er sich zum wiederholten Male als zu unfähig erweist, die Prüfung zum Police Detective zu meistern, schwindelt der New Yorker Cop Nick Spitz (Adam Sandler) seiner Gattin Audrey (Jennifer Aniston) kurzerhand vor, dass er sie längst bestanden habe. Zudem zwingt eine dumme Situation dazu, Audrey die seit Jahren versprochene Europareise zum jüngsten Hochzeitstag zu verehren. Aus der geplanten Bustour zu den großen südeuropäischen Schinkenräuchereien wird jedoch nichts, da Audrey im Flieger die Bekanntschaft des Milliardenerben Charles Cavendish (Luke Evans) macht. Dieser lädt die Spitzens – nicht ganz uneigennützig – zur Hochzeitsparty seines Onkels, des superreichen Malcolm Quice (Terence Stamp), auf dessen Luxusyacht ein. Nachdem dieser sämtlichen anwesenden Erbschleichern eröffnet, dass sie nichts von seinem Nachlass zu erwarten hätten, wird er umgehend ermordet. Der ebenso übereifrige wie inkompetente Polizist de la Croix (Dany Boon) hält trotz eindeutig fehlenden Motivs die Spitzens für die Täter, was diese in die Zwangslage setzt, ihre Unschuld zu beweisen.

Zumindest für des Sandmans Freunde durchaus liebenswert, wenngleich qualitativ eher in seinem mittleren Filmsektor schwimmend, entpuppte sich diese sechste und jüngste Netflix-Produktion als die bislang erfolgreichste Zusammenarbeit des Senders mit dem quirligen Adam. Angenehmerweise versucht „Murder Mystery“ erst gar nicht, sich zu etwas Besserem zu deklarieren als er es letzten Endes darstellt, sondern gibt sich mit seinem Status als gut gelaunte, in Teilen durchaus witzige Krimikomödie ohne besondere Ausreißer nach oben oder unten zufrieden. Für Sandler, der ausnahmsweise mal an der Riviera sein Unwesen treiben darf, ist das Ganze derweil eine sichtlich laxe Fingerübung, die ihn gut gelaunt und wie gehabt auch mal über die eigenen Gags lachen lässt. Garantiert überraschungsfrei, aber sympathisch wie immer. Das matte Fünkchen Reverenz an Agatha Christie und anverwandte Literatur bleibt schließlich bloße Behauptung.
Der kriminalistisch überbaute Hauptplot lässt sich, wie die Inszenierung in ihrer Gesamtheit, insofern völlig vernachlässigen; ganz ähnlich wie seinerzeit Woody Allen in seinem nicht nur titulär verwandten „Manhatten Murder Mystery“, geht es vielmehr darum, die eingeschlafene Liebe eines nurmehr gewohnheitsmäßig verheirateten Paares durch die Involvierung in einen – bzw. mehrere – Mordfall/-fälle sich neu entflammen zu lassen und alten Beziehungsballast somit beiseite zu schieben, im vorliegenden Stück natürlich betont unsophisticated. Dennoch und überhaupt sollte man die mir zunehmend offenkundigen Parallelen zwischen den Gesamtwerken von Allen und Sandler einmal näher untersuchen.

6/10

ALLA RICERCA DEL PIACERE

Zitat entfällt.

Alla Ricerca Del Piacere (Haus der tödlichen Sünden) ~ I 1972
Directed By: Silvio Amadio

Die Londoner Sekretärin Greta Franklin (Barbara Bouchet) wird von ihrer Agentur an den exzentrischen Autoren Richard Stuart (Farley Granger) vermittelt, der eine feudale Villa auf einem kleinen Eiland nahe Venedig bewohnt. Greats Vorgängerin und Freundin Sally Reece (Patrizia Viotti), die ebenfalls für Stuart garbeitet hatte, ist derweil spurlos verschwunden. Kaum dass Greta die Bekanntschaft des egomanen Stuart und seiner nicht minder exaltierten Gattin Eleonora (Rosalba Neri) gemacht hat, beginnt sie den Verdacht zu hegen, dass die beiden wesentlich mehr über Sallys Verbleib wissen als sie zugeben möchten. Geschürt wird Gretas Verdacht noch durch diverse Indizien und Stuarts offen-ominöse Andeutungen in der Sache. Dass das Ehepaar zudem ein höchst lockeres bis befremdliches Sexualgebahren pflegt und Greta insgeheim bewusstseinstrübende Drogen verabreicht, steigert das Misstrauen der jungen Frau nochmals beträchtlich…

Von Silvio Amadio kenne ich bislang lediglich diesen Film, was mir, insbesondere angesichts späterer Arbeiten mit Früchtchen Gloria Guida, doch ein relatives Verlustgeschäft zu sein scheint und sich vielleicht demnächst ändert.
Auf der Habenseite des vorliegenden Werks gibt es eine ausgesprochen kostbare, hochästhetische Visualität, die die Lagunenstadt und ihre Umgebung, darunter die Insel mit der Villa und das Schilfmoor, in leuchtenden Farben und das Auge wunderprächtig verwöhnenden Scope-Bildern einfängt und bereits für sich stehend den angetanen Zuschauer bei der Stange hält. Barbara Bouchets um diese Zeit übliche Freizügigkeiten finden sich nicht minder ansprechend inszeniert und schließlich breitet sich die anrüchige, höchst triviale Atmosphäre um den spinnerten Intellektuellen und seine lüsterne Ehefrau und Hausmuse, die sich ganz nebenbei einen willfährigen Lustknaben (Dino Mele) halten, wie ein behaglich-luftiges Kolportagelaken über dem Rezipienten aus. Farley Granger ist als einnehmender Finsterling dementsprechend ebenso sehenswert wie die Neri als sein paraphiles Weib.
Dem gegenüber steht allerdings eine nunmal nicht ignorierbare, extrem sleazige Oberflächenabhandlung der Story auf wiederum unterem Groschenromanniveau, weshalb Stuarts/Grangers höhnische Anmerkung, er werde als nächstes einen Giallo schreiben, sich als durchaus arrogant begreifen lässt, auch von Seiten Amadios, der nicht umhin wollte, einen tumben Riesen als mörderisches Sexmonster und dabei unschuldigen Erfüllungsgehilfen als gewissermaßen entschlüsselndes Element in die Geschichte einzuweben. Rocco, wie der von dem etwas primatenhaft anzusehenden Peter Martinovitch gespielte, ungeschlachte Fischer heißt, hat nämlich das filminhärente Pech, in verhängnisvoller Ergänzung zu seinem massigen Körper einem genetisch bedingten Schwachsinn aufzusitzen, der ihn in Verbindung mit Alkohol und sexueller Erregung hübsche Damen erwürgen lässt, was das Ehepaar Stuart wiederum ziemlich geil findet. In Kombination mit Stuarts nietzsche’schem Übermenschengeschwafel zu Beginn des Films erhält dies ein gewisses, unangenehmes, ich nenne es mal: „Geschmäckle“, welches mich in derlei Fällen normalerweise wenig tangiert, dieses spezielle Exempel aber, ohne, dass ich genau sagen könnte, weshalb, zumindest gelinde abwertete.

6/10

FANGO BOLLENTE

Zitat entfällt.

Fango Bollente (Die grausamen Drei) ~ I 1975
Directed By: Vittorio Salerno

Dem in einem Wissenschaftszentrum bei Turin angestellten Ovidio Mainardi (Joe Dallsandro) reißt eines Tages eine für das friedvolle soziale Miteinander unabdingbare Sicherung und er beginnt mit seinen zwei Kollegen Giacomo (Gianfranco De Grassi) und Peppe (Guido De Carli), seine tiefschlummernden Aggressionen rücksichtslos auszuleben. Nachdem das Trio eine Massenschlägerei im örtlichen Fußballstadion initiiert, kommt es erst recht auf den Geschmack: Mord und Vergewaltigung werden zur liebsten Freizeitbeschäftigung der grausamen Drei…

Was, wenn das Über-Ich plötzlich seinen Dienst versagt und das Es nebst Libido und Thantos die Herrschaft ergreift? Auftritt Joe Dallesandro, dem man seinen sukzessiven, mit seelenruhigem Gestus präservierten Amoklauf sowie seine höchst spezifische Auslegung des ohnehin diskutierbedürftigen Gesellschaftsmodells „Anarchie“ nur allzu gern abkauft. Niemand konnte so eiskalt lächeln, bitterböse agieren und dabei so gut aussehen wie er. Dies konnte Dallesandro im italienischen Genrekino jener Tage ja gleich mehrfach eindrucksvoll unter Beweis stellen, in „Fango Bollente“ jedoch trieb er jenes persönliche Spezialfach zu schweißtreibender Perfektion. Gemeinsam mit zwei nicht minder kurzluntig bestückten Adlati verabreicht er dem jüngst wieder in so traurige Mode gekommenen Terminus des „Wutbürgers“ eine gänzlich authentische Inkarnation, wenn er seinem ihm offenbar persönlichkeitsstrukturell innewohnenden Habitus des Sadisten freien Lauf lässt und in der Folge jedem einzelnen Provokateur seines Alltagsumfelds umgehend die wortwörtliche Rote Karte zeigt. Seien es ein frecher LKW-Fahrer, eine Hure und ihr messerschwingender Zuhälter, ein Taxi-Chauffeur, zwei Society-Schnepfen, ein Verkehrspolizist oder gar die eigene Gattin: Vor Ovidio Mainardi und seinen beiden Erfüllungsgehilfen ist fortan niemand mehr sicher.
Natürlich gibt es ein bereits dramaturgisch unabdingbares Gegenwicht in der Person des klugen, jedoch ebenfalls zur situativbedingten Aggression neigenden Polizisten Santagà (Enrico Maria Salerno), der hinter Mainardis stoisch-unterkühlter Fassade schon früh eine unheimliche Diabolik wittert und sich nach und nach an dessen Fersen haftet.
Salernos kleines Meisterwerk „Fango Bollente“ markiert eine innerhalb der Grenzen des Poliziottesco eher ungewöhnlich sozialkritische Studie, die von der Explosivität urbaner Einpferchung berichtet und zu dem ebenso erschreckenden wie einleuchtend-nüchternen Schluss kommt, dass eine wachsende Menschenansammlung einzelne Miglieder zwangsläufig über den schmalen Grat der Sozialräson stolpern lässt, je dichter sie nur besiedelt ist (parallel zu Mainardis kleinem Ad-Hoc-Experiment mit weißen Ratten zu Beginn der Geschichte).
Ein wenig erinnern der Film und seine beiden Antagonisten an Lenzis ein Jahr zuvor entstandenen  „Milano Odia: La Polizia Non Può Sparare“, in dem sich Henry Silva und Tomas Milian in analoger Konstellation gegenüber standen. Und auch, wenn Salerno diesen Vergleich nach eigenem Bekunden überhaupt nicht mochte (wer könnte es ihm verdenken?), kann „Fango Bollente“ zumindest eine prinzipielle Beeinflussung durch Kubricks Burgess-Adaption „A Clockwork Orange“ nicht fortleugnen, obschon sich im vorliegenden Falle kein dystopisches, sondern ein fatalistisches (wenngleich weithin entpolitisiertes) Gegenwartsbild der blutigen, italienischen anni di piombo gezeichnet findet.

8/10

VICE

„It has been my honor to be your servant. You chose me. And I did what you asked.“

Vice ~ USA 2018
Directed By: Adam McKay

Nicht zuletzt durch die sukzessive Ausweitung der staatlichen Exekutivgewalt auf einen nahezu unbegrenzten Machtradius schafft es der beim gemeinen Volk eher unbeliebte republikanische Emporkömmling Dick Cheney (Christian Bale), als Vize-Präsident von George W. Bush (Sam Rockwell) die staatlichen Geschicke aus dem Hintergrund nachhaltiger zu lenken als der Präsident selbst. Für Cheney als CEO des Halliburton-Konzerns ist der Irak ein Dorn im Auge, also nutzt er die Terroranschläge vom 11. September medienwirksam gezielt, um Stimmung gegen Saddam Hussein zu machen und den folgenden Einmarsch der US-Truppen am Golf zu rechtfertigen. Auf lange Sicht popularisiert Cheney mit dieser Aktion den Terroristen Abu al-Zarqawi und verantwortet in diesem Zusammenhang unter anderem das Erstarken des IS im Nahen Osten sowie später Guantanamo und die Plame-Affäre mit, sorgt für Steuerleichterungen bei den Multis und Superreichen, schasst seinen ehemaligen Mentor Donald Rumsfeld (Steve Carrell) und setzt Außenminister Colin Powell (Tyler Perry) unter Druck. Dem Tod springt der herzkranke Cheney selbst diverse Male von der Schippe, unter anderem durch die Implantierung eines Spenderherzens.

„The Big Short“ markierte bereits einen markanten Richtungswechsel im Œuvre Adam McKays, der sich damit inszenatorisch von den bereits als „klassisch“ zu bezeichnenden Spaßkomödien mit Will Ferrell divergierte und seither stattdessen als Chronist der vielen fauelen Eier, die die Globalmacht USA seit der Jahrtausendwende gelegt hat, zu etablieren scheint. Auch in Anbetracht von „Vice“ ist zu hoffen, dass McKay diesen Weg ebenso leidenschaftlich weiterverfolgt, wie er ihn bislang so vielversprechend eingeschlagen hat. Durch die nicht selten an die Montage in Scorseses „Goodfellas“ oder „Casino“ erinnernde, geschickte Spielfilmdramaturgie, die dem Rezipienten mit der Rasanz und Kinetik eines Actionfilms teils unerhörte Fakten in Stakkato um Augen und Ohren knallt, arbeiten McKays jüngere Filme oberflächlich dröges Finanzwelt- und Politikgeplänkel für jedermann gut les- und nachvollziehbar auf und machen sich so zu historisch vortrefflich eingebundenen und zugleich höchst spannenden Zeit- und Gesellschaftsportraits, deren aggressiver Gestus mit dem eines Michael Moore zu vergleichen ist, nur eben ohne dessen direkten dokumentarischen Anspruch.
Dabei ist sich der in Sachen Humor natürlich immens beflissene McKay stets darüber im Klaren, dass vom auteur hinzugesetzte Ironie und Sarkasmus, und mögen sie noch so bitter sein, jedwede harte Faktenlage sanft abzuschwächen angetan ist und ihr zugleich ein klares Meinungsbild verabreicht. McKays Dick Cheney behält man nach dem Filmgenuss als liebenden Familienvater in Erinnerung, aber auch als diabolischen Machtmenschen und Manipulator, der mit das Schlimmste personifiziert, für das die USA im globalen Gefüge stehen. Christian Bale und der übrige Tross stehen unter feister Maskerade in der Tradition der vielen großen Schauspieler, die irgendwann einmal US-Politiker zu spielen hatten und führt diesen genealogischen Strang sogar auf ein noch höheres Niveau als gewohnt. Als Cheney unterschiedlicher Gewichts- und Altersstufen mit perfektionistisch adaptierter Physiognomie und entsprechendem Gestus ist er dem Original teilweise zum Verwechseln ähnlich und präsentiert eine neue Stufe darstellerischer Mimikry. Sagenhaft.
„Vice“ ist somit jedem nahezulegen, der kritisches US-Politkino und filmische Konterfeis der diversen Oval-Office-Insassen und ihrer Trösse zu schätzen weiß.

8/10

UNA FARFALLA CON LE ALI INSANGUINATE

Zitat entfällt.

Una Farfalla Con Le Ali Insanguinate (Das Messer) ~ I 1971
Directed By: Duccio Tessari

Im Stadtpark von Bergamo wird die junge Studentin Françoise Pigaut (Carole André) ermordet. Sämtliche Beweise deuten felsenfest auf den vormals unbescholtenen TV-Journalisten Alessandro Marchi (Giancarlo Sbragia) hin, der Fall scheint eindeutig. Doch kurz nach dessen lebenslänglicher Aburteilung und Inhaftierung geschehen zwei weitere Morde nach exakt demselben Schema. Offenbar handelt es sich um einen Serientäter. Der Fall wird von Marchis Anwalt Cordaro (Günther Stoll) neu aufgerollt, um entlastende Indizien ergänzt und Marchi freigesprochen. Doch ist Marchi wirklich unschuldig? Und wie passt der junge, exzentrische Pianist Giorgio (Helmut Berger) ins Bild, der mit Marchis Tochter Sarah (Wendy D’Olive) liiert ist, die ihrerseits wiederum mit Françoise befreundet war?

„Una Farfalla Con Le Ali Insanguinate“ sollte ursprünglich in der Wallace-Reihe der Rialto veröffentlicht werden, musste dann am Ende jedoch auf die Schirmherrschaft der deutschen Produktionsbeteiligung verzichten. Zumindest erklärt jenes ursprüngliche Vorhaben die Beteiligung der deutschen Akteure Berger, Stoll und Wolfgang Preiss, der sich als Staatsanwalt die Ehre gibt. Den anderen zeitnah entstandenen, co-italienisch hergestellten Beiträgen zur Wallace-Serie wie „L’Uccide Dalle Piume Di Cristallo“Sette Orchidee Macchiate Di Rosso“ und „Cosa Avette Fatto A Solange?“ steht Tessaris ebenso wie jene dem Giallo anverwandter Kriminalfilm nicht nach – seine sich sonst vergleichsweise selten dem Thriller-Segment widmende Inszenierungskunst präsentiert sich als so mitreißend, vereinnahmend und vital, wie es der Gattung gemeinhin zukommt. Gewiss erfordert die nebst minutiös durchgespielter Gerichtsverhandlung und Polizeiarbeit dargestellte Aufbereitung des Falles nebst seiner zunächst kaum erahnbaren Auflösung und den psychologisch nicht immer gänzlich stimmigen Portraits der Beteiligten die übliche kognitive Nachsicht des Publikums; ebenso bestimmend lässt sich jedoch konstatieren, dass davon noch keiner der wirklich guten Italokrimis dieser Ära irreparabel beschädigt worden wäre.
Erfreulicherweise lässt Tessari sich im Zuge seiner konzentrierten Arbeit weder dazu hinreißen, seine Inzenierung der übermäßigen Grelle zu überantworten noch sonstwie exploitativ zu Werke zu gehen. Diese Entscheidung belässt dem Film einiges an sich positiv ausnehmender Seriosität. „Una Farfalla“ (wer nebenbei mit der Titelbezeichnung des „Schmetterlings mit blutigen Flügeln“ gemeint sein soll, darf der Zuschauer am Ende selbst entscheiden) bleibt ruhig, bei sich und besonnen. Es gibt drei unspektakuläre Mordopfer und später noch einen ebenfalls visuell gemäßigten, finalen Gewaltakt; die beunruhigendsten Momente gehören vielmehr Giancarlo Sbargia, der sich vom zunächst unscheinbaren bis zurückhaltenden, sogar sympathisch anmutenden Fernsehmacher, dem man seine Unschuld geradezu instinktiv einräumt, im weiteren Verlauf immer mehr das Bild des veritablen maniaco sessuale vervollständigt, der infolge all seiner moralischen Verworfenheit wohl tatsächlich einer höher insinuierten Form der Rechtsprechung bedarf…

8/10