DEAD CALM

„Don’t you believe me?“

Dead Calm (Todesstille) ~ AUS 1989
Directed By: Phillip Noyce

Nach dem Unfalltod seines kleinen Sohnes (Joshua Tilden) begibt sich das Ehepaar Rae (Nicole Kidman) und John Ingram (Sam Neill) zwecks selbsttherapeutischer Abstandsgewinnung auf einen Segeltörn im Pazifik. Weitab der nächsten Küste entdecken sie nach einiger Zeit einen Schoner, aus dessen Richtung sich ein Rettungsboot nähert. Darauf sitzt ein junger Mann namens Hughie Warriner (Billy Zane), der John und Rae nach einigem Zögern eröffnet, dass er der einzige Überlebende des Schiffs sei. Die übrigen Besatzungsmitglieder wären einer Lebensmittelvergiftung zum Opfer gefallen, das Schiff sei Leck geschlagen und sänke bereits. John will den Schaden selbst begutachten und lässt Rae mit Hughie allein zurück. Der Fremde erweist sich als psychopathischer Massenmörder, der den Rest seiner Mitreisenden getötet und zerstückelt hat. Hughie zwingt Rae, in entgegengesetzter Richtung zu fahren, um es John, der indessen die Beweise entdeckt hat, unmöglich zu machen, rechtzeitig zurückzukehren. Rae ist dem Wahnsinnigen hilflos ausgeliefert, doch John setzt trotz seiner begrenzten Möglichkeiten alles daran, zu überleben…

Inmitten der von Blockbustern gesäumten Kinosaison ’89 lief auch dieser vorbildhaft präzis gearbeitete Drei-Personen-Thriller, der in Anbetracht der gewaltigen, üppig budgetierten Konkurrenz förmlich als Abschreibungsobjekt gegolten haben dürfte. Dabei ist und bleibt „Dead Calm“ ein Lehrstück in Sachen Suspense, das sich trotz seiner wenig vielversprechenden Ausgangslage im Laufe der Jahre eine mehr denn respektable Position als veritabler Genreklassiker erarbeiten konnte.
Basierend auf einem zu diesem Zeitpunkt bereits 25 Jahre alten Roman inszenierte der Australier Phillip Noyce hiermit seinen fünften Spielfilm, der zugleich, ebenso wie für die just 20 gewordene Nicole Kidman, sein Sprungbrett nach Hollywood bedeutete. Gegen Ende der sechziger Jahre hatte Orson Welles bereits eine erste Version des Stoffes unter den Projekttiteln „Dead Reckoning“ bzw. „The Deep“ inszeniert, deren finites Schicksal bis heute nicht recht geklärt scheint. Während es einerseits hieß, das Welles unter anderem wegen seines verstorbenen Hauptdarstellers Laurence Harvey eminente Szenen nie habe drehen können, gibt es andererseits Stimmen, die besagen, dass das Material sehr wohl zur Genüge fertiggestellt sei und noch irgendwo seiner Veröffentlichung harre.
Wie dem auch sei, diese von Noyce erstellte Fassung bleibt in Ermangelung von Vergleichsoptionen ohnehin Maß der Dinge und das in mehr denn zufriedenstellender Weise. Besonders in psychologischer Hinsicht präsentiert sich der Film als gleichermaßen komplex und abgründig, indem er das sich entspinnende Dreiergeflecht als keineswegs so eindeutig einzingelt, wie es naheliegend wäre. Neben der Hermetik des Schauplatzes tragen dem vor allem der karge Dialog und das bravouröse Spiel der der drei Protagonisten Rechnung: Bereits die plotstiftende Prämisse, der (recht heftig dargestellte) Tod des kleinen Danny, scheint einen unauslöschlichen Keil zwischen Rae und John zu treiben, einem Ehepaar, das auch sonst nicht recht zusammen passen will – er ein eher schweigsamer, perfektionistischer RAN-Offizier, sie eine mit zwanzig jüngeren Jahren deutlich feurigere, möglicherweise sexuell ausgehungerte Frau: Über-Ich und Ich, um einmal mehr das freudsche Persönlichkeits-Instanzenmodell zu bemühen. Mit Hughie Warriner schleicht sich dann das Es in ihr Leben, der pure, lustgetriebene Instinkt, als Gewaltverbrecher und überaus attraktiver, (möglicherweiser nicht allein) rein körperlich wesentlich besser zu Rae passender, junger Mann Thanatos und Libido gleichermaßen. Es versucht, Über-Ich zu eliminieren und schubst jenes – vorübergehend – beiseite – für das dem Es hilflos ausgelieferte Ich eine gleichermaßen brenzlige wie auf normenkonform verbotene Weise verführerische Situation. Seine ganze Ambivalenz spielt das Szenario dann in der Beischlafszene zwischen Hughie und Rae aus, von der ich mir bis heute und trotz vielfacher Betrachtung nicht sicher bin, inwieweit Rae den Koitus tatsächlich situationsgeschuldet widerwillig zulässt oder ihm doch für ein paar lustvoll-selbstvergessene Minuten verfällt. Noyce setzt diesen von Nicole Kidman nicht minder brillant bespielten Moment jedenfalls so geschickt in Szene, dass eine eindeutige Antwort nicht gegeben werden kann. Am Ende obsiegen freilich Ratio und Pflichtbewusstsein, Rae verhilft John zur Rückkehr und setzt den Wüstling auf offener See aus. Dessen (ein als genremäßiges Zugeständnis von Produktionsseite nachgelegtes Finale) endgültigen, spektakulären Abgang besorgt dann doch noch ein flink agierender John. Das Über-Ich tilgt das unermüdliche Es endgültig aus der kurzzeitig wackelnden Beziehungsbalance, derweil Raes bourgeoise Zukunft gesichert ist. Wie, frage ich mich, hätte das Publikum reagiert, wenn Rae ihren inneren Dämonen stattgegeben und sich mit Hughie Warriner zusammengetan hätte? Aber das wäre die Art Erwaschsenenmärchen, wie es sie zumindest im Mainstreamkino ohnehin nicht geben darf…

8/10

ROMA

Zitat entfällt.

Roma ~ MEX 2018
Directed By: Alfonso Cuarón

Mexico City, 1970. Die Mixtekin Cleo (Yalitza Aparicio) ist als Mädchen für alles angestellt im turbulenten Haushalt einer Familie im Stadtteil Colonia Roma. Ihr Vollzeitjob, den sie vor allem für die vier teils noch kleinen Kinder ebenso kühlen Kopfes wie aufopferungsvoll ausfüllt, lässt ihr wenig Zeit für Privates. So wird sie unter anderem mittelbar Zeugin einer heftigen Ehekrise, die in die Scheidung der Eltern mündet und vor allem die Mutter des Hauses, Señora Sofia (Marina de Tavira), einiges an Nerven kostet. Doch gerät auch Cleo in eine schwere persönliche Bredouille, als sie von dem Herumtreiber Fermín (Jorge Antonio Guerrero) schwanger wird. Dieser will fortan nichts mehr von Cleo wissen und bedroht sie sogar tätlich, als sie ihn zur Rede zu stellen versucht. Ausgerechnet während eines offenen Schlagabtauschs zwischen Studenten und der paramilitärischen Gruppe der „Halcones“, zu der auch Fermín zählt, befindet sich Cleo gemeinsam mit der Großmutter (Verónica García) im Zentrum. Ihre Fruchtblase platzt und angesichts der heftigen Stresssituation kommt ihr Baby tot zur Welt. Cleo gerät in eine tiefe Sinnkrise, die sich erst wieder langsam löst, als ihr klar wird, wie sehr die mittlerweile vaterlose Familie sie tatächlich braucht.

Alfonso Cuaróns stark autobiographisch gefärbter Film, ganz offenkundig ein Herzensprojekt, erwirtschaftete sich global vielfach enthusiastische Lobeshymnen. Wie so häufig können derlei viele Filmverknallte schwerlich falsch liegen und bestätigt „Roma“ somit ohne Umschweife all seine ihm im großen Stil verabreichten Lorbeeren, seinen damals für teilweises Kopfschütteln sorgenden Netflix-Auftritt hin oder her (- einmal mehr).
„Roma“ ist ein zartes Gedicht, eine sanftmütige Ode, eine stille Hymne, die all die großen Familien- und Kindheitsporträts von Minnelli über Bergman bis Kusturica um ein weiteres Juwel ergänzt; voller Poesie, manchmal trockenem, bitteren Humor, teils markerschütternd traurig. Im Zuge von Cuaróns schwarzweißer Kommunikation mit seinem Publikum gerät sogar die ewig mit Hundehaufen gesäumte, geflieste Einfahrt zum Haus der nachnamenlosen Familie zum zutiefst lyrischen, symbolträchtigen Bild; die Hauptdarstellerin Yalitza Aparicio, absolut fantastisch in ihrer gleichermaßen würdevollen wie leisen Interpretation der Hauptrolle (die Figur der Cleo bildet eine Hommage des Regisseurs an sein eigenes Kindermädchen Libo), bespielt eine der wärmsten, herzlichsten und schönsten Filmfiguren der letzten Jahre. In Cleo destilliert und konzentriert sich zugleich die denkbar perfekte Zuschaueragentin – augenscheinlich dazu bestimmt, die Geschicke der von ihr umsorgten Familie kommentarlos, dabei manchmal von ganz intimen, eigenen Unsicherheiten und Existenzängsten durchgeschüttelt, zu bezeugen, erweist sie sich doch immer wieder als unverzichtbares Rückgrat des von ihr betreuten, nach außen hin respektabel-bourgeoisen und innerfamiliär doch höchst fragilen Mikrokosmos.
Wie von Cuarón gewohnt, kultiviert er abermals den raren Luxus dramaturgischer Langsamkeit mittels eines dezidiert antiklimaktischen Erzählduktus und säumt diesen mit langen Einstellungen absoluter Klug- und Schönheit; die wenigen dramatischen Höhepunkte, seien sie evoziert durch eine übergebührlich gereizte Natur oder die unendliche Dummheit ihrer menschlichen Nutznießer, schneiden umso tiefer ins Fleisch. Für eine fein eingewebte Hommage an die Kinoerlebnisse seiner Kindheit („La Grande Vadrouille“, „Marooned“) nimmt er sich gleich auch noch die Zeit.
Ein makelloses Filmerlebnis.

10/10

TAKEN 3

„Finish me! I deserve it!“ – „Yes. You do.“

Taken 3 (96 Hours – Tak3n) ~ F/USA/E 2014
Directed By: Olivier Megaton

Während Bryan Mills (Liam Neeson) noch ohne sein Wissen im Begriff ist, Großvater zu werden, nähert sich ihm seine Ex Lenore (Famke Janssen) wieder an, zumal dieser der Dauerstress mit ihrem zweiten Gatten, dem Geschätsmann Stuart St. John (Dougray Scott), ziemlich zu schaffen macht. Die Katastrophe stellt sich ein, als Bryan Lenore in seinem Appartment mit durchschnittener Kehle vorfindet und höchstselbst als Täter verdächtigt wird. Anstatt sich zu stellen, taucht er ab und knöpft sich die wahren Schuldigen selbst vor. Eine heiße Spur führt zum russischen Profikiller Oleg Malankov (Sam Spruell)…

Im dritten und wohl auch letzten Teil der kleinen „Taken“-Reihe muss Vollprofi Bryan Mills buchstäblich vor der eigenen Haustür kehren, nachdem er zuvor die Gesindelquote von Paris und Istanbul um gefühlte 80 Prozent dezimiert hat. Diesmal sieht sein Aktionsradius zudem zum ersten Mal keine Animositätsprophylaxe vor, sondern zutiefst persönliche Nachsorge, denn kurz, bevor er zu aller Zufriedenheit mit seiner „Lenny“ wieder zusammkommen kann, wird diese eiskalt ermordet. Das wiederum von Luc Besson verfasste Script nutzt diese Prämisse, um die erwartungsgemäß simple Rachestory mit offenkundigen „The Fugitive“-Anleihen zu versetzen, nur dass Forest Whitaker in einer gewohnt erratischen Rolle (nebst Schachfigürchen als Talisman) anstelle von Tommy Lee Jones zu sehen ist und Bryan Mills, der sich zudem der freundschaftlichen Unterstützung seiner drei „Personenschutz“-Kollegen (Leland Orser, David Warshofsky, Jon Gries) versichern kann, die Cops noch wesentlich gekonnter und gelassener neppt als jeder Dr. Kimble. Immerhin bringt Besson „seinen“ Film damit auf eine stattlichere Lauflänge als die beiden ersten Filme sie aufwiesen, wobei das „immerhin“ in diesem Satz sich nicht unbedingt ernst lesen sollte. Qualitativ setzt „Taken 3“ im Vorgleich zum direkten Vorgänger keinerlei innovative Impulse; vielmehr scheint er sich zu bemühen, den ansonsten ja wenig zimperlichen Bryan Mills ein wenig zu „rehumanisieren“. Oftmals sind dessen kombattante Gegner nunmehr (kalifornische) Polizisten, die aus den für sie wenig erfreulichen Begegnungen mit Mills zwar erwartungsgemäß samt und sonders mit gebrochenen Extremitäten oder Prellungen, aber doch zumindest mit dem nackten Leben hervorgehen; seine härtesten kriminellen Widersacher wählen indes den Frei- und somit Ehrentod oder bitten höflich um ihre Exekution. Der Oberhundsfott ist diesmal allerdings weder ein albanischer Mafiapatriarch noch ein fetter, pädophiler Scheich und selbst nicht der russische Auftragskiller (der wurde nämlich genauso gelinkt wie Mills himself), nein, Lenores neuer Ehemann ist’s, den wir bereits seit dem seligen Original kennen, wo er noch vergleichsweise sympathisch herüberkam, obwohl ihn seinerzeit sogar der eigentlich stets etwas etwas ominös umwehte, zudem deutlich ältere Xander Berkeley gab. Leider stand Berkeley hier aus welchen Gründen auch immer nicht mehr zur Verfügung, was ich angesichts Dougray Scotts eher profilloser Darstellung ziemlich schade finde. Es wird also alles etwas privater und häuslicher für Bryan Mills, wobei all das „Taken 3“ proportional um diverse potenzielle Punkte bringt, die Morels Erstling noch auszeichneten.
Mein ganz privates Resümee nimmt sich jedenfalls dergestalt aus, dass ich nach künftigen Betrachtungen des Originals die beiden Sequels nicht a priori mit in die Folgeselektion setzen werde müssen.

5/10

THE CARPENTER

„You have to be crazy to come to a place like this.“

The Carpenter ~ CA 1988
Directed By: David Wellington

Alice Jarrett (Lynne Adams) führt keine sehr befriedigende Ehe mit ihrem sie allenthalben betrügenden, herablassenden Mann Martin (Pierre Lenoir). Umso weniger verwunderlich, dass sie eines Tages durchklinkt und seine besten Anzüge zerschnippelt. Alices daraufhin folgenden Aufenthalt in der Psychiatrie nutzt Martin derweil, um ein altes Häuschen im Grünen zu erwerben und renovieren zu lassen. Wieder entlassen, genießt Alice das neue Domizil, trotz der billig angeworbenen, faulen Bauarbeiter. Den Löwenanteil der Erledigungen vollbringt ohnehin ein ausschließlich des Nachts hämmernder Zimmermann (Wings Hauser), der ebenso höflich wie mysteriös auftritt und sich bald zu Alices persönlichem Schutzengel entwickelt. Sie gerät immer mehr in den Bann des sie umgarnenden Handwerkers, selbst die durch den schmierigen Sheriff Johnston (Ron Lea) erfolgende Eröffnung, dass es sich bei ihm um den Geist des früheren, wahnsinnig gewordenen Häuslebauers Edward handeln muss, bereitet ihr keine besonderen Sorgen. Erst Alices bodenständige Schwester Rachel (Barbara Jones), die Alice angesichts des zunehmend blutigen Treibens Edwards wieder notdürftig erden kann, bereitet dem Treiben ein Ende.

„The Carpenter“, eine schöne, dunkelromantische Splatterkomödie mit erwachsenenmärchenhaftem Touch, könnte durchaus als Blaupause für spätere, wesentlich populärer gewordenen Genrevertreter wie Bernard Roses „Candyman“ oder die beiden „The Dentist“-Filme von Brian Yuzna hergehalten haben, die jeweils vorrangige Erzählmotive von Wellingtons Debüt aufgriffen und weiterverarbeiteten; sei es das ja bereits seit Stokers „Dracula“ rekurrierende Thema der von einer verführerischen, unweltlichen Macht attrahierten, unzufriedenen Ehegattin auf der einen oder das für derbe Verstümmelungen unglücklicher Opfer zweckentfremdete Arbeitsmaterial auf der anderen Seite. Zudem pflegt „The Carpenter“ einen sehr hübschen, wenn auch eigenwilligen schwarzen Humor, der sich insbesondere in der Gestaltung der liebevoll eingeflochtenen, zahlreichen skurrilen Nebencharaktere äußert. Von dem leider nur zu Beginn auftretenden Therapeuten (Griffith Brewer) über das übelriechend-kriminelle Arbeitervolk und Alices neuen Arbeitgeber (Richard Jutras) bis hin zu Ron Leas wunderbarem Auftritt als kaugummischmatzender Sheriff hält der Film eine ganze Armada an nahezu surreal anmutendem Personal bereit, das die schwebende Abseitigkeit des Geschehens hervorragend unterstützt. Zudem sind Lynne Adams und vor allem der wie stets verlässliche Wings Hauser, der das freidrehende Potenzial seiner Rolle beinahe brillant zu nutzen weiß, jeweils famos in ihren Hauptrollen.
Einer kritischeren Perspektive mag „The Carpenter“ in vielen Punkten nicht standhalten: Wer ein auch nur halbwegs regelkonformes slasher movie erwartet, dürfte enttäuscht sein; das pacing erweist sich als wenig dynamisch und so etwas wie Spannung oder Zug kommt im traditionellen Sinne auch nicht auf. Der Film taugt eher zu einem eigenwilligen Exempel, wie sich Gattungsmechanismen auf intelligente Weise aushebeln und ironisieren lassen. Als solches allerdings lohnt er die vertrauensvolle Begegnung.

7/10

THE LODGE

„Confess your sins! Repent!“

The Lodge ~ UK/CA/USA 2019
Directed By: Veronika Franz/Severin Fiala

Als Richard Hall (Richard Armitage), Erfolgsjournalist, Ehemann und Vater der zwei Kinder Aidan (Jaden Martell) und Mia (Lia McHugh), seiner Noch-Gattin Laura (Alicia Silverstone) unmissverständlich bedeutet, dass er endgültig die Scheidung wünscht, nimmt die ohnehin depressive Frau sich das Leben. Schon seit Längerem pflegt Richard derweil eine Beziehung zu der jüngeren Grace (Riley Keough), die durch eine grauenhafte Vergangenheit als Kind in den Fängen einer Sekte von Christenfanatikern traumatisiert ist. Um erste Kontakte zwischen Grace und den Kindern anzubahnen, plant Richard ein gemeinsames Weihnachtsfest in einer abgelegen Winterlodge, wo er die Drei zunächst aus geschäftlichen Gründen ein paar Tage allein lassen und später dazustoßen will. Aidan und Mia jedoch machen nicht nur ihren Vater und Grace mittelbar für Lauras Suizid verantwortlich, sie sind auch in keiner Weise daran interessiert, eine „Ersatzmutter“ zu akzeptieren. Also hecken sie einen gemeinen Streich aus, der ungeahnte Folgen hat…

Für das österreichische Regieduo Franz/Fiala, das mit dem eindrucksvollen „Ich seh ich seh“ bereits eine sehr spannende psychologische Studie über die Entfremdung zwischen Kindern und ihren erwachsenen Bezugspersonen sowie gemeinhin über verhängnisvolle infantile emotionale Störungen vorlegen konnte, dürfte allein die Aussicht, mit seinem Zweitprojekt unter dem renommierten Genredach der britischen Hammer Films arbeiten zu können, von vielversprechender Anmutung gewesen sein. So entpuppt sich „The Lodge“ dann auch zumindest inhaltlich als nachgerade klassischer Thrillerstoff, wie die Hammer ihn auch problemlos innerhalb ihres von Jimmy Sangster gescripteten Sechzigerjahre-Kleinverschwörungszyklus hätten veröffentlichen können. Die Motive darin ähnelten sich in der Regel ja doch recht eklatant – zumeist ging es um ein psychisch bereits stark angegriffenes und/oder traumatisiertes Individuum, das von ränkeschmiedenden, bösen Verwandten, Erbschleichern oder sonstigem Kroppzeug in die völlige Unzurechnungsfähigkeit getrieben und so von Haus und Grund gejagt werden sollte. Üblicherweise gingen die Pläne des oder der Intriganten am Ende dann aber ab einer gewissen „Sollbruchstelle“ nach hinten los und drehten ihnen auf die eine oder andere Art selbst den Strick. Wer anderen eine Grube gräbt… etc.pp., man kennt das. Auch Gimmick-Filmer William Castle nahm sich gern dieses immer wieder ergiebigen Sujets an.
Nun sind Franz und Fiala nicht bloß sorglose Geschichtenerzähler und Suspenseverbreiter, sondern bemühen sich, das lässt sich spätestens jetzt, nach ihrem zweiten Film sagen, um eine spezifische inszenatorische Handschrift. „The Lodge“ ist voll von Symbolen, Bildern und Zeichen, die Anlass zu diversen Spekulationen liefern und das bevorstehende Unheil bereits erahnen lassen. Ob übernatürliche Elemente im Spiel sind, das Jugendtrauma der Protagonistin oder die Handlungsmotivation der unzufriedenen Kinder den maßgeblichen Ereignismotor bilden, lässt sich über weite Strecken nur mutmaßen. Das eindringliche Finale schließlich, dem, soviel darf man an dieser Stelle wohl festhalten, ohne allzuviel auszuplaudern, ein buchstäblich animalischer Trigger vorgeschaltet ist, weckt schließlich warme Erinnerungen an das Traditionshandwerk des oben genannten Studios. Nicht ganz so vereinnahmend wie „Ich seh ich seh“ gelang Franz und Fiala mit „The Lodge“ doch ein ihren bisher eingeschlagenen Weg weiterbeschreitender Film, der sich, zumal für Hammer-Kenner und -Liebhaber, absolut lohnen dürfte.

7/10

THE BIG SCORE

„I’m never gonna go to war with you again!“

The Big Score (Chicago Cop) ~ USA 1983
Directed By: Fred Williamson

Detective Frank Hooks (Fred Williamson) vom Chicago P.D. lässt sich nichts gefallen. Freche Drogendealer bekommen schnell mal Saures von ihm, weshalb seine Vorgesetzten (u.a. Ed Lauter) auch nicht sonderlich gut auf Hooks zu sprechen sind. Als er und seine Partner den Pusher Goldy (Michael Dante) auf frischer Tat hochnehmen, kann Hooks zwar den flüchtenden Gangster stellen und erschießen, das Drogengeld von einer Million Dollar jedoch verschwindet während der Verfolgungsjagd. Man verdächtigt Hooks, den Zaster eingesackt zu haben und suspendiert ihn trotz aller Unschuldsbeteuerungen vom Dienst. Nachdem wiederum Goldys Boss Mayfield (Joe Spinell) von der Sache erfährt, setzt er seine Killer (Bruce Glover, Tony King) auf Hooks und dessen Frau (Nancy Wilson) an, was dem knüppelharten Bullen gar nicht schmeckt. Zudem muss Hooks‘ Partner und Freund Davis (John Saxon) dran glauben. Hooks geht auf eigene Rechnung gegen die Übeltäter vor…

Fred „The Hammer“ Williamsons (von ihm bis heute höchstpersönlich kultivierter) Nimbus als unentwegt Zigarre qualmender, ultracooler Handkantenausteiler vor der Kamera ist dermaßen prägend, dass man gern zu übersehen geneigt ist, dass er seit 1975 auch 17 1/2 Filme selbst inszenierte – die meisten davon natürlich mit sich in der Hauptrolle. Über die Regiequalitäten des Ex-Football-Cracks lässt sich gewiss streiten; nicht jedoch darüber, dass sein Gesamtwerk ein überaus stolzes Selbstbewusstsein und den unbeirrten Glaube in die eigenen Fähigkeiten aus jeder Pore schwitzt. Um Williamson herum bewegte sich zudem stets eine verlässliche Traube aus anderen Filmschaffenden, mit denen ihn auf steter Reziprozität beruhende Freund- und Partnerschaften verbanden – seien es seine Blaxploitation-Kollegen aus den frühen Siebzigern, diverse schillernde Figuren aus dem New Yorker Grindhouse-/Underground-Sektor, die italienischen Genremeister der Spätsiebziger und Achtziger oder, bis in die Gegenwart hinein, der ihn nach wie vor stets gern als Gastbonbon bemühende, internationale Regienachwuchs. So erklärt sich auch, warum ein sehr simpel gestrickte und gefertigte Arbeit wie „The Big Score“ bis in die Nebenrollen vor wohlgelittenen Namen strotzt, wo Andere möglicherweise nur unbekannte Kleinstdarsteller hätten engagieren können. Gewiss sind es vor allem jene vielen Lieblingsgesichter, die diesem achten Regiefilm Williamsons (wie einigen anderen von ihm sicherlich auch) sein spezielles Bukett verleihen und ihn trotz aller nachsehbaren Schwächen zu einem fröhlichen Hallo verhelfen. Plot und Dramaturgie straucheln unentwegt, es gibt zwei derbe Gewaltszenen um jeweils auseinanderfliegende Leiber, die, soviel lässt zumindest der sie betreffende, abrupt wirkende Schnitt vermuten, einige MPAA-Federn haben lassen dürften. Um diese doch sehr netten Ingredienzien wie um ein paar sympathisch-komisch angelegte Nebenparts (D’Urville Martin, James Spinks) herum kloppt sich der summa summarum spaßige „The Big Score“ seine eigene, kleine Nische ins Kinogemäuer und lässt sich darin von geneigteren Kunden noch immer lustvoll betrachten.

6/10

THE LIBERATION OF L.B. JONES

„I handled things the way we’re used to handle things around here anytime.“

The Liberation Of L.B. Jones (Die Glut der Gewalt) ~ USA 1970
Directed By: William Wyler

Somerset, Tennessee ist eine typische Kleinstadt im Süden der USA. Zeitgleich kommen eines Tages drei junge Leute ganz unterschiedlicher Herkunft und Motivation am Bahnhof an: Der Afroamerikaner Sonny Mosby (Yaphet Kotto), der eine Zigarrenschachtel mitsamt Revolver mit sich führt und, als er zwei Polizisten erhascht, kurzentschlossen vom Zug abspringt sowie Steve (Lee Majors) und Nella Mundine (Barbara Hershey), ein junges, weißes Ehepaar. Steve Mundine hat just sein Jurastudium beendet und will als Sozius bei seinem Onkel Oman Hedgepath (Lee J. Cobb) anfangen, der mit seiner erfolgreichen Anwaltspraxis zu den ersten Bürgern der Stadt zählt. Als letztem Familienmitglied des stets Junggeselle gebliebenen Hedgepath liegt die Karriere seines Neffen dem Alten besonders am Herzen. Doch bekommt der liberale und auf Bürgerrecht spezialisierte Steve sogleich einen unappetitlichen Brocken zu schlucken: Hedgepath weigert sich zunächst, den farbigen Bestattungsunternehmer L.B. Jones (Roscoe Lee Browne) in seiner Scheidungssache zu vertreten. Jedermann weiß nämlich, dass Jones‘ deutlich jüngere Frau Emma (Lola Falana) ihren Gatten mit dem rassistischen Polizisten Willie Joe Worth (Anthony Zerbe) betrügt – ein wohlgehüteter Skandal, der keine öffentlichen Wellen schlagen soll. Bevor Steve das Mandat annehmen kann, springt Hedgepath dann doch in die Bresche und löst damit eine Tragödie aus, die ihn am Ende selbst das private Glück kosten wird…

„The Liberation Of L.B. Jones“ ist William Wylers letzter Film, ein zutiefst bitteres Abschlussmanifest unter einer immerhin 45 Jahre und rund ebenso viele Regiearbeiten umfassenden Karriere als einer der maßgeblichen Köpfe seiner Zunft. Im beeindruckenden Œuvre Wylers finden sich etliche der großen Hollywood-Klassiker, vielfach prämierte, oftmals glanzvolle und maßstabsetzende Produktionen, die auch den Bogen zwischen der Stummfilmära und New Hollywood spannen. Pompöses Monumentalkino findet sich ebenso darunter wie klassische Literaturadaptionen und exemplarisches Genrekino. Die in den Sechzigern beginnende Spätphase Wylers beginnt dann allmählich, wenn zunächst auch noch ganz peu à peu, einen nachdenklicheren, lebenserfahreneren und aufrichtigeren auteur widerzuspiegeln. Schon sein unmittelbar auf „Ben-Hur“ folgendes Meisterwerk „The Children’s Hour“, in dem es um die Diskreditierung eines unbewusst als solches zusammenlebenden lesbischen Lehrerinnenpaars geht und das auch formal eine absolute Kehrtwende zum vormals etablierten Technicolor- und Scope-Wyler  darstellt, stellt eine immens ernüchternde Bestandsaufnahme biederer US-amerikanischer Kleinstadt-Bigotterie dar.
Dieses knapp zehn Jahre später, also exakt zu Zeiten der im Reüssieren befindlichen New-Hollywood-Bewegung vorgelegte Finalwerk führt den mit „The Children’s Hour“ eingeschlagenen Weg dann zu einem ebenso konsequenten wie niederschmetterndem Abschluss.
„The Liberation Of L.B. Jones“ ist kein schöner Film und das ist gut so. Im Gegenteil ist er hässlich, drög, karg. Sein Sujet, das um den selbst in der Ära der Bürgerrechtsbewgungen ungebrochenen Südstaatenrassismus kreist, gestattet ja a priori auch gar keine ästhetisch reizvolle Aufbereitung und Wyler hütet sich erfolgreich davor, in eine entsprechende Falle zu tappen. Bis auf ein paar wenige Ausnahmen bekommen wir es ausschließlich mit abgrundtief hassenswerten Menschen zu tun, darunter mit den beiden die Besetzungsliste anführenden Protagonisten. Als einzige erträgliche Weiße werden Lee Majors und Barbara Hershey eingeführt, die am Ende jedoch auch bloß vor den etablierten Strukturen kapitulieren, anstatt sich ihnen, wie es ihre moralische Pflicht wäre, aktivistisch entgegenzustellen. Die Titelfigur, der von Roscoe Lee Browne gespielte L.B. Jones, wird, wenngleich späterer Märtyrer der schwarzen Gemeinde, vordringlich als von vergangenen Erfahrungen gebändigter, zynischer Opportunist gezeichnet, der sein Vermögen in der möglicherweise einzigen Branche gemacht hat, die solcherlei einem Farbigen in der Gegend überhaupt gestattet: Beerdigungen. Warum seine Frau ihm ausgerechnet mit dem widerwärtigsten weißen Abschaum Hörner aufsetzt, mag als Protesthandlung ihrerseits verstanden werden. Majors‘ heimlicher Gegenpart, der gemeinsam mit ihm den Rahmen des Films bildet, ist zugleich sein aggressives Pendant. Yaphet Kotto als Sonny Mosby kommt zurück nach Somerset, um sich an jenem Cop zu rächen, der ihn einst als Kind halbtot prügelte – Worths nicht minder verabscheuungswürdigem Partner Bumpas (Arch Johnson). Dass Mosby die erste Möglichkeit, seinen lange herbeigesehnten Selbstjustizakt zu vollziehen, ungenutzt verstreichen lässt, wird sich später rächen und ein weiteres Mosaiksteinchen der kommenden, barbarischen Lynchjustiz sein.
Das Kausalgeflecht der Charaktere und Ereignisse sorgfältig und komplex ausrollend, verzichtet Wyler dennoch nicht auf manche, in Anbetracht seiner altehrwürdigen Regisseursintegrität überraschende Sleaze-Elemente, die man in dieser Form eher im zeitgenössischen Blaxploitation-Kino oder grundsätzlich Derberem wie Terence Youngs „The Klansman“ wähnen möchte. Auch diesbezüglich entsetzt „The Liberation Of L.B. Jones“ allenthalben. Festzuhalten bleibt in jedem Fall, dass dieses leider viel zu selten in Augenschein genommene Abschiedswerk einen der beständigsten, eminentesten und wichtigsten Filme zum Thema Rassismus darstellt, der im letzten Jahrtausend die Tore eines großen Hollywoodstudios passieren durfte. Mögen sich ihm noch viele Menschen aussetzen.

9/10

COLOUR OUT OF SPACE

„It’s just a color. But it burns.“

Colour Out Of Space (Die Farbe aus dem All) ~ USA/MY/PT 2019
Directed By: Richard Stanley

Der junge Hydrologe Ward (Elliot Knight) untersucht im Auftrag einer Dammbaufirma die Wasservorkommen im ländlichen Neuengland. Dabei trifft er auf die fünfköpfige Familie Gardner, die sich aus mehreren Gründen in die Abgeschiedenheit zurückgezogen hat und ganz unterschiedlich damit umgeht. Während Vater Nathan (Nicolas Cage) vollkommen in der Haltung von Alpakas aufgeht, erholt sich seine Gattin Theresa (Joely Richardson) von ihrer Brustkrebs-Erkrankung, derweil Tochter Lavinia (Madeleine Arthur) mit paganistischen Ritualen herumexperimentiert und Sohn Benny (Brendan Meyer) es vorzieht, die meiste Zeit Gras zu rauchen, das er von dem kauzigen Eremiten Ezra (Tommy Chong) bezieht. Der kleine Jack (Julian Hilliard) arrangiert sich tapfer mit der Situation. Als ein Asteroid auf dem Gelände der Gardners niedergeht, ist es mit der Semiidylle rapide vorbei. Auf allem liegt binnen kurzer Zeit ein unwirklich schimmerndes Licht, fremde Pflanzen wachsen. Vor allem das Wasser aus dem heimischen Brunnen scheint eine verheerende Wirkung auf all seine Konsumenten auszuüben: Tiere und Menschen verwandeln sich und verhalten sich zusehends merkwürdig. Derweil die Katastrophe sich ihren Weg bahnt, kann Ward nur hilflos zusehen.

Richard Stanleys „Colour Out Of Space“ bildet bereits die fünfte Adaption der gleichnamigen Kurzgeschichte von H.P. Lovecraft und ist zugleich die erste, die den korrekten Titel der Vorlage verwendet. Anders als zuvor etwa Daniel Haller in „Die, Monster, Die!“ oder David Keith in seinem nichtsdestotrotz sehr gelungenen „The Curse“ hält sich Stanley mit wenigen Ausnahmen recht eng an Lovecrafts Vorlage und vollbringt das Kunststück, die wie üblich erschreckende Vision des großen Phantasten mit seiner eigenen zu koppeln und daraus ein bravouröses Stück Film zu destillieren. Der Südfafrikaner Stanley, der sich ja aus ebenso bekannten wie berechtigten Gründen selbst nach nur zwei vollendeten Werken eine rund 24 Jahre währende Auszeit vom abendfüllenden Spielfilm auferlegte, feiert mit „Colour Out Of Space“ somit eine ihm unbedingt zu gönnende, triumphale Rückkehr. Nicolas Cage, der ja mittlerweile häufiger DTV-Filme dreht als die Unterwäsche zu wechseln, läuft immer noch zur Hochform auf, wenn ihm bloß ein hinreichend ambitioniertes Projekt vorgelegt wird. Auch „Colour Out Of Space“ fügt sich in diese Annahme. Dass Cage immer dann besonders herausragend ist, wenn er Typen spielen muss, die wahlweise ihre Existenzgrundlage, den Verstand oder gleich beides verlieren, demonstriert er als Alpakafarmer Nathan Gardner mit dem ihm eigenen Profi-Wahnsinn. Doch dürfte Cage noch nicht einmal der primäre Grund dafür sein, warum „Colour Out Of Space“ dermaßen nonchalant reüssiert; vielmehr liegt das Hauptverdienst des Films darin, dem üblicherweise größten Kritikpunkt betreffs Lovecraft-Adaptionen, nämlich jenem, das universelle Grauen seines literarischen Kosmos‘ auf konve tionellem audiovisuellen Wege nicht transportieren zu können, ein Schnippchen zu schlagen. Dafür bedarf es keiner außerweltlicher Urmonster aus maritimer Tiefen; Stanley gelingt es vielmehr, die durch das extraterrestrische Artefakt hervorgerufenen Zersetzungen allen in seinem Einflussbereich befindlichen Lebens und Seins durch einen Bruch mit den physikalischen Gewohnheiten seiner Protagonisten und analog dazu denen des Zuschauers spürbar zu machen. Zeit und Raum verlieren jedwede Verlässlichkeit, die Wahrnehmungen verschwimmen und mit ihnen auch Richtig und Falsch, das Vertrauen in die eigenen ethischen Maximen, alles wird böser Rausch und Schmerz. Die Folge sind die unausweichlichen Auflösungen des Geistes, des Körpers und schließlich der Seele.
Wie stets benötigte Lovecraft und mit ihm auch Stanley einen überlebenden Erzähler, gewissermaßen einen „agent de la preuve“, der angesichts des bezeugten Horrors mit Mühe und Not seine Sinne beisammenhalten und Bericht ablegen kann. In seinen Geschichten gelangen die dazugehörigen Beschreibungen oftmals an ihre idiomatischen Grenzen. „Colour Out Of Space“ sorgt dafür, dass der arme Hydrologe Ward seine ungeheuerlichen Erfahrungen vollumfänglich teilen kann. Mit uns.

9/10

MARY

„You cannot escape her!“

Mary (The Ship – Das Böse lauert unter der Oberfläche) ~ USA 2019
Directed By: Michael Goi

Nicht nur, dass das Ding den Namen seiner jüngeren Tochter trägt, zieht es ihn auch buchstäblich magisch an: Mit dem Erwerb der schwer bauffälligen, alten Segelyacht „Mary“ erfüllt sich der Touristen-Skipper David (Gary Oldman) einen lang gehegten Wunsch – endlich Steuermann eines eigenen Schiffs zu sein und nur sich selbst verantwortlich. Selbst Davids Frau Sarah (Emily Mortimer), die vor Kurzem nach einer Ehekrise wieder zu ihm gefunden hat, arrangiert sich nach anfänglichem Hadern mit der Hals-über-Kopf-Aktion ihres Gatten. Die Jungfernfahrt gleich nach der aufwändigen Restauration des Schiffes soll sie dann einmal quer durch die Karibik führen. Begleitet werden David und Mary von ihren beiden Töchtern Lindsey (Stefanie Scott) und Mary (Chloe Perrin) sowie von Lindseys Freund Tommy (Owen Teague) und Davids altem Kumpel Mike (Manuel Garcia-Rulfo). Als das Sextett sich erst auf hoher See befindet, zeigt die „Mary“ ihr wahres Gesicht – der eigentliche Captain ist nämlich keinesfalls David, sondern der dämonische Geist einer auf See hingerichteten Hexe, die mittels des Schiffs seit Ewigkeiten „ihre“ Kinder wieder zu sich holt…

Gruselgeschichten um „besessene“ Schiffe oder zumindest solche, auf denen es aus unerfindlichen Gründen nicht mit rechten Dingen zugeht, bilden seit jeher ein festes Subgenre in Literatur, Film oder Comic. Dessen jüngster Erguss, eine Regiearbeit des vornehmlich auf dem Seriensektor tätigen Michael Goi, setzt dem Topos gewiss keinen funkelnden neuen Zacken in die Krone, markiert jedoch ein solides, kleines Stück Kino, das seine Nutznießer eben vornehmlich im Bereich des Maritimhorrors sucht und finden wird. Erzählt wird die Geschichte in Form eines als Rückblick gestalteten Polizeiverhörs Nur Sarah und die beiden Mädchen haben Zerstörung und Untergang der „Mary“ überlebt, wobei erstere, die Detective Clarkson (Jennifer Esposito) unentwegt etwas von bösen Mächten vorphantasiert, mehr und mehr unter Mordverdacht gerät. Ist ihrem Bericht, so, wie er sich für den Zuschauer visualisiert, allerdings Glauben zu schenken, muss sich tatsächlich gar Höllisches auf See zugetragen haben: Immer aggressiver, analog zum mysteriösen „Zielpunkt“ der unseligen Kreuzfahrt, macht sich der Fluch jener Seehexe bemerkbar, die sich freilich bald auch als bissiges Geisterwesen selbst zeigt und sich nach und nach beinahe sämtliche Passagiere zueigen macht.
In kurzen, runden achtzig Minuten entfaltet sich um diese sicherlich kaum originelle Prämisse eine pulpige Schauergeschichte, wie sie etwas kürzer in allen möglichen Horror-Anthologien der Welt vorkommen könnte. Keinen Innovationspreis könnte Goi sich damit erwirtschaften, soviel ist sicher, aber das bedeutet umgekehrt ebensowenig, dass man als Genreliebhaber nicht allemal einen Blick riskieren sollte. Viel an kostbarer Zeit büßt man wie oben erwähnt ohnehin nicht ein, sondern genießt, wie ich selbst, möglicherweise sogar das kleine Glück, ein sympathisches Betthupferl mit in die Traumwelt zu nehmen.

6/10

FORD V FERRARI

„Out there is the perfect lap.“

Ford V Ferrari (Le Mans 66 – Gegen jede Chance) ~ USA/F 2019
Directed By: James Mangold

Um dem amerikanischen Traditions-Autobauer Ford einen zeitgemäßeren Anstrich zu verleihen, versucht Vize-Präsident Lee Iacocca (Jon Bernthal), seinen Chef (Tracy Letts) davon zu überzeugen, in die Rennbranche einzusteigen. Zunächst soll eine Fusion mit den Italienern von Ferrari stattfinden, die deren Vorsitzender (Remo Girone) wegen mangelnden Mitspracherechts jedoch erbost mit Füßen tritt. Daraufhin wächst der unmöglich erscheinende Plan, einen hauseigenen Rennwagen zu bauen und Ferrari bei den 24 Stunden von Le Mans mit diesem Prunkstück zu schlagen. Zu diesem Zwecke wendet man sich an die Profi-Ingenieure Carroll Shelby (Matt Damon) und Ken Miles (Christian Bale), mit Miles als einem der späteren, optionalen Fahrer. Während Shelby trotz mancher Zähneknirscherei die Hierarchien akzeptiert und sich als Teamplayer erweist, eckt der rebellische und eigensinnige Miles immer wieder an, bis Fords Schoßhündchen Leo Beebe (Josh Lucas) schließlich alles daran setzt, seinen Intimfeind zu schassen.

Einen ganz klassischen Rennfahrerfilm hat James Mangold mit „Ford V Ferrari“ inszeniert, gerade so, als hätte es die letzten 55 Jahre Hollywood-Geschichte gar nicht gegeben. Im Prinzip erkennt man lediglich anhand der modernen Formalia, dass es sich um einen zeitgenössischen Film handelt; das Drehbuch mitsamt seinen diversen Charasterika und Dialogen wäre auch in den sechziger Jahren, der Ära von Frankenheimers Genre-Referenzwerk „Grand Prix“, bis auf ein paar rüde Vokabeln so umsetzbar gewesen. Mit viel Herz und Seele demonstriert es die nicht immer einfache Freundschaft zwischen den beiden authentischen Helden und Sympathieträgern Carroll Shelby und Ken Miles sowie Miles‘ sehr viel domestiziere Seite als Ehemann einer bedingungslos zu ihm haltenden Frau (Caitriona Balfe) und Vater eines ihn anschmachtenden Sohnes (Noah Jupe). Die eigentliche Kunst des Films liegt jedoch darin, ebenjenen Kniff zu vollziehen, den alle wirklich gelungenen Werke um sportliche Disziplinen aller Art letzten Endes benötigen: Sein Sujet für Laien oder sogar thematisch basal Desinteressierte so involvierend aufzubereiten, dass diese die dazugehörige Dramaturgie und Choreographie als uneingeschränkt spannend wahrnehmen und sich schlussendlich für die Dauer der Geschichte sogar zueigen machen können. Dieses geschickte empathische Moment weiß Mangold, der ja in keinem bestimmten Genre zu Haus ist und zuvor mit „Logan“ einen der erwachsensten und beliebtesten Beiträge zum filmischen „X-Men“-Universum liefern konnte, nicht nur exemplarisch, sondern gar vorbildlich in seine Arbeit einfließen zu lassen und damit einen der schönsten Filme des letzten Jahres vorzulegen. Selbst die Gestaltung der periodic elements, respektive die möglichst glaubwürdige Übermittlung des Zeitkolorits der Mittsechziger, gelingt ihm ohne größere Einbußen, wobei ihm da wiederum gewiss vornehmlich die nostalgische Angebundenheit des Scripts in die Karten spielt.

8/10