5 BAMBOLE PER LA LUNA D’AGOSTO

Zitat entfällt.

5 Bambole Per La Luna D’Agosto (Five Dolls For An August Moon) ~ I 1970
Directed By: Mario Bava

Der Millionär und Unternehmer George Stark (Teodoro Corrà) lädt drei befreundete Ehepaare auf seine Privatinsel nebst modernst durchgestylter Villa ein. Hinter dem als „feucht-fröhlich“ avisierten Aufenthalt steckt in Wahrheit jedoch ganz nüchternes, berufliches Interesse: Einer der Gäste, der Wissenschaftler Professor Farrell (William Berger), hat eine Formel für Kunstharz entwickelt, die Stark ihm um jeden Preis abkaufen möchte. Doch nicht nur er, auch die ebenfalls anwesenden Jack Davidson (Howard Ross) und Nick Chaney (Maurice Poli) sind immens an der Formel interessiert. Da taucht auch schon die erste Leiche auf: Hausboy Charles (Mauro Bosco), kurz zuvor noch Chaneys sexuell unersättlicher Gattin Marie (Edwige Fenech) zu Diensten, wird ermordet aufgefunden. Und bei dem einen Toten bleibt es nicht. Gottlob hat Stark eine ausladende Kühlkammer im Hause…

Lange aufgeschoben, jetzt endlich einmal nachgeholt: Dass ich „5 Bambole Per La Luna D’Agosto“ so lange entbehrt habe, bereue ich nicht unbedingt. Auch wenn Bavas Werks-Intimus Tim Lucas den Film als einen von des Maestros „besten und innovativsten“ bezeichnet, fehlt es mir hier an manchem. Der sich stark von Agatha Christies Krimis und speziell von „Ten Little Indians“ inspiriert zeigende Plot bugsiert sich nur höchst selten in ein Stadium, das man als „fesselnd“ bezeichnen möchte; nahezu sämtliche der darin agierenden Figuren tun sich als Abziehbilder und Knallchargen hervor – reich, gierig, opportunistisch frustriert, dekadent. Ihr Schicksal ist dem Rezipienten dementsprechend von Herzen gleichgültig; respektive würde man sich möglichst deftiger Mordesquenzen eher noch erfreuen. Doch auch hier übt sich Bava noch in recht pietätvoller Zurückhaltung, die sich nur kurz darauf für „Reazione A Catena“ in ihr diametrales Gegenteil verwandeln wird. Stattdessen setzt „5 Bambole“ auf einen etwas hohnäsigen, sozialistisch gefärbten Salonhumor: Das Kapital frisst sich selbst; reich zu sein, heißt in gerechter Angst leben zu müssen und die Leichen werden, ein mehr oder weniger komischer running gag, eine nach der anderen zwischen Schweinehälften gehängt, während die Überlebenden sich kaum um die Toten scheren und weiterhin ihre kostspieligen Drinks saufen. Erst am Ende, als Wahrnehmungs- und Zeitebenen etwas durcheinanderzugeraten scheinen, erhebt sich „5 Bambole“ ganz kurz über sein gepflegt gelangweiltes Timbre hinweg, nur um es sich dann flugs doch wieder darin bequem zu machen.

5/10

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VALLEY OF THE DOLLS

„I’ll plant my own tree. My own tree! And I will make it grow!“

Valley Of The Dolls (Das Tal der Puppen) ~ USA 1967
Directed By: Mark Robson

Die drei jungen Damen Anne (Barbara Parkins), Neely (Patty Duke) und Jennifer (Sharon Tate) lernen sich in New York kennen und werden Freundinnen. Ihre Schicksale, die sie allesamt zur Westküste und nach Hollywood führen, werden in den kommenden Jahren von immer größeren Krisen und Sturmtiefs durchgeschüttelt, bis zumindest Anne begreift, dass wahres Glück nichts mit Glanz und Glamour zu tun hat.

Jacqueline Susanns ein Jahr zuvor entstandener, gleichnamiger Roman wurde ein solch gewaltiger Bestseller, dass eine Filmadaption flugs zur beschlossenen Sache wurde. In ihrem Buch zeichnet die selbst showbiz-erfahrene Susann den zerstörerischen Einfluss insbesondere der Filmmetropole Hollywood auf junge, naive Damen nach, wobei sie auf diverse, inoffiziell zu Bewusstsein kommende Vorbilder von Frances Farmer über Betty Hutton, Judy Garland, Marilyn Monroe, Carole Landis und Ethel Merman, zurückgreift deren Personae und Biographien allesamt zumindest teilverwurstet wurden. Das Script veränderte allerdings das zeitliche Setting der Vorlage und versetzte es um zwei Dekaden in die Zukunft, um eine dichtere, realitätsnähere Anbindung zu schaffen.
Mit Ausnahme der als Erzählerin fungierenden Anne Welles, die als Provinzblümchen von Neuengland über New York nach Hollywood und wieder zurück tingelt und deren private Medienkarriere sich auf eine kurze Karriere als Werbemodel beschränkt, erleben die Protagonistinnen reichlich Schaden an Leib und Seele; die stimmgewaltige Neely O’Hara avanciert nach ihrer „Veredelung“ zum Superstar zu einer herrischen, selbstsüchtigen und medikamentenabhängigen Trinkerin, die sich von ihrem Jugendfreund (Martin Milner) trennt und schließlich in einer Entzugsklinik landet; Jennifer Norths einziges Kapital besteht derweil in ihrer physischen Schönheit und speziell ihren wohlgeformten Brüsten. Zunächst erkrankt ihr Mann, der Starsänger Tony Polar (Tony Scotti), an einer geisteszersetzenden Krankheit, dann erhält sie selbst die Diagnose Brustkrebs und nimmt sich das Leben.
Es geht also höchst turbulent zu in „Valley Of The Dolls“, der sein autoritäres Ausrufezeichen permanent über den gar so schrecklichen Ereignissen aufleuchten lässt und dabei mit zunehmender Erzählzeit immer mehr wie eine schulmeisterliche Warnung für potenzielle Starlets daherkommt. Formvollendete, naive Kolportage ist das und nicht selten fühlt man sich an ministerial subventionierte „Aufklärungsfilme“ für Schulen erinnert. Camp ist das, nicht ganz freiwillig vielleicht, dafür reinkulturell in Form und Finish, von einem Regisseur, der zum Entstehungszeitpunkt von „Valley Of The Dolls“ seine originären künstlerischen Wurzeln, die zu Orson Welles und Val Lewton zurückreichen, bereits weit hinter sich gelassen hatte und insbesondere in Anbetracht seiner einstmaligen Meriten eher bizarres Kinogut inszenierte. Was nicht bedeutet, dass es deshalb weniger sehenswert wäre – es ist bloß… anders.

7/10

HOUNDS OF LOVE

„Don’t let him go down on you.“

Hounds Of Love ~ AUS 2016
Directed By: Ben Young

Perth, 1987. Das in recht desolaten Zuständen lebende Ehepaar Evelyn (Emma Booth) und John White (Stephen Curry) entführt junge Mädchen im Teenageralter, quält und missbraucht sie sexuell, um sie schließlich zu ermorden und irgendwo in der Weite des Outback zu verscharren. Aktuell gerät die von daheim ausgebüchste Vicki Maloney (Ashley Cummings) in ihre Fänge. Vicki, deren Eltern (Susie Porter, Damian de Montamas) sich haben scheiden lassen, und die vornehmlich bei ihrem wohlhabenden, sie verwöhnenden Vater lebt, durchschaut bald das Abhängigkeitsgefälle zwischen Evelyn und John: Sie lebt als völlig devote Erfüllungsgehilfin unter der perversen, psychopathischen Fuchtel des gewalttätigen Ehemanns und findet nicht die Kraft, sich gegen seine übermächtige Persönlichkeit zur Wehr zu setzen. Stattdessen spielt sie seine mittlerweile zum Serienmord avancierten Riten kritiklos mit. Vickis einzige Überlebenschance besteht somit darin, die psychisch höchst vulnerable Evelyn auf ihre Seite zu ziehen…

Was oberflächlich anmutet wie ein weiterer Kidnapping- und Folterfilm offenbart bereits im frühen Verlauf eine deutlich differenziertere, höchst dramatische Intensität. Geschickt umschifft der vielversprechende Debütregisseur Ben Young die meisten Verlockungen handelsüblicher Klischees und entwickelt eine gleichsam bedrückende und schwebende Grundstimmung, die ihre monströse Immanenz mit Ausnahme gezielter Gewalttupfer unter der brodelnden Oberfläche behält.
„Hounds Of Love“ erzählt im Grunde zwei parallel ablaufende Geschichten. Einerseits berichtet er von Vickis furchtbarem Leidensweg als zur Hilflosigkeit verdammtes Spielzeug ihrer Entführer, andererseits, und hier bringt Young die eigentliche Tragfähigkeit seines Films zur Geltung, obduziert er die vollkommen dysfunktionale, pathologische Beziehung des Kidnapperpärchens, zweier bildungsferner, zum Subproletariat zählender Menschen, die sich immer weiter weg von den gängigen sozialen Wertmaßstäben bewegen, „white suburban trash“, wie man sie zu bezeichnen geneigt ist. Evelyns Kinder leben bei einer Pflegefamilie, wobei die Gründe dafür nie zur Gänze offengelegt werden. Mutmaßlich tragen jedoch auch hieran John und sein obsessiver Hang zur Gewaltausübung an Wehrlosen die Schuld. Nichtsdestotrotz hat die verzweifelt nach Nähe und Zärtlichkeit strebende Evelyn längst den Überblick und vor allem die Fähigkeit zur Rechtsgewichtung verloren; stattdessen hilft sie John, seine Entführungsopfer auszuwählen, gefangenzuhalten, sexuell auszubeuten und schließlich verschwinden zu lassen. Insbesondere im Zuge der Zeichnung dieses Abhängigkeitsverhältnisses entwickelt „Hounds Of Love“ seinen oftmals nur schwer erträglichen Sog. Dabei erweist sich Youngs Gespür für dramaturgische Komposition als beachtlich: Er gliedert die Ereignisse in drei Hauptakte, die jeweils von einem passenden, höchst prägnanten (und komplett ausgespielten) Musikstück klimaktisch gekrönt und geschlossen werden: „Nights In White Satin“ von The Moody Blues, Cat Stevens‘ „Lady D’Arbanville“ und zum kathartischen Abschluss „Atmosphere“ von Joy Division, ohnehin einem der schönsten Popsongs aller Zeiten, der hier einen ganz wunderbar prominenten Einsatz erfährt.
Auf Youngs nächstes (Lang-)Werk, einen SciFi-Film, zu dem er leider nicht selbst das Script beisteuert, darf man bereits sehr gespannt sein.

8/10

MOTHER NIGHT

„All the best writers are dead.“

Mother Night (Schatten der Schuld) ~ USA 1996
Directed By: Keith Gordon

Howard W. Campbell Jr. (Nick Nolte) sitzt in einem Jerusalemer Gefängnis und wartet auf seinen Prozess, gleich in der Zelle über ihm den in derselben Situation befindlichen Adolf Eichmann. Campbell war während des Zweiten Weltkriegs als Schriftsteller und Dramatiker in Deutschland und dort für eine vielbeachtete Radiopropaganda-Reihe der NSDAP zuständig als Autor und Verleser antiamerikanischer und antisemitischer Essays. Was weder die Nazis noch irgendjemand sonst ahnen konnte: Campbell arbeitete, rekrutiert von dem geheimnisvollen Frank Wirtanen (John Goodman), im Auftrag des US-Geheimdienstes und brachte im Zuge seiner Radioauftritte verschlüsselte Geheimbotschaften in den Äther, die ihm jeweils vorab heimlich zugeschoben wurden. Campbells Spionagestatus wurde jedoch nie öffentlich gemacht und so gilt er auch nach Kriegsende und zurück in New York weiterhin als „Stimme der Nazis“. Seine geliebte Frau Helga (Sheryl Lee) kam noch während der Kriegswirren zu Tode und mit ihr der größte Teil von Campbells eigenem Lebenswillen. In Greenwich Village lernt er dann seinen Nachbarn George Kraft (Alan Arkin), einen nicht minder verzweifelten Maler, der zu Campbells bestem Freund wird. Später taucht Helgas kleine Schwester Resi (Sheryl Lee) auf, die, mittlerweile erwachsen, Helga wie aus dem Gesicht geschnitten ist und sich zunächst als die Verstorbene ausgibt. Auch ein verquerer, rassistischer Geheimbund tritt an ihn heran, der angeblich den entdeckungsgefährdeten Campbell, Kraft und Resi die Flucht nach Mexiko ermöglichen will. Was Campbell nicht ahnen kann: All diese merkwürdigen Fügungen geschehen keineswegs zufällig…

Keith Gordons (antizipierbar) kommerziell bös gefloppte Vonnegut-Adaption ergreift und transponiert den stets etwas mysteriösen Duktus des bedienten Autors auf brillante Art und Weise und macht daraus eine der vorrangigsten Literatur-Verfilmungen mindestens der neunziger Jahre. An „Mother Night“, dem Film, gibt es nichts, was nicht passgenau wäre; das gesamte Geschehen schwebt, es sich stets bequem machend auf einer leicht federnden Wolke aus Surrealismus und leiser Ironie, mit aller gebotenen Entschleunigung vor sich her. Nicht nur George Roy Hills brillanter „Slaughterhouse-Five“ blitzt durch seine nebulösen Astlöcher, auch den bitter-transzendenten, jüdischen Humor großer Comic-Autoren wie Will Eisner oder Art Spiegelman ist man versucht, nahezu pausenlos herauszuspüren. Als Soldat, Kriegsteilnehmer und Überlebender der Bombardierung von Dresden hatte Vonnegut es kaum nötig, über das Wesen des Krieges zu schreiben. In „Mother Night“ ging es ihm vielmehr um das nicht minder eigenartige Echo jener Weltzäsur und ebenso um das komplexe Verhältnis von Schuld, Geständigkeit, Reue und die nahezu aussichtslose Möglichkeit der Weiterexistenz mit alldem. Howard Campbell Jr. mag ein Spion sein; seiner Faszination für das nazifierte Deutschland, für Führerkult und Drittes Reich, das ihn als „Überläufer“ hofiert und ihm Zugang zur höchsten Systemspitze ermöglicht, tut dies keinen Abbruch. Möglicherweise ist sein geheimer Einsatz für die Alliierten auch bloß eine reine Kopfgeburt; eine dem intellektuellen Rest an Vernunft entstammende Rechtfertigung für die Gewissheit, als Adlatus des Grauens zu fungieren. Mit Glanz und Glamour ist es nach dem Krieg vorbei. Depressiv und sich nutzlos wähnend vegetiert Campbell einsam und verlassen in New York dahin. Seine Nachbarn sind neben Kraft zwei Auschwitz-Überlebende, Mutter (Anna Berger)  und Sohn (Arye Gross). Während die ältere Dame Campbell, der seinen Namen trotz seiner zweifelhaften Popularität nicht geändert hat, zu erkennen glaubt und ihm die Pest an den Hals wünscht, will ihr als Mediziner tätiger Sohn von dem Kapitel „Holocaust“ am liebsten gar nichts mehr wissen. Eine weitere der vielen Ambivalenzen, die sich durch „Mother Night“ ziehen und die ihren satirischen Höhepunkt gewissermaßen in einem verrückten, farbigen Nazi (Frankie Faison) finden, der die Gruppe von „white supremacists“ lauthals unterstützt. Schein und Sein bleiben in Vonneguts Welt nie ganz  säuberlich getrennt, einer permanenten Wellenbewegung gleich nähern sie sich immer wieder tangential an und stoßen sich dann mit umso kräftigerer Vehemenz wieder voneinander ab. Am Ende dann, als das Schicksal im Begriff ist, Campbell erneut einen Ausweg zu offerieren, sieht er keinen anderen Ausweg mehr als den der Selbstrichtung. Auch hier bleibt Gordons Regie noch meisterhaft und lässt und, gemeinsam mit der Kamera, wegsehen. Wie Campbell selbst bis zu diesem finalen Schuldeingeständnis Wegsehen und Ignoranz kultiviert hat, jahrzehntelang.

9/10

STIR OF ECHOES

„I’m supposed to dig.“

Stir Of Echoes (Echoes – Stimmen aus der Zwischenwelt) ~ USA 1999
Directed By: David Koepp

Der mit Frau Maggie (Kathryn Erbe) und Söhnchen Jake (Zachary David Cope) in einem beschaulichen Vorort von Chicago lebende Arbeiter Tom Witzky (Kevin Bacon) beginnt nach einer eher spaßig gemeinten Hypnose durch seine Schwägerin Lisa (Illeana Douglas), Dinge zu sehen, die außer ihm niemand wahrnimmt – eine Gabe, die der kleine Jake längst zu haben scheint. Dazu zählt neben dem Empfang übernatürlicher Warnsignale auch die Tatsache, dass Tom eine verstorbene Teenagerin (Jennifer Morrison) sieht, beziehungsweise immer wieder unfreiwillig in ihre Wahrnehmungswelt versetzet wird. Nachdem Tom sich zunächst vehement gegen diese beunruhigenden Ereignisse wehrt, beginnt er bald doch, der Affäre um das offenbar gewaltsam zu Tode gekommene Mädchen mit der gebotenen Energie nachzuspüren. Der Schlüssel zu allem liegt offenbar im Fundament des eigenen Hauses verborgen…

Analog zum gewaltigen Erfolg von M. Night Shyamalans „The Sixth Sense“ kämpfte sich zugleich ein seit längerem vernachlässigtes Segment des Horrorgenres zurück an die Oberfläche: Das des nicht ruhen könnenden Geistes eines oder einer durch Ungerechtigkeit Verstorbenen, auf dessen Fährte im Diesseits ein durch PSI-Kräfte begabter, oftmals unfreiwilliger Ermittler stößt. Jene Art Horror kennzeichnet sich seit eh und je durch den Einsatz eher sanften Grusels, da das unruhige Gespenst ja zumeist keineswegs Böses, sondern lediglich Gerechtigkeit um der eigenen Erlösung Willen im Sinn hat; die freie Fahrt ins Jenseits heraus aus dem Zwischenreich sozusagen. In dem eher lose auf einem rund vierzig Jahre älteren Roman von Richard Matheson basierenden „Stir Of Echoes“ ist es nun an Kevin Bacon, sich überaus widerwillig der neu entdeckten Berufung zu stellen, als Erfüllungsgehilfe für das Jenseits zu fungieren. Dem Geist der einst ermordeten Samantha ist es nämlich schnurzegal, ob der von ihr „auserwählte“ Tom Witzky überhaupt Lust verspürt, sich mit ihrem Fall zu befassen – er ist ohnedies der Richtige. Interessant wird es, wenn David Koepp die Jenseitsmediums als eine Art spezieller „Szene“ oder auch als geheimbündlerische Subkultur katalogisiert. Der Polizist Neil (Eddie Bo Smith Jr.) wird auf dem Friedhof auf den kleinen Jake aufmerksam und erkennt in ihm sogleich einen buchstäblichen Seelenverwandten. Ein weiteres Nachspüren seitens der etwas überrumpelten Mutter Maggie offenbart ihr dann, dass auch Tom über die „Gabe“ verfügt – was sein zunehmend ungewöhnliches Verhalten zumindest erklären könnte. Dass er Maggie praktisch kaum mehr wahrnimmt und sich stattdessen zunehmend irrational verhält – so geht er nicht mehr zur Arbeit, sondern gräbt den gesamten Garten um und verbringt stundenlang damit, einen bestimmten Song (der sich als Punkcover von „Paint It Black“ entpuppen wird) ausfindig zu machen. Freilich kommt alles zu einer, wenngleich wiederum gewaltsamen, Conclusio, die die Aufklärung um Samanthas Tod beinhaltet. Der Film entlässt uns dennoch mit der beunruhigenden Gewissheit, dass Jake ein recht unbequemes Aufwachsen erwartet.
Dass „Stir Of Echoes“ im recht übermächtigen Schatten von „The Sixth Sense“ stand (und steht), ist ungerecht. Zwar erreicht er nicht ganz den emotionalen impact von Shyamalans Geisterseher-Mär, verfügt vielleicht nicht über dessen bahnbrechenden twist und inszenatorische Ausgewogenheit, bleibt aber dennoch ein hervorragender Geisterfilm, der vor allem durch seine sehr exakte Milieuzeichnung überzeugt und die alte Weise davon, dass Blut dicker ist als alles Übel der Welt, so überzeugend in seine Auflösung integriert.

8/10

GERALD’S GAME

„Spice things up and try and push the boundaries…“

Gerald’s Game (Das Spiel) ~ USA 2017
Directed By: Mike Flanagan

Um ihre zusehends scheiternde Ehe und das eingeschlafene Sexleben auzupeppen, reisen Gerald (Bruce Greenwood) und Jessie Burlingame (Carla Gugino) in ihre idyllische, aber abgelegene Villa in Alabama. Ein Hanschellenspielchen soll für die nötige Würze bei Akt sorgen. Gerade als die bereits gefesselte Jessie dabei ist, ihren aufkeimenden Widerwillen gegen das sich zu einer Vergewaltigung entwickelnde „Spiel“ zum Ausdruck zu bringen, ereilt Gerald ein tödlicher Herzinfarkt. Unfähig, sich zu befreien, beginnen sich für die unter Durst und Hunger leidende Jessie alsbald, Realität und Halluzination untrennbar zu vermengen; während ein streunender Hund sich an Geralds Leiche delektiert, sieht sich Jessie mit längst vergessen geglaubten, psychischen Untiefen konfrontiert, in denen ihr Vater (Henry Thomas) eine tragende Rolle einnimmt. Und wer ist der geheimnisvolle „Moonlight Man“ (Carel Struycken), der ihr des Nachts erscheint?

Mike Flanagans von Netflix produzierte King-Adaption erinnerte mich an Taylor Hackfords Verfilmung von „Dolores Claiborne“ (wobei ich keinen der beiden zugrunde liegenden Romane kenne) – auch hier gehen eine Sonnenfinsternis und ein tragischer Misshandlungsfall eine unheilvolle Konnexion ein und stehen in direkter Verbindung zu lang verdrängten (Schuld-)Komplexen. Wie oft bei King ist der storyimmanente Horror nebst seinem direkt veräußerten, womöglich übernatürlich geprägten Spannungsmoment lediglich ein allegorisches Ventil, um das Innenleben seiner ProtagonistInnen zu kanalisieren; Jessie Burlingame ist in diesem Zusammenhang eine nicht untypische, king’sche Frauenfigur. Es gibt einen Schlüsselmoment in der Zeit ihrer Frühpubertät, in der ihr Vater einen intimen Augenblick der Isolation zunächst bewusst herbeiführt, um ihn dann auf rücksichtslose Weise sexuell auszubeuten. Als wäre dieser verhängnisvolle Akt nicht bereits zerstörerisch genug, stellt er die verstörte Jessie daraufhin noch unter zusätzlichen Schweigens- und somit Leidensdruck. Jenes widerwärtige Erlebnis wird Jessie trotz zunächst erfolgreicher Verdrängung, nicht nur ihr Leben lang begleiten, sondern dieses noch zusätzlich prägen – auch ihr Gatte Gerald entpuppt sich im Verlauf der gemeinsamen Ehe als ein ausbeuterisches, destruktives Schwein, das es erfolgreich schafft, Jessie in eine schuldbewusste Ecke zu drängen. Der bald während Jessies unfreiwilliger Gefangenschaft auftauchende Moonlight Man, wie sich später herausstellen wird, ein unter Akromegalie leidender Serienmörder, dem Jessie wie durch ein Wunder entkommen konnte, wird sich zum Ende hin als Symbol ihrer endlich erfolgten Emanzipation von der Vergangenheit erweisen; vom gestörten Vater und vom bösartigen Ehemann, die sie beide als Projektionsfläche ihres jeweils zerrütteten Charakters missbrauchten; vor allem jedoch vom irrationalen Hang danach, die Schuld für das erlittene Böse bei sich selbst zu suchen.

7/10

WE NEED TO TALK ABOUT KEVIN

„I am the context.“

We Need To Talk About Kevin ~ Großbritannien/USA 2011
Directed By: Lynne Ramsay

Der Teenager und Schüler Kevin Khatchadourian (Ezra Miller) landet im Gefängnis, nachdem er seinen Vater Franklin (John C. Reilly), seine jüngere Schwester Celia (Ashley Gerasimovich) und, im Zuge einer sorgfältig vorausgeplanten Aktion, diverse Mitschüler ermordet hat. Kevins Mutter Eva (Tilda Swinton), die von den meisten ihrer Mitbürger wie eine Aussätzige behandelt, bespuckt und tyrannisiert wird, nachdem sie mithilfe eines Anwalts ein offenbar günstiges Gerichtsurteil für Kevin erstritten hat, lässt die gesamte Biographie ihres Sohnes Revue passieren.

Die britische Autorin Lionel Shriver schreibt vornehmlich Romane zu ebenso bewegenden wie unangenehmen Themen, denen sie häufig mit einer Mischung aus schwarzem Humor und einer analog dazu eher finsteren sozialen Prognostizierung begegnet. Ihr 2005 erschienener Roman „We Need To Talk About Kevin“ wurde wie im Hinblick auf ihren kreativen Ausstoß üblich recht kontrovers aufgenommen und besprochen. Das Interesse an einer Filmadaption entbrannte quasi mit dem Veröffentlichungstag, wobei das folgende, unübersichtliche Hinundher die Produktion stark verzögerte.
„We Need To Talk About Kevin“ macht es weder sich noch seinen Protagonisten leicht; weniger als die psychologische Anamnese eines jugendlichen Massenmörders handelt es sich um die Charakterisierung seiner Mutter, einer Frau, die die Diskrepanz zwischen gesellschaftlichen und persönlichen Lebenserwartungen bereits mit der Geburt ihres Sohnes auf das Bitterste zu spüren bekommt. Es ist gut, dass sich die Geschichte nicht um den analytischen Blickwinkel oder gar um Antworten schert; sie observiert lediglich, wenngleich aus sehr zuspitzter Perspektive. Eva, eine weltoffene, libertine Frau, kann keine mütterliche Liebe für ihr Kind aufbringen, vielmehr symbolisiert es für sie den Beginn einer immensen Verantwortlichkeit, die sie in Ketten zu legen droht. Plötzlich ist da Familie, da sind Verbindlichkeiten, Dinge, die so gar nicht zu dem passen wollen, was sie unter „Freiheit“ versteht. Dass Kevin sich nebenbei schon früh zu einem wahren Wechselbalg entwickelt, das tatsächlich so etwas wie einen Hang zum Bösen kultiviert, könnte eine zusätzliche Verschärfung der Situation sein oder eine emotionale Reaktion des sensiblen Kindes auf die heimliche Ablehnung der Mutter. Auch hier verzichtet der Film stolz erhobenen Hauptes auf Paraphrasierung und Formelhaftigkeit, die sich doch so sehr anböten. Wo Kevin bei seiner Mutter vornehmlich Kälte erfährt, lässt er sie seinen ewig leuchtenden Protest spüren: er ist ein Schreibaby, weigert sich später vorsätzlich, trocken zu werden, macht Dinge kaputt, die seine Mutter liebt und wickelt den naiven Vater um den kleinen Finger. Später kommt es zu offenen Aggressionen und Verletzungen; als Kevins Schwesterchen Celia, nebenbei ein bezauberndes, kleines Mädchen und von allen (außer Kevin) geherztes „Wunschkind“, ein Auge verliert, weiß Eva instinktiv, dass es sich dabei nicht, wie allgemein angenommen, um einen Unfall gehandelt haben kann. Noch mehr als die Unfähigkeit, zärtliche Nähe zu Kevin aufzubauen, zermürben Eva jedoch die eben damit einhergehenden Schuldgefühle. Umso tapferer erträgt sie die sich nach Kevins furchtbarem Mordzug einstellenden Konsequenzen, die sie wie eine natürliche Strafe für alle früheren Versäumnisse annimmt – so es sich denn überhaupt um solche handelt. Am Ende haben diese beiden, sich seit jeher hassenden Menschen nurmehr einander: der Junge, der viele Menschen umgebracht hat und seine Mutter, die sich die Schuld dafür gibt. Zum ersten Mal glimmt so etwas wie Verständnis zwischen ihnen auf. Der Weg dorthin ist gepflastert mit Blut.

8/10