AUS DEM NICHTS

„Das waren Nazis.“

Aus dem Nichts ~ D/F/I 2017
Directed By: Fatih Akin

Für die Hamburgerin Katja Sekerci (Diane Kruger) sind ihr kurdischstämmiger Mann Nuri (Numan Acar) und ihr kleiner Sohn Rocco (Rafael Santana) die ganze Welt. Nach einer kurzen Zeit in Haft, die er wegen Marihuanadealens absitzen musste, hat Nuri sich eine ansehnliche Existenz als Steuerberater für des Deutschen weniger kundige Migranten aufbauen können. Eines nachmittags explodiert unmittelbar vor seinem Büro eine Nagelbombe. Nuri und Rocco fallen dem Anschlag zum Opfer. Die am Boden zerstörte Katja ist rasch davon überzeugt, dass die Tat nur politisch motiviert sein kann und Neonazis dahinter stecken, zumal sie kurz vor der Explosion eine junge Frau (Hanna Hilsdorf) vor Nuris Büro gesehen hat. Die Polizei glaubt indes fest an eine milieubedingte Racheaktion und wiegelt Katjas Geschichte ab. Nachdem sie nach Jahren wieder zu Drogen greift und bereits fast jeden Lebenswillen verloren hat, keimt doch noch ein Hoffnungsschimmer für Gerechtigkeit: die von Katja beobachtete Frau Edda Möller ist nebst ihrem Mann, dem Neonazi André (Ulrich Brandhoff), festgenommen worden. Beide sind des Mordes verdächtig. Als Nebenklägerin lässt sich Katja von ihrem alten Freund Danilo Fava (Denis Moschitto) vor Gericht vertreten. Der Gegenanwalt Haberbeck (Johannes Krisch) erweist sich jedoch als fintenreich genug, einen Freispruch für das Ehepaar Möller zu erwirken. Katja folgt den beiden nach Griechenland und baut dort eine Bombe, die der des Anschlags nachempfunden ist…

„Aus dem Nichts“ lässt sich durchaus als ein ergänzender Nachklapp zu Fatih Akins „Liebe, Tod und Teufel“-Trilogie betrachten, zumal alle drei genannten Motivspender sich mühelos in der Geschichte von Katja Sekerci und ihrem selbstzerstörerischen Rachefeldzug ausfindig machen lassen. Wo Akin in den Jahren seiner bisherigen Tätigkeit als türkischstämmiger, politischen Abhandlungen durchaus nicht abgeneigter Filmemacher die Topoi Rechtsextremismus und Rassismus stets ausgespart hatte, ging er vor zwei Jahren mit „Aus dem Nichts“ unmittelbar in medias res. Bewegt und beeindruckt vom langwierigen NSU-Prozess, den er teilweise selbst vor Ort mitverfolgt hatte und gewiss auch vom bedrohlichen Wiedererstarken rechtspopulistischer Kräfte im Land entwarf er gemeinsam mit NDF-Urgestein Hark Bohm diese sich zunehmend intimer gestaltende Geschichte um die Folgen eines neonazistischen Bombenanschlags mitten in Hamburg. Wie im authentischen Fall miterlebt verzichtet Akin dann auch keinesfalls auf das offenkundige Versagen des Justizapparats, der sich beharrlich weigert, deutschen Rechtsterrorismus als eine reale Bedrohung nicht nur des Individuums, sondern auch der demokratischen Grundordnung anzuerkennen, geschweige denn wahrzunehmen. Laufen bereits die ersten Ermittlungen auf einen sogenannten „milieuintern“ motivierten Anschlag hinaus, spielt später noch die im Zweifelsfall und insgeheim unakzeptable Tatsache der deutsch-kurdischen Familie in Kombination mit einem beruflich erfolgreichen, im besten Wortsinne „sauberen“ Ehemann und Vater eine tragende Rolle im gesamten Prozess. Diese Erfahrung muss Katja auch aufs Neue im Zusammenhang mit ihren Eltern (Karin Neuhäuser, Uwe Rohde) und Schwiegereltern (Asim Demirel, Aysel Iscan) machen, die sich angesichts der Tragödie wechselseitig ungebrochen voreingenommen und unversöhnlich zeigen.
Immer wieder rekurriert man auf die Dealer-Vergangenheit des Ermordeten, immer wieder auf das Faktum, dass Katja ihren akuten Verlustschmerz mit Drogen zu betäuben versuchte. Die im Prinzip unwiderlegbaren Indizien gegen die Täter, zu denen selbst eine belastungsschwere Aussage des Vaters (Ulrich Tukur) von André Möller zählt, werden schließlich ignoriert und die Schuldigen ihrer Strafe vorenthalten. Mit dem Freispruch endet auch Katjas Glauben an die Gerechtigkeit und an den Lebenswert an sich, wodurch sich ihr finaler Gegenschlag veranlasst. Diesen belässt der wiederum in drei Akte unterteilte Film wohlweislich vollkommen wertfrei; nach der zweiten Explosion, die die Leben des Ehepaars Möller und auch Katjas eigenes fordert, herrscht, wie so oft am Ende von Akins Filmen, nurmehr das erlösende Rauschen der Meeresbrandung.

8/10

Werbeanzeigen

AUF DER ANDEREN SEITE

„Das ist Deutschland.“

Auf der anderen Seite ~ D/TR/I 2007
Directed By: Fatih Akin

Zwei tote Frauen, drei mit ihnen verknüpfte Biographien:
Yeter (Nursel Köse) arbeitet in Bremen als Hure, sehr zum Unwillen der türkischstämmigen, religionstreuen Community. Einer ihrer Kunden, der alte Ali (Tuncel Kurtiz), bietet ihr an, ihn gegen entsprechendes Entgelt zu heiraten. Sie dürfe dann allerdings nurmehr mit ihm ins Bett gehen. Alis Sohn Nejat (Baki Davrak), Germanistikprofessor, akzeptiert die Entscheidung seines Vaters, der jedoch, mittlerweile genesen von einem schweren Herzinfarkt, nach einem Streit Yeter schlägt und damit unfällig ihren Tod verursacht. Während Ali ins Gefängnis geht, sagt Nejat sich von ihm los, geht nach Istanbul und übernimmt dort einen deutschen Buchladen.
Yeters Tochter Ayten (Nurgül Yesilçay) muss wegen ihrer linksaktivistischen Tätigkeit aus der Türkei nach Deutschland fliehen. Nach der vergeblichen Suche nach ihrer lange von ihr getrennten Mutter lernt sie die Studentin Lotte (Patrycia Ziolkowska) kennen und kommt im Hause von deren Mutter Susanne (Hanna Schygulla) unter. Die beiden jungen Frauen verlieben sich ineinander, doch Ayten wird bald von der Polizei aufgegriffen, abgeschoben und in Istanbul in ein Gefängnis gesteckt. Lotte folgt Ayten und will sie um jeden Preis aus der Haft herausholen, doch Ayten missbraucht sie für politische Zwecke: Lotte soll eine einst von Ayten versteckte Pistole an deren Genossen übergeben, wird während der Aktion jedoch von einem Straßenjungen erschossen.
Susanne kommt nach Istanbul und kommt als Untermieterin bei Nejat unter, in jenem Zimmer, das zuvor auch Lotte bewohnt hatte. Die beiden „Hinterbliebenen“ lernen sich kennen und verstehen. Susanne nimmt Kontakt zu Ayten auf und Nejat entscheidet sich, die Beziehung zu seinem mittlerweile ebenfalls zurück in der Türkei befindlichen Vater ins Reine zu bringen.

„Liebe, Tod und Teufel“ nennt Fatih Akin seine zwischen den Jahren 2004 und 2014 entstandene Trilogie um tragisch verlaufende Schicksale auf die eine oder Weise entwurzelter Menschen. Nach „Gegen die Wand“, vielleicht Akins bislang vollendetstem Meisterwerk, folgte mit „Crossing The Bridge“ zunächst eine Dokumentation über die vielgestaltige Musikszene Istanbuls (nebenbei jene Stadt, die beim Regisseur immer wieder selbst zu einem eminenten Narrativ wird) und dann mit „Auf der anderen Seite“ der mit „Tod“ überschriebene Mittelteil der späteren Anthologie.
In seinem insgesamt fünften Spielfilm entwirft der Altonaer wiederum ein in vielerlei Hinsicht komplexes Bild des auch seit Dekaden noch längst nicht ausgepegelten culture clash zwischen türkischen Migranten und Deutschstämmigen. Akins „Türken“ sind Wanderer zwischen den Welten, was auch den Titel des Films, der sich jeweils reziprok begreifen lässt, nachvollziehbar macht. Der Regisseur und Autor greift wiederum die Mehrakter-Struktur der griechischen Tragödie aus „Gegen die Wand“ auf, diesmal allerdings ohne musikalisch untermalenden Chor und „beschränkt“ auf drei, mehr oder weniger gleichberechtigt nebeneinander stehende Segmente, von denen die ersten beiden die Geschichten (und Tode) Yeters und Lottes behandeln und das letzte, das schließlich den Filmtitel für sich beansprucht, den Überlebenden Verständnis und somit Erlösung gönnt. „Auf der anderen Seite“ erinnert nicht zuletzt durch die Mitwirkung einer ungebrochen starken Hanna Schygulla an die (zunehmend politisierte) Phase des Neuen Deutschen Film der Spätsiebziger und weniger an Akins oftmals ruppigeres, grelleres Vorwerk. Vor allem der sich a priori aufdrängende Vergleich zu „Gegen die Wand“ fällt signifikant aus, zumal die oftmals herausgeschrieenen, herzzereißenden emotionalen Spitzen des um zwei in absoluten psychischen Grenzzuständen befindliche Menschen kreisenden Vorgängers in dem weitaus stilleren, um nicht zu sagen kontemplativeren „Auf der anderen Seite“ vermutlich auch unpassend erschienen. Man könnte dies auch als ein leichtes Einknicken der jauchzenderen, vitaleren Seite Akins eruieren, wollte man dem Film einen Vorwurf machen. Ich empfinde die atmosphärische Kehrtwende zur Ruhe hin eher als den gelungenen Versuch, andere Dramatiken zu erkunden und auszuleuchten.

9/10

US

„Who are you people?“ – „We’re Americans.“

Us (Wir) ~ USA/J 2019
Directed By: Jordan Peele

Der Sommerurlaub der vierköpfigen Familie Wilson im kalifornischen Santa Cruz bedeutet für Mutter Adelaide (Lupita Nyong’o) zugleich die Rückkehr in ein altes Vergangenheitstrauma: im Mai 1986, zur Zeit des „Hands Across America“-Charity-Events, stieß Adelaide als Kind in einem Spiegelkabinett des Freizeitparks am Strand von Santa Cruz auf eine exakte Doppelgängerin ihrer selbst, ein Erlebnis, das sie über längere Zeit apathisch und stumm zurückließ und von dem sie sich nur schwer erholte. Umso unwohler fühlt sie sich nun, da sie hierher zurückkehrt und würde am liebsten gleich wieder umkehren. Ein neuerlicher Ausflug in den Themenpark kostet Adelaide wiederum einiges an Nerven, da sie ihren Sohn Jason (Evan Alex) bereits kurz entführt glaubt. Doch es kommt noch viel schlimmer: Am Abend tauchen vier physiognomische, jedoch psychisch und geistig offenbar derangierte Ebenbilder der Wilsons in der Einfahrt ihres Sommerhauses auf und demonstrieren bald ihre gewalttätigen Absichten. Die Wilsons können sich zur Wehr setzen, doch der Albtraum betrifft nicht nur sie: Landesweit erscheinen überall ebenso gewaltbereite wie wahnsinnige Doppelgänger, die ihre Gegenstücke attackieren und hernach eine riesige Menschenkette bilden…

Der gegenwärtige, dystopisch gefärbte (Mainstream-)Horrorfilm transportiert politische und sozialkritische Dimensionen in einer Form, die dem Genre (mit Ausnahme von einzelnen Blitzlichtern wie „They Live“) seit den Achtzigern weitgehend abhanden gekommen zu sein schienen. Tragfähige Exempel dafür sind mittlerweile Legion: Jennifer Kents „The Babadook“ untersucht die psychologischen Erfordernisse des modernen Mutterdaseins, Jeremy Saulniers „Green Room“ exerziert die Auswüchse provinziellen Rassismus‘ durch, Fede Alvarez‘ „Don’t Breathe“ geht in die sozial desolierten Vorstädte, und die „The Purge“-Serie nimmt sich auf wenig subtile Weise der unterschwelligen Gewaltbereitschaft der Wohlstandsgesellschaft an.
Jordan Peele, dessen „Get Out“ bereits eine treffende Reflexion darüber bot, wie rigoros das weiße WASP-Establishment die afroamerikanische Kulturkraft anzapft und damit eine ganz moderne Form des privilegierten, rassistischen Parasitarismus lanciert, verleiht nun in „Us“ dem Subprekariat ein buchstäbliches Kollektivantlitz. Seine wiederum symbolträchtige Geschichte entwirft diesmal die (nicht immer ganz ausgegoren wirkende) Prämisse eine Langzeitexperiments der US-Regierung, in dessen Zuge von sämtlichen Bürgern der Staaten jeweils Klone erstellt wurde, die in einem unterirdisch ausgebauten Tunnelsystem ihr Dasein isoliert, weithin sich selbst überlassen und unter anarchischen Zuständen zu fristen haben. Ohne Sonnenlicht schlafen die Klone in Sälen mit Etagenbetten, erhalten Einheitskleidung, Wasser und Nahrung, die einzig und allein aus lebenden Stallkaninchen besteht. Mit der unfälligen Begegnung der kleinen Adelaide mit ihrem Gegenstück wird jedoch eine Kettenreaktion in Gang gesetzt, die rund 33 Jahre später eskaliert: Die Klone finden ihren Weg ins Freie und fordern ihr Recht ein, sich an die Plätze ihrer „normal“ lebenden Ebenbilder zu setzen. Darin eingebettet präserviert Peele zunächst ein klassisches Home-Invasion-Szenario, das im weiteren Verlauf mit den Versatzstücken des Zombiefilms (Flucht vor den „Besessenen“) hantiert, um dann ein paar mehr oder weniger sinnstiftende twists zu liefern. Dabei füttert Peele sein von ihm als popkulturbeflissen und diesbezüglich mündig vorausgesetztes Publikum mit diversen in-jokes und Reminiszenzen, die passabel bei Laune halten und zieht die Gewaltschraube nicht weiter an als unbedingt nötig. Zudem installiert er unzweideutige narrative Widerhaken als Reminder für ein potenzielles Sequel oder gar für ein kommendes Franchise, was in Anbetracht der eigentlich doch hinreichend auserzählten Geschichte um Adelaide und ihren Widerpart wiederum recht fragwürdig erscheint. Als Nachfolger zu „Get Out“ enttäuscht „Us“ somit nicht, schafft es andererseits jedoch auch ebensowenig, die Jordans Kinoerstling umspielende, rotzige Keckheit zu revitalisieren. So oder so: man freut sich bereits auf kommende Attraktionen dieses vielversprechenden Genre-Auteurs.

8/10

THE CATERED AFFAIR

„How could I be mad at what’s been my whole life and will be to the end?“

The Catered Affair (Mädchen ohne Mitgift) ~ USA 1956
Directed By: Richard Brooks

Als Jane Hurley (Debbie Reynolds), ihren Eltern Aggie (Bette Davis) und Tom (Ernest Borgnine) mitteilt, dass sie in Kürze ihren Verehrer, den Lehrer Ralph Halloran (Rod Taylor) zu heiraten gedenkt, geben diese ihrer Tochter bereitwillig den Segen. Auch Janes und Ralphs Wunsch, die Hochzeit in allerkleinstem kirchlichen Rahmen zu belassen, entsprechen Aggie und besonders Tom zunächst unumwunden, zumal Letzterer gerade plant, sein sauer Erspartes zu investieren, um sich als Taxifahrer endlich selbstständig machen zu können. Doch kaum, dass die Nachbarn anfangen zu tratschen, sieht sich Aggie in der Zwickmühle: Urplötzlich scheint alle Welt, mit Ausnahme von Tom und des Brautpaars selbst, eine feudale Hochzeitsfeier zu erwarten, deren Planung immer megalomanischere Züge annimmt und die droht, Toms gesamtes Geriebenes zu verschlingen. Eine Menge Konflikte und Einsichten sind nötig, um Aggie Vernunft einzubläuen und alles so bescheiden wie ursprünglich geplant durchführen zu können.

„Father Of Bride“, Bronx-Style. Diesmal musste – oder durfte – Richard Brooks im Zuge seiner zehnten Regiearbeit auf ein Drehbuch von Gore Vidal und Paddy Chayefsky zurückgreifen. Eine im Prinzip sehr „sichere Sache“ insbesondere in Bezug auf das analytische Sujet, denn gerade Chayefsky, für den wunderbaren„Marty“ just mit dem Oscar ausgezeichnet, bot als Chronist des New Yorker Arbeiterfamilienlebens absolutes Gardemaß. Insofern ist es auch kaum Zufall, dass wir neuerlich Ernest Borgnine als tragikomische Bronx-Figur kredenzt bekommen, eine Rolle, die er abermals vortrefflich sowohl physisch als auch psychologisch auszufüllen weiß. Überhaupt ist „The Catered Affair“ ein Film, der primär vom dedizierten Spiel seines Ensembles zehrt, seien es eine wunderbar und betont unglamouröse Bette Davis als einem nur scheinbar unerfüllten Lebensideal nachjagende Matriarchin, Barry Fitzgerald als ewig knötternder Onkel, der als eherner Junggeselle eine späte Liebe findet oder auch die grenzsatirisch porträtierten Bräutigamseltern Robert F. Simon und Madge Kennedy. Brooks nimmt seine Mise-en-scène angesichts soviel Power vor der Kamera wohlweislich zurück und zieht ein subtiles und gediegenes, um nicht zu sagen „theatralisches“ Ambiente vor, gerade so, wie es diesem sehr menschelnden, kaum einem Genre zuzuordnenden, sondern in den stark einzugrenzenden Kanon des „neorealistischen Hollywoodkinos“ einzupflegenden Film zupass kommt.

9/10

CRISIS

„Doctor, I’m sick!“

Crisis (Hexenkessel) ~ USA 1950
Directed By: Richard Brooks

Der geplante Erholungsurlaub in Lateinamerika wird für den renommierten Gehirnchirurgen Dr. Ferguson (Cary Grant) und seine Frau Helen (Paula Raymond) zu einem unerwarteten Spießrutenlauf: Der an einem Hirntumor leidende Juntachef und Diktator Raoul Farrago (José Ferrer) lädt das überrumpelte Ehepaar unfreiwillig zu sich ein, um Ferguson möglichst rasch die lebensnotwendige Operation durchführen zu lassen. Während Ferguson sich nur höchst widerwillig auf den komplizierten Eingriff vorbereitet, lässt der Konterrevolutionär Gonzales (Gilbert Roland) Helen kidnappen, um ihren Gatten dazu zu zwingen, den Despoten während der OP sterben zu lassen…

Nach einem bereits längeren Werdegang als Scriptautor legte Richard Brooks mit der MGM-Produktion „Crisis“ sein Regiedebüt vor, einen ersten Meilenstein in seiner fortan 35 Jahre und 24 Filme umfassenden Karriere als auteur. Nicht allein die Besetzung der Hauptrolle mit Cary Grant schlägt eine unverkennbare Brücke zum bisherigen Œuvre Alfred Hitchcocks, auch das Handlungsmotiv des unbescholtenen, unfreiwillig in ein mörderisches Komplott involvierten Bürgers erinnert sehr an die bevorzugten Topoi des Briten, so etwa an seinen „The Man Who Knew Too Much“. „Crisis“ bemüht allerdings noch eine zusätzliche moralische Dimension: Als Arzt ist Ferguson an den Hippokratischen Eid gebunden und somit an die berufliche Verpflichtung, jedes Leben ungleich anderweitiger Ressentiments zu beschützen und zu retten. Seine zu Recht erboste Reaktion auf die erzwungene Behandlung des zudem als Menschenschlächter berüchtigten Tyrannen steht demzufolge gleich von Beginn an im Widerstreit mit seinem professionellen Ethos. Alle Versuche, es Farrago und seinen Untergebenen möglichst schwer zu machen, erweisen sich als nutzlos, so dass Ferguson nach einigem Hin und Her schließlich doch die Atemmaske anlegen muss. Doch ist Brooks, auch wenn es zwischenzeitlich den entsprechenden Anschein macht, keinesfalls so naiv, sich eine tendenziöse Position zu gestatten; Farragos politische Widersacher, allen voran der sich liberal gebende Gonzales, entpuppen sich als um keinen Deut ehrbarer denn er selbst, sie bilden lediglich eine weitere Erbfolge in einer von vielen hoffnungslos instabilen Regionen des Kontinents. Eine überaus interessante Figurenzeichnung gelingt Brooks  in Bezug auf Isabel, die von Signe Hasso beeindruckend interpretierte Gattin Farragos, eine zu allem entschlossene, mutige und starke Frau, in der der längst mit autokratischem Größenwahn schwanger gehende Diktator seine vermutlich loyalste Weggefährtin anheim gestellt bekommt.

8/10

GEGEN DIE WAND

„Keinen Stress machen drinne, ja?“

Gegen die Wand ~ D/TR 2004
Directed By: Fatih Akin

Cahit (Birol Ünel) ist Deutschtürke, 40 und Alkoholiker. Mit seiner türkischen Identität hat er gebrochen und verkehrt stattdessen lieber in der autonomen Szene Altonas. Als er mit dem Wagen frontal und ungebremst gegen eine Wand rauscht, landet er in der Psychiatrie. Dort lernt er die ebenfalls suizidale Sibel (Sibel Kekilli) kennen, die unbedingt der Zwingburg ihrer Familie entkommen will und Cahit bittet, mit ihr eine Scheinehe einzugehen. Nach erstem Unverständnis geht Cahit schließlich auf den Vorschlag ein, ohne realisieren zu können, dass er sich tatsächlich in Sibel verliebt hat. Unfähig, sie zu halten, geschweige denn eine funktionale Beziehungsbasis mit ihr errichten zu können, erschlägt Cahit eines Abends im eifersüchtigen Affekt einen von Sibels Liebhabern und geht dafür ins Gefängnis. Sibel reist in die Türkei, arbeitet dort und verfällt in Depressionen und alte Verhaltensmuster. Nachdem Cahit entlassen wird und Sibel, die mittlerweile Mutter einer kleinen Tochter ist, in Istanbul besucht, scheitert ein letzter Versuch, sich nochmal mit ihr zusammzuraufen. Beide gehen endgültig getrennte Wege.

„I Feel You“: Ein schmerzhaftes, tieftrauriges, packendes und abgründiges Meisterwerk ist Fatih Akin da geglückt, bewundernswert vor allem seines hellsichtigen, übergreifenden Facettenreichtums und seiner strengen, an der griechischen Tragödie orientierten Form wegen.
„Gegen die Wand“ ist durchzogen von etlichen Themenkomplexen, die den Filmemacher als Deutschtürken und „Wanderer zwischen den Kulturen“, der von beiden reichlich gekostet hat, bewegen: Zum Ersten wäre da die Divergenz und Unvereinbarkeit des türkischen Konservativismus, der in Deutschland, in Hamburg, auf pralle westliche Urbanität trifft und die, die in die entsprechenden Felsspalten rutschen, gnadenlos zermalmt. Für Cahit ist „das Türkische“ in ihm gerade noch durch die Beherrschung der Sprache existent. Ansonsten ist er das, was man landläufig als alternden Punk bezeichnen möchte: Zynisch, verlottert, versoffen, immer kurz vorm Boden und psychisch schwer gezeichnet von den schmerzlichen Erfahrungen einer ersten, tief in ihm vergrabenen Ehe. Sibel hingegen besitzt eine prototypische Borderline-Persönlichkeit: Sie verwechselt Freiheit und Glück mit Promiskuität und durchfeierten Nächten und wenn ihr etwas gegen den Strich geht, schneidet sie sich gewohnheitsmäßig die Pulsadern auf. Den einzigen Weg, sich die ersehnte Unabhängigkeit zu verschaffen, wähnt sie ausgerechnet in der Scheinehe mit dem überrumpelten Cahit. Diese beiden schwer fragilen und im Prinzip bereits zertrümmerten Seelen finden und fangen sich in einer hochtoxischen Beziehung, die sich wegen des Unverständnisses und der Verblendung von Sibels Familie dann auch umgehend legalisieren lässt, freilich, ohne dass einer der beiden Teilnehmer auch nur im Mindesten der auf sie wartenden Aufgabe gewachsen ist. Wechselseitig fügen sie sich immer tiefere psychische Wunden zu, bis jede/r von ihnen seinen ganz persönlichen Supergau erlebt – Cahit landet wegen seiner ungebremsten Wut im Knast, Sibel führt bewusst eine Vergewaltigung mit beinahe erfolgreichem Totschlag herbei. Gewissermaßen erfahren die Zwei dadurch eine lang ersehnte Form der Läuterung und zumindest Sibel auch das nötige Maß an Mündigkeit und Vernunft, Cahit endgültig zu ent- und einer tradierten, für sie jedoch einzig möglichen Form der Existenz zuzusagen, auch, um künftig für ihr Kind da sein zu können. Ob es auch für ihn noch eine Art von Erlösung geben kann, lässt der Film offen.

10/10

THE PROFESSIONALS

„You bastard.“ – „Yes, Sir. In my case an accident of birth. But you, Sir, you’re a self-made man.“

The Professionals (Die gefürchteten Vier) ~ USA 1966
Directed By: Richard Brooks

Der reiche Rancher Grant (Ralph Bellamy) heuert vier Söldner unter dem Vorsitz des Strategen, ehemaligen Revolutionskämpfers und Villa-Sympathisanten Rico (Lee Marvin) an, seine gekidnappte Frau Maria (Claudia Cardinale) aus den Händen des mexikanischen Rebellen Jesus Raza (Jack Palance) zu befreien. Auch Ricos drei mit angeheuerte Kollegen sind jeweils Experten auf ihrem Gebiet: Für das Dynamit und seinen möglichst effektiven Gebrauch ist der charmante Lebemann und Womanizer Dolworth (Burt Lancaster) zuständig, der melancholische Ehrengart (Robert Ryan) ist Pferde-Profi und der wortkarge Sharp (Woody Strode) eine Koryphäeim Gebrauch von Waffen aller Art. Bis zu Razas Versteck, einer verfallen Hazienda jenseits der Grenze, dringen die Vier relativ problemlos vor – im Versteck des vermeintlichen Kidnappers angekommen, erleben sie jedoch eine unvorhersehbare Überraschung, die sie alle nach und nach die moralische Rechtmäßigkeit ihrer Mission überdenken lässt.

Für Richard Brooks‘ besten, zweiten (und somit mittleren von insgesamt drei) Western „The Professionals“ gilt: nomen est omen. Durchweg exzellent in der Ausführung ist Brooks ein handwerlich perfekter Genrebeitrag vor dem in den späten Sechzigern auch infolge der italienischen Ableger beliebten Hintergrund der mexikanischen Revolution gelungen, der mit Fug und Recht zu seinen besten Regiearbeiten gezählt werden muss. Die Prämisse, vier absolute, nicht mehr ganz junge, einsame Profis, Söldner natürlich, denen mittlerweile nurmehr Geld das abgeklärte Leben verschönern kann, auf eine Reise zu schicken, an deren Ziel sie mit ihren vormaligen (falschen) Idealen gebrochen haben werden, ist motivgeschichtlich gewiss betagt, was aber nichts am herben, zuweilen rustikalen Charme dieses ausgesprochenen Männerfilms ändert. Speziell das Protagonisten-Quartett bürgt für höchste Einsatzfreude: Lancaster bleckt, trotz zwischenzeitlicher Visconti-Erfahrung und inmitten allerlei sehr existenschwer beladener Rollen, nochmal die Kauleisten wie zu seligen „Crimson Pirate“-Zeiten (freilich mit pausenlosem Rauchwerksgenuss), Marvin, der als Leiter und Anführer des Kommandounternehmens wie stets cool as cool can ist, der imposante, einmal mehr eine unglaubliche Dignität an den Tag legende Strode und schließlich der – gemessen an manch lauter und böser Schurkenrolle von einst („The Naked Spur“, „Bad Day At Black Rock“) – geradezu betreten leise Ryan bilden ein vorzügliches Action-Kleeblatt. Dazu die sepiafarbene Prärie in feinster Breitwand und Technicolor (Conrad Hall) voller magic hours, dusks und dawns und Maurice Jarres Klänge, die dem von den umliegenden Lean-Epen akustisch verwöhnten Betrachtergehör einige Déjà-écoutaits bescheren – alles von vorn bis hinten von einer traumwandlerischen Perfektion und cineastischem Hochgefühl, von Luxus und Erhabenheit gesäumt, wie man sie heute in solch altehrwürdiger Form nicht mehr antrifft.

10/10