NUEVO ORDEN

Zitat entfällt.

Nuevo Orden (New Order – Die neue Weltordnung) ~ MEX/F 2020
Directed By: Michel Franco

Just am Tage von Mariannes (Naian González Norvind) glamourös arrangierter Hochzeit probt das mexikanische Prekariat den landesweiten Aufstand: Schwer bewwaffnet und mit grüner Sprühfarbe ausgestattet greifen die Millionen von indigenen Armen die schwerreiche, vornehmlich europäischstämmige Oberschicht an, plündern und schrecken auch vor Mord nicht zurück. Das Militär nutzt derweil die Unruhen, um im Hintergrund kurzerhand eine Diktatur zu installieren, zu mordet und zu kidnappen. Ausgerechnet Mariannes soziales Gewissen wird ihr zum Verhängnis: Um der schwerkranken Frau (Analy Castro) ihres früheren Hausangestellten Rolando (Eligio Meléndez) eine lebensnotwendige Herzoperation zu ermöglichen, verlässt sie das Haus und gerät über Umwege in die Fänge der Junta. Mariannes mittlerweile in trügerischer Sicherheit befindliche, ahnungslose Familie erhält eine erpresserische Nachricht, zieht jedoch die völlig falschen Schlüsse…

Michel Francos dystopisches Drama rührte sein globales, vor allem jedoch das mexikanische Publikum in mannigfaltiger Weise an, wobei die ungerührt-trockene, teils dokumentarisch anmutende Inszenierung nicht selten für Verwirrung sorgte: Francos oberflächlich anmutender Verzicht auf jedweden politischen Kommentar riss diverse ZuschauerInnen dazu hin, „Nuevo Orden“ als neoliberales, rassistisches Manifest zu erachten, als warnenden Weckruf für die hellhäutigen Reichen, auf der Hut zu sein vor all dem, was im Lande außerhalb ihrer elitären alltäglichen Wahrnehmung so an Gefährdendem vor sich hin brodelt. Natürlich zielt eine derart plumpe Lesart im weiten Bogen an Francos tatsächlicher Agenda vorbei. Gewiss, sein von betonter narrativer Nüchternheit geprägter, bewusst spannungsarmer und dadurch doch nur umso realitätsnäherer Albtraum birgt tendenziöse Strickmuster, diese sind jedoch nicht mehr oder weniger als die unumwundene Spiegelung der realen Zustände. Der Mexiko prägende gesellschaftliche Separatismus indiziert einen immens fragilen sozialen Makrokosmos – eine „Mittelschicht“ ist dort noch weniger vorhanden als etwa in den Staaten der EU, Arm und Reich bilden klar voneinander abgegrenzte Fronten, die sich zudem durch ihre jeweilige ethnische Basis kennzeichnen. Hinzu kommen die organisierte Kriminalität mitsamt ihren filigran errichteten Hierarchien und ihrer immensen Gewaltbereitschaft sowie korrupte Staatsgewalten. Das von rund 130 Millionen Menschen bewohnte Land entspricht einem potenziellen Pulverfass und Michel Franco zeigt mittels knapper Erzählzeit lediglich eine mögliche Explosionsoption auf. Moralinsäure oder gar den erhobenen Zeigefinger erspart er sich dabei entgegen allen anderslautenden Unkenrufen; die in „Nuevo Orden“ geschilderten Ereignisse stehen vielmehr da als die grausigen, aber logischen Kausalauswüchse sich sukzessive selbst abschaffender sozialer Gerechtigkeit.

8/10

MALIGNANT

„It’s time to cut out the cancer.“

Malignant ~ USA/CH 2021
Directed By: James Wan

Die jüngste Attacke ihres gewalttätigen Ehemanns Derek (Jake Abel) endet für die schwangere Madison Mitchell (Annabelle Wallis) mit einer blutigen Wunde am Hinterkopf. In der darauffolgenden Nacht erscheint ein seltsam verformter Eindringling im Haus der Mitchells, schlachtet Derek förmlich und bedroht auch die panische Madison. Diese erwacht später im Krankenhaus, nachdem sie abermals eine Fehlgeburt erleiden musste. Kurz darauf sterben mehrere betagte MedizinerInnen in Seattle eines ähnlich bestialischen Todes wie Derek. Die beiden Detectives Kekoa Shaw (George Young) und Regina Moss (Michole Briana White) verdächtigen Madison, doch sie und ihre Schwester Sydney (Maddie Hasson) beteuern vehement ihre Unschuld. Sowohl Sydneys Nachforschungen als auch die der beiden Cops fördern schließlich Unfassbares zu Tage: Madison, die einst von Sydneys Eltern adoptiert wurde, war vor rund dreißig Jahren als Patientin in der mittlerweile geschlossenen „Simion-Klinik“. Sie selbst kann sich an diese Zeit nicht mehr erinnern, sehr wohl jedoch daran, dass ein merkwürdiger imaginärer Begleiter namens Gabriel sie zu bösartigen Tatigen anstiftete…

James Wans „Aquaman“-Nachfolger führt den Regisseur wieder zurück auf die wohlvertrauten Pfade des veritablen Genrefilms, wobei der ja auch vielfach als Produzent umtriebige Filmemacher in rein stilistischer Hinsicht eine große rückgewandte Klammer bis hin zu seiner frühen Arbeit „Saw“ vollzieht. Ansonsten referenziert der stets fesch frisierte Wan eine Vielzahl offenbar prägender Motive und Topoi der Gattung, die irgendwo bei William Castle beginnt und ihre turbulente Reise quer durch das Werk von De Palma, Argento, Henenlotter und Cronenberg fortsetzt, bis sie eben irgendwann wieder bei Wan selbst mündet. Die angebliche Originalität, die diverse Reviews, die ich mittlerweile gelesen habe, „Malignant“ bescheinigen, treffen somit de facto kein bisschen zu und fußen offenkundig auf mangelnder Auseinandersetzung der betreffenden AutorInnen mit der Horrorfilm-Historie. Der parasitäre Zwilling Gabriel, dessen letzte physische Relikte sich in Madisons auffallend dicht beschopfter Hinterkopfregion befinden, geriert sich zweifelsohne als Hommage an seine „siamesischen“ Ahnen Dominique Breton oder Belial Bradley, die ihren diabolischen Einfluss auf ihre öffentlich sichtbaren Zwillinge auszuspielen pflegten und mithilfe von deren fragilem Geist und Körpern ihr finsteres Werk vollzogen. Vor allem die (hier in Form dokumentarischer VHS-Aufnahmen), entschlüsselnden Rückblenden und Gabriels Rachefeldzug an den verantwortlichen ChirurgInnen erweisen sich als eindeutige „Basket Case“-Reverenz in natürlich tricktechnisch wesentlich modernerer und budgetintensiverer Form – wie es überhaupt ein wenig verwundert, dass Warner und New Line Wans eigentlich im Indiehorror der härteren Gangart verwurzelten Stoff offenbar durchwunken ohne ihn Federn lassen zu lassen. Eine Vielzahl chinesischer Koproduzenten und vor allem die Superhelden machten’s wohl möglich, wobei ja auch der irrwischende Gabriel nicht wenig von einer metawesenhaften Entität besitzt. Wan scheut sich zudem kaum, allerlei campige Elemente durchzudeklinieren, die besonders zum Ende hin akut werden. Die Szenen, in der Madison/Gabriel in einer Frauengefängniszelle voller asozialem, lesbischen Weibsvolk (Anführerin: Zoë Bell) landen und hernach, natürlich bis aufs Blut gereizt, zunächst darin aufräumen, um dann noch das ganze dazugehörige Polizeirevier zu entvölkern, muss den ehedem monetär eingeschränkten Exploitationfilmern der Siebziger wie ein wahr gewordener, feuchter Traum anmuten. Dennoch sollte man „Malignant“ nicht grenzenlos hochjubeln. Er fühlt sich en gros und trotz seiner ellenlangen Inspirationsketten frisch, wild und spaßig an, das unterschwellige Gefühl, dass er diesem ersten Eindruck auf Dauer nicht wird standhalten können, mischt sich allerdings schon jetzt latent hinzu, ebenso wie die etwas schal anmutende Registrierung der Tatache, dass der geschäftstüchtige Wan quasi bereits die Sequeloption allzu eklatant ab Werk mit eingebaut hat. Es wird sich erweisen müssen, was dereinst von „Malignant“ übrigbleibt.

7/10

MOST DANGEROUS GAME

„Give me your hand, my friend.“

Most Dangerous Game ~ USA 2020
Directed By: Phil Abraham

Der junge Detroiter Ehemann und werdende Vater Dodge Tynes (Liam Hemsworth) ist nicht nur hochverschuldet, sondern muss eines Tages zudem erfahren, dass er an einem inoperablen Hirntumor leidet. Die ihm durch einen Krankenpfleger überreichte Kontaktkarte eines karitativen Unternehmens für Unversicherte namens „Tiro Found“ führt Dodge zu dessen Geschäftsführer Miles Sellars (Christoph Waltz). Dieser offeriert dem Verzweifelten ein überraschendes Angebot: Wenn es Dodge gelingt, fünf Menschenjägern vierundzwanzig Stunden lang auf dem Stadtterrain zu entgehen, wird er Multimillionär – im Falle seines Ablebens würden zumindest Dodges Frau Val (Sarah Gadon) und ihr ungeborener Sohn von der bis dahin von ihm „erwirtschafteten“ Summe profitieren. Nach seiner ersten Empörung und einigem Überlegen geht Dodge auf Sellars‘ Angebot ein…

Die jüngste Adaption von Richard Connells klassischer, gleichnamiger Kurzgeschichte erlebte ihre Premiere vor rund eineinhalb Jahren in Form einer aus fünfzehn Siebenminütern bestehenden Webserie beim bald rasch wieder stillgelegten Portal Quibi. Gesehen habe ich allerdings den auf Spielfilmlänge und -format montierten Zusammenschnitt des Ganzen, der der uneigentlichen Form dann auch nicht immer zur Gänze gerecht wird und dem bereits so häufig variierten Manhunt-Topos keinerlei frische Impulse hinzuzusetzen vermag. Regisseur Abrahams und sein Autor Nick Santora versuchen allenthalben zwar, eine wohlfeile Portion Sozialkritik unterzumischen, diese bleibt jedoch bloßer Zierrat und verliert sich ebenso häufig wie sie aufblitzt wieder in der völlig konventionellen Dramaturgie. Der Einfall, die Jagd in einer modernen Großstadt anzusiedeln, geht zwar in Ordnung und bietet zudem pittoreske set pieces, muss jedoch vor den Querelen mangelhaft ausgearbeiteter Logik nicht selten die Waffen strecken. Das zweifellos überschaubare Budget und die ja für ihre Häppchenform aufbereitete Dramaturgie sorgen schließlich dafür, dass „Most Dangerous Game“ (warum der ursprünglich vorangehende, bestimmte Artikel ausgespart wurde, erschließt sich nicht) im Ganzen geradezu unfilmisch und daraus resultierend auch unbefriedigend im Gedächtnis bleibt. Schließlich die Besetzung: Liam Hemsworth gelingt es zu keiner Sekunde, die Verzweiflung eines Todgeweihten im Angesicht groben Schabernacks überzeugend zu transportieren; er spielt – in Ermangelung weniger klischeebehafteter Attribuierung – schlicht hölzern, derweil Waltz als Strippenzieher im Hintergrund den charismatischen Diabolus wie gewohnt auf Autopilot darbietet. Da er selbiges allerdings nach wie vor wunderbar beherrscht, gehen Waltz‘ Auftritte zumindest für ein seiner noch nicht überdrüssiges Publikum in Ordnung. Das Übrige mag man sich schenken – oder auch nicht.

4/10

ANYTHING FOR JACKSON

„A mother’s a mother…“

Anything For Jackson ~ USA 2020
Directed By: Justin G. Dyck

Um seinen bei einem Autounfall zu Tode gekommenen, kleinen Enkelsohn Jackson (Daxton William Lund) zurück ins Leben zu holen, sucht das ansonsten durchaus liebenswerte, ältere Ehepaar Audrey (Sheila McCarthy) und Henry Walsh (Julian Richings) in seiner Verzweiflung Hilfe in satanischen Praktiken. Henry ist zudem Gynäkologe und betreut als Patientin die partnerlose, werdende Mutter Shannon Becker (Konstantina Mantelos), deren Leibesfrucht das ideale Gefäß für Jacksons Wiederkehr bietet. Also entwickeln die Walshs einen großangelegten Plan für ein passendes Beschwörungsritual, kidnappen Shannon und fesseln sie in einem schallisolierten Raum ihres Hauses ans Bett. Doch die hernach eingeleitete Prozedur entpuppt sich als Rechnung ohne Wirt: Mit Jacksons Geist und dem behelfsweise angerufenen Dämon bahnen sich nämlich noch einige andere Wesen aus dem Zwischenreich ihren Weg ins Haus der Walshs, die nicht allerbester Laune sind. Zudem duldet der Dämon keinerlei Störungen durch Außenstehende. Da alles nicht so ganz wie versprochen läuft, suchen die Walshs Hilfe bei dem Nachwuchssatanisten Ian (Josh Cruddas) – ihr letzter Fehler.

Ein Blick in das bisherige Œuvre von Regisseurs Justin G. Dyck ernüchtert dann doch etwas: Der Mann hat mit Ausnahme des vorliegenden Horrorjuwels ausschließlich und wie am Fließband Familienspäße und Adaptionen von RomCom-Geschichten des Groschenroman-Publishers „Harlequin“ inszeniert, darunter eine ganze Reihe (mutmaßlich ziemlich) kitschiger (augenscheinlich jedoch recht beliebter) Weihnachtsfilme fürs kanadische Kabelfernsehen.
Dass ausgerechnet aus dem zementgleichen Schaffen eines solchen Herrn eine schwarze Blume wie „Anything For Jackson“ hervorsprießt, verwundert da nicht wenig. Dyck und sein Autor Keith Cooper haben sich da offenbar lustvoll von ihrer (teilweise gemeinsamen) üblichen Profession freigeschärlt, um etwas ihrer „regulären“ Arbeit gänzlich Diametrales entgegenzusetzen – mit verdientem Erfolg. „Anything For Jackson“ erzählt sein winterliches Teufelsmärchen geradezu unaufgeregt und mit immer wieder aufblitzendem, sanftem Humor, der ebenso schwarz wie subtil um die Ecken lugt. Dass der Stoff im Prinzip knallharte Genrekost bietet, lässt der visuell vergleichsweise zurückhaltende Film dabei allerdings nie außer Acht und geht seinen Weg unbarmherzig bis zum bösen Ende. Erfrischend fand ich dabei die Observierung kleinstädtischer satanistischer Subkultur, der „Anything For Jackson“ eine Mini-Milieustudie spendiert: Die Walshs sind, natürlich einzig wegen ihrer persönlichen Agenda, Mitglieder in einer lokalen „Church Of Satan“, die ihre Messen im Hinterzimmer der hiesigen Bibliothek abhalten und die ansonsten aus eher gelangweilt scheinenden Außenseitern zu bestehen scheint – mit Ausnahme des später bemüßigten Ian, eines verschrobenen, Black Metal hörenden Muttersöhnchens, das den vermeintlichen Mummenschanz im Gegensatz zu den anderen jedoch ziemlich ernst nimmt.
Wo üblicherweise unbedarfte Teenager mit Ouija-Brettern hantieren, beschwört in „Anything For Jackson“ nun ein gesetztes, gesellschaftlich sehr respektables Ehepaar eine höllische Heerschar herauf. Der Endeffekt ist allerdings ähnlich und wohl nicht erst seit Goethe stets derselbe. Wie die eigentlich doch wohlmeinenden Walshs dann von Geistern und vor allem einem sich in letzter Instanz manifestierenden, unförmigem Dämon heimgesucht werden, das erzählen Dyck und Cooper absolut gekonnt, ideenreich und einwandfrei – und drehen lahmarschigen, aber sehr viel teureren 08/15-Studio-Produktionen wie etwa dem jünsten „Conjuring“-Sequel zugleich eine lange Nase.

8/10

THE REINCARNATION OF PETER PROUD

„Most people in this world don’t even know who they are – and you wanna know who you were!“

The Reincarnation Of Peter Proud (Die Re-Inkarnation des Peter Proud) ~ USA 1975
Directed By: J. Lee Thompson

Der College-Professor Peter Proud (Michael Sarrazin) wird von bizarren Träumen heimgesucht, in denen er, im Körper eines anderen Mannes (Tony Stephano) steckend, offenbar Jahrzehnte zuvor im Oldtimer durch irgendeine neuenglische Stadt braust, mit verschiedenen Frauen Sex hat und schließlich von einer von ihnen, einer gewisse Marcia (Margot Kidder), während eines nächtlichen Schwimmgangs mit einem Bootsruder erschlagen wird. Da diese Schlaferlebnisse immer intensiver werden, ihn nicht loslassen und Peter sogar beginnt, im Schlaf mit einer fremden Stimme zu sprechen, sucht er sich prfessionelle Unterstützung unter anderem bei dem PSI-Forscher Samuel Goodman (Paul Hecht), der zwar ein offenes Ohr für Peters Nöte hat, ihm jedoch auch keine wirkliche Hilfe ist. Ein Fernsehbericht über Massachusetts liefert schließlich nähere Hinweise: Peter erkennt darin Gebäude aus seinen Träumen wieder. Deren reale Entsprechung findet er nach intensiver Suche vor Ort schließlich in dem Städtchen Massachusetts, das ihm dann auch den unheimlichen Rest offenbart: In Peters Seele hat sich der Geist des vor rund dreißig Jahren von seiner Gattin ermordeten Jeff Curtis eingenistet. Als Peter sowohl dessen Witwe Marcia als auch Curtis‘ Tochter Ann (Jennifer O’Neill) kennenlernt, bahnt sich ein Drama an…

Auf den Spuren von Hitchcock und zugleich ironischerweise den Hitchcocks Motive später wiederum vielfach aufgreifenden De Palma antizipierend wandelt „The Reincarnation Of Peter Proud“, einer der letzten Filme mit phantastischem Überbau des wie gewohnt bunt genreübergreifend arbeitenden J. Lee Thompson. Der um die obsessive Aufdeckung eines Wiedergänger-Mysteriums kreisende „Vertigo“-Topos spiegelt sich darin, variiert und auf nicht unspannende Weise alterniert: Diesmal findet der von seiner Suche zunehmend Besessene nicht die Doppelgänger-Entsprechung einer (durch ein Komplott) zu Tode gekommenen Liebschaft, sondern eine vormals von ihm selbst gelebten Existenz. Da wir uns im Horror-/Thriller-Fach bewegen, spielt auch in Peter Prouds dramatische Geschichte ein ungeklärter und vor allem ungesühnter Mordfall hinein, wenngleich ohne solch geschickte Verschleierungstaktiken wie im großen Vorbild.
Peters Suche nach seinem früheren Ich gestaltet sich zunächst dennoch ebenso assoziativ und zufallsabhängig wie die von Scottie Ferguson nach „seiner“ Madeleine; es erfordert eine Menge investigativer Aufwändungen, darunter eine Reise einmal quer über den Kontinent, vom sonnigen Kalifornien geradewegs in die Heimstatt des ehernen Puritanismus, um Konkretes über das vormals gelebte Leben des Jeff Curtis zu erfahren. Pikant wird es schließlich, als Peter sich in Curtis‘ und damit zumindest im metaphysischen Sinne zugleich in die eigene Tocher verliebt, mit ihr schläft und sie schließlich heiraten will; ein unheiliges, inzestuöses und moralisch unmögliches Band wird geknüpft. Was nicht sein darf, geschieht – und wiederum nicht ohne kosmische Konsequenz. De Palma untersuchte das Ganze nur ein Jahr später mehr oder weniger repetitiv auf ähnliche Weise in seinem – allerdings sehr viel kunstvoller, barocker und komplexer inszenierten – „Obsession“. Freilich schläft das Karma als universeller Rechtssprecher, womit wir nebenbei erneut bei Hitchcock wären, auch in „The Reincarnation Of Peter Proud“ nicht: In seinem Bestreben, den unseligen Geist des zu Lebzeiten promisken Ehebrechers und Erbschleichers Jeff Curtis ein für allemal loszuwerden, sucht Peter sämtliche Orte aus seinen Träumen auf, woraufhin diese ihn dann nicht länger heimsuchen. Als er mit jenem Ansinnen jedoch Curtis‘ verhängnisvolle Schwimmaktion nachstellt, ist die psychisch labile Marcia, die längst geblickt hat, dass der einst von ihr ermordete Jeff sie gewissermaßen in Peters Körper heimsucht und ihn nunmehr für die Blutschande an der gemeinsamen Tochter zu bestrafen trachtet, nicht fern. Der Schicksalskreis schließt sich unvermeidlich und der Rezipient wird hernach mit einem schön abgründigen Finale ins große Sinnieren entlassen.
Dass die Kidder drei Jahre zuvor in De Palmas „Sisters“ gespielt hatte und der Scriptautor Ehrlich sich den Vornamen mit „Homo Faber“-Autor Max Frisch teilt, sind übrigens bloß reine Koinzidenzen.

7/10

EYE OF THE DEVIL

„Am I seeking, or am I being sought?“

Eye Of The Devil (Die schwarze 13) ~ UK 1966
Directed By: J. Lee Thompson

Eines Abends erhält der glücklich mit Frau Catherine (Deborah Kerr) und den beiden Kindern Jacques (Robert Duncan) und Antoinette (Suky Appleby) in Paris lebende Weinberg-Besitzer Philippe de Montfaucon (David Niven) eine Nachricht, auf die er bereits seit längerem vorbereitet scheint: Er muss unverzüglich auf sein Familiengut Bellenac zurückkehren, da es dort bereits drei Missernten in Folge gab. Obwohl Philippe auf die Begleitung seiner Familie verzichten möchte, reisen Catherine und die Kinder ihm wenig später hinterher. Auf dem feudalen Schloss Bellenac, das findet Catherine rasch heraus, geht jedoch einiges nicht mit rechten Dingen zu: Das scheinbar allgegenwärtige, blonde Bruder-(David Hemmings) Schwester-(Sharon Tate) Paar de Caray benimmt sich mehr als sonderbar, nachts treffen sich Männer in schwarzen Kutten zu seltsamen Ritualen, der Geistliche Vater Dominic (Donald Pleasence) hat offenkundig ein Schräubchen locker, ein verwitterter, älter Herr (Emlyn Williams) rät Catherine, schnellstmöglich mit den Kindern zu verschwinden und Philippes ewig bedrückte Tante Estelle (Flora Robson) will ihr Wissen nicht mit der zusehends verzweifelnden Ehegattin teilen. Die Wahrheit entpuppt sich schließlich als ebenso grauenhaft wie unvermeidlich.

Menschenopfer und Sektenkult sind ja spätestens seit Ari Asters „Midsommar“ wieder ein gern aufgegriffenes Sujet im Horrorkino; ein recht früher Vertreter des Subgenres, noch vor Robin Hardys „The Wicker Man“, ist diese von J. Lee Thompson inszenierte Romanadaption nach Robin Estridge. Darin muss sich Deborah Kerr nach Jack Claytons „The Innocents“ abermals als auf sich ganz allein gestellte Frau mittlerer Jahre mit (zunächst) unerklärlichen Geschehnissen auf einem abgelegenen, adligen Landsitz auseinandersetzen, wobei sich deren Entschlüsselung im vorliegenden Fall jedoch mitnichten als die möglichen Phantastereien einer überspannten, sexuell unausgeglichenen Altjungfer entpuppen. Vielmehr steckt eine von den Provinzlern vor Ort bereits seit Jahrhunderten praktizierte, unaussprechliche Tradition zwischen Paganismus und Satanismus dahinter, die im Falle ausbleibender ökologischer Fruchtbarkeit die Selbstopferung des amtierenden Feudalherrn fordert. Dem jeweiligen Marquis de Bellenac ist diese eherne Verpflichtung bereits von Kindesbeinen an vertraut und anerzogen und wird von dem gesamten „Quasi-Hofstaat“ inklusive Gendarm (Ernest Clark) und Hausarzt (John Le Mesurier) mitgetragen. Analog zu der zwischenzeitlich in schwebende Belladonna-Rauschzustände versetzten Catherine wird diese Ungeheuerlichkeit auch für den Zuschauer nur allmählich zur dräuenden Gewissheit und damit auch zu einem gesetzten Umstand, der durch nichts und niemanden aufzuhalten ist. Den ganz großen Schocker bildet „Eye Of The Devil“, der, passend zum Opferungsritual zunächst „13“ geheißen hat, dabei nicht. Seiner teils bereits arrivierten britischen Besetzung gemäß gibt es eher ein gotisch ausgeprägtes Schauerdrama, in dem ein subtiler Diabolismus zwar omnipräsent ist, sich jedoch weniger in offen praktizierter Aktion denn im verschwiegenen Fanatismus nahezu aller Beteiligten äußert. Die stets formidable Kerr kann man wie gehabt nie genug loben und auch David Niven, den zumindest ich noch immer eher mit spitzfindigen Komödien assoziiere, ist überraschend gut als sich seiner unweigerlichen Determinierung fügender Adliger, der ob der Gewissheit seines näherrückenden Schicksals langsam in den Wahnsinn abdriftet. Sharon Tate, schon damals eine unglaublich auratische Frau, die auch super als hypnotisierende Teufelsgespielin durchgeht, lässt sich in ihrer ersten kreditierten Rolle zu bewundern und auch sonst passt besetzungsmäßig alles. Thompson genehmigt sich manch inszenatorisches Kabinettstückchen und wilde Montageaktion, wie sie 1966, als Englands Kultur bereits gehörig swingte, schon durchaus akzeptiert werden konnte. Dank seiner Könnerschaft sorgt der zwischenzeitlich allzu behäbige Charakter der ganzen Veranstaltung auch nie für ein etwaiges Abgleiten in die Langeweile.

7/10

SEEKING JUSTICE

„The hungry rabbit jumps.“

Seeking Justice (Pakt der Rache) ~ USA 2011
Directed By: Roger Donaldson

Will Gerard (Nicolas Cage) ist Englischlehrer an der Rampart High in New Orleans und glücklich verheiratet mit der schönen Musikerin Laura (January Jones). Den fortschreitenden Absturz der schönen Stadt in die Kriminalität registriert Will eher beiläufig – bis zu dem schicksalhaften Abend, als Laura vergewaltigt und schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert wird. Dort taucht bald auch ein mysteriöser Unbekannter (Guy Pearce) auf, der sich Will als „Simon“ vorstellt und ihm das Angebot unterbreitet, den Missetäter (Alex Van) seiner privaten Justiz auszuliefern und diesen somit ohne den ordentlichen Rechtsweg kurzerhand zu exekutieren. Im Gegenzug würde Will irgendwann um einen kleineren Gefallen gebeten. Der emotional aufgewühlte Ehemann willigt zaghaft ein und erhält tatsächlich bald die Nachricht vom Tode des Vergewaltigers. Es dauert nicht lang, bis sich Simon wieder meldet und Will mit der Observierung und schließlich der Ermordung des angeblichen Kinderpornographen Alan Marsh (Jason Davis) zu beauftragen. Der verzweifelte Will weigert sich zunächst, doch Simons Mittel und Wege, sich Menschen gefügig zu machen sind überaus perfid. Als Will Marsh zu konfrontieren versucht, stirbt dieser durch einen selbstverursachten Unfall. Will findet heraus, dass Marsh mitnichten ein Krimineller war, sondern ein investigativer Journalist, der Simons Vigilantenzirkel auf die Spur gekommen ist…

Um es gleich vorwegzunehmen: „Seeking Justice“ empfand ich als die schwächsten Arbeit innerhalb meiner kleinen Roger-Donaldson-Werkschau. Zwar konnte der Filmemacher sich nunmehr rühmen, dass auch Nicolas Cage sich der stattlichen Galerie seiner vielen leading men anschloss, dass dieser aber um 2011 herum bereits längst sein letztes Karrierehoch hinter sich gelassen hatte und vornehmlich in eher halbseidenen Filmen auftrat, passt zugleich zum brüchigen Gesamteindruck des Werks. Darin spielt Cage eine Figur von klassisch-hitchcock’schem Format, einen aufrechten Bürger, der infolge eines moralischen Fehltritts im angreifbarsten aller Momente unversehens in ein Wespennest gerät, das schließlich ihn und seine gesamte Existenz zu verzehren droht. Die Grundkonstellation ist dabei ein wenig an die von „Strangers On A Train“ angelehnt, verlagert sich dann jedoch rasch auf den Topos der völlig entfesselten, übergebührlich agierenden Bürgerwehr, deren Initiator Eugene Cook alias „Simon“ auf seinem Feldzug längst der eigenen Hybris erlegen und zum Faschisten avanciert ist. Dies wiederum hat zur Folge, dass nicht nur durch die Maschen der Gerichtsbarkeit geschlüpfte Gewaltverbrecher sterben müssen, sondern jede/r, der Cooks Organisation durch Aufdeckung oder Verrat gefährlich werden könnte.
Die Idee einer sich auf verhängnisvolle Weise verselbstständigenden Parajustiz ist natürlich nicht neu und zieht sich auch nicht erst durch das Genre, seit Harry Callahan in „Magnum Force“ bereits 38 Jahre vor „Seeking Justice“ einigen metaexekutiv zu Werke gehenden Polizeikollegen die Leviten zu lesen hatte. Nun ist Will Gerard kein reaktionärer Cop, sondern ein Poesie und Grammatik zugetaner Feingeist, der sich und seine Frau aus der zumindest teilverschuldeten Schlinge retten muss. Dass die Tentakel von Cooks Vigilantenzirkel bereits wesentlich weiter greifen als es zunächst den Anschein hat, legt sich das Script von „Seeking Justice“ selbst als clevere Enthüllung im Stil von „Fight Club“ aus, nur dass sämtliche Beteiligten bzw. Eingeweihten statt eines blauen Auges die Kenntnis der Geheimparole vorweisen können. Damit – und nicht nur damit – schneidet sich der formal mit der üblichen Sorgfalt gestaltete und nichtmal unspannende Film jedoch tief ins eigene Fleisch und demontiert sein Konzept zu großen Teilen selbst. Durch die nämlich bis in höchste gesellschaftliche Institutionen fortgeschrittene Partizipierung hoher gesellschaftlicher Institutionen – ein Police-Lieutenant (Xander Berkeley) gehört dazu, ein Chefredakteur (Mike Pniewski) und sogar Wills bester Freund und Schulrektor Jimmy (Harold Perrineau) – hat sich die so bitter befürchtete Sicherheit von Cooks Geheimorganisation längst selbst rissig gemacht und führt sich der gesamte Film somit ad absurdum. Die Folge davon ist, dass „Seeking Justice“ sich den eigenen Teppich unter den Füßen wegreißt; eine empfindliche Störung jedweder Logik und Kausalität, die sich, gerade unter Inbetrachtziehung eines Regisseurs, der sehr genau weiß, was er wie zu inszenieren hat, auch nicht durch einen etwaig gewähnten Status als „Pocornkino“, „guilty pleasure“ oder Befleißigung ähnlichen Behelfsvokabulars apologisieren lässt.
„Seeking Justice“ wird für mich somit primär als redundante Verschwendung von Talent im Gedächtnis bleiben.

5/10

OUT OF TIME

„485 grand… can I touch it?“

Out Of Time ~ USA 2003
Directed By: Carl Franklin

Matthias „Matt“ Whitlock (Denzel Washington) ist Police Chief von Banyan, einer der Florida Keys. Mit seiner Noch-Frau Alex (Eva Mendes), frisch zum Detective beim Morddezernat befördert, lebt er in Scheidung, derweil er eine größenteils von freundschaftlicher Fürsorge geprägte, verdeckte Affäre mit Ann Harrison (Sanaa Lathan) pflegt, deren Gatte Chris (Dean Cain) wiederum sie allenthalben verprügelt. Die ohnehin komplizierte Situation spitzt sich zu, als Matt erfährt, dass Ann Krebs im Endstadium hat und ihn als Begünstigten ihrer Lebensversicherungspolice einsetzt. Daraufhin trifft Matt die impulsive Entscheidung, sich mit Ann und einer knappen halben Million Dollar Drogengeld, die er als Beweisstück im Polizeisafe lagert, nacxh Europa abzusetzen. Noch in der Folgenacht brennt jedoch das Haus der Harrisons ab und zwei verkohlte Leichen – augenscheinlich die von Ann und Chris – werden in der Ruine entdeckt. Das Ganze stellt sich als Brandstiftung heraus und ausgerechnet Alex ermittelt im Folgenden wegen Mordes. Da zu allem Überfluss noch eine alte Dame (Evelyn Brooks) Matt kurz vor dem Feuer am Haus der Harrisons gesehen hat, wird er endgültig zum heimlichen Hauptverdächtigen und hat nunmehr alle Hände voll damit zu tun, Alex‘ Untersuchungen zu torpedieren…

Acht Jahre nach dem schick ausgestatteten „Devil In A Blue Dress“ kamen dessen Regisseur Carl Franklin und Hauptdarsteller Denzel Washington abermals zusammen, um einen weiteren, auf verschlungenen Plotpfaden wandelnden film noir zu drehen. Diesmal handelte es sich allerdings nicht um ein in Los Angeles spielendes period piece, sondern um ein im Florida der Gegenwart angesiedeltes Kriminalstück, dessen Herz jedoch nicht minder im Takt klassischer Noir-Stoffe schlägt. In „Out Of Time“, den Franklin im karibischen Gestus sonniger Salsa-Rhythmen inszeniert, wird Denzel als reichlich narzisstischer, arroganter und vor allem impulsiver Polizist von einer seine naive Gutgläubigkeit ausnutzenden femme fatale gnadenlos aufs Kreuz gelegt, um ihm die sauer erbeutete Geldsumme aus einem öffentlichkeitswirksam gelösten Drogenfall abzuluchsen. Der clever arrangierte Plan gelingt zunächst auch; im Nachhinein retten dann allerdings Matts Hartnäckigkeit, vor allem jedoch diverse glückliche Zufälle und schließlich sowohl die jeweilige Liebe seiner Gattin als auch die seines treuen Adlatus‘ und besten Freundes (John Billingsley) ihm den Hals. Den Weg dorthin dirigiert Franklin, der leider nur wenige gute, dafür dann aber auch wirklich sehenswerte Filme gemacht hat, mit einer Menfe subtilen Humors, der das Katz-und-Maus-Spiel des Polizisten-Ehepaars zwischen Suspense und Slapstick ansiedelt. „Out Of Time“ geriert trotz seines dementsprechend verlockenden Sujets nie zum schweren Thriller. Statdessen verlagert er sich viel lieber auf sein grundierendes Sunshine-State-Flair und zieht den Rezipienten auf die tatsächlich gar nicht mal so sonderlich sympathische Seite seines sich immer weiter im Fangnetz verheddernden Protagonistenfisches. Hier und da muss man sowohl Franklins gelegentlich auf biederem TV-Serien-Niveau befindliche Regie sowie die sich mitunter doch etwas arg ausnehmenden Konstruiertheiten von David Collards Script in Kauf nehmen, um den Film halbwegs reuelos genießen zu können, was unter selbiger Voraussetzung dann aber auch recht gut funktioniert.
Der ganz große Wurf ist „Out Of Time“ sicherlich nicht, auch erreicht er kaum die elegante Qualität von Denzels und Franklins vormaliger, obig genannter Kollaboration, geschweige denn die des veritablen Meisterstücks „One False Move“, aber für die Ausstaffierung eines gediegenen Sommerabends langt es allemal.

7/10

IL DOLCE CORPORA DI DEBORAH

Zitat entfällt.

Il Dolce Corpora Di Deborah (Der schöne Körper der Deborah) ~ I/F 1968
Directed By: Romolo Guerrieri

Frisch vermählt kehrt Marcel (Jean Sorel) mit seiner wohlhabenden, aus Kalifornien stammenden Gattin Deborah (Carroll Baker) nach Europa zurück, um dort die gemeinsamen Flitterwochen zu verbringen. In Genf erfährt Deborah, dass Marcel zuvor mit einer anderen Schönheit liiert war, Suzanne (Evelyn Stewart), die sich offenbar aus Verzweiflung über Marcels Neuorientierung das Leben genommen hat. Dennoch scheint Suzanne noch über ihren Tod hinaus auf Marcel einzuwirken: In ihrer nunmehr leerstehenden Villa spielt das Klavier wie von selbst Suzannes Lieblingsstück, der einstmals ebenfalls in sie verliebte Philip (Luigi Pistilli) kreuzt allenthalben Deborahs und Marcels Wege, am anderen Ende eines eigentlich stillgelegten Telefons stößt jemand Todesdrohungen aus. Das irritierte Paar reist weiter nach Nizza, um dort ein mondänes Haus zu mieten, doch auch dort reißen die merkwürdigen Begebenheiten nicht ab.

Dass etliche männliche Hollywood-Darsteller sich infolge mangelnder heimischer Rollenangebote in Europa ein zweites Standbein errichteten, ist jedem nur halbwegs in kontinentaler Genrehistorie bewanderten Filmfreund wohlbekannt und die entsprechende Liste überaus umfangreich. Was die Damen anbelangt, so war das entsprechende Feld vergleichsweise dünn besiedelt, aus Gründen, die so offenkundig wie leidig sind. Die vermutlich wesentlichste Ausnahme bildete Carroll Baker, die auch mit Ende 30 und Anfang 40 noch attraktiv genug war, um gegenüber ihrer jüngeren einheimischen „Konkurrenz“ mühelos bestehen zu können und eine fruchtbare Folgekarriere vor allem im italienischen Thrillerkino zu bestreiten. Exemplarisch dafür stehen ihre vier in engem Abstand entstandenen, gemeinsamen Filme mit Umberto Lenzi; die eigentliche Initiallösung der noch diverse weitere Werke bis in die Mittsiebziger hinein umfassenden Reihe markiert jedoch Romolo Guerrieris „Il Dolce Corpora Di Deborah“. Darin formuliert sich bereits Bakers Rollentypologie nahezu der gesamten kommenden Phase: Als schöne, mit einer gehörigen Portion erotischer Verve begüterte Femme fatale stand sie jeweils im Mittelpunkt des oftmals gialloesk aufgeladenen Geschehens und entpuppte sich spätestens im Nachhinein als häufig aufgeklärter denn das längst noch im Rätseln befindliche Publikum. Als Amerikanerin Deborah scheint sie bei Guerrieri zunächst selbst Opfer eines perfid arrangierten Kabale zu sein, zeigt im Epilog jedoch, dass sie ihren AntagonistInnen längst eine Nasenlänge voraus war, um ihre eigene Agenda zu verfolgen. Genealogisch fällt „Il Dolce Corpora Di Deborah“ unmittelbar in das die Gattung damals dominierende Fach des Psycho-Intrigenspiels, innerhalb dessen eine mehr oder weniger labile, vor allem jedoch nichtsahnende Protagonistenfigur wahlweise in Wahnsinn oder Suizid getrieben werden sollte; notfalls, wie auch in Guerrieris Film, mittels tatkräftiger Nachhilfe der Strippenzieher.
Die zahlreichen logischen Schwächen des von Ernesto Gastaldi und Luciano Martino ersonnenen Scripts außer Acht lassend, bezeugt man mit „Deborah“ diesbezüglich nun weniger einen narrativ ausgefeilten, sondern vielmehr einen in Bezug auf sein Zeit- und Lokalkolorit formal beachtlichen Reißer, der die unselige, aber wiederum prototypischen Paarung Sorel/Baker nutzt, um aparte Jet-Set-Bilder und atmosphärische Dichte zu transportieren. Mit nur einer Leiche nimmt sich das Ganze am Ende dann allerdings eher als ebenso pulpiger wie wohlgesitteter Kriminalfilm aus, dessen Highlights eben vor allem visuell-mondäner Natur sind: feuerrote Cabriofahrten, Hotelzimmer, Carroll Bakers Kleider, der Besuch in einer Disco mit Comic-Thematik, ein Twister-Spiel im Villagarten bleiben da vornehmlich im Gedächtnis.

7/10

THE BANISHING

„Amen.“

The Banishing ~ UK 2020
Directed By: Christopher Smith

Essex, 1938. Der immens gottesfürchtige Vikar Linus Forster (John Heffernan) zieht mit seiner Gattin Marianne (Jessica Brown Findlay) und deren unehelicher Tochter Adelaide (Anya McKenna-Bruce) in das berüchtigte Landhaus Morley Hall, in dem sich drei Jahre zuvor Schreckliches ereignet hat, was der ortsansässige Bischof Malachi (John Lynch) jedoch wohlfeil unter den Teppich gekehrt hat. Einzig der als Scharlatan verschrieene, in Morley wohnhafte Okkultismusforscher Harry Reed (Sean Harris) ahnt um die dämonische Gefahr, in der vor allem Marianne und die kleine Addie schweben. Morley Hall wurde nämlich auf den Ruinen eines Klosters bigotter Mönche erbaut, die dort einst grausige Taten verantworteten und einen besonders unruhigen Geist in den Katakomben hinterließen…

Im Horrorfilm und besonders im Haunted-House- und Exorzismus-Subgenre bieten vermeintlich authentische Lokalitäten oder Begebenheiten sowie entsprechende, paranormale Phänomene mit angeblich realen Wurzeln seit jeher eine immens dankbare Projektionsfläche für mannigfaltige Revision und eifrige Fabulierung. „The Banishing“, originär veröffentlicht beim einschlägigen VOD-Service Shudder, greift jenes Element wiederum auf, um einen einserseits stark traditionsverhafteten und andererseits doch recht postmodernistisch gefärbten Gattungsbeitrag zu liefern. Handlungsort und Personen wurzeln durchweg auf historischen Vorbildern, jeweils unter geringfügigen, für Faktenvertraute jedoch offensichtlichen Namensänderungen, wobei erwartungsgemäß auch der Fall des realen Borley Rectory, dem berühmtesten Spukhaus Englands, nebst den Berichten des damals dort unnachgiebig um Aufmerksamkeit heischenden Spiritualisten Harry Price im Nachhinein als barer Humbug entlarvt wurde. Ihre Funktionalität als Inspirationstableau für kleine Schauergeschichten haben die alten Geschichten jedoch nie wirklich eingebüßt, wie „The Banishing“ nunmehr demonstriert.
Smiths Film erfuhr bis dato vornehmlich Widerwillen und Ablehnung; er wolle allzuviel und offeriere dabei doch vornehmlich Albernheiten, misslungene Details und campigen Versatz. So einfach finde ich es nicht. Gewiss, es lässt sich nicht leugnen, dass „The Banishing“ recht unverfroren auf die sich ihm darbietende Kolportageklaviatur eindrischt. Zur Orientierung ~ all dies kommt im Film vor: ein verfluchtes Haus mit noch verfluchteren Kellergewölben, eine Familie mit unheilvoller, an ihrer Stabilität nagender Vorgeschichte, ein spirituell begabtes Kind, das sich zusehends merkwürdig verhält, ein in seinen Glaubensgrundsätzen extrem geprüfter Gottesmann, ein sinistrer Bischof, welcher mit den Nazis kooperiert, die sich wiederum okkulte Mächte anzueignen trachten, ein unerlöster weiblicher Geist mitsamt totem Baby, böse Mönchsdämonen in Kapuzenkutten, Zeit- und Dimensionsverschiebungen, beidseitig aktive Spiegel, albtraumhafte Visionen, ein exzentrischer Bohèmien, der schließlich den Tag rettet und natürlich der heraufdämmernde Zweite Weltkrieg mitsamt der Frage der moralisch korrekten britischen Reaktion auf den kontinentalen Faschismus. Keine schlechte Agenda für knappe 100 Minuten Erzählzeit und dabei erstaunlicherweise doch unter steter Bemühung der traditionell ehrwürdigen, sepiafarbenen Kontemplation englischer Genreerzählungen dargeboten. Obschon das Ganze durchaus etwas von einem eklektischen Gemüseeintopf besitzt, habe ich mich gut darin zurechtgefunden; ich mochte die Darsteller, allen voran den unglaublich an einen jungen Derek Jacobi erinnernden Sean Harris, wie er ungezwungen tanzt, säuft, sich lachend zusammenschlagen lässt und scheinheiliger Frömmelei trotzt.
„The Banishing“ ist tatsächlich ein recht erhabener Film, an dem mir besonders gefällt, der er sich allem Konsensuellem ganz bewusst fernhält und es weiten Publikumsteilen bewusst schwer macht, andererseits aber recht genau zu wissen scheint, was er wie tut.

7/10