THE HOUSE

„Give the password!“

The House (Casino Undercover) ~ USA 2017
Directed By: Andrew Jay Cohen

Um dem lieben Töchterlein Alex (Ryan Simpkins) trotz ihrer wider Erwarten flöten gegangener Subventionen doch noch das Studium finanzieren zu können, lässt sich das Kleinstadtehepaar Scott (Will Ferrell) und Kate Johansen (Amy Poehler) auf den etwas obskuren Vorschlag ihres in Scheidung befindlichen Freundes Frank Theodorakis (Jason Mantzoukas) ein: Der, selbst notorischer Zocker, hat nämlich die Idee, in seinem Haus ein illegales Spielcasino aufzumachen. Schon bald versammelt sich das halbe Städtchen als Stammkundschaft vor Ort, doch ebenso rasch bekommen Stadtrat Schaeffer (Nick Kroll)  und Mafioso Tommy (Jeremy Renner) mit, dass sich irgendetwas Faules abspielt in der Gemeinde…

Will Ferrell ist so ziemlich der einzig wesentliche Grund, sich diesem etwas lauwarmen Spaß zu widmen, dessen humoristische Finesse im Grunde darum besteht, die moralische Bigotterie des urtypischen, amerkanischen Vorstadt-Bourgeois zu denunzieren. Als wären die entsprechenden Erkenntnisse bahnbrechend, lädt „The House“ sein spießbürgerliches Figureninventar dazu ein, allerlei schräge Dinge zu tun zu tun vom Drogenmissbrauch bin hin zum catfight. Das ist manchmal zum Schmunzeln, manchmal auch nicht, je nach Einfaltsmaß der dargereichten Szene. Die größten Spitzen sind natürlich Ferrell vorbehalten, dessen Persönlichkeit als etwas domestizierte Person seiner mit den allseits bekannten habituellen Eigenheiten kokettierenden Kunstfigur irgendwann zu transzendieren beginnt; Scott Johansen verwandelt sich dann in einen gnadenlosen, öligen Gangster mit dem Spitznamen „The Butcher“, vor dem jedermann zu Staube kriecht. Solcherlei Blödsinn ist dem wie immer sehenswerten Komiker zweifellos unmittelbar auf den Leib geschrieben und er ist daher auch der beste Mann in diesem Fach. Das ganze Drumherum jedoch kommt über mediokren Sitcom-Status kaum hinaus; es fehlt an veritabler Schärfe und Anarchie sowie an der (zumindest meinerseits) wehmütig vermissten Konsequenz, auch mal über die end credits hinaus ein feistes „Leck mich am Arsch!“ echoen zu hören, so wie damals das von Frank „The Tank“ Ricard zum Finale von Todd Phillips‘ monumentalem „Old School“. Sicher, es wäre schon ziemlich katastrophal für unsere Welt, wenn jeder erwachsene Mann sich vorsätzlich zur Regression entschlösse, wenn es denn aber doch hier und da mal einer tut, dann gebührt ihm doch wohl alles Glück auf Erden.

6/10

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THE SKELETON KEY

„Are you a superstitious person, Caroline?“ – „Not per se.“

The Skeleton Key (Der verbotene Schlüssel) ~ USA/D 2005
Directed By: Iain Softley

Die frustrierte Jung-Hospizschwester Caroline Ellis (Kate Hudson) nimmt eine private Stelle als Pflegerin des alten Ben Deveraux (John Hurt) an, der mit seiner ihn umsorgenden Gattin Violet (Gena Rowlands) in einem alten Herrenhaus in den Bayous von Louisana wohnt. Deveraux ist nach einem Schlaganfall beinahe komplett gelähmt und kann nicht mehr sprechen, dennoch hat Caroline das andauernde Gefühl, er versuche sich ihr verzweifelt mitzuteilen. Eine Sammlung merkwürdiger Fetischgegenstände, die sich hinter einer verschlossenen Tür auf dem Dachboden des Hauses befindet, verunsichert Caroline noch zusätzlich. Sie findet heraus, dass Violet offenbar an Hoodoo glaubt, eine unter den ehemaligen Sklaven praktizierte Art von Zauberei. Ist Ben möglicherweise von ihr verhext worden?

Das Interessanteste an „The Skeleton Key“ ist der Schauplatz Louisiana – die Südstaaten der USA mit ihren dampfenden, undurchdringlich scheinenden Sumpflandschaften, in denen man, auch ohne abergläubisch zu sein, alles Mögliche vermuten möchte, bietet stets eine dankbare Filmkulisse für alle möglichen Genres, im Horrorfilm allrdings insbesondere in Konnexion mit schwarzmagischem Hokuspokus. Jene folkloristisch geprägte Fetischzaubereien, auch Synkretismen genannt, kommen in den Regionen, die ehedem afrikanische Sklaven beherbergt haben, in ganz unterschiedlichen Ausprägungen vor, je nach Ursprungslokalität und vor allem im karibischen Raum. Voodoo mit ist dabei die bekannteste und berüchtigste jener Neureligionen, was sich bereits seit Jahrzehnten oftmals auch im Genre niederschlug. John Schlesinger grub schließlich für „The Believers“ die vor allem in Kuba kultivierte Santería aus, „The Skeleton Key“ nun setzt Hoodoo das längst überfällige Gattungs-Denkmal, wobei man darin mehr oder minder schweren Herzens auf Zombies und Ritualmorde verzichten muss. Nicht jedoch auf Zaubertränke und Seelenwanderung, denn die bilden gewissermaßen das Kerngehäuse der unerfreulichen Umtriebe in „The Skeleton Key“, binnen derer die ahnungslose Caroline eine gewichtigere Rolle spielt, als sie oder der Zuschauer zunächst annehmen kann.
Hier und da schleppt sich Softleys Inszenierung etwas über die Runden, wenn sich etwa im Mittelteil keinerlei narrativer Fortschritt einstellen mag und der Lösungsweg des für die Protagonistei enervierende Rätsels um das altehrwürdige Haus und seine beiden alten Bewohner sich gen Stillstand bewegt. Softley verliert sich dann etwas zu sehr in seinen scheinbar unvermeidbaren, Kate Hudson geltenden Anhimmeleien, wenn er die zugegebenermaßen attraktive Aktrice von allen Seiten und in ausnahmslos jeder Szene ins Bild setzen muss, als könne er nicht anders. Die Conclusio steht dann wieder in bester Schauertradition und holt den Karren nochmal aus dem Dreck.

6/10

THE CARPETBAGGERS

„I like men. Maybe I hate them. I’m not always sure.“

The Carpetbaggers (Die Unersättlichen) ~ USA 1964
Directed By: Edward Dmytryk

Nachdem sein Vater (Leif Erickson), ein Sprengstoffhersteller, gestorben ist, schwingt sich Jonas Cord Jr. (George Peppard) während den zwanziger Jahren beinahe ungerührt zu einem Supermulti auf, der bald in nahezu jedem florierenden Wirtschaftszweig von der Fluggesellschaft bis zum Hollywood-Studio seine kühl kalkulierenden Finger hat. Ungeachtet seines gigantischen finanziellen Erfolges entwickelt sich Cord, der ein schweres Kindheitstrauma nie recht verarbeiten konnte, in den kommenden Jahren privat zu einem selbsträsonistischen Misanthropen, der Partner, Freunde und Frauen fallen lässt, wie es ihm gerade beliebt.

Dmytryks Harold-Robbins-Adaption ist allerbester Camp, ein für das damalige Studiokino vor Schlüpfrigkeiten berstendes, überlanges Spektakel um Intrigen, wohlbehütete Familiengeheimnisse und Egomanie, der sich mithin als vielleicht wichtigste Blaupause für die in den achtziger Jahren Erfolge feiernden Familiensoaps wie „Dallas“ und „Dynasty“ betrachten lässt. Die von Robbins in seinem aufgrund seiner beschreibungsfreudigen Erotikpassagen von den Konservativen nervös beäugten Roman gezeichneten Charaktere speisen sich dabei fast durchweg aus authentischen Vorbildern; Pate für Cord Jr. war unschwer erkennbar Howard Hughes (obgleich Robbins diese Analogie tapfer bestritt), die von Carroll Baker interpretierte Schauspielerin Rina Marlowe basierte auf der Skandalaktrice Jean Harlow, während der väterliche Freund und Berater Cords Nevada Smith (Alan Ladd) eine Mischung aus Tom Mix und William Boyd repräsentierte.
Während „The Carpetbaggers“ ungeachtet seiner exaltierten Wuchtigkeiten für Dmytryks Verhältnisse eher ein künstlerisch beiläufiges Werk darstellt, lässt George Peppard, um den herum der gesamte Film wie ein einziges, großes Geschenk aufgebaut ist, sich bei seiner wohl formidabelsten Leistung bewundern. Episodisch zieht sich das Geschehen über mehrere Dekaden hinweg, wobei der besondere Kniff der Narration darin liegt, ein extrem ambivalentes Verhältnis zwischen Zuschauer und Protagonist herauszuarbeiten; Jonas Cords für die Mär vom Amerikanischen Traum exemplarisch zu betrachtende, unbeirrbare Zielstrebigkeit gibt einigen Anlass zur Bewunderung, während sein Mangel an Empathie und sein rücksichtsloser Umgang mit Menschen ihn wiederum extrem hassenswert erscheinen lassen. Man jubiliert still, als es einem von Cord unter Druck gesetzten Filmmogul (Martin Balsam) gelingt, ihm zumindest einmal eine kleine Schlappe zuzufügen, was den großen Geldpatriarchen sogleich in eine emotionale Krise stürzt. Andererseits fühlt und hofft man mit Cord, als er schlussendlich erkennt, dass kein Mensch ohne Liebe leben kann und er reumütig zu Frau (Elizabeth Ashley) und Kind (Victoria Jean) zurückkehrt und um Verzeihung bittet. Auch dieser bewusst widersprüchlich arrangierte Gefühlszirkus erweckt Assoziationen zu den genannten TV-Formaten, denen „The Carpetbaggers“ jedoch ein entscheidendes Element voraushat: Er ist Kino, und in seiner vielleicht pursten, reinsten und schönsten Form.

9/10

5 BAMBOLE PER LA LUNA D’AGOSTO

Zitat entfällt.

5 Bambole Per La Luna D’Agosto (Five Dolls For An August Moon) ~ I 1970
Directed By: Mario Bava

Der Millionär und Unternehmer George Stark (Teodoro Corrà) lädt drei befreundete Ehepaare auf seine Privatinsel nebst modernst durchgestylter Villa ein. Hinter dem als „feucht-fröhlich“ avisierten Aufenthalt steckt in Wahrheit jedoch ganz nüchternes, berufliches Interesse: Einer der Gäste, der Wissenschaftler Professor Farrell (William Berger), hat eine Formel für Kunstharz entwickelt, die Stark ihm um jeden Preis abkaufen möchte. Doch nicht nur er, auch die ebenfalls anwesenden Jack Davidson (Howard Ross) und Nick Chaney (Maurice Poli) sind immens an der Formel interessiert. Da taucht auch schon die erste Leiche auf: Hausboy Charles (Mauro Bosco), kurz zuvor noch Chaneys sexuell unersättlicher Gattin Marie (Edwige Fenech) zu Diensten, wird ermordet aufgefunden. Und bei dem einen Toten bleibt es nicht. Gottlob hat Stark eine ausladende Kühlkammer im Hause…

Lange aufgeschoben, jetzt endlich einmal nachgeholt: Dass ich „5 Bambole Per La Luna D’Agosto“ so lange entbehrt habe, bereue ich nicht unbedingt. Auch wenn Bavas Werks-Intimus Tim Lucas den Film als einen von des Maestros „besten und innovativsten“ bezeichnet, fehlt es mir hier an manchem. Der sich stark von Agatha Christies Krimis und speziell von „Ten Little Indians“ inspiriert zeigende Plot bugsiert sich nur höchst selten in ein Stadium, das man als „fesselnd“ bezeichnen möchte; nahezu sämtliche der darin agierenden Figuren tun sich als Abziehbilder und Knallchargen hervor – reich, gierig, opportunistisch frustriert, dekadent. Ihr Schicksal ist dem Rezipienten dementsprechend von Herzen gleichgültig; respektive würde man sich möglichst deftiger Mordesquenzen eher noch erfreuen. Doch auch hier übt sich Bava noch in recht pietätvoller Zurückhaltung, die sich nur kurz darauf für „Reazione A Catena“ in ihr diametrales Gegenteil verwandeln wird. Stattdessen setzt „5 Bambole“ auf einen etwas hohnäsigen, sozialistisch gefärbten Salonhumor: Das Kapital frisst sich selbst; reich zu sein, heißt in gerechter Angst leben zu müssen und die Leichen werden, ein mehr oder weniger komischer running gag, eine nach der anderen zwischen Schweinehälften gehängt, während die Überlebenden sich kaum um die Toten scheren und weiterhin ihre kostspieligen Drinks saufen. Erst am Ende, als Wahrnehmungs- und Zeitebenen etwas durcheinanderzugeraten scheinen, erhebt sich „5 Bambole“ ganz kurz über sein gepflegt gelangweiltes Timbre hinweg, nur um es sich dann flugs doch wieder darin bequem zu machen.

5/10

VALLEY OF THE DOLLS

„I’ll plant my own tree. My own tree! And I will make it grow!“

Valley Of The Dolls (Das Tal der Puppen) ~ USA 1967
Directed By: Mark Robson

Die drei jungen Damen Anne (Barbara Parkins), Neely (Patty Duke) und Jennifer (Sharon Tate) lernen sich in New York kennen und werden Freundinnen. Ihre Schicksale, die sie allesamt zur Westküste und nach Hollywood führen, werden in den kommenden Jahren von immer größeren Krisen und Sturmtiefs durchgeschüttelt, bis zumindest Anne begreift, dass wahres Glück nichts mit Glanz und Glamour zu tun hat.

Jacqueline Susanns ein Jahr zuvor entstandener, gleichnamiger Roman wurde ein solch gewaltiger Bestseller, dass eine Filmadaption flugs zur beschlossenen Sache wurde. In ihrem Buch zeichnet die selbst showbiz-erfahrene Susann den zerstörerischen Einfluss insbesondere der Filmmetropole Hollywood auf junge, naive Damen nach, wobei sie auf diverse, inoffiziell zu Bewusstsein kommende Vorbilder von Frances Farmer über Betty Hutton, Judy Garland, Marilyn Monroe, Carole Landis und Ethel Merman, zurückgreift deren Personae und Biographien allesamt zumindest teilverwurstet wurden. Das Script veränderte allerdings das zeitliche Setting der Vorlage und versetzte es um zwei Dekaden in die Zukunft, um eine dichtere, realitätsnähere Anbindung zu schaffen.
Mit Ausnahme der als Erzählerin fungierenden Anne Welles, die als Provinzblümchen von Neuengland über New York nach Hollywood und wieder zurück tingelt und deren private Medienkarriere sich auf eine kurze Karriere als Werbemodel beschränkt, erleben die Protagonistinnen reichlich Schaden an Leib und Seele; die stimmgewaltige Neely O’Hara avanciert nach ihrer „Veredelung“ zum Superstar zu einer herrischen, selbstsüchtigen und medikamentenabhängigen Trinkerin, die sich von ihrem Jugendfreund (Martin Milner) trennt und schließlich in einer Entzugsklinik landet; Jennifer Norths einziges Kapital besteht derweil in ihrer physischen Schönheit und speziell ihren wohlgeformten Brüsten. Zunächst erkrankt ihr Mann, der Starsänger Tony Polar (Tony Scotti), an einer geisteszersetzenden Krankheit, dann erhält sie selbst die Diagnose Brustkrebs und nimmt sich das Leben.
Es geht also höchst turbulent zu in „Valley Of The Dolls“, der sein autoritäres Ausrufezeichen permanent über den gar so schrecklichen Ereignissen aufleuchten lässt und dabei mit zunehmender Erzählzeit immer mehr wie eine schulmeisterliche Warnung für potenzielle Starlets daherkommt. Formvollendete, naive Kolportage ist das und nicht selten fühlt man sich an ministerial subventionierte „Aufklärungsfilme“ für Schulen erinnert. Camp ist das, nicht ganz freiwillig vielleicht, dafür reinkulturell in Form und Finish, von einem Regisseur, der zum Entstehungszeitpunkt von „Valley Of The Dolls“ seine originären künstlerischen Wurzeln, die zu Orson Welles und Val Lewton zurückreichen, bereits weit hinter sich gelassen hatte und insbesondere in Anbetracht seiner einstmaligen Meriten eher bizarres Kinogut inszenierte. Was nicht bedeutet, dass es deshalb weniger sehenswert wäre – es ist bloß… anders.

7/10

HOUNDS OF LOVE

„Don’t let him go down on you.“

Hounds Of Love ~ AUS 2016
Directed By: Ben Young

Perth, 1987. Das in recht desolaten Zuständen lebende Ehepaar Evelyn (Emma Booth) und John White (Stephen Curry) entführt junge Mädchen im Teenageralter, quält und missbraucht sie sexuell, um sie schließlich zu ermorden und irgendwo in der Weite des Outback zu verscharren. Aktuell gerät die von daheim ausgebüchste Vicki Maloney (Ashley Cummings) in ihre Fänge. Vicki, deren Eltern (Susie Porter, Damian de Montamas) sich haben scheiden lassen, und die vornehmlich bei ihrem wohlhabenden, sie verwöhnenden Vater lebt, durchschaut bald das Abhängigkeitsgefälle zwischen Evelyn und John: Sie lebt als völlig devote Erfüllungsgehilfin unter der perversen, psychopathischen Fuchtel des gewalttätigen Ehemanns und findet nicht die Kraft, sich gegen seine übermächtige Persönlichkeit zur Wehr zu setzen. Stattdessen spielt sie seine mittlerweile zum Serienmord avancierten Riten kritiklos mit. Vickis einzige Überlebenschance besteht somit darin, die psychisch höchst vulnerable Evelyn auf ihre Seite zu ziehen…

Was oberflächlich anmutet wie ein weiterer Kidnapping- und Folterfilm offenbart bereits im frühen Verlauf eine deutlich differenziertere, höchst dramatische Intensität. Geschickt umschifft der vielversprechende Debütregisseur Ben Young die meisten Verlockungen handelsüblicher Klischees und entwickelt eine gleichsam bedrückende und schwebende Grundstimmung, die ihre monströse Immanenz mit Ausnahme gezielter Gewalttupfer unter der brodelnden Oberfläche behält.
„Hounds Of Love“ erzählt im Grunde zwei parallel ablaufende Geschichten. Einerseits berichtet er von Vickis furchtbarem Leidensweg als zur Hilflosigkeit verdammtes Spielzeug ihrer Entführer, andererseits, und hier bringt Young die eigentliche Tragfähigkeit seines Films zur Geltung, obduziert er die vollkommen dysfunktionale, pathologische Beziehung des Kidnapperpärchens, zweier bildungsferner, zum Subproletariat zählender Menschen, die sich immer weiter weg von den gängigen sozialen Wertmaßstäben bewegen, „white suburban trash“, wie man sie zu bezeichnen geneigt ist. Evelyns Kinder leben bei einer Pflegefamilie, wobei die Gründe dafür nie zur Gänze offengelegt werden. Mutmaßlich tragen jedoch auch hieran John und sein obsessiver Hang zur Gewaltausübung an Wehrlosen die Schuld. Nichtsdestotrotz hat die verzweifelt nach Nähe und Zärtlichkeit strebende Evelyn längst den Überblick und vor allem die Fähigkeit zur Rechtsgewichtung verloren; stattdessen hilft sie John, seine Entführungsopfer auszuwählen, gefangenzuhalten, sexuell auszubeuten und schließlich verschwinden zu lassen. Insbesondere im Zuge der Zeichnung dieses Abhängigkeitsverhältnisses entwickelt „Hounds Of Love“ seinen oftmals nur schwer erträglichen Sog. Dabei erweist sich Youngs Gespür für dramaturgische Komposition als beachtlich: Er gliedert die Ereignisse in drei Hauptakte, die jeweils von einem passenden, höchst prägnanten (und komplett ausgespielten) Musikstück klimaktisch gekrönt und geschlossen werden: „Nights In White Satin“ von The Moody Blues, Cat Stevens‘ „Lady D’Arbanville“ und zum kathartischen Abschluss „Atmosphere“ von Joy Division, ohnehin einem der schönsten Popsongs aller Zeiten, der hier einen ganz wunderbar prominenten Einsatz erfährt.
Auf Youngs nächstes (Lang-)Werk, einen SciFi-Film, zu dem er leider nicht selbst das Script beisteuert, darf man bereits sehr gespannt sein.

8/10

MOTHER NIGHT

„All the best writers are dead.“

Mother Night (Schatten der Schuld) ~ USA 1996
Directed By: Keith Gordon

Howard W. Campbell Jr. (Nick Nolte) sitzt in einem Jerusalemer Gefängnis und wartet auf seinen Prozess, gleich in der Zelle über ihm den in derselben Situation befindlichen Adolf Eichmann. Campbell war während des Zweiten Weltkriegs als Schriftsteller und Dramatiker in Deutschland und dort für eine vielbeachtete Radiopropaganda-Reihe der NSDAP zuständig als Autor und Verleser antiamerikanischer und antisemitischer Essays. Was weder die Nazis noch irgendjemand sonst ahnen konnte: Campbell arbeitete, rekrutiert von dem geheimnisvollen Frank Wirtanen (John Goodman), im Auftrag des US-Geheimdienstes und brachte im Zuge seiner Radioauftritte verschlüsselte Geheimbotschaften in den Äther, die ihm jeweils vorab heimlich zugeschoben wurden. Campbells Spionagestatus wurde jedoch nie öffentlich gemacht und so gilt er auch nach Kriegsende und zurück in New York weiterhin als „Stimme der Nazis“. Seine geliebte Frau Helga (Sheryl Lee) kam noch während der Kriegswirren zu Tode und mit ihr der größte Teil von Campbells eigenem Lebenswillen. In Greenwich Village lernt er dann seinen Nachbarn George Kraft (Alan Arkin), einen nicht minder verzweifelten Maler, der zu Campbells bestem Freund wird. Später taucht Helgas kleine Schwester Resi (Sheryl Lee) auf, die, mittlerweile erwachsen, Helga wie aus dem Gesicht geschnitten ist und sich zunächst als die Verstorbene ausgibt. Auch ein verquerer, rassistischer Geheimbund tritt an ihn heran, der angeblich den entdeckungsgefährdeten Campbell, Kraft und Resi die Flucht nach Mexiko ermöglichen will. Was Campbell nicht ahnen kann: All diese merkwürdigen Fügungen geschehen keineswegs zufällig…

Keith Gordons (antizipierbar) kommerziell bös gefloppte Vonnegut-Adaption ergreift und transponiert den stets etwas mysteriösen Duktus des bedienten Autors auf brillante Art und Weise und macht daraus eine der vorrangigsten Literatur-Verfilmungen mindestens der neunziger Jahre. An „Mother Night“, dem Film, gibt es nichts, was nicht passgenau wäre; das gesamte Geschehen schwebt, es sich stets bequem machend auf einer leicht federnden Wolke aus Surrealismus und leiser Ironie, mit aller gebotenen Entschleunigung vor sich her. Nicht nur George Roy Hills brillanter „Slaughterhouse-Five“ blitzt durch seine nebulösen Astlöcher, auch den bitter-transzendenten, jüdischen Humor großer Comic-Autoren wie Will Eisner oder Art Spiegelman ist man versucht, nahezu pausenlos herauszuspüren. Als Soldat, Kriegsteilnehmer und Überlebender der Bombardierung von Dresden hatte Vonnegut es kaum nötig, über das Wesen des Krieges zu schreiben. In „Mother Night“ ging es ihm vielmehr um das nicht minder eigenartige Echo jener Weltzäsur und ebenso um das komplexe Verhältnis von Schuld, Geständigkeit, Reue und die nahezu aussichtslose Möglichkeit der Weiterexistenz mit alldem. Howard Campbell Jr. mag ein Spion sein; seiner Faszination für das nazifierte Deutschland, für Führerkult und Drittes Reich, das ihn als „Überläufer“ hofiert und ihm Zugang zur höchsten Systemspitze ermöglicht, tut dies keinen Abbruch. Möglicherweise ist sein geheimer Einsatz für die Alliierten auch bloß eine reine Kopfgeburt; eine dem intellektuellen Rest an Vernunft entstammende Rechtfertigung für die Gewissheit, als Adlatus des Grauens zu fungieren. Mit Glanz und Glamour ist es nach dem Krieg vorbei. Depressiv und sich nutzlos wähnend vegetiert Campbell einsam und verlassen in New York dahin. Seine Nachbarn sind neben Kraft zwei Auschwitz-Überlebende, Mutter (Anna Berger)  und Sohn (Arye Gross). Während die ältere Dame Campbell, der seinen Namen trotz seiner zweifelhaften Popularität nicht geändert hat, zu erkennen glaubt und ihm die Pest an den Hals wünscht, will ihr als Mediziner tätiger Sohn von dem Kapitel „Holocaust“ am liebsten gar nichts mehr wissen. Eine weitere der vielen Ambivalenzen, die sich durch „Mother Night“ ziehen und die ihren satirischen Höhepunkt gewissermaßen in einem verrückten, farbigen Nazi (Frankie Faison) finden, der die Gruppe von „white supremacists“ lauthals unterstützt. Schein und Sein bleiben in Vonneguts Welt nie ganz  säuberlich getrennt, einer permanenten Wellenbewegung gleich nähern sie sich immer wieder tangential an und stoßen sich dann mit umso kräftigerer Vehemenz wieder voneinander ab. Am Ende dann, als das Schicksal im Begriff ist, Campbell erneut einen Ausweg zu offerieren, sieht er keinen anderen Ausweg mehr als den der Selbstrichtung. Auch hier bleibt Gordons Regie noch meisterhaft und lässt und, gemeinsam mit der Kamera, wegsehen. Wie Campbell selbst bis zu diesem finalen Schuldeingeständnis Wegsehen und Ignoranz kultiviert hat, jahrzehntelang.

9/10