DUNKIRK

„Seeing home doesn’t help us get there.“

Dunkirk ~ UK/USA/NL/F 2017
Directed By: Christopher Nolan

Dünkirchen, Ende Mai 1940. Rund 370.000 britische und französische Soldaten sitzen in der französischen Hafenstadt fest, hoffnungslos eingekesselt von der deutschen Wehrmacht. Als einziger Fluchtweg bleibt nurmehr der Weg über den Ärmelkanal, der hier die englische Küste über rund vierzig Luftkilometer vom europäischen Festland trennt. Während die Männer am Strand ausharren und um ihr Leben bangen, initiiert die britische Kommandatur ihre Evakuierung, die „Operation Dynamo“. Dabei soll vor allem die Zivilbevölkerung behilflich sein, die die Soldaten mit allen möglichen Wasserfahrzeugen an die Küste von Dover überzusetzen angehalten ist. Während der junge Gefreite Tommy (Fionn Whitehead) sich durch die Wirren am Strand von Dünkirchen schlägt und dabei gleich mehrere Fluchtfehlversuche erlebt, setzt der Zivilist Dawson (Mark Rylance) gemeinsam mit seinem Sohn Peter (Tom Glynn-Carney) und dessen Freund George (Barry Keoghan) mit einer kleinen Yacht über. Unterwegs nehmen sie einen havarierten, schwer traumatisierten Soldaten (Cillian Murphy) an Bord, der gar nicht mit der Fahrtrichtung einverstanden ist. Der RAF-Pilot Farrier (Tom Hardy) unterstützt derweil mit seiner Spitfire die Evakuierungsoperation aus der Luft heraus.

Die Schlacht um Dünkirchen und die anschließende Massenevakuierung, die sich auf wundersame Weise deutlich erfolgreicher gestaltete als zunächst abzusehen war, kommentierte Winston Churchill in seiner berühmten Kampfesrede „We shall fight on the beaches“ vom 4. Juni 1940 mit den Worten „Wars are not won by evacuations„, was den faktisch erzwungenen Rückzug der Briten in einem eher zweifelhaften Licht dastehen ließ. Dabei wäre den Männern als Alternative nur der Tod geblieben – bis heute sind sich Kriegshistoriker uneins darüber, warum Hitler nicht den Befehl zum Losschlagen seiner geschlossen aufgebotenen Panzer gegeben hat, gegen die die feindlichen Armeen keine Chance gehabt hätten. Dünkirchen hat dem Zweiten Weltkrieg insofern einen seiner entscheidenden Wendepunkte versetzt, indem es die Kampfesmoral vor allem der Briten trotz des militärstrategisch als Fehlschlag zu betrachtenden Ausganges der Schlacht gewissermaßen revitalisierte.
Christopher Nolan, most beloved darling der allermeisten selbsternannten Cineasten mit Überhangsliebe zum Gegenwartskino, machte daraus das Thema seines jüngsten Films, des mittlerweile zehnten von ihm geschriebenen und inszenierten, und schon jetzt ist der Beifall seiner umfangreichen Fangemeinde wieder inkommensurabel. Nüchtern betrachtet zeigt „Dunkirk“ allerdings primär aufs Neue die grenzenlose Affektiertheit und Selbstverliebtheit seines Vordenkers. Selbstverständlich ist Nolan ein beachtenswerter Regisseur, daran besteht wohl kein Zweifel. Andererseits scheint es mir, als wolle er gleichfalls diffuse Erwartungshaltungen erfüllen, von denen er die meisten wahrscheinlich selbst an sich richtet. Warum sollte er auch sonst mit zig verschiedenen Kameras und Formaten arbeiten und seinem Film je nach Art der Vorführung eine spezielle Betrachtungs-Exklusivität verleihen? IMAX, 70mm, Röhrenkiste, ja was denn nun? Hans Zimmer wird plötzlich hochgejubelt, weil er noch was Anderes kann als flötige Ethnoklänge und instrumentalen Hurrapatriotismus – sowas schafft derzeit außer Quentin Tarantino, dem man ja ebenfalls unentwegt alles abkauft, was er liefert wohl nur Christopher Nolan. Ein frahwürdiges Phänomen. Und natürlich wäre eine strunzgewöhnliche, straighte Narration gleichfalls viel zu gewöhnlich gewesen. Nein, drei Geschichten, drei Chronologien, drei Perspektiven müssen es sein, mehr oder weniger sinnstiftend gegeneinandermontiert, auf jeden Fall aber ungewöhnlich und extrapoliert. Demnächst dann vielleicht komplett auf links gedreht? Ach nee, das hatten wir ja schonmal. Nolan ist gewiss nicht der erste, der danach trachtet, aus Krieg Kunst zu machen, aber bei ihm wirkt das dann doch deutlich gefälliger und anbiedernder als üblich. Wenn es darum geht, aufrichtig Intimität und Empathie beim Zuschauer zu erzeugen, versagt Hundenschnauze Christopher jedoch. Man schaut seinem Film in etwa so zu, wie das Kleinkind der laterna magica, kurzfristig affiziert aber ohne besonderen Nachhall.
Selbstverständlich überwiegen bei „Dunkirk“ aller Kritik zum Trotze die positiven Aspekte. Der gesamte Aufzug des Films ist gewaltig, laut und höchst perfektionistisch. Er sieht phantastisch aus und klingt auch so, ein paar britische Erster-Klasse-Akteure (darunter zwei Nolan-Standards) gibt’s quasi gratis obendrauf. Er bemüht mancherlei Erzählfaktoren des klassischen Kriegsfilms, was man ihm gut und gern als gelungene Hommage auslegen darf. Nur ein Meisterwerk, das ist er eben nicht.

7/10

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DIE WANNSEEKONFERENZ / CONSPIRACY

„Wo gehobelt wird, fallen Späne.“ / „Politics is a nasty game.“

Die Wannseekonferenz ~ BRD 1984
Directed By: Heinz Schirk
Conspiracy (Die Wannseekonferenz) ~ UK/USA 2001
Directed By: Frank Pierson

Entgegen meiner üblichen Gewohnheiten der Filmtagebuchpflege gibt es hier ausnahmsweise einmal eine Gegenüberstellung, da eine solche sich nicht nur des identischen historischen Sujets der beiden betrachteten Filme, sondern auch ihrer evidenten Gemeinsamkeiten und Differenzen wegen mehr als anbietet.

Am winterlichen Vormittag des 20. Januar 1942 empfängt SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich (Dietrich Mattausch/Kenneth Brannagh), von Reichsmarschall Hermann Göring bereits ein halbes Jahr zuvor mit dem Anliegen der „Endlösung der Judenfrage“ betraut, fünfzehn hochrangige Sekretäre und Beamte aus dem Dunstkreis von Regierung, Polizei und Militär zu einer streng geheimen Konferenz in einer Villa am Berliner Wannsee. Heydrich trifft vor Ort als Letzter ein und schreitet zur Darreichung von Häppchen und Alkoholika unmittelbar zur Tagesordnung, sein derzeitiges Hauptaufgabengebiet betreffend. Es soll darum gehen, den von dem ebenfalls anwesenden Obersturmbannführer Adolf Eichmann (Georg Bröckmann/Stanley Tucci) minutiös ausgearbeiteten Plan zur totalen Vernichtung zunächst der europäischen Juden den Beisitzern nicht nur vorzustellen, sondern sich, gegebenfalls auch unter Befleißigung notwendiger Druckmittel, deren Kenntnis und Einverständnis hinsichtlich jener Planung einzuholen. Während die Einsatzgruppen der SS in den eroberten Gebieten im Osten bereits den hundertausendfachen Massenmord praktizieren, sollen die Konzentrationslager in Deutschland und dessen Anrainergebieten, allen voran Auschwitz-Birkenau, mit der Installation hochproduktiver Gaskammern und Verbrennungsöfen dafür sorgen, auch die noch in West-, Süd- und Mitteleuropa beheimateten jüdischen Familien möglichst rasch zu dezimieren. Zudem werden das Deportationssystem („Evakuierung“, wie Heydrich die geplante Verschleppung nennt) und die dazu gehörige Infrastruktur erörtert. Auch darum, ob „Halb-“ oder „Vierteljuden“ möglicherweise ein Überlebensanrecht hätten, geht es in der Sitzung, ebenso um mögliche Ausrottungsalternativen wie Zwangssterilisation. Nach knapp neunzig Minuten ist die Konferenz beendet. Sämtliche Anwesende stimmen Heydrichs und Eichmanns Eröffnungen zu.

Von der Wannseekonferenz, der ersten von insgesamt drei Sitzungen des Jahres 1942, die sich mit der systematischen Judenvernichtung befassten und die jeweils unter dem Siegel „Geheime Reichssache“ abgehalten wurden, blieb lediglich eine einzige Protokollabschrift erhalten und zwar jene, die sich im Besitz des Unterstaatssekretärs Martin Luther befand. Nachdem dieser an einem Putschversuch gegen Ribbentrop beteiligt gewesen war und inhaftiert wurde, lagerte man die in seinem Büro befindlichen Akten aus – darunter versehentlich auch die Protokollkopie, deren Echtheitsgrad Holocaustleugner bis heute nur allzu gern anzweifeln und als Argumentationsgrundlage heranziehen.
Diese die ungeheuerliche Systematik des Genozids ins Spiel bringende Konferenz wurde also im Abstand von 17 Jahren zweimal zum Sujet eines Fernsehfilms gemacht – 1984 von Heinz Schirk im Rahmen eines deutschen Fernsehspiels vom Bayrischen Rundfunk und 2001 als wesentlich stilisierterer und gewiss auch teurerer TV-Film von HBO.
Um es gleich vorwegzunehmen, ist Schirks Version der Ereignisse die etwas gelungenere, was nicht zuletzt auf die naturgemäß authentischere Verwendung von Sprache und Habitus zurückzuführen ist. Schon die Filmgeschichte lehrt uns unmissverständlich, dass die wirklichkeitsgetreuesten Nazis oder zumindest das, was man sich als Spätgeborener landläufig darunter vorstellt, stets von deutschen Darstellern interpretiert wurden und werden. Zudem steht Schirk ein famoses Ensemble zur Seite – neben dem seine Herrenmenschenautorität so bedrohlich wie unübertrieben ausspielenden Mattausch als Heydrich und Böckmann als eher duckmäuserigen Bürokraten Eichmann bietet er die ansonsten eher fröhlich stimmenden Gesichter von Jochen Busse, Robert Atzorn oder Harald Dietl auf, ebenso wie die eher als Synchronsprecher bekannten Friedrich Georg Beckhaus, Reinhard Glemnitz, Franz Rudnick und Hans-Werner Bussinger. Dieses Ensemble eignet sich, wie sich zeigt, bestens um die „Banalität des Bösen“ zu illustrieren. Gesetzte Herren um die 40 bis 50 in brauner Uniform und grauem Zwirn, gut gelaunt und durstig, dabei kriecherische Diktatsfunktionäre und ideologisch pervertiert bis unter die Hutkrempe, sitzen sie beisammen, machen flaue Herrenwitze, lachen und reiben ihre Hierarchiegeweihe aneinander, während sie wie beiläufig den Planmord an Millionen von Menschen organisieren.
Frank Piersons Herangehensweise ist erwartungsgemäß eine andere. In blaugrauen, monochromen Tönen steht „seine“ Wannseevilla in dichtem Schnee und lassen die – natürlich nicht minder qualifizierten – Darsteller, allen voran Tucci und Brannagh, keinen Zweifel daran, dass die von ihnen interpretierten Männer mehr Monster denn Menschen waren, eiskalte, machtbesessene Monster, deren Aufgabe während der Konferenz weniger Präsentation und Überzeugungsarbeit denn bloße Einschüchterung sind: wer nicht mitspielt, wird rasch und sauber abserviert. Daran lässt inbesondere Brannaghs Heydrich, ein Nazi, wie Hollywood ihn sich auszumalen pflegt, geschniegelt und diabolisch bis ins Mark (und damit doch sehr anders als sein weitaus weniger theatralischer Vorgänger Dietrich Mattausch), keinen Zweifel.
Was das Potenzial ihrer erschreckenden Konsequenz anbelangt, nehmen sich beide Filme wenig. Sie beide sind, infolge ihres Topos gewissermaßen ohnehin dazu verpflichtet, immens konzentriert in punkto Raum- und Zeitgestaltung, haben in diesem Zusammenhang etwas von verfilmtem Theater, verzichten auf Konservenmusik und sind doch sehr unterschiedlich gestaltet. Und hätte man bei Piersons Version nicht stetig das sich unwillkürlich hinterrücks anschleichende Gefühl, Zeuge einer Versammlung von Bond-Bösewichten zu sein, könnte man diese sogar fast so schätzen wie die von Schirk. Ihren unbestreitbaren didaktischen Wert haben sie jedenfalls beide.

8/10 // 7/10

SUBURRA

Zitat entfällt.

Suburra ~ I/F 2015
Directed By: Stefano Sollima

Der multimillionenschwere Plan des alternden Mafiachefs Samurai (Claudio Amendola), die unterschiedlichen römischen Clans in ruhiger Gelassenheit zu vereinen und mit deren allseitiger Unterstützung, respektive der korrupter Lokalpolitiker ein gigantisches Spielerparadies bei Ostia zu errichten, erlebt sein großes Scheitern. Allzu viele Ungelegenheiten und hitzköpfige Nachwuchsgangster sorgen stattdessen für ein großes Blutbad, an dessen Ende nichts mehr wartet denn die Hölle selbst.

Vin „Sieben Tage(n) bis zur Apokalypse“ kündet „Suburra“ vom Sohnemann des dritten großen Sergio des italienischen Kinos, Sollima nämlich. Sieben Tage, die der ausufernden Geschichte zudem einen formschönen Rahmen verabreichen, in dem er sich fast zweieinhalb Stunden bequemer Erzählzeit nimmt für die sorgfältige Charakterisierung diverser inhaltlich Beteiligter, was wiederum ein umfassendes Ensemble-Fresko ermöglicht. In jenem finden von dem versauten, drogenkonsumierenden Parlamentarier (Filippo Malgradi), über die angsterfüllte Hure (Giulia Gorietti), den erschütterten Kardinal (Jean-Hugues Anglade), den unschuldig hineingezogenen Schuldnersohn (Elio Germano) und den asozialen, cholerischen Patriarchen einer Zigeunerfamilie (Adamo Dionisi) bis hin zu dem von Drogen und neuem Gangsterchic korrumpierten Mafioso-Erben (Alessandro Borghi) eine Vielzahl von Protagonisten Raum, deren Schicksale durch ein komplex entworfenes Beziehungsgeflecht allesamt miteinander verwoben sind. Allianzen und Konfrontationen, vor allem jedoch das sich bis zum großen, finalen Rundumschlag zuspitzende Spannungsfeld der unterschiedlichen aufeinander prallenden Motivlagen ergibt ein drahtiges Gangsterepos, das seinen klassischen Vorbildern mühelos das Wasser reichen kann. Ganz schön auch, dass Sollima sich mit der dramaturgisch eigentlich naheliegenden, rein moralisch betrachtet jedoch ungerechten Vergabe von Sympathieboni für die eine oder andere Figur zurückhält – irgendwann stellt jede/r der Involvierten im Kampf ums persönliche Überleben oder aus schierer Angst heraus höchst unangenehme Eigenschaften vor. Es wird allerseits gelogen, bestochen, verraten, erpresst, hintergangen, gekidnappt, gefoltert, gemordet, was das Zeug hält. Keine Spur mehr von den altehrwürdigen Ehrenkodexen von Camorra und Cosa Nostra. Heuer regieren nur mehr die Stärke des Kokains und der zuckende Finger am Abzug. Dass Stefano Sollima justament damit beschäftigt ist, „Soldado“, die Fortsetzung zu „Sicario“, fertigzustellen, erscheint angesichts der Qualitäten von „Suburra“ als ebenso folgerichtige wie hocherfreuliche Fügung.

8/10

LIFE

„Don’t open!“

Life ~ USA 2017
Directed By: Daniel Espinosa

Mit großen Erwartungen nimmt die internationale, sechsköpfige Crew der im Erdorbit schwebenden ISS eine vom Mars zurückkehrende Sonde entgegen, die nicht nur Bodenproben, sondern offenbar auch einen von dort stammenden Kleinstorganismus mit sich führt. Das winzige, von via Satellit zugeschalteten Schulkindern „Calvin“ getaufte Wesen entpuppt sich jedoch als wesentlich komplexer denn zunächst vermutet: Rasch wächst die amorphe, entfernt an einen Polypen erinnernde Kreatur heran und attackiert mit blitzartiger Geschwindigkeit die Crew – mit tödlichen Folgen. Schließlich bleibt den beiden letzten Überlebenden Jordan (Jake Gyllenhaal) und North (Rebecca Ferguson) nur die Enntscheidung, wie man Calvin am Effektivsten von der Erde fernhält.

Life on Mars? – But yes! Sich explizit an Ridley Scotts Original orientierende „Alien“-Rip-Offs gab es bis in die Neunziger hinein wie Sand am Meer, dann folgte eine kleinere Welle von Genrefilmen, in denen der Menschheit begegnende Extraterrestrier die Erde in invasorischer Größenordnung attackierten, gefolgt von oftmals vulgärphilosophischem Mystizismus-Quark, der die Außerirdischen als unfassbare, uns Erdbewohnern wahre Evolutionsschübe verabreichende Entitäten porträtierte. Ein possierliches Einzelmonster, das eine überschaubare Raumschiff- oder Raumstationscrew in Spielfilmlänge bis zum unausweichlichen Finalduell dezimiert, gab es indes schon seit Längerem nichtmehr im größer budgetierten Science-Fiction-Film. Der recht prominent besetzte „Life“ greift also ein zuletzt eher vernachlässigtes Genre-Segment auf, das sich seit jeher durch seine große Schnittmenge mit dem Horrorkino auszeichnet: Der künstliche, von der Erde losgelöste Himmelskörper tauscht seine Funktion als von Menschen geschaffenes, futuristisches Wunderwerk mit der des klaustrophobischen Gefängnisses, das für den ultra-anpassungsfähigen, mörderischen Fremdling gleichermaßen zum Jagdrevier avanciert. Calvin, so der durchaus niedliche Name des Marssprösslings, entpuppt sich dabei als wahrer Überlebenskünstler, der sogar den guten, alten Xenomorphen noch etwas vormachen könnte: Mithilfe seiner wirbellosen, wabernden Gestalt flutscht und huscht er in Windeseile durch alle Röhren und Gänge der ISS und hält es sogar längere Zeit im Vakuum des Alls aus, ohne weiteren Schaden zu nehmen. Entsprechend verständlich die Sorge der recht willkürlich zusammengestellten Multikulti-Astronautengruppe um die eigenen Existenzen und schließlich, nach der bitteren Erkenntnis, dass diese sowieso keinen Pfifferling mehr wert sind, um die Erde als Ganzes. Leider baut „Life“ mit zunehmender Erzählzeit etwas ab und fügt sich in die unausweichliche Vorhersehbarkeit: Während die ersten Studien rund um Calvin und vor allem sein erster Angriff, der dem keinesfalls unvorsichtig vorgehendeen Wissenschaftler Derry (Ariyon Bakare) gilt und dessen Hand in Mitleidenschaft zieht, noch vor gekonnten Spannungsschüben strotzen, wird es dann irgendwann beliebig und altbekannt. Dennoch finde ich es grundsätzlich erfreulich, dass im Stellaren spielendes Science-Fiction-Kino heuer doch nicht wie befürchtet zwangsläufig mit geistesblitzendem Krimskrams wie „Interstellar“ oder „Arrival“ assoziiert werden muss, sondern dass blood’n guts auch hier noch ihren Platz haben. Wenngleich ein paar Übungszüge bis zum wahrlich properen Freischwimmer zumindest in diesem Falle gewiss noch Not getan hätten.

7/10

THE INCIDENT

„Where were you, buddy?“

The Incident ~ USA 1967
Directed By: Larry Peerce

Späte Sonntagnacht in New York. Während die meisten Einwohner der Stadt sich schlafend auf die kommende Arbeitswoche einstellen, fährt eine kleine, bunt zusammengewürfelte Gruppe von Bürgern mit der Bahn Richtung Grand Central Station. Normalerweise würde keiner der größenteils missgelaunten Passagiere den anderen auch nur von oben herab ansehen, heute Nacht jedoch verbindet sie alle etwas: Als letzte Fahrgäste steigen nämlich die zwei Schwerdelinquenten Artie (Martin Sheen) und Joe (Tony Musante) zu, die nichts anderes im Sinn haben, als ihre Mitmenschen „fertigzumachen“…

Larry Peerces „The Incident“ ist leider noch immer ein nur recht rar verfügbarer Film, dabei verdankt ihm das in den siebziger Jahren vielfach ausstaffierte Terrorszenario einer von wenigen Kriminellen drangsalierten, an Ort und Stelle festgehaltenen Personen so ziemlich alles. Ich selbst habe ihn einmal in den frühen Neunzigern im Nachtprogramm des ZDF gesehen, erlebte ihn damals zwar bereits als involvierend, aber auch recht karg und befremdlich und habe ihn dann, trotz eigentlich steter Präsenz im cineastischen Hinterkopf, bis dato ad acta gelegt. Umso begeisternder fiel die aktuelle Betrachtung aus.
Berühmte, spätere Titel wie „The Last House On The Left“, „Fight For Your Life“ oder „La Casa Sperduta Nel Parco“ bahnen sich während der Rezeption und danach unweigerlich den notorischen Weg zurück ins Gedächtnis des Zuschauers; Filme, deren dräuende Unbequemlichkeit sich vor allem durch herbe psychologische Attacken auf Protagonisten wie Zuschauer niedersetzt; wirkmächtige Werke, bei denen der Zuschauer wie seine „Leidensgenossen“ auf Leinwand oder Mattscheibe zur Passivität gezwungen ist, die Zähne knirschend aufeinandergepresst, die Fäuste bis zum Zerbersten in der Tasche geballt. Mehr noch als seine Nachfolger zeichnet „The Incident“ allerdings ein vielschichtiges Personenbild, indem er ein nicht weniger als sechzehn Personen umfassendes Charakter-Kaleidoskop feilbietet, von denen alle ohnehin gewaltige existenzielle Probleme mit sich herumschleppen: Das ewige Thema von Familie Wilks (Ed McMahon, Diana Van der Vlis, Kathleen Smith) ist das beklagenswerte, zu wenig Geld in der Hauskasse zu haben, um so freigiebig leben zu können wie andere; die befreundeten Privates Teflinger (Beau Bridges) und Carmatti (Robert Bannard) besuchen die Staaten – mutmaßlich im Zuge eines Fronturlaubs von Vietnam; Arnold Robinson (Brock Peters) ist ein afroamerikanischer Rassist, der am liebsten jeden Weißen  standrechtlich erschießen würde, was seine liberal positionierte Frau Joan (Ruby Dee) zunehmend abstößt; Senior Sam Beckerman (Jack Gilford) jammert seiner geduldigen Gattin Bertha (Thelma Ritter) unentwegt vor, wie verkommen und egozentrisch die junge Generation doch sei; Harry Purvis (Mike Kellin) leidet unter den hasserfüllten Beleidigungen seiner luxussüchtigen Frau (Jan Sterling), die ihm bei jeder sich bietenden Gelegenheit unterbreitet, einen Loser geheiratet zu haben; Douglas McCann (Gary Merrill) steht als arbeitsloser Alkoholiker kurz vor der Obdachlosigkeit; Kenneth Otis (Robert Fields) kommt mit seiner Homosexualität nicht zurecht; Der halbstarke Tony (Victor Arnold) ist stolz darauf, just die hübsche, etwas zugeknöpfte Alice (Donna Mills) erobert zu haben. Und ein volltrunkener Penner (Henry Proach) schläft seinen Rausch aus. Soweit der figurale Aufzug. Einmal in dem ausfluchtslosen Waggon zusammengepfercht sind sie alle den Repressalien und Attacken ihrer beiden, mit einem Stilett bewaffneten, zunehmend entfesselten Peiniger ausgeliefert. Niemand von ihnen bringt die Zivilcourage oder den Mut auf, die Gemeinschaft zur Gegenwehr aufzubringen, allzu groß die Misanthropien, Despektierlichkeiten und wechselseitig grassierenden Ressentiments. Dabei wird jeder zielgerichtet bei seiner jeweiligen, spezifischen Schwäche gepackt. Artie und Joe quetschen sämtliche der Kurzreisenden öffentlich und durch entwertende Beleidigungen gnadenlos aus, um sie entkräftet ihrer Pein zu überlassen. Erst als bei einem der beiden Soldaten sein Kriegstrauma ausbricht, ist es mit der asozialen Herrlichkeit vorbei – eine unnötige Wendung, die lediglich  durch ein wenig Demonstration gemeinschaftlicher Stärke hätte verhindert werden können, deren Mobilisierung jedoch, wie sich am Ende zeigt, ebenso undenkbar gewesen wäre wie eine vernünftige Diskussion mit den beiden ausgewiesenen Unruhestiftern.
„The Incident“ hat nach annähernd vierzig Jahren kein Gran seiner zerreißenden, anklagenden und betroffen machenden Wirkung eingebüßt, er ist und bleibt trotz einem Mindestmaß physischer Gewaltaufwendung ein resignatives, schwarzes Meisterwerk des transgressiven Films. Stilistisch stark beeinflusst vom Cinéma vérité und vom frühen Cassavetes verweist er außerdem genealogisch betrachtet klar Richtung des aufziehenden New Hollywood.

10/10

PAHA MAA

Zitat entfällt.

Paha Maa (Frozen Land) ~ FI 2005
Directed By: Aku Louhimies

Die Schicksale unterschiedlichster Menschen aus Helsinki, denen lediglich gemein ist, dass sie samt und sonders auf die eine oder andere Weise mit Arbeitslosigkeit, Alkohol- oder Drogenmissbrauch und Kriminalität zu tun haben, verknüpfen sich unweigerlich miteinander und fast alle von ihnen verlaufen von dort an Spirale abwärts…

Ein bedrückendes, finsteres Ensemble-und Episodenstück, in dessen Verlauf Regisseur Louhimies und Autor Paavo Westerberg ihrem Publikum Einiges an bösen Lebensverläufen und -Wendungen zumuten. Menschen machen sich schuldig, stürzen in die Verzweiflung, werden depressiv und psychotisch, verlieren Familie oder Hab und Gut, drehen durch, sterben oder landen im Gefängnis und das alles vor der kargen Winterkulisse der finnischen Hauptstadt. Wenig Erbauliches hält „Paha Maa“ bereit und nur zweien seiner Protagonisten gelingt am Ende der Absprung in ein hoffnungsvolleres Dasein, natürlich nicht, ohne zuvor jeweils gewaltige Blessuren an Verstand und Seele erlitten zu haben. Nikos (Jasper Pääkönen) Vater (Pertti Sveholm) verliert seinen Job als Lehrer, wird Trinker und ekelt seinen Sohn aus dem Haus. Der wiederum flüchtet sich in Drogen, prostituiert sich un verrät seinen besten Freund Tuomas (Mikko Leppilampi), als er ihn beim scheiternden Überfall auf eine Sicherheitsfirma sitzen lässt. Tuomas‘ Freundin Elina (Amela Tola) ist derweil von ihm schwanger und glaubt den idealistischen Spinnereien ihres Freundes, der sich für das Ziel seiner Robin-Hood-Aktion ausgerechnt die Firma von Elinas Vater ausgesucht hat. Isto (Mikko Kouki) ist ein nichtsnutziger Tagelöhner, der wegen eines gefälschten 500-Euro-Scheins, den Niko zuvor in Umlauf gebracht hat, Ärger bekommt und durchdreht. Bei einer Sauftour begegnet er dem alternden Vertreter Teuvo (Sulevi Peltola), der, eigentlich trockener Alkoholiker, nach einem gemeinsamen Exzess Amok läuft. Und die Polizistin Hannele (Matleena Kuusniemi) stirbt, als sie versucht, den nach seinem Bruch fliehenden Tuomas festzunehmen, indem sie von einem Zug überrollt wird. Tuomas, der für diesen Unfall nichts kann, muss wegen Totschlags für fast neun Jahre hinter Gitter. Hanneles Mann Antti (Petteri Summanen) zerbricht am Tod seiner Frau und entwickelt immense Aggressionen und einen tödlichen Hass, was ihn die drei Kinder und seinen Job als Lehrer kostet.
Soweit in Kurzform die überdimensionale Kloschüssel, in deren überfülltes Innenleben „Paha Maa“ uns gleich mehrfach hineintunkt und jeweils stark besudelt um Luft schnappen lässt. Beeinflusst zu etwa egalen Teilen von einem gleichnamigen finnischen Volkslied, von Tolstois Kurzgeschichte „Der gefälschte Kupon“ und von Bressons „L’Argent“ gelingt Louhimies natürlich ein trotz aller Schwärze fesselnder Episodenfilm, der sich bei diversen ähnlich stukturierten Vorbildern von Altman bis Iñárritu bedient und seine dennoch okkurierende Originalität weniger seiner Gestaltung, sondern seiner stets evidenten, kompromisslosen Menschlichkeit verdankt, wird doch keine einzige der Figuren trotz ihrer mitunter fragwürdigen Entscheidungen je denunziert oder den Verlockungen der Antipathie feilgeboten. Das ist für sich genommen bereits eine Leistung. Wie es zudem einnimmt, dass ein Film wie dieser einmal nicht in Los Angeles spielt, sondern in Finnland, dort eben, wo winters tatsächlich weniger häufig die Sonne scheint.

8/10

THE WALKING HILLS

„I’d rather like to listen to some chords.“

The Walking Hills (Treibsand) ~ USA 1949
Directed By: John Sturges

In einer kleiner Cantina hinter der mexikanischen Grenze kommt es zu einem zufälligen, seltsamen Zusammentreffen von acht Männern: Einer von ihnen (Jerome Courtland) berichtet von einem aus dem Sand heraus ragenden Wagenrad, das er in der Wüste jenseits des Grenzgebiets gesehen haben will. Für den alten Willy (Edgar Buchanan) ist klar: Dies kann nur einer der Wagen eines vor vielen Jahren verschollen Trecks sein, der einen gewaltigen Goldschatz transportierte. Sofort sind alle Anwesenden Feuer und Flamme und gemeinsam begibt man sich, gefolgt von der schönen Chris (Ella Raines), die gleich mit zweien der Mitreitenden eine spezielle Beziehung verbindet, zu jenen „wandernden Hügeln“, um das Gold ausfindig zu machen. Dabei kommt es bald zu Spanungen innerhalb der Gruppe.

Das Frühwerk von John Sturges bis etwa zur Mitte der fünfziger Jahre hin, als er begann, seine großen Western zu drehen und sich in die vordere Riege der großen Hollywood-Regisseure vorzuarbeiten, ist mit rund zwanzig Filmen gar nicht mal gering besetzt und lohnt die Aufbereitung. Mittendrin auf diesem eher unbesungenen Kerbholzteil des sturges’schen Œuvre findet sich etwa ein matt schimmernder Rohdiamant wie „The Walking Hills“; ein reduzierter, extrem verdichteter Ensemblefilm, der sich als Kammerspiel unter freiem Himmel irgendwo zwischen Hustons „The Treasure Of The Sierra Madre“ und der langsam abebbenden Welle der films noirs einordnen lässt. Keiner der an der Schatzsuche Beteiligten gibt unmittelbar ein klares Bild seiner Person ab und die Beziehungen der neun ProtagonistInnen zu- und untereinander kristallisieren sich erst nach und nach heraus, respektive ergeben neue Geflechte. Mit Randolph Scott verfügte Sturges immerhin über einen Darsteller, der ein gewissermaßen verlässliches Image mitbrachte, doch auch der von ihm gespielte Charakter des Glücksjägers und Pferdenarren Jim Carey bleibt über weite Strecken undurchschaubar. Dann gibt es noch die Geschichte einer privaten Vendetta; ein verdeckter Ermittler (John Ireland) ist unter den Männern, dann gleich drei, die Dreck am Stecken haben und natürlich Ella Raines als ebenso schöne wie selbstbestimmte Dame, die ihrer eigenen Wege geht. Edgar Buchanan mimt in weiter Bedienung eines klassischen Archetypen den knötternden, alten Schürfer, der irgendwo zwischen komischer Senilität und erhabener Weisheit allen überlegen ist und mit Josh White ist sogar ein Afroamerikaner vertreten, der, für die Entstehungsperiode löblich extravagant, kein unterwürfiges comic relief repräsentiert, sondern ein paar erstklassige Blues-Stücke zum Besten gibt. Kein Film wie viele andere also, sondern ein wie beiläufig aus dem Hemdsärmel geschütteltes Minimeisterwerk, das sich nicht nur in punkto Sturges unbedingt zur Revision empfiehlt.

9/10