SUBURRA

Zitat entfällt.

Suburra ~ I/F 2015
Directed By: Stefano Sollima

Der multimillionenschwere Plan des alternden Mafiachefs Samurai (Claudio Amendola), die unterschiedlichen römischen Clans in ruhiger Gelassenheit zu vereinen und mit deren allseitiger Unterstützung, respektive der korrupter Lokalpolitiker ein gigantisches Spielerparadies bei Ostia zu errichten, erlebt sein großes Scheitern. Allzu viele Ungelegenheiten und hitzköpfige Nachwuchsgangster sorgen stattdessen für ein großes Blutbad, an dessen Ende nichts mehr wartet denn die Hölle selbst.

Vin „Sieben Tage(n) bis zur Apokalypse“ kündet „Suburra“ vom Sohnemann des dritten großen Sergio des italienischen Kinos, Sollima nämlich. Sieben Tage, die der ausufernden Geschichte zudem einen formschönen Rahmen verabreichen, in dem er sich fast zweieinhalb Stunden bequemer Erzählzeit nimmt für die sorgfältige Charakterisierung diverser inhaltlich Beteiligter, was wiederum ein umfassendes Ensemble-Fresko ermöglicht. In jenem finden von dem versauten, drogenkonsumierenden Parlamentarier (Filippo Malgradi), über die angsterfüllte Hure (Giulia Gorietti), den erschütterten Kardinal (Jean-Hugues Anglade), den unschuldig hineingezogenen Schuldnersohn (Elio Germano) und den asozialen, cholerischen Patriarchen einer Zigeunerfamilie (Adamo Dionisi) bis hin zu dem von Drogen und neuem Gangsterchic korrumpierten Mafioso-Erben (Alessandro Borghi) eine Vielzahl von Protagonisten Raum, deren Schicksale durch ein komplex entworfenes Beziehungsgeflecht allesamt miteinander verwoben sind. Allianzen und Konfrontationen, vor allem jedoch das sich bis zum großen, finalen Rundumschlag zuspitzende Spannungsfeld der unterschiedlichen aufeinander prallenden Motivlagen ergibt ein drahtiges Gangsterepos, das seinen klassischen Vorbildern mühelos das Wasser reichen kann. Ganz schön auch, dass Sollima sich mit der dramaturgisch eigentlich naheliegenden, rein moralisch betrachtet jedoch ungerechten Vergabe von Sympathieboni für die eine oder andere Figur zurückhält – irgendwann stellt jede/r der Involvierten im Kampf ums persönliche Überleben oder aus schierer Angst heraus höchst unangenehme Eigenschaften vor. Es wird allerseits gelogen, bestochen, verraten, erpresst, hintergangen, gekidnappt, gefoltert, gemordet, was das Zeug hält. Keine Spur mehr von den altehrwürdigen Ehrenkodexen von Camorra und Cosa Nostra. Heuer regieren nur mehr die Stärke des Kokains und der zuckende Finger am Abzug. Dass Stefano Sollima justament damit beschäftigt ist, „Soldado“, die Fortsetzung zu „Sicario“, fertigzustellen, erscheint angesichts der Qualitäten von „Suburra“ als ebenso folgerichtige wie hocherfreuliche Fügung.

8/10

LIFE

„Don’t open!“

Life ~ USA 2017
Directed By: Daniel Espinosa

Mit großen Erwartungen nimmt die internationale, sechsköpfige Crew der im Erdorbit schwebenden ISS eine vom Mars zurückkehrende Sonde entgegen, die nicht nur Bodenproben, sondern offenbar auch einen von dort stammenden Kleinstorganismus mit sich führt. Das winzige, von via Satellit zugeschalteten Schulkindern „Calvin“ getaufte Wesen entpuppt sich jedoch als wesentlich komplexer denn zunächst vermutet: Rasch wächst die amorphe, entfernt an einen Polypen erinnernde Kreatur heran und attackiert mit blitzartiger Geschwindigkeit die Crew – mit tödlichen Folgen. Schließlich bleibt den beiden letzten Überlebenden Jordan (Jake Gyllenhaal) und North (Rebecca Ferguson) nur die Enntscheidung, wie man Calvin am Effektivsten von der Erde fernhält.

Life on Mars? – But yes! Sich explizit an Ridley Scotts Original orientierende „Alien“-Rip-Offs gab es bis in die Neunziger hinein wie Sand am Meer, dann folgte eine kleinere Welle von Genrefilmen, in denen der Menschheit begegnende Extraterrestrier die Erde in invasorischer Größenordnung attackierten, gefolgt von oftmals vulgärphilosophischem Mystizismus-Quark, der die Außerirdischen als unfassbare, uns Erdbewohnern wahre Evolutionsschübe verabreichende Entitäten porträtierte. Ein possierliches Einzelmonster, das eine überschaubare Raumschiff- oder Raumstationscrew in Spielfilmlänge bis zum unausweichlichen Finalduell dezimiert, gab es indes schon seit Längerem nichtmehr im größer budgetierten Science-Fiction-Film. Der recht prominent besetzte „Life“ greift also ein zuletzt eher vernachlässigtes Genre-Segment auf, das sich seit jeher durch seine große Schnittmenge mit dem Horrorkino auszeichnet: Der künstliche, von der Erde losgelöste Himmelskörper tauscht seine Funktion als von Menschen geschaffenes, futuristisches Wunderwerk mit der des klaustrophobischen Gefängnisses, das für den ultra-anpassungsfähigen, mörderischen Fremdling gleichermaßen zum Jagdrevier avanciert. Calvin, so der durchaus niedliche Name des Marssprösslings, entpuppt sich dabei als wahrer Überlebenskünstler, der sogar den guten, alten Xenomorphen noch etwas vormachen könnte: Mithilfe seiner wirbellosen, wabernden Gestalt flutscht und huscht er in Windeseile durch alle Röhren und Gänge der ISS und hält es sogar längere Zeit im Vakuum des Alls aus, ohne weiteren Schaden zu nehmen. Entsprechend verständlich die Sorge der recht willkürlich zusammengestellten Multikulti-Astronautengruppe um die eigenen Existenzen und schließlich, nach der bitteren Erkenntnis, dass diese sowieso keinen Pfifferling mehr wert sind, um die Erde als Ganzes. Leider baut „Life“ mit zunehmender Erzählzeit etwas ab und fügt sich in die unausweichliche Vorhersehbarkeit: Während die ersten Studien rund um Calvin und vor allem sein erster Angriff, der dem keinesfalls unvorsichtig vorgehendeen Wissenschaftler Derry (Ariyon Bakare) gilt und dessen Hand in Mitleidenschaft zieht, noch vor gekonnten Spannungsschüben strotzen, wird es dann irgendwann beliebig und altbekannt. Dennoch finde ich es grundsätzlich erfreulich, dass im Stellaren spielendes Science-Fiction-Kino heuer doch nicht wie befürchtet zwangsläufig mit geistesblitzendem Krimskrams wie „Interstellar“ oder „Arrival“ assoziiert werden muss, sondern dass blood’n guts auch hier noch ihren Platz haben. Wenngleich ein paar Übungszüge bis zum wahrlich properen Freischwimmer zumindest in diesem Falle gewiss noch Not getan hätten.

7/10

THE INCIDENT

„Where were you, buddy?“

The Incident ~ USA 1967
Directed By: Larry Peerce

Späte Sonntagnacht in New York. Während die meisten Einwohner der Stadt sich schlafend auf die kommende Arbeitswoche einstellen, fährt eine kleine, bunt zusammengewürfelte Gruppe von Bürgern mit der Bahn Richtung Grand Central Station. Normalerweise würde keiner der größenteils missgelaunten Passagiere den anderen auch nur von oben herab ansehen, heute Nacht jedoch verbindet sie alle etwas: Als letzte Fahrgäste steigen nämlich die zwei Schwerdelinquenten Artie (Martin Sheen) und Joe (Tony Musante) zu, die nichts anderes im Sinn haben, als ihre Mitmenschen „fertigzumachen“…

Larry Peerces „The Incident“ ist leider noch immer ein nur recht rar verfügbarer Film, dabei verdankt ihm das in den siebziger Jahren vielfach ausstaffierte Terrorszenario einer von wenigen Kriminellen drangsalierten, an Ort und Stelle festgehaltenen Personen so ziemlich alles. Ich selbst habe ihn einmal in den frühen Neunzigern im Nachtprogramm des ZDF gesehen, erlebte ihn damals zwar bereits als involvierend, aber auch recht karg und befremdlich und habe ihn dann, trotz eigentlich steter Präsenz im cineastischen Hinterkopf, bis dato ad acta gelegt. Umso begeisternder fiel die aktuelle Betrachtung aus.
Berühmte, spätere Titel wie „The Last House On The Left“, „Fight For Your Life“ oder „La Casa Sperduta Nel Parco“ bahnen sich während der Rezeption und danach unweigerlich den notorischen Weg zurück ins Gedächtnis des Zuschauers; Filme, deren dräuende Unbequemlichkeit sich vor allem durch herbe psychologische Attacken auf Protagonisten wie Zuschauer niedersetzt; wirkmächtige Werke, bei denen der Zuschauer wie seine „Leidensgenossen“ auf Leinwand oder Mattscheibe zur Passivität gezwungen ist, die Zähne knirschend aufeinandergepresst, die Fäuste bis zum Zerbersten in der Tasche geballt. Mehr noch als seine Nachfolger zeichnet „The Incident“ allerdings ein vielschichtiges Personenbild, indem er ein nicht weniger als sechzehn Personen umfassendes Charakter-Kaleidoskop feilbietet, von denen alle ohnehin gewaltige existenzielle Probleme mit sich herumschleppen: Das ewige Thema von Familie Wilks (Ed McMahon, Diana Van der Vlis, Kathleen Smith) ist das beklagenswerte, zu wenig Geld in der Hauskasse zu haben, um so freigiebig leben zu können wie andere; die befreundeten Privates Teflinger (Beau Bridges) und Carmatti (Robert Bannard) besuchen die Staaten – mutmaßlich im Zuge eines Fronturlaubs von Vietnam; Arnold Robinson (Brock Peters) ist ein afroamerikanischer Rassist, der am liebsten jeden Weißen  standrechtlich erschießen würde, was seine liberal positionierte Frau Joan (Ruby Dee) zunehmend abstößt; Senior Sam Beckerman (Jack Gilford) jammert seiner geduldigen Gattin Bertha (Thelma Ritter) unentwegt vor, wie verkommen und egozentrisch die junge Generation doch sei; Harry Purvis (Mike Kellin) leidet unter den hasserfüllten Beleidigungen seiner luxussüchtigen Frau (Jan Sterling), die ihm bei jeder sich bietenden Gelegenheit unterbreitet, einen Loser geheiratet zu haben; Douglas McCann (Gary Merrill) steht als arbeitsloser Alkoholiker kurz vor der Obdachlosigkeit; Kenneth Otis (Robert Fields) kommt mit seiner Homosexualität nicht zurecht; Der halbstarke Tony (Victor Arnold) ist stolz darauf, just die hübsche, etwas zugeknöpfte Alice (Donna Mills) erobert zu haben. Und ein volltrunkener Penner (Henry Proach) schläft seinen Rausch aus. Soweit der figurale Aufzug. Einmal in dem ausfluchtslosen Waggon zusammengepfercht sind sie alle den Repressalien und Attacken ihrer beiden, mit einem Stilett bewaffneten, zunehmend entfesselten Peiniger ausgeliefert. Niemand von ihnen bringt die Zivilcourage oder den Mut auf, die Gemeinschaft zur Gegenwehr aufzubringen, allzu groß die Misanthropien, Despektierlichkeiten und wechselseitig grassierenden Ressentiments. Dabei wird jeder zielgerichtet bei seiner jeweiligen, spezifischen Schwäche gepackt. Artie und Joe quetschen sämtliche der Kurzreisenden öffentlich und durch entwertende Beleidigungen gnadenlos aus, um sie entkräftet ihrer Pein zu überlassen. Erst als bei einem der beiden Soldaten sein Kriegstrauma ausbricht, ist es mit der asozialen Herrlichkeit vorbei – eine unnötige Wendung, die lediglich  durch ein wenig Demonstration gemeinschaftlicher Stärke hätte verhindert werden können, deren Mobilisierung jedoch, wie sich am Ende zeigt, ebenso undenkbar gewesen wäre wie eine vernünftige Diskussion mit den beiden ausgewiesenen Unruhestiftern.
„The Incident“ hat nach annähernd vierzig Jahren kein Gran seiner zerreißenden, anklagenden und betroffen machenden Wirkung eingebüßt, er ist und bleibt trotz einem Mindestmaß physischer Gewaltaufwendung ein resignatives, schwarzes Meisterwerk des transgressiven Films. Stilistisch stark beeinflusst vom Cinéma vérité und vom frühen Cassavetes verweist er außerdem genealogisch betrachtet klar Richtung des aufziehenden New Hollywood.

10/10

PAHA MAA

Zitat entfällt.

Paha Maa (Frozen Land) ~ FI 2005
Directed By: Aku Louhimies

Die Schicksale unterschiedlichster Menschen aus Helsinki, denen lediglich gemein ist, dass sie samt und sonders auf die eine oder andere Weise mit Arbeitslosigkeit, Alkohol- oder Drogenmissbrauch und Kriminalität zu tun haben, verknüpfen sich unweigerlich miteinander und fast alle von ihnen verlaufen von dort an Spirale abwärts…

Ein bedrückendes, finsteres Ensemble-und Episodenstück, in dessen Verlauf Regisseur Louhimies und Autor Paavo Westerberg ihrem Publikum Einiges an bösen Lebensverläufen und -Wendungen zumuten. Menschen machen sich schuldig, stürzen in die Verzweiflung, werden depressiv und psychotisch, verlieren Familie oder Hab und Gut, drehen durch, sterben oder landen im Gefängnis und das alles vor der kargen Winterkulisse der finnischen Hauptstadt. Wenig Erbauliches hält „Paha Maa“ bereit und nur zweien seiner Protagonisten gelingt am Ende der Absprung in ein hoffnungsvolleres Dasein, natürlich nicht, ohne zuvor jeweils gewaltige Blessuren an Verstand und Seele erlitten zu haben. Nikos (Jasper Pääkönen) Vater (Pertti Sveholm) verliert seinen Job als Lehrer, wird Trinker und ekelt seinen Sohn aus dem Haus. Der wiederum flüchtet sich in Drogen, prostituiert sich un verrät seinen besten Freund Tuomas (Mikko Leppilampi), als er ihn beim scheiternden Überfall auf eine Sicherheitsfirma sitzen lässt. Tuomas‘ Freundin Elina (Amela Tola) ist derweil von ihm schwanger und glaubt den idealistischen Spinnereien ihres Freundes, der sich für das Ziel seiner Robin-Hood-Aktion ausgerechnt die Firma von Elinas Vater ausgesucht hat. Isto (Mikko Kouki) ist ein nichtsnutziger Tagelöhner, der wegen eines gefälschten 500-Euro-Scheins, den Niko zuvor in Umlauf gebracht hat, Ärger bekommt und durchdreht. Bei einer Sauftour begegnet er dem alternden Vertreter Teuvo (Sulevi Peltola), der, eigentlich trockener Alkoholiker, nach einem gemeinsamen Exzess Amok läuft. Und die Polizistin Hannele (Matleena Kuusniemi) stirbt, als sie versucht, den nach seinem Bruch fliehenden Tuomas festzunehmen, indem sie von einem Zug überrollt wird. Tuomas, der für diesen Unfall nichts kann, muss wegen Totschlags für fast neun Jahre hinter Gitter. Hanneles Mann Antti (Petteri Summanen) zerbricht am Tod seiner Frau und entwickelt immense Aggressionen und einen tödlichen Hass, was ihn die drei Kinder und seinen Job als Lehrer kostet.
Soweit in Kurzform die überdimensionale Kloschüssel, in deren überfülltes Innenleben „Paha Maa“ uns gleich mehrfach hineintunkt und jeweils stark besudelt um Luft schnappen lässt. Beeinflusst zu etwa egalen Teilen von einem gleichnamigen finnischen Volkslied, von Tolstois Kurzgeschichte „Der gefälschte Kupon“ und von Bressons „L’Argent“ gelingt Louhimies natürlich ein trotz aller Schwärze fesselnder Episodenfilm, der sich bei diversen ähnlich stukturierten Vorbildern von Altman bis Iñárritu bedient und seine dennoch okkurierende Originalität weniger seiner Gestaltung, sondern seiner stets evidenten, kompromisslosen Menschlichkeit verdankt, wird doch keine einzige der Figuren trotz ihrer mitunter fragwürdigen Entscheidungen je denunziert oder den Verlockungen der Antipathie feilgeboten. Das ist für sich genommen bereits eine Leistung. Wie es zudem einnimmt, dass ein Film wie dieser einmal nicht in Los Angeles spielt, sondern in Finnland, dort eben, wo winters tatsächlich weniger häufig die Sonne scheint.

8/10

THE WALKING HILLS

„I’d rather like to listen to some chords.“

The Walking Hills (Treibsand) ~ USA 1949
Directed By: John Sturges

In einer kleiner Cantina hinter der mexikanischen Grenze kommt es zu einem zufälligen, seltsamen Zusammentreffen von acht Männern: Einer von ihnen (Jerome Courtland) berichtet von einem aus dem Sand heraus ragenden Wagenrad, das er in der Wüste jenseits des Grenzgebiets gesehen haben will. Für den alten Willy (Edgar Buchanan) ist klar: Dies kann nur einer der Wagen eines vor vielen Jahren verschollen Trecks sein, der einen gewaltigen Goldschatz transportierte. Sofort sind alle Anwesenden Feuer und Flamme und gemeinsam begibt man sich, gefolgt von der schönen Chris (Ella Raines), die gleich mit zweien der Mitreitenden eine spezielle Beziehung verbindet, zu jenen „wandernden Hügeln“, um das Gold ausfindig zu machen. Dabei kommt es bald zu Spanungen innerhalb der Gruppe.

Das Frühwerk von John Sturges bis etwa zur Mitte der fünfziger Jahre hin, als er begann, seine großen Western zu drehen und sich in die vordere Riege der großen Hollywood-Regisseure vorzuarbeiten, ist mit rund zwanzig Filmen gar nicht mal gering besetzt und lohnt die Aufbereitung. Mittendrin auf diesem eher unbesungenen Kerbholzteil des sturges’schen Œuvre findet sich etwa ein matt schimmernder Rohdiamant wie „The Walking Hills“; ein reduzierter, extrem verdichteter Ensemblefilm, der sich als Kammerspiel unter freiem Himmel irgendwo zwischen Hustons „The Treasure Of The Sierra Madre“ und der langsam abebbenden Welle der films noirs einordnen lässt. Keiner der an der Schatzsuche Beteiligten gibt unmittelbar ein klares Bild seiner Person ab und die Beziehungen der neun ProtagonistInnen zu- und untereinander kristallisieren sich erst nach und nach heraus, respektive ergeben neue Geflechte. Mit Randolph Scott verfügte Sturges immerhin über einen Darsteller, der ein gewissermaßen verlässliches Image mitbrachte, doch auch der von ihm gespielte Charakter des Glücksjägers und Pferdenarren Jim Carey bleibt über weite Strecken undurchschaubar. Dann gibt es noch die Geschichte einer privaten Vendetta; ein verdeckter Ermittler (John Ireland) ist unter den Männern, dann gleich drei, die Dreck am Stecken haben und natürlich Ella Raines als ebenso schöne wie selbstbestimmte Dame, die ihrer eigenen Wege geht. Edgar Buchanan mimt in weiter Bedienung eines klassischen Archetypen den knötternden, alten Schürfer, der irgendwo zwischen komischer Senilität und erhabener Weisheit allen überlegen ist und mit Josh White ist sogar ein Afroamerikaner vertreten, der, für die Entstehungsperiode löblich extravagant, kein unterwürfiges comic relief repräsentiert, sondern ein paar erstklassige Blues-Stücke zum Besten gibt. Kein Film wie viele andere also, sondern ein wie beiläufig aus dem Hemdsärmel geschütteltes Minimeisterwerk, das sich nicht nur in punkto Sturges unbedingt zur Revision empfiehlt.

9/10

THE MEN’S CLUB

„You just open the door, and you’re out.“

The Men’s Club ~ USA 1986
Directed By: Peter Medak

Der ehemalige Baseball-Star Cavanaugh (Roy Scheider) befindet sich in dem, was man als regelrechte midlife crisis bezeichnen mag – er kann keiner Frau widerstehen, betrügt seine Gattin (Helen Shaver) unentwegt, zertrümmert damit sukzessive seine Ehe und ist doch kreuzunglücklich. Seine Idee: Einen „Männerclub“ ins Leben zu rufen, der sich regelmäßig treffen und garantiert ohne weibliche Einmischungen rein maskuline Themen diskutieren soll. Bereits das erste, siebenköpfige Meeting bei Cavanaughs Freund, dem Analytiker Kramer (Richard Jordan), endet im Exzess. Am nächsten Morgen, einen ausgiebigen Puffbesuch inbegriffen, sind immerhin die meisten der Teilnehmer um ein paar Antworten reicher.

Die Adaption von Leonard Michaels‘ Roman, der auch das Script zum Film verfasste, zeigt ein ziemlich armseliges Bild des wohlsituierten Mannes Mitte 40 in den Achtzigern. Das erste Mitglied des „Men’s Club“ ist bereits an einem Herzinfarkt verstorben, bevor überhaupt dessen Premiere stattfinden kann; die übrigen bewegen sich in einem Rahmen aus unterdrückter oder obsessiver Libido, programmatisch-ausweglosen Existenzen und Selbstverleugnung. Hier eine kaputte Familie, dort eine Scheidung; hüben ein höhepunktsentleertes Spießerleben, drüben die Unfähigkeit, eine erfüllte Beziehung zu leben. Im Men’s Club ist alles vertreten.
Was aufgrund des Sujets in den Siebzigern noch recht exklusives Cassavetes-Terrain darstellte oder möglicherweise auch ganz gut bei Altman aufgehoben gewesen wäre und man sich einige Jahre später ganz gut bei Ferrara vorstellen könnte, gerät Mitte der Achtiger unter der Inszenierung Peter Medaks ein klein wenig ratlos. Drogen sind, mit Ausnahme von ein, zwei ins Bild gerückten Joints, kein Thema im Film, und doch scheint ihr (heimlicher) Konsum allgegenwärtig in diesem Jahrzehnt des Kokains und der kalifornischen Überspanntheiten. Die dysfunktionalen Selbsttherapie-Versuche des Septetts münden jedenfalls allesamt in kleine Kataströphchen, die ein „klarer“ Kopf wohl als hoffnungslos grotesk und absurd einordnen würde: Zunächst plündert man – unter Anleitung des Hausherrn – Kramers sorgsam für den folgenden Damentreff seiner Frau bestückten Kühlschrank mit allerlei Leckereien, dann zerlegt man im Zuge von Messerwurfübungen und unter kollektivem Wolfsgeheul nach und nach die Einrichtung des Hauses. Eine auf Kramers grinsendem Kopf landende Bratpfanne bereitet seinem persönlichen Herrenabend ein verfrühtes Ende, derweil die anderen zu einem Exklusivbordell weiterziehen, wo am nächsten Morgen eine bizarre Hochzeit nebst anschließenden Flitterwochen eingeläutet wird. Immerhin machen sich drei der Kerle noch auf den (fußläufigen und somit wohl ernüchternden) Heimweg zu Frauen und Kindern. Es muss ja doch weitergehen, irgendwie.
Mir gefällt „The Men’s Club“ recht gut, wenngleich er auch nie die spezifischen Finessen eines der oben erwähnten Filmemacher aufweist, dafür zerfasert er dann hier und da doch etwas zu sehr. Dennoch trägt ihn sein erwartungsgemäß vorzügliches Ensemble; die räumliche und zeitliche Beschränkung verleiht Medaks Film eine im positiven Wortsinne theatralische Konzentriertheit. Unter den vielen, vielen kleinen und großen Klassikern der 1980er lohnt es sich jedenfalls immer mal wieder, hier und da etwas emsiger zu stöbern, um auch sperrigere, weniger zugängliche Sachen wie „The Men’s Club“ aus dem Trüben zu fischen und neu zu entdecken.

7/10

ISLAND IN THE SUN

„So – this is the end, huh?“ – „Yes, it is.“

Island In The Sun (Heiße Erde) ~ USA 1957
Directed By: Robert Rossen

Auf der Karibikinsel Santa Marta entwickeln sicht zeitgleich mehrere Dramen und Romanzen: Maxwell Fleury (James Mason), wohlhabender Erbe der der ertragreichen Zuckerrohrplantagen seiner Familie, hegt eine pathologische, tiefe Eifersucht gegen den retirierten britischen Colonel Carson (Michael Rennie), den er einer Affäre mit seiner Frau Sylvia (Patricia Owens) verdächtigt; Maxwells Schwester Jocelyn (Joan Collins) wird von Gouverneurssohn Euan (Stephen Boyd) umschwärmt und David Boyeur (Harry Belafonte), große politische Hoffnung der schwarzen Mehrheitsbevölerung unter den Insulanern, verliebt sich in die reiche, weiße Witwe Mavis Norman (Joan Fontaine). Der junge Autor Denis Archer (John Justin) macht wiederum Boyeurs Ex-Freundin Margot (Dorothy Dandridge) den Hof. Als der Journalist Bradshaw (Hartley Power) einen Artikel veröffentlichjt, aus dem hervorgeht, dass in der Ahnengalerie der arrivierten Fleurys ein Seitensprung mit einem Nachkommen der afrikanischen Sklaven für „Unreinheiten“ in der Blutlinie der Dynastie sorgen, kommt es zum Eklat, den der labile Maxwell nicht ohne Weiteres verwindet…

Feinste Hollywood-Kolportage, wie sie insbesondere die Fox den Leinwänden um diese Zeit mannigfach verehrte und für die vornehmlich Hausregisseure wie Mark Robson,  Henry King oder Nunnally Johnson als Profis für die edle Verarbeitung dramatischer Romanstoffe verantwortlich zeichneten. Zumeist ging es in diesen Filmen um die neurotischen Sorgenkinder des ordinären Mittelklasseamerikaners, des im Kino gegenwärtigen Hauptpublikums also. Seien es Standesdünkel, Rassismus, Fremdgeherei, ungehörige Beziehungen, verdrängte Familientraumata, Kriegsneurosen, oder manchmal alles zusammen: zu bewältigen gab es stets eine Menge. Die Damen im Parkett bekamen ihre Schmachtfetzen, die Academy sichere Anwärter für die jährliche Preisverleihung und die Filmgeschichte im Regelfalle wunderbare Qualitätsarbeiten, deren formale Tadellosigkeit belegt, mit welch routinierter Professionalität man damals zu Werke ging.
„Island In The Sun“, eine Adaption des gleichnamigen Romans des Briten Alec Waugh, entspricht genau diesem Schema: Indem der Film mehrere Geschichten parallel erzählt, die primär um die zentrale Familie Fleury kreisen (natürlich schwerreiche, feine Leute, die entgegen ihrem untadeligen Ruf mit allerlei internen Schwierigkeiten zu kämpfen haben), kann er gleichfalls auf mehreren Gebieten Spannung erzeugen. James Mason, tatsächlich nur dreizehn Jahre jünger als sein Filmvater Basil Sydney, ist zwar deutlich zu alt für die ihm anvertraute Rolle, angesichts seiner von Gram zerfressen, schmerzerfüllten Mimik, die jede Sekunde Seelenpein greifbar macht, dürfte es dennoch kaum einen passenderen Kandidaten gegeben haben. Dadurch, dass er unfreiwillig zum Mörder wird, gibt es noch einen hübsche Kriminalsubplot mit dem altehrwürdigen John Williams als schlauem Ermittler. Harry Belafonte, der ganz nebenbei zwei Calypso-Ohrwürmer (darunter das bekannte Titelstück) zum Besten gibt, repräsentiert das neue, schwarze Selbstbewusstsein in Person des „educated young black man“, den die weißen Kolonialherren ganz zu Recht fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Etliche Generationen der Ausbeutung, der unterdrückten Wut und des Autonomiestrebens lauern in ihm, der insofern im Grunde gar nicht anders kann, als am Ende selbst zum Rassisten zu werden (er verstößt seine weiße Geliebte), um seine ihm auferlegte Agenda weiterhin glaubhaft verfolgen zu können. Man möchte mutmaßen, dass, wäre der Film nicht in der Karibik sondern in einer US-Kleinstadt angesiedelt, eine Menge Zeitgenossen ihm weitaus weniger wohlgesonnen gewesen wären.

8/10