JUGGERNAUT

„Specks in the universe, Captain. Launch your lifeboats.“

Juggernaut (18 Stunden bis zur Ewigkeit) ~ UK 1974
Directed By: Richard Lester

Ein gewiefter Erpresser unbekannter Identität platziert sieben Bomben an Bord des englischen Kreuzfahrtschiffs „SS Britannic“, bevor dieses sich auf eine Atlantiküberquerung begibt. Um seiner Forderung von einer halben Million Pfund Gewicht zu verleihen, zündet der sich selbst „Juggernaut“ nennende Bombenleger aus der Ferne ein paar kleinere Sprengladungen an Bord. Zudem hat er die explosive Fracht mit allerlei Finten und Irreführern gespickt, so dass selbst der eilends zum Schiff geflogene, überaus erfahrene und ehrgeizige Entschärfungsexperte Anthony Fallon (Richard Harris) und seine Crew ihre liebe Not mit Juggernauts Bomben haben.

Einen ebenso spannenden wie klugen Katastrophenfilm zutiefst britischer Prägung setzte Richard Lester der sich auftürmenden Welle der weitaus großkotzigeren US-Pendants entgegen. Wie man es gewohnterweise von ihm kennt, ironisierte Lester zugleich das just florierende Genre und schuf dennoch einen waschechten, exzellent inszenierten Gattungsbeitrag mit allen bekannten Attributen. Ein gewisses Novum im Vergleich zu den vornehmlich von Irwin Allen produzierten und/oder inszenierten Hollywood-Filmen bildete die Tatsache, dass diesmal nicht die Unberechenbarkeit der Natur oder menschliches Versagen als Ursache für die drohende Unbill herzuhalten hatten, sondern ein einzelner, älterer, frustrierter Täter, der sich gegen Ende als ein mit seiner kargen Rente unzufriedener, pensionierter Kollege und Mentor (Freddie Jones) Fallons herausstellt. Auch dieser Faktor, die gewissermaßene Reduktion des Unvorstellbaren auf ein höchst irdisches und reales Element, stellte eine gewisse, für Lester gewiss unabdingbare Erdung des ansonsten ein ums andere Mal ans Phantastische grenzenden Sujets dar. Die Ausweitung auf mehrere figurale Handlungsträger, darunter Fallon und sein Team, den Kapitän (Omar Sharif) der Britannic und seine frustrierte Geliebte (Shirley Knight) oder den an Land ermittelnden Superintendent (Anthony Hopkins), dessen Frau (Caroline Mortimer) und Kinder (Adam Bridge, Rebecca Bridge) sich auf dem Schiff befinden, sind wiederum typisch für das regelmäßig über stolze Ensembles verfügende Katastrophenkino dieser Zeit, ebenso wie einen in einer bestimmten Beziehung nahezu übermenschlichen Helden (im Fallons Falle sind das seine Intelligenz und sein unschlagbares Entschärfungsgeschick), dessen offene Rechnung mit dem potenziellen Massenmörder sich schließlich noch eine höchst persönliche Note ergänzt findet.
„Juggernaut“ hat jedenfalls alles, was ein Film seiner Provenienz braucht – und vielleicht sogar noch ein klein wenig mehr davon.

8/10

Advertisements

LE DÉCLIN DE L’EMPIRE AMÉRICAIN

Zitat entfällt.

Le Déclin De L’Empire Américain (Der Untergang des amerikanischen Imperiums) ~ CAN 1986
Directed By: Denys Arcand

Eine Gruppe eng befreundeter und benachbarter Akademiker aus der Gegend um Montreal trifft sich zum Abendessen und anschließenden Zusammensein bei Pierre (Pierre Curzi), dem einzigen bereits geschiedenen Mitglied der Clique. Während die Frauen den Nachmittag über trainieren, bereiten die Männer das Essen vor. Beide Geschlechtergruppen widmen sich vor allem sexuell orientierten Anekdoten und Diskursen, die für die unbedarfteren Teilnehmer bereits die eine oder andere Überraschung parat halten. Als man sich schließlich trifft und im zunehmenden Verlauf des Abends gemeinsam dem Alkohol frönt, kommen zu späterer Stunde bislang unausgesprochene Wahrheiten zur Sprache, die eine künftige, intensive Reflektion des gesamten Beziehungsgeflechts unabdingbar macht.

Denys Arcands „Le Déclin De L’Empire Américain“ verhandelt die ganze Crux des überdurchschnittlich situierten, akademischen Bourgeois der achtziger Jahre zugleich so umfassend und pointiert, wie außer ihm wahrscheinlich kein anderer Film seines Jahrzehnts. Entsprechend symbolträchtig bis repräsentativ gestaltete das Script die Charakterisierung der einzelnen Figuren, die durchweg jeweils eine spezifische sexuelle und philosophische Facette ihres eigentlich recht eng gefassten Sozialstandes verkörpern: Der hoffnungslos promiske Rémy (Rémy Girard) liebt seine Frau Louise (Dorothée Berryman) zwar, betrügt sie jedoch bei jeder sich bietenden Gelegenheit und empfindet diese Tatsache wie selbstverständlich als ein zwar unschönes, aber doch völlig probates, maskulines Vorrecht. Pierre (Pierre Curzi), kaum minder sexuell aktiv, hat sich indes bereits vor einiger Zeit von seiner Frau getrennt und ist jetzt mit der wesentlich jüngeren Studentin und vormaligen Teilzeitprostituierten Danielle (Geneviève Rioux) zusammen. Der ebenfalls stets auf der Suche nach schnellen Abenteuern befindliche, homosexuelle Claude (Yves Jacques) leidet an einem üblen Harnwegsinfekt, was er aus Scham jedoch weitgehend für sich behält. Dominique (Dominique Michel) lebt allein, pflegt ein sehr abgründiges Weltbild und hat ein Buch über das hoffnungslose Streben nach Glück und den gesellschaftlichen Werteverfall geschrieben. Louise hat keine Ahnung von den Eskapaden ihres Gatten und wähnt ihre Existenz naiverweise in absoluter Balance. Diane (Louise Portal) hat kürzlich ihren Hang zu sexueller Devotion entdeckt und praktiziert entsprechende Rollenspiele mit dem ihr intellektuell völlig unterlegenen, wiederum deutlich jüngeren Mario (Gabriel Arcand).
Als die offenkundig stark frustrierte Domninique vor versammelter Runde preisgibt, dass sie bereits mit Pierre und Rémy geschlafen hat, fährt blitzgleich ein Keil in die zuvor so traute, durchaus auch arrogante, sich selbstschützend in thetischem Sprech ergehende Gruppe. Vor allem für Louise, die sich schlagartig bewusst wird, dass sie ihren Mann eigentlich gar nicht wirklich kennt und zwanzig Ehejahre lang einer frommen Lüge aufgesessen ist, bricht die Welt zusammen.
Mit der dramaturgischen Zuspitzung des Treffens der zuvor separierten und gegeneinander montierten Geschlechter und ihrer Diskussionen beginnt Arcands Komödie sich sowohl ortsbezogen als auch atmosphärisch extrem zu verdichten – und ernst zu werden. Bereits das Auftauchen des vulgären Mario, einem völligen Fremdkörper unter den in Historismus, Literatur, Philosophie, Anthropologie und Kunstgeschichte bewanderten, weintrinkenden Lehrenden, evoziert selbst beim Zuschauer Fremdscham. Das originale Pilsener Bier, das Pierre ihm in einem schicken Gläschen kredenzt, lässt ihn kalt, ebenso wie die ihn vorsätzlich aussparenden Gespräche der Übrigen. Rülpsend und unter den kalten bis hilflosen Reaktionen von Dianes Freunden verlässt er das Haus. Es ist das Zeitalter des Kalten Krieges und von AIDS, von Reagan, geschlechtlicher Identitätssuche und Hoffnungslosigkeit. Der ewige Hang nach Sex als letzter, außerordentlicher Reizklimax und noch mehr der Hang danach, ihn immer wieder und unweigerlich zur permanenten, primären, gemeinsamen Gesprächsbasis zu küren, rührt daher, dass nichts anderes wirklich Liebenswertes mehr geblieben ist. Seinen rührendsten, ergreifendsten Moment und zugleich jenen, mit dem ich mich selbst am Meisten identifizieren konnte, erreicht der Film  als Pierre den Anderen versichert, dass sie seine Familie seien. Die einzigen Menschen, die ihn wirklich verstehen können. Auf diese aufrichtige Liebeserklärung, die ich meinen engsten Freunden jederzeit ebenso machen würde, folgen jedoch bloß betretenes Schweigen und Unsicherheit. Tatsächlich gibt es dieses gemeinsame Fundament aufrichtiger, bedingungsloser Freundschaft längst nicht mehr. Koitale Querverbindungen, wechselseitiger Betrug und ganz unterschiedlich gelagerte Prioritäten, seien es die Familie nebst Kindern, die individuellen Wertkonzepte oder auch ganz allgemein der höchst fragile Zustand von Mikro- und Makrokosmos, haben es brüchig gemacht. Möge mir eine ähnliche Erkenntnis erspart bleiben.

9/10

THE SOUND AND THE FURY

„I just happen to be an eccentric.“

The Sound And The Fury (Fluch des Südens) ~ USA 1959
Directed By: Martin Ritt

Es ist schon eine höchst seltsame Konstellation, die da gemeinsam auf dem alten, maroden Compson-Anwesen in Jefferson, Mississippi, haust. Da wäre zunächst die junge, quirlige, aber selbstbewusste Quentin (Joanne Woodward), die ohne Eltern auskommen muss, mehr oder weniger sich selbst überlassen ist, gern die Schule schwänzt und durch die Gegend tingelt. Ihre beiden Onkel Howard (John Beal), ein Vollalkoholiker vor dem Herrn, sowie der geistig schwerstbehinderte Ben (Jack Warden) leben ebenfalls im Haus, dazu noch deren Stiefbruder Jason (Yul Brynner), wenngleich quasi Angestellter im eigenen Geschäft der Einzige, der etwas Geld nach Haus bringt und sich als eine Art „Notpatriarch“ wähnt, dessen ewig keifende Mutter (Françoise Rosay), und schließlich die farbige Haushälterin und gute Seele Dilsey (Ethel Walters) nebst ihren zwei Enkeln T.P. (Bill Gunn) und Luster (Steven Perry), der wiederum allein auf weiter Flur sich mit dem armen Ben versteht. Als Quentins ehedem durchgebrannte Mutter Caddy (Margaret Leighton) wieder aufkreuzt und das Mädchen mit einem Kirmesburschen (Stuart Whitman) durchbrennen will, spitzt sich die ohnehin permanent angespannte Lage nochmals dramatisch zu.

„The Sound And The Fury“ ist ein Film, mit dem niemand, der in seinen Kreativprozess involviert war, sich im Nachhinein als rundum zufrieden erwies. Basierend auf William Faulkners gleichnamigem Roman, jener immerhin ein Stück amerikanische Vorzeigeliteratur des vergangenen Jahrhunderts, wurde der Film von Martin Ritt für die Fox inszeniert. Die Geschichte wurde stark komplexitätsreduziert sowie um einige tragende Figuren erleichtert und in die erzählzeitliche Gegenwart verlegt. Aus der von Yul Brynner gespielten Hauptfigur Jason, eigentlich leiblicher Sohn des verstorbenen Familienoberhaupts, wurde aus offensichtlichen Gründen ein Stiefonkel für Quentin, was deren latente Romanze natürlich weitaus weniger kontrovers erscheinen lässt. Der für das Script wiederum hinzugedichtete Säufer Howard repräsentiert gewissermaßen den herausgestrichenen Vater Jason Sr.. Martin Ritt meinte im Nachhinein, er sei „nicht der  Richtige für Faulkners Sprache“, Joanne Woodward, die mehrfach bei Ritt spielte, fragte sich, warum der Regisseur diesen Film überhaupt angegangen sei und auch viele Kritikersprachen sich vehement gegen ihn aus. In der Tat gibt es einige akute Unebenheiten; die episodische Erzählweise mag sich mit dem Drehbuch nicht recht arrangieren, einige Handlungselemente wirken unfertig, angerissen und nicht auserzählt, Yul Brynner macht seine Sache zwar gut, wirkt aber nicht verletzlich genug für seinen Part. Dennoch hat mir „The Sound And The Fury“ mehr als gut gefallen. Das mag damit zusammenhängen, dass ich grundsätzlich sowieso ein Faible für epische Southern Gothic im Kino habe und ein Film innerhalb diesen cineastisch ohnehin prinzipiell dankbaren Sektors schon verdammt viel vor die Wand fahren muss, um mich zu verlieren. Da sind aber auch Charles G. Clarkes phantastische Bilder der zerfallenden, mitunter auf den Kopf gedrehten Südstaatenkultur und Alex Norths wunderbare Musik. Elemente, die unweigerlich bei der Stange halten und Ritts Werk eigentlich für jeden begeisterten Chronisten dieser filmischen Subgattung letzten Endes zumindest teilweise zu einem Gewinn machen sollten.

8/10

DUNKIRK

„Seeing home doesn’t help us get there.“

Dunkirk ~ UK/USA/NL/F 2017
Directed By: Christopher Nolan

Dünkirchen, Ende Mai 1940. Rund 370.000 britische und französische Soldaten sitzen in der französischen Hafenstadt fest, hoffnungslos eingekesselt von der deutschen Wehrmacht. Als einziger Fluchtweg bleibt nurmehr der Weg über den Ärmelkanal, der hier die englische Küste über rund vierzig Luftkilometer vom europäischen Festland trennt. Während die Männer am Strand ausharren und um ihr Leben bangen, initiiert die britische Kommandatur ihre Evakuierung, die „Operation Dynamo“. Dabei soll vor allem die Zivilbevölkerung behilflich sein, die die Soldaten mit allen möglichen Wasserfahrzeugen an die Küste von Dover überzusetzen angehalten ist. Während der junge Gefreite Tommy (Fionn Whitehead) sich durch die Wirren am Strand von Dünkirchen schlägt und dabei gleich mehrere Fluchtfehlversuche erlebt, setzt der Zivilist Dawson (Mark Rylance) gemeinsam mit seinem Sohn Peter (Tom Glynn-Carney) und dessen Freund George (Barry Keoghan) mit einer kleinen Yacht über. Unterwegs nehmen sie einen havarierten, schwer traumatisierten Soldaten (Cillian Murphy) an Bord, der gar nicht mit der Fahrtrichtung einverstanden ist. Der RAF-Pilot Farrier (Tom Hardy) unterstützt derweil mit seiner Spitfire die Evakuierungsoperation aus der Luft heraus.

Die Schlacht um Dünkirchen und die anschließende Massenevakuierung, die sich auf wundersame Weise deutlich erfolgreicher gestaltete als zunächst abzusehen war, kommentierte Winston Churchill in seiner berühmten Kampfesrede „We shall fight on the beaches“ vom 4. Juni 1940 mit den Worten „Wars are not won by evacuations„, was den faktisch erzwungenen Rückzug der Briten in einem eher zweifelhaften Licht dastehen ließ. Dabei wäre den Männern als Alternative nur der Tod geblieben – bis heute sind sich Kriegshistoriker uneins darüber, warum Hitler nicht den Befehl zum Losschlagen seiner geschlossen aufgebotenen Panzer gegeben hat, gegen die die feindlichen Armeen keine Chance gehabt hätten. Dünkirchen hat dem Zweiten Weltkrieg insofern einen seiner entscheidenden Wendepunkte versetzt, indem es die Kampfesmoral vor allem der Briten trotz des militärstrategisch als Fehlschlag zu betrachtenden Ausganges der Schlacht gewissermaßen revitalisierte.
Christopher Nolan, most beloved darling der allermeisten selbsternannten Cineasten mit Überhangsliebe zum Gegenwartskino, machte daraus das Thema seines jüngsten Films, des mittlerweile zehnten von ihm geschriebenen und inszenierten, und schon jetzt ist der Beifall seiner umfangreichen Fangemeinde wieder inkommensurabel. Nüchtern betrachtet zeigt „Dunkirk“ allerdings primär aufs Neue die grenzenlose Affektiertheit und Selbstverliebtheit seines Vordenkers. Selbstverständlich ist Nolan ein beachtenswerter Regisseur, daran besteht wohl kein Zweifel. Andererseits scheint es mir, als wolle er gleichfalls diffuse Erwartungshaltungen erfüllen, von denen er die meisten wahrscheinlich selbst an sich richtet. Warum sollte er auch sonst mit zig verschiedenen Kameras und Formaten arbeiten und seinem Film je nach Art der Vorführung eine spezielle Betrachtungs-Exklusivität verleihen? IMAX, 70mm, Röhrenkiste, ja was denn nun? Hans Zimmer wird plötzlich hochgejubelt, weil er noch was Anderes kann als flötige Ethnoklänge und instrumentalen Hurrapatriotismus – sowas schafft derzeit außer Quentin Tarantino, dem man ja ebenfalls unentwegt alles abkauft, was er liefert, wohl nur Christopher Nolan. Ein fragwürdiges Phänomen, wie ich finde. Und natürlich wäre eine strunzgewöhnliche, straighte Narration gleichfalls viel zu gewöhnlich gewesen. Nein, drei Geschichten, drei Chronologien, drei Perspektiven müssen es sein, mehr oder weniger sinnstiftend gegeneinandermontiert, auf jeden Fall aber ungewöhnlich und extrapoliert. Demnächst dann vielleicht komplett auf links gedreht? Ach nee, das hatten wir ja schonmal. Nolan ist gewiss nicht der erste, der danach trachtet, aus Krieg Kunst zu machen, aber bei ihm wirkt das dann doch deutlich gefälliger und anbiedernder als üblich. Wenn es darum geht, aufrichtig Intimität und Empathie beim Zuschauer zu erzeugen, versagt Hundenschnauze Christopher jedoch. Man schaut seinem Film in etwa so zu, wie das Kleinkind der laterna magica, kurzfristig affiziert aber ohne besonderen Nachhall.
Am Ende überwiegen bei „Dunkirk“ aller Kritik zum Trotze die positiven Aspekte. Der gesamte Aufzug des Films präsentiert sich gewaltig, laut und höchst perfektionistisch. Er sieht phantastisch aus und klingt auch so, ein paar britische Erster-Klasse-Akteure (darunter zwei Nolan-Standards) gibt’s quasi gratis obendrauf. Er bemüht mancherlei Erzählfaktoren des klassischen Kriegsfilms, was man ihm gut und gern als gelungene Hommage auslegen darf. Nur ein veritables Meisterwerk – das ist er eben nicht.

7/10

DIE WANNSEEKONFERENZ / CONSPIRACY

„Wo gehobelt wird, fallen Späne.“ / „Politics is a nasty game.“

Die Wannseekonferenz ~ BRD 1984
Directed By: Heinz Schirk
Conspiracy (Die Wannseekonferenz) ~ UK/USA 2001
Directed By: Frank Pierson

Entgegen meiner üblichen Gewohnheiten der Filmtagebuchpflege gibt es hier ausnahmsweise einmal eine Gegenüberstellung, da eine solche sich nicht nur des identischen historischen Sujets der beiden betrachteten Filme, sondern auch ihrer evidenten Gemeinsamkeiten und Differenzen wegen mehr als anbietet.

Am winterlichen Vormittag des 20. Januar 1942 empfängt SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich (Dietrich Mattausch/Kenneth Brannagh), von Reichsmarschall Hermann Göring bereits ein halbes Jahr zuvor mit dem Anliegen der „Endlösung der Judenfrage“ betraut, fünfzehn hochrangige Sekretäre und Beamte aus dem Dunstkreis von Regierung, Polizei und Militär zu einer streng geheimen Konferenz in einer Villa am Berliner Wannsee. Heydrich trifft vor Ort als Letzter ein und schreitet zur Darreichung von Häppchen und Alkoholika unmittelbar zur Tagesordnung, sein derzeitiges Hauptaufgabengebiet betreffend. Es soll darum gehen, den von dem ebenfalls anwesenden Obersturmbannführer Adolf Eichmann (Georg Bröckmann/Stanley Tucci) minutiös ausgearbeiteten Plan zur totalen Vernichtung zunächst der europäischen Juden den Beisitzern nicht nur vorzustellen, sondern sich, gegebenfalls auch unter Befleißigung notwendiger Druckmittel, deren Kenntnis und Einverständnis hinsichtlich jener Planung einzuholen. Während die Einsatzgruppen der SS in den eroberten Gebieten im Osten bereits den hundertausendfachen Massenmord praktizieren, sollen die Konzentrationslager in Deutschland und dessen Anrainergebieten, allen voran Auschwitz-Birkenau, mit der Installation hochproduktiver Gaskammern und Verbrennungsöfen dafür sorgen, auch die noch in West-, Süd- und Mitteleuropa beheimateten jüdischen Familien möglichst rasch zu dezimieren. Zudem werden das Deportationssystem („Evakuierung“, wie Heydrich die geplante Verschleppung nennt) und die dazu gehörige Infrastruktur erörtert. Auch darum, ob „Halb-“ oder „Vierteljuden“ möglicherweise ein Überlebensanrecht hätten, geht es in der Sitzung, ebenso um mögliche Ausrottungsalternativen wie Zwangssterilisation. Nach knapp neunzig Minuten ist die Konferenz beendet. Sämtliche Anwesende stimmen Heydrichs und Eichmanns Eröffnungen zu.

Von der Wannseekonferenz, der ersten von insgesamt drei Sitzungen des Jahres 1942, die sich mit der systematischen Judenvernichtung befassten und die jeweils unter dem Siegel „Geheime Reichssache“ abgehalten wurden, blieb lediglich eine einzige Protokollabschrift erhalten und zwar jene, die sich im Besitz des Unterstaatssekretärs Martin Luther befand. Nachdem dieser an einem Putschversuch gegen Ribbentrop beteiligt gewesen war und inhaftiert wurde, lagerte man die in seinem Büro befindlichen Akten aus – darunter versehentlich auch die Protokollkopie, deren Echtheitsgrad Holocaustleugner bis heute nur allzu gern anzweifeln und als Argumentationsgrundlage heranziehen.
Diese die ungeheuerliche Systematik des Genozids ins Spiel bringende Konferenz wurde also im Abstand von 17 Jahren zweimal zum Sujet eines Fernsehfilms gemacht – 1984 von Heinz Schirk im Rahmen eines deutschen Fernsehspiels vom Bayrischen Rundfunk und 2001 als wesentlich stilisierterer und gewiss auch teurerer TV-Film von HBO.
Um es gleich vorwegzunehmen, ist Schirks Version der Ereignisse die etwas gelungenere, was nicht zuletzt auf die naturgemäß authentischere Verwendung von Sprache und Habitus zurückzuführen ist. Schon die Filmgeschichte lehrt uns unmissverständlich, dass die wirklichkeitsgetreuesten Nazis oder zumindest das, was man sich als Spätgeborener landläufig darunter vorstellt, stets von deutschen Darstellern interpretiert wurden und werden. Zudem steht Schirk ein famoses Ensemble zur Seite – neben dem seine Herrenmenschenautorität so bedrohlich wie unübertrieben ausspielenden Mattausch als Heydrich und Böckmann als eher duckmäuserigen Bürokraten Eichmann bietet er die ansonsten eher fröhlich stimmenden Gesichter von Jochen Busse, Robert Atzorn oder Harald Dietl auf, ebenso wie die eher als Synchronsprecher bekannten Friedrich Georg Beckhaus, Reinhard Glemnitz, Franz Rudnick und Hans-Werner Bussinger. Dieses Ensemble eignet sich, wie sich zeigt, bestens um die „Banalität des Bösen“ zu illustrieren. Gesetzte Herren um die 40 bis 50 in brauner Uniform und grauem Zwirn, gut gelaunt und durstig, dabei kriecherische Diktatsfunktionäre und ideologisch pervertiert bis unter die Hutkrempe, sitzen sie beisammen, machen flaue Herrenwitze, lachen und reiben ihre Hierarchiegeweihe aneinander, während sie wie beiläufig den Planmord an Millionen von Menschen organisieren.
Frank Piersons Herangehensweise ist erwartungsgemäß eine andere. In blaugrauen, monochromen Tönen steht „seine“ Wannseevilla in dichtem Schnee und lassen die – natürlich nicht minder qualifizierten – Darsteller, allen voran Tucci und Brannagh, keinen Zweifel daran, dass die von ihnen interpretierten Männer mehr Monster denn Menschen waren, eiskalte, machtbesessene Monster, deren Aufgabe während der Konferenz weniger Präsentation und Überzeugungsarbeit denn bloße Einschüchterung sind: wer nicht mitspielt, wird rasch und sauber abserviert. Daran lässt inbesondere Brannaghs Heydrich, ein Nazi, wie Hollywood ihn sich auszumalen pflegt, geschniegelt und diabolisch bis ins Mark (und damit doch sehr anders als sein weitaus weniger theatralischer Vorgänger Dietrich Mattausch), keinen Zweifel.
Was das Potenzial ihrer erschreckenden Konsequenz anbelangt, nehmen sich beide Filme wenig. Sie beide sind, infolge ihres Topos, gewissermaßen ohnehin dazu verpflichtet, immens konzentriert aufzutreten in punkto Raum- und Zeitgestaltung, haben in diesem Zusammenhang etwas von verfilmtem Theater, verzichten auf Konservenmusik und sind doch sehr unterschiedlich gestaltet. Und hätte man bei Piersons Version nicht stetig das sich unwillkürlich hinterrücks anschleichende Gefühl, Zeuge einer Versammlung von Bond-Bösewichten zu sein, könnte man diese sogar fast so schätzen wie die von Schirk. Ihren unbestreitbaren didaktischen Wert haben sie jedenfalls beide.

8/10 // 7/10

SUBURRA

Zitat entfällt.

Suburra ~ I/F 2015
Directed By: Stefano Sollima

Der multimillionenschwere Plan des alternden Mafiachefs Samurai (Claudio Amendola), die unterschiedlichen römischen Clans in ruhiger Gelassenheit zu vereinen und mit deren allseitiger Unterstützung, respektive der korrupter Lokalpolitiker ein gigantisches Spielerparadies bei Ostia zu errichten, erlebt sein großes Scheitern. Allzu viele Ungelegenheiten und hitzköpfige Nachwuchsgangster sorgen stattdessen für ein großes Blutbad, an dessen Ende nichts mehr wartet denn die Hölle selbst.

Vin „Sieben Tage(n) bis zur Apokalypse“ kündet „Suburra“ vom Sohnemann des dritten großen Sergio des italienischen Kinos, Sollima nämlich. Sieben Tage, die der ausufernden Geschichte zudem einen formschönen Rahmen verabreichen, in dem er sich fast zweieinhalb Stunden bequemer Erzählzeit nimmt für die sorgfältige Charakterisierung diverser inhaltlich Beteiligter, was wiederum ein umfassendes Ensemble-Fresko ermöglicht. In jenem finden von dem versauten, drogenkonsumierenden Parlamentarier (Filippo Malgradi), über die angsterfüllte Hure (Giulia Gorietti), den erschütterten Kardinal (Jean-Hugues Anglade), den unschuldig hineingezogenen Schuldnersohn (Elio Germano) und den asozialen, cholerischen Patriarchen einer Zigeunerfamilie (Adamo Dionisi) bis hin zu dem von Drogen und neuem Gangsterchic korrumpierten Mafioso-Erben (Alessandro Borghi) eine Vielzahl von Protagonisten Raum, deren Schicksale durch ein komplex entworfenes Beziehungsgeflecht allesamt miteinander verwoben sind. Allianzen und Konfrontationen, vor allem jedoch das sich bis zum großen, finalen Rundumschlag zuspitzende Spannungsfeld der unterschiedlichen aufeinander prallenden Motivlagen ergibt ein drahtiges Gangsterepos, das seinen klassischen Vorbildern mühelos das Wasser reichen kann. Ganz schön auch, dass Sollima sich mit der dramaturgisch eigentlich naheliegenden, rein moralisch betrachtet jedoch ungerechten Vergabe von Sympathieboni für die eine oder andere Figur zurückhält – irgendwann stellt jede/r der Involvierten im Kampf ums persönliche Überleben oder aus schierer Angst heraus höchst unangenehme Eigenschaften vor. Es wird allerseits gelogen, bestochen, verraten, erpresst, hintergangen, gekidnappt, gefoltert, gemordet, was das Zeug hält. Keine Spur mehr von den altehrwürdigen Ehrenkodexen von Camorra und Cosa Nostra. Heuer regieren nur mehr die Stärke des Kokains und der zuckende Finger am Abzug. Dass Stefano Sollima justament damit beschäftigt ist, „Soldado“, die Fortsetzung zu „Sicario“, fertigzustellen, erscheint angesichts der Qualitäten von „Suburra“ als ebenso folgerichtige wie hocherfreuliche Fügung.

8/10

LIFE

„Don’t open!“

Life ~ USA 2017
Directed By: Daniel Espinosa

Mit großen Erwartungen nimmt die internationale, sechsköpfige Crew der im Erdorbit schwebenden ISS eine vom Mars zurückkehrende Sonde entgegen, die nicht nur Bodenproben, sondern offenbar auch einen von dort stammenden Kleinstorganismus mit sich führt. Das winzige, von via Satellit zugeschalteten Schulkindern „Calvin“ getaufte Wesen entpuppt sich jedoch als wesentlich komplexer denn zunächst vermutet: Rasch wächst die amorphe, entfernt an einen Polypen erinnernde Kreatur heran und attackiert mit blitzartiger Geschwindigkeit die Crew – mit tödlichen Folgen. Schließlich bleibt den beiden letzten Überlebenden Jordan (Jake Gyllenhaal) und North (Rebecca Ferguson) nur die Entscheidung darüber, wie man Calvin am Effektivsten von der Erde fernhält.

Life on Mars? – But yes! Sich explizit an Ridley Scotts Original orientierende „Alien“-Rip-Offs gab es bis in die Neunziger hinein wie Sand am Meer, dann folgte eine kleinere Welle von Genrefilmen, in denen der Menschheit begegnende Extraterrestrier die Erde in invasorischer Größenordnung attackierten, gefolgt von oftmals vulgärphilosophischem Mystizismus-Quark, der die Außerirdischen als unfassbare, uns Erdbewohnern wahre Evolutionsschübe verabreichende Entitäten porträtierte. Ein possierliches Einzelmonster, das eine überschaubare Raumschiff- oder Raumstationscrew in Spielfilmlänge bis zum unausweichlichen Finalduell dezimiert, gab es indes schon seit Längerem nichtmehr im größer budgetierten Science-Fiction-Film. Der recht prominent besetzte „Life“ greift also ein zuletzt eher vernachlässigtes Genre-Segment auf, das sich seit jeher durch seine große Schnittmenge mit dem Horrorkino auszeichnet: Der künstliche, von der Erde losgelöste Himmelskörper tauscht seine Funktion als von Menschen geschaffenes, futuristisches Wunderwerk mit der des klaustrophobischen Gefängnisses, das für den ultra-anpassungsfähigen, mörderischen Fremdling gleichermaßen zum Jagdrevier avanciert. Calvin, so der durchaus niedliche Name des Marssprösslings, entpuppt sich dabei als wahrer Überlebenskünstler, der sogar den guten, alten Xenomorphen noch etwas vormachen könnte: Mithilfe seiner wirbellosen, wabernden Gestalt flutscht und huscht er in Windeseile durch alle Röhren und Gänge der ISS und hält es sogar längere Zeit im Vakuum des Alls aus, ohne weiteren Schaden zu nehmen. Entsprechend verständlich die Sorge der recht willkürlich zusammengestellten Multikulti-Astronautengruppe um die eigenen Existenzen und schließlich, nach der bitteren Erkenntnis, dass diese sowieso keinen Pfifferling mehr wert sind, um die Erde als Ganzes. Leider baut „Life“ mit zunehmender Erzählzeit etwas ab und fügt sich in die unausweichliche Vorhersehbarkeit: Während die ersten Studien rund um Calvin und vor allem sein erster Angriff, der dem keinesfalls unvorsichtig vorgehendeen Wissenschaftler Derry (Ariyon Bakare) gilt und dessen Hand in Mitleidenschaft zieht, noch vor gekonnten Spannungsschüben strotzen, wird es dann irgendwann beliebig und altbekannt. Dennoch finde ich es grundsätzlich erfreulich, dass im Stellaren spielendes Science-Fiction-Kino heuer doch nicht wie befürchtet zwangsläufig mit geistesblitzendem Krimskrams wie „Interstellar“ oder „Arrival“ assoziiert werden muss, sondern dass blood’n guts auch hier noch ihren Platz haben. Wenngleich ein paar Übungszüge bis zum wahrlich properen Freischwimmer zumindest in diesem Falle gewiss noch Not getan hätten.

7/10